The Essence of Christianity
GA 68a — 23 January 1905, Hamburg
Über das Wesen des Christentums
Die Vertreter der theosophischen Weltanschauung haben einen harten Stand. Man macht dieser Weltanschauung den Vorwurf, dass sie Unmögliches behaupte, wenn sie sagt, dass sie den Anspruch erhebt, eine Vertiefung zu bringen für die Religion, die Wissenschaft, die Philosophie und die Ethik. Da liegt die Frage nahe: Vertieft denn die theosophische Weltanschauung auch das Verständnis, die Auffassung vom Christentum?
Es ist der theosophischen Weltanschauung ganzer, voller Ernst damit, den Wesenskern aller Religionen herauszufinden, den springenden Punkt, der jedem Herzen Nahrung gibt, in welchem die einheitliche Wahrheit aller Religionen vorhanden ist. Wie sollte es da möglich sein, dass die Religion, durch welche eine Umwälzung der ganzen Kulturströmung erfolgt ist — das Christentum —, verkleinert würde durch die Theosophie? Im Gegenteil, die Theosophie öffnet uns den Einblick in die tieferen Wahrheiten desselben. Es wird der Theosophie vorgeworfen, sie sei Buddhismus. Es ist wahr, sie [hat] wohl zuerst den Wesenskern in dieser Religion besonders gefunden; aber je tiefer die Forscher in der vergleichenden Religionsforschung vorgedrungen sind, desto tiefer haben sie auch die Wahrheiten des Christentums erfasst. Davon legen Zeugnis ab die Bücher «Esoterisches Christentum» von Annie Besant und «Das Christentum als mystische Tatsache» von Rudolf Steiner. Das Christentum hat einen harten Kampf zu bestehen. Der Materialismus, dessen Hochflut sich in den Siebzigerjahren [des neunzehnten Jahrhunderts] ergoss, hat die Menschen von der Kirche fortgetrieben. Andererseits führt die Theosophie wieder zum Christentum zurück. In eigenartiger Weise wird der wissenschaftliche Geist, der sich in dem landläufigen Christentum nicht befriedigt fühlte und dadurch abgestoßen wurde, durch die theosophischen Erklärungen beruhigt, kehrt wieder zu demselben zurück und fängt an, es zu verstehen.
Es ist nützlich, zuerst die Grundlagen der Religion in den alten indischen, ägyptischen, griechischen, jüdischen Religionen zu studieren und dann erst zur christlichen zu kommen. Da wird man finden, dass die Symbolik zu allen Zeiten dieselbe war, dass der Geist zu allen Zeiten Antwort gegeben hat auf die Fragen der derzeit lebenden Menschheit. Die Theologie der letzten Zeit ist nicht imstande, den rechten Geist des Christentums zu erschließen, da sie zu sehr im Materialismus versunken ist. Die Aufschlüsse, die sie gibt, sind unbefriedigend für den religiösen und den wissenschaftlichen Geist. Andere sagen: Die Lehre, die es bringt, sagt nichts Neues, ganz dasselbe ist zu allen Zeiten gelehrt worden. Von anderer Seite wiederum wird betont, dass es im Christentum hauptsächlich ankomme auf die Person des Gründers dieser Religion. Das ist richtig. Vergleichen wir die anderen Religionsstifter mit Ihm. Nehmen Sie Buddha und so weiter, Moses, Mohammed. Ihre Lehren waren zum Teil gleich erhaben, aber ihre Person wollten sie nicht verehrt wissen: sie betrachteten sich nur als Boten, die berufen waren, überirdische Wahrheiten der Welt zu verkündigen. Christus sollte etwas anders [betrachtet werden]. Nicht auf das, was er gelehrt hat, kommt es an. Er selbst hat nichts von seinen Lehren aufgeschrieben, und in den Lehren, die uns von seinen Jüngern überliefert sind, ist nichts wirklich Neues enthalten - und doch etwas ganz anderes: Er selbst ist der Mittelpunkt der religiösen Bekenntnisse.
Die wissenschaftliche Begründung des Unterschiedes des Christentums von den anderen großen Religionen ist erst möglich durch theosophisch-wissenschaftliche Studien. In alten christlichen Zeiten gab es christliche Geheimschulen, wo die tieferen Geheimnisse des Reiches Gottes gelehrt wurden. Diese esoterischen Schulen standen der exoterischen Verkündigung des Christentums, die für die Uneingeweihten bestimmt war, zur Seite. Dass es damals Männer gab, die mit höherem Wissen ausgerüstet waren, das bezeugen uns die Schriften der ersten Kirchenlehrer und -väter.
Heute wird vielfach betont, Jesus von Nazareth sei der schlichte Mann gewesen, der es verstanden habe, volkstümlich mit der Menge zu reden. Auch in Bezug auf Paulus wird von theologischer Seite betont, dass er aus einer elementaren Urkraft heraus geredet habe. Schlichtheit und Schlichtheit ist zweierlei. Der eine redet schlicht, weil er selbst ein schlichter Mensch ist, der nicht mehr zu geben hat. Eine andere Schlichtheit ist die eines Weisen, der sie sich wiedererrungen hat, nachdem er in alle Tiefen der Weisheit eingedrungen ist und sich dabei die Schlichtheit bewahrt hat. Am Schluss, am Ziel verwandelt sich die ganze Weisheit in Schlichtheit, schließlich redet man schlicht. Diese zweite Weise zu reden hat eine magische Kraft. Überzeugen Sie sich selbst. Lesen Sie Clemens von Alexandrien oder Origenes — so redet nur der, welcher die Dinge kennt, die nicht aus dieser Welt sind. Und das haben sie dem höheren Wissen zu verdanken, das sie in den Geheimschulen gelernt hatten; da lernt man schlicht sprechen. Jetzt ist der Mensch erfüllt von der Zauberkraft, die Kopf und Herz mit spirituellem Leben, mit dem Feuer des Geistes erfüllt.
Und diese Erleuchteten, die uns unter verschiedenen Namen bekannt sind — besonders unter dem Namen der Gnostiker —, verwendeten alle Weisheit, die sie erlangt [hatten], ihr ganzes Wissen auf die Beantwortung der einen Frage: das Rätsel des Christentums zu lösen. In diesen Geheimschulen wurden alle Wissenschaften gelehrt, die Naturwissenschaften sowohl wie die Mathematik und so weiter. Und am Gipfel des Studiums wurde das ganze Arsenal verwendet auf die Beantwortung der Frage: Welche Bedeutung hat die Erscheinung Jesu Christi? — Es wurde alles aufgeboten, um dies zu erklären. Und heute hält man nichts für zu einfach und schlicht, um dies zu erklären. Damals, wo man der Quelle noch so viel näher war, fand man nichts zu hoch, um die Tiefen des Geheimnisses zu erfassen. Und das zu lösende Rätsel gipfelt in der Frage: Wer war denn eigentlich dieser Jesus Christus? — Damals empfand man, man musste reif sein, um zu verstehen; man müsse mit dem endgültigen, abschließenden Urteil warten, um es nicht ohne Weisheit zu fällen. Erst muss man die Weisheit im Kopf und im Herzen haben, die die Vernunft erleuchtet und sie befähigt, ein klares Verständnis zu erlangen.
Die materialistische Weltanschauung ist nicht imstande, in das Wesen des Christentums einzudringen. Mit dem bloßen Glauben an das geschriebene Wort, das der historisch-kritischen Forschung unterworfen ist, diesen Urkunden des Christentums, ist es unmöglich, bis zu Christus durchzudringen. Die drei ersten Evangelien, die uns die Geschichte des Jesus von Nazareth bringen, sind erst lange, lange nach seinem Opfertode geschrieben. Jahrhunderte waren seitdem verflossen. Aus der Zeit, [in der] Jesus lebte, ist uns nichts aufbewahrt worden. Warum nicht? Weil es auf die einzelnen Tatsachen zunächst nicht ankommt; die sind nicht von so hervorragender Bedeutung. Wenn es uns nicht möglich ist, auf diese Weise, durch Ergründung der Tatsachen die Frage zu lösen - wie kommen wir dann überhaupt zu einer Lösung des Rätsels?
Es gibt noch eine andere Möglichkeit, bis zu Jesus von Nazareth vorzudringen. Es gibt Urkunden, welche die Seele findet, wenn sie die Geheimnisse der Natur kennenlernt. Dies bezeugen alle Mystiker. So wird uns berichtet, dass jemand Johann Ruysbroek — einem berühmten Mystiker aus dem vierzehnten Jahrhundert — auf seine Verkündigung hin spottend erwiderte: Ei Meister, Ihr redet, als ob Ihr bei Adam im Paradiese gewesen wäret. — Darauf habe Ruysbroek geantwortet: Jawohl, ich war dabei. — Angelus Silesius sagt in seinem «Cherubinischen Wandersmann»:
Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren und nicht in dir, so bleibst du ewiglich verloren.
Das Kreuz von Golgatha kann dich nicht von dem Bösen, wo es nicht auch in dir wird aufgericht, erlösen.
Nicht hilft es uns, einen Beweis von Christi Existenz beizubringen, wie man den Beweis von der Existenz einer Kuh bringt. Alle Mystiker stimmen darin überein: Ihr müßt Christus in euch erleben.
Für den Materialismus gilt nichts, als was er mit seinen fünf Sinnen wahrnehmen kann; daher scheint ihm das, was die Theosophie bringt, als phantastisch. Wir Menschen sind zu sehr gewohnt, uns nur auf unsere Sinne zu verlassen. Mit diesen äußeren Sinnen werden wir Christus nie fassen und begreifen lernen. Aber es schlummern in dem Menschen Kräfte, die ihn in den Stand setzen, [feinere] Sinnessorgane in sich auszubilden, die ihn befähigen zur Erkenntnis höherer Dinge. Solche Befähigung, solche [höhere] Sinnesorgane besaßen die alten Gnostiker, die ersten Kirchenväter, und diese bezeugen mit den Mystikern des 13. und 14. Jahrhunderts aus ureigenster Erfahrung des höheren Menschen, dass sie Christus in sich erlebt haben als mystische Tatsache. Das bedeutet etwas. Die erste Bedingung, um zu verstehen, was auf Golgatha geschehen ist, ist, dass man Christus in der eigenen Seele erlebt. Und das ist die Bedeutung der theosophischen Bewegung, dass Leute da sind, Männer und Frauen, die aus eigener Erfahrung über die Wahrheit des Christentums unterrichtet sind; sie haben die praktische Erfahrung des inneren Erlebens gemacht und können deshalb so in dieser Weise davon sprechen.
Der Mittelpunkt des Christentums ist die Persönlichkeit Jesu Christi. Das ist der positive Wahrheitskern. Nicht seine Lehre, sondern seine Person, nicht die frohe Botschaft, die seine Jünger verkündigten, sondern dass sie seine Stimme hörten, dass sie mit ihm in persönlichem Zusammenhang standen — das machte, dass sie in so zündender Weise gesprochen haben. Alle übrigen Erklärungen sind ungenügend, um die einzigartige Erscheinung zu erklären, dass durch die Erscheinung Jesu Christi die Welt sich erneuert hat. Die theologischen Lehren geben darüber keinen genügenden Aufschluss. Die Theosophie bringt uns dem Verständnis näher, indem sie die theologische Auffassung vertieft. Wer sich in ihre Lehren vertieft, wird finden, dass sie schon immer da waren, aber sie wurden nicht öffentlich gelehrt, sondern in geheimen Tempeln, wo die Schüler von Priestern und Weisen unterrichtet und eingeweiht wurden.
Was wurde dort gelehrt? Es wurde verkündigt, wie die Gottheit sich ergossen hat in die Welt, wie die Entwicklung vor sich gegangen [ist] durch das Mineralreich, Pflanzen- und Tierreich hindurch, bis der Mensch entstehen konnte, in dem Gott lebt. Wie dies allmählich zustande kommt, das wurde gelehrt. Und dieses wirklich in sich zu erleben, das war das Ziel, der Zweck der Unterweisung. Wer den Gott in sich erlebt hatte, der war reif für die Einweihung, die Initiation, der wurde eingeweiht in die tiefen Geheimnisse der göttlichen Weisheit; er erhielt einen neuen Namen, er konnte sich «einsiegeln lassen», das heißt, er erhielt Bürgerrecht im Himmel, Bürgerrecht in der geistigen Welt. Er erhielt den neuen Namen, «den nur der kannte, der ihn empfängt».
Der Apostel Paulus war so ein Eingeweihter, sonst hätte er nicht so sprechen können, wie er es getan. Um zu wissen, wie die Welt entstanden ist, ist große Weisheit nötig. Und diese Weisheit ist nur zu erlangen von dem, in welchem das Wort, der Logos lebendig ist. Wenn der spricht, so ist sein Wort Licht und Leben. Um die Entstehung der Welt zu beschreiben, wird das Sinnbild des Ausfließens gebraucht. Durch das Ausfließen der Gottheit und ihr Einfließen in die Materie erzeugen sich Schwingungen, durch welche die Welt zustande kommt. Durch das Ausfließen des Logos ist die Welt in die Erscheinung getreten, ja, sie ist der in die Erscheinung getretene Logos. Die Weisheit des Logos regiert und belebt die Welt.
Drei sind es, die da zeugen im Himmel: der Vater, der
Sohn (das Wort) und der Heilige Geist;
Und drei sind es, die da zeugen auf Erden: der Geist (die
Weisheit), das Wasser und das Blut, und diese drei sind beisammen. (1 Joh 5, 7-8)
Die Erkenntnis der Weisheit soll einfließen in die Menschenbrust, in sein Wesen, dazu dienten die vorbereitenden Schulen. In dem Akt der Einweihung wurde der Schüler «in die Weisheit eingetaucht». Hatte er vorher im Lichte der Flammen gelebt, so wurde er nun eingetaucht ins «Feuer», er empfing das «Wort», das in der Weisheit lebt. Wer etwas weiß von dieser Verwandlung, der ist erfüllt mit einem anderen Geist als zuvor, ehe er die Mysterien erschaut hatte. Er kann nun das lebendige Wort verkündigen, das er in den Mysterien geschaut hat.
Hier muss vor einem Vorurteil gewarnt werden, vor dem man sich zu hüten hat. Man konnte in alten Zeiten, wie in der jetzigen, in aller Art Weisheit geprüft sein; die philosophischen Schulen in Alexandrien zum Beispiel boten eine Fülle von Weisheitsmaterial, aber es war dort nicht ein Erlebnis zu haben, das diese Weisheit mit Leben erfüllte. Dieses Leben war nur auf dem Wege des Kreuzestodes und der Auferstehung Christi zu erlangen. Nach der Erscheinung Jesu Christi war es möglich, dieses Leben außerhalb der Mysterien des Altertums zu erlangen.
Die Erscheinung Jesu Christi ist eine historische Tatsache. In den Mysterien nun wurde der «Tod» durch einen tiefen Schlaf, anderer Art als der gewöhnliche Schlaf, vollzogen. Der Schüler erlebte wirklich eine Art von Sterben und Auferstehen. Die große Tragödie hat sich dann als wirkliche Tatsache durch den Tod und die Auferstehung Christi öffentlich vollzogen. Das Vorgehen in den Mysterientempeln war nur ein Abbild dieses großen Ereignisses. Die Propheten, die Mysterienschüler waren, trugen sich mit Hoffnung auf die Möglichkeit der wirklichen Erfüllung dessen, was sie in den Tempeln als Vor-Bilder gesehen hatten. Und was sie von ihren Messias-Hoffnungen der Welt mitteilten, war ein Teil dessen, was durchgesickert war von dem, was sie in den Geheimschulen empfangen hatten. Das Neue, das Jesus bringt, ist das Wort: «Selig, wer glaubt, ohne zu schauen» (Joh 20,29) —, nämlich das zu schauen, was in den Mysterien gezeigt wurde. Jetzt sollten die, die nur glaubten, selig werden können. Wer etwas vom Wesen des Christentums versteht, weiß, was das heißt, Christus in sich zu erleben. Dieses Erleben war vor Christi Kreuzestod nur möglich innerhalb der Mysterien; nach demselben kann es jeder erleben, der da glaubt. Ein solches Erlebnis, wie Paulus es hatte vor Damaskus, war vor der Erscheinung Christi im Fleische nicht möglich. Der geistige Christus erschien ihm; nun konnte er zeugen von dem Leben.
Buddha, Zoroaster und so weiter waren Stifter ihrer Religionen, und wer sich zu ihrer Lehre bekannte, war ihr Anhänger. Christus war nicht der Stifter seiner Religion, er war ihr Gegenstand. Er hat die Menschheit mit sich selbst erfüllt. Paulus hat das auf besondere Art erfahren. Er ist ein Beweis für das Vorhandensein des lebendigen Christus. Das Christentum ist eine mystische Tatsache. Das Neue, das es bringt, ist die Tatsache, dass die menschliche Natur sich verwandelt. Daher ist der Menschensohn der Mittelpunkt des Christentums. Das ist der Inhaltskern. Den Weisheitsinhalt finden wir auch in anderen Religionen. Die Geschichte des Buddha schließt mit der Verklärung. Bei Jesus Christus kommt die Tragödie der Kreuzigung und der Auferstehung hinzu. Diese muss an das Buddha-Leben angegliedert werden, um das Ganze zu verstehen. Christus sagte von sich:
Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. (Joh 14,6)
Die anderen großen Religionsstifter konnten von sich nur sagen: Ich bin der Weg und die Wahrheit. — Sie standen auf einem hohen Berge, wo sie die Wahrheit schauten, von wo aus sie dann den Menschen diese Wahrheit verkündigten. Jesus ist von dem Berge herabgestiegen in das Leben, er stieg herab, um zu predigen.
Das göttliche Schöpferwort hat gewandelt auf Erden, das war etwas anderes als die bloße Verkündigung von dem Herabsteigen des Logos.
[Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.] (Joh 1,14)
Er ist das fleischgewordene Wort., Wir lernen es dadurch verstehen, dass wir es mit den anderen Lehren vergleichen. Wir finden in den anderen Religionen die gleichen Lehren, je tiefer wir eindringen in das Verständnis aller Religionen. Aber der ungeheure Unterschied zwischen dem Christentum und allen anderen Religionen ist der, dass uns durch die Selbstopferung Christi der unmittelbare Verkehr mit dem fleischgewordenen Logos ermöglicht worden ist.
Hätte man das, was in den Mysterien geschehen ist, angewendet auf das Leben Jesu, so wäre man schon eher zu einem richtigen Verständnis seiner Person und somit des Christentums gekommen. Jetzt war es dem Menschen möglich gemacht, zu «glauben ohne zu schauen>» (Joh 20,29), nämlich ohne das geschaut zu haben, was in den Geheimschulen gezeigt wurde.
Die Theosophie hat nun die Aufgabe, für das Christentum Persönlichkeiten zu schaffen, die aus eigenster Erfahrung Zeugnis ablegen können von dem, was sie geschaut und erlebt haben. Erst wer Christus in sich erlebt hat, kann die wahre Erkenntnis erlangen. Leicht ist es nicht für die Christen der Jetztzeit, sich in diese ihnen neuen Gesichtspunkte hineinzufinden. Es geht ihnen, wie es den Gelehrten im Mittelalter ergangen ist in Bezug auf die Weltweisheit, wo ihnen Aristoteles als einzige Autorität galt. Als Galilei durch eigene Beobachtungen des Lebens zu ganz anderen Resultaten gekommen war über die Beschaffenheit und die Tätigkeit des Herzens und des Blutumlaufs als Aristoteles, teilte er diese seine Entdeckungen einem Freunde mit. Dieser ließ sich die Sache erklären, fand sie einleuchtend, dann aber wies er diese Neuerung weit von sich, sie könne nicht wahr sein, denn im Aristoteles stände die Sache ganz anders, der habe allein recht. Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Buchstabenglauben von heute der Religion gegenüber, die auf eigener unmittelbarer Anschauung beruht. Die Religionswahrheiten können ebenso durch eigene Anschauung nachgeprüft werden, wie heutzutage die ganze Naturwissenschaft sich auf eigene unmittelbare Forschung stützt und nicht auf den Buchstabenglauben an die geschriebenen Überlieferungen früherer Forscher. Man lässt nur die Tatsachen gelten, die in der Natur beobachtet werden, lässt die Tatsachen selbst reden. Was die Theosophie in bezug auf die Seele lehrt, beruht auf unmittelbarem Erkennen geistiger Vorgänge durch eigene Anschauung. So zeugt die Theosophie von dem Wesen des Christentums. Ihr Beruf ist, solche Zeugen zu schaffen, die durch unmittelbare Anschauung erkennen können.