II. Akt

Ein Boudoir der Herzogin von Paris, im Faubourg St. Germain. Panneaus im weißen Stuck. Im Hintergrunde eine geöffnete Tür, links ein Fenster und eine geschlossene Tür, darüber ein mythologisches Gemälde. Schreibtisch, daneben ein Lehnstuhl. Rechts Kamin mit Spiegel und einer Pendeluhr in Form einer Lyra, auf welcher ein Amor die Stunde zeigt: daneben eine Chaiselongue.

Erste Szene

Fulgence: im Stadikleide, sitzt neben dem Schreibtisch; Lucile in einem hellblauen Kleide, eine Rose in der Taille, auf der Chaiselongue in nachlässiger Haltung; sie ist in ein Buch vertieft. Herr von Kéralio und Herr von Marigny kommen aus dem Hintergrunde, mit der Gräfin und der Baronin am Arm; später Ulliac.

DIE GRÄFIN (am Arm Keralios): Wie heißt dieser Contretanz?

KÉRALIO: Die zerbrochenen Räderachsen.

GRÄFIN: Vorzüglich.

DiE BARONIN (am Arm Marignys): Und der andere?

MARIGNY: Die Feste von Paphos.

BARONIN: Himmlisch.

KÉRALIO: Und nun zur Schlacht. Doch bitten wir vorher die Damen, uns die weißen Kokarden anzustecken?

(Die Gräfin und die Baronin ziehen große weiße Kokarden aus ihren Beuteln und heften sie an die Hüte der Herren, die mit Federn geschmückt sind.):

KÉRALIO: Vielen Dank, schöne Frau. Damit werde ich die ränkevollen Patrioten in die Flucht schlagen.

MARIGNY: Und ich die großmäulige Sanscoulotten.

(Lärm auf der Straße):

DIE BARONIN (erschrocken): Was ist's?

ULLIAC (im Matrosenanzug, aus dem Hintergrund): Ein Sergent vom Royal-Allemand ist da. Der Prinz von Lambese lässt dem Herrn Grafen und dem Herrn Baron sagen, dass er Sie in der Kaserne erwarte. Die Truppen müssen ausrücken ... (Er reibt sich die Hände.): Das wird was werden!

MARIGNY: Wir werden kommen.

(Ulliac geht ab.):

(Lärm auf der Straße. Zur Bastille, zur Bastille! Die Baronin klammert sich angstvoll an die Gräfin)

DIE GRÄFIN: Fürchten Sie sich nicht!

KÉRALIO: Fürchten, wenn Sie da sind?

MARIGNY: Fürchten; wir verändern doch nur den Tanzplatz.

DIE BARONIN (hört zu zittern auf und lacht laut): Sie sind entzückend!

KÉRALIO: Und jetzt die Bänder an die Degen.

DIE GRÄFIN: Ja, die Bänder, die wir gestickt haben. (Sie zieht aus ihrem Beutel ein Band.): Das meine ist golden.

DIE BARONIN (macht das Gleiche): Das meine ist rot.

(Kéralio und Marigny reichen ihre Degen.):

KÉRALIO (zur Gräfin): Wahrhaft glänzend wie Ihre Augenwimpern.

MARIGNY (zur Baronin): Das meine rot wie Ihr Mund.

DIE GRÄFIN (befestigt das Band am Degen Kéralios): Auf Wiedersehn, Sie Taugenichts.

DIE BARONIN (nachdem sie das ihre am Degen Marignys befestigt hat): Leben Sie wohl und bleiben Sie nicht lange fort.

(KÉRALIO und Marigny gehen ab.):

DIE BARONIN: Wie ich mich auch zusammennehme, ich zittre wie Espenlaub. Könnte es nicht sein, dass sie zugrunde gehen?

DIE GRÄFIN: Denken Sie das nicht. Gott sorgt für die Sorglosen.

DIE BARONIN: Es sind traurige Zeiten. Lebt wohl, Liebesspiele!

DIE GRÄFIN: Im Gegenteil, jetzt kommen sie erst.

DIE BARONIN: Dann lebe die Revolution!

(Sie gehen lachend nach dem Hintergrund ab.):

Zweite Szene

Fulgence, Lucile, später Ulliac.

FULGENCE (steht in Ungeduld auf): Begreifst du diese Toren? Sie tanzen auf einem Vulkane.

LUCILE: Glücklich sind diejenigen, die eine Binde vor den Augen haben und den Sturm nicht herankommen sehen.

(Ulliac tritt ein.):

FULGENCE: Was bringt Ihr?

ULLIAC: Nichts Gutes, Frau Gräfin. Das Volk hat sich der Waffen des Invalidenhauses bemächtigt. Vierundzwanzigtausend Musketen erglänzen im Sonnenschein und rollen durch Paris wie ein Strom aus Eisen. Einen Schmied mit schwarzem Schurz sah ich Piken schmieden, dass die Funken nur so flogen und der Amboss fast entzweiging. Von jetzt an wird jeder sich selber den Donner schmieden. Die Sturmglocke wütet und die ganze Stadt schreit: Zu den Waffen!

FULGENCE: Was wollen sie!

ULLIAC: Gnädige Frau, Hunger haben sie, und die Freiheit wollen sie.

FULGENCE: Wo ist Herr von Saint-Riveul?

ULLIAC: In Versailles, um die Befehle der Königin entgegenzunehmen. Aber man kann nicht wissen, ob er zurückkommen kann. Alle Straßen sind voll von Soldaten und überall sind brennende Barrieren.

FULGENCE: Und der Graf von Kernoët?

UrLLiac: Der sagte, er wolle zur Bastille gehen und alles sich ansehen.

FULGENCE: Zur Bastille. Man wird ihn dort töten!

LUCILE: Sei ruhig. Er hat einen Schutz. Ich fühle es. Man wird ihm kein Haar krümmen.

FULGENCE (zu Ulliac): Haben Sie ihn weggehen sehen?

ULLIAC: Ja, gnädige Frau, er ging mit der Herzogin.

FULGENCE (für sich): Immer mit der Herzogin (zu Ulliac): Sehen Sie, wohin der Graf gegangen ist.

(Ulliac geht weg.)

FULGENCE: Was sagst du dazu?

LUCILE: Gar nichts. Es wird die Stimme des Schicksals bald furchtbar durch die Welt tönen. Ich will die Stimme Gottes abwarten, der im Innern der Menschen spricht. Vorher will ich schweigen.

FULGENCE (setzt sich neben sie): Lucile, ich habe weder deine Stärke noch deine Ruhe. Ich kann oft den Kopf verlieren oder außer mir sein, oder starr sein vor Angst. Frankreich fiebert, der Thron gerät ins Wanken; unser Leben ist in Gefahr. Doch glaube mir, das ist es nicht, was mich am meisten beunruhigt. In der Verwirrung, die entsteht, verändert sich alles, die nächsten Verwandten, die Freunde, sie verändern sich. Alles ist wie besessen von unbekannten Geistern. Weder Maurice noch Saint-Riveul habe ich früher so gesehen, und auch dich, - selbst dich nicht! Was muss ich alles beobachten? Manchmal glaube ich, in deinem Schweigen berge sich ein Blitz ... Lucile, was geht in dir vor?

LUCILE: In mir? Ich bin immer die Gleiche und weiß nicht, was du meinst.

FULGENCE: Vor einem Monat kam ich mit Maurice aus Kernoët zurück, um hier euch und die Herzogin zu treffen. Einen ganzen Monat leben wir zusammen, und nicht einen Augenblick hast du gefunden, um mir dein Herz zu öffnen. Ich habe eine Freundin verlassen, und eine Fremde wiedergefunden. Es scheint, als ob du Maurice und mich vermeiden möchtest. Denkst du nicht mehr daran, dass er dein Bruder ist und ich deine beste Freundin bin?

LUCILE: Ihr gehört ganz der Pracht von Versailles. Dahin kann ich dir nicht folgen. Das ist nicht nach meinem Geschmack.

FULGENCE: Leider, Maurice ist dort nicht beliebt, und zwar durch seine eigne Schuld. Doch scheinst du mir deinem Gatten noch mehr entfremdet als mir. Wie stehst du zu Saint-Riveul? Bitte, sage mir die Wahrheit.

LUCILE: Ich werde dir sonderbar, vielleicht entartet erscheinen, doch fühle ich mich nur als das Werkzeug eines Schicksals, das ich mir nicht selbst bereitet habe, und dessen letzter Sinn mir unbekannt ist. Ich habe Saint-Riveul niemals geliebt.

FULGENCE: Ja, warum hast du ihn dann geheiratet? Einer Andern könnte man dies zumuten, von dir ist es ungeheuerlich!

LUCILE: Ich wusste, dass ich niemals einen Mann lieben werde. Mein Traum von Liebe ist zu weit und zu hoch für diese Welt. Ich dachte an das Kloster, um ihn zu verwirklichen; aber das Kloster erschien mir wie ein Grab. Ich wollte Welt und Leben kennenlernen; Saint-Riveul bot sich mir an, und ich heiratete ihn. Am Tage unserer Verlobung versprachen wir uns gegenseitige und unbedingte Freiheit. Ich überließ ihm das ganze Vermögen, das von der Mutter herrührt; er entsagte allen Gattenrechten. Am Tage nach unserer Hochzeit verließen wir Kernoät und gingen nach Paris. Er führte einen ganzen Monat lang sein Leben in Paris, wie er es liebt; bald bei den Intrigen des Oeil de Baeuf, bald bei den Orgien des Palais-Royal. Doch bald bemerkte ich, dass er nicht nur in meinem Vermögen das Mittel haben wollte, um das ihm gefällige Leben zu suchen, sondern dass er aus mir ein Werkzeug seines Ehrgeizes machen wollte. Ich versagte es ihm, das erzürnte ihn, und meine Verachtung entflammte unbestimmte Leidenschaften in ihm; er wollte mich entehren, um mich in seine Gewalt zu bekommen. Als er wie ein wildes Tier gestern in mein Zimmer drang, - siehst du, da schützte mich mein kleiner Dolch, vor dem er entfloh. Fulgence, ich kenne jetzt die Welt ... aber er kennt mich auch ... [(Sie zieht einen kleinen Dolch hervor, der unter der Rose versteckt war.)]

FULGENCE: Was hast du getan? Ich kenne Saint-Riveul. Dein Widerstand wird, was vielleicht Laune war, in wilde Leidenschaft verwandeln. Dann wird er zu allem fähig sein.

LUCILE: Er hat nicht mehr Macht über mich als das Eisen über den Diamant. Der jungfräuliche Wille ist ebenso unzerbrechlich wie durchsichtig. Er ist aus kristallisieriem Feuer.

FULGENCE: Dann halte dir den Tod stets vor Augen.

LUCILE: Den fürchte ich nicht; meine Hoffnungen sind ihm voraus gestorben.

FULGENCE: Du bist furchtbar in deinem Hasse, Lucile: wie sanft würdest du sein, wo du wirklich liebtest!

LUCILE (steht rasch auf): Das ist nicht möglich. Gott hat es nicht gewollt.

FULGENCE: Warum denn? Hast du niemals jene Erregung verspürt, die den ganzen Menschen bis in die Tiefen des glühenden Herzens geht? LuciLE (unterbricht sie): Sprechen wir doch von Maurice, den du liebst! Hast du mir denn keine Geheimnisse zu sagen. Es gibt Gewitterwolken zwischen euch. Was ist geschehen. Vertrau es deiner Schwester.

(Sie setzen sich neben dem Schreibtisch.):

FULGENCE: Ein kurzes Paradies; dann die Hölle; und was mag noch kommen. (Das Weitere stolz, später triumphierend): Unser Honigmond in Kernoöt nach eurer Abreise, war ein Rausch des Glückes. Maurice ging ganz in mir auf, wie niemals ein Mann in einem Weibe. Ich war die wahre Königin seines Herzens. Wir ließen uns nicht aus den Augen kommen, wanderten des Morgens in Feldern und Wäldern umher, abends im Schatten des Parks. Wir gehörten uns ganz.

LUCILE: Und jetzt?

FULGENCE (unruhig erregt): Seit wir in Paris sind, ist alles anders. Plötzlich ist es, als ob wir durch einen Schleier getrennt wären! Ich habe ihn der Königin vorgestellt und erwartete, dass er Hauptmann der Leibgarde werde. Was tat er? Vor Marie Antoinette rühmte er Mirabeau und die Nationalversammlung, sodass die gute Königin mit zurückgeworfenem Kopfe ihn fragte: Zählen Sie sich zu den Ständen oder zum Adel, Herr Graf von Kernoët? Maurice antwortete nichts; aber er hat seinen Fuß nie mehr in das Schloss von Versailles gesetzt, und er ist nur noch in Gesellschaft unserer Feinde. An die Karriere, die ich erträumt, ist nicht mehr zu denken. Seither ist Krieg zwischen uns.

LUCILE: Und warum dies?

FULGENCE: Du ahnst es nicht? Die Herzogin!

LUCILE: Wie?

FULGENCE: Ja, die Herzogin, die Freundin, welche Maurice in die Nähe der Königin bringen sollte, diese Herzogin, welche mir versprochen hatte, für unsern Ruhm und unser Glück zu sorgen, sie hat Maurice mir entrissen, sie hat mich verraten!

LUCILE: Maurice, dich verraten nach zwei Monaten der Ehe? Deine Leidenschaft betört dich.

Euch bringt nicht eine Frau auseinander; das bewirken eure verschiednen Arten, das Leben anzusehn.

FULGENCE: Ich weiß wohl, was ich sage. Ich habe Augen, ich habe Ohren.

LUCILE: Und wo ist ein Beweis?

FULGENCE: Am Tage der Vorstellung, in Versailles, bei einem Nachtfeste, spielten unsichtbare Musiker in der Orangerie ein Menuett (In diesem Augenblick spielen die Geigen das Menuett hinter der Szene — Fulgence erbebt.): - Dieses Menuett. - Die Königin war eben mit den Prinzessinnen vorbeigegangen, mit weißen Federn wie Paradiesvögel geschmückt. Da kam die Herzogin an Maurices Arm. Ich konnte aus dem Hintergrund einer Laube alles sehen. Sie gingen langsam in der Dunkelheit. Sie flüsterte ihm einige Worte ins Ohr. Es handelte sich um eine Flucht.

LUCILE: Um die Flucht des Königs, zweifellos.

FULGENCE: Nein, um die ihre. Ich las es in ihrem Gesichte; ich hörte es aus ihrer bebenden Stimme heraus.

LUCILE: Du phantasierst, meine Liebe; ich kenne Maurice. Er liebt die Herzogin gewiss nicht.

(Das Violinspiel hört auf.)

FULGENCE: Du glaubst? So höre weiter. Eines Abends, als ich von einem Besuche heimkehrte, sah ich in einer engen Gasse Maurice am Arme einer Frau. Der Schein einer Laterne machte sie mir sichtbar.

LUCILE (unruhig): Hast du richtig gesehn?

FULGENCE: Sie war maskiert und trug [einen] schwarzen Domino.

LUCILE (erschreckt, für sich): Das war ich!

FULGENCE: So pflegt sich die Herzogin zu verkleiden. Bist du jetzt überzeugt?

LUCILE (erschreckt): Ich weiß nicht ... du täuschest dich ... ich versichere dir.

(Es treten Maurice und die Herzogin ein.):

FULGENCE: Sieh nur, da sind sie in derselben Verkleidung! Wagst du noch zu sagen, dass ich mich geirrt habe?

Dritte Szene

Dieselben. Maurice, die Herzogin im schwarzen Domino. Sie trägt die Maske im Sinne der Zeit der Regentschaft; schwarzer Atlas mit weißem Munde.

DIE HERZOGIN (legt hastig Maske und Domino ab, wirft sie in einen Lehnstuhl; ist im weißen Atlaskleide mit weißen Federn und Diamanten im Haar): Ich ersticke unter dieser Maske. Ich bin vor Schreck fast gestorben. Fulgence, was habe ich erlebt! Ich wollte die Aufträge der Königin zu Lambese bringen. Doch ich hatte mit dieser wilden Horde nicht gerechnet ... Männer in Lumpen, mit gestohlenen Patronentaschen, seltsame Helme auf dem Kopf, versperrten mir den Weg. Säbel, Hämmer und Piken schwangen sie. Beschimpfungen. Ein Gebrüll wie von wilden Tieren. Frauen aus dem Volke, die wilden Weiber der Hallen: warfen sich auf mich, fassten mich mit ihren Händen an, die härter waren als eine Zange. Sie schrien: Seht die Spionin der Österreicherin! Ich wäre verloren gewesen, hätte Ihr Gemahl mir nicht das Leben gerettet.

FULGENCE [trocken und bitter):]: Sie sind mir unverständlich, Herzogin. Sie setzen sich Lebensgefahren ohne Nutzen aus und Sie führen die Aufträge der Königin schlecht aus. Wie können Sie in einer solchen Zeit im Faschingskostüm auf die Straße gehen? Das ist eine Torheit in dieser Zeit.

DIE HERZOGIN (mit Hoheit): Gräfin, ich sage Ihnen, ich bin in meinem ganz dem Dienste des Königs und der Königin gewidmeten Leben in dieser Verkleidung überall durchgekommen. In Klubs, Salons, im Palais Royal. Überall fand ich anständiges Entgegenkommen und höfliches Lächeln. Paris, das über alles spottet, hat vor dem maskierten Vergnügen Achtung. Das weiß ich, deshalb trete ich so auf. Aber Sie haben recht. Die Zeiten sind andere geworden. Was soll aus dem König werden, wenn die Bastille erobert wird?

MAURICE: Gnädige Frau, ein König ist mächtig, wenn er die Menschen zwingt, ihn zu lieben, weil er zu ihrem Wohle wirkt. Wenn der heilige Ludwig oder Heinrich IV. heute lebten, machten sie die Bastille dem Erdboden gleich. Dann errichtete das dankbare Volk auf dem Boden der Zwingburg Statuen. Das waren wirkliche Könige. Doch dieser Ludwig XVI. Er versteht weder zu kämpfen noch zurückzuweichen. Macht er einen Schritt drohend vorwärts, so folgt er sogleich mit einem nach rückwärts. Heute ist Mirabeau ein König. Er ist ein ganzer Mann, der den Herzschlag des Volkes fühlt. Seine Löwenstimme erschüttert mit ihrer Gewalt die Basuille.

DIE HERZOGIN: Und die arme edle Königin. Nie werde ich ihren Blick beim Abschied vergessen. Stolz in der Angst noch. Mut, der aus Tränen strahlte. Gehen Sie nach Paris, sagte sie zu mir, Sie meine teure Freundin, aber schonen Sie Ihr Leben. Es ist an den Königinnen, das ihre zu opfern, wenn es gefordert wird! Ich fürchte, es ist alles verloren. (Sie drückt das Tuch vor die Augen, um die Tränen zu trocknen, und nimmt es dann schnell weg.): Herr von Kernoët verlassen Sie uns nicht in der Not!

MAURICE: Bleiben Sie ruhig, gnädige Frau, ich werde Sie bewachen.

DIE HERZOGIN: Ich werde noch heute nach Versailles fahren.

(Sie klingelt, Ulliac tritt ein.):

FULGENCE [ (nimmt Ulliac beiseite):]: Bereiten Sie alles, mein Lieber, wir reisen noch heute nach der Bretagne.

(Die Herzogin geht mit Lucile ab.):

ULLIAC (für sich): Ich glaube wahrhaftig, die wissen nicht, wo sie den Kopf haben, der Sturm hat ihn [ihnen] umgedreht. Wären sie nur einmal auf dem Meer gewesen. (Er geht ab.):

Vierte Szene

Fulgence, Maurice

FULGENCE (geht auf ihn zu): Maurice, liebst du mich noch?

MAURICE: Was soll die Frage? Versteht sich dies nicht von selbst?

FULGENCE: Nun gut, dann beweis es mir, indem du in einer Stunde mit mir nach der Bretagne abreisest.

MAURICE: Was bedeutet das?

FULGENCE: Paris ist nicht mehr erträglich.

MAURICE: Und Versailles?

FULGENCE: Noch weniger.

MAURICE: Ich dachte, Sie liebten Versailles?

FULGENCE: Jetzt nicht.

MAURICE: Sie sind launisch wie das Meer, gnädige Frau; aber ich bin hartnäckig wie ein Bretagner.

FULGENCE: Überlegen Sie, Graf, was Sie tun; trotzen Sie diesmal Fulgence von Fr&meuse nicht. Werden Sie mit mir gehen?

MAURICE: Ich bedaure, gnädige Frau, reisen Sie ab, wenn es Ihnen beliebt; doch ich gehe von Paris vor dem Ende des Kampfes nicht fort.

FULGENCE: O, steht es so.

MAURICE: Ja, so steht es. Und Sie haben es selbst so gewollt. Hätte ich ohne Sie Kernoët verlassen? Meine Gedanken waren auf große Reisen, auf Kämpfe jenseits des Meeres im freien Lande nur gerichtet. Sie träumten von Auszeichnungen, vom Hofe, von glanzvollen Festlichkeiten. Sie haben mich nach Versailles geschleppt, und wollten mich in der Leibgarde sehn. Der König und die Königin haben mich nicht als einen der ihrigen anerkannt, und vielleicht haben sie recht gehabt. Doch Paris verlassen an dem Tage, wo das Schicksal des Volkes in einem harten Kampfe sich entscheiden soll ... Niemals! Es lag an Ihnen, mich nicht hierher zu führen; doch in der Stunde, wo die Minute Mutter der Jahrhunderte ist, werden Sie mich nicht verhindern, diese Minute mitzuerleben, und zu handeln, wie es mein Gewissen mir auferlegt. Sie haben mich in den Sturm geworfen, ich bleibe darin.

FULGENCE (sieht ihm in die Augen): Maurice, ich bitte dich, bringe meiner Liebe dieses Opfer.

MAURICE: Die wahre Liebe knechtet nicht, sie befreit.

FULGENCE [ (beobachtend):]: Ah, nun kenne ich Sie. Ihren König, Ihre Ehre, Ihre Frau verraten! Sie sprechen von Volk, von Gewissen, von Freiheit? Sie lieben die Herzogin; ihretwillen wollen Sie hier sein.

MAURICE (erstaunt): Die Herzogin! Können Sie diese Torheit wirklich glauben?

FULGENCE: Ich weiß alles. Es war von euch verabredet, euch zu treffen in einer Art, die harmlos scheint. Es war Ihnen genehm, innerhalb der Menge die Geliebte in die Arme zu nehmen, um sie zu verteidigen. (Sie deutet auf den Domino der Herzogin.): O diese Verkleidung. - Jetzt weiß ich ... Ihre Worte bedeuteten, dass Sie beide diese Nacht entfliehen. Ist es so?

MAURICE: Fulgence, Ihre Ungerechtigkeit empört mich. Versuchen Sie es, sich zu beruhigen und die Wahrheit einzusehn.

FULGENCE: Nein, mich kann nichts beruhigen. Alles, was ich sehe, alles, was Sie sagen, bestärkt mich in meiner Überzeugung. Noch ist es Zeit, Maurice, ... Es handelt sich um unser Schicksal, um mein Leben, um Ihr Leben ... kommen Sie mit mir?

MAURICE (sieht sie an und zuckt mit den Achseln): Ich glaube wahrlich, Sie haben recht. Es wäre meiner mehr würdig, die Herzogin zu lieben. Sie hat mich gelehrt, mutig zu sein, indem sie für die Königin ihr Leben wagte; doch Sie, Sie predigen mir die Flucht.

FULGENCE: Es ist genug. Mich so zu beleidigen, ist niedrig. Niemals werde ich Ihnen dies verzeihn. Weh Ihnen, dass Sie an meine Liebe nicht geglaubt haben; mögen Sie bewahrt bleiben vor dem Hasse Ihrer Fulgence ... Leben Sie wohl.

(Sie geht durch die Türe links ab. Maurice setzt sich nachdenklich nieder.)

Fünfte Szene

Maurice, Lucile, diese kommt aus dem Hintergrund, setzt sich auf die Chaiselongue und nimmt ihre Lektüre wieder auf, wie wenn sie Maurice nicht bemerkte.

MAURICE (erhebt sich und geht auf sie zu): Noch immer in deine Bücher vertieft?

LUCILE (hebt den Kopf, lächelt): Ich habe mich aufgegeben. Gott kann mich nur noch in dir treffen.

MAURICE: Liebe Lucile, du bist schön wie der Mond hinter einer Wolke, aber so traurig und schweigsam auch wie er.

LUCILE: Ja, oftmals verdunkelt, niemals getrübt.

MAURICE: Warum redest du so selten mit mir?

LUCILE: Sind Worte dazu nötig. Ein Blick verrät mir deine Gedanken. Seit ich dich verlassen habe, habe ich mich ganz Gott hingegeben. Jetzt durchdringen sich schweigend unsre Seelen am besten.

MAURICE: So ist es. Es spricht der liebe Blick deiner Augen. Neben dir kommt mir der Friede meiner Kindheit, die Fröhlichkeit meiner Jugend. Ich möchte dir eine Erinnerung erzählen. Ich sah, als ich in den Hafen von Neufundland einfuhr, dort einige Seeleute den Heliotrop in kleine Beete pflanzen; in den Eisfeldern des Nordens. Sie atmeten in den armen frierenden Blumen die ferne Bretagne ein. So ist es mir an deiner Seele, aus der ich den milden Duft der verlornen Heimat atme.

LUCILE (lächelt und neigt den Kopf): Sieh, hier sagt Fenelon: «Was wir lieben, wird nicht sterben.» Welcher süße Trost in dem Gedanken: Du wirst nicht sterben, Maurice, weil Lucile dich liebt. (Sie reicht ihm das Buch und zeigt auf die Stelle.)]

MAURICE: Du träumst von der ewigen Heimat! Was gibt uns Gewissheit, dass sie nicht ein bloßer Traum sei, aus unserem Wunsch geboren?

LUCILE: O nein, das ist sie nicht - ich lebe in dieser Heimat — und lebend schau ich sie. Im Dunkel des Erdenlebens seh ich den weißen Reigen der Seele in diese Heimat aufsteigen und höre die Stimme der Ewigkeit.

MAURICE: Und ich, Lucile, höre nur die Stimme des nahenden Ungewitters. Hörst du nicht dies ferne und schauervolle Brausen. Auf dem Meere, wenn der Himmel schwarz ist, und Sturm die Lüfte durchwühlt, kann man gegen die Elemente kämpfen. Doch hier in diesem Völker-Gewitter fehlen Steuer und Segel uns. —

LUCILE (Sie zeigt fieberhafte Heiterkeit, durchmisst das Zimmer mit großen Schritten.): Ich möchte die Luft dieses Völkergewitters atmen. Ich will in diese wühlende Menge. (Sie ergreift Domino und Maske der Herzogin, welche von der Herzogin liegen gelassen worden sind.): Erinnerst du dich, wie wir eines Abends heimlich weggingen und ich diese Verkleidung der Herzogin nahm, um nicht erkannt zu werden. Als wir vom Klub der Bretagner zurückkehrten, führtest du mich noch zum Ball der Marquise. Dort tanzte eine Frau mit dem Tamburin. O wie schön war sie in ihrem Taumel. So möchte ich heute Abend mit dem Tamburin tanzen - im Sturm des Lebens. (Sie lacht in erzwungener Weise):. Kommst du?

(Maurice bleibt stehen; Lucile wirft plötzlich Domino und Maske weg.)

Nein — nicht mehr diese Lüge — Fulgence ist schon eifersüchtig auf die Herzogin.

(Im Laufe dieser Rede erscheint Saint-Riveul im Hintergrund und verschwindet gleich.):

MAURICE: Du weißt — ?

LUCILE: Sähe sie mich in dieser Verkleidung, so würde sie auch auf mich eifersüchtig. (Dann mit Worten, welche starke Willensenergie enthalten): Ich will aber nicht, dass sie auf mich eifersüchtig werde.

MAURICE: Eifersüchtig - auf dich! Lucile, du sprachst vor Zeiten von einem großen Geheimnis. Wann darf ich dieses erfahren. (Er spricht diese Worte wie in innerer Erregung, sodass sie klingen, als ob sie den Gedanken nicht voll ausdrücken. Man hört auf der Straße Lärm.): Das Volksgewitter - in diesem Gebrüll tönt die Stimme des Schicksals mit. (Er geht ab.)

Sechste Szene

Lucile. Saint-Riveul

SAINT-RIVEUL (tritt langsam ein und bleibt in der Mitte des Zimmers stehn): Was machen Sie, gnädige Frau?

LUCILE (sie hatte sich am Kamin angestützt; sieht Saint-Riveul erst, als sie durch seine Worte aufmerksam wird - erschrickt): Ich las.

SainTt-Riveul: Ich sah’s. Lektüre zu zwei. (Er nimmt das Buch von der Chaiselongue und blickt auf den Titel:): Fenelon. Das hätte ich eher bei einem Bischof vermutet; bei Ihnen hätte ich eher ein Lehrbuch der Choreografie erwartet. Denn Sie schienen mir eben wie eine Gitana zu tanzen. - Ich habe es gesehen - mit diesen meinen Augen. Gnädige Frau das ist neu.

LUCILE: Wozu das lächerliche Spionieren? Brauchen Sie Geld?

SAINT-RIVEUL: Nein.

LUCILE: Was wollen Sie also von mir?

SAINT-RIVEUL: Ich komme von Versailles. Sind die Aufträge der Königin ausgeführt? Was ist mit Lambesc und Bésenval?

LUCILE: Ich weiß es nicht.

SAINT-RIVEUL: Was macht die Herzogin? Was Maurice?

LUCILE: Auch dieses weiß ich nicht.

SAINT-RIVEUL: Ist das alles, was das royalistische Zentrum erkundet hat. Ihr habt hier ebenso den Kopf verloren wie die in Versailles. Ihr hättet die drei Tage benutzen sollen, um das rebellische Gesindel mit Kanonen zu behandeln; hättet die Lumpenbanden in ihre Löcher zurücktreiben und die Anstifter auf vierzig Fuß hohen Galgen aufknüpfen sollen. Es wäre alles zu Ende gewesen (zuckt mit den Achseln). Jetzt verbrüdert sich die französische Garde mit dem Gesindel. Aber es wird anders kommen. Es soll nicht heißen, dass ein Haufe von betrunkenen Philistern und verhungerten Sansculotten über ein Heer von hunderttausend Mann triumphiert. Doch um von uns selbst zu reden; Sie werden fortan nicht hier verbleiben. Sie gehen mit mir nach Versailles.

LUCILE: Niemals. Vergessen Sie nicht, was wir abgemacht haben. Sie können mir keinen Befehl erteilen. Ich habe Ihnen mein Vermögen versprochen, Sie mir die Freiheit.

SAINT-RIVEUL: Innerhalb der Grenzen Ihrer Ehre und der meinen. Ich habe Ihnen gestattet, Maurice zu folgen, damit Sie sein Verhalten dem König gegenüber überwachen. Ihren sonderbaren Geschmack für Klostergelübde inmitten der Welt zu achten, versprach ich Ihnen; zum Mitschuldigen Ihrer Liebeshändel und entarteten Phantasien mache ich mich nicht.

LUCILE: Was wagen Sie mir zu sagen?

SAINT-RIVEUL: Ich habe Sie mit Maurice beobachtet.

LUCILE: Armer Wüstling, was ahnen Sie von dem, was in unsren Seelen vorgeht.

SAINT-RIVEUL: Dennoch verbiete ich Ihnen, ihn wieder zu sehn. Ich ließ Ihnen Ihre Freiheit, um Ihren Ideen zu folgen, nicht um bei ihm zu suchen, was Sie bei mir nicht suchen wollen. Sie sind meine Frau; Sie kommen mit mir nach Versailles, oder ich lasse Sie in die Bastille bringen.

LUCILE: Dann bin ich hundert Mal lieber in der Bastille als bei Ihnen in Versailles.

SAINT-RIVEUL: Bringen Sie mich nicht zum Äußersten. In der vorigen Nacht gingen Sie mit dem Dolch auf mich los, ich schwieg. Aber seit jenem Augenblick, da ich Sie mit Maurice gesehen, werde ich nicht mehr schweigen, sondern mich als [Ihr Gatte] fühlen.

(Ein großer Lärm wird auf der Straße hörbar. Saint-Riveul eilt davon erschreckt davon. - Lucile bleibt eine Weile allein.)

Siebente Szene

Durch die Tür links die Herzogin; es folgen die Gräfin und die Baronin. Eine Gruppe von Edelleuten vom Hintergrund, ihnen voran Ulliac. Hinten folgt Saint-Riveul.

DIE EDELLEUTE (drängen sich um Ulliac, beunruhigt): Welche Nachrichten bringt Ihr?

HERZOOGIN, BARONIN, GRÄFIN: Was gibt es? Was gibt es?

ULLIAC: Was es gibt? Das Volk hat den ersten Graben der Bastille überschritten. Ein Wagner hat die Ketten der Zugbrücke mit der Axt zerhauen. Es ist wie beim Entern.

EIN EDELMANN: Und dann?

ULLIAC: Das Volk wird siegreich zurückkommen.

DIE HERZOOGIN, BARONIN, GRÄFIN: Und dann?

ULLIAC: Dann wird es um die weißen Kokarden geschehen sein.

DER EDELMANN: Halunke, wagst du das zu sagen.

ULLIAC: Ich? Ich habe gar nichts gesagt. Das haben alles die Anderen gesagt, was ich sage.

DER EDELMANN: Also weiter!

ULLIAC: Weiter — sagen die Andern -, dass sie mir kein Haar krümmen, weil ich zum Volk gehöre. - Aber mit Ihnen werden sie schon abrechnen, doch so, dass Sie die Rechnung sich können - von der Hölle bezahlen lassen - sagen die Andern.

DER EDELMANN: Gib acht, dass wir dich nicht zuerst in die Hölle senden.

ULLIAC: Nun, das soll sich zeigen. Übrigens sind Sie und die Andern mir gleich viel wert. Ich halte zu Herrn Maurice und bleibe bei meiner Truppe; gehen Sie zur Ihrigen. So macht man es auch auf dem Ozean.

DIE HERZOGIN: Was soll geschehen. Retten Sie uns, Saint-Riveul!

GRÄFIN, BARONIN: Retten Sie uns.

DIE EDELLEUTE: Ja, retten Sie uns, und wenn es nötig ist, wollen wir unsere Degen gebrauchen.

(Lucile hebt, als sie den Namen Saint-Riveul hört, das Haupt; jetzt erhebt sie sich zu voller Größe, die Augen weit geöffnet, nimmt einer visionären Ausdruck an, blickt in den Spiegel und wendet sich dann zu den Anwesenden.):

HERZOGIN, GRÄFIN, BARONIN: Was ist mit ihr?

SAINT-RIVEUL: Hört sie nicht an; sie sieht aus wie eine Tolle!

LUCILE (spricht wie in Ekstase, mit fliegendem Atem, kadenzierter Stimme, die durch Kanonendonner öfter unterbrochen wird): Ich habe im Spiegel die Gestalt des Todes gesehen. Er drohte euch mit schwarzen Flügeln. Die Zwingburg der Lüge - sie fällt - mit ihr die ganze Welt. - Ein Wirbelsturm von Angst und Wut. - Die furchtbaren Schmerzen, in denen eine neue Welt geboren wird — Totenkarren - Völkerkriege - ruhmreiche Heere. Das Jahrhundert der Freiheit zeigt sich - ein strahlendes Kind - in seinen Händen das Schwert der Gerechtigkeit, das Zepter der Freiheit, das Kleid der Freude. (Sie wendet sich zu den Anwesenden, die sich im Kreise um sie schließen.): Ihr wollt gerettet sein, Ihr unglückseligen Verteidiger der Zwingburg der Lüge und der Gewalt. - Ihr glaubt zu sein, und seid schon nie mehr. - Der Sturm fegt euch hinweg wie bleiche Gespenster. - Ihr, Herzogin, da sehe [ich] euer Haupt mit den schönen Augen - unter dem Schafott. Auch Ihr, Gräfin. - Auch Ihr, Baronin (sie schreitet zu Saint-Riveul, der zurückweicht): — Sie, Herr von Saint-Riveul, werden zu dieser Ehre nicht kommen, Sie werden verachtet im Ausland sterben. (Kehrt wieder zurück): O, welche Zahl von Schafotten. - Ein Meer von Blut? (mit leiser Stimme): Und jetzt - der König? - Die Königin? (Sie fällt wie ohnmächtig auf die Chaiselongue hin.):

ALLE (eng um sie): Was ist geschehen?

MAURICE (ernst): Die Bastille ist gefallen. Das Volk zog siegreich in die Zwingburg. Es kehrte mit den Kanonen zurück, wirft sie in die Gräben, und trägt die Gefangenen im Triumph heraus.

DIE GRÄFIN: Wo ist Kéralio?

BARONIN: Wo ist Herr von Marigny?

MAURICE: Die weiße Kokarde war ihr Unglück. Ihre Köpfe, auf Piken gesteckt, werden durch Paris getragen.

GRÄFIN (zusammenbrechend): Schrecklich!

BARONIN: Fliehen wir!

SAINT-RIVEUL: Es ist höchste Zeit, auszuwandern, mögen hier die Irrsinnigen allein bleiben.

(Alle, außer Maurice und Lucile, gehen ab.)

Achte Szene

Maurice, Lucile

(Von draußen der Lärm von Gewehrkolben, die auf die Stein‚fliesen fallen, auch die Stimmen der nächtlichen Patrouillen, welche die Erkennungsworte wechseln: « Vaterland» — « Freiheit». Roter Feuerschein der auf der Straße getragenen Fackeln an den Wänden des Boudoirs.)

Maurice (nachdenklich, bedrückt, setzt sich neben Lucile, die wie in einem visionären Schlaf ist): Was gibt es? Welche Rufe? «Vaterland», «Freiheit». Und ich, bin ich ein freier Mensch? Habe ich noch eine Heimat, ein Vaterland? Alles ist mir zusammengesunken. Allein du, Lucile, bleibst mir, du holde Blume - welcher Gott hat dich am Rande meines Abgrunds wachsen lassen. - Wie sie schläft, wie wenn die lieblichsten Träume durch ihre Seele zögen. - Doch jetzt verändern sich ihre Züge - träumt sie von dem Geheimnis das eine furchtbare und erhabne Macht sein soll? - Sie regt sich - im Schlafe - (Lucile zieht aus ihrer Brust das Bild der Mutter und den Brief derselben und reicht ihn Maurice.): - Was reicht sie mir schlafend. — Das Bild ihrer Mutter und deren letzten Willen? (Er überfliegt schnell den Inhalt des Briefes.): - O, ihre Mutter schuldig - mit dem Ritter von Trévern - das ist das Geheimnis. Lucile ist nicht die Tochter meines Vaters - wir sind von andern Müttern. Sie ist nicht meine Schwester. - In diesen Adern fließt [nicht] das Blut, das in den ihren ist - o welche schaurige Freude - Sie schläft, wie einst an der Quelle Morganes - da ich sie weckte, indem ich ihre Augenlider mit meinen Lippen berührte - ich will ... doch sie erwacht ... Lucile, weißt du, wo wir sind?

LUCILE (fährt sich mit der Hand über die Augen): An der Quelle Morganes ...

MAURICE: Nein, in Paris

LUCILE (den Kopf schüttelnd): Ich habe Jahrhunderte in einem Augenblick durchlebt. Ich war in einer andern Welt.

MAURICE: Lucile, sammle deine Gedanken - eine Welt stürzt um uns zusammen; die Bastille ist gefallen.

LUCILE (jetzt erst ganz erwachend): Ich weiß es, doch leben wir in dieser Welt? - Nein, keine Fesseln mehr, keine Masken. - Nehmen wir Besitz von jener Welt, die wir erträumten. Ich schaue sie - wie von Bergeshöhe herab -, endlos sich breitend.

MAURICE: Liebe Lucile, steige herab zur Erde. - Wie gerne möchte ich dir folgen - doch ich sehe deinen weiten Umkreis nicht. — Wer soll uns dahin geleiten?

LUCILE: Unsere vereinten und siegenden Seelen. (Mit geheimnisvoller Lebhaftigkeit): Eben träumte ich, wie wir den Ozean durchfuhren auf deinem schönen Schiffe - die Wogen vor uns wie Berge. Doch sie senkten sich vor der Macht meines Wunsches. Aus den Gluten der Morgenröte tauchten wir empor ... auf unbekannten Inseln.

MAURICE: Du entzückst mich - und erschreckst mich zugleich. Ich will dir folgen in deine Träume - doch vorher vertraue mir noch das Geheimnis deiner Seele.

LUCILE [ (erschrocken):]: Welches?

MAURICE: Das, von welchem du vor deiner Verheiratung gesagt hast, dass es ein furchtbares und erhabenes Geheimnis ist. —

LUCILE [(entsetzt)]: Nein, das niemals. Nein, eher den Tod - wisse, das Rätsel unsres Lebens könnte uns für immer trennen.

MAURICE: Lucile, ich muss alles wissen. - Der entscheidende Augenblick des Lebens ist da, der eine Ewigkeit des Schmerzes oder der Freude gebären kann.

(Lucile fällt auf die Chaiselongue, bedeckt das Gesicht mit den Händen.):

— Lucile, was du mir nicht sagen willst - ich ahne es - ich verstehe unser Leben jetzt zum ersten Male. Alles hell, die Kindheit, die Jugend, die Gegenwart, die Zukunft. - (Sich besinnend) O, diese Erinnerung, gedenkst du der roten Lilie des Teiches?

(Lucile erhebt den Kopf und verfolgt verwirrt die Worte Maurices.):

In der Tiefe des Parks, wo die dichten Ulmen das Licht nur durchsickern lassen - auf dem Teich eine Insel im Schatten einer Zeder eine einsame Schwertlilie — wie eine Fackel mit drei Flammen. Wie oft fuhren wir um diese Insel in einem kleinen Kahne und starrten die sonderbare Blume an. Da sagtest du: «Wie glüht die rote Lilie! Aber rühre nicht daran, mir scheint, dass an deinen Händen Blut bliebe.»

LUCILE: Maurice, Maurice, warum erinnerst du mich daran?

MAURICE: Eines Tages stürzte ich nach der Blume - du stießest einen Schrei aus - oh, ich höre ihn noch.

LUCILE (legt ihre Hand aufs Herz): O, noch fühle ich hier, wie der Stängel gebrochen ward.

MAURICE: Ich brachte dir triumphierend die Lilie - Du drücktest sie ans Herz. Dann sagtest du: «Du hast unsren Traum getötet.» Ich konnte dich nicht trösten — du liefest aus dem Park auf die Heide. - Am andern Morgen suchte ich dich in deinem Zimmer - du warst tief traurig — die Lilie schon welkend in einer Vase. — Schluchzend fiel ich zu deinen Füßen - du bliebst unerbittlich - ich habe nie erfahren, was damals in dir vorgegangen war.

LUCILE (ihn wie entgeistert anblickend): Es schien mir, als ob du die Blume meiner Seele gebrochen hättest.

MAURICE: Gehört diese Blume nicht mir?

LUCILE: Ja, vollkommen.

MAURICE: O, die Lilie von damals, sie blüht wieder; sie wirft ihre drei Flammen in Luciles Herz.

LUCILE (atemlos): Schweige!

MAURICE: Ist die Sprache der Seele eine Lästerung? Haben die Engel nicht Leibesform angenommen, um auf Erden zu lieben! Du bist mir alles - unsere Liebe schließt ein die Liebe - der Schwester - der Frau - der Geliebten — du bist - was du immer warst — meine Lucile (ihre Hände ergreifend):.

LUCILE [ (unbeweglich, lässt es wie in Ekstase geschehen):]: O ... der Abgrund unserer Seelen!

(Maurice zeigt ihr Bild und Brief.):

LuciLe (mit einem Freudenruf): Du kennst mein Geheimnis - dann ist es Gott, der es mir entrissen hat.

MAURICE: Du liebst mich - wie ich dich liebe?

LUCILE: Ich lebe in dieser Liebe - ich atme in ihr- ich werde mit Freude in ihr sterben. - Führe mich hin, wohin du willst.

MAURICE: Was brauchen wir noch die alte Welt - Gehen wir in die neue. - Eine Liebe wie die unsere wird sich neue Welten schaffen - Gehen wir jenseits des Ozeans.

LUCILE: Ja gehen wir - diese Erde ist zu klein für unsere Liebe. Ein Schiff - auf den Ozean.

(Lärm auf der Straße)

MAURICE: Wir können jetzt fliehen. Ich werde einen Postwagen anspannen lassen. Erwarte mich an der Ecke, nahe dem Klub der Bretagner. Ulliac wird dich hinführen. Er kommt mit uns.

LUCILE: Doch ich brauche eine Verkleidung, um wegzukommen. (Ergreift den Domino der Herzogin.): In dieser wird man mich für die Herzogin halten. (Sie hält sich in den Domino und hält die Maske in der Hand.): Maske der Torheit - doch - mag mich unter ihr der Tod treffen Unter ihr bin ich nicht mehr Lucile - ich bin Maurices Geliebte in einer neuen Welt.

(Legt die Maske an, geht mit Maurice Arm in Arm zur Türe; sie bleiben in der Türe stehn - Fulgence tritt ein und beobachtet die beiden.):

MAURICE (in der Tür): Welches Glück! Noch kurze Zeit. Wir werden Europa verlassen und bald in der Neuen Welt sein. (Er geht ab.):]

Neunte Szene

Lucile. Fulgence.

Als Lucile Fulgence erblickt, wendet sie sich zu dem Kamin und bleibt dort, sich stützend stehen. Im Übrigen in einer Haltung, die wie Verteidigung ist.

FULGENCE: Gnädige Frau; Sie brauchten diese Maske nicht: Ich kenne Sie; ich habe Sie oft in dieser Narrenmaske gesehen, unter der sich Ihre Hoheit verbirgt. Ich weiß, dass Sie die Herzogin sind, und dass Maurice Sie erwartet. Sie mögen ihn finden. Doch vorher sollen Sie noch mich anhören. Sie haben mich in Ihrem Hause empfangen. Ich habe Ihnen mein Herz, mein und Maurices Schicksal anvertraut. Sie haben mir zugelächelt, wie die edelste der Beschützerinnen. Ihr Lächeln war Trug, Ihre Gastfreundschaft Verrat.

(Lucile nähert sich ihr. Pause in Schweigen ...):

Herzogin, Sie verkennen mich; ich bin nicht, die ich oft scheine. Ich brauche auch eine Maske um mich zu verbergen. Allerdings eine andre als Sie. - Ich brauche eine Maske für meine Gefühle ... Wissen Sie es, ich liebe diesen Mann - liebe ihn, dass ich ihm willig meinen Stolz zum Opfer bringen wollte - ich habe nie einen Mann vorher wahrhaft geliebt. Ihn liebe ich. Für mich ist er die Welt; was kann er für Sie sein? Eine Laune -! O diese Laune, sie nimmt mir — mein Alles. (Schweigen): Antworten Sie mir doch. Sagen Sie mir doch wenigstens, dass Sie ihn lieben, dass es Ihre Liebe ist, um die Sie mit Füßen treten, mich und Ihren Gemahl, Ihre Ehre und Ihre Pflicht. O sagen Sie mir dieses eine Wort -; dann nehmen Sie diese Maske ab - mein Herz wird bluten; aber es wird vielleicht den Weg zur Vergebung finden.

(Lucile wendet den Kopf.):

... Sie schweigen — Sie wagen es nicht, zu sprechen — Sie finden nicht den Mut, zu bekennen, was Sie fühlen und wer Sie sind - ... Eisiges Schweigen - zeigen Sie mir. Nun gehen Sie mit Maurice - Aber hören Sie von einer Frau, die ihre Gefühle nicht mutlos verbirgt, dass über Ihnen und Maurice kein Glück walten werde - das begründet man nicht, indem man eine andre Seele tötet. Sie nehmen mir mit meinem Geliebten meinen Glauben an die Welt. Das bringt nicht Glück, nicht auf dem Ocean, nicht in Amerika - das führt den Fluch mit sich. - (Sie geht ab.):

Zehnte Szene

Lucile, zuerst allein, dann der Führer eines Trupps Rebellen.

LUCILE (allein, immer noch am Kamin, nimmt die Maske ab): So also liebt sie ihn ... Und ich habe ihn ihr gegeben. Hinweg auch der letzte Schleier. - Ihr Fluch müsste mir wie ein Rachegeist folgen; - ich müsste ihre Nebenbuhlerin werden -! Was soll aus Maurice und mir werden? Dürfen wir uns lieben. Man erklimmt nicht die Höhen der Liebe, um in den Abgrund der Lust zu fallen, ohne dass die himmlischen Welten verloren gehen. - Es darf nicht sein; ich darf Maurice nicht liebend zur Seite leben. Entweder seine Seelenhüterin, oder seine Frau. Beides ist nicht möglich (sinkt auf die Chaiselongue und bedeckt den Kopf mit den Händen):. Was soll geschehen. Gott helfe mir.

(Lärm auf der Straße. Trupp bewaffneter Rebellen tritt ein. Führer an der Spitze. Die einen in der Kleidung der Nationalgarde; die andern in Lumpen, mit Flinten, Säbeln, Piken bewaffnet. Lucile hat die Maske wie instinktiv wieder angelegt, stellt sich in die Mitte der Bühne.)

DER FÜHRER DER REBELLEN: Da ist die Spionin der Österreicherin. Das ist der Mut der Aristokraten. Da ihr Hauptlager. Nehmt diese Herzogin fest.

(Die Rebellen umringen Lucile; der Führer wendet sich an sie.):

Herzogin, Sie sind unsere Gefangene. Folgen Sie uns ins Rathaus. Sie werden dort vor dem Gericht des Volkes sich rechtfertigen über alles, was hier vorgegangen ist.

(Lucile bleibt ruhig.)

Ergreift sie.

(Die Rebellen beraten.)

ERSTER REBELL [ (seinem Nachbar):]: Ich wag es nicht! ...

ZWEITER REBELL: Sie sieht aus wie ein Gespenst.

DRITTER REBELL: ... Ach, nur wie eine Karnevalsmaske.

DER FÜHRER: Die Maske ab, oder ich werde sie Ihnen abreißen.

(Lucile nimmt die Maske ab, wirft auch den Domino ab, bleich, im himmelblauen Kleid.):

ALLE (treten erstaunt zurück): Nicht die Herzogin.

LUCILE: O tötet mich; ich werde euch dankbar sein.

DER FÜHRER: Wer sind sie?

DIE REBELLEN: Wer - wer sind Sie?

LUCILE (mit trotzigem Blick die Männer ansehend): Wer ich bin? Eine Frau, die sterben will für ihre Liebe, wie Ihr für Euer Vaterland gestorben wäret.

DER FÜHRER (mit entblößtem Haupt): Sie sind frei.

(Alle Männer ziehen die Mützen ab.):

Wir richten die, welche das Volk hassen; wir haben Achtung vor denen, welche lieben.

LUCILE (mit einer Gebärde der Verzweiflung): Ins Kloster! Ja, ins Kloster. (Sie geht mit schnellen Schritten ab.)

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