The Essence of Christianity
GA 68a — 17 April 1903, Weimar
Die Theosophischen Hauptlehren
I. Bericht in der «Weimarischen Zeitung» vom 19. April 1903
Zweiter Vortrag des Generalsekretärs der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft, Herrn Dr. Rudolf Steiner, Berlin, über: «Die theosophischen Hauptlehren». Noch zahlreicher als zum ersten Vortrag hatten sich gestern Abend im Saale der «Erholung» die aufmerksamen Hörer eingefunden, um den trefflichen, mit Überzeugung und Feuer vorgetragenen Ausführungen zu lauschen. Aus dem interessanten Thema sei in gedrängter Kürze Folgendes wiedergegeben:
Der Anfang der theosophischen Bewegung liegt, wie wir alle wissen und wie uns die ältesten Überlieferungen beweisen, in dem frühesten Zeitalter, was die theosophische Tätigkeit schon bei den Essäern und Pythagoräern zur Genüge bestätigt. In den sogenannten Mysterienschulen (Geheimschulen), die schon in dem 2., 3. und 4. Jahrhundert unserer Zeitrechnung bestanden, wurden damals die Geheimnisse des menschlichen Daseins gelehrt. — Ein Beispiel, mit welchem Interesse man schon früher die Erforschung und den Ausbau der Gottesweisheit betrieb, gibt Redner, indem er den Vorgang erzählt, wie einst ein indischer Gelehrter, der seinen theosophischen Vortrag nach dem Standpunkt der damaligen Naturerkenntnis hielt, von einem Zuhörer befragt wurde, was übrig bleibe, wenn sich einst alle ätherischen, physischen Bestandteile des Menschen aufgelöst hätten. Auch dieser Redner legte dem Fragenden nahe, dass die Öffentlichkeit nicht der Ort sei, diese Frage zu beantworten, und zog ihn deshalb mit in die Einsamkeit, um ihn in die Geheimnisse seines eigenen Seelenlebens einzuführen und ihm das Vorhandensein des göttlichen Wesens in seinem Ich zu erklären. In der Erklärung der Wiederverkörperung und Karma greift die feste Überzeugung Platz, dass allem in der Welt Bestehenden das Karma, die Tätigkeit zugrunde liegt, wie selbst Goethe einst trefflich gesprochen: Funktion ist das Dasein in Tätigkeit gedacht. Sowohl unsere hochvollkommenen ebenso wie die noch unvollkommenen Organe der Tiere sind von Anfang nie das gewesen, was sie jetzt sind. Es gibt noch heute Lebewesen, denen zum Beispiel die Augen zum Sehen in dem Maße und Sinne, wie wir dies zu wissen gewöhnt sind, ganz fehlen, und [die] nur durch die primitivsten Hautöffnungen, die mit den Sehnerven verbunden sind, den allergeringsten Einblick in die sie umgebende Außenwelt haben. Und doch wird auch für diese unvollkommenen Geschöpfe die Zeit kommen, in der ihre Sehwerkzeuge sich in dem Maße entwickelt haben wie bei anderen, vollkommenen Tieren. Die Notwendigkeit und das Bedürfnis, weitere Lichteinblicke erhalten zu müssen, wird durch die fortwährende Wechselwirkung, durch die unaufhörliche Tätigkeit auch die Sehorgane dieser unentwickelten Tiere denen anderer Tiere gleichmachen, wenn die Seele der Tiere sich durch ungezählte Generationen hindurchgelebt und vervollkommnet hat. Ein weiterer Beweis der immerwährenden Tätigkeit und Entwicklung ist ferner, dass es zum Beispiel in Amerika eine Art Fische, die Molchfische, gibt, in welchen sich in der Zeit ihres Vorhandenseins in dem Körper neben den Kiemenatmungsorganen noch gewissermaßen eine Lunge gebildet hat, die ihnen das Leben, welches sie ursprünglich nur im Wasser verbrachten, später durch Wassermangel in die unabweisbare Notwendigkeit versetzt, für kürzere, später auf längere Zeit außerhalb des Wassers gestattete. Die Tätigkeit der Organe kam ihnen zu Hilfe und heute können diese Fische einen Teil des wasserlosen Sommers auf dem Lande zubringen, während sie, sobald Wasser vorhanden, nur in diesem leben. — Und wie der Naturforscher dieses Entstehen früher nicht den Körpern innewohnender Kräfte beobachtet und erforscht hat, so ist auch der uns innewohnende Geist durch die nie ruhende seelische Tätigkeit in unserem eigenen Ich entstanden. Und wenn es heute noch so geistig unvollkommene Menschen, wie einige wilde Völker, gibt, die selbst heute noch ihre Mitmenschen verzehren, so ist eben ihre Seelentätigkeit eine langsame gewesen, die den Geist nicht in dem Maße entwickelt hat, dass sie sich ihrer Handlungsweise bewusst wären. Und das Vorhandensein der Seele selbst in den Pflanzen hat auch Goethe im Gespräch mit Schiller anerkannt und erörtert, wobei er gestand, dass auch die vollkommenste entwickelte Pflanze aus der Urpflanze hervorgegangen sei und ihm an jeder Blume und Pflanze beim Betrachten die Seele derselben gleichsam vorschimmere. — Aber das Bedeutendste, das Erhabenste, der unermessliche Unterschied in dem Seelenleben der Körper ist die Individualität des Menschen. Jeder, selbst der unvollkommenste und unbedeutendste Mensch hat seine Biografie, welche einem anderen Lebewesen, sei es noch so vollkommen, fehlt. Und in dieser Individualität finden wir das Wesen der Reinkarnation, der Wiederverkörperung, zu deren Erklärung wir hinzufügen: Dasjenige, was du heute denkst, wirst du in späterer Zeit sein; was wir heute mit dem Verstand erfassen, sah zuerst ein früheres Leben, auf welches wir zurückblicken. Und da auch zu der geistigen Wirkung eine Ursache gehört, so sehen wir als Ursache der geistigen Wirkung in uns die früheren Leben. Die stetige Vervollkommnung unserer Seelenweisheit, der Erforschung der Menschenseele, wird uns Aufschluss geben über die verwunderten Fragen [des Belgiers Maeterlinck]: Wie sollen wir unseren ungeheuren Bedürfnissen zur Genüge Gerechtigkeit tun. — Innerhalb unseres Ichs liegen die geistigen Kräfte; in unserem Kausalkörper finden wir die Ursache der Individualität, die ewige Tätigkeit, welche Ursache und Wirkung erzeugt. Mit dem Grundsatz: Die Seele war vorhanden, sie ist vorhanden und wird vorhanden bleiben, kennzeichnen wir das ewige Bestehen des Lebens. Und in diesem Sinne müssen wir den seinerzeitigen Ausführungen des Gelehrten Fichte beistimmen, der seinen Jenenser Studenten erklärte: Brich über mich zusammen, Welt, stürzt auf mich herab, Felsen, verschlinge mich, Erde und Meer, ich stehe furchtlos und unerschrocken, denn ich fühle die göttliche unsterbliche Kraft in meinem Ich, in meiner Seele, die mich allen Schrecken der physischen Vergänglichkeit überhebt.
Ungeteilter Beifall des lautlos spannenden Auditoriums lohnte den Redner, der zum Schluss noch bekannt gab, dass in dem letzten am Montag stattfindenden Vortrag von den Erschienenen irgendwelche bezügliche Fragen gestellt werden könnten, die Redner nach jeder Richtung hin zu beantworten gedenke, sodass sich ein Teil des Abends in dem Rahmen einer Diskussion bewegen dürfte.
II. Bericht in «Deutschland», Zweites Blatt, vom 19. April 1903
Am Freitagabend hielt Herr Dr. Steiner im Erholungssaale seinen zweiten Vortrag über Theosophie vor wiederum recht zahlreicher Zuhörerschaft. Es handelte sich diesmal um die theosophischen Hauptlehren (Wiederverkörperung und Karma). Redner begann seinen Vortrag mit einer Erzählung von dem indischen Weisen Jaina Walkia, der von der Lehre der Wiederverkörperung fest durchdrungen war und diese bereits anderen mitteilte. Der Mensch sei ein organisches Wesen mit ausgebildeten Gliedern und Organen, welch Letztere [sich] aber nicht mit einem Male so dargestellt hätten, wie wir sie heute sehen, sondern die in langer Entwicklungszeit, durch ihre eigene Tätigkeit, diese Vollkommenheit erreicht hätten. Alle diese Tätigkeit lasse sich in dem Worte Karma zusammenfassen. So wie sich aus unvollkommenen Tieren im Laufe der Jahrhunderte ganz andere Wesen entwickelt hätten, je ihren Lebensbedürfnissen angepasst, so hätte sich auch das Seelenleben des Menschen in fortwährender Tätigkeit und Entwicklung befunden. Es sei unbedingt richtig, wenn man annehme, dass der Menschengeist stets eine Wiederverkörperung erfahre und nach dem Absterben der organischen Gliedmaßen ruhig verharre, bis sich wiederum ein Wesen für ihn finde. So habe jeder einzelne Menschengeist schon unendliche Male gelebt und sich immer mehr entwickelt und vervollkommnet. Der Geist Goethes und Mozarts ist zum Beispiel schon in den Knaben jugendlichen Alters vorhanden gewesen, er werde auch wiederkehren, denn es sei undenkbar, dass nach dem Tode der organischen Körper diese hochentwickelten Individualitäten nicht weiterleben sollten; es sei auch nicht anzunehmen, dass zum Beispiel Goethes Geist aus nichts hervorgegangen sei. An eine andere Vererbung von Generation zu Generation dürfe man auch nicht glauben, denn oftmals seien Geschwister in ihrer Individualität grundverschieden und sogar Zwillingsbrüder, die doch unter demselben organischen Einfluss gestanden hätten, wären mit den abweichendsten Charaktereigenschaften versehen. Der Geist oder die Individualität im Menschen sei aus der Urseele hervorgegangen und in dem Wort «von Gott zu Gott» liege der Inhalt der ganzen Weisheit. Ursprung und Zweck alles Daseins sei der Kern, der aller religiösen Erkenntnis zugrunde liege. Alles, was da sei, sei aus der Urkraft hervorgegangen und trage das göttliche Wesen in sich; aus dieser Anschauung ergebe sich die individuelle Fortdauer der Seele, die man heute die Unsterblichkeit nenne. Alles, was von der Urkraft ausgehe und zu dieser wieder zurückkehrt, müsse seine Fortdauer haben, bis der Rundlauf beendet sei. Das Streben aller Entwicklung sei natürlich die Vervollkommnung und die Vollendung während des Laufes zurück zur Urkraft. Das hochentwickelte Tier habe gleichfalls eine gewisse Erkenntnis, ebenso der ganz unentwickelte Mensch, nur fehle den Tieren das individuelle Wesen, das Empfinden des persönlichen «Ich»; dieses sei dem Menschen in hohem Maße eigen. Von einer Tiergattung könne man immer im Ganzen sprechen, während der Begriff Mensch doch stets nur das eine Individuum betreffe, da ein zweiter Mensch anders individuell veranlagt sei. Wir könnten uns durch unsere vergänglichen Organe wohl eine Wahrnehmung bilden, die Erkenntnis jedoch steige aus dem Quell des Geistes hervor. Nicht der Stoff erzeuge den Geist, sondern der Geist gehe aus dem Urgeiste — Gott — hervor, um dereinst wieder zu ihm zurückzukehren. In jedem Menschen sei der individuelle Geist enthalten, und wenn der organische Leib sterbe, so lasse er den weiterentwickelten Geist zurück, gleich wie die Pflanze verwest und das lebensfähige Samenkorn zurücklässt zu neuer Entwicklung. Die theosophische Bewegung wolle das bewusste Empfinden des göttlichen Wesens in jedem Einzelnen wecken, sie gestatte dann die bewusste Erkenntnis und das vernünftige Erfassen des individuellen Entwicklungsganges, die sich daraus ergebende innerliche, geistige Anschauung. Hieraus entstehe sodann das Streben nach vollendeter Entwicklung des Geistes. Karma aber bedeute eben die tätige Entwicklung des individuellen Seelenlebens bis zur Vollendung. Hieraus entstehe der Beweis, dass die Seele nicht vergehen könne, sondern schon lange vor uns und noch lange nach uns ihren Entwicklungsgang gehe und vollende. - Redner erinnerte zum Schluss seines lebendigen Vortrages an ein Wort des Jenenser Philosophen Fichte, der ausrief: «Ihr Berge stürzt über mich, ihr Wasser verschlingt mich, ich fürchte mich nicht, denn ich weiß, dass mein Geist fortlebt und nicht verloren geht!» Herr Dr. Steiner teilte noch mit, dass er am nächsten Montag, nach dem Vortrage, gern bereit sei, etwa erwünschte Antworten auf an ihn gerichtete Fragen zu geben und eventuelle Unklarheiten richtigzustellen.