Vorworte Zu Werken Von Edouard Schuré Vorworte Zu «Die Grossen Eingeweihten»

Vorwort zur ersten deutschen Auflage (1907)

Vor einiger Zeit konnte Edouard Schurés Drama «Die Kinder des Lucifer»1 in deutscher Sprache veröffentlicht werden. Die Handlung und die Gestalten dieses Kunstwerkes heben sich aus den geistigen Strömungen des vierten christlichen Jahrhunderts heraus. An einem besonders charakteristischen Punkte der Menschheitentwickelung wollte Schur& die beiden Grundregungen der ringenden Menschenseele zur Darstellung bringen, die eine, die sie wie göttliche Abstammung, und die andere, die sie wie ihre göttliche Zukunft empfindet. Christus, der menschgewordene Gott, und Lucifer, der nach der Göttlichkeit ringende Mensch, stehen wie im Hintergrunde des Dramas und geben ihm ein Leben, auf das Goethe am Ende seines «Faust» deuten wollte, als er «alles Vergängliche» als dessen «Gleichnis» ansprach.

Dies Kunstwerk ist aus einer Phantasie geboren, die sich als das Kind einer höheren menschlichen Geisteskraft fühlt. Auch von dieser höheren Geisteskraft hat Goethe gesprochen. Er sagt, dass der Mensch durch die Entwickelung seiner Fähigkeiten sich zu einer Höhe erheben könne, wo sein Geist nicht mehr bloß die Abbilder der geschaffenen Dinge wie im Spiegel der Wissenschaft sieht, sondern wo er durch Einleben in das Schöpfungswerk die Urbilder in sich erstehen lässt. In seinem rastlosen Einheitsstreben stand so vor Goethes geistigem Auge stets der Endpunkt einer perspektivischen Fernsicht, in dem Erkenntnis und Kunst, Wissen und Phantasie sich auf den Höhen des Menschengeistes berühren. Wahrheit und Schönheit stammten für ihn aus gemeinsamer Quelle. Ein Wahrheitsforschen, das tief genug ist, dringt hinter die Oberfläche der Dinge zu den ewigen Ideen vor, die nicht schattenhafte Abstraktionen, sondern die lebendigen Gestaltungskräfte der Natur selbst sind. Und ein echtes Kunstwerk ist aus einer Phantasie entsprungen, die nicht aus menschlicher Willkür geboren, sondern von eben jenen ewigen Gestaltungskräften selbst befruchtet ist. So wurde für Goethe die hohe Kunst zu einer Offenbarung geheimer Naturkräfte, die ohne sie niemals offenbar werden könnten. Künstlerische Phantasie und weisheitsvolle Einsicht weisen so auf eine hinter ihnen verborgene Kraft der Menschenseele, in der sie beide eines sind.

Die wahre Mystik aller Zeiten hat diese Seelenkraft dem Seher zuerkannt. Die Erkenntnis, die über das gewöhnliche Menschendenken hinausgeht, dringt bis zu der Stufe, wo sich die Vorstellungen auflösen in jenes Element, aus dem die künstlerische Phantasie auf zumeist unbewusste Art geboren ist.

Unter den schaffenden Künstlern der Gegenwart ist GA 4a Schur£ einer, dessen ganze Art auf der Einsicht ruht, was der Seher in der geistigen Entwickelung der Menschheit ist. Alles menschliche Schaffen führt für ihn zuletzt auf die Kraft der Scher zurück. Sie sind ihm die Vermittler zwischen dem «Vergänglichen», das ihm ein «Gleichnis» ist, und dem «Ewigen», das sich dem «geistigen Schauen» erschließt, jener höheren Einheit von Weisheit und Phantasie.

Seine eigene Pilgerfahrt in dieses Gebiet hat nun Schur& dargestellt in dem Buche, das hiermit in deutscher Sprache der Öffentlichkeit vorgelegt wird. Dass es in französischer Sprache neun Auflagen erlebt hat, ist ein Beweis dafür, dass es in der Gegenwart Menschen gibt, deren Seelen den Zugang suchen zu jenen Höhen des Geistes.

Schuré ist von dem Glauben beseelt, dass eine Zukunft der Geisteskultur bevorstehe, in der sich die Wissenschaft durch die Weisheit zur Anerkennung des Sehers der Wahrheit hindurchringen wird, und dass die Kunst eine Epoche erleben werde, in der hinter der Phantasie die befruchtende Kraft der ewigen Urbilder der Dinge walten werde. Auf diesem Vertrauen ruht sein künstlerisches Schaffen; und aus ihm ist auch dieses Buch erwachsen. Es spricht von den «großen Erleuchteten», den «Initiierten», welche die tiefen Blicke hinter die Dinge getan und von da aus der Geistesentwickelung der Menschheit die großen Impulse gegeben haben. Es verfolgt diese größten Geistestaten von Rama, Krishna, Hermes bis zu Pythagoras und Plato, um in Christus die Vereinigung aller dieser Seherimpulse zu zeigen.

Was von da ausgegangen ist, lebt in der Gegenwartskultur fort. Das Licht, das aus Schur&s Buche strömt, ist daher auch erleuchtend für alle diejenigen, die mit ihrer Seele wurzeln wollen in den geistigen Untergründen, aus denen Kraft und Sicherheit für das Leben der Gegenwart geschöpft werden können. - Wer den religiösen Bedürfnissen unserer Zeit Verständnis entgegenbringt, der kann auch erkennen, was Schur&s Buch besonders nach dieser Richtung an Segen verbreiten kann. Es bietet den geschichtlichen Nachweis, dass das Wesen der Religion von dem Begriff der «Einweihung» oder «Erleuchtung» nicht zu trennen ist. Das Bedürfnis nach Religion ist allgemeinmenschlich. Eine Seele, die vermeint, ohne Religion leben zu können, ist in einer schweren Selbsttäuschung befangen. Aber Befriedigung können diesem Bedürfnisse nur die Sendboten der geistigen Welt bringen, die im Lande der Scher sich zu den höchsten Stufen erheben. So wahr es auch ist, dass die Religionen zuletzt die größten Wahrheiten dem schlichtesten Herzen zu offenbaren vermögen, so wahr ist es auch, dass ihr Ausgangspunkt da liegt, wo die Phantasie das Kleid des Scheines ablegt und zur Imagination wird, sodass sich ihr die höchste Wirklichkeit erschließt; und wo die Wahrheitsforschung zur Inspiration wird, zu der nicht der Abglanz der Gedanken, sondern das Urlicht der Ideen spricht. Indem Schuré die großen Religionsstfter als die höchsten Eingeweihten schildert, gibt er die religiöse Entwickelung der Menschheit aus ihrer tiefsten Wurzel heraus. Man wird in der Zukunft das Wesen der «Einweihung» begreifen, wenn man an den großen religiösen Erscheinungen der Vergangenheit die Einsicht in dieses Wesen gewinnen wird.

Man redet gegenwärtig viel von den Grenzen der menschlichen Erkenntnis. Man sagt, dies oder jenes müsse dem Menschen verschlossen sein, weil er einmal mit seinem Wissen über einen gewissen Kreis nicht hinausdringen könne. Man wird in der Zukunft einsehen, dass des Menschen Wissenskreis sich erweitert, in dem Maße, als er sich selbst entwickelt. Dinge, die nicht erkennbar scheinen, treten in den Bereich der Erkenntnis, wenn der Mensch die Erkenntnisfähigkeiten entfaltet, die in ihm schlummern, Und wer einmal ganz ernstlich in solche Erweiterung der menschlichen Erkenntnisfähigkeit Vertrauen gewonnen hat, der hat auch schon den Weg betreten, an dessen Ende die «großen Eingeweihten» stehen.

Zum Auffinden dieses Weges ist Schur&s Buch in der Gegenwart einer der besten Führer. Es spricht von den Taten der Erleuchteten, die aus der Geistesgeschichte der Menschheit zu erkennen sind, und es führt von diesen Taten zurück in die Seelen der Erleuchteten selbst.

Zwei Mittel sind heute vorhanden, um den Zugang zu der Sprache derjenigen zu finden, die aus der Scher-Erfahrung heraus Kunde geben können von einer geistigen Welt. Der eine Weg ist der direkte des Hinhorchens auf die Quellen, die auch in der Gegenwart aus dem Urgrunde des Daseins fließen. Der andere Weg ist der in Schur&s Buch gebotene. Für viele wird das letztere Mittel wohl erst auf den vorgenannten Weg führen. Wenn sich solche erst überzeugen können, dass die großen Geistes-Impulse der Vorzeit, die noch in ihren Seelen fortleben, aus Seherkraft entsprungen sind, dann werden sie sich auch zu dem Vertrauen hindurchringen können, dass auch in der Gegenwart ein Erreichen dieser Kraft möglich ist.

Wer das Geistesleben der Gegenwart nicht bloß an seiner Oberfläche, sondern in seinen Tiefen verfolgen kann, der vermag auch zu sehen, wie sich nach dem Abfluten der materialistischen Strömungen von vielen Seiten die Quellen des spirituellen Lebens öffnen. Gerade wer dies klar durchschaut, wird nicht die temporäre Notwendigkeit des Materialismus bestreiten. Er wird wissen, dass

dieser Materialismus in den letzten Jahrhunderten entstehen musste, weil nur unter seinem einseitigen Wirken die äußeren Erfolge der Kultur möglich waren. Ein solcher wird aber auch sehen, wie ein neues Zeitalter der Spiritualität heraufzieht.

Eine der besten Erscheinungen dieses beginnenden spirituellen Zeitalters glauben wir mit Schurés «großen Eingeweihten» der deutschen Öffentlichkeit zu übergeben. Wir zählen den Autor des Werkes zu denen, welche kühn voranschreiten in der Morgenröte dieses Zeitalters. Ihm hat die Kraft, die von dem Forschen in den Seelen der großen Eingeweihten ausgeht, den Mut und die Freiheit gegeben, die notwendig waren, um ein kühnes Buch zu schreiben, wie es das vorliegende ist.

Dr. Rudolf Steiner.

Vorwort zur zweiten deutschen Auflage (1911)

Als vor verhältnismäßig kurzer Zeit die erste Auflage dieser deutschen Ausgabe von Schur&s «Großen Eingeweihten» der Öffentlichkeit übergeben wurde, geschah dies in der Voraussetzung, dass dieses Werk auch in dieser Übersetzung Leser von solcher Art finden werde, wie es sie in so großer Zahl in seinem französischen Originale gefunden hat. Dass hiermit eine zweite Ausgabe erscheinen kann, zeigt, dass diese Voraussetzung begründet war.

Edouard Schuré, der gedankentiefe Darsteller der «Großen Eingeweihten» spricht zu solchen Seelen, welche die Blicke sehnend erheben wollen zu den großen Wegweisern der menschlichen Intuitionen, um sich zu erfüllen mit den Ideen, die im geschichtlichen Werden zur Offenbarung gekommen sind und die in jedem Menscheninnern die Ahnung erwecken können von Lösungen der Daseinsrätsel.

In unserer Zeit ist über manche der Persönlichkeiten, über welche Schur£ in diesem Buche spricht, eine reichhaltige gelehrte Literatur vorhanden. Und manche populäre Schrift macht die Ergebnisse dieser Literatur weiten Kreisen zugänglich. Schurés glänzende Darstellung gibt wesentlich anderes als diese Literatur. Eine Persönlichkeit spricht in ihr, welche mit intuitivem Blick in das Walten der Seelenmächte dringt, die sich in Menschen verkörpern. Diese Persönlichkeit vermag den Leser auf den Horizont der ewigen Gedanken zu erheben, deren Verwirklichung die wahre Geschichte der Menschheit ist,

Es war GA 4a Schur& vorbehalten, die Brennpunkte des geistigen Entwicklungsstromes der Menschheit in den «Großen Eingeweihten» aufleuchten zu lassen, auf dessen geheimnisvolle Wirkungsweise auch in Deutschland seit Herder das Suchen der größten Geister gerichtet war. Die hingebungsvollste Art im Ergründen der großen Weltgedanken verbindet sich bei diesem Autor mit der Kraft der Wiederbelebung wirksamer Ideen, die für den Verstand im Schoße der Zeiten ruhen, im Menscheninnern aber ewige Gegenwart haben. - Aus diesem Grunde ist es, dass dieses Buch in seiner französischen Gestalt Auflage nach Auflage in schneller Folge erlebt und dem inneren Bildungsleben unserer Zeit, dem «Leben der Seele» reiche Kräfte der Vertiefung zuführt. (In Frankreich ist soeben die 23. Auflage ausgegeben worden.)

Mit diesen Gedanken wird dies Buch in der neuen deutschen Ausgabe der Öffentlichkeit übergeben.

Dr. Rudolf Steiner.

Vorwort zur dritten deutschen Auflage (1918)

Mit den vorangehenden Worten erschien 1909 die erste und 1911 die zweite Auflage des Buches Edouard Schurés «Die großen Eingeweihten» in deutscher Übersetzung. In dieser schicksaltragenden Zeit wird die drive Auflage notwendig. Französische Schriftsteller finden heute schlimme Urteile über deutsches Geistesleben aus der aufgewühlten Leidenschaft heraus. Ich glaube, dass innerhalb des deutschen Geisteslebens kein wirklich Urteilsfähiger Anstoß nimmt, wenn gegenwärtig dieselben Worte unverändert wieder am Anfange dieses Buches erscheinen, die in der Zeit des Friedens aus dem Gefühle des Zusammenwirkens deutschen und französischen Geistes geschrieben sind. Aus dem Gefühle heraus, dass Edouard Schuré dem deutschen Geistesleben nahesteht, schrieb ich 1911, dass die Gedanken seiner «Großen Eingeweihten» an die Entwickelungsströmung anklingen, die an Herder und Goethe anknüpft. Ich empfinde vieles Deutsche in dem Elsässer Edouard Schuré. Oft erschien mir beim Durcharbeiten der «Großen Eingeweihten» mancher Gedanke wie aus dem deutschen Anschauen übersetzt. Ich musste dann denken, dass Schur& als eines seiner ersten Bücher geschrieben hat «Histoire du Lied», eine Entwickelungsgeschichte der deutschen Lyrik. Er empfand, indem er für die deutsche lyrische Schöpfung das Wort «Lied» nicht durch einen französischen Ausdruck wiedergab, wie die deutsche Lyrik in gewisser Hinsicht einzigartig aus der Tiefe deutschen Wesens geflossen ist. Auch hat Schur& ein Buch über Richard Wagners Geistesart und Kunst geschrieben. Man kann bemerken, dass, was ihn an Ideen zu diesem Buche begeistert hat, vielfach wieder anklingt auch in dem vorliegenden Buch. - Sicher gehört aber der Inhalt von Schurés Buch zu jenen allgemein-menschlichen Geisteswerten, die über dem stehen, was Völker trennt.

Berlin, im Juli 1916. Dr. Rudolf Steiner.



  1. Die Kinder des Lucifer Edouard Schuré. Verlag von Max Altmann, Leipzig. ↩

German original of Forewords to The Great Initiates · ← Previous · Next →