48. Tempellegende

Im Beginn der Erdenentwicklung stieg einer der Lichtgeister oder Elohim aus dem Sonnenbereich in den Erdenbereich und verband sich mit Eva, der Urmutter des Lebendigen. Aus dieser Verbindung entstand Kain, der erste der Erdenmenschen. Darauf bildete ein andrer aus der Reihe der Elohim, Jahve odfer] Jehova, den Adam; und aus der Verbindung des Adam mit Eva entstand Abel, des Kain Stiefbruder. Die Ungleichheit der Abstammung von Kain und Abel (geschlechtliche und ungeschlechtliche Abstammung) bewirkte Streit zwischen Kain und Abel. Und Kain erschlug den Abel. Abel war durch die geschlechtliche Abstammung; Kain durch den moralischen Fall des Lebens in der geistigen Welt verlustig gegangen. Für Abel gab Jehova dem Elternpaar den Ersatzsohn Seth. Von Kain und Seth stammen zwei Menschentypen ab. Die Nachkommen Seths konnten in besonderen (traumhaften) Bewusstseinszuständen in die geistige Welt schauen. Die Nachkommen Kains waren dieses Schauens ganz verlustig gegangen. Sie mussten sich im Laufe der Generationen hindurch durch allmähliche Ausbildung der menschlichen Erdenkräfte zur Wiedererringung der spirituellen Fähigkeiten hinaufarbeiten.

Einer der Nachkommen Abel-Seths war der weise Salomo. Er hatte sich die Gabe traumhaften Hellsehens noch ererbt; ja hatte sie in einem besonderen Grade als Anlage mitbekommen; so kam es, dass seine Weisheit so weithin berühmt war, dass symbolisch von ihm berichtet wird, er habe auf einem Throne von Gold und Elfenbein gesessen (Gold und Elfenbein Symbole der Weisheit).

Aus dem Kainsgeschlechte stammten Menschen, die sich im Laufe der Zeit immer mehr und mehr die Hinaufentwicklung der menschlichen Erdenkräfte angelegen sein ließen. Einer dieser Menschen war Lamech, der Bewahrer der T-Bücher, in welchen, soweit dies durch Erdenkräfte möglich war, die Urweisheit wiederhergestellt war, sodass diese Bücher den uneingeweihten Menschen unverständlich sind. Ein andrer Nachkomme der Kain-Menschheit ist Tubalkain, welcher in der Bearbeitung der Metalle es weit brachte, ja die Metalle kunstvoll zu Musikinstrumenten zu formen verstand. Und als Zeitgenosse Salomos lebte Hiram Abiff oder Adoniram aus dem Kainsgeschlecht, der in seiner Kunst so weit gelangt war, dass diese unmittelbar an das Schauen der höheren Welten grenzte, eben noch eine dünne Wand gegen die Initiation für ihn zu durchbrechen war.

Der weise Salomo erdachte den Plan eines Tempels, der in seinen Formteilen symbolisch die Menschheitsentwicklung zum Ausdrucke bringen sollte. Durch seine Traumweisheit konnte er die Gedanken dieses Tempels in allen Einzelheiten ersinnen; doch fehlte ihm die Kenntnis der Erdenkräfte zum wirklichen Bau, welche nur durch Ausbildung der Erdenkräfte im Kainsgeschlecht zu erringen waren. Es verband sich deshalb Salomo mit Hiram Abiff. Dieser baute nun den die Menschheitsentwicklung symbolisch ausdrückenden Tempel.

Salomos Ruhm war gedrungen bis zur Königin von Saba, Balkis. Diese begab sich eines Tages an den Hof Salomos, um diesen zu ehelichen. Es wurden ihr alle Herrlichkeiten des salomonischen Hofes gezeigt; auch der gewaltige Tempel. Sie konnte aus den Vorstellungen heraus, die sie bis dahin gewonnen hatte, nicht begreifen, wie ein Baumeister, der nur menschliche Kräfte zur Verfügung hatte, so etwas habe leisten können. Sie hatte ja nur erfahren, dass die Führer von Arbeitern durch den Besitz von atavistischen magischen Kräften genügende Scharen von Arbeitern hatten zusammenführen können, um die alten gewaltigen Bauten aufzuführen. Sie verlangte den ihr seltsam-merkwürdigen Baumeister zu sehen. Als er ihr begegnete, machte sein Auge sogleich einen tief bedeutsamen Eindruck auf sie. Dann sollte er ihr zeigen, wie er durch bloße Menschen-Verabredung die Arbeiter führe. Er nahm seinen Hammer, bestieg einen Hügel, und auf ein Zeichen mit dem Hammer eilten große Scharen von Arbeitern herbei. Die Königin von Saba merkte, dass Menschen-Erdenkräfte zu solcher Bedeutung sich entwickeln können.

Bald darauf erging sich die Königin mit ihrer Amme (Amme steht symbolisch für eine prophetische Person) vor den Toren der Stadt. Sie begegneten Hiram Abiff. In dem Augenblicke, als die beiden Frauen den Baumeister erblickten, flog aus den Lüften der Vogel Had-Had auf den Arm der Königin von Saba.

Die prophetische Amme deutete dieses dahin, dass die Königin von Saba nicht für Salomo, sondern für Hiram Abiff bestimmt sei. Von diesem Augenblicke an dachte die Königin nur mehr daran, wie sie das Verlöbnis mit Salomo lösen könne. Es wird weiter erzählt, dass nun «im Rausche» dem König der Verlobungs«ring» vom Finger gezogen wurde, sodass sich nun die Königin für die dem Hiram Abiff bestimmte Braut betrachten konnte. (Es liegt das Bedeutungsvolle diesem Zug der Legende zugrunde, dass in der Königin von Saba zu sehen ist die «alte Sternenweisheit», die bis in jene Zeitepoche verbunden war den alten atavistischen Seelenkräften, die in Salomo symbolisiert sind. Die okkulten Legenden drücken in den Symbolen von weiblichen Personen die Weisheit aus, welche sich mit dem männlichen Teil der Seele vermählen kann. Mit der Zeit Salomos ist die Epoche eingetreten, in welcher diese Weisheit übergehen soll von den atavistischen alten Kräften an die neu-erworbenen Erden-Ich-Kräfte. Der «Ring» ist immer das Symbol des «Ich». Salomo wird noch im Besitz eines nicht voll-menschlichen Ich gedacht, sondern eines solchen, welches nur der Widerschein ist des «höhern Ichs» der Engel im atavistischen Traum-Hellseher-Bewusstsein. Der «Rausch» deutet darauf hin, dass dieses Ich wieder verloren wird innerhalb der halbbewussten Seelenkräfte, durch die es erworben ist. Hiram ist erst im Besitze eines real-menschlichen «Ich»).

Von diesem Zeitpunkte an ergreift den König Salomo eine heftige Eifersucht gegen seinen Baumeister. Es haben es daher drei verräterische Gesellen leicht, das Ohr des Königs für eine Tat zu finden, durch welche sie Hiram Abiff verderben wollen. Sie sind dessen Gegner, weil sie von ihm zurückgewiesen werden mussten, als sie den Meistergrad und das Meisterwort verlangten, für die sie nicht reif sind.

Diese drei verräterischen Gesellen beschließen nun, dem Hiram Abiff das Werk zu verderben, das er als die Krönung seines Wirkens am Hofe Salomos vollbringen soll. Es ist dies der Guss des «Ehernen Meeres». Das ist ein aus den sieben Grundmetallen (Blei, Kupfer, Zinn, Quecksilber, Eisen, Silber, Gold) in solchen Maßverhältnissen hergestellter künstlicher Guss, der völlig durchsichtig ist. Die Sache war vollendet, bis auf einen allerletzten Einschlag, der vor versammeltem Hof — auch vor der Königin von Saba — gemacht werden sollte, und durch welchen [sich] die noch trübe Substanz bis zur völligen Klarheit umbilden sollte. Nun mischten die drei verräterischen Gesellen etwas Unrechtes in den Guss, sodass, statt dass sich dieser klärte, Feuerfunken aus ihm sprühten. Hiram Abiff suchte das Feuer durch Wasser zu beruhigen. Das gelang nicht, sondern die Flammen schlugen nach allen Seiten. Die versammelten Leute eilten nach allen Seiten auseinander. Hiram Abiff aber hörte aus den Flammen und der glühenden Masse eine Stimme: «Stürze dich in das Feuermeer; du bist unversehrbar». Er stürzte sich in die Flammen und merkte bald, dass sein Weg nach dem Mittelpunkte der Erde zuginge. Auf halbem Wege traf er seinen Vorfahren Tubalkain. Dieser führte ihn nach dem Erdmittelpunkte, wo sich der große Vorfahre Kain befand, in dem Zustande, wie er vor der Sünde war. Hier erhielt Hiram Abiff von Kain die Erklärung, dass die energische Entfaltung der menschlichen Erdenkräfte zuletzt zu der Höhe der Initiation führe, und dass die auf diesem Wege erlangte Initiation im Erdenverlaufe anstelle des Schauens der Abel-Seth-Söhne treten müsse, das verschwinden werde. [Symbolisch wird] die mutverleihende Kraft, welche Hiram Abiff von Kain erhält, dadurch ausgedrückt, dass gesagt wird, Hiram habe einen neuen Hammer von Kain erhalten, mit dem er an die Erdenoberfläche zurückkehrte, das Eherne Meer berührte und dadurch dessen völlige Durchsichtigkeit bewirken konnte. (Mit dieser Symbolik ist dasjenige gegeben, was in gehöriger Meditation die innere Wesenheit der Menschenentwicklung auf der Erde zur Imagination erhebt. Das Eherne Meer kann als Symbol dessen gelten, was der Mensch geworden wäre, wenn nicht die drei verräterischen Kräfte in der Seele Platz gegriffen hätten: Zweifel, Aberglaube, Illusion des persönlichen Selbstes. Durch diese Kräfte ist die Erden-Menschheitsentwicklung zur Feuerentfaltung in der lemurischen Zeit gekommen, welche durch die Wasserentwicklung der atlantischen Zeit nicht gedämpft werden kann. Es muss vielmehr eine solche Entwicklung der menschlichen Erdenkräfte stattfinden, dass in der Seele der ursprüngliche Zustand wieder hergestellt wird, der in Kain vor dem Brudermorde vorhanden war. Es können sich nicht die traumhaften Seelenkräfte der Kinder Abel-Seths gegen die Erdenkräfte halten, sondern nur die zur vollen realen Ich-Entwicklung kommenden Nachkommen Kains.)

German original of The Temple Legend · ← Previous · Next →