Die Kinder des Lucifer Fünfter Aufzug

Der Tempel des unbekannten Gottes

Dieselbe Ausstattung wie im ersten Bilde des zweiten Aktes, Gewitternacht. Der Sturm braust zwischen den Säulen des Portikus. Der Donner rollt, als ob er die Grundfeste der Berge erschüttern wolle. Die schwarze und die weiße Sphinx, kauernd am Abgrund vor dem unzugänglichen Heiligtum, tauchen auf und verschwinden in der Finsternis, mit ihren weit ausgestreckten Flügeln, beim Scheine schnell aufeinander folgender Blitze.

1. Auftritt

HERAKLIDOS [der mit großen Schritten aus seinem Zufluchtsort getreten ist und sich über das Tal beugt]:
Noch niemand da?
Ich weiß jedoch, er wird dem Rufe folgen. (Blitze)
Es wird ihn treiben seine Seele,
In dieser schwarzen Sturrnesnacht, (Donner)
Die finstre Schlucht herauf zum steilen Gipfel.
Doch keine Menschenstimme ist zu hören. (Stürme)
Es rollen wilde Donner
Und Stürme brausen um die Berge. (Blitze/Donner)
Die Elemente toben sinnlos,
Als ob entthront die Weltgesetze wären.
So tobt in Menschenstädten
Der Sturm der Leidenschaften,
4enn nicht ein Weiser oder Held
In dunkle Triebe und Begierden
Das Licht der Wahrheit fallen lässt.
O Phosphoros, dein Erdenwert wird fallen.
[Das Gewitter scheint sich zu entfernen, die Blitze dauern noch fort]
Du aber sollst den Tod besiegen.
Verkünder einer neuen Welt und Helden
Erleuchten, sterbend, Menschenseelen
Als Wahrheitszeugen ihres Glaubens.
Und lässt das Reich der Sinnenwelt
Dich ohne Waffenschutz, und Freundesherz,
Im Unsichtbaren musst du aufrecht szehn.
Wenn Schwäche lebte in deiner Seele
In dieser Schicksalsstunde,
Sie brächte Tod der frohen Hoffnung,
Die keimen soll den Menschen
Aus deinem Leben, deinem Sterben.
Doch scheint es mir nicht möglich,
Dass jene Seele könnte Schwinde] fassen
Auf meines Geistes Felsenhöhe,
Der sorgend Kraft ich selber sandte
Und welcher meines Denkens Strahlen
Den Lebenspfad beschienen.
Ist nicht die Wissenschaft der Ewigkeit (Blitze)
In meine Seele eingezeichnet,
Und schau ich nicht der Dinge Wesenheiten?
Wozu wäre alles dieses in der Welt,
Erzeugte nicht es Menschenhelden,
Die Sieger werden über Tod und Leben.
Ich lebte auf der Erde Höhen,
In Einsamkeit ein langes Leben,
Zu sehen in der rechten Stunde
Den Helden, der die Leuchte Lucifers
In Menschenherzen strahlen lässt.
Wie aber wird das Los dir fallen,
Mein Sohn, mein Phosphoros!
Befohlen hat des Himmels Stimme,
Zu stellen zwei der Kelche auf den Altar.
«Kommunion der höchsten Liebe],
So nannte meines Geistes Stimme
Das Werk, das vollbracht soll werden.
Wer soll die Kelche füllen?
Und wer aus ihnen trinken?
Ich weiß es nicht, doch ich gehorche.
[Er stellt zwei goldene Kelche, die er in der Hand hält, auf den Altar des Hintergrundes zwischen den zwei Sphinxen.]
Und dies auch sprach der Geist:
«Die Unterdrücker der Seelenfreiheit
Bedrohen Licht und Wahrheit.
Es werden aber Lucifers Kinder
Durch eines Opfers helle Flamme
Die Welt erretten vor der Finsternis.»
Es sind mir dunkel diese Worte,
Doch weiß ich, dass im Schoße dieser Nacht
Ein furchtbar Großes sich zum Dasein drängt.
Ich will in Ruhe die Geburt erwarten. (Sturm)
[Neue Donnerschläge.]
Es stürmen wilder die Elemente
Als wollten sie die Heldensaat zermalmen.
Ihr Geister in dem Reich der Lüfte
Beschützt den Sohn des Tempels!
Du Blitz der Sinnenwelt, verschone ihn,
Der Blitz soll sein der Geisteswelt.
[Er beugt sich über das Tal.]
Doch jetzt erscheint die Fackel!
Du bist am Ziel, mein Phosphoros. — (Sturm)

2. Auftritt

Phosphoros, Heraklidos.

Phosphoros tritt ein mit einer angezündeten Fackel. Heraklidos schließt ihn in seine Arme und führt ihn zur Mitte des Portikus.

HERAKLIDOS:
Mein Sohn, mein Held,
Ich grüße dich in meiner Einsamkeit.
Du siehst, der Tempel der Wahrheit steht aufrecht.
Er trotzt den Stürmen und den Blitzen!

PHOSPHOROS [lässt seine Fackel fallen und setzt sich er schöpft an den Fuß einer Säule]:
Die Rettung kann mir nur von dir noch werden. (Donner)
[Das Gewitter wird ruhiger]

HERAKLIDOS:
Um dich zu retten, hab ich dich gerufen.
An diesem Orte schmiedet man die Schilde,
Die jedem Stoß des Schicksals widerstehen.

PHOSPHOROS:
Die Zeichen künden Unheil!
Ich bin von allen verlassen, (Donner)
Von meiner eignen Stadt und von den anderen Die uns verbündet waren.
Gefallen ist Androkles im Kampf
Verraten hat mich Phrygius.
Mein Volk ist durch den Bischof aufgewiegelt.
Verbannt soll ich von Dionysia werden,
Von ihr, der ich die Seele geben wollte.
Verstehst du das, Heraklidos? —

HERAKLIDOS:
Sie denken an des Tages Leben nur
Du aber blicktest in die Ewigkeit,
Zum Letztgeborenen aus dem Götterstamme.
Es liegt ein Abgrund zwischen euch.

PHOSPHOROS:
Was soll aus diesem Gotte werden,
Wird ihm entrissen die Stadt,
Die Tempel ihm seit alten Zeiten war?
Der Mensch hat Grenzen seines Könnens,
Gegeben ist ihm nicht die Macht
Zu trotzen grenzenloser Schicksalshärte.
Ich folgte deinem Ruf und kam.
Kleonis blieb in Damis' Schutz.
Gib meine Stadt mir wieder,
Wenn ich nicht zweifeln soll an deiner Kraft,
Und deines Gottes Wahrheitssinn.

HERAKLIDOS:
Im Innern deines eignen Wesens
Erlebe Gottes Licht und Dasein
Und schöpfe Kraft aus diesem Geistesquell,
Nur so vermagst du, Held zu werden.
Bezeugen darf ich bei dem höchsten Gotte,
Es hat zu dir dein wahrer Geist gesprochen.

PHOSPHOROS:
Und doch bin ich besiegt?

HERAKLIDOS:
Nur eine Niederlage gibt es,
Den Zweifel an sich selbst!

PHOSPHOROS:
Und sterben darf mein Werk?

HERAKLIDOS:
Das Werk, auf dessen Trümmern stirbt ein I leid,
Erliegt allein der wesenlosen Zeitgewalt.
Des Himmels Wunderkraft verschafft ihm
Die Auferstehung für die Ewigkeit.
Versprochen habe ich dir nicht Reichtum,
Nicht langes Leben oder Königsmacht.
Dem Geiste dienen kann ich nur.
Es lebt in tiefsten Geistesgründen
Die Liebe deiner Heldenfrau.
Du hast dem Boden deiner Vaterstadt
Den neuen Gott entwachsen lassen:
Es sind dies Werke hoher Geisteskraft.
Du hättest ohne dieses Tempels Feuertaufe
Und ohne deines Geistes Offenbarung
Sie nicht erleben und vollbringen können.

PHOSPHOROS:
Der Geist meines Wesens und der Stern ...
O könnte ich sie wiedersehn!

HERAKLIDOS:
Du kannst es, doch bedenke dies:
Es hat der Himmel wie die Erde
Gesetze, die befolgt sein müssen.
Erscheinen kann dem Menschen dreimal nur
Der Geist, der über seinem Wesen waltet.
Zum ersten Mal, wenn er als Eingeweihter
Betritt die Schwelle jenes ernsten Wächters,
Der Himmelskräfte vor Entweihung schützt.
Zum zweiten Mal, wenn Sieger wird ein Held.
Die dritte Offenbarung wird nur jenen
Die sterbend schreiten zur Unsterblichkeit.
Du hast schon zweimal deinen Stern gesehen>
Besinne dich, ob du ihn jetzt
Zum dritten Male rufen willst!

PHOSPHOROS:
Ich will es, was auch kommen mag.
Es ist besser, ihn schauen und dann sterben,
Als leben und an seinem Dasein zweifeln. —
Ich will die Lösung meines Lebensrätsels!

HERAKLIDOS [wirft Weihrauch auf die Flamme des Altars]:
Du Geist der Ursprungswelten,
Der in den Tiefen webt!
Du Fürst der Seelen,
Die gegen Allgewalt sich wehren,
Auf dass im Lichte Leben strahle,
Dich, I.ucifer, rufe ich,
Erleuchte dieses Helden Herz
Erscheine, Lucifer, — erscheine!

[Luzifer erscheint über der Spalte zwischen den zwei Sphinxen, auf einem Globus sitzend wie im zweiten Akt. Dieselben mächtigen Akkorde verkünden sein Kommen, aber sie sind gedämpft und wie verschleiert. Ein rotes Leuchten geht ihm voran, aber kein unterirdischer Donner begletiet ihn, Statt seine Fackel zum Himmel zu heben, hält er 7nit hängender Hand sie zur Erde geneigt. Sein sinnendes Antlitz ist auf die Brust gesenkt.]

LUCIFER:
Du hast mich vor der Zeit gerufen
Und gegen meinen Willen!
Was willst du, Phosphoros?—

PHOSPHOROS:
Ich fand im Chaos meines Lebens
Die Kraft, mich selbst zu lenken,
Durch deines Blitzes Strahl!
Ich folgte deinen Zeichen.
Du formst dir Kämpfer aus Erdenstaub.
In Erdenseelen weckt' ich Himmelskräfte.
Des Schicksal Kreise wollt' ich lenken.
Doch seine Rache lastet schwer auf mir.
Das Volk, dem ich entsprossen,
Und dem ich neue Blüte geben wollte,
Will andern Göttern dienen,
Und mich in die Verbannung stoßen.
Ich rufe dich, mein Urbild, an,
Du sollst mir wiedergeben meine Waffen
Und ändern meines Volkes stumpfen Sinn.

LUCIFER:
Erschöpft ist, was du von mir fordern kannst,
Du bist geschritten durch den Kampf zum Sieg.
Du musst der Helden Schicksal tragen,
Ihr großes Wollen fordert Sühne.

PHOSPHOROS:
Verlassen willst du mich?

LUCIFER:
Nur du kannst treulos werden,
Nicht ich!

PHOSPHQRQS:
Doch untergehen wird das Werk,
Das mir und dir gehört?

LUCIFER:
Es ist geschrieben in der Welten Urschrift,
Dass kommen muss die Zeit,
In welcher aus den Menschenseelen
Mein Geist vertrieben wird.
Erschienen ist das Reich,
Das nichts von meinem Lichte wissen will.
Ich muss dem andern Gottesworte
Die Gegenwart als Anteil geben!
Zu dienen meinen ihm die Menschen
Durch Furcht vor Gottes Übermacht
Und Opferung des eignen Wesens.
Doch in der Zukunft ist auf Erden
Mein Platz an seiner Seite,
Und herrschen werden wir zugleich,
Der Gott, der Mensch geworden
Und der Geist der Tiefe,
Der weisen muss den Weg zu Gott.

PHOSPHOROS:
So kannst du mir nichts anderes geben?
Was soll mit mir geschehn?

LUCIFER:
Du bist ein Funke meines Feuers.
Verlöschen wird der Funke,
Wenn du dich selbst verlierst.
Als Flamme kann er leben,
Wenn du aus deinem Willen
Den Gott in dir erweckst.

PHOSPHOROS:
Was soll ich tun, das Leben zu erringen?

LUCIFER:
Zu mir erhebe deinen Blick!
Ich hin das Geisteswesen,
Das beim Beginn des Erdenwerdens
In tiefste Tiefen stürzen musste;
Ich tauchte immer wieder aus dem Abgrund.
Mich treffen schwerste Flüche,
Mich quälen Geißeln, martern Foltern,
Vernichten kann mich nichts.
Und wenn die Zeit erfüllt wird sein,
Dann werde ich aus höchsten Höhen leuchten.
«Luzifer hat seine Fackel erhoben und versinkt langsam in
der Tiefe.]

PHOSPHOROS:
Geh' nicht hinweg!
Ein Wort, ein einzig Wort nur noch.

LUCIFER [aus der Tiefe]
Beharre — — —

PHOSPEOROS:
Dahin ist er.
Er ging und sprach kein Wort der Hoffnung.

HERAKLIDOS:
Es will der Stern nun sprechen,
Ihn auch sollst du hören.

[Der funkelnde Stern erscheint aus dem Hintergrund, wie im zweiten Akt, und bleibt über dem Abgrund stehen, beim Tone einer sanften Musik.]

PHOSPHOROS:
Es strömet die Seligkeit der Himmel
Aus seines Lichtes Strahlen.
Wie wirkt er sanft auf meiner Seele Sehnsucht.

DIE STIMME DES STERNES:
O Phosphoros, o Phosphoros!
Vertrau dem Stern der Liebe.
Er strahlt wie eine Sonne
Am Himmel deiner Seele.
Er zündet Lebensfeuer
In Todesfinsternis.

PHOSPHOROS:
Und wird der Liebe Sonne strahlen bis zuletzt?

DER STERN;
Solang du glauben kannst,
Wird ihre Liebe leuchten.

PHOSPHOROS:
Kann ich sie wiedersehn in dieser Welt?

DIE STIMME:
Behüte deine Hoffnung!

PHOSPHOROS:
Und in der andern?

DIE STIMME:
Bewahre deinen Glauben!

PHOSPHOROS:
Wo finde ich der Wahrheit höchste Höhe?

DIE STIMME:
Wo Christi Kreuz besänftiget
Des Sternes flammend Licht,
Da lebt. der Wahrheit Feuerkraft.

[Der Stern verschwindet.]

PHOSPHOROS:
Verschwunden ist er.
In Zweifeln lässt er mich zurück.
Heraklidos, kann er nicht wiederkommen?

HERAKLIDOS:
In dieser Welt wirst du ihn nicht mehr sehn,
Und seine Stimme nicht mehr hören.
Doch andre Stimmen hör ich jetzt.
Ein Bote kommt, der eine Fackel trägt.

3. Auftritt

Dieselben, ein Diener des Phosphoros

DER DIENER [atmet keuchend]
Ich folgte dir, o Herr, durch Nacht und Sturm,
Zu künden dir, was in der Stadt geschehn.
Geh nicht zurück nach Dionysia.
Dein Leben wird von deinem Volk bedroht.

PHOSPHQROS:
Was geht denn vor?

DIENER:
Du warst kaum weggegangen,
Da sprach das Volk das Todesurteil aus.
Zertrümmert ist das Bildnis Lucifers,
In wildem Kampf zerstört dein Haus.
Der treue Damis hat es halten wollen,
Er fiel, bedeckt mit Wunden. —

PHOSPHOROS:
O Damis, Damis, meine Jugendblüte,
Du Hoffnung meiner Seele, Wie hast du dich gerächt an meinem Zweifel.
Des Wahrheitszeugen Palme ist dir,
Nicht mir geworden. —
Doch vor allem sage mir:
Wo ist Kleonis?

DER DIENER:
Sie ist verschwunden!
[Von diesem Augenblicke an verstärkt sich wieder das Gewitter]

PHOSPHOROS:
Was sagst du, Unglücksbote?

DER DIENER:
Es hat sie niemand mehr gesehn,
Seit Haus und Freund gefallen waren.
Sie sei geflohen in die Kirche,
So sagte man von einer Seite;
Und andere glauben, sie sei bei ihrer Schwester,
Auch dass sie tot sei, sagten einige.

PHOSPHOROS [ihn an der Kehle packend]:
Du lügst!

DER DIENER:
Habt Mitleid mit mir, o Herr.
Ich kann euch doch nichts anderes sagen,
Als was ich da und dort gehört.
Ich dachte nur an deine Rettung.

PHOSPHOROS:
Was hilft mir deine Botschaft,
Du hättest ohne sie nicht kommen sollen.
[Der Diener entfernt sich]
Es möge mich das Schicksal
Berauben aller Erdengüter,
Doch lassen müsst' es mir
Mein Himmelsgut, Kleonis!

HERAKLIDOS:
Wer sagt denn, dass sie dir geraubt?

PHOSPHOROS:
Sie wäre hier, wenn sie noch lebte!
Es braust der Sturm, (Sturm)
Es rollt der Donner,
Natur und Menschen sind vereint,
Um Lucifers Kinder zu vernichten.
Die Elemente und der Cäsar,
Die Kirche und der Luftkreis,
Sind eines Sinnes gegen mich!

HERAKLIDOS [Sturm)]:
Die Stürme mögen wüten,
Sie sind im Reiche der Vergänglichkeit.
Die Götter und die Weisen
Bewachen, was unsterblich ist.
Sie wollen schützen jenen Bund,
Den Lucifers Sohn und Christi Tochter
Vor Himmelsmächten schließen.

PHOSPHOROS:
Und doch ist sie verschwunden. (Sturm)
Ich höre Winde brausen!
Doch nirgends jene eine Stimme,
Die wahr mir könnte machen,
Was deine Worte sagen.
So bleibt mir eines nur,
Zu folgen meinem Geist In seines Abgrunds Reich.
[Er schreitet zur Spalte, wie vorn Schwindel erfasst.]

HERAKUDOS [ihm mit seinem Zepter den Weg versperrend]:
Solange ich des Eingeweihten Krone
Und seinen Zepter trage,
Ist dir kein weiterer Schritt gestattet.
Besinne dich und höre!
[Er nimmt ihn beim Arm und schüttelt ihn.]
Im Chaos wüster Sturmgewalten
Lässt deutlich unterscheiden sich,
Wie eine Seele den Weg
Zu unsern Höhen sucht.

EINE STIMME [hinter der Bühne]:
Phosphoros, o Phosphoros!

PHOSPHOROS:
O Götter, mein Lebensstern!

DER DIENER [über den Rand des Tempels gebeugt]:
Es nahen Fackeln sich.
Es kommen Menschen.

4. Auftritt

Dieselben, Kleonis, begleitet von zwei Gebirgsbewohnern, welche Fackeln tragen. Sie stürzt unter den Portikus, atemlos, mit fliegendem Haar.

KLEONIS:
Wo bist du? Wo bist du?
[in der Mitte der Bühne begegnet sie Phosphoros. Sie bleiben einige Sekunden einander gegenüberstehen.]

PHOSPHOROS:
Du bist's, Kleonis!
Mein Stern auf Erden und im Himmel?

[Kleonis wirft sich in seine Arme mit einem Aufschrei. In demselben Augenblick fällt der Blitz mit trockenem. Schlag auf die Spitze des Tempels.]

KLEONIS [Donner]:
Dein Donner rolle, Jehova!
Ich habe meine Welt gefunden.

[Der Donner rollt und ballt in der Ferne wider.]

PHOSPHOROS:
Du Seele meines Wesens,
O welche wunderbare Harmonie,
Wenn in der Elemente Stürmen
Der sanfte Ton der Liebe klingt.
Ich hatte dich schon tot geglaubt;
Das aber hieße an der Liebe zweifeln.

[Von diesem Augenblick an hört das Gewitter vollkommen auf Eine bleiche Morgenröte bricht leise an.]

KLEONIS:
Der Aufruhr in der Stadt war furchtbar.
Mit Damis und den letzten Treuen
Befand ich mich in unserm Haus
Als das betörte Volk es stürmte.
Der Tod schon stand mir vor den Augen,
Doch Phosphoras war ferne.
Ich aber fand den Weg zu ihm.
Nun soll uns nichts mehr trennen.

PHOSPHOROS:
Erbebst du nicht vor unserm Schicksal?

KLEONIS:
Es ist das Schicksal meiner Wahl,
Die Liebe, die im Geist gegründet,
Sie wird den Fluch der Welt
In Himmelssegen wandeln.
Die Jungfrau aus der Wüste wird entzünden
Das Feuer in dem höchsten Tempel,
Der auf dem Fels der Ewigkeit
Von Urweltsweisheit auferbaut.
Ich schwöre dieses vor dem Priester,
Der Hüter dieses Tempels ist,
Und vor dem Antlitze dieser Sphinxe,
Aus deren Augen Rätsel blicken,
Die langsam meinem Denken
Von Ahnung zur Erkenntnis reifen.

PHOSPHOROS:
Kleonis, welche Schwingen wachsen
An diesem Orte deiner Seele!
Der wahre Sinn der Liebe
Enthüllt sich hier, wo Götter sprechen.

KLEONIS:
Der höchste Schmerz,
Er segnet unsern Bund,
Wie höchste Freude niemals
Den ihren segnen kann.

PHOSPHOROS:
Wo aber werden wir in Zukunft leben?
Wir haben keine Heimat mehr.
Des Cäsars Macht umfasst den Erdkreis.
Und wo der Cäsar herrscht,
Ist Raum nicht für die Kinder,
Die Lucifer als Vater ehren.

KLEONIS:
Das Tor zu jener Heimat steht uns offen,
In der befreite Herzen wohnen!

PHOSPHOROS:
Von Stadt zu Stadt zu wandern,
Wird unser traurig Los sein.

KLEONIS:
Es wird die Sonne unserer neuen Heimat
Die Früchte deines Werkes reifen lassen.

PHOSPHOROS:
Es wird die Erde deinen Schmerzen
Den Tränen Segen bringen.

[Sie reichen sich die Hand und wenden sich zu Heraklidos.]

PHOSPHOROS UND KLEONIS [zugleich]:
Den Priester dieses Tempels,
Ihn grüßen die Verfluchten.

[Sie knien nieder.]

HERAKLIDOS:
Und wenn die ganze Welt euch flucht,
Heraklidos, er segnet euch!
Bewachet euren Glauben überall,
Im Sturm der Menschenkämpfe,
Im Schweigen der Einsamkeit.
Wenn Furcht euch naht,
Steht aufrecht in der Hoffnung,
Wenn Elend auf euch blickt, Vertraut der Liebe Siegesmacht.
Die Welt, die heute euch verbannt,
Wird morgen eure Taten segnen.
[Er küsst sie auf die Stirn und hebt sie empör.]
Ihr habt gefunden euch im Zeitenstrom,
Bewahret euren Bund für Ewigkeiten.
Doch hört, bevor ihr geht,
Die Worte, die von oben mir vertraut:
«Die Frucht des Lebens auf der Erde,
Entsprießt nur jenem Boden,
In den des Sühneopfers Same fiel.]

PHOSPHOROS:
Was ist des Sühneopfers Same?

HERAKLIDOS:
Es ist an euch zu finden
Der Sühne wahres Wesen.
Ihr werdet opfernd retten
Des Tempels Offenbarung.
Aus eurem Opfer werden leuchten
Die Zeichen zweier Welten
In Liebe sich vereinend.

PHOSPHOROS UND KLEONIS [gleichzeitig]:
Die Zeichen zweier Welten
In Liebe sich vereinend.

PHOSPHOROS:
Wir wollen suchen.

KLEONIS:
Wir werden finden.

[Sie grüßen Heraklidos mit der Hand zum Zeichen des Abschieds.]

PHOSPHOROS [schlingt den Arm um Kleonis' Schulter und bedeckt sie mit seinem Mantel]:
So gehen wir in eine Welt,
Die uns aus ihren Reihen stößt?

KLEONIS:
Wir wollen gehen!

PHOSPHOROS:
Wohin jedoch?

KLEONIS:
Ägypten sei unser nächstes Ziel.

PHOSPHOROS:
Das Land, in dem wir uns gefunden.

KLEONIS:
Das Opfer sei dort vollbracht!

[Im Augenblicke, in dem sie gehen wollen, kommen zwei Gebirgsbewohner mit Fackeln und versperren ihnen den Weg. Der Tag bricht an.]

ERSTER GEBIRGSBEWOHNER:
Ihr könnt nicht mehr hinunter,
Umzingelt ist der Berg von Feinden.

ZWEITER GEBIRGSBEWOHNER:
Ein Trupp Soldaten nähert sich;
Der Bischof selber ist dabei.
Sie schrein: Tod dem Satanspaar!

HERAKLIDOS:
Es ist der Gipfel aller Dreistigkeit.
Zum ersten Male will entweihen
Ein Priester meine Einsamkeit.
Sie wollen mit den Kindern
Den Adler selbst von seiner Höhe stoßen.
Der Vater wird die Kinder schützen!
Es sollen Flammen diesem Berg entsteigen
Und seine Felsen auf die Frevler niederrollen,
Bevor nur eine Hand berühren kann
Die Menschen, die meinem Gott geweiht,
[Er geht.]

5. Auftritt

(Sturm)

PHOSPHOROS [beiseite]:
Des Cäsars Heer, geführt vom Bischof!
Der Berg umzingelt!

KLEONIS [beiseite]:
Kein Ausgang mehr;
Kein Zufluchtsort;
Wir sind verloren.

[Sie blicken sich gegenseitig an, wie um die Gedanken des andern zu lesen. Phosphoros zieht sein Schwert, um zu zeigen, dass er sie verteidigen will. Kleonis senkt den Kopf, starr vor Schrecken.]

PHOSPHOROS «beiseite]:
So ist das Netz um uns gelegt,
Der Cäsar und die Kirche,
Sie holen ihre Beute
Aus deinem Tempel,
O Geist des Lichts.
Sie töten deinen Sohn.
Erloschen ist mein Stern.
[Er schreitet zu der schwarzen Sphinx.]
An dir, o schwarze Sphinx, ist's jetzt,
Zu geben mir den letzten Rat.

KLEONIS [beiseite]:
So werde ich dich nimmer schauen,
O meine Wüsteneinsamkeit,
In der mir Christus Sonne war?
Den Kindern des Lucifer
Ist keine Rettung mehr?
Der Abgrund blickt sie an.
O was bedeutet jene Stimme,
Die vorn Opfer sprach?
[Sie wendet sich zur weißen Sphinx.]
An dir, o weiße Sphinx ist's jetzt
Zu deuten mir das letzte Rätsel,
[Man hört die römische Fanfare in weiter Ferne.]

PHOSPHOROS:
Die Fanfare! Hörst du sie?
ich kann nicht ruhig stehen,
Mein Schwert erzittert.
Bevor ich sterbe, will ich
Den Feigen ein Todesopfer bringen.

KLEONIS:
O bleib, für uns ist jeder Kampf vergebens,
Den solche Schwerter kämpfen.
Was würde aus Kleeanis,
Wenn Phosphoros gefallen.
Gefangen würde sie,
Nach Dionysia geschleppt,
Von unserem Volk geschmäht,
Vom Bischof eingekerkert,
Vielleicht dem Cäsar ausgeliefert.
Nicht Blut der Menschen ist's,
Wonach wir dürsten können.
[Mit plötzlicher Erleuchtung.]
Das Blut von Christi Opfertat,
In diesem Augenblick
Erkenn ich seine wahre Mahnung.
Es löst. mir das Rätsel jener Worte,
Die uns die Stimme sandte.
Vom höchsten Opfer sprach sie:
Wir müssen ihr jetzt folgen.

PHOSPHOROS:
Wie verstehst du sie?

KLEONIS:
Das Sühneopfer sind ...
Wir selbst.

PHOSPHOROS:
Wie soll die Seele fassen,
Was der Gedanke fast zu fliehen scheint?

KLEONIS:
Wenn Liebe sich befreit vom Erdenrund
Und in die Geistessphären steigt,
Entbindet sie im Herzen Wunderkräfte.
Eintauchen kann die Seele dann
In ihres Wesens tiefsten Kern
Und Götterrat sich holen.
Es sprach durch solche Wunderkraft
Mein Herz mit seinem Gotte eben.
Er selbst hat mir verliehen Erkenntnis höchster Opfertat.
Des Seins Geheimnis ist,
Verlieren sich, um zu besitzen sich.
Nur zwei von allen Lebensformen
Erfüllen solches Weisheitswort:
Die Liebe und der Tod.

PHOSPHOROS:
Das Sterben sollen wir als Frucht empfangen,
Bevor das Leben uns geblüht?

KLEONIS:
Der Opfertod wird unsere Seelen
In höchste Lebenssphären tragen!

PHOSPHOROS:
Und kann die Frucht des Werkes
Im Himmel sich entfalten,
Wenn auf der Erde schon die Blüte stirbt?

KLEONIS:
Der Tod befreit geheime Kräfte
Aus unserer Seelen Wesens tiefem Kern
Und lässt in unser Werk sie strahlen,
Das für die Menschen auf der Erde
Nur so die Früchte bringen kann.

[Sie nehmen sich wieder in die Arme und sehen sich lang an. Ihre Lippen suchen und berühren sich.]

PHOSPHOROS [Fanfare]:
Ich fühle Licht in mir!
Mein Geist versteht Kleonis' Seele.
Prophetenworte künden deine Lippen.

[Man hört die Fanfare in der Nähe. Phosphoros entreißt. sich Kleonis' Armen und schwingt sein Schwert.]

Wir siegen über Zeitentod
Und werden für die Ewigkeit geboren,
Durch unseres Sühneopfers Kraft.
Wir wollen durch die dunkle Todespforte
In lichte Lebenshöhen schreiten.

KLEONIS:
Bist du bereit?

PHOSPHOROS:
Ich bin es — führe mich!

KLEONIS [zieht aus ihrem Busen ein goldenes Fläschcheng]:
Dies Fläschchen mag der Schlüssel sein.
Eine Sklavin gab mies einst
Der ich die Freiheit schenkte.
Nur wenige Tropfen seines Inhalts
Genügen, um zu finden jenen Schlaf,
Den wir jetzt suchen sollen. —
Die beiden Kelche blinken vom Altar. —

PHOSPHOROS:
So lass uns ohne Furcht den Kelch der Freiheit trinken!

[Kleonis gießt die Flüssigkeit in die Kelche, reicht den einen Phosphoros und nimmt den andern.]

KLEONIS:
Dem Helden Phosphoros,
Dem Geiste meiner Seele!

PHOSPHOROS:
Der Göttin meines Sieges,
Der Seele meines Geistes!

KLEONIS:
Der Seele Dionysias.

PHOSPHOROS:
Dem Geist der Menschheit! —
[Sie leeren die Kelche zur selben Zeit. Alsbald wankt Kleonis und fällt in Phosphoros' Arme, das Haupt nach rückwärts geworfen]
Kleonis, was ist dir?
Was schauen deine Augen?

KLEONIS:
Ich schau der Erde Zukunft!
Ich sehe Christi Kreuz
Im Stern des Lucifer.
[Sie sinken zusammen auf die Stufen des Altars.]
Die Zeichen zweier Welten!
[Ihr Kopf fällt zurück.]

PHOSPHOROS:
In Liebe sich vereinend.
[Sie sterben.]

6. Auftritt

Heraklidos, der Bischof mit einem Centurio und einem Trupp Legionäre.

HERAKLIDOS [kommt von rechts und erblickt die auf den Stufen des Altars liegenden Körper]:
Das Sühneopfer! ...

CENTURIO:
Sie sind tot!

DER BISCHOF:
Sie sind zermalmt!

HERAKLIDOS:
Sie schreiten sterbend zur Unsterblichkeit,
Und ewig lebt ihr Werk in freien Herzen.

DER BISCHOF:
Der Wüstenwind wird ihre Asche fegen
Und Gott wird ihre Namen
Auslöschen aus dem Weltenbuche.

HERAKLIDOS:
Im Tempel werden sie erhalten bleiben,
Und leuchten werden sie in Menschenseelen,
Des Lichtes Träger als der Freiheit Künder.

DER BISCHOF:
Ergreift die Leiber
Und bringt sie zum Verscharren
Dem Volk von Dionysia.
Dann kehren wir hierher zurück.
Um diesen Tempel zu zerstören.
Er muss fallen wie der andere,
Der dem Dionysos geweiht war

HERAKLIDOS:
Nimm dich in Acht!
Berühre diese Leiber nicht. —
Sie sind geweiht vom Opfer jener Liebe,
Die durch die Läuterung geschritten.
Und ferne bleibe dieser Stab
Dem Zepter meiner Hand.
Du stehst vor einem Tempel
An dessen Säulen deine Kraft zerschellen müsste,
Wenn du dich gegen ihn empören wolltest.

DER BISCHOF [zu den zögernden Legionären]:
Ergreift die Leichen!

[Im Augenblicke, in denn sich die Legionäre nähern, erscheint der funkelnde Stern über den Liebenden. Ein feuriges Kreuz blitzt in seiner Mitte. Zu gleicher Zeit lodert auf dem Altar, zu dessen Füßen die umschlungenerg Körper ruhen, eine Flamme auf Die erschreckten Legionäre weichen zurück und fallen auf die Knie.]

DER BISCHOF [entsetzt, tritt einen Schritt zurück]:
Was ist dies?
I(Er lässt den Krummstab fallen.]

HERAKLIDOS:
Das Zeichen für die neuen Zeiten,
Das Kreuz des Christus auf dem Stern des Lucifer!
Er lässt die Sanftmut strömen in die Kraft. —
Wie dieses Kreuz im Stern
Das Sinnbild ist geheimster Weltenkunst
Im Reich der Sichtbarkeit,
So wirkt im Unsichtbaren
Die Liebe, die, gereinigt
Von allen Erdenresten,
Empor sich ringt zu Götterreichen.
Es hat die Seele dieser Frau
Zum Lebenssinnbild sich vereint
Mit dieses Mannes Geist. —
Sie strahlen aus Himmelshöhen
Fortan wie Kreuz und Stern
Für Menschenheil und Freiheit,
Erhebe deinen Hirtenstab
Und sage deiner Herde:
Du hast gesehn den Tempel,
Wo Lucifers Gestirn
Den Heldenherzen strahlt,
Und in den Menschen weckt
Der Götter Sonnenkraft. —

[Heraklidos streckt seinen Zepter über das tote Paar, das die Flamme des Altars überragt; der Bischof bleibt versteinert, die Legionäre auf den Knien und der Vorhang fällt über die Vision des Sterns und des Kreuzes, die in lichtem Weiß erglühen.]

[Ende der «Kinder des Lucifer]

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