37. Goethes Weltanschauung in der Geschichte des Denkens

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Und jede Gruppe stellt eine von den zwei Hauptströmungen dar, welche das Geistesleben der zweiten Hälfte des Jahrhunderts ausmachen.

In der Jugendzeit eines jeden von uns gibt es einen Kampf zwischen diesen zwei Strömungen. Die eine Strömung ist zu bezeichnen mit dem Worte: Sehnsucht nach der Freiheit in allen Formen:

— Unabhängigkeit von der göttlichen Vorsehung.

— Unabhängigkeit von der Tradition und den angeerbten Empfindungen unserer Vorfahren.

— Unabhängigkeit von dem Einflusse gesellschaftlicher und staatlicher Gewalten.

— Unabhängigkeit von anerzogenen Vorurteilen.

Die andere Strömung ist die von der neueren Wissenschaft ausgehende.

Wir stammen von den höchst-entwickelten Säugetieren ab. Unsere Natur ist gleichartig derjenigen dieser Geschöpfe, nur vollkommener. Wir können nur so handeln, wie wir organisiert sind. Unsere Handlungen sind komplizierter, aber politische Revolutionen des Jahrhunderts nicht, denn sie dachten, sie fühlten, wie man seit Jahrtausenden gedacht und gefühlt hat. So lange die alte Weltanschauung in den Gemütern lebte, so lange war auch die alte Gesellschafts- und Staatsform berechtigt.

Dies hat Hegel erkannt. Er begriff, dass die alte Weltordnung so ist, wie sie nach der alten Vorstellungswelt sein muss. Die Wirklichkeit entsprach der alten Denkrichtung, der alten Vernünftigkeit.

Hegel war einer der gescheitesten Menschen aller Zeiten; ein Mensch von raffiniertem Denken, der die Ideenwelt seiner Zeit bis in die feinsten Verzweigungen hinein kannte, und der sehen konnte, dass zu dieser Ideenwelt die bestehende Wirklichkeit in [hier fehlen zwei Manuskriptseiten] ursprünglichen Naturkräfte, die aus sich selbst, ohne göttliches Zutun wirken. Man konnte die Natur aus sich selbst erklären. Und damit war dem Menschen eine ganz neue Stellung innerhalb der Naturordnung angewiesen. Nach der alten Weltanschauung musste er seine Herkunft von dem weisen Schöpfer herleiten, von dem er die ganze übrige Natur ableitete. Dieser weise Schöpfer bestimmt die Gesetze der Natur, dieser weise Schöpfer bestimmt auch das Schicksal der Menschen. Unter den Willen dieses weisen Schöpfers musste sich der Mensch beugen. Er musste zu ihm in Demut aufblicken, seine Ratschlüsse erforschen und sich nach ihnen richten. Ausgelöscht war dieses über den Menschen stehende Wesen nun mit der neuen Weltanschauung. Der Mensch fühlte, konnte sich als das höchste Wesen in der Reihe der Naturdinge fühlen; er konnte sich selbst Richtung und Ziel seines Daseins geben. Er konnte fühlen, dass er über allen übrigen Wesen stehe, aber er brauchte keine über ihm stehende Macht mehr zu fühlen. Anstelle der Weltanschauung der Demut konnte die Weltanschauung des Stolzes, der selbstbewussten Menschheit treten.

In diesem Umschwung in der Empfindungswelt liegt die große Revolutionierung der Geister im neunzehnten Jahrhundert.

Der Erste, der innerhalb des deutschen Geisteslebens diese neue Empfindungswelt in sich zu erwecken und der Welt zu verkünden wusste, war Goethe. 40-50 Jahre bevor diese Empfindungen dumpf und elementar Geoffroy begeisterten, seine Streitreden gegen Cuvier zu verkünden, hat schon Goethe das neue Evangelium ausgesprochen.

Am Ende des vorigen Jahrhunderts lebte, dachte und dichtete Goethe der neuen Anschauung gemäß, die sogar heute noch immer das Besitztum weniger geblieben ist.

Es ist eine psychologische Tatsache allerersten Ranges, wie sich in Goethe die neue Weltanschauung entwickelte.

Sie wuchs in ihm wie aus dem Nichts heraus, wie aus der produktiven Phantasie des genialen Individuums, während er umgeben war von Geistern, die durchaus im Banne der alten Weltanschauung standen. Goethe wusste nicht, dass er seiner Zeit um ein Jahrhundert in Bezug auf das Empfindungsleben voraus war. Er kannte die zukunftssichere Wirkungskraft seines Denkens und Fühlens nicht, und weil es eine in der Neuzeit völlig neue Pflanze war, die in ihm gedieh, weil er sich rings nur von Widerspruch und von andern Anschauungen umgebend sah, fühlte er sich unsicher.

Ein mächtiger Drang nach Erkenntnis lebte in Goethe. Ein Drang, der sich in den Reden seines Faust in so erschütternder Weise ausdrückt. Wahrheit, Erkenntnis der tiefsten Gründe der Dinge strebte er an. Denn von der ewigen Wahrheit durchdrungen sollte auch das sein, was er als Dichter der Welt künden wollte. Er gehörte nicht zu jenen Glücklichen, die an der Oberfläche der Dinge haften bleiben und glauben, wenn sie diese Oberfläche treu beschreiben, sprechen sie die Wahrheit aus. Er fühlte, dass wer Wahrheit sucht, sich in die Tiefe der Dinge, weit unter deren Oberfläche einbohren muss.

Die Richtung, die sein Erkenntnisdrang annahm, war eine solche, dass ihn alle Vertiefung in die Werke und Reden seiner Zeitgenossen nichts nutzen konnte.

Am Klarsten kam diese Gegensätzlichkeit von Goethes Anschauung zum Ausdruck in dem Gespräche mit Schiller, das Goethe selbst beschrieben hat.

Eine tiefe Kluft erblickt diese alte Weltanschauung zwischen der Welt der Sinne und der Welt des Geistes, der Welt des Denkens. Goethe glaubt seine Ideen mit Augen zu sehen, wie man auch die Farben, das Licht mit den Augen sieht. Und der Geist der Menschen ist ihm ein Organ, die Ideen, die zu den Dingen gehören, wie die Farben zu den Dingen gehören, zu sehen.

Dass die Ideen zu den Dingen gehören widersprach allen Gefühlen der europäischen Kulturmenschheit zur Zeit Goethes.

Eine jahrhundertealte Erziehung in einer verkehrten Weltanschauung hat den Menschen dieses natürliche Gefühl gründlich ausgetrieben.

Der Erste, von dem wir mit Bestimmtheit sagen können, dass er an dieser falschen Erziehung der europäischen Menschheit gearbeitet [hat, ist] Parmenides.

Auf ihn baute Plato. Die Sinnenwelt ein Trugbild. Die Ideenwelt allein das Wahre. Trotz Aristoteles wurde die europäische Menschheit in dieser verkehrten Weltanschauung erzogen. Das Christentum griff mit Gier den Platonismus auf. Aus dem Trugbild der Sinnenwelt, das keine Wahrheit hat, machte es die sündige, die schlechte Welt, das irdische Jammertal. Aus der Ideenwelt machte sie das Jenseits, nachdem den Menschen die Sehnsucht drängt. Aus der platonischen Ideenwelt wurde die christliche Vorsehung. Die Ideen wurden in den Geist Gottes verlegt.

Die Natur wurde um ihre Rechte verkürzt. Der Geist, der der Natur gehört, wurde ihr entrissen. Und da der Mensch auch zur Natur gehört, wurde auch ihm der Geist entrissen, d.h., dieser Geist sollte nicht mehr im Innern des Menschen walten, nicht mehr ein Teil von ihm sein, dessen er Herr ist, den er besitzt, mit dessen Hilfe er die Welt beherrscht. Nein, der Geist sollte außer dem Menschen ein selbstständiges Dasein führen und durch die göttliche Gnade sollten dem Menschen die Segnungen dieses Geistes zufließen. Nicht konnte der Mensch sagen: Ich bin der Geist und was ich tue, das tue ich Kraft meines Geistes, sondern er musste sagen: Über mir schwebt der Geist und ich tue, was er gebietet; nicht konnte der Mensch sagen: Ich steige hinunter in meine geistige Wesenheit und erforsche die Gedankenwelt, die in mir ist, wenn ich die Wahrheit erkennen will, sondern aufblicken musste der Mensch zu Gott, wenn er Erkenntnis haben wollte.

Unter dem Drucke des sie knechtenden Geistes stand die Menschheit das ganze Mittelalter hindurch. Und als in der Neuzeit in einigen Geistern ein neues Licht aufdämmerte, so konnte es sich keinesfalls gleich hell entfalten; es konnte eben nur dämmern.

Das Christentum hat nicht nur den Kopf mit ungesunden Gedanken erfüllt, es hat auch das Herz, das Empfindungsleben in falsche Bahnen gebracht.

An Baco, an Descartes ist das zu merken. Jener setzte zwar die Sinnenwelt wieder in ihre Rechte ein; aber der Geist kam zu kurz. Descartes achtete die Sinnenerkenntnis nicht. Und Spinoza wollte alle Weisheit, alle Tugend aus dem Geiste entwickeln. Man hatte das Band zwischen Sinnenwelt und geistiger Welt zerrissen. Man hatte sich eingelebt in die Verachtung der Sinnenwelt. Deshalb blieb auch die geistige Produktion leer. Ein logisches Gespinst, bei dem den gesunden Menschen friert, hat Spinoza gesponnen.

Kant [versammelte] die Irrtümer der Jahrhunderte in sich. Er steckte voll von den Erziehungsvorurteilen dieser Jahrhunderte.

Kants Evangelium war das betrübende Evangelium des Faust, dass wir nichts wissen können. Und Goethe konnte, wenn er die trostlose Öde dieser Weltanschauung merkte, wohl sagen: das will mir schier das Herz verbrennen.

Was ihm kein deutscher Philosoph geben konnte, das gab Goethe die Anschauung der griechischen Kunstwerke in Italien. In diesen Kunstwerken fand er die sichere Wahrheit, die ideale Wesenheit der Dinge verkörpert, die er suchte.

Die hohen Kunstwerke.

Aufsatz: die Natur.

(«Wenn die gesunde Natur in dem Menschen als ein Ganzes wirkt, wenn er sich in der Welt als in einem großen, schönen, würdigen [und werten] Ganzen fühlt, wenn das harmonische Behagen ihm ein reines, freies Entzückens gewährt - so würde das Weltall aufjauchzen, wenn es sich selbst empfinden könnte und den Gipfel des eigenen Werdens und Wesens bewundern.»)

In dem Menschen enthüllt die Natur ihre Geheimnisse.

Aber es fehlte Goethe etwas zur vollen Ausbildung des stolzen Menschheitsbewusstseins.

Wie hast du’s denn so weit gebracht?
Sie sagen, du habest es gut vollbracht!»
Mein Kind! ich hab’ es klug gemacht,
Ich habe nie über das Denken gedacht.

Und deshalb fiel er wieder zurück in die alte Weltanschauung, in die alte Empfindungswelt. Und im Sinne dieser alten Empfindungswelt hat Goethe seinen Faust umgedichtet.

Wie wäre der Faust geworden, wenn Goethe seiner alten Weltanschauung treu geblieben wäre?

Wie ist er unter dem Einflusse seines Alters geworden?

Goethe der Greis konnte der auf ihn von allen Seiten anstürmenden Empfindungs- und Vorstellungswelt nicht widerstehen; er beugte sich endlich. Aber als er bei Geoffroy Geist von seinem Geist verspürte, da leuchteten sie wieder alle auf, die Gedanken und Empfindungen, die er in seiner eigenen Jugend gehabt hat. Geoffroys Sache war doch seine Sache.

Und diese seine Sache ist die geistige Triebkraft des neunzehnten Jahrhunderts geworden.

Es kam Feuerbach; es kam Stirner.

Sie die beiden Zertrümmerer der alten missverstandenen Ideenwelt, die Wiederhersteller der misshandelten Natur. Einen Markstein bedeutet Stirner.

Der große Mephistopheles des neunzehnten Jahrhunderts.

In seinem Nichts hoffen wir das All zu finden.

Die gähnende Kluft, das große Stirner’sche Nichts musste ausgefüllt werden.

Es musste auf andere Weise ausgefüllt werden, als es Goethe getan hat. Mit hoher [hier fehlen zwei Manuskriptseiten] gibt. Wenn der Mensch sagt ich will, so ist dieses Wollen ein irdisches. Der Mensch braucht keine Achtung mehr zu empfinden vor einem höheren Wesen; er ist das höchste Wesen, das ihm bekannt ist; er ist der Herr seiner Selbst geworden.

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