38. Über das Begreifen
Bei Goethe kommt es nicht darauf an, dass das Blütenoder Fruchtblatt einer vollkommenen Pflanze einmal ein wirkliches Blatt bei einer unvollkommenen Pflanzenform war; sondern darauf, die Idee der Pflanze zu finden. Erst aus dieser Idee heraus ist es verständlich, dass die einzelnen Momente einer komplizierteren Form auch als solche eine einfache Form bilden können. Wir begreifen wie das Zusammengesetzte aus dem Einfachen, sondern stets das Einfache durch das Zusammengesetzte. Die ganze Welt begreifen wir durch ihr zusammengesetztestes Produkt, durch den Menschen. Was heißt begreifen? Wir erleben Vorgänge. Die höchsten Erlebnisse sind die, die wir an uns selbst erleben. In Analogie damit denken wir andere Vorgänge. Es ist ganz lächerlich, das für das gewöhnliche Sehen wahrnehmbare durch das Mikroskopische erklären zu wollen. Wenn wir den Zeugungsakt unter dem Mikroskop beobachten, so haben wir im Grunde nicht mehr vor uns, als was wir im gewöhnlichen Leben sehen. Aus einem Männlichen und einem Weiblichen entwickelt sich eine neue organische Form. Wir erweitern durch das Mikroskopieren das Gebiet unserer Wahrnehmungen, nicht aber die Summe unserer Begriffe und Ideen. Und auf diese kommt es dann doch an. Alles Übrige ist als Bereicherung unserer Erfahrung anzusehen.