46. Exegese zu Licht auf den Weg von Mabel Collins
[Teil I]
Was der auf das Endliche gerichtete Verstand (Kama manas) die Wahrheit nennt, das ist nur eine Unterart dessen, was der Esoteriker als «die Wahrheit sucht». Denn die Verstandeswahrheit bezieht sich auf dasjenige, was geworden ist, was offenbar ist. Und das Offenbare ist nur ein Teil des Seins. Jedes Ding unserer Umwelt ist zugleich Produkt, Geschöpf (d.h. Gewordenes, Offenbares) und Keim (Unoffenbares, Werdendes). Und erst, wenn man ein Ding als die beiden Aspekte (Gewordenes und Werdendes) betrachtet, dann hat man vor Augen, dass es ein Glied des Einen Lebens ist, des Lebens, das die Zeit nicht außer sich, sondern in sich hat. So ist auch die endliche Wahrheit nur ein Gewordenes; sie muss belebt werden durch eine werdende Wahrheit. Die erstere erfasst man; die zweite «beachtet» man. Alle bloß wissenschaftliche Wahrheit gehört zur ersten Art. Wer solche Wahrheit allein sucht, für den ist «Licht auf den Weg» nicht geschrieben. Es ist geschrieben für die, welche die Wahrheit suchen, die heute Keim ist, um morgen Produkt zu werden; und die nicht das Gewordene erfassen, sondern das Werdende beachten. Will jemand die Lehren von «Licht auf den Weg» verstehen, dann muss er sie als seine eigenen erzeugen und doch als völlig andere lieben, wie eine Mutter ihr Kind als eigenes erzeugt und als anderes liebt.
Die vier ersten Lehren sind solche, die die Eingangspforte zur Esoterik eröffnen, wenn sie verstanden werden. — Was bringt der Mensch den Gegenständen seines Erkennens entgegen? Wer immer sich prüft, wird finden, dass Freude und Schmerz seine Antwort auf die Eindrücke der sinnlichen und übersinnlichen Welt sind. Man gibt sich so leicht dem Glauben hin, dass man Lust und Unlust abgelegt habe. Man muss aber in die verborgensten Winkel seiner Seele hinuntersteigen und seine Lust, seine Unlust heraufholen; denn nur, wenn alle solche Lust und alle solche Unlust verzehrt wird von der Seligkeit des höheren Selbst, dann ist Erkenntnis möglich. Man denkt: man werde dadurch ein kalter und nüchterner Mensch. Das ist nicht der Fall. Ein Stück Gold bleibt dasselbe Stück Gold - nach Gewicht und Farbe -, auch wenn es zum Schmuckgegenstand umgeformt wird. So bleibt Kama das, was es ist — nach Inhalt und Intensität —, auch wenn es spirituell geformt wird. Die Kama-Kraft soll nicht ausgerottet werden, sondern in den Inhalt des göttlichen Feuers einverleibt werden. So soll des Auges Zartsinn nicht in Tränen sich entladen, sondern die empfangenen Eindrücke vergolden. Löse jede Träne auf und verleihe den perlenden Glanz, den sie hat, dem Strahl, der in das Auge dringt. Verschwendete Kraft ist deine Lust und dein Schmerz; verschwendet für die Erkenntnis. Denn die Kraft, die in diese Lust und diesen Schmerz ausfließt, soll einströmen in den Gegenstand der Erkenntnis. «Bevor das Auge sehen kann, muss es der Tränen sich entwöhnen.» Wer noch den Verbrecher verabscheut in dem gewöhnlichen Sinne, und wer noch den Heiligen anbetet in diesem gewöhnlichen Sinne, der hat nicht sein Auge der Tränen entwöhnt. Verbrenne all deine Tränen in dem Willen zum Helfen. Weine nicht über den Armen; erkenne seine Lage und hilf! Murre nicht über das Böse; verstehe es und wandle es in Gutes. Deine Tränen trüben nur die reine Klarheit des Lichtes. Du empfindest umso zarter, je weniger du empfindlich bist. Der Klang wird dem Ohr klar, wenn diese Klarheit nicht gestört wird durch das Entzücken, durch das Sympathisieren, die ihm beim Eingange in das Ohr begegnen. «Bevor das Ohr vermag zu hören, muss die Empfindlichkeit ihm schwinden.» In anderer Art gesprochen, heißt das: Lasse die Herzschläge des andern in dir widerklingen und störe sie nicht durch die Schläge deines eigenen Herzens. Du sollst dein Ohr öffnen und nicht deine Nervenendigungen. Denn deine Nervenendigungen werden dir sagen, ob dir ein Ton behaglich ist oder nicht; aber dein offenes Ohr wird dir sagen, wie der Ton selbst ist. Wenn du zu dem Kranken gehst, so lass jede Fiber seines Leibes zu dir sprechen und ertöte den Eindruck, den er dir macht.
Und zusammengefasst die ersten zwei Sätze: Kehre deinen Willen um, lass ihn so kraftvoll wie möglich werden, aber lass ihn nicht als den deinen in die Dinge strömen, sondern erkundige dich nach der Dinge Wesen und gib ihnen dann deinen Willen; lass dich und deinen Willen aus den Dingen strömen. Lass die Leuchtkraft deiner Augen aus jeder Blume, aus jedem Sterne fließen; aber behalte dich und deine Tränen zurück. Schenke deine Worte den Dingen, die stumm sind, damit sie durch dich sprechen. Denn sie sind nicht eine Aufforderung an deine Lust, diese stummen Dinge, sondern sie sind eine Aufforderung an deine Tätigkeit. Nicht, was sie geworden ohne dich ist für dich da, sondern was sie werden sollen, muss durch dich da sein.
Und solang du deinen Wunsch einem einzigen Dinge aufdrückst, ohne dass dieser dein Wunsch aus dem Dinge selbst geboren ist, solange verwundest du das Ding. Solange du aber irgendetwas verwundest, solange kann kein Meister auf dich hören. Denn der Meister hört nur jene, die seiner bedürfen. Niemand aber bedarf des Meisters, der sich den Dingen aufdrängen will. Des Menschen niederes Selbst ist wie eine spitze Nadel, die sich überall eingraben will. Solange sie das will, wird kein Meister ihre Stimme hören wollen. «Eh’ vor den Meistern kann die Stimme sprechen, muss das Verwunden sie verlernen.» — Solange noch die spitzen Nadeln des «/ch will» aus den Worten des Menschen ragen, solange sind seine Worte die Sendboten seines niederen Selbst. Sind diese Nadeln entfernt und ist die Stimme weich und schmiegsam geworden, dass sie sich wie ein Schleiergewand um die Geheimnisse aller Dinge legt, dann webt sie sich selbst zum Geistgewand (Majavirupa), und des Meisters zarter Laut kleidet sich in sie. Mit jedem Gedanken, den der Mensch im wahren Sinne des Wortes der inneren Wahrheit der Dinge widmet, webt er einen Faden zu dem Kleide, in das sich der Meister hüllen mag, der ihm erscheint. - Wer sich selbst zum Sendboten der Welt macht, zum Organ, durch das die Tiefen der Welträtsel sprechen, der «ergießt seiner Seele Leben in die Welt», sein Herzblut netzt seine Füße, auf dass sie eilends ihn dahin tragen, wo gewirkt werden soll. Und wenn die Seele da ist, wo nicht das niedere Ich ist, wenn sie nicht da ist, wo der Mensch genießend steht, sondern da, wohin ihn die tätigen Füße getragen haben, dann erscheint auch da der Meister. «Und eh» vor ihnen stehen kann die Seele, muss ihres Herzens Blut die Füße netzen.» Wer in sich stehen bleibt, kann nicht den Meister finden; wer ihn finden will, muss seiner Seele Kraft - seines Herzens Blut - in sein Tun - in seine tätigen Füße - fließen lassen.
So ist der erste Sinn der vier Grundlehren. Wer mit diesem ersten lebt, dem kann der zweite enthüllt werden und dann die folgenden. Denn diese Lehren sind okkulte Wahrheiten, und eine jede okkulte Wahrheit hat mindestens einen siebenfachen Sinn. —
[Teil II: Die folgenden Erläuterungen beziehen sich auf die Sätze Nr. 17 und 18 aus Kapitel 2 in «Licht auf den Weg»]
§ 17.2. Kapitel.
[Das Innerste frage, das Eine, nach seiner Geheimnisse letztem, das dir es umschließt seit Jahrtausenden. Der große, schwere Kampf, die Überwindung der Wünsche deiner eignen Seele, ist eine Arbeit von Jahrtausenden. Erwarte deshalb nicht den Siegespreis, ch’ du Erfahrung von Jahrtausenden gesammelt. Kommt dann die Zeit, wo diese letzte Lehre zur Wahrheit wird, betritt der Mensch die Schwelle, die über’s Menschentum hinaus ihn hebt.]
In diesen letzten Paragrafen des zweiten Kapitels von «Licht auf den Weg» ist Weisheit der tiefsten Art enthalten. In Nr. 17 ist die Aufforderung enthalten, das «Innerste», das «Eine» zu fragen nach seiner «Geheimnisse letztem». Wer hinunterleuchtet in die Tiefen dieses «Innersten», der findet in der Tat die Ergebnisse von «Jahrtausenden». Denn, was der Mensch heute ist, das ist er durch lange Jahrtausende hindurch geworden. Durch Welten hindurch ist ja das «Innerste» gegangen, und verborgen ruhen in seinem Schoße die Früchte, die es aus diesen Welten mitgenommen. Dass unser Innerstes so ist, wie es jetzt ist, das verdankt es dem Umstande, dass unzählige von Bildungen gearbeitet haben an seinem Aufbau, dass es hindurchgegangen ist durch viele Reiche und dass es immer und immer wieder aus diesen Reichen sich Organe angebildet hat. Durch diese Organe ist es in Wechselverkehr getreten mit den Welten, die es jeweilig umgeben haben. Und was es aus diesem Wechselverkehr gewonnen hat, das hat es hinübergenommen in neue Welten, um ausgestattet mit den Errungenschaften von früher auf neuen Stufen noch immer reichere Erlebnisse zu haben. Und heute benützen wir den also differenzierten Wesenskern unseres Innersten, um auf dem «Planeten», den wir «Erde» nennen, eine Summe von Erlebnissen zu haben. Alle Erlebnisse des «MondPlaneten» und der früheren sind in unserem Innersten. Sie waren schon in diesem Innersten, als dieses durch ein Pralaya hindurch sich zur «Erde» herüberentwickelte. Und so waren diese Erlebnisse in der Pitrinatur dieses Innersten, wie die ganze Lilie - latent - in dem Liliensamenkorn ist. Nur ist freilich dieses Liliensamenkorn noch immer etwas Physisch-Sichtbares. Der «Pitrisame» aber, der vom «Monde» zur «Erde» herüberschlief, war inkarniert in Materien der höchsten Art, wahrnehmbar nur für des «Dangma erschlossenes Auge». Aber wie das Liliensamenkorn, wenn es in geeigneten Boden gesenkt wird, die Materien von Erde, Wasser und Luft so ordnet, dass eine neue Lilie sich bildet, so ordnet der «Pitrisame» bei seinen Zyklen durch das irdische Dasein die Materien so, dass im Laufe dieser Zyklen der volle «Mensch» nach und nach entsteht, der nach Ablauf der 6. und beim Beginn der 7. irdischen Runde wahrhaft «Gottes Ebenbild» genannt werden darf. Bis in die Mitte der 4. Runde - bis zum Ende der lemurischen Zeit - teilt sich die menschliche Pitrinatur in der Arbeit an ihrem eigenen Organismus mit «Bildnern» höchster und höherer Art; immer mehr aber muss, von diesem Zeitpunkt an, des Menschen «Innerstes» selbst diese Arbeit übernehmen. K. H. sagt über diese Arbeit das Folgende: Alles, was «Du» zu tun hast, ist, «ganz Mensch» zu werden. Denn wisse: nur deiner physischen Natur nach bist du jetzt schon - beinahe - Mensch. Denn auch der physischen Natur nach wirst du es erst am Ende der 4. Runde sein. Noch unorganisiert, noch chaotisch aber sind dein Astralleib, dein Mentalleib und dein Ich-Leib (höhferer] Manas). Ebenso vollkommen wie dein physischer Leib nach der 4., muss dein Astralleib nach der 5., dein Mentalleib nach der 6. und dein arupischer (höherer Mental-) Leib nach der 7. Runde sein, wenn du am Ende der irdischen Zyklen deine Bestimmung erreicht haben sollst. Und nur dann, wenn du diese Bestimmung erreicht hast, kannst du als ein normal-terrestrischer Pitri zum nächsten Planeten hinüberwandeln.
Diejenigen aber, welche den okkulten Pfad gehen wollen, sollen mit Bewusstsein immer mehr arbeiten an diesem dreifachen Herausorganisieren ihrer höheren Leiber aus ihrem «Innersten». Das ist der Sinn des Meditierens. Man gestaltet (organisiert) seinen Astralleib durch Erhebung zum höheren Selbst und durch Selbstprüfung. So wie außermenschliche Kräfte in verflossenen Runden gearbeitet haben, um die Organe des physischen Leibes von heute zu bauen, so arbeitet das innermenschliche höhere Selbst an dem Astralleibe, damit dieser ein «Ebenbild der Gottheit» oder auch «ganz Mensch» werde. Dann wird er geeignet, durch seine Organe die Geheimnisse höherer Welten so zu erleben, wie der physische Leib durch seine Sinnesorgane die Geheimnisse der physisch-mineralischen Welt erlebt. Wir prüfen uns bezüglich unserer Tageserlebnisse am Abend, wir erheben uns durch die bekannte Formel zu unserem «höheren Selbst». In beiden Tätigkeiten wirken wir organisierend, bauend auf unseren Astralkörper. Wir machen ihn dadurch erst zum Astral-Organismus, zum Körper mit Organen, während er vorher nur eine Art Träger war. Diese «Formel» ist ja diese: «Strahlender als die Sonne, reiner als der Schnee, feiner als der Äther ist das Selbst, der Geist, inmitten meines Herzens. Ich bin dieses Selbst. Dieses Selbst bin ich.» Es eröffnet sich der Blick allerdings dadurch auf eine «Arbeit von Jahrtausenden», wie es weiter in $ 17 heißt. So, wie Jahrtausende notwendig waren, bis die äußere physische Ebenbildlichkeit erreicht worden ist, so wird eine Arbeit von Jahrtausenden notwendig sein, bis diese Ebenbildlichkeit für die höheren Körper erreicht sein wird. Dann erst steht der Mensch an der «Schwelle, die übers Menschentum hinaus ihn hebt». Und er muss gerade so in der 7. Runde «an diese Schwelle» kommen, wie er am Ende der lunarischen (Mond-) Epoche an der Schwelle sein musste, die ihn über das lunarische Pitritum [hinaushob].
Durch die Mental-Meditation eines Satzes aus den inspirierten Schriften organisiert der Meditierende seinen Mentalleib. Wenn der Mensch aus der Bhagavad-Gita oder aus anderen Schriften, welche die theos[ophische] Literatur an die Hand ihm gibt, sich solche Meditationssätze nimmt, dann arbeitet er an der Organisation dieses seines Mentalleibes. Es muss immer wieder und wieder betont werden, dass es bei diesem Meditieren viel weniger darauf ankommt, verstandesmäßig den Satz durchzunehmen - das soll für sich außerhalb der eigentlichen Meditation geschehen -, als vielmehr bei völlig freiem Blickfeld des Bewusstseins mit dem Satz zu leben. Er soll uns sagen, was er uns zu sagen hat. Wir sollen die von ihm Empfangenden sein. Ist er ein inspirierter Satz, dann beginnt er in unserem Bewusstsein zu leben, dann strömt Lebendiges von ihm aus, dann wird er in uns Fülle vorher nicht geahnter Inhalt. Solange wir über ihn spekulieren, können wir nämlich doch nur das in ihn hineinlegen, was schon in uns ist. Dadurch kommen wir aber nicht weiter.
Die Organisation des Ich-Leibes hängt von dem devotionellen Teile unserer Meditation ab. Je mehr wir durch diese Devotion erreichen, je tiefer, ernster sie ist, desto ähnlicher werden wir der Wesenheit, als die wir hinausziehen sollen aus unserem planetarischen Leben zu den Aufgaben, die in einem späteren Sein an uns gestellt werden.
§ 18.
[Das Wissen, was du nun dein eigen nennst, ist nur dein Eigentum, weil deine Seele in Eins verschmolzen ist mit allen Seelen und Eins geworden mit dem Innersten. Es ist ein Schatz vom Höchsten dir vertraut. Doch täuschst du sein Vertrau’n, missbrauchst dein Wissen du, lässt du es schlummern, wo du’s nützen solltest, dann selbst von der erklommenen Höhe ist der Sturz noch möglich. An der Schwelle selbst da weichen noch Erhobne zurück, unfähig, die Verantwortung zu tragen und außer stand, sich höher aufzuschwingen. Darum gedenke stets mit heiliger Furcht, mit bangem Zittern dieses Augenblicks und rüste dich im voraus zu dem Kampf.]
Wir müssen erleben, dass wir Eins sind mit allem, was lebt. Wir müssen uns klar darüber sein, dass das, was wir unser Eigen nennen, dann kein Leben hat, wenn es eine Eigenheit sein will. Es hat dann ebensowenig ein Leben, wie unser kleiner Finger ein Leben hätte, wenn er abgeschnitten wäre von unserem ganzen Organismus. Und was für unseren kleinen Finger die physisch-sinnliche Abschneidung wäre, das wäre für unsere Eigenheit ein Wissen, das sich nur auf diese Eigenheit selbst beziehen wollte. Eins waren wir, als wir innerhalb einer allgöttlichen Wesenheit den Planeten betraten, der der dritte vor unserer Erde war; innerhalb der allgöttlichen Wesenheit waren wir, und doch eine Eigenheit, wie jeder Ton in einer Symphonie eine Eigenheit ist und doch Eins mit der ganzen Symphonie. Und was wir unsere Eigenheit zu nennen berufen sind, das soll auf sich wirken lassen, was es trifft in den 343 Welten, die es durchlebt (sieben Planeten, sieben Runden auf jedem Planeten, sieben sogenannte Globen zu jeder Runde = 7 x 7 x 7 Metamorphosen = 343). Was wir da zu erleben vermögen, das ist als Anlage in uns gelegt im Anfange. Und das ist der Schatz, «vom Höchsten dir vertraut». Und wie der Schatz uns vertraut ist, so sollen wir ihn stellen in den Zusammenklang der planetarischen Symphonie. Ein Erlebnis wird sich dem immer wieder bieten, der diese Dinge voll versteht. Alle Vertiefung in unser Inneres bleibt unfruchtbar, leer, wenn wir sie nur für uns selbst haben wollen. Unsere Vervollkommnung anstreben, heißt doch nur einem höheren Egoismus frönen. Unser Wissen muss immerdar ausfließen von uns. Nicht gesagt soll damit sein, dass wir unbedingt immer lehren sollen. Das soll jeder, wie er es kann, und wenn er es kann. Aber der kleinste Handgriff im alltäglichen Leben macht es möglich, ein lebendiges Ergebnis selbstlos erworbenen Wissens zu sein. Und wenn wir das in der Empfindung haben, dass alles Leben Eins ist, dass alles Sondersein nur in der Maya begründet ist: dann wird alle unsere Vertiefung in unser Inneres auch mit dem lebendigen Gefühle erworben, dass es lebendig werden soll in dem All-Einen Leben. Dann aber ist unsere Vertiefung immer durch Fruchtbarkeit belohnt. Dann sind wir sicher, dass wir nicht fallen können. Wer nur, um zu wissen, nur um seiner eigenen Vollkommenheit willen Wissen erstrebt, nur um weiterzukommen auf der Stufenleiter des Daseins: der kann noch fallen, auch wenn er schon sehr hoch gestiegen sein sollte. Und wir müssen uns vor allem der «Verantwortung» bewusst sein, die wir durch das Erwerben höherer Erkenntnis auf uns nehmen. Nur ein gewisses Maß von Entwicklungsmöglichkeit ist der Gesamtmenschheit zuerteilt im Entwicklungswege. Machen daher wir uns vollkommener, eignen wir uns ein Maß von Vollkommenheit früher zu, als es im Normalfortschreiten möglich wäre, so nehmen wir von dem gemeinsamen Maße der Menschheit etwas für uns. Wir lassen die Waagschale auf unserer Seite sinken; die Waage schnellt auf der anderen Seite empor. Nur durch Geben in irgendeiner Art können wir gutmachen, was wir genommen haben. Aber wir dürfen auch darum nicht denken, dass es besser sei, nicht zu nehmen. Das hieße wieder egoistisch sein und sich dem Nehmen entziehen, auf dass man auch der Pflicht des Gebens enthoben wäre. Nicht nehmen und nicht geben bedeutet den Tod; wir aber sollen dem Leben dienen. Wir sollen uns die Möglichkeit des Gebens erwerben; deshalb müssen wir die Verantwortung des Nehmens auf uns laden. Nur müssen wir uns in jedem Augenblicke dieser Verantwortung bewusst sein. Wir müssen unausgesetzt sinnen, wie wir am besten geben, wenn wir genommen haben. Das gibt einen «Kampf», einen ernsten, heiligen Kampf. Aber dieser Kampf muss sein. Wir dürfen ihn nicht scheuen. Stets müssen wir uns rüsten zu diesem Kampf. - Besonders die hohe Bedeutung dieses Kampfes wurde und wird den Mysten aller Einweihungsschulen vorgeführt. Sie werden ermahnt, sich zu erfüllen, sich zu durchdringen mit dem Bewusstsein dieses Kampfes. Atmet unser Innerstes das Leben dieses Kampfes als Grundstimmung der Seele, dann lebt auf in diesem Innern das innere Gesicht und das innere Gehör. Und vermögen wir ruhig, ganz ruhig zu sein auf diesem Kampfplatze, dann beginnen auf unserem astralen und mentalen Himmel höhere Geheimnisse aufzublitzen. Dann symbolisieren sich in uns Gefühle, Gedanken zu geistig-greifbaren Wirklichkeiten; und aus dem Nebel dieser geistig-greifbaren Wirklichkeiten ertönt die Stimme des Meisters, formt sich des Meisters Gestalt. Es beginnt für uns der höhere Verkehr. Wir beginnen in der Welt nicht mehr bloß Mitakteure zu sein, sondern werden für sie Boten (Angelos).
Das was hier geschildert wird als Exegese von Nr. 18, ist Satz für Satz Wirklichkeit, zu erlebende höhere Wirklichkeit. Und wer sich durchdringt mit dem Sinn dieses Satzes (Nr. 18) in dieser Weise, der wird ein Bürger höherer Welten. (Fortsetzung in allerkürzester Zeit).