49. Pfad der Erkenntnis

Die Blüte, die man vom Stängel abschneidet, verdorrt. Hätte man sie am Stängel gelassen: sie hätte die Kräfte, die in ihr liegen, zur Samenbildung gewendet; und das Leben der Pflanze, der sie angehört, hätte sich in einer andern erneuert. - Was hat der Schnitt in den Stängel bewirkt? — Hat er nicht eine Art des Daseins in eine ganz andere gewandelt? Hat er nicht gewissen Kräften, die Möglichkeit genommen, das zu bilden, wozu sie nach der Ordnung der Natur berufen waren? - Auch, nachdem sie abgeschnitten ist, wirken auf die Blüte noch Kräfte. Aber dies sind andere als diejenigen, die sie vorher ins Dasein gerufen haben, und die sie nachher zur Fruchtbildung gebracht haben würden. Es sind Kräfte, unter deren Einfluss sie nach und nach verfällt. - Die Blüte ist in ein anderes Reich der Kräfte übergegangen. In das Reich, das kein Wachstum und keine Fortpflanzung, sondern nur chemische und physikalische Wirkungen hervorbringen kann. Mit dem Schnitt in den Stängel hat man einen Strom des Lebens unterbrochen. Und von einem anderen Strom des Daseins ist die Blüte aufgenommen worden. Dieser Strom vernichtet, wozu die Blüte bestimmt ist. Einem Reiche des Daseins gehört die Blüte an. Und nur in diesem Reiche kann sie werden, was sie werden soll. Etwas anderes wird sie, wenn sie diesem Reich entrissen und in ein anderes übergeführt wird. Und zerstört wird dann eine Strömung, die nur in ihrem Reiche heimisch ist. Die Blüte muss ihren Pflanzencharakter aufgeben. Die Ziele der Welt, in die sie nunmehr eintritt, liegen nicht in der Samen- und Fruchtbildung. Sie haben mit Wachstum und Fortpflanzung nichts zu tun. Sie zwingen den Stoffen der Blüte eine Richtung auf, die nicht im Wesen der Blüte liegt.

In der Natur kann also ein Ding den Zielen entrissen werden, denen es zustrebt; und sein Dasein kann in eine andere Richtung gelenkt werden, in eine solche, die in seinem Wesen nicht veranlagt ist.

Was mit der Pflanze geschehen kann, ist bei jedem Wesen, ist auch beim Menschen möglich. Und es kann mit allen Kräften geschehen, die im Menschen wirksam sind. Nur ist beim Menschen alles weniger einfach, weniger übersichtlich als bei den andern Reichen der Natur. Und es wird alles umso komplizierter, je mehr man zu den geistigen Kräften des Menschen aufsteigt. Wer aber in dem Komplizierten das Einfache zu erblicken vermag, der sieht, dass auch mit dem Menschengeiste das der Fall sein kann, was mit der Blüte geschieht, wenn sie den Zusammenhang mit dem Stängel verliert.

Was im Geiste des Menschen lebt: es kann der Strömung verglichen werden, die, durch die Pflanze gehend, deren besondere Wesenheit ausmacht. - Und der Mensch erlebt diese Strömung als seinen Seelengehalt. In diesem Seelengehalt findet er die Richtung und das Ziel seines Wesens. Er ist sein Innenleben. Ginge ihm dieses Innenleben ab: er wäre wie die vom Stängel abgeschnittene Blüte. Er müsste Kraftströmungen verfallen, die nicht im ureigensten Sinne die seinigen sind. Aber nicht so fest ausgesprochen wie an der Blüte deren Wesen ist das [des] Menschen. Es hat unzählige Abstufungen. Und es erhält dadurch seinen besonderen Charakter, dass der Mensch selbst an der Gestaltung dieses Innenlebens arbeitet. Es wird umso bedeutungsvoller, je mehr der Mensch an sich arbeitet.

Ein Mensch, der gar nicht an sich arbeitet, entbehrt des Innenlebens. Er wird ganz zu dem, was die äußere Natur aus ihm macht. Die Eindrücke der Außenwelt formen seine Seele. - Ja, das ist eben das Abbrechen des Menschen von seinem geistigen Stamme, wenn er sich diesen Eindrücken überlässt. Das Innenleben beginnt erst da, wo der Mensch wirklich selbst das Seinige hinzufügt zu dem, was er von außen empfängt.

Wie viele sprechen von ihrem Innenleben und meinen damit nichts als die Spiegelung der Außenwelt in ihrem Innern. Die Menschen leben beschäftigt mit dem, was der Alltag bringt. Sie lernen von den Forderungen des Alltags, was sie selbst tun. Sie leiden an den Ereignissen des täglichen Lebens, oder freuen sich über dieselben. Je nachdem das eine oder das andere der Fall ist, verhalten sie sich in ihren Handlungen. Ja, ihr ganzer Charakter ist wohl nur ein Spiegelbild der Außenwelt. Man braucht sich bloß der Unterschiede zu erinnern, die bestehen zwischen Bewohnern des Gebirges und der Ebene, zwischen solchen der Städte und des Landes: und man wird sich gestehen, dass der Mensch das Gepräge der Außenwelt trägt. - Und doch entsteht dieses Gepräge nur, indem sein Inneres mitarbeitet. Eine feste Grenze zwischen dem, was die äußere Natur dem Menschen aufprägt, und dem, was er von innen aus bildet, lässt sich nicht ziehen. - Deutlich aber heben sich die Charakterzüge des Menschen, die aus der inneren Natur seiner Seele geformt sind, von denen ab, die ihm von außen aufgedrückt sind. Wie nun das Wesen der Blüte darin besteht, dass sie in ihrem Wachstum zur Frucht und zum Samen fortschreitet, so liegt des Menschen Wesen in der Verinnerlichung seines Lebens. - Diese Verinnerlichung schwebt vor ihm als das Ideal, dem er sich immer mehr nähern will. Viele Stufen der Entwicklung gibt es zu diesem Ideale hin. Von dem Wilden bis zu Goethe liegen viele solcher Stufen. Der Wilde vermag den Einflüssen der Außenwelt nur eine geringe innere Kraft entgegenzusetzen. Er wird hin- und hergerissen von dem, was von da- oder dorther auf ihn wirkt. Goethe formt nach wenigen Eindrücken von außen einen Seeleninhalt, der eine höhere Welt bildet. - Man vergleiche nur ernstlich das Leben der beiden. Man wird finden, dass der Wilde in seinem Innenleben die Wirkungen der Außenwelt unmittelbar spiegelt; während Goethe aus den Tiefen seiner Seele etwas holt, was das Spiegelbild mit einem Inhalt erfüllt, der es reicher und erhabener macht, als der äußere Gegenstand ist, den es spiegelt. Wie die Pflanze die Stoffe aus der chemischen und physischen Natur entnimmt, um ihnen ein eigenes Wesen aufzuprägen, so nimmt der Mensch die Eindrücke der Außenwelt auf, um sie durch die Kraft seiner Seele höheren Entwicklungszielen zuzuführen. - Man darf also das Verhältnis des physischen und chemischen Reiches zum Reich der Pflanzen vergleichen mit einem ähnlichen Verhältnis beim Menschen: mit dem zwischen dem Reiche der äußeren Eindrücke und demjenigen, in dem die innere Kraft der Seele ihre Wirkungen entfaltet. Und wie der Pflanzenteil sich an das chemische und physische Reich verlieren kann, so kann sich der Mensch an das Leben im äußeren verlieren.

Was in dem Beispiel der Pflanze ein künstlicher Eingriff bewirkt, das besteht beim Menschen als Wesen seines Charakters. Er ist auf früheren Stufen seiner Entwicklung von seinem Innenleben abgeschnitten; auf späteren erreicht er es. Dadurch rückt er stufenweise in höhere Reiche aufwärts. Sein Wesen strebt nach diesen höheren Reichen. Durch dieses Streben muss er das Ziel finden, das in seiner Seele veranlagt ist. Je weiter unten die Stufen seiner Entwicklung liegen, desto fremder sind sie dem Wesen seiner Seele. Desto mehr liegen die Ziele der entsprechenden Reiche in anderen Richtungen als in der seinigen. Der Mensch findet somit immer mehr und mehr sich selbst, indem er sich entwickelt in die höheren Reiche hinein.

Zwei Reiche grenzen sich zunächst mit aller Deutlichkeit voneinander ab. Das Reich der äußeren Natur, das den Menschen nach sich bildet; und das innere, geistige Reich, das dem Gebilde der äußeren Natur ein Gepräge gibt, das niemals aus dieser selbst kommen könnte. — Natur und Geist: der Mensch gehört beiden an. Wäre er ganz Natur, so wäre er nur der äußere Abdruck eines Menschen, nicht ein solcher selbst. Wäre er ganz Geist: er müsste das Ziel seiner Entwicklung bereits erreicht haben. Er steht zwischen beiden.

Der Einzelgeist des Menschen, seine Seele, wurzelt im Allgeiste. Es ist in gewissem Sinne eine Täuschung, wenn sich der Einzelgeist als absolut selbstständiges Wesen ansieht. Allerdings gehört diese Täuschung zum Wesen des Menschen auf den Stufen seiner Unvollkommenheit. Denn die Täuschung wäre nicht minder groß, wenn der Einzelgeist, in seiner Absonderung, sich einfach als Allgeist seinem Wesen nach erklären wollte. Es wäre so unrichtig, wie wenn man das von einem Hohlspiegel zurückgeworfene Bild der Sonne für diese selbst halten wollte. In jeder Seele lebt der Allgeist; aber er lebt darin auf besondere Weise. Er ist je nach der Art vorhanden, welche die besondere Seele hat. - Den Allgeist als solchen kann man deshalb auch nicht unmittelbar erkennen. Man kann ihn nur in sich leben, in sich unbehindert einfließen lassen. - «Ich bin der Allgeist» ist ebenso richtig, wie es falsch ist. Denn «Ich bin der Allgeist auf eine besondere Weise». Nur diese besondere Weise, in der in mir der Allgeist zum Dasein gelangt, kann ich erkennen. Ich soll meine Tore dem Allgeist möglichst weit öffnen; ich soll die Stätten in meiner Reise so bereiten, dass er seinen Wohnplatz in ihr in möglichst freier Weise findet. Er fließt so weit, so allseitig in mich ein, als ich ihm den Wohnplatz biete. Er hält sich nicht zurück; nur ich selbst kann ihm Hindernisse aufrichten. - Des Menschen Entwicklung besteht in dem Hinwegräumen der Hindernisse. Er lebt in Hüllen; und er durchtränkt diese Hüllen allmählich mit dem Lichte, das er von dem Allgeiste empfängt. Wie das zu geschehen hat, ist durch des Menschen ursprüngliche Anlage bestimmt. Die Hüllen, in die seine Seele gekleidet ist, sind ja nicht in seine Willkür gestellt. Er findet sich in ihnen vor. Der Allgeist ist in ihnen. Aber er ist nicht so in ihnen, wie der Mensch ihn in sie legen soll. - Da ist zunächst die äußere physische Hülle. Sie ist den Gesetzen unterworfen, in denen die chemischen und physischen Kräfte wirken. - Diese Hülle für sich genommen, ist, in ihrer Art, absolut vollkommen. In ihr herrscht eine Harmonie wie im Reich der Gestirne und der physischen Natur überhaupt. - Sicherheit und ruhiger Gang sind das Kennzeichen dieses Reiches. Und bestehen diese Gebilde nur für sich, nur abgesondert in ihrem Reiche, streben sie nur den Zielen zu, die diesem Reiche eigen sind, dann leben sie ein vollkommenes Leben. Wer in den Sternenhimmel blickt, dem prägt sich die Seelenstimmung ein, die aus diesem Reiche strömt, wenn es sich selbst überlassen ist, wenn es nicht Hülle, sondern Eigenwesen ist. - Von diesem Urgrunde des Weltendaseins hebt sich das Reich des Lebendigen, des Organischen, ab. Wesen mit Wachstum und Fortpflanzung entstehen innerhalb desselben. Die Gesetze, die ursprünglich in ihm tätig sind, erhalten eine andere Richtung, nehmen andere Formen an. Dadurch werden die Gebilde dieses Reiches zur Hülle. Ihre Eigenart wird von dem bestimmt, was sie in sich nunmehr bergen. Ihre in ihnen selbst vollkommenen Gesetze werden zu Dienern einer höheren Gesetzmäßigkeit. Sie müssen sich dieser Gesetzmäßigkeit einordnen. Und diese Gesetzmäßigkeit selbst kann nur so wirken, dass sie mit der Eigenart des Chemischen und Physischen rechnet. Das Chemische und Physische ist ein Stoff, mit dem das Lebendige arbeitet. Es muss das erreichen, was es, seinem Wesen nach, erreichen soll; aber dies kann es nur, wenn es die Art findet, in der die chemischen und physischen Kräfte diesem Wesen entsprechen können. Eine Wechselwirkung tritt ein zwischen dem, was als Lebensformen zu entstehen berufen ist, und den chemischen und physischen Gesetzen. - Mit dieser Wechselwirkung ist der Grund zur Unvollkommenheit in der Weltentwicklung gegeben. In einem Reiche für sich könnte Unvollkommenheit nicht entstehen. Da, wo die Gesetzmäßigkeit des einen Reiches mit dem eines andern zusammenspielt, kann sie entstehen. Denn es handelt sich hier um ein fortwährendes Auffinden des rechten Weges für dieses Zusammenspielen. - Die Mannigfaltigkeit der Lebensformen entsteht dadurch, dass dieses Zusammenspiel in der verschiedensten Art bewirkt werden kann. Vom Pilz bis zum Eichbaum hat man verschiedene Arten dieses Zusammenspieles. Und in dem einen Falle mehr, in dem andern weniger, ist die äußere Form von der inneren Lebensbildung beherrscht, und deren wahrhafter Abdruck. - Da, wo eine Harmonie nicht besteht zwischen der von innen geforderten Form und dem, was die äußeren physischen Gesetze zulassen, entsteht Unvollkommenes. Nicht in den physischen und chemischen Gesetzen als solchen liegt es, wenn eine Pflanzenmissbildung entsteht, sondern daran, dass die Forderungen des inneren Lebens diesen Gesetzen in ihrer Eigenart nicht gerecht werden. Niemals ist das durch sich selbst unvollkommen, was die «niedere Natur» eines Wesens ausmacht, sondern die Unvollkommenheit entsteht dadurch, dass die «höhere Natur» die niedere in eine falsche Richtung drängt. Nicht die Hülle ist unvollkommen, sondern die Art, wie sie gebraucht wird.

Wie innerhalb des Chemischen und Physischen das Leben, so entsteht innerhalb des Lebens das Begehren und Verabscheuen, oder die Welt des Wünschens. Und das Lebendige wird ebenso zur Hülle des Begehrens wie das Physische zur Hülle des Lebendigen wird. Die Gesetze des Lebens werden zu Ausdrucksformen dessen, was einem Wesen begehrenswert ist, oder was es von sich weisen will. Die Wechselwirkung, die jetzt zutage tritt, wird darin bestehen, dass das Leben in die Richtung des Wünschens gedrängt wird. Das Wesen, um das es sich handelt, wird nicht mehr bloß leben; sondern es wird so leben, wie es seinen Wünschen angemessen Ist. Eine neue Quelle der Unvollkommenheit entsteht.

In die drei Hüllen ist des Menschen Seele eingeschlossen. In ihnen ist er als denkendes Wesen geboren. Denn in seiner Gedankenwelt liegt erst sein wahres inneres Wesen. Die drei Hüllen werden von diesem Wesen erleuchtet und durchstrahlt. Jede Hülle hat ihre eigenen Gesetze; und jede Hülle gehört in ihrer Eigenart einem besonderen Reiche an.

Der Mensch als Gedankenwesen lebt in der Gedankenwelt; diese Gedankenwelt ist zunächst in die Hülle des Begehrens gekleidet, die einem besonderen Reiche mit eigenen Gesetzen angehört; diese Begehrens-Hülle ruht in derselben Art in der Lebens-Hülle, und diese in der physischen Hülle. Nicht einfach ist also der Mensch, sondern zusammengesetzt aus einem Seelenkern und drei Seelenhüllen: und seine drei Seelenhüllen gehören drei verschiedenen Welten an, in die er somit durch seine Umkleidungen hineinragt. - Und sein Seelenkern steht in der Mitte und gibt den Umkleidungen Sinn und Charakter. - Die Unvollkommenheit des Menschen wird darin bestehen, dass seine Seele die Forderung ihres Wesens nicht in Einklang zu bringen weiß mit den Gesetzen der Hüllen, die auch die Gesetze der Reiche sind, denen diese Hüllen angehören. - Und die Seele, wodurch wird sie selbst bestimmt, woher rühren ihre Gesetze? Es sind keine andern als die Gesetze des Allgeistes, nur in einer andern Form, als sie in den äußeren Hüllen zum Ausdruck kommen. Die Seele ist selbst eine Hülle. So gewiss sie Kern für die drei äußeren Hüllen ist, so gewiss ist sie selbst Hülle für den Allgeist in anderen Formen. Und diese Formen entsprechen stufenweise dem, was in die äußeren Hüllen von dem Allgeiste eingezogen ist. Wie der Baumeister eine selbstständige Person bleibt, nachdem er sein Können in dem äußeren Bau des Hauses verkörpert hat, so bleibt der Allgeist selbstständiger Geist, auch nachdem er sein Wesen in die drei Hüllen des Physischen, des Lebendigen und des Begehrenden gelegt hat. Jeder der drei äußeren Formen des Allgeistes entspricht eine selbstständige innere Geistform: damit die Hülle des Begehrenden um die Wesen gelegt werden konnte, musste der Urgeist in sich selbst die Form des Entsagenden ausbilden. Begehren und Entsagen gehören wie Wärme und Kälte zusammen. Wenn an einer Stelle Wärme entsteht, muss sie an einer andern abfließen, die dadurch kälter wird. Entstehen Wesen, die begehren, so kann ihr Begehren nur aus einem Urgrunde hervorgehen, der die Entsagung in sich als den Gegensatz ausbildet. - Ebenso muss dem Leben in der Hülle sein Gegensatz im GeistUrgrunde entsprechen. Das Leben besteht nun im Wachsen, und in der Fortpflanzung, also darin: dass, was Leben hat, sich über sich hinaus bewegt. Der Gegensatz ist die vollkommene Ruhe in sich selbst; die Seligkeit. Sie ist die zweite, dem Leben entsprechende Geist-Form des Urgrundes. - Die dritte entspricht der kosmischen, chemischen und physischen Gesetzmäßigkeit des Alls. Diese Gesetzmäßigkeit ist über den Raum und die Zeit in einer unendlichen Mannigfaltigkeit der Dinge ausgebreitet. Man stelle dieser Mannigfaltigkeit die Einheit gegenüber, die sie beherrscht, die in jedem ihrer Gebilde zum Ausdruck kommt; und man wird auf den in der physischen Mannigfaltigkeit lebenden einheitlichen Geist selbst gelenkt. Geist, Seligkeit und Entsagung sind die drei Formen des Urgrundes der Dinge, die äußerlich in den drei Hüllen, der physischen, der lebendigen und der begehrenden, leben. Mit diesen drei Grundformen des Urgeistes hängt die einzelne menschliche Seele wie mit ihrem Stamme zusammen. Und wie die äußeren Hüllen sie umschließen, so bildet sie wieder die Hülle für die Entsagung, die Seligkeit und den Geist. Erstreckt sich somit der äußere Mensch in drei äußere, so die Seele in drei geistige Reiche. Das eigene Reich des Menschen ist in der Mitte zwischen diesen sechs Reichen und bildet mit ihnen zusammen ein siebentes. Siebenfach ist also des Menschen Wesenheit. Und sieben Reiche geben ihre Gesetze her zu den Grundteilen, die den Menschen zusammensetzen: das physische, das lebendige, das begehrende, das denkende, das entsagende, das selige und das geistige. — Jedes der sieben Reiche hat die eigenen Gesetze, durch die bewirkt wird, was in ihm vorgeht. Man nehme des Menschen ureigenstes Reich, das des Gedankens. Die Gedanken verbinden sich in uns nach Gesetzen, die innerhalb der Gedankenwelt leben. Wenn das nicht der Fall wäre, müsste die Regelmäßigkeit unseres [Gedankenlebens] genau dieselbe sein wie diejenige der äußeren Dinge. Das ist aber keineswegs der Fall. Man könnte sonst nicht von einem logischen Denken sprechen. Ich verstehe einen Vorgang oder eine Sache nur, wenn ich gewisse Gedanken mit ihnen verknüpfe, die sie mir eben verständlich machen. Überließe ich mich den ganz zufällig bei dem Dinge oder dem Vorgange auftretenden Gedanken: ich könnte niemals zu einem wirklichen Verständnisse kommen. Es ist ein wichtiger aus der pythagoreischen Schule stammender Satz, dass der Mensch sich vom Tiere dadurch unterscheide, dass er zählen könne. Indem der Mensch die Dinge zählt, stellt er sie nach Gesichtspunkten zusammen, die dem Reiche des Gedankens entnommen sind. Die Dinge zählen sich nicht selbst; und so, wie sie uns in der bloßen Wahrnehmung entgegentreten, liegt in ihnen auch nicht eine unmittelbare Veranlassung, sie zu zählen. Man zählt sie, weil man [sie] sich nach den Zwecken des Gedankens zusammenfassen will. Und so ist es mit allen andern Formen, in denen der Gedanke sich mit den Dingen beschäftigt. Der Mensch legt gewissen Dingen die Kreisform bei. Er kann es nicht, bevor er sich durch rein logisches Denken klargelegt hat, was ein Kreis ist. Aus der Sinnenwelt könnte er nie die reine Vorstellung des Kreises gewinnen. Was man von Kreisen in der Sinnenwelt kennenlernen kann, sind nur annähernd Kreise, mangelhafte Kreise. Wir erkennen sie als solche, weil wir eine Vorstellung des Kreises nach rein idealen Gesichtspunkten haben. Und so ist es mit allem wirklichen Denken. Wer wirkliche Wissenschaft treibt, geht immer zu Vorstellungen über, die in ihrer Reinheit nicht äußerlich in der Sinnenwelt vorhanden sind. Er idealisiert. Er bildet in sich etwas aus, was ihm keiner der Sinne liefern kann. Er erhält dazu die Gesetze aus einer Welt, die nicht die sinnliche ist. Die Gedanken, die wir auf die äußeren Gegenstände beziehen, weisen immer noch auf eine andere Welt hin. Sie sind allerdings Abbilder der äußeren Dinge; aber zugleich Abbilder der Gesetze des Geistes dieser äußeren Dinge, welche die Sinne nicht aus ihnen gewinnen können. Außer den Toren der Sinne müssen wir noch die inneren Tore der Seele öffnen, wenn wir das Wesen der Dinge verstehen wollen. Das könnte nicht sein, wenn nicht das, was durch die Seelentore uns über die Dinge zugerufen wird, zu dem Wesen der Dinge selbst gehörte. Das Ding, das ich durch den Sinn des Auges wahrnehme, ist nur die eine Seite des Dinges; die andere Seite ist scheinbar abwesend, wenn ich bloß das Auge öffne; sie verbirgt sich diesem Organe. Sie wird offenbar, wenn ich das innere Organ der Seele öffne. Dann tritt durch dieses ein Gedankengebilde ein. Und dieses gehört zu dem äußeren Dinge. Es ist die andere Seite desselben. Das Ding ist erst ganz, wenn ich mich mit seinen beiden Seiten bekannt mache. So ist eigentlich das Wesen eines Dinges in dem unbekannten Urgrund der Dinge. Und es enthüllt sich mir von zwei Seiten her: äußerlich durch die Sinne, innerlich im Gedankenleben. Ganz hat ein Ding nur, wer, außer dass er es sinnlich wahrnimmt, auch noch über es nachdenkt. Die Menschen stellen sich den hier zu Grund liegenden Sachverhalt dann falsch vor, wenn sie in dem, was die Sinne liefern, schon das ganze Ding zu haben glauben, und sich nur erlauben wollen, im Gedanken das äußere Ding zu wiederholen. Sie tun das, weil sie alles für unwirklich, für eine bloße Einbildung halten, was über das äußerlich Wahre hinausgeht. Sie wissen dann nicht, dass der Gedanke ein Bild ist, das von zwei Seiten her seinen Inhalt erhält: aus der Außenwelt, in der die äußeren Ausgestaltungen der Dinge sind, und aus der höheren geistigen Welt, in der der tiefere Sinn, das eigentliche Wesen der Dinge liegt. In der Mitte zwischen den drei unteren und den drei oberen Reichen lebt die Gedankenwelt. Die Dinge sind sowohl oben wie unten. Allem, was unten ist, und mehr oder weniger zum Körperlichen hinneigt, entspricht etwas Dazugehöriges, das oben ist, und in dem sich die eigentliche geistige Wesenheit des unteren darstellt. Die zwei Seiten der Dinge werfen ihre Strahlen; und diese Strahlen begegnen sich in der Menschenseele, die in ihren Gedanken also Bilder der Dinge gibt, die von zwei Seiten ihre Leuchtkraft und Farbe erhalten.

So wahr es ist, dass der Gedanke das Wahre spiegelt, weil ihn die Wahrheit der Dinge von zwei Seiten bestrahlt, so wahr ist auch, dass der Gedanke sich, um fruchtbar zu sein, um Inhalt zu haben, von zwei Seiten wirklich bestrahlen lassen muss. Wir können durch bloße Gedanken keine Pflanze erkennen: wir bedürfen dazu der Wahrnehmung durch die Sinne. Ebenso wenig hilft bloßes Denken, wenn man zum Wesen der Dinge gelangen will, das im Geistigen liegt. Der Gedanke muss bestrahlt werden von innen, wie er von außen, durch die sinnlichen Eigenschaften der Dinge, bestrahlt wird. Leute, die diesen Dingen gewachsen sind, haben diese innere Bestrahlung Erleuchtung, Inspiration oder auch Intuition genannt. Sie ist die geistige Wahrnehmung und das genaue Gegenbild der sinnlichen. Mit ihr beginnt erst das wahre Innenleben des Menschen im höheren Sinne. Durch sie sieht die Seele in die geistige Welt. Und die sinnliche erscheint ihr dann wie eine äußere Form dieser geistigen, als nicht viel mehr wie die in Papiermache nachgebildete Gestalt eines Menschen zu dem wirklichen Menschen. Auffallend wird das Wesen der Erleuchtung allerdings nur bei den Menschen, die ganz besonders wesentliche Wahrnehmungen aus der höheren Geisteswelt haben; und nur bei ihnen hört man wohl von Erleuchtung oder Inspiration sprechen. Aber sie ist nicht nur bei ihnen vorhanden. Ein gewisser Grad von ihr findet sich bei jedem Menschen. In jedes Gehirn dämmert etwas aus der Geisteswelt hinein. Es ist nur vielfach so schwach, dass es gegenüber den lebhaften Eindrücken der äußeren Welt vielen als ein Nichts, als eine Einbildung erscheint, die nur dazu dient, dem Menschen das gedanklich verständlich zu machen, was die Sinne wahrnehmen.

Das Reich des Lebens entströmt unmittelbar dem Geiste. Es trägt den Keim in sich, abgesondert zu werden. Einzelnes Lebendige[s] kann innerhalb des Alllebens entstehen. Man begreift das Leben nicht, wenn man es nicht in dieser seiner Allseitigkeit, Alllebendigkeit erfasst. Alles Wünschen und Begehren liegt noch dem Leben fern. Das Lebendige macht sich nur zum abgesonderten Strom in dem Kräftesystem des Alls. Es zwingt nicht die andern Lebendigen in seinen Dienst. Es begehrt nicht und verabscheut nicht. Es nimmt nur, um zu geben. Es formt sich, um andern Formen das Dasein zu geben. In der Verwandlung (Metamorphose) lebt es. Und es behält nichts zurück, häuft nichts an in den Zwischenstationen der Metamorphose. Was da angehäuft werden soll, muss dem Begehren entspringen. Es müssen sich die Begierden um einen Mittelpunkt formen. Das Leben fordert nicht anderes Lebendiges heraus. Das Begehren erzeugt eine Form, die wieder aufgelöst werden muss. Das Reich der Begierden ist das Reich, wo die Formen, die auf solche Weise sich um Mittelpunkte sammeln, gegenseitig beeinflussen. Wo sie im Wechselspiel sind. - Im Reiche des Lebens haben wir es nur andeutungsweise mit Einzelwesen zu tun; im Reiche des Begehrens sind die Einzelwesen ausgesprochen. - Durch seine Begierden gibt der Mensch dem Reich der Begierden einen Einschlag, der den Charakter seiner abgesonderten Wesenheit trägt. Durch sein Leben gibt er nur Leben, d.h. er bildet Wesen, die nichts von seinem abgesonderten Wesen an sich tragen, sondern nur der allgemeinen Natur des Lebens entsprechen. Der lebendige Mensch sagt durch seinen speziellen Ton nur: der Mensch ist da; und er ruft auch nur Menschen hervor. Der begehrende Mensch sagt: «Ich, dieser Einzelne, bin da». Das Reich, in das dieser Ton hineinklingt, erhält dadurch die besondere Färbung dieses Einzelwesens. Der Einzelne ist nun für immer da. Es ist etwas entstanden, was weiter wirkt. Konnte ich selbst einen Augenblick ganz abwesend, annihiliert sein: diese meine Wirkung werde ich antreffen, wenn ich wieder da bin. Meine neue Wirkung gehört zu meiner alten. Beide müssen sich beeinflussen.

Es ist nun die Natur selbst, die den Menschen so weit gebracht hat, dass er die drei unteren Reiche von dem der denkenden Seele aus belebt. Innerhalb der denkenden Seele schlummern die Teile, die inneren Kerne der Seele, die der Mensch, über die bloße Natur hinausgehend an sich arbeitend, in sich erweckt. Durch diese Erweckung führt er das Schaffen der Natur weiter. Er entwickelt sich; und mit dieser Entwicklung werden die Vorgänge der drei unteren Reiche in die ihnen entsprechenden Zusammenhänge mit den höhern gebracht. In diejenigen, die in ihnen dadurch veranlagt sind, dass die Lebensformen der höheren Reiche in den unteren ein äußeres Dasein angenommen haben. - Unmittelbar unter dem Reiche der Gedanken liegt dasjenige des Begehrens. Ein Wechselspiel zwischen diesen beiden Reichen findet zunächst im Menschen statt. Die Gedanken dienen zuerst den Begierden. Die Begierde kann als blinde Kraft wirken. Die Empfindung tritt auf, dass etwas Lust, ein anderes Unlust bereitet. Der Lust entsprechend wirkt das Begehren.

Der Mensch kann also eigentlich nie in der Welt sein, ohne dass ihm sein eigenes Wesen, wie er es sich selbst gewirkt hat, entgegenstarrt. Das Einzelwesen kann also nicht in einem Punkte der Entwicklung von vorne anfangen. Er muss anknüpfen an das, was er vorher, von sich ausgehend, in die Welt gebracht hat. - Man steht hier vor dem Lebenskontobuch. Man lebt das persönliche Leben nicht bloß in sich, in der Persönlichkeit, man lebt es auch außer der Persönlichkeit. Man kann das bewusst oder unbewusst tun. Und man kann es wieder mehr oder weniger bewusst tun. Der Verstandesmensch kann nur zu dem allgemeinen Bewusstsein kommen, dass es so ist: Der intuitive Mensch erkennt im Einzelnen die Posten seines Lebensbuches. Und er erkennt sie, vorwärts und zurückblickend. Intuitive Menschen sprechen von ihrer Sendung, von ihrer besonderen Mission. Das ist von ihrem Vorwärtsblicken. Es ist die Erkenntnis der besonderen Aufgabe, die ihnen die Allseele zuerteilt hat. Indem sich ihnen solche Erkenntnis eröffnet, schließt sich an sie auch die Erkenntnis nach rückwärts. Sie lernen die Posten kennen, die sie früher in ihr Lebenskontobuch eingetragen haben. Denn beides müssen sie miteinander in Einklang bringen. In einem andern Sinne verhält sich das spätere in der Entwicklung zum früheren wie der Geist zu den Hüllen, in denen er sich zuerst selbst ausgelebt, geoffenbart hat. Das Frühere ist das Ergebnis einer Auseinandersetzung zwischen Kräften in verschiedenen Reichen. Diese Ergebnisse sind als Wirkungen aufbewahrt. Und was aufs Neue geschieht, kann nur wieder eine Auseinandersetzung mit diesen Wirkungen sein. Nun kann zweierlei eintreten. Die durch die Persönlichkeit erregten Kräfte des Begehrens können ihren Schwerpunkt in dieser Welt des Begehrens selbst haben, und dadurch, dass sie der Persönlichkeit das Gepräge geben, nicht umgekehrt: die Persönlichkeit ihnen, kann dieser Schwerpunkt im Reiche des Begehrens bleiben. Oder aber die Persönlichkeit stellt die Kräfte des Begehrens in den Dienst des Seelen-Inneren. Sie verlieren den Schwerpunkt im Reiche des Begehrens und erhalten einen andern im ihnen übergeordneten Reiche. Dadurch verlieren sie aber auch den Charakter der Abgesondertheit, der in ihrem Reiche herrscht. Sie prallen nicht mehr wie fremd aufeinander; sie klingen zusammen, weil jedem einzelnen, abgesonderten Begehren eine solche Richtung gegeben wird, dass sie den andern nicht widerstreitet, sondern mit ihnen ein harmonisches Ergebnis liefert. Im Reiche des Begehrens wird die Mannigfaltigkeit erzeugt. Damit erhält dieses Reich den in sich vollen Inhalt. Das nächsthöhere Reich, das Reich des Gedankens, der Seele bliebe inhaltlos, wenn es sich nicht mit dem Inhalt erfüllte, den es aus dem unteren herauszieht. Es findet die Erlösung der Begierden aus den Banden ihres eigenen Reiches durch die Kräfte des höheren statt. Das ist der Gang der Evolution. Das Ausleben der Kräfte eines bestimmten Reiches. Sie nehmen dadurch Formen an, die eine äußere Ausgestaltung der ursprünglichen Kräfte sind. Dadurch entzieht sich das erste Reich einen Teil seiner Kräfte. Es stellt ihn aus sich heraus, veräußerlicht sich. Der zurückbleibende Teil wird dadurch noch innerlicher, noch geistiger als der ursprüngliche war. Dieser innerlich gewordene Teil durchgeistigt nun als Seele, als Mittelpunkt die Form, die er vorher von sich selbst abgesondert hat. Dadurch wird das, was vorher eine Einheit war, eine Zweiheit, und die zwei Glieder der Zweiheit wirken zusammen. Sie erzeugen ein drittes. Das dritte ist eine Wiederholung des ersten, nur sind die beiden Glieder, die in dem ersten noch ungeteilt waren, geteilt und ihre Einheit besteht jetzt in ihrem harmonischen Zusammenwirken. Es gibt eben zweierlei Einheiten; die eine, wobei die Glieder noch nicht getrennt sind, und deshalb aus einem gemeinsamen Mittelpunkt heraus wirken, und die andere, wo die Glieder getrennt sind und die Einheit deshalb in dem harmonischen Zusammenwirken des Getrennten besteht.

Die äußere Erfahrung, die der Mensch durch Anwendung seiner Sinne und seines Verstandes macht, ist eine Schule für die Höher-Entwicklung des Menschen. Er lernt an ihr den regelmäßigen Gebrauch des Gedankens. Die äußeren Vorgänge korrigieren fortwährend unsere Gedanken, wenn diese eine falsche Richtung nehmen. Die Umwälzungen in den Gedankenwelten sind dafür ebenso ein Beweis wie alltägliche Erlebnisse. Wenn ich einen schwarzen Gegenstand in der Ferne sehe und ihn für eine Katze halte, so kann mich das Näherkommen belehren, dass ich es nur mit einem zusammengeballten Stück Tuch zu tun habe. Das ist ein alltägliches Beispiel, wie die Außenwelt den Gedanken regelt. Die Korrektur, die Kopernikus dem Denken seiner Vorgänger über den Lauf der Gestirne angedeihen ließ, ist ein Beispiel für dasselbe im großen geschichtlichen Gedankenleben. Nicht so zwingend wirken die Dinge des Innenlebens auf den Gedanken. Dieser muss bereits mit sich selbst völlig im Klaren sein, wenn er den geistigen Inhalt so in sich aufnehmen will, wie er den äußeren Wahrnehmungsinhalt aufnimmt. Er darf keine Fehler machen, denn von seiner in ihm selbst begründeten Richtigkeit hängt es ab, ob er das Geistige in den rechten Zusammenhängen sehen kann. Der geistige Inhalt bedarf des Bewusstseins als seines ihm gewachsenen Trägers. Das Bewusstsein muss also richtig wirken, wenn der geistige Inhalt sich nicht in Zerrbildern zeigen soll. - Wenn also auch das Sinnliche vergänglich und wechselnd ist: Der Mensch lernt an ihm die Formen des Gedankens. Und mit diesen Gedankenformen kann er sich dann das Ewige verständlich machen. - Dieselben Gedanken sind es, die dem Zeitlichen und dem Ewigen zugehören. Der Mensch gehört aber als persönliches Wesen selbst dem Zeitlichen zu. Er ist mit dem Zeitlichen verwandt. Er kann sich nur zum Ewigen erheben, indem er vom Zeitlichen seinen Ausgangspunkt nimmt. Er muss das Denken an dem Zeitlichen lernen. Hat er so die Gesetze des Zeitlichen sich in der rechten Weise angeeignet, so werden sie ihm ein Führer sein auf dem Boden, auf dem ihm die Früchte des Ewigen erwachsen. - Erst muss der Mensch sicher, klar und richtig denken, dann kann er seine Gedanken der höheren Erleuchtung aufschließen. Versucht er es früher, so gleicht er dem Kinde, das einen Berg besteigen will, bevor es gehen gelernt hat. - Man lernt zuerst lesen und rechnen, und dann wendet man das Lesen und Rechnen an, um die Wahrheiten der Wissenschaften zu begreifen. Ebenso lernt man erst denken am Zeitlichen; dann wendet man dieses Denken auf die Vorgänge im Ewigen an. - Nur unsichere Schritte wird man machen, wenn man sich in das Feld des Ewigen begibt, ehe man sich die Vorbedingungen dazu erworben hat. - Die wichtigste dieser Vorbedingungen ist, sich, durch sorgfältiges Beobachten der Wirklichkeit, ein Denken angewöhnen, das in regelrechter Weise abfließt; und [damit] das unbefangene freie Sich-Erschließen mit diesem Denken den höheren Welten-Inhalten gegenüber.

Bei dem Menschen lebt der Gedanke in physischer Verkörperung. Sein Dasein ist bedingt durch die physischen Gesetze, von denen Gehirn und Nervensystem beherrscht sind. Aber auch in seinem eigenen Reiche lebt er sich in verschiedener Weise aus. So wie er auf äußere Dinge und auch auf die einzelnen Vorgänge des inneren Geisteslebens anwendbar ist, so ist er nicht ursprünglich. Man nehme den Gedanken eines Baumes, z.B. einer Eiche. Er ist in dem Augenblick ein ganz bestimmter, wenn wir dem Eichbaum gegenüberstehen, ein Gedankenbild gerade dieses Eichbaumes. Im Reiche des Gedankens selbst steigen wir von dieser Sondervorstellung zu einer viel allgemeineren auf. Wir gelangen zu einem Gedankenbild eines Eichbaumes, der nirgends im Einzelnen wirklich existiert, und der doch ein gesetzmäßiges Gedankengebilde ist. Dieses Gedankengebilde steht wieder mit anderen in Verbindung. Und wenn wir unser Gedankenfeld überblicken, so steht in ihm alles in gesetzmäßigem, innerem Zusammenhange. Dieses Gedankenleben ist das Schattenbild des wahren höheren Lebens, in dem alles Einheit, innere Wesensharmonie ist. Der Gedanke ist das Bild des Über-Gedankens. [Der] Über-Gedanke ist die schöpferische Wesenheit. Mit ihr fließen wir zusammen, wenn wir den Gedanken überwinden. Von ihr kommt uns die Erleuchtung, die Inspiration. In ihr leben, weben und sind wir. Erheben wir uns in diese Region, so erleben wir, was wir sonst bloß denken. In Wesenheiten, die so Leben haben, wie in der menschlichen Welt die physischen Wesenheiten, bewegen wir uns. Nur sind dann diese Wesenheiten nicht von den begrenzenden Gesetzen beherrscht, denen die physischen Wesenheiten unterliegen. Und die formlosen Gedanken, die erhabenen Bilder, die noch nicht den Abglanz der niederen Sphären tragen, sind die Sprache, die diese Wesenheiten mit dem Menschen sprechen. Wie hinter einer Wand verborgen sind diese Wesenheiten selbst, und die Menschenseelen mit ihnen. Die Sprache - die erhabenen Gedanken - vernehmen wir; die Wesenheiten selbst und wir mit ihnen bewegen sich und uns hinter dieser Wand. Aber es ist ihre Kraft, die zu uns spricht, und es ist unsere Kraft, die dem Sprechen lauscht. Wenn uns das zu Teil wird, dann lauscht unser Ohr der göttlichen Kunde, die uns von dem Wesen der Dinge berichtet; dann hängt unser Herz an dem Weltenherzen und vernimmt, während das Ohr hört, den Pulsschlag des Ewigen. Raum und Zeit hören in solchen Augenblicken auf, eine Bedeutung zu haben: Was der Mensch vernimmt, gilt für viele Zeiten und viele Räume. Es sind die Festesaugenblicke des Lebens, in denen also der Mensch am Herzen des Ewigen fühlt; und es ist eine hohe Entwicklungsstufe des Menschen, wenn er solches Hören und Fühlen zu seinem ganzen Wesen macht. Dann hören die Eindrücke der niederen Welten auf, für ihn eine Bedeutung zu haben; sie sind nur mehr kleine Farben- und Tonnuancen in dem ewigen Bilde, das sich vor seinem Geistesauge breitet. Die kleinen Linien des Lebens verschlingen sich als unbedeutende Ranken den ewigen Linien, die über die Zeiten und Räume sich schlingen und in ewiger Harmonie die Gesetze des Kosmos ausdrücken.

Jeder Vorgang in der physischen Welt ist zugleich ein solcher in andern Weltensphären. Während ich meine Hand ausstrecke geschieht nicht bloß der physische Vorgang, den ich mit meinen Augen sehe, sondern es spielt sich zugleich ein Vorgang in der Begierden- und ein solcher in der Gedankenwelt ab; abgesehen von den andern Welten, in denen sich ebenfalls die entsprechenden Vorgänge ereignen. Die im physischen Körper wohnende Menschenseele nimmt nur den physischen Vorgang in seiner unmittelbaren Gestalt wahr: Von den anderen Vorgängen nimmt [sie] nur eine Art Schattenbilder wahr, einen Abglanz, der aus den andern Welten auf diese physische fällt. Nur Wesen, die ihr Dasein selbst in den entsprechenden Welten zubringen, können die Vorgänge in diesen Welten so unmittelbar, in ihrer ursprünglichen Art wahrnehmen, wie der physische Mensch das physische Dasein wahrnimmt. Unsere physischen Augen sehen Physisches; Augen, die bloß aus Begierdenstoff aufgebaut sind, könnten die Begierden so wahrnehmen wie die physischen Augen die Blumen. Und vor einem reinen Gedankenauge bewegen sich Gedanken vorbei wie vor menschlichen Augen Tische und Schränke. Wer nicht ein richtiges Gefühl dieser verborgenen Welten in sich erwecken kann, wird nicht zum Verständnisse dessen kommen, was wirkliche menschliche Entwicklung bedeutet. Über der physischen Welt liegt die Lebenswelt; und über dieser das Reich des Begehrens: der Ort der Wünsche. Mit physischem Stoff verglichen ist in dieser Sphäre [alles] feiner und flüchtiger. Die physischen Gesetze gelten natürlich nicht für dieses Reich. Zwei Wesen desselben können an einem Orte z.B. sein; und die entfernten Dinge erscheinen da nicht wie in der physischen Welt perspektivisch verkleinert. Die Farben sind nicht undurchsichtig, wie sie im physischen Reich sind. Sie sind es da nur deswegen, weil sie an dem undurchsichtigen physischen Stoff als dessen Grenze erscheinen. Fängt dieses Reich an, dem Menschen seine Offenbarungen zu erschließen, dann fängt er an zu begreifen, wie wenig er ohne Kenntnis desselben von den Dingen der Welt weiß. Wie wenig er vor allem von sich selbst und seinen Nebenmenschen weiß. - Was der Mensch sonst in seinem Busen zu verschließen vermag, sein Wünschen und Fühlen, seine Leidenschaften und Temperament, kurz die ganze Welt seines Begehrens, offenbart sich als ein zweiter Organismus, in dem der physische eingebettet ist, und der nicht erscheint für das physische Auge, wie die Farbe an dem physischen Körper für das farbenblinde Auge nicht erscheint. Der physische Körper allein vermag dem physischen Auge die Welt des Fühlens zu verbergen; er vermag es nicht vor dem Auge, das die organische Wunschwolke sieht, in die die physische Natur eingebettet ist. Das Gefühlsleben des Menschen wird für dieses Auge ein aufgeschlagenes Buch. Wie der Mensch seine Hände im unteren Reiche ausbreitet und dadurch seine Gestalt eine andere wird, so sendet er bewegliche Strahlen um sich, wenn er eine Begierde hat. Und wie seine Hand einen physischen Gegenstand ergreift, so verschlingen sich die Strahlen seiner Begierden mit den Welten, die ihnen im Reiche der Begierden begegnen. — Nicht hart wie im physischen Raume die Sachen stoßen sich im Begierdenraume die Wünsche; aber sie strömen ineinander, mengen und mischen sich und erzeugen komplizierte Wunschgebilde, etwa ähnlich wie in der physischen Welt zusammengesetzte Substanzen aus einfachen entstehen. - Zwei Menschen sitzen beisammen. Fortwährend fließen ihre Wunschstrahlen ineinander. Und wenn sie den Ort verlassen, dann haben sie einem Gebilde das Dasein gegeben, das nun in der Begierdenwelt ein selbstständiges Dasein hat. - Niemand kann einen Ort betreten, ohne an ihm die Spuren seines Wünschens und Fühlens zurückzulassen. Und es ist für unser eigenes Wunschwesen nicht gleichgütig, wer vorher den Ort betreten hat, an den wir uns selbst begeben. Wir legen uns sozusagen immer in das Bett, das uns unser Vorgänger bereitet hat. Menschen, die nach dieser Richtung ihre Sensitivität entwickelt haben, wissen das. - Und die, welche solche Sensibilität nicht entwickelt haben, ahnen nichts von dem, was andere zuweilen durchmachen durch Einflüsse, die ihnen selbst ganz unbekannt sind. - Aber nicht bloß von den Menschen gehen solche Einflüsse aus. Der dafür Empfängliche begegnet in der Begierdenwelt Strömungen, die nicht in der physischen Welt vorher heimisch waren, und die es erst durch ihn werden können. Er begegnet den eigentlichen Begierdenwesen, die keine physische Hülle haben. Solchen Begegnungen sind wohl fast alle Menschen ausgesetzt, nur kommen sie vielen nicht zum Bewusstsein. Man muss sich klar darüber sein, dass vieles von dem, was im Physischen lebt, seinen Ursprung in der Begierdensphäre hat, und wir nur nicht das Hereinragen von deren Wesenheiten schauen. - Für den, der Wahrnehmungen nach dieser Richtung machen kann, wird vieles in Bezug auf seine Ursprünge offenbar, wovon der gewöhnliche Mensch nur die Wirkungen sieht. Fast immer ist der Mensch von außerphysischen Einflüssen umspielt. Der Witzbold, der die Lachmuskeln seiner Umgebung erregt, ist umgeben von einem Heer von Wunsch- und Begierdenwesen, die seinen Erzählungen die Richtung weisen. Man sieht die Wirkung, aber nicht den Ursprung. Nur die reinen Verstandeswesen entbehren dieser flüchtigen Umwelt. Eine farblose Wolke umschwebt sie, die jeglichen Einfluss von außen abhält. —

Der Mensch, der erkennt, dass er in einer solchen Welt lebt, kann nicht ohne eine Erweiterung seiner Lebensanschauung bleiben. Sein Pflicht- und Verantwortlichkeitsgefühl muss eine wesentliche Erweiterung erfahren. Ohne solches Erkennen kann er glauben, dass seine «innere Welt» ihm allein gehöre, und er nur den physischen Wirklichkeiten verantwortlich sei. Das hört auf [so] zu sein, wenn die Wunschaugen erwachen. Eine Wunschethik wird zu seiner Handelnsethik hinzutreten. Wie er sich Handlungen versagt, die Schaden in der Umwelt anrichten, so wird er sich auch Wünsche und Begierden versagen, die in ungünstiger Weise auf ihr Reich wirken müssen. Er wird in seinem Busen ebenso Pflichten anerkennen, er wird sich führen, wie er in der Außenwelt Pflichten anerkennt und sich von den Regeln führen lässt, die zum gedeihlichen Zusammenleben der Menschen dienen können.

Chaotisch und unregelmäßig ist das Gefühlsleben der Menschen, der von solch höheren Pflichten nichts erkennt. Von edler Harmonie wird es immer mehr ergriffen bei denen, die solche Pflichtenwelt ergreifen. Ganz anders gliedert sich der Mensch dann in die Welt ein. Die chaotisch durcheinanderwogenden Gefühle und Passionen sind etwas Vergängliches und Wesenloses, weil sie sich gegenseitig aufheben und zerstören. Wer heute in einer beliebigen Richtung, und über einen beliebigen Vorgang, und morgen über anderes seine Gefühle verschwendet, vernichtet die Ergebnisse seines Daseins immer wieder. Wer seine Empfindungen in strenger Harmonie mit einander hält, formt sein Leben zu einem Ganzen, das deshalb sich auch als Ganzes der Begierdenwelt eingliedern kann. Ein chaotisches Leben fließt in die allgemeine Wunschwelt wie ein schmutziger Bach ins Meer; man sieht noch lange die Richtung, in der sich der Schmutz bewegt, im Meere verunreinigt. Ein reiner Fluss ergießt sich in das Meer und wird, ohne dessen Reinheit zu beeinträchtigen, in dasselbe aufgenommen. Und wie das Meer den Schmutz des Baches allmählich überwinden muss, so die Begierdenwelt die gefühlsmäßig unreinen Lebenswirkungen. - Ein höherer Grad in der Menschheitsentwicklung bringt die Art zum Bewusstsein, wie der Mensch auf die Begierdenwelt wirkt. Was sonst fortwährend unbewusst, und deswegen völlig zufällig und willkürlich vor sich geht, wird dann ins Bewusstsein heraufgeworfen. Wer das vermag, der wird nicht mehr unbewusst wünschen und begehren, wie der im Physischen bewusste Mensch nicht automatenhaft, sondern mit Bewusstsein handelt. Wie wir während unseres physischen Lebens schädliche Handlungen begehen, wenn wir die zum Guten führenden Regeln des Handelns nicht kennen, so können wir auch im Begierdenreich schädliche Wirkungen erzeugen; und wer für dieses Reich ganz ohne Bewusstsein ist, der wird sein Spielball. Die großen Religionsstifter aller Zeiten waren bemüht, solche Regeln den Menschen für ihr Innenleben zu geben, dass deren Fühlen und Empfinden ein harmonisches Glied des Begierdenreiches werden konnte: dass sie nicht als Störefriede in diesem Reiche wirken, sondern als Glieder seines großen Ganzen. Es ist deshalb nur selbstverständlich und natürlich, dass solche Religionsstifter nicht nur Regeln für das äußere Handeln, sondern auch für das Gefühlsleben gaben. Wie Lust und Schmerz im Herzen wirken sollen, wie Entsagung und Liebe zu achten sind: darüber sprechen Religionsstifter, und solche Religions- und Weisheitslehrer, welche von den höheren Welten etwas wissen. In dem großen, herrlichen Liede von der menschlichen Vervollkommnung, in der «Bhagavad-Gita», liest man: «Achte Lust und Leid, Gewinn und Verlust, Sieg oder Niederlage gleich. Gürte dich zum Streit, so wirst du nicht der Sünde verfallen.» Oder an einer andern Stelle: «Es ist die Lust, der Wille, die Kraft, welche der Leidenschaft entspringt. Lerne diesen allverzehrenden und verwüstenden Feind kennen.» Solche ethische Grundsätze beziehen sich nicht auf das äußere Handeln; sie beziehen sich auf das Verhalten des Menschen in der Welt, wo die Wünsche, das Verlangen, die Begierden leben. Und je mehr sich der Mensch in die Tiefen der seelischen Wesenheiten versenkt, desto mehr ist er imstande die Ethik der Wunschwelt auszubilden. Die Mystiker aller Zeiten haben an dieser Ethik gearbeitet.

Einem noch weiter reichenden Gebiet gehört die Menschenseele an als dem der Begierden. Es ist das Reich der Gedanken. Dies ist dasjenige, durch das sie sich im eigentlichen Sinne dem Zeitlichen entreißen und dem Ewigen eingliedern kann. Denn der Gedanke ist das Umfassendste in des Menschen Wesenheit. Aber es hängt auch vom Menschen selbst ab, was er aus dem Gedanken macht, mit dem er lebt. Er kann ihn zum Diener seiner Wünsche und Begierden machen; oder er kann sich durch ihn zu den ewigen Gesetzen oder Wesenheiten der Dinge erheben. Umspielen die Wesenheiten des Begierdenreiches den Menschen wie willkürlich, wie wenn sie nur in losem Zusammenhange ein einheitliches Reich bilden, so wirkt die Welt des Gedankens wie ein planvolles, streng geregeltes Ganzes. Jedes Glied dient in genau umschriebener Form dem andern. Die Begierdenwesen stellen uns deshalb in einen kleinen, die Gedanken in einen großen Kreis hinein. Und was aus der Gedankenwelt in uns selbst lebt, bildet einen weit dauernderen Wesenskern als unser Wunschorganismus. Wie in diesem unser physischer, so sind beide, physischer und Begierdenorganismus, wieder in unseren Gedankenorganismus eingebettet. Und wessen Gedankenauge sich erschließt, der erkennt den Gedankenorganismus. Er stellt sich anders dar als der Begierdenorganismus. Dieser ist etwas Flutendes, Flüssiges und wird nur bei höheren Entwicklungsgraden des Menschen beständiger. Der Gedankenorganismus trägt eine charakteristische Grundstruktur. Zwar sind auch innerhalb derselben die Gedankenstrahlen, die von dem Menschen ausgehen, veränderlich, wandeln sich zumeist in jedem Augenblicke: Aber ein gewisses skelettartiges Gebilde stellt sich immer wieder her; und dieses behält gewisse Grundzüge von der Geburt bis zum Tode. Es ist gleichsam die Grundnote der Persönlichkeit. Diese Grundnote bildet auch den Mittelpunkt, von dem immer Gedankenwirkungen bestimmter Art in die Gedanken-Umwelt gehen, und auf die von außen solche Zuströmen. — Der Mensch ist durch diese seine Gedankenwelt Teilnehmer eines Reiches, in dem die Wirkungen weit über das Maß dessen hinausgehen, was in der physischen und auch in der Begierdenwelt möglich ist. Durch seine Gedanken sprechen die Wesenheiten dieses Reiches zu ihm. - Sie sprechen bestimmter, schwerwiegender, innerlicher zu ihm als die Wesen des Begierdenreiches. Dem entsprechend sind auch die Wirkungen, die vom Gedankenteil des Menschen in die Gedanken-Umwelt hinein sich erstrecken. - Nun kann der Mensch seine Gedanken beeinflussen lassen von seinen Begierden. Er kann den Gedanken dazu verwenden, diese Begierden am besten zu befriedigen. Statt sich durch die hebende Macht des Gedankens sich aus den Banden der Wünsche und Passionen zu befreien, kann er den Gedanken zum Diener jener niedrigeren Kräfte machen. Die Folge davon ist eine durch das Denken bewirkte Bereicherung und Steigerung der Welt des Verlangens. Es wird die Begierdenwelt mit Wesen vom Gedankenreich aus bevölkert, während im Gegenteil die in ihm lebenden Wesen befreit werden sollten. So wird die Welt des Sonderdaseins gefördert. Die Wesen, die auf diese Art entstehen, verzögern den richtigen Fortschritt der kosmischen Entwicklung. - Umgekehrt fördert er diese Entwicklung, wenn die Geschöpfe der Begierdenwelt von der Macht der Gedanken ergriffen und höheren Zielen zugeführt wird. Wünsche und Begierden hören damit nicht auf, zu sein, was sie sind: Aber sie erhalten einen zu den Zielen der Gedankenwelt hinstrebenden Charakter. Menschen, die durch eine idealistische Richtung ihres Wesens ihren Begierdenteil in dieser Art veredeln, stellen sich dem Seher so dar, dass ihr Wunschorganismus in schönem Einklang mit den eigenen Gedanken und diese wieder mit den kosmischen Weltgedanken stehen. Ein solcher Mensch lebt in dem All des kosmischen Systems, dem er angehört, harmonisch. Seine Wünsche bringen dieses System vorwärts und seine Gedanken werden zu Helfern der Gedankenwesen, die dieses System regieren. Eine höhere Entwicklungsstufe hat der Mensch erreicht, bei dem nichts mehr [von] untergeordneten Wünschen und Begierden diesen Einklang stört. Eine Persönlichkeit, bei der das der Fall ist, kann der Träger eines Gedankenwesens sein, dessen Wirken in vollem Einklang steht mit den kosmischen Willensmächten. Aus ihm spricht dann nicht mehr die Gedankenwelt der einzelnen Persönlichkeit, sondern eine überragende, umfassende Wesenheit. Sie trägt dann den Körper nicht ihretwegen, sondern um der Wesen willen, denen sie sich mitzuteilen hat. Denn in das, was sie zu denken und zu wollen hat, fließt nichts ein von dem, was die Persönlichkeit als solche zu wünschen, zu begehren und zu wollen hat. Alles, worauf ihr Wollen gerichtet ist, bleibt innerhalb der Gedankensphäre. Solche Wesen haben einen Gipfel der Menschheit erreicht. Sie sind zu einer Stufe gestiegen, die niedriger Stehenden vielleicht durch besondere Anstrengung für wenige höchste Festesaugenblicke des Lebens zu Teil werden können. Und dann, wenn sie solche Augenblicke haben, dann treffen sie auf die Spuren jener Hochentwickelten, deren Macht ihnen zu ihrer eigenen Weiterentwicklung entgegenkommt. Es muss des Menschen höchstes Weisheitsstreben sein, solche Spuren von Wesen zu treffen, die ganz der physischen Sphäre und wohl auch der Wunschsphäre entrückt sind, und die nur deshalb in menschlichen Leibern sich verkörpern, weil sie Lehrer der andern sein sollen; und weil diese andern sie nur verstehen können, wenn sie mit menschlichen Lippen, mit einer menschlichen Zunge zu ihnen sprechen. Für sich selbst stellen diese Wesen einen höheren Zustand der Menschwerdung vor, der über dem Menschen wie ein Ideal schwebt, dem er sich nähern soll. Nur wer reif geworden ist, die Sprache des Gedankens zu hören, der nicht von zeitlichen, sondern von dauernden Vorgängen spricht, kann aber die Stimme solcher Persönlichkeiten vernehmen. Einem solchen erteilen sie dann den höheren Unterricht in der Weisheit und machen ihn bekannt mit den weiten Zielen des Kosmos, an denen er dann selbst mitwirken lernt. Ganz in dieser Region geht der höhere mystische Unterricht vor sich. Und aller niedere Unterricht ist eine Vorbereitung zu diesem höheren.

Des Menschen Seele hat ihren ganz bestimmten Platz in diesem Reiche. Durch diesen Platz ist sie Bürger ihres Kosmos. Und ihre Aufgabe besteht darinnen, aus den unteren Reichen das zu sammeln, was aus ihnen in dieses höhere Reich heraufgetragen werden soll. Aber alles das muss erst geläutert werden, ehe es hier seine Aufgabe erfüllen kann. Wie der Schmied das rohe Eisen aus der Natur zu den zweckentsprechenden Formen arbeitet, so entnimmt die Seele die rohen Leidenschaften und Begierden und formt sie, läuternd, damit sie in das Element der Gedankenwelt sich eingliedern können. Des Menschen Seele ist heruntergestiegen aus diesem höheren Reich, um aus den niederen den Honig des Geistes zu sammeln und beladen mit ihm wieder zurückzukehren in ihre ursprüngliche Heimat. Im Zustande der Unschuld war sie, als sie ihren Abstieg begann. Im Zustande der Läuterung wird sie sein, wenn sie wieder zurückkehrt. Ein Ei ist sie, vor ihrem Abstieg, das in sich den Keim seiner späteren Wesenheit trägt. Dieses Ei enthüllt sich stufenweise, das Wesen mit allen organischen Gliedern offenbart sich. Und diese Glieder sind verwandt den Reichen, in die das Wesen auf seiner Entwicklungsreise versetzt wird. Es gebraucht diese Glieder da, wo ihr entsprechendes Reich ist; und es lässt die Eigenheiten dieser Reiche da zurück, wo sie ihr Element haben. Mit sich aber nimmt es die Ergebnisse, die Erfahrungen. — Darin liegt die Aufgabe des Menschen, dass er seinen Gedankenkeim erfüllt mit dem Honig, den er in den drei unteren Reichen gewinnen kann. Jeder Gedankenvorgang kann ein solches HonigSammeln sein. Im Menschen setzt sich so denkend die obere Welt mit der unteren auseinander. Diese Auseinandersetzung ist eine dreifache. Die erste geschieht im Reiche der Begierden. Das Begehren wird durchseelt. Die Leidenschaften und Passionen nehmen den Zug nach oben an. Man kann diesen Zug hervortretend an Menschen beobachten, die einen Hang zu Idealen haben. Ihre Leidenschaften wenden sich von vorübergehenden, wechselnden Zielen zu den dauernden Idealen. - Was sich da in ihnen vollzieht, ist nur das Schattenbild eines Vorganges, der sich im rein geistigen, gedanklichen Reiche abspielt. Jedes Mal, wenn eine ideale Leidenschaft in einem Menschen sich entwickelt, hat sein Kosmos einen Ruck nach vorwärts empfangen; ein unschuldvolles Gedankenwesen hat Gestalt und Körper angenommen, ist im wahren Sinne des Wortes geworden. Es ist nun Glied der fortschreitenden Entwicklung im Kosmos geworden, dessen Kraft nicht wieder verschwinden kann. Es kann wieder von noch höheren Reichen aufgenommen werden; aber seine Kraft vergeht in ihnen nicht. - Hat auf diese Weise der Mensch die Fähigkeit gewonnen, den Honig des Begierdenreiches nach oben zu tragen, so kann er zum eigentlichen Lebensreich heruntersteigen. Er läutert jetzt die Wachstumskräfte seiner Natur. Damit greift er über sich selbst als Persönlichkeit hinaus. In einem viel allgemeineren Sinn als früher wird er jetzt Mitarbeiter am Kosmos. Wie die Pflanze nicht gleich dem Tiere für sich begehrt und verabscheut, sondern in ruhiger Gelassenheit die Stoffe ihrer Umgebung aufnimmt, um sie in Wachstum und Fortpflanzung selbstlos weiterzugeben, so macht sich auf dieser Stufe der Mensch zum Durchgangswesen und Helfer der geistig-kosmischen Wachstumskräfte. Es ist damit eine hohe Stufe menschlicher Entwicklung erreicht. Der Mensch gibt mehr als Körper an höhere Mächte ab, als seine Wunschnatur abgeben könnte. Hat er vorher nur die Steine behauen, um das kosmische Gebäude aufzuführen, so arbeitet er jetzt an dem Bauplane selbst mit. Ein Schüler (Chela) kosmischer Wesen ist er geworden. Er weiß nicht nur, was von den niederen Reichen in die höheren hinaufgetragen werden soll: Er weiß auch, wie die Einzelheiten aneinandergefügt werden sollen. Alles wird auf dieser Entwicklungsstufe hell, durchsichtig und bildsam. Raum und Zeit haben zwar noch nicht ganz ihre Bedeutung verloren; aber sie sind in sich beweglich geworden; und ihre begrenzende und hemmende Gewalt hat sich aufgelöst. Jetzt ist innerhalb des Gedankenreiches nur noch eine Stufe zu erklimmen. Diese Stufe führt die verschiedenen Kraftlinien des Kosmos in ihre Mittelpunkte zurück. Der Mensch lernt nicht mehr nur den Plan; er lernt die Absichten des ganzen Bauwerkes kennen. Die Grundlage, das Gerüst seines Kosmos wird ihm offenbar. Er weiß nun, was diesen seinen Kosmos hält und trägt. Es ist die Stufe der Meisterschaft erreicht. Ein Meisterwesen will und handelt aus den Intentionen des kosmischen Systems heraus, dem er angehört. Diese Absichten sind für die Wesen, so lange sie auf niederer Evolutionsstufe stehen, sie sind selbst für die Schüler die großen Geheimnisse: die kosmischen Mysterien. Alle, die etwas von solcher Welt wissen, deuteten bis jetzt oft an abgelegenen Stellen ihrer Schriften auf solche Entwicklungsgrade hin. Leise sind diese Hindeutungen, aber doch verständlich für den, der eine Ahnung von höheren Welten erhält. Man lese doch bei Goethe: «In der Natur sind nicht allein die Geschehnisse, sondern die Absichten vor allem der Aufmerksamkeit wert.»

Durch seine Entwicklung gestaltet der Mensch sein Wollen immer mehr in der Richtung des kosmischen Planes. So lange er nur die Bausteine des Begierdenkörpers diesem Plane einfügt, wird es nicht von ihm abhängen können, was er vollbringt. Der Plan des Ganzen schwebt über ihm, und wie er sich und sein Tun diesem Plane einzufügen hat: das empfindet er als ein von außen gegebenes Gebot. Er hat sich diesem Gebot zu fügen. So empfindet der idealistisch gesinnte Mensch. Sein Tun einzufügen in die Harmonie des Ganzen ist ihm heiliges Gebot: Ideal. Was er vollbringt, vollbringt er aus Pflicht. - Erreicht er die nächsthöhere Stufe und lernt damit den Plan kennen, dann wird ihm selbstverständlich, im einzelnem Fall so und nicht anders zu verfahren. Er empfindet nicht nur ein Gebot, eine Pflicht; er begreift es als sinnlos, anders zu handeln. Denn es würde seinen Abscheu erwecken, was entstehen müsste, wenn er nicht im Sinne und der Richtung dieses Planes handelte. Es wächst also mit aufsteigender Erkenntnis die Sicherheit im Verhalten des Menschen: Er tut, was er tun soll, aus Neigung zur Tat: Er handelt aus Liebe. Dies ist die Art, wie der Schüler sich zu seinem Handeln verhält. Diese Stufe muss man sich allerdings erst erworben haben. Wer da glaubt, ohne die notwendige Erkenntnisstufe aus Liebe handeln zu dürfen, der wird statt im Sinne und in der Richtung seines Kosmos nur im Sinne seines Sonderseins handeln. Und es müssen die Interessen dieses seines Sonderseins nicht notwendig mit der Willensrichtung seines Kosmos zusammenzufallen. - Das Recht zum Handeln aus Liebe muss erst durch Einsicht und Weisheit erworben werden. - Eine noch höhere Stufe erreicht der Meister, auch in dieser Beziehung. Er vollzieht die Absichten seines Kosmos. Er steht nicht außerhalb dieser Absichten, sondern innerhalb derselben. Sie sind die seinigen. Den Idealisten treibt die Pflicht, den Chela die Liebe; ihn treibt nichts, er setzt nur sein eigenes Wesen in Wirklichkeit um. Der Meister ist beim Handeln aus Freiheit angekommen. - Es ist ganz irrtümlich, wenn man sich streitet, ob der Mensch frei sei oder nicht. Er ist weder frei noch unfrei auf einer Entwicklungsstufe vor der höchsten Gedankensphäre; er ist auf der Entwicklungsbahn zur Freiheit begriffen. Völlig frei ist erst der Meister. - So sind die Stufen des Menschen: die der Läuterung der Leidenschaften oder die des intuitiven Idealisten, der die Bausteine der Gedankengeistwelt formt; die des PlanErkennens, das Mitarbeiten an diesem Plan aus Kenntnis desselben, oder die Stufe des Schülers (Chelas); und zuletzt die Verwirklichung der Absichten des Kosmos, das Einswerden mit dem Plan dieses Kosmos, oder die Stufe der Meisterschaft. Der Idealist handelt aus Pflicht: Er gehorcht einem Sollen. Der Schüler handelt aus Liebe, er verwirklicht sein Wollen; der Meister handelt in Freiheit, er lebt sich in seinem Wesen aus.

Der Mensch erhebt sich an Einsicht und Weisheit zu dem Kosmos. Diese Weisheit war ursprünglich in demselben. Durch Wissen lernt der Mensch den Kosmos kennen, weil dieser durch Wissen gebildet ist. Das in den Kosmos gelegte Wissen zieht die menschliche Seele zu sich hin und wird eins mit ihr. Deshalb ist alles, was die Menschenseele nach dieser Richtung tut, kosmischer Vorgang. Der Mensch sieht es auf den unteren und mittleren Stufen seiner Entwicklung nur nicht als kosmisch an, weil er nicht den Vorgang selbst, sondern dessen Schattenbild, Projektion sieht, wie sie allein durch das Gehirnbewusstsein gegeben werden kann. Was da scheinbar innerhalb der Wände des Schädels sich vollzieht, ist nicht der wirkliche Vorgang. Es verhält sich zu diesem, wie sich die Silhouetten an der Wand zu den wirklichen Menschen verhalten. In Wirklichkeit geht die Handlung, die sich da vollbringt, durch die ganze Sphäre der Gedankenwelt und erschüttert den ganzen Kosmos. Bewege ich meine Hand, so sieht in der Handbewegung das Auge einen Vorgang des physischen Reiches. Der erscheint unmittelbar in seiner wahren Gestalt. Schon ein Gefühl, eine Leidenschaft erscheint einem physisch verkörperten Wesen nicht mehr in seiner wahren Gestalt, sondern in seiner Wirkung, in seinem Schattenbilde in der physischen Welt. Und noch weniger ist das bei einem Vorgange der Fall an dem der Gedanke beteiligt ist. — So ist das, was der Mensch erkennt, beschränkt durch seine jeweilige Entwicklungsstufe, und demgemäß muss auch sein Wollen in derselben Richtung bestimmt sein. In Wirklichkeit ist der Mensch immer ganz vorhanden. Das ursprüngliche Ei enthält den ganzen Menschen, wie er innerhalb der Denksphäre geformt ist. Aber dieser ganze Mensch wird nur stufenweise vor sich selbst offenbar. Und er ist im Grunde für sich nur insoweit wirklich, als er sich offenbar ist. Er handelt nur insoweit mit Bewusstsein aus dem Wesen seiner Natur heraus, als [er] von diesem Wesen in den unteren Reichen zum Dasein gebracht hat. Dieses Wesen selbst ist als Kraft hinter dem, was für ihn selbst offenbar ist. Aus dem ihm unbekannten heraus gestaltet sie seine Tätigkeiten. Ein Wesen mit Sinnen für die höheren Arten des Daseins vermöchte zu schauen, was für den Menschen selbst nur in seinen schattenhaften Wirkungen im physischen Reich erkenntnismäßig vorhanden ist. Der Mensch denkt, aber er schaut seine Gedanken nicht; er fühlt, aber er schaut seine Gefühle nicht. Sein Bewusstsein umfasst nur einen Teil seiner Tätigkeitssphäre, die der Inhalt seines Wesens ist. Die Entwicklung geht so vor sich, dass immer höhere Teile dieser Tätigkeitssphäre in das Feld des Bewusstseins eintreten. Und damit wird immer mehr auch mit Bewusstsein getan; das ändert den ganzen Charakter des Handelns. Was der Mensch mit Bewusstsein vollbringt, ist anders als dasjenige, was in ihm vorgeht, ohne dass er weiß, wie es vollbracht wird. In der Verwandlung der noch nicht bewussten Teile seines Wesens in bewusste besteht sonach seine Entwicklung. Durch die Erlangung der höheren Grade des Bewusstseins erlangt der Mensch von selbst auch die höheren Grade in Bezug auf sein Handeln. Nur wer unbewusst seinen Begierden folgt wird zu unrichtigen Dingen von ihnen hingerissen: Wessen Sinn in der Begierdensphäre erweckt ist, der sieht, was eine von ihm gehegte Empfindung in dieser Sphäre anrichtet. Es ist wohl selbstverständlich, dass er sein Empfinden danach einrichtet. Und in noch höherem Grade ist das der Fall bei dem, der auf dem Felde des Gedankens sehend geworden ist. Sein Kosmos wird für ihn anders als er für den bloß denkenden Menschen ist. Wie wenn jemand aus einem dunklen Raum, in dem er sich an Stühlen und Tischen fortwährend stößt, in einen von intensivem Licht erhellten tritt, so verhält sich das Leben des bloß denkenden zu dem des schauend-denkenden Menschen.

Und mit der Erweckung des Schauens in der Gedankenwelt werden zugleich alle die wesenhaften Einflüsse offenbar, die den Menschen fortwährend umgeben und von denen er ohne dieses Schauen nichts weiß. Unerklärlich bleiben dem Unkundigen die Wirkungen, die ihm aus dieser Sphäre zufließen, weil ihm eben die Ursachen nicht offenbar sind. Der Sehende spricht deshalb von den Göttern der Gedankensphäre, von solchen Wesenheiten, die nur ihm wahrnehmbar werden können, weil sie sich nicht bis zum physischen Dasein herab verkörpern; die äußere Hülle, die sie an sich tragen, ist ein Gedankenkleid, und dieses verhält sich zu ihnen wie des Menschen physischer Leib sich zu dem Menschen selbst verhält. So versteht der Seher, was es für eine Bewandtnis mit dem hat, was man das plötzliche Auftauchen eines Gedankens, eine augenblickliche Erleuchtung oft nennt. Es raunt in diesem Augenblicke ein Wesen der Gedankensphäre einem Menschen, der dafür empfänglich ist, eine Wahrheit zu. Der Mensch braucht nicht mehr zu wissen, als dass ein betreffender Gedanke plötzlich aufgetreten ist: Der Seher sieht hinter die Kulissen der kosmischen Bühne und ihm ist klar, dass ein in der Gedankensphäre schwebendes Wesen den Menschen umschwebt. - Ein reich bevölkertes Gebiet betritt derjenige, der in der Gedankenwelt sehend wird, ein Gebiet, gegen das alle physische Erfahrung zunächst arm ist. Allerdings gewinnt sie für den Schauenden einen neuen Reichtum. Denn, was er in der höheren Sphäre erfährt, webt sich in die physische hinein und erhebt, verschönt und veredelt ihr Dasein unendlich. - Und der Umgang mit den Gedankenwesen bringt auch über die physische und Begierdenwelt manches zur Offenbarung, was innerhalb dieser selbst verborgen bleiben muss. Wer bloß physischen Umgang kennt, wird natürlich [das], von welchem hier gesprochen wird, für eine Einbildung halten: Und er hat, von seinem Gesichtspunkt aus, recht. Unrecht hat er nur, dass er diesen seinen Standpunkt für den endgültig richtigen hält und keine Anstalten macht, einen höheren zu erreichen. Er wird dann auch den Umgang mit den Gedankenwesen für etwas höchst Überflüssiges halten und das Reden über diesen Umgang für etwas schädliches, das die Menschen nur von der Verfolgung ihrer wirklichen, praktischen Ziele abbringt. —

Sowie das ursprüngliche Ei des Menschen seinen Charakter aus dem Born des Gedanklichen hat, so bringt es auch die Ergebnisse der drei unteren Reiche als deren Bleibendes in das Gedankenreich hinauf. Insofern ist alles, was durch den Menschen im Gedankenreiche geschieht, Ursache für Wirkungen; und der Mensch hat sozusagen die Früchte seiner Tätigkeit in den drei Reichen dem Gedankenreiche, seiner Heimat, eingegraben. Nur das kann in Wahrheit Ergebnis menschlicher Entwicklung sein, was dem individuellen Eikörper als die Frucht seiner Pilgerfahrt durch physische, Lebens- und Begierdensphäre verbleibt. Dieser Eikörper ist das Bleibende im Wechsel der Erscheinungen, die an dem Menschen vorübergehen: Aber er ist zugleich der Bewahrer der bleibenden Ergebnisse: der Träger aller Früchte. Aber nur dasjenige, was wirklich einen bleibenden Charakter annehmen kann, wird diesem Körper eingeprägt. Was nur vorübergehenden Wert hat zerstiebt als Welle im physischen, oder Begierdenreiche, ohne eine Spur im Bleibenden zu hinterlassen. - Man sche sich z.B. die Entwicklung eines Menschen auf ziemlich untergeordneter Stufe an. Ein solcher folgt seinen Begierden und Leidenschaften gemäß den Stärken und Eigenschaften, die sie haben. Erst im Laufe längerer Zeiträume entstehen auf Grund dieser Begierden und Leidenschaften Gedanken, die wert sind, aufbewahrt zu werden. So bildet sich langsam der Gedankenkern innerhalb der verschiedenen Hüllen aus. Wenn nun der Mensch am Ende eines Lebens angekommen ist, so wird er in der folgenden Lage sein. Der physische Körper ist nicht fähig, den Zusammenhalt der Teile durch seine Kräfte weiter zu erhalten. Er verfällt. Das heißt nichts anderes als: Er tritt aus der Strömung, in die er durch den Menschen aufgenommen war, und geht in das allgemeine physische Reich über. Ebenso vorübergehend sind der Lebens- und der Begierdenteil. Auch sie müssen den Übergang in die Sphären finden, denen sie angehören. Zuletzt aber hält sich ein Bleibendes des Menschen aufrecht: die in seinem ursprünglichen individuellen Eikörper eingegrabenen Erfahrungen, Früchte, Ergebnisse aus den drei Reichen während des Lebens. Der Zusammenhalt dieser Ergebnisse kann nicht mehr zerstört werden. Er ist ein Glied in dem Gedankenreiche des Kosmos, dem der Mensch angehört hat. - Soll nun seine Aufgabe erschöpft sein und er nunmehr sein ganzes fortdauerndes Dasein in diesem Gedankenreiche haben? Das könnte man glauben, wenn nicht die Betrachtung des Kosmos diese weitere Aufgabe sofort ergäbe. Man sieht innerhalb dieses Kosmos den Dauerkörper weiter wandeln und immer wieder herabsteigen in die unteren Reiche. Die Ergebnisse eines früheren Lebens werden erhöht, bereichert, verstärkt in folgenden Leben. Es leben menschliche Persönlichkeiten mit den verschiedensten Entwicklungsgraden auf der Erde. Das könnte nicht der Fall sein, wenn sich in jeder Persönlichkeit ein gleichgeartetes ursprüngliches, individuelles Ei verkörperte. Aber ein solches müsste sich verkörpern, wenn das verkörperte unmittelbar aus dem reinen Reiche des Gedankens käme. Der Ur-Gedanken-Keim entlässt aus sich nicht verschieden vollkommene, sondern nur gleich vollkommene, d.h. unschuldsvolle Ur-Individuen. Alle Verschiedenheit rührt von der Verschiedenheit in den Erfahrungen während des Durchganges durch die drei Reiche her. Will man also nach den Gründen forschen, warum ein Mensch diese oder jene Anlage hat, so muss man diese Gründe nicht in den hehren Gefilden des Gedankenreiches, man muss sie im Leben innerhalb der unteren drei Reiche suchen. Eine Persönlichkeit wird von der andern verschieden, weil die sich in die niederen Reiche senkenden individuellen Körper verschiedenen Entwicklungsgraden angehören, d.h., weil sie verschiedene LebensErfahrungen schon mitbringen. Ein Leben ist somit nicht aus sich selbst erklärbar. Es wird nur begreiflich, wenn es als Wiederholung anderer zu ihm gehöriger Leben aufgefasst wird. - Dieses Gesetz der Wiederholung findet sich in der ganzen Natur. Und so wie es sich im Reiche des Menschen findet, ist es nur eine Wiederholung eines auch im Pflanzen- und Tierreich vorhandenen Gesetzes auf höherer Stufe.

Der Mensch schreitet dadurch auf seiner Entwicklungsbahn weiter, dass er sich immer mehr Ziel und Richtung seines Wesens selbst bestimmt. Auf den ersten Stufen führt die Natur den Menschen nach ihren Prinzipien. Je mehr sich das Element des Gedankens ausbildet, desto mehr wächst auch die Selbsttätigkeit des Menschen. Denn aus dem Gedankenreich ist seine ursprüngliche Wesenheit genommen. Je mehr sich diese in dem Gebiete bewegt, aus dem sie selbst stammt, desto freier und unverhüllter wird sie sie selbst. Nun schließt das Fortschreiten auf dieser Bahn zur Freiheit die Arbeit an gewissen Eigenschaften des Menschen in sich. Der Mensch, der die Stufe erreicht, wo er sein Gedankenelement immer mehr und mehr als Bleibendes ausbildet, hat gewisse Eigenschaften, die eine völlige Umgestaltung erfahren müssen, wenn er die Höherentwicklung wirklich erreichen soll. —

Die erste Eigenschaft, die auszubilden ist, ergibt sich aus dem Charakter der Höherentwicklung selbst. Diese ist ein fortwährendes Steigern des Lebens aus dem Wechselnden und Vergänglichen, zu dem Bleibenden und Dauernden. Das Erkenntnisvermögen muss dadurch in immer höherem Grade die Fähigkeit erlangen, das Dauernde im Wechsel zu erkennen, die Früchte aus dem Flüchtigen zu saugen, um sie weiterzutragen ins Reich des Geistes. - Es kann jeder Augenblick des Lebens und jedes beliebige Ding dazu verwendet werden, um diese Eigenschaft auszubilden. Denn an jedem Dinge ist genau zweierlei zu unterscheiden: etwas Flüchtiges und etwas Dauerndes; man braucht zwischen beiden nicht so zu unterscheiden, als ob es zwischen ihnen eine feste Grenze gäbe. Das ist nicht der Fall. Sie gehen vielmehr ohne solche feste Grenze ineinander über. Das Flüchtige ist mehr oder weniger flüchtig; das Dauernde mehr oder weniger dauernd. Man kann auch nicht von dem Dauernden gleich als von einem «Ewigen» sprechen. Ewig ist das Letzte, zu dem man gelangen kann; was unter diesem «Ewigen» steht, ist länger dauernd als manches Wechselnde in der Zeiten Strom. Aber zuletzt fällt [auch der Zeitenstrom unter] solch Dauerndes und lässt bloß seine Früchte als Glieder in ein noch höheres, noch dauernderes Reich eintreten. - Durch Ausbildung dieses Sinnes für das Dauernde wird des Menschen ganzer Charakter geändert. Und demzufolge sucht er überall das Wechselnde, Vorübergehende zu überwinden. Sein Streben nimmt die Richtung nach dem Gedanklichen. Was ihm vorher besonders lebensvoll und begehrenswert geschienen hat, wird ihm wertlos und was ihm vorher leer und abstrakt gedünkt hat, gewinnt inhaltvolles Leben. Hat er vorher den Gedanken nur haben wollen, um durch ihn ein äußeres Ding kennenzulernen, so wird ihm jetzt das äußere Ding nichts weiter sein als die Veranlassung zu diesem oder jenem Gedanken. Er sucht die Gedanken um ihrer selbst, und alles andere um der Gedanken willen. - Wer diese Vervollkommnung in seinem Erkenntnisvermögen erlangt, dem wird sich die Gefühlswelt als Folge ganz von selbst verändern. Er kann seine Empfindungen nicht mehr an das Vergängliche hängen, da sich ihm doch überall das Dauernde erschließt. Die Veränderung, die mit einem Menschen vorgeht, während sich diese zweite Charaktereigenschaft in ihm ausbildet, zeigt sich in einem Übergang seines ganzen Wesens von kleinen zu großen Linien. Er wird seinem Tun einen typischen Charakter, ein gewisses gesetzmäßiges Gepräge geben. Es werden sich dauernde Strömungen seines Willens durch die kleinen Verrichtungen des Tages durchziehen. — Immer mehr fällt von einem Menschen, der diese zwei Grundzüge, Unterscheidungsvermögen und Charaktertypus erhält, ab von den vorübergehenden Interessen, die andere gefangen halten. Etwas Bedeutsames, Gewichtiges und Fruchtbringendes erhält sein Denken und Handeln. Er wird selbst durch seinen Gedanken-Inhalt und durch die Motive seiner Handlungen ein bedeutsames Glied des Gedankenreiches. - So hebt sich der Mensch immer mehr und mehr zu einem Leben in Gedanken empor. Da angekommen, muss der Mensch, um sich weiterzuentwickeln, gewisse weitere Eigenschaften ausbilden. Das Reich der Gedanken trägt nicht den einseitigen, starren, unbeweglichen Grundzug, den das physische, den auch das Begierden-Reich hat. Alles ist im Gedankenreich allseitig. Ein Baum ist für sich eine Wesenheit allein. Ein Gedanke ist in diesem Sinne nicht für sich. Er hängt mit andern Gedanken zusammen und bildet zuletzt ein Glied der ganzen Gedankenwelt in der Art, dass man ihn erst vollständig versteht, wenn man die ganze Gedankenwelt versteht. Das Leben in Gedanken bedingt, dass man sich bewusst ist, dass ein Gedanke durch den anderen seine Beleuchtung erfahren muss. «Ich bin frei» ist ein Gedanke. Er gilt in einem gewissen Sinne vom Ich. Aber ebenso gilt auch der Satz «Ich bin unfrei». Nur, wenn man beide Sätze erfasst und durch einander beleuchtet, erhält man das Leben, das sie in der Gedankenwelt bestimmen. Es sollte [Manuskript bricht ab]

German original of Path of Knowledge · ← Previous · Next →