106. Über den Weltkrieg und das Memorandum vom Juli 1917

Der Krieg war nicht das Ergebnis besonnener Überlegungen. Die Besonnenheit schwieg an vielen Orten. Krankhafte Erregung war an ihre Stelle getreten. Man kann höchstens sagen, dass Spekulationsgeist (z.B. Bagdadbahnprojekt) gewirkt habe. Viel hat beigetragen, dass Völkeraspirationen von der Spekulation benutzt werden konnten. Die Staaten waren darauf angewiesen, auf diese Dinge einzugehen. Weil selbst die «Hausmachten» sich in den Dienst der Weltwirtschaft stellen mussten. Was ist nun geworden: Die Entente und Amerika, die wirtschaftlich gefestigt waren, sind so geblieben, dass sie sich werden ohne Erschütterung wieder in den alten Stand setzen können. Die Mittelmächte, Russland etc. sind wirtschaftliche Wüsten, ohne dass sich in ihnen ein Punkt findet, der einen Aufbau in Aussicht stellt. Man sollte sich darüber keinen Illusionen hingeben. Die Volks-Ideale werden in die Wüsten nicht Ordnung bringen, sondern zunächst den chaotischen Charakter erhöhen. Man kann dies an Österreich sehen, wenn man nur will.

Man hat dieses an den entsprechenden Stellen in England vorausgesehen. Man wusste da, dass die sozialen Verhältnisse den Weltkrieg notwendig machten. Man hat mit ihm gerechnet. Man konnte die Karte Europas aufzeichnen, die man da voraussah. Man konnte wissen, dass die Mittelmächte sich nur durch einen Krieg zu retten glauben werden.

Nur durch ein Eingehen auf zeitgemäße Impulse hätten die Mittelmächte, hätte Russland dem Kriege entgehen können. Dieses Eingehen erfolgte nicht. Aber vielleicht, so konnte man denken, hat der Verlauf der Katastrophe den Leuten etwas gelehrt? Deshalb meine Denkschrift. Sie ging von zwei Gesichtspunkten aus. Schlichte Darstellung des Kriegsanfanges. Entgegenstellung einer mitteleuropäischen Kundgebung, die geeignet gewesen wäre, Ost-Europa zu ergreifen [gegenüber] den Wilson’schen Aufstellungen. Denn diese können nicht in Europa eine heilsame soziale Struktur schaffen. Sie gehen von den Einsichten in der anglo-amerikanischen Welt aus. Davon, dass man als politische Staatskörperschaft die wirtschaftliche Ordnung der Gegenwart bewirken könne. Innerhalb dieser Welt kann man es. Außerhalb dieser Welt nicht. Aber man weiß das nur innerhalb dieser Welt.

Es kam darauf an, eine solche Kundgebung der Wilson’schen gegenüberzustellen, die auf dieser Seite Vertrauen erweckt hätte. Die durch ihren eigenen Inhalt gezeigt hätte: Eine Störung des Weltfriedens wird durch die Mittelmächte nicht weiterhin eintreten können. Darauf war der zweite Gesichtspunkt meiner Denkschrift hingeordnet. Er ging davon aus, dass die Verhältnisse des modernen Lebens in den außerenglischen und den von den englischen abhängigen Gebieten eine Dreigliederung der ganzen sozialen Struktur notwendig machen. 1. Gesetzgebung und Verwaltung im Sinne der Volkstraditionen. 2. Organisation des Wirtschaftslebens nach opportunistischen Grundsätzen. 3. freie Produktion und Urteilfällung auf geistigem Gebiete, wozu auch das richterliche gehört.

Da man dieses nicht berücksichtigte, sind die sozialistischen Utopien entstanden, ist die viel bewunderte, aber eigentlich hilflose deutsche und österreichische Nationalökonomie entstanden, erhob sich in Russland die fürchterlichste soziale Bewegung, welche die Menschheit je gesehen hat.

Hilflos sind die Vertreter der staatlich gedachten Sozialordnung innerhalb der alten Staaten gewesen; hilflos auch die Sozialisten z.B. jetzt in Deutschland. Vollständige Illusionäre die in Russland. Die in Deutschland wollen den Kriegssozialismus fortsetzen.

Man darf nicht sagen: wie heute die Dinge liegen, so helfen solche Ideen nichts, denn in den Köpfen der Leute leben andere. Die «Führer» werden in kürzester Zeit kompromittiert sein und mit ihnen die Ideen. Dann werden die «Anhänger» geneigt sein, andere und anderes zu hören. Aber dieses andere wird dasjenige sein müssen, was von der Zeit gefordert wird.

Mit den alten Ideen lässt sich nicht weiter arbeiten. Sie haben versagt, wo sie sich auf das soziale Gebiet erstrecken sollten. Das Erste ist, die Freimachung des Bildungswesens.

(Im Leben der Natur herrscht naturgesetzlich Überproduktion — im Menschenleben ist die Überproduktion an Geist-Erzeugnissen schädlich. Da kann nicht ein Kampf etwa der Gedanken stattfinden. Autonomie des Schul-, Religions-, des Justizwesens im vollen Umfange.)

Man hätte es nur mit einer Utopie zu tun, wenn man glaubte, dass so etwas wie das Entwickelte programmmäßig sogleich in Institutionen umgesetzt werden soll. Aber nicht darauf darf es abgesehen sein, sondern darauf, dass in den Maßnahmen des öffentlichen Lebens die aus dem Entwickelten fließende Vorstellungsart wirkt. —

Es wird dadurch die Ware unabhängig gemacht von der Arbeit. Deshalb konnten die Sozialisten die Massen gewinnen, weil sie auf die Tatsache hinweisen konnten, dass die Arbeitskraft eine Ware geworden ist. — Es kommt darauf an, dass sie es nur ist bei dem modernen Arbeiter.

German original of On the World War and the Memorandum of July 1917 · ← Previous · Next →