I. Akt
[Im Park und Schloss von Kernoët, in der Bretagne]
Erste Szene
[Saint-Riveul und Fulgence]
FULGENCE [(von der Höhe der Freitreppe)]: Schönsten Guten Morgen.
SAINT-RIVEUL [(hebt seinen Kopf)]: Schönsten Guten Morgen, Comtesse.
FULGENGCE [(steigt die Stufen hinab und tritt näher)]: Woher denn so bedächtig?
SAINT-RIVEUL [(einen Elzevir aus der Tasche ziehend)]: Ich ließ mich eben von Voltaire beraten, wie man am besten die Langeweile tötet. - Doch wohin Ihr, so siegesgewiss?
FULGENCE [(einen ganz gleichen Elzevir aus der Tasche ziehend)]: Mich gelüster’s von Rousseau über das Wesen der Einsamkeit belehrt zu werden.
[gegenseitige Verbeugung)]:
SAINT-RIVEUL: Zwei echte Philosophen. Doch anderes ist mir lieber. Für jetzt verlangt es mich Ihrem vielsagenden Antlitz und Ihren rätselvollen Augen die Beichte abzunehmen.
FULGENCE: Gut, forschen Sie; aber ich will Gleiches mit Gleichem vergolten haben.
SAINT-RIVEUL: Wie dem Einen so dem Andern. Dann beginnen wir damit, dass Sie mir das Rätsel lösen, warum Sie schon einen Monat lang dieses düstre Schloss anziehend zum Aufenthalt finden? Was führte Sie denn in dieses Eulennest - Sie die junge, geistreiche Witwe, die Herzöge zu Ihren Füßen knien sah, die dasselbe auch von einem Könige haben könnte, lebten wir nicht im Jahre des Heils 1789, in dem Ludwig des XV. Einfalt über uns herrscht.
FULGENCE: Um meine Freundin, Lucile von Kernoët wiederzusehen, bin ich da. Wir wurden zusammen erzogen im Kloster der Ursulinerinnen. Wir verließen es zur selben Zeit. Sie ging hierher, zu ihrem Vater, ich verheiratete mich.
Wir hörten lange nichts voneinander. Da starb eines Tages der alte Graf von Kernoët, und bald darauf auch der Graf von Frémeuse. Lucile lud mich zu sich ein. Ich zögerte erst zu kommen, dann entschloss ich mich doch. Und, ich hab’ es wirklich nicht bereut, denn unsere alte Freundschaft erneute sich hier nicht nur: Wir kamen uns viel näher.
SAINT-RIVEUL: Fiel denn nicht Ihre Ankunft gerade in die Zeit, als auch Luciles Bruder aus Amerika heimkam?
FULGENCE: Davon hatte ich nicht die geringste Ahnung. Und als ich es bei meinem Eintritte entdeckte, wollte ich mich am liebsten nach drei Tagen wieder davonmachen. Geschwister, die sich nach so langer Zeit wiederhatten, wollte ich nicht stören. Dass ich noch da bin, hat Lucile erzwungen. Was ist sie doch für ein sonderbares Wesen, diese Lucile. Man könnte glauben, sie lebte in einer fremden Welt. Was um sie vorgeht, sieht sie kaum, und Fernliegendes ahnt sie oft ganz wunderbar. Ich glaube ihre Seele kann man nicht erforschen; sie wird von einem dreifach verschlossenen Herzen behütet. Ich kann sie wirklich nicht verstehn, doch muss ich sie bewundern und lieben.
SAINT-RIVEUL: Das wäre alles, was Sie hier hält?
FULGENCE: Ja, das ist das Geheimnis, das Sie ergründen wollten.
SAINT-RIVEUL: Nein, nein, Comtesse, das ist gewiss nicht alles. - Wie steht es denn mit Luciles Bruder? Den erkennt man in der letzten Zeit nicht wieder. Ist das noch derselbe, der kühne Reisen gemacht, den amerikanischen Krieg gekämpft, in Kanada als Pionier gewirkt hat? Er ist weit finstrer und verschlossener, als er vorher war. Wo sind die alten Gespräche über die wilden Wälder; kaum bei den Mahlzeiten sieht man ihn; er schreitet mit schweren Schritten im Ritter-Zimmer auf und ab oder geht ganz allein auf die Jagd. Heute hat er sich überhaupt noch nicht blicken lassen Eingeschlossen hat er sich oben im "Turm mit seinen Landkarten und Büchern. O, Gräfin, wo sollte man den Grund suchen dieser auffälligen Melancholie, wenn Sie nicht Ihre geschickte Hand und Ihren klugen Kopf im Spiele hätten? Ob Sie ihm nicht doch im Kopfe wirbeln, dem unglückseligen Maurice. Ich kenne das bei ihm, er wird schweigsam, wenn er liebt - doch diesmal wird es bedenklich werden.
FULGENCE [(lächelt, indem sie leise ihren Fächer bewegt)]: Ob Sie nicht selber träumen. Ich habe das alles nicht gemerkt, jedenfalls habe ich nichts damit zu tun.
SAINT-RIVEUL: Ihre Beichte ist nicht offenherzig; ich kann Sie nicht absolvieren. Wäre es nicht das Beste, Sie heirateten Maurice? Seine Schwester braucht ihn nicht; sie hat ihre reiche Mutter beerbt. Der Graf von Kernoët hat einen klangvollen Name und ist ein tüchtiger Mann. Was könnte aus ihm werden, wenn Sie den Wilden in einen Hofmann verwandelten?
FULGENCE: Brechen wir ab; Fulgence von Frémeuse hat vom Leben gelernt die Freiheit zu schätzen. Sie könnte auf diese nur verzichten, wenn sie ihren Gebieter fände. Fulgence hat ihn noch nicht gefunden. Nun, mein Herr, Hofmann, Spieler und Nichtstuer der für die Soupers der Régence oder die Vorzimmer der Pompadour besser taugte als für die Zeit, in welcher Mirabeaus Worte gegen Adel und Königtum donnern, welch’ eine verborgene und bedeutsame Absicht hält Sie in dieser Wildheit fest?
SAINT-RIVEUL: Ich kann es kurz machen. Ich brauche nur zwei Worte zu sagen: Ich bin da, um Lucile zu heiraten.
FULGENCE: Und das wäre nicht die reine Torheit! Sie scherzen wohl. Man wird zwischen ihr und Ihnen wohl nicht mehr Verwandtes finden als zwischen einer Karmeliterin und dem Herzog von Richelieu.
SAINT-RIVEUL: Ich bin ein verlorner Mensch. Ludwigs des XV. alberne Tugendhaftigkeit erteilte mir den Befehl: Herr von Saint-Riveul, bessern Sie sich, retten Sie Ihre Ehre, heiraten Sie eine reiche Erbin oder ich schicke Sie ins Exil. Nun ins Exil will ich doch nicht, so heirate ich Lucile.
FULGENCE: Sie wird Sie einfach auslachen ... Diese Träumerin ist eine stolze und unnahbare Seele.
SAINT-RIVEUL [(zieht eine goldene Tabaksdose aus seiner Tasche und nimmt eine Prise zwischen die Finger)]: Comtesse, kennen Sie denn so genau die Untergründe der Menschennatur?
FULGENCE: Ein wenig doch.
SAINT-RIVEUL: Dann dürfte Ihnen vielleicht eines doch nicht entgangen sein: [(Er schnupft langsam und mit Behagen.)]: das Menschenwesen, ob Mann oder Frau, ist schlauer als die anderen Tiere; dafür aber verrückter. Es hat Leidenschaften, hat seine Stelle, an der man ihm beikommen kann. Setzen Sie sich auf die Lauer und warten Sie, bis Sie diese Stelle bemerken - und Sie haben das Geschöpf - ob Mann, ob Frau, Sie erobern es.
FULGENCE: Lucile werden Sie niemals erobern.
SAINT-RIVEUL: Nun, warten wir ab. Vielleicht nicht länger als bis morgen, um zu sehen, wie Sie den Grafen lieben und Lucile sich mit mir verlobt.
FULGENCE: Sie haben wohl Ihre Sinne nicht beisammen, Saint-Riveul.
SAINT-RIVEUL [(auf den Cupido zeigend)]: Sagt nicht Voltaire: Trägst du den Kopf auch noch so hoch, du wirst ihn beugen vor deinem Herrn, der es war, oder es ist, oder es sein wird.
[(Fulgence nimmt lachend den Arm Saint-Riveuls, sie gehen rechts ab.)]:
Zweite Szene
[Lucile, die Mutter Angelika, bald danach Ervoanik, Gaïd und Ulliac]
DIE MUTTER ANGELIKA: Altwürdigem Gebrauche nach hab’ ich dem Schlosse meinen Segen erteilt am Ehrentage der Schlossherrin, gedenkend der großen Ahnin, welche das Kloster der Ursulinerinnen gegründet. Und jetzt, meine Tochter, werde ich in die Kapelle gehen zum Gebet. Doch erst noch will ich ein heilig Vermächtnis deinem Schutze anvertrauen.
LUCILE: Es sei mir wie eine Gabe des Himmels.
[(Sie begleitet voll Ehrfurcht die Äbtissin bis zum Tor der Kapelle; zurückkehrend setzt sie sich in den geschnitzten gotischen Lehnstuhl neben dem eichenen Tisch. Alsbald läuft ein Trupp Kinder herbei mit Sträußen von Ginster und Feldblumen und umgibt sie mit Freudenrufen.)]
Die Kinder: Des Schlosses Herrin lebe hoch.
[(hinter den Kindern schreitet der in Lumpen gehüllte Hirte Ervoanik. Er ist sehr alt, von rauer, fast wilder Majestät. Mit der rechten Hand stützt er sich auf einen langen Hirtenstab, mit der Linken auf die Schulter seiner Tochter Gaïd. Hinter ihm, in einer gewissen Entfernung, schreitet der Matrose Ulliac, als ex-voto ein Schiffsmodell tragend.)]
LUCILE [(ernst, und wie im Traume redend)]: Ich grüße euch, ihr Freunde. Ihr, meine Kinder der Heide und des Waldes, seid meines Schlosses Stolz; ihr seid auch die Hüter der verwaisten, vereinsamten Herrin. [(Sie stützt sich mit dem Ellbogen auf die Lehne des Sessels, dann sagt sie mit plötzlicher Lebendigkeit)]: Meine treuen Diener, welche Festesgaben bringt ihr mir.
ERVOANIK [(beugt die Knie zur Erde und reicht ihr eine Garbe)]: Gott schenke dir langes Leben, du mein schützender Geist, meine holde Königin. Nimm diesen Strauß; Geißblatt, wilde Rose und Farnkraut ist darin. Doch blicke gütig auch auf die paar Halme grünen Korns, die ich noch dazugebe. Wenn du sie nimmst, wird der Segen Gottes auf dem Felde ruhen, dass du gnädig mir zugewiesen hast.
LUCILE [(nimmt die Garbe)]: Hab’ Dank, Ervoanik, deine Saat wird zum goldnen Weizen werden.
ERVOAANIK (erhebt sich)]: Was ich bin, bin ich durch dich, meine Herrin. War ich doch nur ein armer, hungriger Hirte, der von alten Zeiten träumte, und der mit seinem Hund in einem Felsenloch lebte. Da schenktest du mir ein schönes Rohrhäuschen und ein Stück Feld. [Die seien] für mich, hast du gesagt. Und jetzt bin ich kein armer Hirte mehr, ich darf für dich den Pflug durch die Heide ziehn; ... ja, noch etwas hast du gesagt, dass ich selbst einmal ein Feld -, ein recht großes Feld besitzen soll.
LUCILE: Ervoanik, du wirst es eines Tages sicher haben.
ERVOANIK: Es erfreut das Auge, wenn man das Korn auf dem eignen Felde sieht und von der eignen Erde aus die Glocken klingen hört.
LUCILE: Und du, Gaïd, mein Mädchen mit den Augen, die blau und grün wie das wilde Meer sind - was bringst du mir.
GAÏD [(kniet nieder und legt auf Luciles Knie gesponnenes Garn)]: Diese Wolle hab’ ich selbst gesponnen. Gott gebe dir langes Leben und einen lieben Mann.
LUCILE: Ich danke dir, mein Kind; du hast brav gearbeitet. Gain: Den ganzen Winter lang. Als die Herde im Stalle war, da hörte man nur immer Vaters alte Geschichten - da arbeitet man, weil es sonst langweilig ist.
ERVOANIK: Sie ist lieber bei der Herde und singt lustig Lieder; es gefällt ihr nicht recht, wenn der Vater sie zum Spinnen anhält.
GAÏD: Ja, und gnädiges Fräulein haben gesagt, wenn ich brav arbeite, bekomme ich von Ihnen einen schönen Hochzeitsschleier. Wissen Sie - den Sie selbst gestickt haben - ich hab’ ihn schon gesehn - ja, in Ihrem Schranke, da ist er.
ERVOANIK: Sie ist ein bisschen überspannt - red nicht so viel, Gaïd.
LUCILE [(belustigt)]: Den Schleier wirst du bekommen, wenn du einen Mann gefunden haben wirst.
GAÏD [(nähert sich, mit leiser Stimme)]: Ich hab’ ihn schon - nur Vater will nicht.
LUCILE: Lasse dir noch ein wenig Zeit. Vorerst arbeite fleißig und gehorche deinem Vater. [(Gaïd erhebt sich schmollend.)]: ... Und du, Ulliac, welch’ wunderbares Ding hältst du in der Hand? Und so ernst bist du, wie wenn du bei einer Prozession das Schiffsbanner trügest.
ULLIAC [(nähert sich)]: Das ist unser Smaragd, gnädiges Fräulein, das Schiff, das der gnädige Herr Maurice hat bauen lassen und das mit uns die Reise nach Amerika gemacht hat und das sie nochmals mit uns machen wird. Der Smaragd, wie er leibt und lebt, gnädiges Fräulein. Schauen Sie, nicht einmal eine Kugelöffnung fehlt; jede Segelstange und jedes Segel ist da. Und wisst, wer den für Euch geschnitzt hat. Ich, der Ulliac, habe das gemacht. Findet Ihr ihn nicht zierlich, und geschickt gemacht. Nicht? Und nicht einmal schwer ist er, der Wicht, leicht wie ein Vogel.
LUCILE [(gerührt)]: Und mir schenkst du das schöne Schiff, das auf jedes Meer segeln könnte?
ULLIAC: Ob ich es Euch schenke, frägt Ihr noch. Euch gehörte es schon immer; ich konnte den Tag nicht erwarten, an dem ich es Euch bringen darf. Als wir mit unserm Schiffe aus der Hudson Bay herausfuhren, rückte uns ein englischer Kreuzer bedenklich nahe. Es schien, als ob in einer Stunde es vorbei sein müsste mit unserer goldenen Freiheit. Da dacht ich an die Schwester meines Herrn, an Fräulein Lucile ... und ich gelobte, wenn wir gerettet werden, ein Schiff für unsere Frau von Kernoët zu bauen ... Da drehte sich der Wind der Smaragd mit ihm und wir waren frei. [(Er beugt ein Knie zur Erde.)]: So müsst Ihr mir schon erlauben, gnädige Schlossfrau, mein Gelöbnis zu erfüllen.
LUCILE [(erhebt sich feierlich, nimmt das Schiff aus Ulliacs Händen, drückt es an ihr Herz. Dann reicht sie dem Matrosen die Hand zum Kuss und lässt ihn aufstehen.)]: Da hast mir das schönste Festgeschenk gebracht, Ulliac, nie werde ich das vergessen. Ulliac [vertraulich)]: Wenn wir wieder nach Amerika reisen, kommt Ihr mit uns, nicht wahr, gnädige Schlossfrau?
LUCILE [(die immer noch das Schiff an sich drückt)]: Gewiss werde ich kommen ... (Beiseite): Mit ihm über das Meer!
GAÏD ([hat sich] zu Ulliac [geschlichen und flüstert ihm heimlich zu]): Heute Abend ... am Heiderand ... an der Schlucht!
ULLIAC [(desgleichen)]: Ich werde dort sein.
ERVOANIK [(der die ganze Szene mit eifersüchtigem und miss trauischem Auge beobachtet und gesehen hat, wie sich die Köpfe der Hirtin und des Matrosen nähern, fährt dazwischen)]: Zwischen euch darf es keine Heimlichkeiten geben. Was soll mein Kind mit einem meerfahrenden Habenichts machen. Gaïd soll einen Mann haben, der Land besitzt.
ULLIAC: Halte deinen Dünger bei deiner Hütte fest - mir gehört das ganze Meer - und auch die Hirtin — sobald ich will.
ERVOANIK [(erhebt seinen Stab, um ihn zu schlagen)]: Diebskerl.
Lucie: Meine Diener müssen sich vertragen. Bleibe ruhig, Ervoanik. Bedenke Land und Meer brauchen einander. Bringt jetzt eure Gaben in die Kapelle. Herzlichen Dank euch allen. Gou segne euch. [(Sie gibt Ulliac das Schiff wieder.)]: Nur dein Geschenk nehme ich unter meinen besondern Schutz. [(Sie setzt sich.)]
[(Ervoanik nähert sich dem Tor der Kapelle, indem er sich auf Gaïds Schulter stützt, diese wendet sich, um ein Zeichen dem Matrosen zu geben.)]:
ULLIAC [(auf den Hirten zeigend)]: Erde will der haben. So einer ... [(Er geht in die Kapelle.)]:
Dritte Szene
Lucile. Mutter Angelika.
DIE MUTTER ANGELIKA [(tritt aus der Kapelle, ein elfenbeinernes Kästchen in den Händen haltend. Sie stellt es auf den Tisch vor Lucile und bleibt unbeweglich neben dieser stehen.)]: Gedenkst du deiner Mutter, Lucile?
Lucie [(sitzend)]: Ich habe sie nur ein einziges Mal gesehn: Sie lebte ihr einsames Leben im Kloster; ich wurde von einer mürrischen "Tante erzogen. Doch wenn ich sie auch nicht kannte, liebte ich meine Mutter. Bei ihrem Tode weinte ich.
DIE MUTTER ANGELIKA: Sie starb in meinen Armen. Dieses Kästchen schließt ihr Bild und einen Brief für dich ein. Er enthält ihr letztes Wort an ihre geliebte Tochter. Sie nahm mir das Gelöbnis ab, das Kästchen dir zu geben, sobald du reif zur Heirat sein würdest. [(Lucile ergreift das Kästchen.)]: Es enthält das Geheimnis deiner Mutter und vielleicht auch das deines Schicksals.
LUCILE: Meines Schicksals, sagt Ihr.
DiE MUTTER ANGELIKA: Lucile, du bist jetzt dem Leben und der Erwartung zugetan; doch ist deine Seele zu stürmisch und zu hoffnungsvoll, um Befriedigung im Irdischen zu finden; du wirst sie in Gott nur finden.
LUCILE: Wie könnt Ihr glauben, dass ich meinen Bruder je verlassen werde?
DIE MUTTER ANGELIKA: Mein liebes Kind, diese Welt ist so geartet, dass uns verlässt, was wir nicht verlassen. An den Tag, an dem eine verhängnisvolle Leidenschaft dein warmes und einsames Herz erfassen sollte, kann ich nicht denken, ohne einen Abgrund des Leidens sich für dich eröffnen zu sehen. Suche das Glück, das dir begehrenswert scheint; aber vergiss nicht, dass es einen Ort gibt, wo du ein Heilmittel für alle Schmerzen [findest], eine Vergebung für alle Fehler, wohin du dich retten kannst nach allen Schiffbrüchen. Führt dich, meine Tochter, dein Weg nach diesem Ort, so werden diese Arme dich liebend empfangen.
LUCILE [(wirft einen fast strengen Blick zu der Äbtissin, dann neigt sie das Haupt und küsst ihr die Hand)]: O wie danke ich Euch, Mutter Angelica.
DIE MUTTER ANGELIKA: Gott mit dir, lebe wohl. [(Sie geht ab.)]:
[(Lucile setzt sich sinnend nieder und stützt das Haupt auf die Hand.)]:
Vierte Szene
Lucile. Maurice.
MAURICE [(scheint jemanden im Park zu suchen; dann nähert er sich Lucile, die ihn nicht kommen sieht)]: Lucile, du bist heute so ernst!
LUCILE [(hebt ruhig das Auge zu ihm empor)]: Du weißt Maurice, mein Geburtstag stimmt mich immer traurig.
MAURICE: Dein Geburtstag — heute? Wie konnt ich dies so ganz vergessen.
LUCILE (beiseite): Es ist das erste Mal ...
MAURICE: Verzeihe mir, meine liebe Lucile; die Arbeit nahm mich ganz ein - meine Karten - die unbekannten Meere ... Doch ohne Säumen will ich Stechpalmen und Mistelzweige dir in dein Zimmer bringen.
LUCILE: Tue es, lieber Maurice. Doch möchte ich dir vorher noch etwas Wichtiges sagen.
MAURICE: Etwas Wichtiges? Was ist es denn?
LUCILE: Wahrhaftig Wichtiges. Diese Nacht versetzte mich ein Traum an den Quell des Lebens; wie in dem weiten Lichtmeere sah ich mich, wo das Bedeutungslose des Lebens aufhört, wo aber in Flammenschrift unser Schicksal sich offenbart. Was der Traum enthielt, ich weiß es nicht mehr, doch als ich erwachte, fühlte ich Kraft und Frieden in meiner Seele, und ich hatte klar vor mir - deine Zukunft.
MAURICE: Meine Zukunft? Ich weiß doch selbst nichts von ihr, wie solltest du sie gesehn haben?
LUCILE: Ich kann es; ich habe ein Recht dazu. Gedenke unserer Jugendzeit. Erriet ich deine Gedanken nicht, bevor sie gebildet waren, erinnere dich, wie wir die Heide durchstreiften und, wenn der Tag zu dämmern begann, davonstürmten, nur unsrem Herzensdurste folgend.
MAURICE [(traurig)]: So war es. Suchten wir das Meer ...
LUCILE: Gedenke doch, wie uns Schauer erfasste, als wir von der Felsklippe herab zum ersten Male das grenzenlose, Länder umfassende Meer vor uns hatten. Unsere Jugendstürme begannen ... Ein einziger Traum erfüllte unsere durstigen Seelen.
MAURICE [(hingerissen)]: Von Amerika träumten wir.
LUCILE: Wie wir einmal in den wilden Urwäldern freie und edle Menschen vereinen würden, mit kühnem Mut und freien Herzen. Weißt du es noch.
MAURICE: Nicht mehr, Lucile, ich fühle mich durch diese Erinnerung wie betäubt.
LUCILE: Doch will ich, dass du mich anhörst. War ich nicht auch im Geiste bei dir, als du freudig ohne mich hinausfuhrst in die Neue Welt, während ich meine Tage im Kloster der Ursulinerinnen verträumte. Du durftest an Washingtons, Rochambeaus, Lafayettes Seite leben, der Helden, die jenseits des Meeres für ein Reich der Freiheit wirkten. Ich konnte nur von der Terrasse des Klosters den Blick ins weite Meer senden.
MAURICE: Du hast recht. Ich fühlte dich an meiner Seite im Kampfgewühle; ich hörte den Gesang deiner Seele im Schweigen der Nächte.
LUCILE: Du gehst wieder hin - [(Sie ergreift seinen Arm in plötzlicher Bewegung.)]: dann mit mir.
MAURICE: Ob ich gehe, ich weiß es noch nicht, Lucile.
LUCILE: Das weißt du nicht? Vergisst du, was du dir vorgesetzt?
MAURICE: Im spätern Alter zerrinnen oft die Jugendträume.
LUCILE: Den Schwächlingen zerrinnen sie. Die Tüchtigen führen sie aus. [(Sie zeigt auf das linke Wappenschild am Eingangstor des Schlosses.)]: Blick auf dieses Schild: ein Lorbeerbaum mit abgeschnittenen Zweigen auf blutrotem Felde; darauf der stolze Wahlspruch: «Durch meine Wunden werde ich stark.» So geziemt es denen, die zum Hause Kernoët gehören. [(Sie zeigt auf das rechte Waffenschild.)]: Und das andre Schild, nicht weniger kühn: ein silberner Schwan auf himmelblauem Felde, die Schwingen zum Fluge breitend, von einem Pfeile durchbohrt, kündet er: «Sterbend lasse ich mein Lied ertönen.» Dies ist meiner Mutter Wappen — und das meinige. Sollte es jemals möglich sein, dass du diesen Wahlsprüchen untreu wirst? Spricht aus ihnen nicht der Heldenmut deiner Ahnen und die Sehnsucht meines Herzens; sprechen nicht unsere Hoffnungen aus ihnen zu unserer beiden zum gleichen Flug sich rüstenden Seelen? Ja, Maurice, du wirst in die Neue Welt wieder gehen und ich mit dir. Deine Lucile begehrt nicht nach einem Teile deines Ruhmes und deines Glückes; doch lasse sie deine Leiden und dein Werk mit dir teilen ... Und wenn dies vollbracht ist, will ich in Frieden unter einem Grashügel mit wilden Blumen im Dunkel eines Urwalds ruhen. Dann wirst du öfter dahin kommen und an Luciles Grab träumen.
MAURICE [(geängstigt)]: Du - vor mir sterben -, [(mit Entschiedenheit)]: o gewiss, wenn ich abreise, dann kommst du mit.
LUCILE [(ihm beide Hände auf die Schultern legend)]: Wie glücklich macht es mich, an Erfüllung unsres Traumes zu denken. Doch warum [bist du nicht] froh, Maurice.
MAURICE [(sich plötzlich abwendend)]: Das bedeutet nichts. Doch sage mir, was ist in dem Kästchen?
LUCILE: Die Äbtissin bracht’ es mir. Es enthält meiner Mutter letzten Willen.
MAURICE: Der Mutter, die mir so rätselhaft ist; sie starb im Kloster; warum durfte ich sie nie sehen?
LUCILE: So ist es, die Äbtissin sprach davon, dass dieses Kästchen vielleicht mein Schicksal in sich schließe.
MAURICE: Es ist alles so sonderbar zwischen uns, fast übernatürlich, Lucile. Wir haben nicht dieselbe Mutter. Dein schweigsamer Vater wollte dich nicht um sich haben. Ich war dein einziger Beschützer. Weißt du, dass ich mich oft fragen musste, ob du denn wirklich meine Schwester bist?
LUCILE [(erschrocken)]: Wenn ich nicht deine Schwester wäre - wer wäre ich denn?
MAURICE: Wer soll es wissen — doch, wir wollen das Kästchen öffnen. [(Er legt die Hand auf das Kästchen.)]::
LUCILE [(stößt ihn mit plötzlicher Bewegung zurück)]: Nein, nicht du, das Geheimnis meiner Mutter ist mein Eigentum. [(Sie zieht den Schlüssel aus dem Kästchen und macht einen Schritt zur Kapelle.)]:
MAURICE: Was willst du?
LUCILE: Es drängt mich, zu beten. [(Sie tritt in die Kapelle.)]:
Fünfte Szene
[Maurice setzt sich in den Lehnstuhl und stützt das Haupt auf den Ellbogen. Fulgence kommt leisen Schritts aus der Allee, bleibt beim Cupido stehen und beobachtet Maurice.]
FULGENCE [(die sich genähert hat)]: Graf von Kernoët, wie glücklich bin ich, Sie hier zu finden.
MAURICE [(aufstehend mit kühler Verbeugung)]: Verzeihen Sie, gnädige Frau, ich dachte nicht, dass Sie hier sind.
FULGENCE: Warum denn nur so verstimmt? Wirklich, wie verwandelt ist der Herr dieses Hauses. Wo bleiben unsre Spaziergänge unter den Ulmen? Unsere Reitausflüge in die Wälder, wo die heitern Abendunterhaltungen?
MAURICE: Ich bin durch einen neuen Reiseplan von allem andern abgezogen. Die Arbeit ist kein geringerer Tyrann als die Liebe.
FULGENCE: Sie lieben sie wohl sehr, Ihre amerikanischen Wildnisse?
MAURICE: Ich liebe sie; nur in ihnen kann man ein freier und glücklicher Mensch sein. Hier ist man unter allen Umständen ein Sklave und ein Unglücklicher.
FULGENCE: Ich finde sie so beglückend, diese Ruhe nach dem Sturm. Wie war es doch schön, wenn Sie von so viel Aufregendem sprachen im Schatten der Bäume. Ich war ganz Ohr und hoffte noch so viel zu hören und Sie wollen mich jetzt verlassen ... Graf von Kernoët, warum fliehen Sie vor mir?
MAURICE [(mit plötzlicher Heftigkeit)]: O, Sie wissen es gut, Sie feinsinnige und grausame Frau. Sie wissen, dass ich Sie liebe. Damals wars, als bei jenem wilden Ritt, wo aus Ihren Augen so viel von dem Feuer Ihres liebedurstigen Herzens sprach, wo Sie aus dem Sattel glitten, und in meine Arme fielen, da haben Sie mir meine Ruhe geraubt. Ich kenne mich selbst nicht mehr, ich mag nicht mehr an meine Pläne denken; nur an Sie muss ich denken. Ich sage mir ja oft, dass es Torheit ist, wenn ein derber Weltenwandrer, ein Kriegsmann der Neuen Welt, ein Schwärmer wie ich eine Frau wie Sie an sich fesseln will, die Überfluss und Schönheit liebt - und doch immer wieder sagt ein Etwas in mir: Du kannst ohne sie nicht leben. Wie oft ich mir auch vorhalte: dass Sie glücklich, bewundert, Witwe, schön seien, dass Sie schon früher die Liebe kannten; wie oft ich mir klarmache, dass ich auf Ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eifersüchtig bin —, mein Herz begehrt nach Ihnen, es drängt stürmisch nach der reizenden, launischen, tyrannischen Frau mit der Anmut einer Königin und Fee zugleich. Dies Herz spricht immer wieder: Mögen sie Andre flüchtig geliebt haben, die geistreicher, weltgewandter, höfisch gebildeter waren; eine freie Seele und ein ganzes Leben haben sie ihr nicht dargeboten. Die aber biete ich Ihnen. [(mit Angst erfüllter Stimme)]: Sagen Sie mir, Fulgence, lieben Sie mich?
FULGENCE [(neigt den Kopf über ihren Fächer)]: Graf von Kernoët, ich bin Ihnen zugetan und Ihre Liebe schätze ich, doch müssen Sie mir erlauben, dass ich sie erst prüfe.
MAURICE: Das mögen Sie tun. Diese Liebe kann Prüfungen wohl bestehen.
FULGENCE: Sie sind eine stolze und freie Seele; das bin ich auch. Können solche Seelen sich ineinander finden? Darf ich Sie lieben? Darf ich daran denken, Sie zu heiraten. Sie träumen von Ihren Reisen und Siegen in der Neuen Welt; ich liebe nur meine französische Heimat. Können Sie für mich auf Ihre amerikanischen Pläne verzichten?
MAURICE (zögernd): Ich will es.
FULGENCE: Sie sind Besitzer eines Stammgutes und lieben dies. Werden Sie für mich auf die bretagnische Heimat verzichten, und mit mir in Paris und am Hofe leben wollen?
MAURICE (sich überwindend): Auch dieses will ich.
FULGENCE: Sie haben eine sehr sonderbare und sehr edle Schwester. Ich kenne sie ein wenig; sie war meine Freundin im Kloster. Sie hat eine große Macht über Sie, und, wie es heißt, besitzt sie den Schlüssel zu Ihrer Seele. Ich bin sehr eifersüchtig. Wenn ich Sie heirate, so muss ich Sie ganz allein besitzen. Können Sie sich von Lucile zu meinen Gunsten trennen.
MAURICE [(bestürzt und verlegen)]: Von Lucile mich trennen? Sie ist doch ein Teil meiner selbst - unsre Seelen sind wie eine einzige. Als wir Kinder waren, war ich schon ihr Beschützer. Was würde aus ihr werden, wenn sie mich nicht hätte? Unmöglich.
FULGENCE: Graf von Kernoët, Ihre Liebe kann die Prüfung nicht bestehn.
MAURICE: Wie versteh’ ich das?
FULGENCE: Sie lieben Lucile mehr als mich.
MAURICE: Aber das sind doch ganz verschiedene Gefühle; die stören sich doch nicht.
FULGENCE: Mir genügt, dass Sie mir zeigten, welches das stärkere ist.
MAURICE: Sehen Sie denn nicht, wie ich Sie liebe? Doch, ich bitte Sie, denken Sie nicht daran, an meiner geschwisterlichen Liebe zu Lucile rütteln zu können - die ist fest wie der Felsen in den Meereswogen. Sie umbranden ihn; erschüttern können sie ihn aber nicht.
FULGENCE: Graf von Kernoët, die Prüfung ist beendet. Sie lieben mich nicht.
MAURICE: So hören Sie, ich flehe Sie an.
FULGENCE: Bemühen Sie sich nicht weiter; ich liebe Sie nicht mehr. [Sie steigt die Stufen der Freitreppe hinauf und wendet sich noch einmal um.)]: Wie er sich mir widersetzt hat. Ist mir so etwas schon jemals von einem Mann begegnet.
Sechste Szene
Maurice, Lucile.
LUCILE [(tritt aus der Kapelle und nähert sich ihrem Bruder, der wie versteinert dasteht)]: Maurice, was ist mit dir?
MAURICE: Das unheilbare Leiden.
LUCILE: Welches Leiden?
MAURICE: Ach, Morgane ist wieder da.
LUCILE: Morgane? Morgane? Dieses Wort kommt aus den dunklen Tiefen meiner Seele herauf. Wie eine leuchtende Blume aus düsterm Wasser. An was erinnert es mich nur?
MAURICE: Denke doch daran, wie wir eines Tages eine Quelle besuchten, und wie du an derselben von einem seltsamen Schlafe befallen wurdest. Du erwachtest erst, als ich deine Augenlider mit meinen Lippen berührte. Der Hirte Ervoanik behauptet, auf der Quelle ruhe ein Fluch, sie sei von der Fee Morgane bewohnt, die so schön sei, dass sie den tötet, der sie sieht. Du glaubtest damals an die Märchen des Alten der Heide und wolltest niemals wieder dahin gehen.
LUCILE: Ich habe die verzauberte Quelle wirklich nicht wieder gesehn.
MAURICE: Ich jedoch fühlte bei dem Namen Morgane mein junges, stürmisches Blut in Aufruhr. In meiner Phantasie lebte die Fee Morgane fort; ich sah in dem Bilde, das von ihr in mir entstand, alle zauberhaften Reize und die höchste Schönheit. Über allen Baumeswipfeln schwebte sie für mich; ich hörte sie im Donner rollen; im Blitze fühlte ich das Feuer ihrer Küsse. War das nicht Torheit? Wie oft rief ich wachend nach meiner berückenden Fee, wie viele Tränen weinte ich in Nächten um sie. Als ich dir von meiner Torheit sprach, da lachtest du erst, dann aber wurdest du auf Morgane eifersüchtig.
LUCILE: Ja, wahrhaftig, so war es.
MAURICE: Dann kam die Zeit, wo mir Morgane aus dem Sinne kam. Die Soldatenzeit, das Meer, Amerika gaben mir andres zu denken. Und heute ist sie wieder da. Doch ist sie jetzt kein Hirngespinst, nein, sie hat die Gestalt einer lebenden Frau angenommen, die mich so an sich fesselt wie die andre und die mich tötet.
LUCILE: Eine Frau? Wer?
MAURICE: Fulgence, deine Freundin.
LUCILE [(entgeistert)]: Fulgence!
MAURICE: Sie ist es. Erst hasste ich sie fast. - Dann sah ich die Hingabe, die sich unter dem Stolz, die Zärtlichkeit, die sich unter dem Spott verbergen. Sie ist gefährlicher wahrlich als Morgane. Ich liebe sie. - Doch liebt sie mich nicht. Sie hat es mir eben gesagt. Meine liebe Lucile, du bist ihre Freundin, du wirkst Wunder wie eine Heilige, du kannst andre durch deinen starken Willen beeinflussen. Bewirke, dass Fulgence mich liebe. Wirke durch Überredung, durch Schmeichelei, durch Drohung, wie du magst - doch bewirke, dass sie die meine wird, ich muss sie besitzen. O tue es, ... ich werde sonst wahnsinnig oder sterbe. Willst du mit ihr reden?
LUCILE [(die mit starren Augen ins Leere geblickt hat wie
fasziniert durch eine Feuersbrunst, wendet den Kopf zu ihrem
Bruder, reicht ihm die Hand und sagt mit sanfter Stimme)]: Ich will es.
Siebente Szene
[Lucile, bald danach Fulgence, dann Maurice.]
LUCILE [(ist wie vernichtet in den Lehnstuhl gesunken)]: So musste es einmal kommen ... Fulgence oder eine andre ... Und für mich bleibt das Kloster.
[(Fulgence kommt die Freitreppe herunter; sie erblickt Lucile und wendet sich nach der andren Seite. - Ihr Gang ist fieber haft, ihre Bewegungen sind hastig; sie zerknittert ihren Fächer und setzt sich auf die marmorne Bank neben den Cupido.)]:
LUCILE [(zu ihr hintretend)]: Fulgence, glaubst du nicht, dass es schön wäre, in dem Frieden eines solchen Schlosses zu lieben?
FULGENCE: Wie kommst du darauf?
LUCILE: Ladet denn hier nicht alles ein zur Liebe? Das Geheimnisvolle der Natur und auch der Vergangenheit! Man fühlte sich in dieser Einsamkeit wie in einem tiefen Walde, in dem die Liebe wie ein wunderbares Zauberwesen leben könnte. An dieses einsame Schloss wirst du zurückdenken in Paris! Was ist Versailles den Schatten dieses Schlosses gegenüber!
FULGENCE: Ich kann dieses Schloss nicht lieben, wie von Geistern der Vergangenheit ist man überall umgeben ... außerdem verfolgt mich dein Bruder.
LUCILE: Sage doch - er liebt dich.
FULGENCE: Daran glaub’ ich nicht.
LUCILE: Es ist gewiss, Fulgence.
FULGENCE (steht auf)]: Es ist noch nicht lange her, dass er sich mir hochmütig widersetzte. Das hat mir wahrhaftig noch kein Mann geboten. Ich hasse ihn.
LUCILE: Also - liebst du ihn ja doch.
FULGENCE [(mit nervösem Lachen)]: So verspottest du mich! Nun gut, ich kann morgen abreisen. [(Lucile schlingt ihre Arme um Fulgence und blickt sie fest an.)]: O deine Kälte, Lucile, wahrhaftig wie eine Statue.
LUCILE: Du musst mich wirklich anhören, Fulgence, bedenke, dass das Leben meines Bruders in deiner Hand ist. Er liebt dich ohne Grenzen. Diese Liebe wird ihm den Tod bringen, wenn du nicht seine Frau wirst. Und ... ich will, dass du ihn liebst.
FULGENCE: Ach ... ich fühle sie wieder, die Sibylle im Kloster ... wie oft zwangen sie mich nieder, diese schwarzen, großen Augen ... mich, die sich für unbezwingbar hielt ... Jetzt aber wird es dir nicht gelingen. Ich bin stärker geworden.
LUCILE: Erzwingen will ich nichts; nur aus deiner Seele holen, was schon in ihr ist. [(mit sanftem Necken)]: Ich habe einstmals oft in deinen Augen gelesen. Lass es mich wieder ... Ja, wahrhaftig, ich lese Zorn, meine Gräfin, doch hinter dem finstern Nebel — was sehe ich, - den kleinen Gott, der lächelnd - schmollt. Sollte dies nicht doch etwas zu bedeute haben -!
FULGENCE [(sich frei machend)]: Wär’ es so, ich müsste dir böse sein. Soll ich zur Sklavin werden. Ich will mir meine Freiheit bewahren. Abreisen will ich.
LUCILE: Fulgence, verstehst du denn nicht, was die Eine große Liebe bedeutet gegenüber den vielen kleinen. Ich will es dir sagen.
FULGENCE: Du kennst sie also?
LUCILE: Es ist mir, als ob ich sie stets gekannt hätte und als ob mein Leben eins mit ihr wäre.
FULGENCE: Was also ist sie?
LUCILE: Sich im Geliebten selbst verlieren.
FULGENCE: Das ist - sich selbst vernichten?
LUCILE: O nein, das ist, sich erst wahrhaft selbst finden. Nur in sich leben, ist der Tod.
FULGENCE: Bei mir müsste die Liebe etwas anderes sein. Der Andere müsste sich in mir verlieren, und meine Herrschaft über ihn ohne Grenzen sein.
LUCILE: Wenn du Maurice liebst, wirst du über seine Seele gebieten, wenn er auch der Gebieter deines Lebens sein wird.
FULGENCE: Würdest du nicht ängstlich, wenn ich Ernst machte, und ausführte, was du anstiften willst?
LUCILE: O, nein.
FULGENCE: Erinnere dich an dein Wort im Kloster. Du sagtest, ich besitze den Schlüssel zu seiner Seele, und ich werde für alle Zukunft darin die Gebieterin sein.
LUCILE: Das ist vorbei.
FULGENCE: Lucile, ist das die - große Liebe?
LUCILE [(blickt mit sanfter Feierlichkeit ihr in die Augen)]: Es ist die Liebe, mit welcher Schwestern lieben können.
FULGENCE [(küsst sie)]: Du bist recht aufgeregt. So wäre in der Statue eine Feuerseele?
LUCILE: Da - Maurice.
[(Fulgence tritt verlegen von ihr weg und pflückt Rosen in der Hecke.)]:
MAURICE [(zu Lucile)]: Hast du etwas erreicht?
LUCILE: Sie leugnet es noch - doch ich versichere dir, sie liebt dich.
MAURICE: Lucile, wie danke ich dir, liebe
LUCILE. Lucie: Du gehörst jetzt ihr.
MAURICE [(zu Fulgence)]: Kommen Sie nicht mit mir in den Garten, Gräfin?
FULGENCE: Sehr gerne.
MAURICE [(auf die Rosen deutend, die sie in der Hand hält)]: Und diese Rosen, sind sie für mich?
FULGENCE: Wie Sie sich ihrer würdig zeigen werden.
Achte Szene
Lucile, allein, dann Saint-Riveul.
LUCILE [(allein, sie setzt sich)]:; Es soll also so sein. Es bedeutet sein Glück ... das Kästchen ... [(Sie öffnet den auf dem Tische stehenden Schrein und zieht ein Miniaturbild daraus hervor.)]: Ein Bild! Meine Mutter, ja, so war sie. Ein wehmütiger Zauber in dieser Seele. ... [(Sie zieht einen versiegelten Brief aus dem Schrein.)]: Ein Brief, mit dem Siegel meiner Mutter. [(die Adresse lesend)]: An Lucile «von Kernoët». ... Warum ängstige ich mich ... es ist mir, als ob ich das Siegel an meinem Schicksal löste. [(Sie öffnet und liest.)]: «Meine angebetete Lucile!
Vor mir liegen nur wenige Lebenstage noch und der letzte Gedanke meiner Erdenfahrt wirst du sein. Ich hatte gelobt, dir das Geheimnis deiner Geburt und der Schuld deiner Mutter niemals zu enthüllen; doch kann meine schwache Seele den Druck dieses Geheimnisses nicht ertragen; sie braucht deine Verzeihung, die mir deine reine Seele nach meinem Tode sicher gewähren wird. Du sollst wissen, dass deine Mutter eine große Sünde begangen hat. Du bist nicht die Tochter des Grafen von Kernoët, sondern die eines Gastes unseres Hauses, der meinem Herzen verhängnisvoll geworden ist, des Herrn von Trévern. Du warst noch nicht geboren als der Graf mein Vergehen entdeckte. Er tötete Herrn von Trévern im Zweikampf, und mich schloss er mit Erlaubnis des Königs in das Kloster der Ursulinerinnen ein. Er rächte sich dadurch, dass er dich von mir trennte. Fünfzehn Jahre lang habe ich im Kloster Buße getan für mein Sünde. Ein einziges Mal, wie du wohl wissen wirst, durfte ich dich sehen, als du ein ganz kleines Mädchen warst. Der treue Hirte brachte dich zu mir. Ich sah deine himmlische Seele in deinen Augen. Sie blieb bei mir. Der Gedanke an deinen Blick und deine Umarmung war der Trost zehn einsamer Jahre. Du bist die Frucht meiner Sünde, aber auch der Engel meiner Buße. Vergib mir und bete für die Seele deiner Mutter, welche dich liebt und dich segnet.»
O diese Enthüllung. ... Maurice ist das Kind der ersten Ehe ... wir haben nicht dieselbe Mutter ... und auch sein Vater - ist nicht mein Vater. Er ist nicht — mein Bruder ... Ich bin - nicht seine Schwester. [(mit leiser Stimme)]: Ein andres Blut ist in unsern Adern. Wir hätten uns dann ... anders lieben können. [(laut)]: O, warum habe ich dieses Siegel erbrochen. Welche wirren Gedanken steigen mir auf!
[(Man hört in der Ferne eine leise und wehmütige Melodie.)]:
... Der Hirte spielt Dudelsack auf der Heide ... Warum krampfen mir diese Töne das Herz zusammen? ... I (schmerzlich lächelnd)]: O, dieselben wie damals, als Maurice und ich im Ginster lagen, im Mondenschein einer Sommernacht. Da jubelte sie, die unbegrenzte Zukunft vor unsere Seelen. Klagt sie jetzt über die verlorene Vergangenheit? ... Maurice und Fulgence sind wohl in der Nähe ... [(Sie nähert sich der Rosenhecke und blickt durch die Zweige.)]: ja, da gehen sie, ganz nur sich hingegeben ... alles andere vergessend ... doch jetzt bleiben sie stehen ... sie neigt den Kopf nach ihm ... ihre Blicke verlieren sich ineinander ... [(Sie wendet sich jählings ab und kehrt erregt auf den Vordergrund der Bühne zurück.)]: Was befällt mich; ich habe diese Liebe doch bewirkt. Habe ich ein solches Glück nicht verdient? Bin ich zur Einsamkeit bestimmt? [(Die Dämmerung bricht ein. Saint-Riveul erscheint im Hintergrunde und schleicht in der Entfernung um Lucile herum. Diese ergreift das Bild ihrer Mutter und bedeckt es mit Küssen.)]: Mutter, gib du mir Rat!
[(Saint-Riveul, der sich allmählich von hinten genähert hat, ergreift die Hand Luciles und küsst sie.)]:
LUCILE [(stößt einen Schrei aus, verbirgt das Bild in den Falten ihres Spitzentuchs und blickt entsetzt auf Saint-Riveul)]: Warum sind Sie hier?
SAINT-RIVEUL: Also Sie verachten mich, gnädiges Fräulein! Sie misstrauen mir wohl, Sie wollen mir Ihre Geheimnisse nicht anvertrauen? Glauben Sie, ich werde sie verraten, ich, Saint-Riveul, der Freund Ihres seligen Vaters? Sie beleidigen mich - Sie sind grausam. Sie besahen wohl das Bildchen eines Freundes? Hat er blonde Locken, ist er Gardeoffizier mit braunem Schnurrbart? Mir können Sie es ruhig sagen.
LUCILE [(hat mit gekreuzten Armen zugehört, wie um ihren Schatz zu verbergen)]: Wessen unterfangen Sie sich. [(Sie nimmt mit einer Gebärde der Ungeduld das Bild aus den Falten ihres Spützentuchs und zeigt es ihm.)]: Ich halte das Bild meiner Mutter in der Hand. Erröten Sie vor dieser Heiligen.
SAINT-RIVEUL: Wahrhaftig. Sehr ähnlich, gnädiges Fräulein. Sie war sehr schön und sehr verführerisch, diese - Frau von Trévern.
LUCILE [(zusammenfahrend)]: Frau von Trévern. Was gibt Ihnen ein Recht, meine Mutter so zu nennen?
SAINT-RIVEUL [(tut, als ob er sich versehen hätte)]: O, bitte zu verzeihen, gnädiges Fräulein, es war ein Versehen - ich meine Frau von Kernoët.
LUCILE: Sie wissen ...
SAINT-RIVEUL: Ich weiß alles. Ihr Vater konnte nicht darüber hinwegkommen. Der bedauernswerte Mann.
LUCILE: Er hat sich gerächt ... Mich und die Mutter hat er auseinandergerissen; sie ist tot und mein Herz ist verwundert.
SAINT-RIVEUL: Wir können anderer Dinge gedenken, an die wir uns mit mehr Freude erinnern. Da fällt mir ein, wie ich vor Jahren zuerst in dieses Schloss kam. Der Graf von Kernoët wünschte, dass wir uns heiraten. Sie waren kaum fünfzehn Jahre alt; ich machte Ihnen den Hof. Eines Tages trafen wir eine alte Zigeunerin, die uns weissagte, dass wir Mann und Frau werden. Als ich voll Freude Sie fragte: Wollen Sie, Lucile, stieg Ihnen die Zornröte ins Gesicht. Das gefiel mir. Aus dem schüchternen Mädchen war im Nu eine Dame geworden, die schön war in ihrem Zorn.
LUCILE [(zerstreut)]:; War es so? Ich habe das vergessen. [(Sie blickt wieder auf das Bild ihrer Mutter.)]:
SAINT-RIVEUL: Umso öfter habe ich daran gedacht. Seit dieser Stunde liebe ich Sie, Lucile, und jetzt frage ich Sie wieder: Wollen Sie meine Frau werden?
LUCILE [(zuckt die Achseln wie verloren in andre Gedanken)]: Ich liebe Sie doch nicht. Das wissen Sie doch wohl.
SAINT-RIVEUL: Lernen Sie mich erst kennen, dann werden Sie mich lieben. Doch, davon abgesehen; Sie können doch nicht allein bleiben; Maurice ist in Fulgence verliebt, er wird sie heiraten.
[(Lucile verbirgt hastig das Bild in ihrem Busen.)]:
Was wollen Sie hier machen, in dieser grässlichen Einsamkeit? Wenn Sie mich haben, haben Sie ein glänzendes Leben, Paris, der Hof, die große Welt.
LUCILE: Dieses Leben schätze ich gering und weise es weit von mir. Ich habe mir ein anderes erträumt, ein solches in Ernst und Frieden, an der Seite meines Bruders, hier im Hause unserer Vorfahren, oder ein solches der unbegrenzten Freiheit, drüben in Amerika. ... [(mit sanfter Exaltation)]: Maurice war im Grunde meine Welt. Seine Seele wird immer mir zugehören, er wird sie mir nicht entreißen können ... [(mit plötzlicher und leidenschaftlicher Erregung)]: Trotzdem entreißt sie mir Fulgence, ... und ich habe sie ihr selbst gegeben! Nun werde ich ihn nicht mehr behüten können! Sie ist ja eifersüchtig auf meine schwesterliche Liebe, und auf meine Macht.
SAINT-RIVEUL [(der Lucile beobachtet, mit Schadenfreude beiseite)]: Sie sind keine Blutsverwandten ... So liebt keine Blutsverwandte ... so leidenschaftlich ... Da fasse ich sie, da liegt die Stelle, wo ich an sie herankomme ...
LUCILE [(mit starrem Auge)]: Allein ... Es bleibt nur das Kloster.
SAINT-RIVEUL (sich an ihr Ohr neigend)]: Wenn Sie mich heiraten, werden wir mit Maurice überall zusammen sein, wo Sie wollen.
LUCILE [(mit freudigem Erbeben)]: Versprechen Sie es mir?
SAINT-RIVEUL Nicht das allein. Bedenken Sie, wenn Sie meine Frau sein werden, wird Fulgence auf Sie nicht mehr eifersüchtig sein. Sie werden für sie nicht Maurices Schwester, sondern Frau von Saint-Riveul und Weltdame sein. Sie wird in dem Gedanken leben, Sie gehörten mir oder einem Andern. Ich kenne nun Fulgence von Fr&meuse gut genug, um zu wissen, dass es ihren Ehrgeiz und ihre Herrschsucht aufstacheln wird, wenn sich ihr Maurice völlig ausliefert. Dann wird sie aus dem amerikanischen Krieger eine Salonfigur machen, Aber im Grunde ihres Wesens ist sie doch launisch und leidenschaftlich. Maurice kann sie beherrschen, wenn er es verstehen wird. Sie, die Sie ihn kennen, werden ihm mit Ihrem Rate dann beistehen können. Sonst wird er von Stufe zu Stufe tiefer sinken in die schmähliche Abhängigkeit der Liebe; er wird dieser Frau die Schlüssel seiner Seele ganz überliefern und zuletzt sein stolzes Haupt ihr zu Füßen legen.
LUCILE [(erschrocken)]: Wäre das möglich? Wenn, ich bedenke, dass er sich selbst doch nur in mir gefunden hat. Und wie war ich bemüht, ihm zum Selbstbewusstsein zu verhelfen!
SAINT-RIVEUL: Wer wird ihm weiter dazu verhelfen?
LUCILE: Niemand.
SAINT-RIVEUL: Sehen Sie nicht, dass Sie allein ihn retten können? Geben Sie mir Ihre Zusage.
LUCILE [(wie zurückkehrend zum Gefühl der Wirklichkeit]: Nein. Ich kann nicht. [(Sie setzt sich und bedeckt einen Augenblick das Gesicht mit den Händen. Beiseite)]: Wie schwer wird mir dies! Maurice verlassen ... oder mich diesem Menschen ausliefern.
SAINT-RIVEUL [(der sie von nahe beobachtet)]: Bedenken Sie, das Kloster nimmt Ihnen Maurice für immer, und ich gebe ihn Ihnen.
[(hat einige Schritte in den Hintergrund gemacht und kommt zurück)]:
Da kommt das fröhliche Paar; die Liebe im Herzen, die Freude im Antlitz. Geben Sie mir Ihre Zusage? Lucite [(sich erhebend, mit dumpfer Stimme)]: Ich gebe sie. [(Sie gibt Saint-Riveul die Hand, der sie kraftvoll ergreift.)]:.
Neunte Szene
Dieselben. Fulgence, am Arme Maurices
FULGENCE [(strahlend)]: Lucile, du hattest recht; besser ist die Eine große Liebe als die vielen kleinen. Du hast mich erschüttert, dein Bruder hat mich bekehrt. Da steht mein Herr und Gebieter. Sieh mich an; eine andere bin ich. Und sieh ihn an; auch er ein andrer. Ist er nicht strahlend vor Freude?
[(Lucile steht stumm mit gesenktem Haupte.)]:
SAINT-RIVEUL [(leise zu Lucile)]: Sie schweigen? Soll ich unsre Verlobung mitteilen?
LUCILE [(regungslos)]: Ja.
SAINT-RIVEUL: Graf von Kernoöt und Gräfin von Frömeuse, vom ganzen Herzen wünsche ich Ihnen Glück; ich we es umso mehr, als ich mit anderem Rechte als vorher Teilnehmer dieses Glückes sein darf. Wir haben den Tag der Überraschungen und der glücklichen Paare. Wir bilden ein Vierblatt. [(Er ergreift Luciles Hand, die ihn gewähren lässt, ohne das Haupt zu heben.)]: Fräulein von Kernoßt hat soeben ihre Hand versprochen Herrn von Saint-Riveul, der sein Leben ihr zu Füßen legt.
MAURICE [(bestürzt, lässt Fulgences Arm fahren und nähert sich einen Schritt)]: Wie? Verlobt, ohne mich zu fragen? Lucile, du schweigst. Ist das wahr?
LUCILE [(sieht ihm plötzlich streng ins Gesicht)]: Wahr.
MAURICE [(nimmt ihre Hand und zieht sie beiseite, in die Nähe der Kapelle)]: Und du liebst diesen Mann?
LUCILE: Warum sollte ich nicht; liebst du denn nicht diese Frau?
MAURICE: Doch dich, meine Lucile, dich hielt ich für unnahbar.
LUCILE: So möchtest du, dass ich ins Kloster gehe?
MAURICE: Da sei Gott davor. Doch seh’ [ich] dich am Arme Saint-Riveuls, so fühle ich meine mir heilige Jugend und meinen göttlichen Traum zusammenstürzen.
LUCILE: Wahrhaftig. Er könnte doch auch in dir zusammengestürzt sein ... Doch an einem Ort wird er nicht ersterben, ... nicht in seinem Heiligtum. [(Sie legt ihre Hand aufs Herz.)]:
MAURICE: Gelobst du mir dies?
LUCILE: Das gelob ich dir, Maurice.
MAURICE: Engel des Himmels, doch welch’ dunkles Geheimnis verbirgst du mir?
LUCILE: Lass es genug sein. Versuche es nicht zu erforschen. Ich kenne es selbst nicht. Ich weiß nur, dass dieses Geheimnis eine schreckliche und erhabene Macht ist, welche in unser Leben eingreifen wird.
MAURICE: Du ängstigst mich. Du gleichst einer bekränzten Druidin, die mit der Sichel bewaffnet, erhobenen Hauptes zu einem blutigen Opfer geht. Wer denn bist du?
LUCILE: Die Hüterin deiner Seele.
MAURICE [(der plötzlich wieder heiter wird)]: Ja, die bist du. Hast du mir nicht Fulgence gegeben? So gebe ich dir Saint-Riveul, da du ihn liebst.
LUCILE [(ergreift plötzlich den Arm Saint-Riveuls)]: Hierher, Kinder, Dudelsäcke vor! Die Freude soll leben. Wir wollen fröhlich sein. Die ganze Nacht soll an meinem [Geburtstag] getanzt werden.
[(Das Tor der Kapelle öffnet sich, das Innere erscheint erleuchtet durch brennende Kerzen. Eine Truppe von Kindern läuft aus ihr heraus, Ginsterzweige schwingend, sie umringen Saint-Riveul und Lucile mit Freudenrufen. - Ervoanik, Gaïd und Ulliac knien nieder, Sträuße darbietend, der Dudelsack spielt eine frenetische Tanzweise und der Vorhang fällt beim dröhnenden Ruf:)]
ERVOANIK, GAÏD, ULLIAC, DIE KINDER: Die Schlossherrin lebe hoch.
(Vorhang):