The Essence of Christianity

GA 68a — 26 July 1904, Berlin

Das Verhältnis der Germanischen Völker zum Christentum

In den Kursen [wurde] ein weiter Weg geschichtlicher Entwicklung durchgemacht. Darzustellen versucht [habe ich] den Entwicklungsgang der Menschheit von einer historischen Erscheinung, die wir verfolgen bis zu dem Punkt, den man Mittelalter nennt; Reihen von Völkerschaften mit staatlichen Einrichtungen sind vorübergegangen, und wir werden aufgreifen, wo die Dinge in ganz andern Verhältnissen liegen.

[Der] Übergang vom Römischen Reich zum Mittelalter gehört zum bedeutsamsten Übergang in der Welt. Daher [wollen wir] noch einmal die Gipfel der Entwicklung vorbeiziehen lassen. Besprochen haben wir die großartige indische Kultur, als geschichtlich hoch nachzuweisen durch Schrifttum, Dokumente, vor denen Europäer staunend stehen. — Wenn wir uns klar geworden, dass es ein Volk der Betrachtung, des tief innern Lebens ist, so sind uns bei andern Völkern andere interessante Punkte aufgeschlossen. In Ägypten [sehen wir] ein Reich von anderem Charakter und vor dessen Kultur man auch bewundernd steht, das in Bezug auf Mathematik, Technik Unglaubliches geleistet hat - Ingenieurkunst von großartiger Raffiniertheit und auf andern Grundlagen beruhend [sehen wir in den Bauten des] Moeris-See, die Ägyptens Wasser aufhielten, um zu gewissen Punkten das Land zu bewässern, fruchtbar zu machen. Heute muss alles bis ins Einzelne berechnet sein; damals beruhte sie auf Intuition, unmittelbarer Einsicht, erinnern wir an den Biberbau, der Dämme anlegt unter [dem] Winkel, den der Ingenieur als den besten anerkennen musste. Dieser Instinkt [war] heraufentwickelt bis zu dem, was man Intuition nennt. Menschliche Entwicklung heißt also nicht, dass [man] sich vom Primitiven herauf entwickelt hat, sondern wenn einiges von uns neu erreicht ist, so ist manches verloren, was früher höher war.

Gehen wir hinüber zu Babylonien, Assyrien. Vieles von dem, was auch dieses Volk kannte, ist trotz unserer Geometrie uns verloren gegangen. Wir dürfen nicht mehr uns halten an den Begriff der grade aufsteigenden Entwicklung. — Dann kamen wir zum persischen Volk mit seiner merkwürdigen Kultur; wenn wir uns erinnern, wie ein junger Perser erzogen wurde, werden wir das verschiedene Bild beurteilen, das die Welt haben konnte. Wahrheit sagen. Symptomatisch dadurch das Innerste seines Wesens von diesem Volk hervorgekehrt. Dass innerlich gefestigt ein Mensch sei, war für den Perser, wenn er einheitlich war mit seinem herausfließenden Worte. Was später Gesetz wurde: Ja, ja — Nein, nein (Mt 5,37), [das] war hier Erziehung.

Ein Gürtel beginnt in Persien, und sich ausbreitend über ganz Europa umfasst [er] die Völkerschaften, von denen die römisch-griechische Kultur abgelöst wurde. — Während sich Kunst, gewaltige Gedanken, in Griechenland entwickelten und auf der italienischen Insel [das], was wir den römischen Bürger nennen, da lebten verschiedene Völkerschaften im Norden von Europa. Da zeigt sich für Rom: das nordische Gespenst, der kymbrische Schrecken, in Italien kommt etwas herauf in der Menschheitsentwicklung, was früher nie gewesen ist: Unterschied zwischen [Römer und Grieche] — Bürgertum schlechtweg zu nennen, was die persönliche Tüchtigkeit auf ihren höchsten Gipfel bringt. [Eine] NeuGestaltung [ist] dies, die wir früher nicht gehabt haben. Wir haben nie Veranlassung, in Griechenland in die Familie hineinzuschauen — nur die Polis interessiert uns —, daher bildet sich spärlich aus, was wir heute Recht nennen, was im Wesentlichen gebaut ist auf den Familienzusammenhang. — Wie das im alten Rom in die einzelnsten Verhältnisse des Volkes hineinschaut, haben wir gesehen; lesen und schreiben konnte der Knabe oft nicht, aber die zwölf Tafelgesetze. Römischer Dogmatisierungssinn ist daraus hervorgegangen, das unmittelbar Lebendige, das den Römer verband mit seinen Rechtsprinzipien, ging verloren und wurde abstrakt. Ausgedehnt hatte sich diese römische Rechtsform über die ganze Welt, hatte aber sein Leben verloren. — Beamte, die Vorsteher waren von einzelnen Bezirken, Diözesen, waren der Schatten, die Hülle des ehemaligen Lebens und Caesar die abstrakte, verstandesmäßige Zusammenfassung dessen, was früher in römischen Herzen lebte. In diese Hülle, [in diesen] Balg sahen wir, wie sich hineingoss das christliche Leben, wie das weite römische Reich zuletzt nichts hatte von dem, was ursprünglich seine Größe ausgemacht hatte. — Alle Kulte, gr.[iechische], ph.[önizische], äg.[yptische], konnte man da erleben, und dieses ganze Chaos der Völkerschaften war zusammengehalten durch äußerlich aufgepfropfte römische Gesetze. Nur eines einte, war gleichmäßig verbreitet ... /Lücke] ein furchtbar unter dem Druck leidendes Proletariat, und dass sich auf dem Grunde das fand, was verbunden war nur durch das Band des gemeinsamen Druckes, der Leiden, machte, dass sich dieses Christentum mit ungeheurer Schnelligkeit ausbreitete. Denn es kümmert sich nicht um Unterschiede, sondern um die Einheit des Leides ... /Lücke] und darum goss sich in diesen Balg dieses lebendige Leben, das vom Osten kam.

Und deshalb benutzten die römischen Cäsaren dies um zu retten ... /Lücke] konnten aber nicht retten, weil dies Volk vor den Toren stand.

Sehen wir uns an diese Völker, die die Kraft — das lebendige Leben der Christen damals hatten.

In uralten Zeiten lebten ... /Lücke] Völker, von deren Kultur man sich heute kaum eine Vorstellung machen kann. Nur einzelne Reste sind erhalten, indem sie ihr Blut ergossen haben in spätere Bestandteile, zum Teil in solche wie [auf dem] Balkan. — Diesen alten Völkerschaften — ihre Kultur geht aus verschiedenen Funden hervor, trompetenartigen Instrumenten, die in merkwürdiger Weise Zusammenklang geben. Kunst der Metallbearbeitung und Verständnis für den Klang der Instrumente. Etwas steckte davon in den Völkern, auf denen die äußere Kultur des Römischen Reichs aufgebaut war; in alter etruskischer Kultur steckte etwas von dem — und dann in nördlichen Gegenden, in Donaugegenden seinen Sitz habend. Keltisches Volk — von diesem Mittelpunkt die ganzen Kulturverhältnisse Europas beherrscht, sie hatten hohe geistige Reife, Ilyrische und musikalische Veranlagung, Energie und Unternehmungssinn, — eigentlich bewegendes Element in der europäischen Kultur. — Kulturferment, das an den Gliedern haftet, aber nicht geschichtlich wurde. Er musste dabei sein, wenn er nicht da war, blieb es nicht, verbreitet sich über Spanien, Frankreich. Im Norden von Italien waren immer solche, in denen keltisches Blut floss. Was den Römer groß gemacht hatte, war sein Persönlichkeitsbewusstsein, sein auf Ackerbau gegründetes Rechtswesen — in andern nicht, und Dichter wie Man... stammen aus Norden, wie Horaz aus Süden, wo Griechen [waren] —- alles was groß ist, wenn nicht vom Recht, ist von außen ...

Vom Keltentum beeinflusste Kultur war das Land, das die Römer eroberten in Spanien, Gallien ... /Lücke] Kultur, die wieder schwand, weil er persönlich da sein musste, am Blut haftete es, dieses Volk der Kelten, das mächtig gewirkt hat ... /Lücke] ist nicht ausgestorben, wirkt aber nicht durch Tradition, sondern noch heute durch sein Blut. Denn nachweisbar ist es, dass überall da, wo wichtige Kultureinflüsse auftraten, sie von solchen herrührten, die Keltenblut in den Adern hatten, Shakespeare, nachweisbar Robespierre ... /Lücke]

Völkerferment, das immer aufrüttelnd und befreiend wird und eine wichtige Mission hatte in diesem Zeitpunkt.

Es schob sich in dies Land ein Volk ein, das schwere Geschicke durchgemacht haben muss — wir treffen es nicht ... /Lücke] mit solch einer geistigen Kultur, aber mit einer, die zeigt, dass dieses Volk Charakteranlagen entwickelt hatte, die es wesentlich unterscheidet von andern. Europa hat viele Vereisungen durchgemacht. Einst gab es dort heiße, tropische Zeiten, dann die großen Eiszeiten. Zweifellos haben die letzten großen Vereisungen die Vorläufer der Germanen durchgemacht und unter diesem Einflusse hat sich etwas herausgebildet, was verschieden ist im Schädelbau ... /Lücke]

Ein Naturvolk war es mehr als die andern europäischen Völker. Der Kelte war tätig und energisch, wo er persönlich einsetzte, Agitator im feinsten Stil und deshalb etwas entwachsen der Natur, — der Römer liebte, was ihn nährt, war verwachsen mit seinem Ackerbau. — Der alte Germane liebte die Natur, wo er sie fand, war ein Wanderer, der sich als solcher an der Natur freuen konnte. Er liebte die Natur, nicht ein gewisses angestammtes Gebiet — [war] zusammengewachsen mit der Natur und [hatte] deshalb [eine] Lebensgestaltung, die dem entspricht. Leben in Dorfgemeinden in Kommunismus, die ebenso wieder aufgebrochen werden können. Viehzucht und Jagd waren die Beschäftigungszweige der alten Germanen. Dieses Volk schob sich hinein in die Gegenden, die früher von den Kelten bewohnt waren, machten sich sesshaft in Gebieten bis nach Russland, es zerfiel in eine Unzahl von Stämmen. Freiheit war in gewisser Beziehung angeboren, war aber darauf angewiesen, es mit Waffen zu verteidigen. — Im Norden irgendwo, wird erzählt, war ein Eiland, wo jedes Jahr ein Fest gefeiert wurde, eine Göttin erschien, die vor allen herumgeführt [wurde]. - Die Verknüpfung mit der Natur zeigt sich so. Und wir sehen, wie Naturdienste überall errichtet werden. Man spricht viel von heiliger Eiche. Es war aber falsche Auslegung eines Wortes. Den mit der Natur im Bunde stehenden Germanen gaben aber Kelten ihre Religion. Druiden hießen Eichen. Der Priester wurde verehrt. Das zeigt, was für ein treibendes Element das Keltenvolk war. — Wenn die Römer ihre Herrschaft in Spanien ausdehnten, hatten sie es mit Mischbevölkerung [zu tun], die an Kelten ... /Lücke]. In der Mitte von Europa hatten sich die Germanen niedergelassen. Zuerst trafen die Römer sie in den Gegenden des heutigen Kärnten, Marius der Kymbern. - Dann in Frankreich, dann brachen sie in Italien ein, kymbrischer Schrecken. Zu ihnen gesellen sich Teutonen und seither beständige Zusammenstöße. Wir sehen, wie sie vom Cheruskerfürsten Armin zurückgeschlagen werden.

Römische Staatsform hatte sich mit dem Christentum erfüllt, aber das Römische Reich ist nicht imstande, als Volk das Christentum über die Welt zu verbreiten. In das, was sich hineingesogen hatte in die Hülle der römischen Kultur, musste etwas anderes einziehen, Volkskraft, die organisierend wirkte.

Die Aufgabe, wirklich in Europa einzuleben, was die Römer eingesogen hatten, war den nördlichen Völkerschaften gestellt und zunächst waren es wieder Kelten. So sehen wir die alten Kulturen jetzt abgelöst von ihrer eigenen Herrschaft. Die römische Staatsform bleibt nur in der Kirchenherrschaft, in dem Pontifikat. In diesen Staatskörper gießt sich hinein das moralisch-ethische Leben des Christentums, die Kraft der nordischen Völker — Rom gab die Form. Keltische Agitation brachte das Leben weiter. Aus England und Irland kamen die Boten. So treten neue Völkerschaften in alte hinein. Die Erbschaft von dem, was hervorgegangen ist aus den verschiedensten Strömungen ist noch enthalten, und wenn wir so verstehen, wie wir geworden sind, verstehen wir, wie wir hineinzuschauen haben in die Zukunft. Nur wenn wir verstehen, worin wir leben, können wir weiter bauen. So werden wir verstehen, wie wir zu den Anschauungen, zu den materiellen Gütern kommen, unter denen wir heute leben, die unsere Freuden und Leiden machen. Goethe hat gesagt, die Kraft ... /Lücke]

Es erben sich Gesetz’ und Rechte in ewiger Krankheit fort.

Wenn das betrachtet wird, was gleichsam als der Schatten ... [Lücke]

Was du ererbt von deinen Vätern hast, Erwirb es, um es zu besitzen.

Wandle um, und so soll uns die Geschichte Lehrer sein.

Unsere Betrachtungen der Gegenwart müssen wir durchdringen mit dem, was wir aus der Vergangenheit gelernt haben. So werden wir Herren unserer Geschichte und lernen aus der Geschichte, wie wir arbeiten sollen, an der Veredelung unseres Geschlechtes. Der Mensch ist dasjenige Wesen, das sich selbst seine Geschicke zimmern muss, deshalb muss er sie durchschauen.

Wenn wir unsere Ideale erworben haben, werden ...

[Lücke]

Nur der verdient sich Freiheit und das Leben, der täglich lernend sie erobern muss.

German original of The Relationship of the Germanic Peoples to Christianity · ← Previous · Next →