108. Zur sozialen Frage

Es reden heute viele Menschen von der «sozialen Frage» so, als ob es sich darum handelte, an die Stelle bestehender sozialer Lebensordnungen andre zu setzen, in denen gewissen Forderungen entsprochen sein wird, die von breiten Menschenmassen als die nach einem menschenwürdigen Dasein erhoben werden. Man sicht Einrichtungen als unsozial an und strebt danach, soziale auszubilden. Wenn man von der Überführung der Produktionsmittel aus dem privaten in das Gemeineigentum spricht, so liegt dem gegenwärtig eine solche Denkweise zugrunde. Man bemerkt unter dem Einflusse dieser Denkweise nicht, dass die Verwaltung der Produktionsmittel durch die Gemeinschaft ebenso unsozial wirken kann wie die privatkapitalistische, wenn die Verwaltenden sich zu ihren Mitmenschen unsozial verhalten.

Man hat in der neueren Zeit erleben müssen, dass die Gesellschaftsordnung einen unsozialen Charakter angenommen hat. Man sucht nach den Ursachen des Unsozialen. Man sieht, dass man in privatkapitalistischen Wirtschaftsformen lebt. Man bildet sich daraus das Urteil, dass diese Wirtschaftsformen die soziale Gerechtigkeit untergraben haben. Man schaltet den Menschen aus, indem man sich dieses Urteil bildet. Man glaubt, dass die Einrichtungen durch ihre eigene Wesenheit dem gesellschaftlichen Leben den Charakter aufdrücken.

Solange derartige Einsichtigkeiten in dem Kreise von «wissenschaftlichen Denkern» bleiben, sind sie harmlos. Andre solche «Denker» kommen und widerlegen die Einseitigkeiten. Die Harmlosigkeit hört auf, sobald man darangeht, Einrichtungen zu treffen, die aus solchen Einseitigkeiten heraus erdacht sind. Die Gegenwart steht vor der Gefahr, Lebensordnungen so umzugestalten, wie es der gekennzeichneten Einseitigkeit entspricht. Auf weiten Gebieten des europäischen Ostens gestalten sich Dinge, welche die Menschheit in eine solche Gefahr bringen.

Einzusehen, in welche verhängnisvollen Irrtümer man mit solcher Umgestaltung des sozialen Lebens hineinsegelt, ist eine der wichtigsten Aufgaben der Gegenwart. Verwirklichte Irrtümer ertöten das Leben. Die Versuchung ist groß, in solche Irrtümer zu verfallen. Denn sie wird dadurch herbeigeführt, dass man in dem Bestehenden die Schäden erkennt. Diese sind da; und sie zeigen, dass Neues geschaffen werden muss. Ob das Neue nicht zu noch schlimmeren Schäden führt, das erwägt man nicht, solange man von einseitigen Ideen hypnotisiert ist, die man verwirklichen will.

Karl Marx hat die Schäden bisheriger Wirtschaftsformen gründlich durchschaut. Er hat gesehen, dass diese Schäden aus dem Privatkapitalismus heraus sich ergeben haben. In ihm erstand die Idee: Wenn kein Privatkapitalismus sein wird, so werden die Schäden beseitigt sein. Diese Idee hypnotisierte ihn. Und die Hypnose bewirkte, dass er nicht bis zu der Frage durchdrang: Wodurch hat der Privatkapitalismus die Schäden hervorgebracht?

Wer diese Frage stellt und Sinn für Lebenswirklichkeit hat, der findet, dass nicht der Privatkapitalismus als solcher die Ursache der Schäden ist. Denn nicht dadurch wird das Leben antisozial, dass einzelne Personen oder Personengruppen Kapitalmassen verwalten, sondern dadurch, dass diese Personen oder Gruppen die Ergebnisse ihrer Verwaltung im antisozialen Sinn verwerten. Die privatkapitalistische Verwaltung macht möglich, dass der einzelne Befähigte die denkbar größten Werte aus der Verwaltung herauszieht. Dass dies geschehe, wird durch die sozialen Interessen selbst gefordert. Setzt man an die Stelle der Verwaltung durch den einzelnen Befähigten diejenige durch die Allgemeinheit, dann wird die Fruchtbarkeit der Verwaltung untergraben. Denn innerhalb dieser Allgemeinheit kann die freie Initiative, die volle Auswirkung der individuellen Arbeitsfähigkeit und Arbeitswilligkeit nicht zur Geltung kommen.

Die Marxisten sahen, wie sich durch die modernen Produktionsverhältnisse die Kapitalmassen bei wenigen konzentrierten. Sie bildeten sich die Ansicht, dass die Verwaltung der konzentrierten Kapitalmassen eines Tages auf die Allgemeinheit übergehen könne. Sie sahen nicht, dass mit diesem Übergang alles das verschwinden müsse, was bei der Konzentrierung durch die Kraft der Einzelnen errungen werden kann. Nicht darum kann es sich handeln, diese auf der Kraft der Einzelnen beruhenden Errungenschaften aus der Welt zu schaffen; sondern darum, das Errungene in der rechten Art in den Kreislauf des sozialen Organismus einzuführen.

Man stelle sich doch vor Augen, was tatsächlich ist. Die Anforderungen der modernen Wirtschaft haben die privatkapitalistische Verwaltung zu einer gewissen Höhe gebracht. Auf dieser Höhe beruht ihre Fruchtbarkeit. Zugleich aber hat sich mit dieser Fruchtbarkeit eine antisoziale Struktur der Lebensordnung herausgebildet. Strebt man danach, das Wirtschaftsleben als solches sozial zu gestalten, so nimmt man ihm die Fruchtbarkeit.

Eine wirklich soziale Denkweise muss nach einer Lebensordnung streben, die der Fruchtbarkeit des Wirtschaftens nicht abträglich ist. Sie muss dem Einzelnen die Verwaltung der Produktionsmittel belassen. Sie wird deshalb fragen müssen: Wie wird das Antisoziale, das notwendig durch diese Verwaltung hervorgebracht wird, in ein Soziales verwandelt?

Man wird durch keine rückläufige Umgestaltung des Wirtschaftens das Soziale bewirken können. Aber eine rückläufige Umgestaltung ist es, wenn man das gefährdet, was fruchtbar dadurch geworden ist, dass der Einzelne im Wirtschaftsleben hat voll zur Geltung kommen können. Man wird nicht zurückgehen dürfen zu Wirtschaftsformen, in denen der Einzelne wieder mehr durch die Gemeinschaft gebunden ist. Das Gegenteil muss angestrebt werden. Die Auswirkung der Kraft des Einzelnen muss gefördert werden.

Mit dieser Auswirkung wächst die Macht des Einzelnen, wenn dieses Wachstum allein vom Wirtschaftsleben abhängig ist. Innerhalb des Wirtschaftslebens können Einrichtungen nicht getroffen werden, welche diesem Wachstum die Nachteile benehmen, die sich ergeben, wenn der Einzelne zu einer Macht kommt, die seinen Mitmenschen schädlich wird. Sie müssen außerhalb des Wirtschaftslebens entstehen.

Die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus strebt nicht nach einer unmöglichen Gestaltung des Wirtschaftslebens, sondern sie will dem Wirtschaftskreislauf durch die abgesonderte Verwaltung des Rechtslebens und des Geisteslebens den sozialen Kräftestrom zuführen, den er aus sich selbst niemals entwickeln kann. Durch sein eigenes Wesen kann das Wirtschaftsleben weder sozial noch antisozial sein. Es kann nur so verwaltet werden, dass in ihm durch die Sachkenntnis und Fachtüchtigkeit der wirtschaftenden Menschen der Gemeinschaft diejenigen Güter erzeugt werden, deren diese Gemeinschaft bedarf. Durch Sachkenntnis und Fachtüchtigkeit erlangen die Menschen ihre Stellungen innerhalb des Wirtschaftslebens. Sozial gerecht werden sie in diesen Stellungen nur wirken können, wenn durch deren Innehaben sich keine andern als wirtschaftliche Beziehungen zu ihren Mitmenschen ergeben. Das kann aber nur dann sein, wenn der Tendenz des Wirtschaftslebens, solch andere Beziehungen zu erzeugen, fortdauernd entgegengearbeitet werden kann. In einer Stellung, in der er wirtschaftlich sich betätigt, kann das der Mensch nicht. In ihr kann er ersprießlich nur arbeiten, wenn er keine andern Gesichtspunkte im Auge zu haben braucht, als aus den ihm zugänglichen wirtschaftlichen Quellen die sich offenbarenden Bedürfnisse seiner Mitmenschen zu befriedigen. Die andern Beziehungen müssen in einer Art hergestellt werden, auf welche das Wirtschaftsleben keinen Einfluss hat. Solche andere Beziehungen sind die Pflege des geistigen und des rechtlich-politischen Lebens.

Nur weil sich in dem Gesamtleben ineinander organisiert, was sich aus der wirtschaftlichen Arbeit, aus der Pflege des Geisteslebens und aus den rechtlich politischen Einrichtungen ergibt, glaubt man, das Zusammenwirkende auch von einem Mittelpunkte aus leiten zu müssen. Weil ein Mensch die Fähigkeiten zu einem ersprießlichen Arbeiten im Wirtschaftsleben haben muss, glaubt man, aus dem Wirtschaftsleben heraus auch die Einrichtungen gewinnen zu müssen, durch welche diese Fähigkeiten entwickelt werden. Dadurch aber wird das Zusammenarbeiten des Geisteslebens mit dem Wirtschaftsleben nicht gefördert, sondern gehemmt. Dafür, wie ein Mensch arbeitet, wenn er eine wirtschaftliche Position innehat, kann nur maßgebend sein, was das Wirtschaftsleben fordert. Dass er Fähigkeiten für diese Position entwickelt, dazu kann das Wirtschaftsleben nichts tun. Er soll daher zu einer solchen Position nicht durch etwas kommen können, das im Wirtschaftsleben selbst begründet ist. Der Leiter eines Betriebes soll so arbeiten, dass durch seine Arbeit in der zweckmäßigsten Weise Güter erzeugt werden. Dass im Menschen die Fähigkeiten zu solcher Leitung entwickelt werden, dafür soll das selbstständige Geistesleben sorgen. Fähigkeiten entwickeln sich nur, wenn sie von geistigen Gesichtspunkten aus gepflegt werden. Zu ihrer Pflege ist notwendig, dass es ein Lebensgebiet gibt, auf dem sachgemäß die Anlagen der Menschen aus deren eigener Wesenheit heraus entfaltet werden.

German original of The Social Question · ← Previous · Next →