IV. Akt

Szene wie im I. Akt.

1. Auftritt

MAURICE (auf einem Stuhl vor einem Eichentisch. Zu einem Bedienten):
Haben Sie an die Tür der Gräfin geklopft?

BEDIENTER: Ja, Herr Graf, sehr stark. - Aber die Kammerzofe kam erst beim dritten Mal.

MAURICE: Was hatte die Gräfin für eine Nacht?

BEDIENTER: Nach ihrem Spaziergang hatte die Gräfin einen Fieberanfall, aber als sie erfuhr, dass der Herr Graf zurückgekommen ist, ging das Fieber zurück.

MAURICE: Wünscht die Gräfin, dass ich sie in ihrem Zimmer aufsuche?

BEDIENTER: Die Gräfin kleidet sich gerade an und wird gleich hierherkommen.

MAURICE: Es ist gut, danke.

(Bedienter ab)

Nach allem was geschehen ist, möchte ich lieber Ful gence nicht wiedersehen; aber es muss sein, ist es doch der Wunsch von Lucile. - Schreckliche Nacht, die ich verbrachte, die unheimlichste meines Lebens. Eine Stunde in der Hölle, gefolgt von einem himmlischen Traum. — Aber war das alles Wirklichkeit? Ich zweifelte daran während dieser Schlaflosigkeit, wo sich die Glieder meines Wesens auseinanderwirrten, ohne sich vereinigen zu können. - Wie konnte ich Lucile mitten in der Nacht an der Quelle von Morgane allein lassen? Ah, sie hat mir ihren Willen aufgezwungen durch irgendeine Zauberei; ihr sanfter Abschied hat mir eine Traurigkeit hinterlassen, aber auch eine ganz neuartige Heiterkeit. - Und trotzdem, eine furchtbare Angst bedrückt mein Herz ... ich habe ihr gehorcht und blind geglaubt wie ein Kind! Aber, großer Gott, wird sie kommen, meine Seelenhüterin, die mein Geschick in ihren Händen hält?

[2. Auftritt]

SAINT-RIVEUL (erscheint im Hintergrund ohne von Mauricegesehen zu werden. Zieht ein Portfeuille aus seiner Tasche):
Mein Ziel ist erreicht. Ich beherrsche die Lage. In dieser Zaubertasche liegt meine Zukunft (öffnet sie und wühlt in den Papieren). Hier: Zwei Drittel des Vermögens von Lucile, ihren Landbesitz, ihre verkauften Juwelen. Alles ist mit Londoner Banken geregelt. Ich kann, wie es mir beliebt, die reizendsten Gesichter um mich locken, kann mir einen Palast bauen, ein Spielhaus eröffnen, kann den Großen Sand in die Augen streuen, die Kleinen ruinieren, die Schwachen unterdrücken. Ich kann alles haben, Diener, Tänzerinnen, Soldaten und selbst - Priester! Es gibt nur einen Gott - das Gold - und der Wechsel ist sein Prophet! Man muss ihm einen Tempel bauen; die Dummköpfe, die nicht an ihn glauben sind verrückt! - Und doch, ein Schatten ist in diesem Bild ... Lucile, meine Frau ... die ich geplündert habe ... ist das einzige Wesen, die mir trotzte und mir Furcht einflößt ... Dieser verfluchte Tag, an dem die Bastille gestürmt wurde, Lucile, mit ihrem CassandraAussehen, ihren aufgelösten Haaren, ließ mich schaudern. — Doch je mehr ich sie fürchte, desto mehr möchte ich sie besitzen. Ich, der mit allem und jedem spielt, bin ihr Spielball gewesen. Als ich sie gegen ihren Willen besitzen wollte, hat sie mich mit dem Messer bedroht. Und als ich ihr das Messer wegnahm, haben mich ihre Augen und ihre Stimme erschreckt. Vor einer Herzogin, vor Edelleuten hat sie mich behandelt wie einen Wurm, den sie zertreten kann mit ihrer blöden Prophetie. Aber das kann nicht so weitergehen! Ich wäre ein Feigling, wenn ich sie nicht überwäluigen würde. - Vor meiner Abreise nach London werde ich der Mann meiner Frau sein, und wäre es nur für einmal. Die Ehre verlangt es! - Aber wo ist sie? Maurice muss es wissen; ich werde es schon erfahren (nähert sich Maurice). Guten 'Tag mein Herr Schwager.

MAURICE (überrascht, ohne aufzustehen): Ah, Herr von Saint-Riveul? Seit wann sind Sie hier? Ich glaubte Sie in England.

SAINT-RIVEUL: Und ich glaubte Sie in Paris, bei den Jakobinern. Ich bin glücklich Sie im Schloss von Kernoët zu finden, was beweist, dass Sie doch noch aristokratisches Blut in Ihren Adern haben.

MAURICE: Wenn Ihr Blut so rein ist, warum sind Sie nicht in Versailles beim König, der vor Paris und vor Frankreich zittert? Er würde Sie brauchen.

SAINT-RIVEUL: Der König gedenkt sich nach Metz zurückzuziehen mit allen wahren Adligen. Ich hoffe dass Sie dazugehören.

MAURICE: Ich werde dorthin gehen, wohin mich mein Schicksal ruft, und nicht Sie.

SAINT-RIVEUL: Ich zweifle nicht, dass es Sie weite und merkwürdige Wege führen wird. Aber Sie werden zugeben, dass es mir obliegt, etwas auf Ihre Schwester Lucile aufzupassen; will sagen: auf meine Frau, denn sie ist meine Frau, haben Sie das etwa vergessen? Nie noch habe ich meine legitimen Rechte geltend gemacht, die durch Amt und Kirche bestätigt sind. Sie können nicht leugnen, dass ich für Ihre Schwester ein Mustergatte war, ein wahrer Edelmann. Welche Freiheit hatte sie doch in dem Boudoir der Herzogin und in diesem revolutionären Paris, oder wo es Ihnen beliebte herumzustreifen! Hat sie etwa mit mir Fenelon gelesen oder die Gedichte von Ossian? Hat sie mit mir die Klubs besucht und die Maskenbälle der Gräfin? Ich ließ sie ihre Erfahrungen machen, Sie waren ihr Führer. Aber dieses plötzliche Verschwinden nach der Einnahme der Bastille, diese wahnsinnige Flucht in der Postkutsche, gefolgt von der Ihrigen -, ohne dass ich wusste, was aus meiner Frau geworden war ... die Frau von Kernoët dachte, dass Sie mit der Herzogin gefahren seien. Alle diese Verwickelungen, ich gestehe es Ihnen, sind ein sehr komplizierter Roman. Das sind Dinge, die einen in Abenteuern gewandteren Mann als mich beunruhigen können. — Aber ich wette, sie dürften wissen, wo Lucile ist ich bin sicher, nicht weit von hier, in einem Versteck, dürften Sie die Schlüssel dieses Trianon besitzen? Vertrauen Sie es mir! Ich möchte es wissen vor meiner Abreise. Ich werde diskret sein. Es gibt immer Möglichkeiten sich zu verständigen, mit heimlichen Worten ... zwischen Kavalieren.

MAURICE: Geben Sie acht, Herr von Saint-Riveul! Sprechen Sie nicht in diesem Ton mit mir! Denn ich könnte Ihnen Ihre Maske der Höflichkeit herunterreißen und Ihnen sagen, was Sie sind! Sie haben meine Schwester ihres ganzen Vermögens beraubt und bringen es jetzt ins Ausland. O, fürchten Sie nichts für Ihr Portfeuille, das Sie so zärtlich an Ihre Brust drücken! Diese Heirat war für Sie nichts als ein gutes Geschäft. Suchen Sie nichts anderes! Sie scheinen meine Geheimnisse zu kennen; ich kenne Ihre besser. Gegen Ihr Versprechen sind Sie in einer Nacht bei meiner Schwester eingedrungen und hätten sie wie ein Straßenmädchen behandelt, ... wenn sie sich nicht mit der Waffe verteidigt hätte. An diesem "Tage, Herr von Saint-Riveul, waren Sie kein Edelmann, sondern ein Lump.

SAINT-RIVEUL: Für dieses Wort werden Sie mir auf der Stelle Genugtuung geben!

MAURICE: Der Graf von Kernoët, Offizier des Königs, Pionier im freien Amerika, Bürger von Frankreich, schlägt sich nicht mit dem Ritter von Saint-Riveul. Er macht mir zu viele Geschäfte dieser Ritter.

SAINT-RIVEUL: Ich weiß jetzt, was ich wissen wollte, Eure dumme Wut macht es mir sicher: Sie sind der Liebhaber von Lucile! Seien Sie es nur! — Sie beleidigen mich und lehnen es ab, sich mit mir zu schlagen! Nun gut, wenn wir als Sieger zurückkehren, werde ich Sie züchtigen, wie Sie es verdienen. Nehmen Sie sich in Acht!

MAURICE: Passen Sie auf, dass die Bürgergarde von Rennes Sie nicht als Spion festnimmt. Ihr Portefeuille spricht nicht für Sie. Und es ist schließlich alles, was von der Gräflichkeit des Grafen Saint-Riveul übrig geblieben ist.

BEDIENTER (aus dem Hintergrund):
Ein Gesandter der Stadt Rennes wünscht Herrn von Kernoët zu sprechen.

MAURICE: Führen Sie ihn herein.

3. Auftritt

MAURICE: Mit wem habe ich die Ehre?

VOLNEY: Ich heiße Volney, Sergeant der königlichen Marine, Bürger und Anghöriger der Verwaltung von Rennes. Ich erwarb mir den Titel «Beschützer des Volkes», da ich die Bretagne gegen die Soldaten des Hofes verteidigte.

SAINT-RIVEUL: Und ich, mein Herr, wäre ich in Rennes gewesen, hätte Sie von meinen Lakaien durchprügeln lassen.

VOLNEY: Das wollten auch Ihre edlen Freunde tun. Sie bestellten uns zum Feld von Montmorin unter dem Vorwand mit uns zu verhandeln. Aber wir sind nicht hingegangen. Und so haben sich Ihre Lakaien gegenseitig verprügelt.

SAINT-RIVEUL: O, ich hätte Sie eigenhändig gezüchtigt.

VOLNEY:: Wirklich! Ich hätte sie entwaffnet, und um sie zu bestrafen, hätte ich Sie aus den Händen der Polizei befreit. Das habe ich mit einem der Ihrigen getan. Wir haben uns das Recht erobert, uns mit Ihnen zu schlagen oder Sie laufen zu lassen, wie es uns gefällt. Heute ist die Welt frei! Alle für einen und einer für alle! Omnes omnibus.

SAINT-RIVEUL ([beiseite]): Nicht zu sagen, wie diese Leute uns beschmutzen mit ihrem Latein.

MAURICE: Mein Herr, ich werde sie gern anhören!

VOLNEY: Herr von Kernoët, die Stadt Rennes hat mich mit einer Botschaft beauftragt, (weist auf ein Schriftstück in seinen Händen) es ist unterzeichnet von unserem obersten Magistrat. Der Vertreter von Rennes in der Nationalversammlung ist eben gestorben, unsere Stadt verlangt einen neuen. Ihr Name ist berühmt, Sie haben in Amerika gekämpft für den König und für Frankreich. Mitglied des alten Adels, waren Sie gerecht und haben die Leiden des Volkes erleichtert. Ihre edle Schwester, Lucile de Kernoët hat die Leibeigenschaft auf ihren Besitzungen aufgehoben und hat den Menschen Land und Freiheit gegeben. Sie selbst haben in Paris folgende Worte öffentlich ausgesprochen: «Das neue Frankreich wird nur aus den Ruinen der Bastille hervorgehen.» Diese Prophezeiung hat sich erfüllt. Ihre Worte, Herr Graf, sind immer Ihren Taten vorausgegangen, und Ihre Taten waren die Konsequenz Ihrer Worte. Sie entstammen aus der granitenen Bretagne, der Hervorbringerin großer Herzen und starker Willenskräfte, die sich heute mit dem Vaterland vereinigen (gibt ihm das Schreiben). Würden Sie es übernehmen, die Stadt Rennes in der Nationalversammlung zu vertreten?

MAURICE: Ihre Botschaft ehrt und erfreut mich, Herr Volney. Aber heute habe ich eine sehr ernste Familienangelegenheit zu regeln. Ich kann Ihnen erst später eine Antwort geben. Seien Sie mein Gast für heute, verbleiben Sie im Schlosse. Wenn ich meine Pflicht erfüllt habe, werde ich Ihnen meine Entscheidung mitteilen (begleitet ihn zum Schloss und kehrt zurück).

SAINT-RIVEUL: Wer weiß, ob sich nicht Lucile im Park versteckt hat. Ich werde sie überraschen (ab).

4. Auftritt

MAURICE: Das war der Ruf Frankreichs ... aber wann kommt Lucile? ...

FULGENCE: Der Graf von Kernoët wünscht seine Gemahlin zu sprechen? Das wundert mich wirklich. Hier bin ich, was gibt es?

MAURICE: Ich bin gekommen, um über sehr wichtige geschäftliche Dinge zu sprechen.

FULGENCE: Geschäftliche? Lassen Sie einen Notar kommen. Ich kümmere mich nicht um Ihre Geschäfte. Interessieren Sie sich etwa für die meinigen?

MAURICE: Und dann ... habe ich erfahren, dass Sie diese Nacht leidend waren, und wollte wissen, ob es Ihnen besser geht?

FULGENCE: Es geht mir ausgezeichnet! Wirklich, Herr Graf, sie kümmern sich um Dinge, die Sie nichts angehen. Sie verlassen mich in Paris, mitten in der Revolution, verschwinden mit Ihrer Herzogin und lassen mich allein in den Straßen umherirren. Und dann, eines schönen Tages erkundigen Sie sich nach meiner Gesundheit - ich verstehe Sie nicht mehr!

MAURICE: Sie haben recht, - aber unser Bruch war so tief und vollständig und Sie haben in solcher Art von mir Abschied genommen, dass ich nicht dachte Sie wiederzusehen. Verzeihen Sie mir, ein Rest unserer Freundschaft zwang mich, Sie noch einmal zu sprechen. Aber beruhigen Sie sich, ich bin nur noch für einen Tag hier!

FULGENCE: Ah, Sie wollen sie wiedertreffen?

MAURICE: Vielleicht.

FULGENCE: Grausamer, undankbarer Mensch! Für deine schöne Herzogin mit ihrem kalten Lächeln, den falschen Augen, konntest du die vergangenen Wochen, die du mit mir in diesem Schloss verlebt hast, vergessen deine Schwüre und deine Leidenschaft! Erinnerst dich nicht mehr unseres Spaziergangs ans Meer, drei Tage vor unsere Hochzeit? Du weißt nicht mehr, wie wir uns in der wilden Grotte verloren haben, derselben, in der ich beinahe gestorben wäre heute Nacht, als ich dem Licht deines Schiffes nachging, das dich mit deiner neuen Geliebten entführen sollte. - Damals war ich nicht allein! Du hieltest mich in deinen Armen und küsstest mich. Den nächsten Tag verbrachtest du in Paris und schriebst mir von dort einen Brief ... Ah, hast du den vergessen ... konntest du? ... Heute würdest du erstaunt sein, was darin steht. (Zieht einen Brief heraus) Nimm, lies diesen Satz ... von dir unterschrieben ... lies ihn doch ... nur Spaßes halber, lies ihn!

Maurice (nimmt den Brief, liest zögernd):
«Wie könnte ich ohne dich leben? Die Natur hat deine Seele an einem Tage des Stolzes gebildet und deinen Körper an einem Tage der Herrlichkeit ...» Ich log nicht, als ich das schrieb, es war richtig. Ja, Fulgence, Sie sind heute noch schöner als damals ... Aber ich vergaß, den Brief weiter zu lesen (liest:) «Und meine Wünsche sind nur Sklaven deines Willens ...» So etwas habe ich schreiben können?! Nun, das will ich nicht mehr! Ich will mein eigenes Leben leben, unter der Herrschaft meiner Gedanken, und Sie wollten mich zwingen unter Ihre stolzen Launen, Ihre mondänen Fantasien. Sie sind die despotische Tochter einer stürzenden Welt, und ich bin das Kind einer neuen, sich erhebenden Welt. Sie gehören zum Hofe, ich zu Frankreich. Wir können nicht zusammen gehen.

FULGENGE (ironisch):
Ziehen Sie eine Frau vom Lande vor? Möchten Sie eine Dienerin haben? Folgt sie Ihnen wohl wie eine Sklavin, die Frau, die Sie mir vorziehen?

MAURICE: Denkt man daran zu gehorchen oder zu befehlen, wenn sich die Herzen auf das gleiche Ziel richten, wenn die Seelen eines sind? Wie sie mich inspiriert, ich suchte es, ohne es zu wissen; was ich mit grenzenloser Energie anstrebte, war ihr unausgesprochener Traum. Was der eine dachte, der andre tat es. Wenn sich der eine opferte für den andern, vervielfachte er seine Kräfte. Wir gingen Hand in Hand einem immer wachsenden Lichte entgegen, zu immer neuen Horizonten, und der eine wird den andern nur übertreffen, um ihn höher fortzureißen.

FULGENGE: Wird sie dir überall hin folgen, deine maskierte Frau? Für dich ihren König verraten und Frankreich verlassen?

MAURICE: Hunderttausend Könige für den Atlantik ... und Frankreich für eine neue Welt!

FULGENCE: Und du, würdest du dasselbe für sie tun?

MAURICE: Mit Freuden und unbedenklich. Sie können nicht begreifen, was sie mir bedeutet. Der Inbegriff meiner Wünsche, der Stern meiner Hoffnungen. Außerdem, ich erwarte sie.

FULGENCET: Sie wird hierherkommen?

MAURICE: Sie hat es mir versprochen zu kommen, und sie hält ihre Versprechen. Wenn sie nicht käme müsste ich sterben.

FULGENGE (nervös): Also, ist das Schiff bereit! Heute Abend soll es losgehen? ... Höre Maurice, mache mich nicht wahnsinnig, noch ist es Zeit ein großes Unglück zu verhindern. Wenn du mich geliebt hast, wenn du mich noch liebst - vielleicht würde ich dir bis ans Ende der Welt folgen!

MAURICE: Jetzt ist es zu spät.

FULGENGE: Zu spät, so! Wisse, dass ich deine maskierte Frau gesehen habe. Das hat sie dir sicher nicht gesagt. Ich habe sie gesehen in dem Augenblick, da sie sich in deine Arme warf. Ich stand ihr Aug in Auge gegenüber und hielt ihr diesen infamen Verrat vor. Sie wagte es nicht, mit einem Worte zu antworten. Sie musste sich krampfhaft am Kamin festhalten mit ihrer schwarzen lügenhaften Maske und sie zitterte wie ein Blatt. - Ich habe sie verflucht und, was mich tröstet; dieser Fluch wird auch auf dich fallen. Ah, Elende, die ihr seid, alle beide, - ihr habt einen Dämon aus mir gemacht! — Nichts rührt ihn, nichts ergreift ihn; er ist aus Erz. Welche übermenschliche Macht hat diese Frau, selbst aus der Entfernung? - Muss ich ihm mein Geheimnis enthüllen? Ja, es ist meine letzte Hoffnung. Maurice! ... Was würdest du sagen, wenn du einen Sohn hättest? - Würdest du ihn auch verlassen, so wie du mich verlässt?

MAURICE (ohne sie anzusehen, wie in Gedanken):
Einen Sohn? Auch ich habe mir einen Sohn gewünscht. Er würde das Kind meines Traumes und der Erfüller meiner innersten Gedanken werden. - Das Werk, das mir das Schicksal zu erfüllen verwehrt, er würde es weiterführen!

FULGENGE: Und wenn ich dir sage, dass dieser Sohn deines Traumes, dieses Pfand deiner früheren Liebe, deren Keim ich in meinem Herzen trage, dass er lebt!

MAURICE: Ist das wahr?

FULGENCE: So wahr, wie ich dich - trotz deines Verrates - liebe, mehr als irgendeinen Menschen auf dieser Erde (Maurice reicht ihr seine Hände). Nun, also, wirst du mich jetzt mehr lieben, als die andere? - Ah, ich bin sicher, wenn Lucile hier wäre, sie wäre auf meiner Seite.

Maurice (erschauert beim Namen Lucile): Warum sprichst du von Lucile?

FULGENCE: War sie es nicht, die mich dir gegeben hat? Und ist sie nicht die Hüterin deiner Seele, wie du sagst?

MAURICE: Ja, das ist wahr ...

FULGENCE: Warum antwortest du nicht? Denkst du nur immer an die andere?

MAURICE: Die andere? Ja. - Warum kommt sie nicht? Hat sie ihren Schwur gebrochen? (visionär) Und doch ist es mir, als ob ich sie vor mir sähe, - so schön, so majestätisch.

FULGENGE (mit Angst): Nun, ... wenn sie käme, deine geheimnisvolle Geliebte ... würdest du mich verlassen, um ihr zu folgen? ... Du würdest mich und deinen Sohn, den ich unter dem Herzen trage im Stich lassen?

Maurice (nach innerem Kampfe): Ja, wenn sie es will ... denn sie beherrscht meine Seele!

FULGENCE: Dann also Adieu, Herr Graf von Kernoët. Adieu für immer, dieses Mal. Ich folge Ihnen nicht mehr, weder Ihnen noch Ihrem Schiff. Seien Sie glücklich. Ich werde leben für meinen Sohn (will abgehen).

(Trauergesang aus der Ferne, der sich nähert. Stimme der Bauern hinter der Szene.)

TRAUERGESANG: Requiem dona eis aeternam — Et lux perpetua! ...

MAURICE (fährt auf): Woher kommt dieser Gesang? Ein Trauergesang in unserer Nähe!

FULGENCE (zurückkehrend): Welche schauerlichen Klänge! Sie lassen mir das Herz erstarren.

MAURICE: O Gott, was ist geschehen? Eine Todeskälte ergreift mich!

FULGENCE: Wenn ich die maskierte Frau kommen sähe, würde mir auch schaudern ... Ein Trauerzug ... eine Tote auf einer Bahre ... ganz mit Blumen bedeckt ... Wer ist es?

5. Auftritt

Vier Bauern tragen Lucile auf einer Bahre herein, sie ist ganz mit Farnkraut und Blumen bedeckt. Hinter ihnen Evoanik, Ulliac, Gaïd weinend. Die Bahre wird abgesetzt, alle knien nieder bis auf Ervoanik.

MAURICE (erst wie versteinert, dann auf die Bahre zu, erkennt seine Schwester):
Lucile! Meine Geliebte! Bist du es? Ist es möglich ... du schläfst ja nur! (wirft sich auf die Knie, küsst sie) Lucile, Lucile, wach auf! - Kalt wie Marmor ... tot. - Sie hatte versprochen zu kommen ... und sie ist gekommen ... so ist sie gekommen! Auf ihrer Brust, auf ihrem nie erkaltenden Herzen, hier diese Lilie, das Zeichen sieghafter Liebe! ... Lucile, meine Lucile! ... So hältst du dein Versprechen? ... (beginnt zu schluchzen, dann zu Ervoanik) Wie ist sie gestorben? Sage es mir Ervoanik!

ERVOANIK!: Sie ist eingeschlafen an der Quelle von Morgane ... Ich hatte sie gewarnt, dass man nicht mehr erwacht, wenn man an der verzauberten Quelle schläft. - Sie wollte sterben ... Warum? Gott weiß es ... Doch ich, ... du weißt wohl mein Gebieter, dass ich sie nicht überleben werde, meine liebe, liebe Herrin ... die Königin unseres blumigen Landes ... (sinkt langsam an der Bahre nieder) Morgan, ... Morgane ... ruft auch mich (stirbt).

MAURICE: O treuer Hirte, du hast den besseren Teil erwählt! ... Wie beneide ich dich! O, könnte ich dir folgen! ... Hier diese rote Lilie, diese heilige Fackel, die unsterbliche Liebe von Lucile zwingt mich zu leben. Ich habe es meiner Seelenhüterin versprochen.

GAÏD (zu Ulliac): Ich habe es dir gesagt, dass sie eine Fee war, meine gute Herrin. Sie hat es mir im Schlafe vorausgesagt, sie flüsterte: «Mein Leichentuch wird dein Brautschleier werden.» (weinend auf die Knie zwischen den Toten)

ULLIAC (wirft seine Matrosenmütze fort): Keine Fahrt mehr mit dem Smaragd! Keine Freude mehr! Die Herrin des Schiffes ist tot (kniet neben Gaïd nieder). Bete für uns, unsre liebe Frau von Kernoët.

FULGENGE (die mit großer Bewegung der Szene gefolgt ist, wirft sich Maurice in die Arme): Lucile tot? Warum? Warum? ... Kannst du mir dieses Rätsel lösen?

MAURICE: Die Lösung des Rätsels ... willst du sie wissen?

FULGENGE: Ja.

MAURICE: Nun, es war nicht die Herzogin, die ich liebe.

FULGENCE: Die maskierte Frau, die du küsstest?

MAURICE: Es war meine Schwester ... nicht meine Schwester, denn sie war nicht die Tochter meines Vaters.

FOLGENDE: Die, die mit dir geflohen ist?

MAURICE: Es war Lucile!

FULGENGE (erschrocken): Wie ... sie und du?

MAURICE: Nein, niemals ... ich wollte es, ich ... aber sie wollte nicht .... deshalb ist sie gestorben!

FULGENCE (mit ersticktem Schrei): Ah!

MAURICE: Gestorben damit ich mit dir lebe! ... Ja, gestorben für uns! ... (blickt auf die Tote) Schön wie eine Geliebte und rein wie eine Heilige! Sie ist es, und sie ist es nicht. Ihr unbewegtes Gesicht ist schon nicht mehr als ein kaltes Abbild ihres lebendigen Antlitzes, das in mir lebt. Deine Seele hat sich aufgeschwungen, Lucile, du bist durch diese Welt gewandert wie ein geheimnisvoller Engel. Alle, die dich sahen, liebten dich, aber niemand hat dich erkannt ... und dir nach zieht sich ein leuchtender Pfad ...

FULGENGE: Auch ich muss sagen, ich habe diese große Seele nicht erkannt. Und jetzt ist sie ins Nichts zurückgekehrt.

MAURICE: Nein, so ist es nicht! Solche Seelen können nicht sterben. Sie atmet, sie strahlt in der ätherischen Welt und ich fühle ihre Liebe, mächtiger denn je, bis in die Tiefe meines Herzens erzittern. Eines Tages, Fulgence, wird es dir klar sein: Man besitzt im Ewigen, was man im Zeitlichen verloren hat. (Zu den Bauern) Ich allein will die Totenwache bei Lucile von Kernoët halten. Bringt ihren Körper in die Kapelle. Ich werde gleich nachkommen.

(Man tut es. Der Körper von Ervoanik wird ins Dorf gebracht.)

6. Auftritt

VOLNEY (kommt herbei): Herr Graf. Der große Verlust, der sie getroffen hat, trifft auch meine Heimatstadt, und zwingt mich, Sie jetzt zu verlassen.

MAURICE: Einen Augenblick noch. Sagen Sie der Stadt Rennes, dass ich ihre Berufung annehme.

VOLNEY: Das ist ein Sieg, das ist eine Freude für die vereinigte Bretagne. Sie werden die Jugend Frankreichs an den Altar des Vaterlandes führen!

MAURICE: Mein Wort als Bretone bestätigt mein Versprechen. Hier meine Hand Herr Volney.

(Volney ab.)

SAINT-RIVEUL (kommt aus dem Park): Zu welchem Frankreich gehören Sie nun, Herr von Kernoët, zum alten oder zum neuen? - Zum Adel oder zu den Bauern?

MAURICE: Zu beiden. Neue Zeiten, neue Pflichten. Ich gehöre zum wahren Adel.

SAINT-RIVEUL: Also doch ein Sansculotte. Der Adel erschafft sich nicht von heute auf morgen. Er ist ein Kind der Zeit.

MAURICE: Es gibt einen ewigen Adel, denjenigen der Seele und des Herzens. Dieser hat die Pflicht zu handeln und das Recht zu gebieten, wenn der Sturm über ein Volk hereinbricht. Unglückliches Volk, das solchen Adel nicht hätte und seinem Zeichen nicht folgte. Ich gehe nach Paris, um Frankreich und die Freiheit zu verteidigen - und wäre es gegen sich selbst!

FULGENCE: Im Namen von Lucile: Willst du mich, Maurice? Dann folge ich dir überall hin!

MAURICE (umarmt sie): Fulgence, es ist mir, als sähe und besitze ich dich zum ersten Male!

SAINT-RIVEUL: Wie entzückend. Aber Ihre Köpfe werden bald unter der Guillotine fallen.

MAURICE: Besser für eine Wahrheit zu sterben als für Chimären zu leben!

SAINT-RIVEUL: Ja, meine schönen Verliebten, ich werde das erste Schiff nach England nehmen, aber vor der Abreise möchte ich meine Frau sehen.

FULGENCE (leise zu Maurice): Er weiß nichts?

MAURICE (in gleicher Weise): Lass mich sprechen ... (zu Saint-Riveul) Ist Ihnen wirklich dieser Gedanke gekommen?

SAINT-RIVEEUL: Jawohl, sie ist doch meine Frau, trotz allem!

MAURICE: Nun gut, nie kam ein Gedanke zu besserer Zeit. In diesem Augenblick ist Frau von Saint-Riveul dort in der Kapelle. Sie erwartet Sie. - Gehen Sie! Gehen Sie!

SAINT-RIVEUL: Was haben Sie? (geht unsicher zur Kapelle)

FULGENCE: Was wird er machen?

MAURICE: Fürchte nichts! Er wird einen Schock bekommen, den er bis zum Ende seiner Tage fühlen wird.

FULGENCE: Jetzt kommt er wieder heraus!

SAINT-RIVEUL (wie ein Wahnsinniger, ohne Maurice und Fulgence zu bemerken): Lucile! Sie ist es, unter den Blumen! Sie scheint zu schlafen .... schön ... wie am Tage, da ich sie überraschen wollte ... aber eine Leiche ... Und in ihrer Hand ... meinte ich zu sehen ... (Die Hände zum Herzen, mit einem Schrei) Ha! - Aber sie kann mich nicht mehr schlagen ... sie ist tot ... und ich, ich bin lebendig, wirklich lebendig (lacht) ha, ha, ha, doch welcher Wahnsinn! ... in ihrer Hand, so weiß wie Wachs ... habe ich das Messer gesehen ... und diese Hand erhob sich, als ich näher kam (schreit) ha, bin ich wahnsinnig? Tote können Lebende doch nicht bedrohen ... Diese Lucile, die ich mein ganzes Leben lang begehrt habe und nie besaß, ... diese Lucile macht mir Angst noch jetzt? Die Seele, ja die Seele, kann sie denn in der Luft umherschweben und uns verfolgen ... und uns ermorden?! Die Seele, ... wenn sie existierte ... und die Materie, wäre sie nichts? ...Was man sieht, was man anfassen kann ... mein Körper, ich, ich, ich, ... wäre das nichts? Ha, ha, ha, welcher Wahnsinn! Ich bin stark, ich, ich, ich habe allen getrotzt, ich bin aus Eisen, - ... es gibt Spielhäuser und Mädchen in London ... Die existieren, die bewegen sich, die lachen ... weit weg von einer weißen Leiche und von Friedhofsblumen (ein Schrei) ha, das Messer ... (greift sich ans Herz). Aber nein, sie ist nicht mehr da, ich bin außerhalb der Kapelle. Wie blöde ich bin! Und dann, ... ich vergaß ... (zieht sein Portfeuille heraus und drückt es in den Händen) Das, das, existiert! ... Das ist Materie ... Gold, ja, lebendiges Gold! ... jetzt auf nach England, ... Gold, ... ja, Gold! (flieht durch den Park).

7. Auftritt

FULGENCE: Schreckliches Schauspiel!

MAURICE: Die Luft ist gereinigt, da er weg ist. Er wird nicht wiederkommen. Vergessen wir ihn, er ist tot noch vor dem Grabe, - er ist schon nicht mehr.

CHOR DER MÄDCHEN IN DER KAPELLE:
Ave, stella maris
Ave Maria!

MAURICE: Hörst du diesen reinen Gesang, er schwebt über allem und scheint uns in höhere Sphären zu rufen? (Sie nimmt seine Hand.)

FULGENCE: Maurice bin ich jetzt deine Frau?

MAURICE: Ja, vor Gott und vor Lucile.

FULGENCE: Beten wir, dass wir lieben können wie Sie! ...

MAURICE: Ja, um leben zu können und sterben zu können wie die Seelenhüterin!

(Der Vorhang fällt bei wiederholtem Ave-Gesang.)

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