47. Der Mensch als Mikrokosmos gegenüber dem Makrokosmos
Als eine «Welt im Kleinen» gegenüber der «Welt im Großen» hat man von alters her den Menschen bezeichnet. Zu einer solchen Anschauung kommt nicht nur der menschliche Verstand, sondern auch das Gefühl, indem es sich zu dem erhabenen Sternenhimmel und zu den Idealen des menschlichen Geistes mit gleicher Ehrerbietung und frommen Scheu erhebt. Zwei Dinge, sagt Kant, erfüllen das Gemüt mit immer zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht «der gestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir.»
Aber wie ungleich sind doch die beiden: der gestirnte Himmel mit den ewig unwandelbaren Gesetzen, denen die urewige Weisheit eingeboren ist; und die wandelbare moralische und geistige Menschennatur, die nur unsicher ihren Gesetzen folgt, und alle Augenblicke abirrt. Dem gestirnten Himmel gegenüber erstehen die größten Bewunderer in den Wissenden, die seine unwandelbaren Gesetze erforschen. Kepler jauchzte vor Bewunderung, als er die Geheimnisse der Planetenbahnen unseres Sonnensystems erforscht hatte. Das menschliche Herz in seinem Wankelmut und seinen Wirrsalen ruft dagegen in denen die meisten Bedenken hervor, die es am genausten kennen. Goethe, einer seiner genauesten Kenner, flüchtet von seinen Irr- und Wandelgängen immer wieder gerne zu der unbeirrbaren Gesetzmäßigkeit der äußeren Natur.
Woher kommt es, dass unsere Empfindung so verschieden sich zu den beiden stellt? Da hat Goethe wohl auf die rechte Fährte gewiesen, mit seinem: «Edel sei der Mensch, hilfreich und gut». Das ist ein Gebot, das niemand an die Natur stellt. Den Menschen verurteilt man, der die Pfade des Rechtes und der Tugend verlässt, nicht aber den Vulkan, der unsägliche Verheerungen anrichtet. Die Natur muss man mit sich selbst in Harmonie finden, auch wenn sie zerstörend wirkt: Man weiß, ihre Gesetze sind unwandelbar. Waren sie es immer? Nein; die Gesetze über deren Entdeckung Kepler aufjauchzt, hat sich das Sonnensystem erst gegeben: Aus dem chaotischen Urnebel heraus ist die Harmonie geboren. Aber diese Gesetzmäßigkeit ist zu einem gewissen Abschluss gekommen. Die Kämpfe auf diesem Felde sind vorbei. Beim Menschen ist das noch nicht der Fall. Er trägt sein Gesetz in sich. Das, was er heute ist, das soll er morgen nicht sein, denn er soll sich vervollkommnen. Seine Entwicklung, also sein Leben, ist auf allen Gebieten Vervollkommnung. Er arbeitet sich durch von der Begierde zur Tugend, von dem Irrtum zur Wahrheit. Er wird dann sein, was er sein soll, wenn das Gesetz seines inneren Wesens ganz sein äußeres Wesen durchdringen wird, wenn das, was er heute als sein höchstes Ideal empfindet, so sein unwandelbares Gesetz sein wird, wie heute das Gesetz des Sternenhimmels an diesem sich darstellt. - Und nicht nur in der einen Hinsicht hat der Mensch das Gefühl von der Disharmonie zwischen seinem augenblicklichen Dasein und seinem Gesetz. Er wendet auf dieses sein Dasein das Prinzip der Gerechtigkeit an. Er sucht nach einem Zusammenhang zwischen diesem Prinzip und seinem Willen. Zunächst zeigt die äußere Beobachtung einen Missklang zwischen Schicksal und Willen. Der Gute muss leiden, und der Böse ist glücklich. Die Frage nach dem Zusammenhang von Geschick und Charakter beschäftigte alle Zeiten.
Die Frage kann nie gelöst werden, wenn man nur auf ein Leben blickt. So wenig, wie jemand den Bau der menschlichen Hand verstehen kann, wenn er ihn nicht verfolgt da, wo er einfacher war, an den unvollkommenen Gestalten der Bewegungsorgane vorzeitlicher Wesen, so wenig kann jemand den jeweiligen Charakter einer Persönlichkeit verstehen, wenn er nicht seine Ursachen in einem früheren Leben aufsucht. Karma erklärt die Tatsachen, die sonst völlig unerklärlich wären. Unsere Fähigkeiten in diesem Leben sind die Früchte der Wünsche und Anstrengungen früherer Leben, was wir in diesem Leben als Gewohnheit an uns tragen, das waren in früheren Leben oft gehegte Gedanken; was wir an Klugheit besitzen, haben wir uns durch frühere Erfahrungen erworben, und unser Gewissen ist das Ergebnis vieler schmerzlicher Erfahrungen. Unsere Gedanken sind Tatsachen, die unseren Begierdenleib formen, und der formt den physischen Leib. Der Schlaf ist des Todes Bruder, weil der Mensch in jedem neuen Leben wiederfindet, was er im vorigen sich zubereitet hat, wie der Mensch am Morgen die Ergebnisse des Tagewerks vom vorigen Tag findet. Nicht der Fatalismus folgt aus Karma, denn auch die Naturgesetze fügen sich der Freiheit. Und Karma widerspricht nicht dem Wohlwollen. Es führt durch dies Verständnis zum Helfen. Aber allerdings widerspricht Karma der materialistischen Auffassung vom Menschen. Es muss widersprechen. Denn so wenig sich eine Uhr von selbst erbaut, so wenig das Leben des Menschen. Der Mensch ist Bürger dreier Welten. Aber er muss seine Sinne öffnen den höheren Welten. Er darf sie nicht zu sich herabziehen. Er muss zu ihnen hinaufsteigen. Auch der Spiritismus ist Materialismus. Die Theosophie darf nicht mit ihm verwechselt werden. Der Mensch, dessen Sinne geöffnet werden, lebt sich in die höheren Welten hinein. Er erlangt auch die Erinnerung an frühere Erdenleben. Er wird immer ähnlicher dem Gottmenschen, der das ewige Dasein des Geistes verbürgte, in dem er sagte: wahrlich ehedem Abraham war, war ich. - Aller Streit über die Göttlichkeit Christi kann nur bei denen entstehen, die nicht wissen, dass die Menschenseele göttlicher Natur ist. Die Erstlinge der Menschheit erreichen vor den andern die Göttlichkeit. Dann werden sie in ihrer Menschlichkeit zu Trägern des göttlichen Urgeistes. - Die Theosophie bringt wieder das Christentum. Das richtig verstandene. Dasjenige, das weiß, warum die Jünger ihren Meister für einen Wiedererstandenen hielten. - Annie Besants und mein Buch. Dann wird es selbstverständlich, das Christusleben in der Vollkommenheit des Sonnenmythos zu denken. Weihnachten ist der Geburtstag der Sonne. Der ägyptische, der Mithra-, der BudhaSonnenmythos.
Vom ewigen in der Menschennatur sprechen die Weihnachtshymnen: Uns ist der Heiland geboren. Und wenn die Weihnachtsglocken läuten, dann tönt aus ihrem Klang:
Du Mensch, du bist auf dem Wege zu einem Ziele, das dich vollkommen macht wie die Sonne, die heute zu einem neuen Jahreslauf geboren wird - deine Bahn zu gehen, unwandelbar wie sie: das ist ihre Verkündigung.
Tatsachen wie die Lampen.
Niemand wird aufgefordert. —