103. Grundlegung des sittlichen, sozialen und religiösen Erlebens

Die tierischen Triebe werden von den Naturalisten betrachtet: sie sollen die Keime der menschlichen Sittlichkeit sein: Doch diese Triebe zum Menschlichen herauf gestaltet, führen gerade das Unsittliche herbei. —

Es ist aber dieses richtig, dass die Sittlichkeit, die in freiem Denken erzeugt wird, sich in ihrer Entwicklung abstumpft, in die Region des Toten übergeht: Wer nicht will Geburt und Tod auch im sittlichen und sozialen Leben anerkennen, der versündigt sich gegen die Wirklichkeit.

  1. Grundlegung des sittlichen Lebens. Es kann nur verankert sein im Übersinnlichen. Gewissen und Liebe. Im Übersinnlichen erscheint das Gewissen als Anschauung der Wahrheit - die Liebe als Verbundensein mit dem objektiven Wesen. Im Sittlichen erscheint die Anschauung der Wahrheit als Gewissen; das Verbundensein mit dem objektiven Wesen als Liebe. Zwischen beiden liegt die Inspiration. —
  1. Grundlegung des sozialen Lebens. Es kann nur verankert werden in der Anerkennung des Menschen als eines übersinnlichen Wesens. - Sobald man den Menschen nicht gelten lässt als übersinnliches Wesen, sondern ihn nur seinen sinnlichen Eigenschaften nach nimmt, geht das Soziale in das Antisoziale über. Wo Erbfolge - als sinnenfällige Ordnung - oder äußerlich sinnenfällig festgesetzte Rangordnung die soziale Struktur regeln, da ist Antisoziales in das Soziale eingemischt. - Man muss den Mathematiker, Mechaniker zu Hilfe rufen, wenn man eine Brücke bauen will: Man muss die übersinnliche Erkenntnis herbeirufen, wenn man der Menschheit eine soziale Ordnung geben will.
  1. Grundlegung des religiösen Lebens: Die bloße Weisheiterkenntnis kann nur über das Individuelle hinausführen. Sie entspringt aus dem Individuellen; aber entsprungen, ist sie nicht mehr individuell. Sie kann das Religiöse nicht ersetzen: Aber wenn die Religion nicht durch Weisheit begründet wird, so wird auch nicht die Weisheit durch Religion gefunden. Daher kann in der anthroposophischen Weltorientierung nichts Sektiererisches, nichts von der Art stecken, was einer Religionsstiftung ähnlich ist. Die Zeit der Religionsstiftungen ist vorbei. Auf dem Gebiete der religiösen Werte den Zusammenhang mit der Vergangenheit verlieren, heißt die Menschheit von ihren ihr notwendigen Vergangenheitsimpulsen trennen. Es wäre, wie wenn man im Alter noch die Eigenschaften des Kindes zur Entwicklung benutzen würde.

German original of The Foundations of Moral, Social and Religious Experience · ← Previous · Next →