Die Kinder des Lucifer Vierter Aufzug

Der Garten des Phosphoros in Dionysia. — Ein Garten mit großen, schattigen Baumgruppen; hier und da Stelen, welche die Büsten von Weisen und Helden tragen. Zwischen den Statuen von Gastor und Pollux, deren marmorne Pferde sich gen Himmel bäumen, sieht man in der Ferne das schimmernde Meer. Links, kleiner Portikus mit ionischen Säulen. In seiner Nische die Bildsäule Lucifers, der, den Fuß auf den Globus zum Fluge ausholt. Vor ihm steht der Hausaltar. Darunter liegen Waffen-Trophäen. In der Nähe eine steinerne Bank. Rechts, in der Ferne erblickt man die Stadt mit der sie überragenden Akropolis.

1. Auftritt

Kleonis am Hausaltar ihn mit Laubgewinden und Blumenkränzen schmückend, Phosphoros sitzt auf der Bank. Neben ihm steht eine Wache.

PHOSPHOROS:
Ist keine Botschaft von Damis da?

WACHE:
Ich habe nichts gehört!

PHOSPHOROS:
Und auch von Androkles nichts?
Und keine von dem Heer?

DIE WACHE:
Ich weiß auch davon nichts!

PHOSFHOROS:
Und nichts von Phrygius?

DIE WACHE:
Auch nichts von ihm!

PHOSPHOROS:
Verkünde ihnen, wenn sie kommen,
Dass sie sich bei mir melden sollen!

[Wache ab]

KLEONIS:
Es ist nun heute schon der dritte Tag,
Seit mein geliebter Phosphoros
Mir vorenthält das Innere seiner Seele,
Und heute ist er ganz verstummt.

PHOSPHOROS:
Es kommen Tage, wo der Mensch
Mit seiner Seele allein muss bleiben,
Verborgner Offenbarung zu lauschen.

KLEONIS [lässt ihren urbeendigten Kranz fallen]:
Verbergen etwas auch vor mir?
Das kann nur sein, wenn du
Verbergen vor der eignen Seele willst
Gedanken, welche dich bedrücken. —
Was ist geschehn?

PHOSPHOROS:
Bekannt ist dir schon alles!

KLEONIS [eilt zur Bank und lässt sich auf ihr nieder. Sie ergreift Phosphoros' Hände, nimmt dann seinen Kopf in die ihren und blickt ihm tief ins Auge]:
So ist es nicht! Was ist dir?
Getrübt und traurig ist dein Auge.
O Phosphoros vertraue mir!
Ich bin die Seele deines Lebens,
In mir erklingt die Liebe
Mit zarten, sanften Tönen oft,
Und oft mit Macht erfüllten;
Doch immer wie die Harmonie des Himmels.
Versage Phosphoros mir nichts,
Da ich dir alles doch gegeben habe.

PHOSPHOROS:
Kleonis, meine holde Seherin,
Die in meiner Seele Tiefen schaut,
Ich kann dir nichts verschweigen!
Es lastet schwer auf meinem Herzen,
Und raubt mir Kraft und Hoffnung,
Dass alles, was ich wirken will,
Nicht Widerhall kann finden
In jener Welt, für die bestimmt es ist.
Herausgefordert habe ich die Erdenmächte
Den Cäsar und die Kirche. —
Die Menschen aber folgen diesen,
Und schwer wird rächen sich an mir,
Das Schicksal, dem ich mich entgegenstelle.

KLEONIS:
Nicht so sollst du sprechen, Phosphoros!
Ein jeder Sieg ist eine Göttin.
Undankbar wär' es, wolltest du
Nicht achten jene, welche zu dir kamen,
Um zu berühren deine Stirne
Mit ihren weißen Flammenflügeln.
Gedenk des größten Tages deines Lebens.
Nach deinem Abzug mit der Phalanx
Da folgt' ich meines Herzens Drang,
Und gegen deinen Wunsch
Begab ich mich ins Lager,
Dein Zelt war leer, die Schlacht begann.
Vor mir im weiten Umkreis
Erblickte ich des Cäsars Heer,
Ich sah das finstre Erz der Römer
Und der Barbaren grelle Farben.
Ich selbst befand auf jenem Hügel mich,
Auf welchem die Scharen kämpften,
Die unter deiner Leitung standen,
Mit Damis und mit Androkles
Als Führer eurer beiden Flügel.
Da plötzlich auf dem andern Hügel
Erschienen Reiter und Bogenschützen.
Es waren die Heere von Dyrapolis
Von Phrygius befehligt.
Man hörte stürmisch rufen: Phosphorost
Von einer Seite, von der andern: Phrygius!
Ergreifend eine Hand voll Pfeile
Und in der Phalanx Mitte stürmend,
Befeuerst du die Kämpfenden, rufend:
«Die freie Stadt mit Lucifer als Gott!]
Ich durfte dir nicht folgen.
Die Wache verwehrt' es mir.
Ich sah den ganzen Tag hindurch
Die Schlacht mit allem furchtbar Großen;
Ich sah das Schicksal walten über allem,
Verteilend gute und schlimme Lose,
Des Todes und des Lebens Würfel.
Ich sah der Feinde Niederlage
Und hörte unsere Phalanx feurig rufen:
«Die freie Stadt mit Lucifer als Gott!» —

PHOSPHOROS:
Und abends traf ich meine Heldin
Im Lager, einer Siegesgöttin gleich.
Das Feuer auf den Lippen.
Der größte Tag des Lebens war es!

KLEONIS:
Und wenn dir alles dies
So klar vor Augen steht,
Wie kannst du heute mutlos sein?
Gedenkst du noch, wie Damis,
Wie Androkles als Helden glänzten,
Wie Phrygius, dem dieser Tag
Die Königswürde brachte,
Dir stolz die Hand als Bruder bot.
Nach ihres Herzens Wesen
War eines jeden Siegesbeute:
Bei Damis war sie eine Seele,
Bei Androkles bestand sie in Trophäen,
Und eine Krone hatte Phrygius errungen.
Dir dankten sie als ihren Meister,
Du hattest sie zu ihrem Gott erhoben!

PHOSPHOROS:
Zu schaffen freie Menschen
Ist mir der Traum des Lebens.
An jenem Tage war er Wirklichkeit!

KLEONIS:
Und Wirklichkeit soll stets er sein.

PHOSPHOROS:
Es hat das Leben solche Höhen,
Die einmal nur erstiegen werden.
Man steht dann Aug in Auge
Dem Schicksal gegenüber.

KLEONIS:
Mein Feuer und mein Licht, so höre!
An jenem Abend der Schlacht,
Als ohne Atem von dem Pferde
In deinen Arm ich sank,
Da fühlte ich unser Schicksal.
Getrennt sind wir ohne Macht,
Vereint vermögen wir alles.
Es treffen zwei der Weiten sich
In unserer Liebe Lebensstrom,
Und ihr Begegnen ruft hervor
Das Echo an den Grenzen alles Seins,
Es lassen solche Liebestaten neue Welten
Aufsteigen aus dem Schoß des Raumes.

PHOSPHOROS:
Du sprichst die Wahrheit.
Ein Weltenbaum entkeimte jener Tat.

KLEONis:
Und wir sind jenes Baumes Stamm,

PHOSPHOROS:
Und leben wird der Baum
Solang der Saft sich frisch erhält.

KLEONIS:
Solange unsere Seelen
In eins zusammenklingen,

PHOSPHOROS:
So kann uns nichts besiegen! —

2. Auftritt

Dieselben, Lykophron hat sich langsamen Schrittes genähert, bleibt vor dem Paare stehen, die Hände auf seinen Stock gestützt und blickt es an.

KLEONIS:
Der Seher!

PHOSPHOROS:
O Greis, du hast von Sieg gesprochen,
Als ich zuerst dich sah.
Was du gesagt, ist eingetroffen! —
Ist deinem. Seherauge kund.
Was ferner mir geschieht?

LYKOPHRON:
Du sollst nicht schlummern
Auf deinen Siegen, Phosphoros.
Es kommen schlimme Zeiten.
Der Bischof sinnt nichts Gutes.
Die Christen sind betört von ihm,
Bewache deine Stadt!

PHOSPHOROS:
Wir brauchen weder Bischof
Noch Mönch zu fürchten.
Wir haben Damis, Androkles
Und Phrygius als feste Stützen.
Mit mir bewachen sie die Stadt.

LYKOPHRON:
Wie Gold so treu ist Damis' Herz,
Doch zart ist seine Seele;
Der kleinste Sturm ist ihm gefährlich.
Ungestüm ist Androkles gewiss
Und jedem offenen Kampf gewachsen,
Doch wenig der List und Schlauheit.
Misstraue Phrygius!
Sein Stolz kann leicht
In Neid sich wandeln. —

PHOSPHOROS:
Wie soll ich Phrygius,
Wie Androkles und Damis
Auch nur im Geringsten misstrauen?
Ich habe mehr Vertrauen nicht
Zum eignen Leibe als zu ihnen.

LYKOPHRON:
Es kann der Leib verraten seine Seele.

PHOSPHOROS:
So willst du selbst den Mut mir rauben?

LYKOPHRON:
Ich will ihn stählen gegen Missgeschick!

PHOSPHOROS:
Du schicktest mich zum Tempel,
In welchem mir der lichte Geist erschien.
Du hast den Weg des Sieges mir gezeigt.
Wie sollt ich nicht erschrecken,
Wenn von Gefahr und Tod
Du heute redest.

LYKOPHRON:
Der Sieg des Geistes ist eine Flamme,
Die auf dem Scheiterhaufen lodert;
Des Todes Tochter
Ist die Unsterblichkeit.
[Er macht einige Schritte in den Hintergrund,
wendet sich zwischen den Dioskuren um,
die Arme zum Himmel erhebend und verschwindet.]

PHOSPHOROS:
Die Träume dieses Sehers,
Wozu sie prüfen?
Ich will die Phalanx sammeln.
Es scheint sich zu entwickeln
Der Kampf der Welt mit mir.

KLEONIS:
Ich will an deiner Seite kämpfen.

PHOSPHOROS:
So wird Kleonis
Mir Kampfgenosse werden!

KLEONIS:
Es darf nicht anders sein.
In Liebe untertauchen
Bis man die Welt vergessen,
Ist Lust der Menschen,
Doch Götterwonne ist's
Gemeinsam siegen!

PHOSPHOROS:
So sei du, Kleonis,
Die Göttin meines Sieges!
[Er drückt sie in seine Arme und geht ab.]

3. Auftritt

Kleonis, bald danach der Mönch. — Kleonis, allein geblieben, nähert sich dem Hausaltar, löst einen Palmenzweig von ihm und setzt sich auf die Marmorbank. Der Palmenzweig entgleitet ihren Händen sie versinkt in Träumen. Der Mönch tritt verstohlen aus einer Baumgruppe hervor und nähert sich ihr vorsichtig, indem er lauernde Blicke um sich wirft. Wie er sicher ist, dass ihn niemand beobachtet, nimmt er eine würdevolle Haltung ein, steckt die Hände in die Ärmel, bleibt in gewisser Entfernung stehen, und blickt starr auf die Frau des Archonten.

KLEONIS [wendet sich lebhaft um und fährt zusammen]:
Ein Mönch ist hier!
Was willst du?

DER MÖNCH [streckt die Hände aus]:
Verirrtes Lamm des Herrn
Die Gnade Gottes schütze dich.

KLEONIS:
Wie kommst du in den Garten?

DER MÖNCH:
Die Boten Gottes finden überall
Die Seelen, die sie suchen.

KLEONIS:
Mit welchem Rechte suchst du mich?
Wer sendet dich zu mir?

DER MÖNCH:
Es schickt mich seine Hochwürden
Zu des Archonten Frau.
Der Bischof will ermahnen
Die Christin, die verlassen Das Heiligtum der Wüste.
Der hohe Herr gedenkt jedoch
Des frommen Vaters der Kleonis.
Du bist gefallen in des Satans Krallen;
Noch aber stehst du in Gottes Schutz.
im Grunde deines Herzens
Bist du noch immer Christin.
Der Bischof weiß, wie furchtbar
Das Elend deiner Stadt auf dir lastet.,
Und welche Gefahren dich umlauern.
Es steht recht schlecht um den Archonten.
So komm mit mir zu seiner Hochwürden,
Er hat im Namen unseres Gottes
Die Taufe einst am Kind vollzogen;
Er wird von schwerer Sünde dich befrein
Und Rat dir geben aus der Weisheit,
Die er als Hirt der Kirche treu verwaltet;
Auch wenn du Frau des Phosphoros verbleibst,
Wird er dir den Priestersegen spenden.
[Er macht das Zeichen des Kreuzes.]

KLEONIS:
Du willst durch List mich fangen?
Als Dieb bist du in mein Haus geschlichen
Und Dieb willst du an meinem Herzen werden.
Es ist nur Heuchelei in euren Worten;
Denn eure Taten lehren nur den Hass.
Der Bischof will, dass ich als Büßerin
Erscheine und um Gnade flehe.
Du aber sollst ihm Kunde bringen,
Dass ich, die einst war Jungfrau in der Wüste,
Nichts anderes heute sein will
Als Frau des Phosphoros.
Will mich der Bischof sprechen,
So mag er hierherkommen;
Ich werde nicht zu ihm gehen.

DER MÖNCH [nachdem er wieder das Zeichen des Kreuzes gemacht hat, nähert sich ihr plötzlich und spricht mit hinter listiger Vertraulichkeit]:
Noch anderes habe ich dir zu verkiinden:
Es handelt sich um ein Geheimnis,
Um eine Botschaft, die der Cäsar
Vertrauensvoll an unsern Hirten sandte.
Das Leben des Archonten ist gefährdet!

KLEONIS [richtet sich in großer Bewegung auf]:
Das Leben meines Phosphoros! ... [sich fassend]
Doch nein; es ist nur eine Falle.
Aua] Man will in Rom unsere Pläne kennen
Und erblickt in euch die rechten Zwischenträger
Ihr mögt behalten, was euch anvertraut
Kleonis wird des Gatten Leben schützen.
Sie hat es schon erwiesen.

DER MÖNCH [zurücktretend, mit Hochmut]:
Betörtes Weib, vernimm die ganze Wahrheit
Bedroht seid ihr von Cäsar nicht allein
Ihr habt den Feind in eurer eignen Stadt!
Es keimt im Volk von Dionysia
Der Aufruhr seit lange schon.
Man sagt, ihr habt durch eure Frevel
Die Geißeln Gottes auf die Stadt gelenkt;
Man nennt euch überall das Satanspaar.
In dieser Stunde eben drängen die Christen,
Die in der Krypta sich befinden, Den Bischof das «Anathema]
Zu schleudern gegen dich.
Er zaudert noch in seiner Milde;
Er möchte dich erretten.
Doch kann er dies nur tun,
Wenn du gehorchst der Forderung,
Die er durch mich dir sandte.

KLEONIS:
Ich werde nicht gehorchen!
Mein Richter sei nur Gott allein.

DER MÖNCH [verächtlich]:
Nun gut; ich werde gehn.
Doch merke auf des Volkes Stimme.
Man hat gesagt, Kleonis soll besitzen
Bekennerrnut, den besten Christen gleich;
Doch jetzt wird man erzählen,
Sie habe feigen Sinn wie eine Heidin,
ihr Mut sei nur vorhanden,
Solang die Wache ihr zur Seite steht.
Er zeige sich nur, wenn sie paradiert
Mit ihren Gatten vor der Phalanx;
Doch fehle ihr der Glaubensmut der Christen.
Statt ihrem Gotte Treue zu bewahren,
Verberge sie sich hinter ihrem Götzen.

KLEONIS:
Ich Furcht — vor euch?
Vor deinem Herrn? Vor unserm Volk?
Hier sieh! —
[Sie geht zum Hausaltar, nimmt dort einen Kranz roter Lilien, den sie aufs Haupt drückt.]
Bekennen will ich meine Liebe
Und meinen Glauben vor dem Bischof,
Vor allen Christen will ich sagen,
Was Phosphoros für Dionysia getan.
Sieh diesen Speer als eines der Siegeszeichen,
[reist den Wurfspeer vorn Altar aus den Waffentrophäen]
Geholt hat ihn mein Gaue
Aus einem Wald von Erz,
Gebildet von den Legionen Roms.
Man kann mich steinigen!
Es wird dann Lucifc.r
Die Wahrheitszeugin haben. —
[Sie geht schnell im Hintergrunde.]

DER MÖNCH [ihr mit den Augen folgend]:
Gelungen ist es mir! — —
Des Teufels Kinder fängt man durch den Hochmut.
Der Bischof hat weise alles angeordnet.
«Kleonis ist des Volkes Liebling,
Durch sie erhöht sich ihres Gatten Macht,
Man muss sie trennen,
Bevor das Haus gestürmt wird.»
Das ist erreicht!
Sie läuft zur Krypta,
Gefangen ist sie dort.
Sobald sie drin ist,
Verriegle ich die Tür.
Sie mag in ihrem Kerker sterben.
Nun schüren wir den Aufruhr!
Vor Abend noch muss des Teufels Haus
Ein Raub der Flammen werden, —
[Er geht schnell laufend ab]

4. Auftritt

Phosphoros, eine Wache, bald danach Damis

PHOSPHOROS [zurückkehrend]:
Wie ausgestorben ist die Stadt.
Von Damis und von Androkles kein Lebenszeichen!
Verkündet das Schweigen ein Unglück?
Ob Lykophron doch recht hat?
[zur Wache]
Wo ist Kleonis?

DIE WACHE:
Sie ging soeben mit dem Mönch hinaus.

PHOSPHOROS:
Mit einem Mönch?
Wohin sind sie gegangen?

DIE WACHE:
Zur Kirche.

PHOSPHOROS:
Wie sonderbar!
[Damis tritt ein]
Du Damis! Endlich!

DAMIS [schnell aus dem Hintergrunde zu ihm eilend]:
Gefährdet ist dein Leben Phosphoros!
Das Volk umzingelt schon dein Haus.
Die Phalanx rufe zur Bewachung.
säume nicht, ich bitte dich!

PHOSPHOROS:
Was kümmert mich mein Haus!
Du kommst aus unserem Lager?
Wie steht's um Androkles?

DAMIS:
O furchtbar ist die Botschaft,
Die ich dir bringen muss.
Ich lief die ganze Nacht hindurch,
Zu bringen dir die Kunde,
Und jetzt verlässt der Mut mich,
Da meine Lippen sie aussprechen sollen.
[Er sinkt auf die Bank.]

PHOSPHOROS:
Ich bin auf alles gefasst!
Verkünde mir, was ist geschehn?

DAMIS:
Das Lager ist zerstört, und Androkles tot ...
Er wurde von den Römern überrascht.

PHOSPHOROS:
Wie konnte das geschehn?

DAMIS:
Das ist das Schrecklichste:
Verraten hat uns Phrygius! —

PHOSPHOROS:
Verraten Phrygius?

DAMIS:
Er hat dich stets beneidet.
Als dann der Cäsar Sieger blieb
Im Kriege, den er mit den Parthern führte,
War dies für Phrygius das Zeichen,
Zu trennen seine Sache von der deinen.
Er gab dem Kaiser Kunde,
Wie Androkles die Heere führt.
Der Cäsar zeigte sich erkenntlich
Durch Anerkennung seines Königstitels.
Bald folgten andere Städte Joniens
Dem Beispiel, welches Phrygius gegeben,
Und nicht mehr ferne ist die Zeit,
Da alle Freunde uns verlassen werden.

PHOSPHOROS:
Von Phrygius verraten also,
Ihm, den ich einen Bruder nannte?
Die Königswürde gab ich ihm.
Er will nicht freier König sein;
Er zieht das Joch des Cäsars vor.
Aber noch ist alles nicht verloren.
Es ist mir treu noch meine Phalanx.
Archont noch bin ich meiner Vaterstadt
Und Luzifers Stern erglänzt mir!

DAMIS [steht besorgt auf]:
Die Sorge drückt mich, Phosphoros.
Der Cäsar naht schon unserer Stadt.
Spione treiben unser Volk zum Aufruhr,
Der Bischof führt es gegen dich.

PHOSPHOROS:
Der Engel, der gestürzt durch des Blitzes Strahl,
Ist auch der Engel der Unsterblichkeit
Und wir sind seine Söhne,
Und Erben seiner Ewigkeit. —

DAMIS:
Es lastet schwer auf meiner Seele,
Doch sagen muss ich's dir, o Phosphoros!
Wenn Lucifer doch unterliegen könnte
Dem andern Gottessohn, dem Christus,
Der demütig stieg von Himmelshöhn, In unsere Erdenfinsternis,
Der stark und glorreich auferstand!

PHOSPHOROS:
So zweifelt Damis an meinem Gotte?
Nun stehe ich allein!
[Er sinkt auf die Bank.]

MAMIS [erschreckt]:
Du leidest Freund — ich kann dich so nicht sehen.
Antworte deinem treuen Damis.

PHOSPHOROS [immer sitzend]:
Zerrissen ist das Band, das uns vereint.
Gewoben war es aus dem Glauben
Der Feuer gab meinem Herzen und deinem,
Es gibt nicht größren Schmerz auf Erden,
Als sterben sehn im Herzen eines Freundes
Das hehre Licht des Gotteswesens,
Aus dem man selbst des Lebens Kraft erhält.
[Er steht auf]
Der Geist, der mir im Tempel nahte:
Ich weiß er sprach die volle Wahrheit.
Du hast den Glauben jetzt verloren,
Verlasse mich, und gell zu Phrygius.
Allein werde ich nun kämpfen müssen
Mit Volkeswut, mit Priestertrug und Kaisermacht.

DAMIS:
Verzeih mein Freund die Schwäche;
Aus Liebe nur zu dir befiel sie mich.
Es kennt des Damis Herz in Dankbarkeit,
Was Phosphoros an ihm getan.
Du hast die Seele mir entfaltet
In meiner Jugend goldnen Tagen.
Geworden bist du mir im reifen Leben
Der Führer zu der Wahrheit Höhen.
Sie logen nicht, die hellen Lichter,
Die du als Freund und Bruder mir
Zur Weisheit und zur Schönheit zeigtest.
Ich danke dir ja meiner Seele neues Leben.
Es kann mir nichts den Glauben nehmen
An deinen Gou und meinen.

PHOSPHOROS [schließt ihn in seine Arme]:
Verzeih, mich selbst hat Schwäche überfallen.
Wie konnte ich an Damis zweifeln?
Und jetzt begib dich zu KIeanis.
Sie ging zur Kirche mit dem Mönch.
Ich fürchte eine List des Bischofs
Und fühle, dass Gefahr im Anzug ist.
Kleonis rufe drum um jeden Preis hierher.

DAMIS:
Sei ruhig, eilen will ich!
[Er geht ab.]

[Dämmerung— Stimmen, Geräusch hinter der Bühne.]

DIE WACHE:
Es drängt das Volk zum Garten,
Es fordert stürmisch, dass das Tor man öffnet.
Wie soll man es verjagen?

PHOSPHOROS:
Ihr sollt die Tore öffnen.
Ich will dem Volke gegenüber stehn.
In solchem Augenblick verbirgt sich nicht,
Wer Sohn des Lucifer sich nennt,
Und wäre riesengroß des Volkes Wut.
So öffnet die Tore weit.

DIE WACHE [beiseite]:
Von Sinnen scheint mir der Archont!
[Er geht ab mit einer Gebärde des Zorns.]

5. Auftritt

Phosphoros, der Mönch, ein Haufe Volks, später Kleonis. Der Mönch tritt ein, gefolgt von einer Volksbande, die mit Piken, Spießen und Keulen bewaffnet ist und wütend schreit: «Wo ist er!» — Beim Anblick des Arehonten, der allein und ruhig vor seinem Hausaltar steht, ordnet sich die von Ehrfurcht erfasste Menge rechts in einem Halbkreis.

DER MÖNCH [zum Volk]:
Erkenn; Volk von Dionysia
Den Quell des Unglücks, das dich trifft;
Er ist. bei Phosphoros
Der Cäsar hat in seinem Zorn gesagt:
in Asche werde er verwandeln eure Stadt.
Das Feuer wolle er in alle Häuser werfen,
Die Pflugschar führen über jene Städte,
Da einst die stolze Dionysia stand.
Es sei denn, dass ihr Phosphoros ausliefert.
Er will ihn haben, lebend oder tot.
Seht Phosphoros, und urteilt selbst,
Ob er bewusst sich ist des Ungliicks.
Er blickt mit Stolz zu Lucifer,
Den er zum Götzen sich erkoren.
Ich aber sag es euch:
Er dient dem Satan.

[Gebärde des Schreckens im Volk]

Er hat verloren alle seine Freunde,
Verlassen hat ihn auch Kleonis, seine Frau!

STIMME AUS DEM VOLK:
Wo ist sie?

DER MÖNCH:
Sie ist zu Füßen unseres Bischofs,
Sie beichtet und sie fleht um Gnade.

[Murmeln des erstaunten Volkes]

DER GREIS:
Verlassen ihn, Kleonis?
[Er nähert sich Phosphoros.]
Dann kann er nicht sich halten.
Der Cäsar rückt heran,
Die Stadt ist in Gefahr,
Wir wollen Frieden und Schutz
Für unser Leben!

DER JUNGE MANN:
Wir wollen unsere Feste wieder.

DIE FRAU:
Die Sakramente wollen wir
Für unser Seelenheil!

DER GREIS:
WOZU nützt dieser Gott?
Er bringt der Stadt den Untergang.

PHOSPHOROS:
Der Letztgeborene aus dem Götterstamme,
Ihr fragt, wozu er nützen kann?
Zu freien Menschenseelen macht er euch.
Vom Sklavensinn erlöst er euch,
Er lehrt euch suchen Recht und Wahrheit
In eurem eignen Herzen,
Und Herren eures Selbst zu sein.
Nur wenn ihr Lucifer erkennt,
In eures eignen Wesens Kern,
Und lieber sterben wollt in Freiheit
Als beugen euch dem Cäsar und der Kirche,
Seid wert ihr dieses Gottesgeistes.

DER MÖNCH:
Da seht ihr, was er will!
Er will euch opfern seinem Hochmut
Und führen in des Satans Krallen.
Getötet werden muss der Sohn des Dämons,
Soll euer Leben nicht verloren sein.
Der Kirche Gnade wird euch werden,
Seid frei ihr erst von diesem Gottesfeind.

DAS VOLK [auf Phosphoros losrückend, der unbeweglich geblieben ist]:
Wir töten Ihn?

KLEONIS [eilt aus dem Hintergrund herbei und stellt sich zwischen Phosphoros und das Volk]:
Dann tötet mich zuerst.
Solang Kleonis lebt,
Ist Phosphoros geschützt.
«Sie bleibt mit ausgebreiteten Armen vor ihm stehen, das
Volk weicht zurück.»

DER MÖNCH (bestürzt].
Ich hatte sie doch eingesperrt.

DER GREIS:
Kleonis!

DIE FRAU:
Die Christin!

DAS VOLK:
Die Jungfrau aus der Wüste!

KLEONIS:
So hört, was dieser Mönch vollbracht:
Er hat durch List mich überrumpelt.
Nach seinen Reden musst' ich glauben,
Er führe mich zum Bischof,
Sodass ich vor den Christen
Bezeugen könnte meinen Glauben
An Phosphoros und seinen Gott.
Er schleppte mich stattdessen in die Krypta.

STIMMEN AUS DEM VOLK:
Ist dies die Wahrheit?

DER MÖNCH:
Sie lügt!

[Damis tritt ein, in jeder Hand die Stücke einer Kette haltend.]

KLEONIS:
Hier, Damis kann bezeugen.

DAMIS:
Mit dieser Kette verschloss der Mönch das Tor,
Nachdem Kieonis in der Krypta war.
Ich aber habe sie zerbrochen;
Hier sind die Trümmer!
[Er wirft die beiden Stücke der Kette zu Füßen des Mönches.]

PHOSPHOROS [nimmt seiner Frau und Damis' Hand und nähert sich dem Volk]:
So müssen brechen alle Ketten,
Mit welchen ihr die Seelen unterjocht.

[Bei den Worten des Archonten eilt eine Schar bewaffneter junger Männer der Phalanx und eine Schar junger Mädchen mit plötzlicher Begeisterung zur Statue des Luzifer und zum Hausaltar. Die jungen Leute ziehen das Schwert, um ihn zu verteidigen, die jungen Mädchen breiten Palmen aus, um ihn zu schützen. Zu Häupten der beiden Gruppe erheben ein junges Mädchen und ein junger Mann helle Fackeln. Das Volk weicht erstaunt zurück.]

6. Auftritt

Dieselben.

Der Bischof erscheint zwischen den Dioskuren, begleitet von zwei Kirchendienern, die rot brennende und rauchende Fackeln tragen.

DER BISCHOF:
Kleonis, du verstocktes Weib,
Die einst sich unserm Gott geweiht,
Ich sage dir, dass ich verfluchen werde Den Volksverführer, deinen Phosphoros. Verdammnis soll ihn treffen ewiglich! Verfallen ist er dem Anathema der Kirche, Doch dich zu retten möchte ich versuchen. Verlass den Boten schwarzer Höllenmächte, Sonst trifft auch deine Seele das Anathema.

KLEONIS:
Erspare dir die Mühe Bischof.
Ein zweites Mal vermagst du nicht
Das Netz zu werfen über meinen Kopf.
Zerbrochen hat des Helden treuer Freund
Die Gitterstangen deiner Kirche,
Durch welche du den Kerker mir bereitet hast,
Um meine Liebe zu ertöten
Mit deinem falschen Hirtenstab.
Was ist die Kirche, der du dienen willst,
Verglichen mit dem weiten Gottesreich,
Das mir im Herzen Lebt?
Beleuchtet ist's von einem Stern,
Den Lucifer entzündet hat an Gottes Herz.
[Sie umschlingt Phosphoros mit ihren Armen.]
Für immer bin ich sein und seines Helden.
Und wächst dein Fluch ins Grenzenlose,
Wird wachsen meine Liebe unermesslich;
Denn diese Liebe ist ein Teil des Lebens,
Das vor der Welt geboren ist
Und welches sein wird nach der Welten Ende.
Die Seelen selbst entstammen dieser Liebe. —
Sie flutet aus des Gottes eignem Herzen,
Sie weiß, dass sie unsterblich lebt,
Und ist deshalb beladen nicht mit Furcht.
Sie hat die Kraft zu widerstehen deinen Ketten,
Und nicht zu achten deiner Flüche.

DER BISCHOF:
O wehe deiner Seele!
Der Fluch auf Erden
Verschließt dir auch das Himmelstor.

KLEONIS [ironisch]:
Und wäre deines Gottes Himmel
Erkauft auch meinem Phosphoros,
Wenn ich mich von ihm lösen könnte?

DER BISCHOF:
Das ist nicht möglich;
Den Weg zu Gott kann finden
Nur, wer vom Gotte kommt.
Wer aber vom Dämon stammt,
Der kehrt zurück zum Dämon.
In Ewigkeit ist er verflucht.

KLEONIS:
O schweig von deinem Himmel!
Gewiss ist mir geworden,
Dass deine Rede keinem Gott entstammt.

DER BISCHOF:
So seid verflucht ihr beide
In Vaters, Sohnes und in Geistes Namen.
Gesprochen sei: Anathema!
Des Satans Macht, sie walte über euch.
Des Lügengeistes Kinder seid für alle Zeit,
Der Schrecken aller Menschen und aller Geister.
Es fliehe euch des Tages Licht,
Umklammern mögen euch der Nacht Gespenster.
Sein Antlitz kehre von euch jeder Christ!
Er jage euch von seinem Tisch und seinem Werk.
In eurer Todesstunde mangle euch des Priesters Segen,
Versagt sei eurer Ehe jede Frucht.
Der Friede komme nie in euer Haus.
Wer Wasser, Brot und Feuer euch beschert,
Er sei verflucht, wie ihr es seid.
Einsam sei euer Wandeln auf der Erde;
Der Schrecken gehe vor euch her,
Der Tod verfolge euch allüberall.
Verjagen sollen euch die Völker aller Länder,
Die Berge mögen über euch zusammenstürzen.
Die Flüsse in ihrem Wasser euch begraben.
In eure Ohren klinge von oben und von unten stets:
Anathema dem Satanspaar, Anathema!
[Zu den Kirchendienern]
Die Fackeln mögen fallen!
[Die Kirchendiener werfen die Fackeln zur Erde und
treten sie mit heißen.]

Es werde niedergetreten euer Leben
Wie diese Fackeln,
Und sterben sollen eure Seelen
wie diese Flammen!

DER MÖNCH [dem Volke das Paar zeigend]:
Der Antichrist und seine Buhlerin!

DIE JUNGEN LEUTE DER PHALANX [die den Hausaltar bewachen, stürzen auf den Mönch mit gezücktem Schwert]:
Du Elender!

PHOSPHOROS [sie mit einer Gebärde zurückhaltend]:
Wir wollen ruhig tragen eure Flüche
Und auch die Schmähung Eurer Sklaven.

[Der Bischof geht mit den Kirchendienern ah. Das Volk ist mit Schrecken zurückgewichen, bleibt aber wie gebannt durch den Anblick des leuchtenden Paares, das in einem Wald von Schwertern, Fackeln und Palmen zwischen der Phalanx und den jungfraun feierlich vor dem Altar stellt.]

DER MÖNCH [beiseite]:
Ich glaube, dass er trotz des Fluches
Sie noch verführen wird.
[laut zum Volk]
Verlasst den Ort, ihr Heiden!

7. Auftritt

Phosphoros, Kleonis

Abendstimmung

PHOSPHOROS:
Welch finsteres Schweigen herrscht hier plötzlich.
Die Nacht beginnt und einsam wird's um uns.
Die Fackeln, deren Licht erloschen.
Sind sie denn wirklich unsere toten Seelen?
Ist alles zu Ende?

KLEONIS [blickt auf die Fackeln und erhebt, dann ergreift sie mit plötzlichem Entschluss Phosphoros' Hand]:
Nein, alles wird geboren aufs Neue!
Erwachen müssen Welten aus der Liebe,
Wenn diese Liebe geistentsprossen!

PHOSPHORCIS [nimmt sie in seine Arme und drückt sie an sich]:
Wir wollen ihnen zeigen,
Dass Menschen, die sich lieben
Mit jener Liebe, die unsterblich ist,
Erbauen können eine Welt.

KLEONIS:
Und Tempel wollen dieser Welt wir sein!

[Vorhang]

German original of The Children of Lucifer Act IV · ← Previous · Next →