115. Autobiografisches Fragment II
Meine Geburt fällt auf den 25. Februar 1861. Zwei Tage später wurde ich getauft. Das war in dem kroatisch-ungarischen Grenzort Kraljevec, wo mein Vater als Telegrafist der österreichischen Südbahn bedienstet war. Diese Südbahn hatte damals noch ihre einheitliche Verwaltung in Wien, und die Bediensteten wurden abwechselnd auf der späteren ungarischen und den österreichischen Linien verwendet. Mein Vater war erst kurze Zeit vor meiner Geburt von einer kleinen südsteirischen Bahnstation nach Kraljevec versetzt worden.
Mein Vater und meine Mutter stammen aus der Horner Gegend in Niederösterreich; die Mutter ist aus Horn gebürtig, der Vater aus Geras, dem Sitze eines Prämonstratenserstiftes, in Niederösterreich. Im Jahre 1862 wurde mein Vater von Krajelvec nach Mödling bei Wien und 1863 nach Pottschach in Niederösterreich versetzt.
In dem letztern Orte sind meine beiden Geschwister geboren und ich verlebte dort die Kinderjahre bis zu meinem achten. Die täglich vorbeikommenden Eisenbahnzüge, eine ganz in der Nähe befindliche Spinnfabrik, der österreichische Schneeberg mit den andern um ihn befindlichen Alpenbergen bildeten die Gegenstände des täglichen Erlebens. In Pottschach war ein Lichtenstein’scher Besitz mit einem Schloss. Die Familie des Rechnungsführers kam oft zu uns. Ein fast täglicher Besuch war der Pfarrer des benachbarten Ortes St. Valentin. Dieser Mann stand ganz ohne priesterliche Allüren in seinem Berufe drinnen. Er war in seiner Art ein Weltmann. Sein Besuch bei uns war der Abschluss seines Spazierganges und er war wohl mehr als an der Unterhaltung mit meinen EItern an der Beobachtung der vorübergehenden und haltenden Eisenbahnzüge interessiert. Zu einer solchen kam auch öfter der Pfarrer von Pottschach, der aber von seinem Amtskollegen in St. Valentin nicht besonders ernst genommen wurde. Der Valentiner Pfarrer war groß, der Pottschacher klein; und ich erlebte einmal das Schauspiel, dass der Erstere den Letztern unter den Arm nahm, aufhob und eine ganze Strecke weit wie ein Paket trug.
Ich lernte früh die Dinge des Eisenbahnwesens kennen. Denn mein beliebtester Aufenthaltsort war der Wartesaal des kleinen Bahnhofes und die winzige Kanzlei meines Vaters. Mit sechs Jahren wurde ich zur Schule geschickt, bald aber aus derselben herausgenommen, weil sich mein Vater mit dem alten Schulmeister überworfen hatte. Ich ging dann, nach dessen Pensionierung, noch kurze Zeit bei einem jungen Lehrer in Pottschach zur Schule. Den größten Teil des Unterrichtes gab mir mein Vater selbst.
Die ganze Atmosphäre war ungeeignet, irgendwie schwärmerische Anlagen auszubilden. Alle Interessen der Menschen, die ich sah, hingen mit dem Eisenbahnwesen, mit der in der Nähe befindlichen Spinnfabrik zusammen. Der «Valentiner Pfarrer» war ein nüchterner Mann mit etwas zynischem Anfluge in seinen Gesprächen, oft etwas wie ein Schalk.
Einen tiefen Eindruck machte auf den Knaben das folgende Erlebnis. Die Schwester meiner Mutter war auf tragische Art gestorben. Der Ort, an dem sie lebte, war ziemlich weit von dem unsrigen entfernt. Meine Eltern hatten keine Nachricht. Ich sah, sitzend im Wartesaal des Bahnhofes, im Bilde das ganze Ereignis. Ich machte einige Andeutungen in Gegenwart meines Vaters und meiner Mutter. Sie sagten nur «Du bist a dummer Bua». In einigen Tagen sah ich, wie mein Vater nachdenklich wurde durch einen erhaltenen Brief, wie er dann, ohne mein Beisein nach einigen Tagen mit meiner Mutter sprach und diese dann tagelang weinte. Von dem tragischen Ereignisse erfuhr ich erst nach Jahren.
Gelernt habe ich in dieser Zeit nur Lesen und Rechnen; im Schreiben ging es gar nicht vorwärts.
Als ich mein achtes Lebensjahr erreicht hatte, wurde mein Vater nach Neudörfl (L[ajta Sz[en]t Miklös) bei Wiener-Neustadt versetzt. Ich kam nun dort zur Schule. Der Lehrer war entsetzt ob meines Schreibens. Ich rundete alle Buchstaben, ignorierte die Oberzeilen und schrieb alle Worte unorthografisch. Aber in der Bibliothek des Lehrers entdeckte ich ein Buch «Mo£niks Geometrie». Die ließ ich mir für einige Zeit geben und studierte sie ganz eifrig. An den Klavierstunden, die im Zimmer meines Lehrers gegeben wurden, nahm ich zuhörend stets teil.
Dieser Lehrer war ein ganz ausgezeichneter Mensch. Er zeichnete gut und gab auch mir Zeichenunterricht, obwohl ich gar sehr eines gründlichen Schreibunterrichtes bedurft hätte. Der Lehrer hatte nur 54 Gulden Jahresgehalt, das Essen beim Oberlehrer. Der Letztere kam sehr selten in die Schule, da er die Sekretariatsgeschäfte seiner Gemeinde besorgte. Wir Kinder hatten die Meinung, unser Unterlehrer ist ein «richtiger» Lehrer; der Schulmeister «versteht aber von nichts etwas».
Fromme Leute waren damals meine Eltern nicht. Mein Vater behauptete schon in Pottschach stets «Herrendienst geht vor Gottesdienst» und entschuldigte damit, indem er sagte, sein Dienst gebe ihm zum Beten keine Zeit, dass er nie in die Kirche ging. Dennoch wurde ich in Neudörfl «Kirchenbub» und ein Liebling des Pfarrers, der auch meinen Vater sehr gerne hatte, trotzdem er ihn nie in der Kirche sah.
Dieser Pfarrer war ein ausgeprägter Charakter. Magyar, vom Scheitel bis zur Sohle. Klerikaler bis aufs Messer. Er konnte predigen, dass in der kleinen Pfarrkirche alle Kirchenstühle ins Wanken kamen. Ich verdanke ihm außerordentlich viel, denn er führte mich in das Verständnis des kopernikanischen Weltsystems schon in meinem neunten Lebensjahre ein. Er tat das an der Hand sehr instruktiver Zeichnungen. Er kam wöchentlich zweimal in unsere Schule. Sein Katechismus- und Bibelunterricht freute alle Kinder wegen des Sympathischen seiner Persönlichkeit. Als Kirchenbub leistete ich Dienst beim Messopfer, beim Nachmittagsgottesdienst, bei Leichenbegräbnissen, bei Fronleichnamsfesten. Dieser Dienst nahm einmal ein jähes Ende. Mehrere «Kirchenbuben», darunter auch ich, waren des Morgens zu spät zum Ministrieren gekommen. Diese alle sollten nun in der Schule Prügel bekommen. Ich hatte eine ganz unwiderstehliche Abneigung gegen solche und wusste mich denselben zu entziehen. Ich habe dieses Entziehen immer so durchgeführt, dass ich nie Prügel bekommen habe. Mein Vater war aber so entrüstet bei dem Gedanken, dass «sein Sohn» hätte geprügelt werden sollen, dass er sagte: «Jetzt ist es aus mit der Kirchendienerei. Du gehst mir nimmer hin.»