104. Übersinnliche Erkenntnis und Wissenschaft und Religion
- Die Verarbeitung der Naturbeobachtung durch den Verstand führt von derjenigen Verbindung hinweg, in der der Mensch zunächst in der Wahrnehmung mit der Natur steht. Diese Verbindung ist eine lebendige - Sinne und Denken sind dabei beteiligt -: der Mensch verliert sich darinnen - die Natur bietet, was sie als Lebendig-Geistiges hat.
- Die Naturwissenschaft der neueren Zeit hat Vorstellungen, die nicht mehr das Seelische mitumfassen. (Noch im 16. Jahrhundert war das anders.)
- Das Eindringen in das Übersinnliche ermöglicht erst eine Stellung zur Naturbeobachtung. Sie zeigt, dass die Sinnenseite der Natur eins ist mit der Innenwelt des Menschen. Sie bringt den Menschen zu seiner eigenen vergänglichen Wesenheit hin. Entweder man bleibt bei der Beobachtung und deren Beschreibung stehen, dann lebt man selbst im Lebendigen; aber man hat sich nicht in dieser Beobachtung. Oder man schreitet zur Erklärung vor, wodurch man sich immer mehr dem Experiment nähert, dann hat man sich, aber als Totes. Da liegt der Übergang zum reinen Übersinnlichen.
Hinter der Sinnenwelt die Übersinnliche; aber der Mensch in der Sinneswelt als sinnliches Wesen. Im Sinnlichen steckt das Übersinnliche. Das Übersinnliche wird so erlebt, dass man eine nach ganz andrer Richtung gehende Erkenntnisart anstrebt.
- Eine Wissenschaft vom Sozialen wird eine unfruchtbare sein, wenn sie nicht die Kräfte der übersinnlichen Erkenntnis in sich aufnimmt. Eine der Naturwissenschaft nachgebildete soziale Theorie ins Leben umgesetzt, schafft Zerstörungsprozesse. Eine rein anthropologische Grundlegung der Soziologie redet in Wahrheit gar nicht von den im sozialen Leben tätigen Kräften, sondern nur von den sozialen Auflösungsprozessen. In dieser Beziehung führt die wissenschaftliche Betrachtung des Lebens die Menschheit in die größten Gefahren.
- Ein naturwissenschaftliches Zeitalter kann nicht auf dem Boden der alten Kooperationen stehen bleiben. Denn die Naturwissenschaft isoliert das menschliche Individuum.
- Das Übersinnliche durch Wissenschaft erfasst, gibt nicht das persönliche Verhältnis zu dem Göttlichen, das dem Menschen notwendig ist. Dieses gehört dem besonderen Religionsgebiete an. Allein der Mensch des naturwissenschaftlichen Zeitalters müsste das Religiöse verlieren, wenn er es nicht durch übersinnliche Erkenntnis gewönne.
Theologia naturalis, Raymund von Sabunde, † 1432.
- Das Zeitalter der Religionsbegründung ist vorbei; von einer «Religion der Zukunft» zu sprechen, ist unmöglich, weil jenes persönliche Verhältnis des Menschen zur Gottheit, das in einer Religionsbegründung stattfinden muss, nicht mehr da ist. Es gehört dazu das unmittelbare Wirken des Geistes in der menschlichen Seele, das mit dem naturwissenschaftlichen Denken aufgehört hat. Wiederbelebung in jedem Einzelnen ist notwendig. Stärkere innere kraftvolle Verehrung für das Übersinnliche.
German original of Supernatural Knowledge, Science and Religion
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