The Essence of Christianity

GA 68a — 20 April 1903, Weimar

Die Theosophie Und Der Wissenschaftliche Geist Der Gegenwart

I. Bericht in der «Weimarischen Zeitung» vom 22. April 1903

Dritter Vortrag des Herrn Dr. Rudolf Steiner — Berlin über «Die Theosophie und der wissenschaftliche Geist der Gegenwart». Im Anschluss an die beiden bereits gehaltenen Vorträge unternahm es der Vortragende, den wiederum zahlreich erschienenen Zuhörern ein vergleichendes und übereinstimmendes Bild zwischen Theosophie und Naturwissenschaft zu entwerfen und sei aus diesem Thema Folgendes wiedergegeben:

In meinen vorhergehenden Vorträgen schon habe ich zu zeigen versucht, dass das große uns umgebende Geheimnis der göttlichen Lehre weiter nichts ist als die Gesetzmäßigkeit, die logische Konsequenz aller Forschungen, die zur Ergründung des Rätsels unternommen wurden und noch unternommen werden. Die Forschungen in der Naturwissenschaft werden in absehbarer Zeit auf dem Punkte angekommen sein, an dem die Theosophie ihren Anfang nimmt, und derselben so eine Zukunft sichern, wie sie von den Vertretern derselben angestrebt wird. Die Sehnsucht nach Aufklärung der höchsten Rätsel auf der einen Seite und die Mutlosigkeit, die Zweifel gegenüber den höchsten Fragen auf der anderen Seite sind es eben, die einander noch unbesiegt gegenüberstehen. Der Kampf aber wird es selbst den hervorragenden Geistern der Gegenwart zur Notwendigkeit machen, auf die Punkte hinzutreiben, die die Theosophie als ihre Grundfragen betrachtet. Nicht nur ein Gelehrter zeigt in seinem Buche über Menschen-Entstehen an der Hand von Forschungen, wie die Entstehung des physischen Menschen vor sich gegangen ist, wie sich aus dem Kohlen-, Sauer-, Wasser- und Stickstoff die ersten unvollkommenen Lebewesen gebildet haben. Er zeigt in der 10. Stufe, wie sich aus genannten Urstoffen die Urfischchen gebildet haben, welche wohl Anlage oder Andeutung des Rückgrates, aber kein vollständiges Nervensystem besaßen. Er zeigt weiter, wie sich bei diesen Urtieren das Gehirn, das Gebiß und die Gliedmaßen entwickelt haben, wenn auch erst in unvollkommenem und unförmlichem Maße. In den weiteren Stufen finden wir, wie sich diese Urtiere, sonst nur im Wasser lebend, an das Landleben gewöhnen und sich die hierzu erforderlichen Gliedmaßen bilden. Die Tiere werden vollkommener und kommen nach langer Verwandlung als Känguru und später als Affe, das dem Menschen physisch ähnlichste Tier, in die Welt und im 21. Glied der Entwicklung sehen wir den Menschenaffen, aus dem sich als 22. Glied der Mensch selbst bildet. Aber in der Kette der Nachforschungen vergisst man als 23. Glied die Seele, die geistige Kraft des Menschen, anzureihen, denn in der Biografie, in der Individualität unseres Ichs liegt das, was uns über alle anderen Lebewesen erhebt. Mit dem 22. Glied hört wohl die Gattung auf, aber nun beginnt unser Seelenleben, dessen Werden wir genau wieder so wie die physische Entwicklung betrachten können, wenn wir von Stufe zu Stufe gehen. Der Gang der Wissenschaft zeigt in den Sechzigerjahren (Haeckel), dass die Naturwissenschaft des Abendlandes nichts weiter ist als elementare Theosophie, und wir dürfen annehmen, dass diese elementare Theosophie mit der Zeit sich in eine höhere entwickelt. Wenn die größten Naturforscher die Konsequenzen zu ziehen suchen, so finden sie in denselben die Theosophie.

[Huxley], der bedeutendste Anatom, der sich um die Lehre des Darwinismus die größten Verdienste erworben, sagt in seiner letzten großen Kundgebung, dass es in den Entwicklungsgraden bis zum kompliziertesten menschlichen Gehirn nicht nur mit der Natur sein Bewenden haben könne, sondern dass man zu höherer Intelligenz aufsteigen müsse, welche erhaben steht über das vollkommenste Lebewesen. 1866 wies Haeckel radikal auf das biogenetische Gesetz hin, in dem es heißt, dass jede tierische Art während der Keimentwicklung noch einmal die ganze Neuentwicklung durchmacht. Und wie das Tier durch seine immerwährende Entwicklung die besitzenden Eigenschaften erwarb, bekam auch der Mensch die Organe, die ihn jetzt zieren, aus dem, was seine Vorfahren erworben haben und was er sich selbst erwarb. Das ist das Gesetz des Karma auf physischem Gebiete. Nur dadurch sind die vollkommenen Lebewesen entstanden, weil sie ein unbewusstes Gedächtnis haben, das sie mit ihren Vorfahren verbindet. Und in dem Sinne Ostwalds: Materie gibt es nicht, bewegt sich auch 1895 die Lübecker Naturforscherversammlung. Materie ist eben die immerwährende Tätigkeit. Aus der Physik und Chemie kommen wir in die geistige Welt und der Naturforscher ist gezwungen, um weiter forschen zu können, eine Anleihe aus dem geistigen Gebiete zu machen. Dieses geistige Wesen unseres Ichs kennzeichnet auch Goethe in seinem bekannten Ausspruch: Wenn ich im ganzen Leben rastlos tätig gewesen und zur vollen Tätigkeit entwickelt bin, so kann mich die Naturmacht einst unmöglich in die niederträchtigen Elemente auflösen, sondern sie muss für die weitere Tätigkeit einen neuen Platz aussuchen. Bunge lehrt, dass die Grundlage alles theosophischen Wissens in der Selbstbeobachtung zu suchen sei: Wollt ihr die Tätigkeit erkennen, dürft ihr nicht nur die Außenwelt betrachten. Dass unser lebendiges Seelenleben sich nicht aus Totem entwickelt haben kann, lehren auch [Darwin] und Preyer, die es überhaupt für unmöglich halten, dass sich aus Leblosem etwas Lebendiges entwickeln kann. - Und die göttliche Einheit erkennen, dankend, weisheitsvoll; bekennen, «dass Gott nicht das Geringste machen kann ohne mich», heißt, die erste Stufe erreichen in dem Glauben, dass wir einzelne Menschen Glieder am Leib Gottes sind.

Nach kurzer Pause in seinen Ausführungen erledigte der Vortragende einige schriftlich niedergelegte Anfragen, gleichfalls wurde er einer persönlichen Anfrage gerecht. Allgemeiner Beifall lohnte seine Ausführungen.

II. Bericht in «Deutschland», Erstes Blatt, vom 23. April 1903

Der dritte und letzte Vortrag des Herrn Dr. Steiner, Berlin, gehalten am Montag, abends 8 Uhr, handelte von der Theosophie und dem wissenschaftlichen Geist der Gegenwart. Redner begann mit einem kurzen Hinweis auf die beiden von ihm zuerst gehaltenen Vorträge und erklärte, dass der Grundzug der theosophischen Lehre vor allen Dingen die Selbsterkenntnis sei. Heute sei zu ergründen, inwiefern der Geist der Wissenschaft der Gegenwart sich eigne, die Lehre von der Theosophie aufzunehmen. Wenn die führenden Geister der Wissenschaft unserer Zeit erst einmal die theosophische Erkenntnis zu der ihrigen gemacht hätten, dann könne man überzeugt sein, dass die Theosophie eine Zukunft habe, ja, sich die Welt erobern werde. Wir hätten es hier mit einem Janusgesicht zu tun, einmal ein Sehnen der Geister nach einer herrlichen, neuen Weltanschauung, auf der anderen Seite eine Mutlosigkeit und Verzagtheit, in die tiefen Weisheiten des Karma einzudringen. Der Geist der Gegenwart sei es, in den man zuerst hineindringen müsse, um die Stellung der modernen Wissenschaft zur theosophischen Lehre zu kennzeichnen. Ein großer Teil der modernen Wissenschaft dränge geradezu nach der theosophischen Wissenschaft hin. Redner wies auf den bedeutungsvollen Vortrag des Leipziger Chemikers Ostwald hin, der auf dem Naturforscher-Kongress in Lübeck gehalten wurde. Herr Dr. Steiner erklärte, dass dieser Vortrag noch vor etwa 10 Jahren unmöglich gewesen wäre, denn Ostwald vertrat den Standpunkt, dass es überhaupt keine Materie, sondern nur Tätigkeiten gäbe. An drastischen Beispielen legte Ostwald dar, wie er diesen, seinen Standpunkt begründete. Ostwald sagte zum Beispiel: «Wenn man mit einem Stocke geschlagen wird, so ist es nicht die Materie, die uns schlägt, sondern es ist die Tätigkeit, die den Stock bewegt und den Schlag ausführt.» Hier sei genau wieder das Gesetz von dem Karma betont und der Menschengeist sei eben auch im Laufe einer langen Entwicklungsperiode von dieser Tätigkeit gebildet. Genau die Entwicklungsgänge, die der physische Körper des Menschen im Laufe einer langen Periode durchgemacht habe, genau dieselben Weiterentwicklungen mache der Menschengeist durch. Es sei ein vollkommener Werdegang, der von Persönlichkeit zu Persönlichkeit sich vollziehe. Es müsse immer wieder betont werden, dass die geistige Entwicklung genau der physischen Entwicklung entspräche. Ernst Haeckel sei in den Sechzigerjahren zuerst mit dieser Wissenschaft in ziemlich radikaler Weise zutage getreten. Es stehe fest, dass auch die Theosophie sich erst auf eine höhere Stufe entwickeln müsste, und wenn nicht alle Zeichen trügten, so würde dieser Umstand bald eintreten. Die Naturwissenschaft sei doch bekanntermaßen in einem fortgesetzten Wandel begriffen, und schon heute sei eine Menge theosophisches Denken bei den Naturforschern zu finden. Gerade Ernst Haeckel sei einer derjenigen führenden Geister, die mit Macht zur theosophischen Bewegung hindrängen, wenn er dies auch vielleicht selbst nicht zugeben wolle. Auch andere führende Geister geben den Umstand zu, der sich wie ein roter Faden durch alle Lebewesen hindurchzieht, und den wir den Kausalkörper nennen. Ein anderer Forscher sagt wiederum: «Alle meine Organe habe ich erworben im Laufe der langen Entwicklung immer von meinen Vorfahren. Heute erinnern sich meine physischen Organe an alles, was im Laufe dieser Zeit erworben wurde.» Dies, so fuhr Herr Dr. Steiner fort, sage kein Theosoph, sondern ein radikaler Naturforscher. So wie die Naturforscher bemüht seien, die Menschheit immer wieder mit neuen wissenschaftlichen Problemen zu überraschen, für die ebensowenig ein klarer Beweis vorhanden sei, so wenig könne man verhindern, dass von anderer Seite in die geistige Welt der Menschheit eingedrungen werde. Gerade so wie Ostwald den Grundsatz aufgestellt habe, «keine Materie, sondern Tätigkeit», so könne hieran anschließend behauptet werden, dass nur der Materialismus annehmen könne, der Geist liege im Stoff begraben. Hier liege die Stufe, von der aus auch Goethe zu seiner geistigen Weltanschauung gekommen ist. Goethe sprach seine Anschauung über die Bestimmung des Menschengeistes in folgendem Satze aus: «Wenn ich in meinem ganzen Leben rastlos tätig gewesen bin, so hat die Natur die Verpflichtung, mich nicht in die niederträchtigen Elemente aufzulösen, sondern mir einen neuen Schauplatz meiner Tätigkeit anzuweisen!» Auch der Forscher Bunge führe an einer Anzahl von Beispielen aus, dass nur Tätigkeit die Weiterausbildung der Menschenseele veranlasst habe. Für alle jedoch, die das menschliche Leben verstehen wollten, gehöre unter allen Umständen eine tiefe Selbstbeobachtung [dazu]. Aus dieser heraus erstehe die Erkenntnis, dass alles, was um uns im Weltenall vorgehe, Tätigkeit (Karma) sei und nichts Materie. Die eigentliche Tätigkeit sei selbstverständlich auch nicht zu sehen, wohl aber das Ergebnis derselben. So sei man am Hauptlehrsatz der Theosophie angelangt, dieser fasse sich in dem einen Wort zusammen: Selbstbeobachtung. Dass wir einen Kausalkörper haben, der sich immer weiter fortpflanzt, das hätten wir erkundet. Aber nicht ein einzelnes Sonderwesen im Weltenall stellten wir dar, sondern ein Glied im ganzen Kosmos. Die drei Glieder der menschlichen Individualität nennt die morgenländische Weisheit Manas, Budhi und Atma und fasst in diese drei Worte die Stufen des Intellekts zusammen. Noch ein Gelehrter der heutigen Zeit spreche von dem, was die Theosophie Reinkarnation nenne, nämlich Professor Baumann, Göttingen, man könne also im großen Ganzen sehen, dass die moderne Wissenschaft überall in die theosophischen Hauptlehren einmünde. Es müsse jedoch, um für jeden denkenden Menschen diese hohe Wissenschaft klar zutage treten zu lassen, eine fortgesetzte Selbsterkenntnis im Menschen arbeiten, der Geist müsse selbst fühlen und bemerken, dass die Individualität in der theosophischen Lehre ihre richtige Beurteilung erfahre. Wenn man diesen Grundsatz von der Selbsterkenntnis aufstelle, so komme wiederum ein Wort Goethes zu Hilfe: «Wär’ nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt’ es nicht erblicken; läg’ nicht in uns des Gottes eigne Kraft, wie könnt’ uns Göttliches entzücken?» Eben diese Wahrheit der Kultur des Abendlandes einzuflößen, das sei die Aufgabe der Theosophischen Gesellschaft. Auch in Deutschland werde dieselbe in Zukunft eine rege Tätigkeit entfalten und speziell hier in Weimar sei eine «Theosophische Gesellschaft» gegründet, in der jeder, der auch nur einen Funken der theosophischen Weisheit in sich aufgenommen habe, fortgesetzt an seiner Weiterentwicklung im geistigen Sinne arbeiten könne. Zum Schluss wies Herr Dr. Steiner darauf hin, dass er gern bereit sei, etwa an ihn gestellte Fragen zu beantworten, einige Fragen seien auch bereits eingegangen. Eine Anfrage, die in der «Weimarer Zeitung» gestanden hatte, lautet folgendermaßen: «Kann der Geist Goethes nicht auch einmal zur Abwechslung in ein weibliches Individuum fahren?» Herr Dr. Steiner, der diese Frage als sehr spaßhaft und naiv bezeichnete, erklärte, dass dies gerade so gut der Fall sein könne, man könne natürlich nicht behaupten, in welcher Zeit Goethes Geist in einem anderen Körper Platz ergreife. Immerhin könnte diese Zeit etwa 38 Generationen zurückliegen. Eine weitere Frage, die sich damit beschäftigte, ob eine Seelengemeinschaft nicht auch bestehen könne zwischen einem hoch entwickelten Tiere, etwa einem Hunde, und dem Menschen; ein edler Hund habe doch Verstand, Treue, Schamgefühl, sogar Phantasie, alle diese Eigenschaften könne man bei «niederen Menschenrassen» nicht bemerken, wie ja in den vorigen Vorträgen Herr Dr. Steiner selbst bemerkt habe. Hierzu erklärte Herr Dr. Steiner, dass doch ein großer Unterschied zwischen den Fähigkeiten der Hundeseele und der Menschenseele bestünde. Bei dem Tiere gäbe es eben keine Biografie des Individuums, sondern nur einen Begriff der Rasse. Vor allem aber fehle den Tieren die Fähigkeit zu zählen, die jeder Mensch besitze, hierin liege aber wohl der bedeutendste Unterschied zwischen Menschen- und Tierseele. - Eine andere Frage, ob die Theosophie eine Wissenschaft oder eine Religion sei, wurde von dem Herrn Vortragenden dahin beantwortet, dass in der Theosophie Wissenschaft, Religion, Philosophie und Ethik zu einem Ganzen vereinigt seien. Ein auf diese Antwort erfolgter Einspruch, man dürfe Religion und Wissenschaft nicht durcheinanderwerfen, sonst verliere man den realen Boden unter den Füßen, wurde von Herrn Dr. Steiner damit zurückgewiesen, als er erklärte, dass sich über diese veraltete Ansicht der Theosoph allerdings hinwegsetzen müsse, wie ja bereits in den vorhergehenden Vorträgen ausgeführt worden sei. Mit Begeisterung und packender Rhetorik vertrat der Redner zum Schluss nochmals seine theosophischen Lehren, darauf hinweisend, dass der erste Punkt der theosophischen Grundsätze darin fuße, den Kern zu einer brüderlichen Geistesgemeinschaft zu bilden, die sich über die ganze Menschheit, ohne Unterschied der Rasse, der Religion, der Gesellschaftsklasse, der Nationalität und des Geschlechts erstrecke. — Reicher Beifall wurde zum Schluss der Ausführungen gespendet.

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