The Essence of Christianity
GA 68a — 3 December 1905, Düsseldorf
Der Weisheitskern in den Religionen
Durch die Jahrtausende hindurch haben die verschiedenen Völker die Befriedigung ihrer tiefsten Lebensbedürfnisse in den Religionen gesucht. In unserer Zeit verkennt man leicht die Bedeutung des religiösen Strebens der Völker. Der Mensch der Gegenwart gibt sich leicht Illusionen hin über das Wesen der Religion. Da nun einer der Grundsätze der Theosophie darin besteht, den Weisheitskern der Religionen zu ergründen, so wird sich heut auch einiges über Ziele und Aufgaben der theosophischen Bewegung im Allgemeinen ergeben.
Über unser Thema haben zunächst die gelehrten Religionsforscher vom kulturhistorischen Standpunkte gesprochen. Früher dachte man überhaupt nicht an solche Dinge. Früher war der Einzelne sich darüber klar, dass er die Wahrheit in seiner Religion finden könne. Erst im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts haben die Menschen sich entschlossen, die verschiedenen Religionen zu vergleichen. Da ist eine merkwürdige Tatsache herausgekommen: eine Übereinstimmung in den verschiedenen Religionsbekenntnissen bei den verschiedenen Menschenrassen. Man ist aber nicht weit über die Annahme hinausgekommen, dass die kindliche Phantasie der Völker sich in gleicher Weise Vorstellungen über Gott und Menschen mache. Es ist überhaupt Sitte geworden, in den verschiedenen Religionen der verschiedenen Völker kindliche Stufen der menschlichen Geistesentwicklung zu sehen, und nicht mehr. Wenn man sich tiefer einlässt auf die hier angedeutete Frage, dann kommt man zu dem Resultate dass man selbst die einfachsten Religionsvorstellungen unterschätzt, wenn man sie nicht tief, nicht gründlich nimmt. Wenn man tiefer eindringt, so erwirbt man sich die richtige Bescheidenheit, die Bescheidenheit, die sich sagt: Etwas verstehst du von den großen, gewaltigen Bildern, aber vieles kannst du noch nicht ergründen. Man lernt immer mehr erkennen, indem man selbst hinaufsteigt die Stufenleiter der Menschenentwicklung.
Man gehe hinunter in die alte ägyptische Kultur. Da findet man die männliche Gottheit Osiris und die weibliche Gottheit Isis. Wenn man die Gottheit Osiris aus der Empfindung des ägyptischen Volkes verstehen lernt, so zeigt sie sich als eine bedeutungsvolle Religionsvorstellung. Es wird erzählt, Osiris sei von seinem Bruder Typhon zerstückelt worden, und die einzelnen Stücke seien an verschiedenen Orten begraben worden. Daran schließt sich die Vorstellung, dass alles, was auf der Erde lebt, aus dem Osiris hervorgegangen ist. Alles, was auf der Erde vorgeht, wird als eine Auferstehung des Osiris angesehen. Wenn der Mensch selbst erlebt seinen geistigen Wesenskern, dann sagt er sich: Osiris steht in mir auf. — Die Erde ist die Zerstückelung des Osiris. Die menschliche Wesenheit ist die Auferstehung des Osiris.
Nun gehe man herauf zu den Sagen und Mythen der nordischen Welt. Da treffen wir den Riesen Ymir, der überwunden worden ist von Wotan, Wille und Weh. Wir erfahren, [dass er zerstückelt worden ist], dass aus seinen Knochen die Felsen gemacht worden sind, aus seinem Blut die Bäche und Meere, aus dem Gehirn das Himmelsgewölbe et cetera. Es ist ein vergrößerter, idealisierter Mensch, diese Erde. Sie ist ein schlafender Riese.
Überall finden wir ähnliche Vorstellungen in den Religionen verschiedener Völker. Man darf nicht etwa glauben, dass bei «niederen» Völkerschaften Religionen leben, die ganz kindlich wären gegenüber der unsrigen. Nehmen wir ein Beispiel, wie in einer anderen Völkerschaft eine erhabene Religion sich findet. Als die alten Indianer Nordamerikas immer mehr zurückgedrängt wurden von den Völkerschaften Europas, da haben diese gemeint, dass sie weit höher ständen als die nordamerikanischen Indianer. Ein Häuptling der Indianer hat damals bei einer Zusammenkunft mit den Europäern eine Rede gehalten. Die gibt in schöner Weise das ganze religiöse Empfinden der [indianischen] Stänme Amerikas wieder. So, wie der Häuptling gesprochen hat, so haben viele Repräsentanten dieser Völkerschaften über Gott gesprochen.
Man hatte versprochen, diesen Leuten Land zu geben, dies aber nicht getan. Der Häuptling sagte nun zu den Repräsentanten Europas Folgendes: Ihr unterrichtet euch aus Büchern, worin kleine schwarze Zeichen stehen über Gott und über das, was dieser Gott sagt. Der weiße Mann weiß über seinen Gott nur aus den schwarzen Zeichen in den Büchern, aber der braune Mann erkennt den großen Geist, wie er zu ihm spricht aus dem Säuseln des Windes, aus dem Plätschern der Wellen, [aus Blitz und Donner]. Ihr habt uns versprochen, uns Land zu geben, aber es nicht getan. Euer Gott hat euch nicht gelehrt, die Wahrheit [zu] sprechen, et cetera.
So haben viele Völker über den großen Geist gedacht, bevor es das gab, was man Religion nennt. Religion kommt von «religere», sich wiederverbinden. Wir wollen verstehen, warum die Religion ihre Bedeutung in dem Wiederverbinden hat.
Bevor unsere jetzige Menschenrasse Europa, Asien und Afrika bevölkert hat, war ihr die atlantische Bevölkerung vorangegangen, auf dem atlantischen Kontinent, zwischen Amerika und Europa. Diesen Kontinent hat die atlantische Menschenrasse bewohnt. Dort haben sie gelebt, die Atlantier, mit einem eigentümlichen Geistesleben. Was wie ein Überrest atlantischer Kultur übrig geblieben ist, das findet man in der scheinbar wilden, aber in Wahrheit nur zurückgebliebenen Kultur auf der Peripherie der früheren Atlantis.
Da hat man das in ursprünglicher und elementarer Weise gefühlt, was man das bei ihnen der Religion Entsprechende nennen möchte. Was die Religion der ältesten Vorfahren der früheren Menschen gebildet hat, ist erhalten in der Form, die wir in der Religion Chinas finden können, in der sogenannten Tao-Religion.
Wenn der Chinese das Tao ausspricht, empfindet er etwas Ähnliches, wie wenn jener Indianer vom großen Geist sprach. Es war eine ganz andere Weise des Fühlens und Denkens; es war ein Hineinempfinden in die ganze übrige Welt. Der Mensch fühlte sich nicht als ein Sonderwesen, wie wir das heute tun. — Der heutige Mensch stellt sich wenig dabei vor, wenn er ein- und ausatmet. Der Atmungsprozess wird als ein rein mechanischer Prozess betrieben. Bei den Vorfahren von dazumal erweckte man eine Empfindung gegenüber dem Atmen. Sie empfanden dabei die Dankbarkeit gegenüber dem großen Geist. Sie fühlten, dass er sich mit ihnen verband mit jeder Einatmung. Sie vereinigten sich mit ihm bei jeder Ausatmung. Wenn sie ihren Puls fühlten, so schrieben sie diese Kraft dem großen Geiste zu. Eins fühlten sie sich mit dem Allgeiste. Der Atemzug war ihnen Geist, das Blut, was in ihren Adern pulste, war ihnen Geist. Sie fühlten sich Teilgeist im großen Weltengeiste. Man muss versuchen, nachzufühlen, was in einer Menschenseele vorgeht, die sich als ein Stück fühlt mit dem sie durchströmenden großen Weltengeiste, die Gottheit in sich, und sich in der Gottheit, wie unsere Vorfahren ganz selig waren in dieser Empfindung, muss man nachempfinden lernen.
Nur eine Empfindung ist dem ähnlich - wenn der Vedantist das «Tat twam asi» empfindet: «Das bist du», sagt er zu der Welt um sich her. Aber unserem Wesen ist im Großen das abhandengekommen, was unsere Vorfahren empfanden. Das Mitfühlen mit der ganzen Welt, das bezeichnete man als das Tao. Tao ist das, was im Winde lebt, was im Blitz und Donner lebt, was im Tier, in der Pflanze lebt, was im Menschen ist, was ihn durchpulst als sein Leben. Es war ein einheitliches Gefühl. Unser Denken ist selbst ein Entwicklungsprodukt. Die, welche also das Tao fühlten, die hatten noch nicht diesen Intellekt. Der ist gerade ein Merkmal unserer gegenwärtigen Rasse. Als aus der atlantischen Rasse sich unsere Rasse entwickelte, da entwickelte sich aus der hellseherischen Gabe der Atlantier nun intellektuelles Denken. Nun lernte man in Begriffen denken. Die begriffliche Vorstellung hatte die Folge, dass der Mensch sich von der Umwelt streng absonderte. Das hatte eine Bedeutung, als der Mensch sich den Intellekt eroberte. Der Atlantier hatte nicht das Gefühl, dass er von den andern getrennt war. Tao war das Blut, die Luft, Tao war der andere Mensch. Das Gefühl der Absonderung ist in ihm durch den im Innern arbeitenden Intellekt entstanden. Alles nun, was er in der Welt fühlte, musste er im Innern erleben.
Der Gott, der den Menschen durchpulste, war eine Einheit, die draußen strömte und drinnen strömte. Nun hatte die Absonderung stattgefunden. Nun musste das «religere» — «wiederverbinden» eintreten, die Religion, die das Draußen mit dem Innern verband. Die ganze fünfte Wurzelrasse strebt in der Religion nach dem Wiederverbinden mit dem göttlichen Allgeist.
Wenn man von dem eben Gesagten ausgeht, muss man sich sagen: Wie kann der Mensch unseres gegenwärtigen Zyklus seinen Gott sich vorstellen? Er muss ihn zunächst in seinem Innern suchen. Wenn er sich aber klar wird darüber, dass das derselbe Gott ist wie da draußen, dann hat er auf seine Art etwas erreicht, wie es der alte Atlantier im Tao empfand. Dieses drückt sich aus in der uralten, heiligen Religion, die die Rishis ihre Schüler gelehrt haben, in der Religion, die den Veden vorangegangen ist. Die Veden sind nur ein Nachklang jener uralten, heiligen Religion des alten Indiens. Diese Religion des alten Indiens wird man auch ohne esoterische Kenntnis in sich erstehen lassen können. Denn überall lebt sie zwischen den Zeilen und Worten. Sie ist eine Religion des Lebens, welche davon ausgeht, dass im Innern des Menschen das Göttliche gefunden wird. Hatte man früher den Zusammenhang mit dem Gott in der Umwelt gefühlt, so suchte man im alten Indien in der abgesonderten Einzelseele den Gott. Man suchte sich heraufzuentwickeln zur unmittelbaren Erkenntnis, dass das, was in der einzelnen Seele lebt, in allen Seelen lebt. Wenn man so erleben konnte seine ganze eigene Göttlichkeit, wenn man das gefunden hatte, was hinüberführte über alle Sonderheit; über die Täuschung des Abgesondertseins, dann nannte man das das göttliche Brahman. Darüber konnte man nicht theorisieren. Man musste das in sich erleben. Dann lernte man allmählich diese einheitliche Göttlichkeit unter drei Gesichtspunkten erkennen. Das ist in allen Religionen wiederzufinden, diese dreifachen Gesichtspunkte, unter denen das Brahman gesucht wird.
Unter den drei Gesichtspunkten der Göttlichkeit versteht man in dem intimen Leben der verschiedenen Religionen ungefähr Folgendes: In dir lebt der göttliche Geist. Der göttliche Geist lebt aber auch draußen in dem Universum. Und in dir lebt ein Funke dieses göttlichen Geistes. Der Geist, der in dir lebt, wenn du einen Trieb, eine Leidenschaft, ein Ideal hast, der hat auch gelebt, als er das Haus aufgebaut hat, in dem du jetzt alles fühlst und empfindest. Je tiefer man eindringt in den menschlichen Weisheitsbau, desto klarer wird, wie dieser göttliche Geist in dir gearbeitet hat. Deine Leidenschaften, dein Wahrheitsgefühl sind noch dem Irrtum unterworfen. Aber nicht dem Irrtum unterworfen ist der menschliche Körper. Nur die Seele macht Irrtümer. Sie macht fortwährend Attacken auf den wunderbaren Organismus, den die Gottheit als Gehäuse des Menschen aufgebaut hat. Vollkommen ist der Aufbau des menschlichen Körpers. Wunderbar ist zum Beispiel jeder Knochen eingerichtet. Aus feinen Balken ist er in so geschickter Weise zusammengesetzt, wie es heute kein Ingenieur nachmachen könnte. Der Oberschenkelknochen hat ein genauso hin- und hergehendes Gebälk, dass er mit dem kleinsten Maße von Kraft den Körper tragen kann.
Die höheren Körper des Menschen sind viel unvollkommener als der physische. Dies vollkommene physische Gehäuse hat der große Geist aufgebaut; dann ist er wie ein Funke hineingezogen in diese Hülle. Nimm nun diese ganze Welt dieses Aufbaues, die um dich lebt, abgesehen von dem, was in dir als Seele lebt, dann hast du den dritten Aspekt der Gottheit, den Heiligen Geist. - Nimm dann die eigene Seele und die Seelen deiner Mitbrüder und Mitgeschöpfe. Das ist der Sohn, der zweite Aspekt der Gottheit, die zweite Form, in der die Gottheit erscheint. Am Anfang des Weltprozesses haben wir alles das, was um uns als die vollkommene Welt steht. Das ist der Heilige Geist. Was jetzt darin als Seele lebt, das ist der Sohn. Das, was der Sohn werden wird und das, wozu wir kommen werden durch den Sohn, was wir sein werden am Ende der Tage, das ist der erste Aspekt, der Vater. Unter diesen drei Aspekten schauten die Religionen das Urwesen an, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Man kann alle Religionen durchstreifen, immer wird man diese Dreieinigkeit als Grundvorstellung aller Religionen finden. Unzählige Male wurde so zu den Schülern gesprochen. - Wenn ich spreche, ringen sich meine Worte aus der Seele los. Sie schwingen in der Luft. Dann gehen die Schwingungen der anderen Seele zu. Man denke sich, das Gehörorgan sei ausgeschaltet — ich spräche — die Worte könnte man sichtbar machen — dann könnte man schauen, was ich spreche. Man denke sich, man könnte die schwingende Luft in Wasser verwandeln und dann in etwas Festes. Man denke sich, man könnte ganz rasch die [schwingenden] Wellen verdichten. Dann würden die Worte herunterfallen als Stücke fester Körper. Sie würden unten am Boden liegen. So stellt sich die Religion alles, was um uns herum ist, vor, nur indem sie sich den Makrokosmos ähnlich gebildet dachte wie hier die Worte.
Der Makrokosmos war früher ein ganz feiner Stoff. Nun sprach die Gottheit ein Wort aus, einen Urnamen. Es verdichtete sich der Stoff, und so entstand alles. So entstand auch der Bergkristall. In diesen Stoff wurden die Gottesworte hineingesprochen, und er verdichtete sich. Alles war Gottesgedanke, alles war Geist. Dasjenige, woraus der Geist hervorgeht, ist das ursprüngliche Wort. Das in den Raum hineintönende Gotteswort, das nannte man das «Wort», den zweiten Aspekt der Gottheit. Der Gottesgedanke, der sich verdichtet hatte, das war der dritte Aspekt der göttlichen Wesenheit. Das Wort, was da hinaustönte, war der zweite Aspekt der göttlichen Wesenheit. Gott war im Worte und im Worte war Gott. (Joh 1,1) - Aber bevor das Wort ausgesprochen werden kann, muss etwas vorausgehen. Das war der Vater-Gott, der Anfang. Ein tiefer Zusammenhang wurde in allen Religionen erkannt zwischen dem, was am Anfang war, dem Vater-Gott, und dem Leben der Gegenwart. Der Sohn ist das Leben der Gegenwart. In der Seele lebt der Sohn als das Wort. Veda — Edda heißt: das Wort. Dasjenige, was in den verschiedenen Religionen die eigentliche Offenbarung genannt wird, geht immer zurück auf das Wort. Die göttlichen Urkunden bringen dieses Wort zum Ausdruck. Darum werden sie auch das Wort genannt. In den religiösen Urkunden ist das, was der Gottesgeist in die Welt hinausgesprochen hat. Davon lebt ein Echo in der menschlichen Seele.
Ein weiterer Teil des Weisheitskernes aller Religionen ist das Bewusstsein, dass der Mensch in einer Entwicklung begriffen ist, dass er immer höhere und höhere Stufen der Entwicklung erreichen kann. Die Seele kann immer mehr sich Gott anähnlichen. In meinem Leibe sehe ich, dass die Kräfte und Stoffe der Natur zusammengewirkt haben, um mir den vollkommenen physischen Körper zu schaffen. Pflanzen und Tiere sind Versuche. Eine Entwicklung ist vor sich gegangen. In dem Menschen stellt sich uns der Schlussstein dieser Entwicklung entgegen. — In uns tragen wir den Geisteskeim wie eine Knospe. Dadurch haben wir Anteil an der geistigen Welt. So lebt der Mensch in einer physischen Umwelt und wächst auf der andern Seite hinein in eine geistige Welt. In sich hat er Kräfte und Fähigkeiten, durch die er verbunden ist mit der geistigen Welt. Steine, Pflanzen, Tiere sind Wesen in verschiedenen Vollkommenheitsgraden. [Auch die Seele ist vorhanden in verschiedenen Vollkommenheitsgraden], vorhanden in einer Stufenfolge. Dies fängt bei uns an. Wir sind in der geistigen Welt die unvollkommensten. Wir müssen uns in eine Gemeinschaft hineinleben mit übersinnlichen Wesenheiten, mit geistigen Wesenheiten, die die Verbindung bilden zwischen dem Menschen und der Höchsten Gottheit, Devas, Dhyan-Chohans, Engel, Erzengel et cetera. Überall, in allen Religionen besteht der Weisheitskern von einer geistigen Welt, von einer Summe von Wesenheiten übersinnlicher Art. So wie der Mensch durch seinen physischen Körper der übrigen [physischen] Welt angehört, so gehört er durch seinen Wesenskern der geistigen Welt an.
Ein anderer Weisheitskern aller Religionen ist, dass alle Entwicklung in Zyklen verläuft, die man vergleichen kann mit Ausatmen und Einatmen, Tag und Nacht. Auch das Menschenleben, das Leben der Seele, verläuft in solchen Zyklen. Der Mensch wechselt ab zwischen dieser Seite des Daseins, wo er Erfahrungen sammelt, mit einer andern, wo er in Gemeinschaft lebt mit geistigen Wesen, im Devachan. In rhythmischer Folge erscheint wieder das physische Erdenleben und wieder das Leben des Geistes. Die Vorstellung, dass das eine Erdenleben eines unter vielen ist, das ist ein gemeinsames Grundgesetz aller entwickelten Religionen.
Es ist ein Irrtum, wenn man sagt, dass das Christentum die Wiederverkörperung nicht lehrt. In seiner Esoterik lehrt es die Wiederverkörperung. Nur äußerlich lehrt es sie nicht. Seinen intimen Schülern hat Christus von der Wiederverkörperung gesprochen. Wenn er mit den Jüngern allein war, legte er ihnen manches aus — auf dem Berge. Das Intimste sagte er nur seinen intimsten Schülern, Jakobus, Johannes, Petrus, bei der Verklärung. Der Ausdruck «Hütten bauen» steht da. (Mk 9,5) Das sind die intimsten Schüler, die bis zu der Stufe aufgestiegen sind, wo man Hütten baut. Man erfährt das, was der erfährt, der Hütten bauen kann. Raum und Zeit werden überwunden. Moses und Elias erscheinen. Das tiefste Geheimnis wird den Jüngern gezeigt. Elias ist der Weg. «El» bedeutet Weg. Moses ist die Wahrheit, und Christus ist das Leben. Er steht in der Mitte. Der Weg, das Leben, die Wahrheit. Diese Urweisheit der christlichen Religion steht hier in leibhaftiger Gestalt, sie erscheint den Jüngern in dem devachanischen, entrückten Zustande. Christus sagte ihnen: Elias ist wiedergekommen. Sie haben ihn nur nicht erkannt (Mk 9,19). Er redete da mit ihnen von der Wiederverkörperung, weiter aber: Saget es aber niemandem, bis ich wiederkehre (Mk 9,9). Mit der Wiederkunft ist gemeint derjenige Zeitpunkt der menschlichen Entwicklung, wo sie reif werden wird, den inneren Christus zu finden.
Angelus Silesius weist auf das Wesen dieses inneren Christus und seine Bedeutung, hin:
Wär Christus tausendmal in Betlehem geboren und nicht in dir, du wärest tausendmal verloren!
Das innere Christuserlebnis, das befähigt uns, den Christus in der Welt zu erfassen. Wenn die Menschen so weit sind, dann kann wieder von der Wiederverkörperung gesprochen werden. Bis dahin sollte sie verschwiegen werden. Bei den ägyptischen Sklaven herrschte das lebendige Bewusstsein: Das ist ein Leben unter vielen. Im andern Leben werde ich so wie der, der mir jetzt befiehlt, sein. — So erkannte er das Gesetz der Wiederverkörperung und das Karma, des Zusammenhanges von Ursache und Wirkung in der moralischen Welt. Das empfand er als das Gesetz seines Lebens. Dann verstehen wir, welche tiefe Bedeutung das Gesetz von Karma und Reinkarnation in den Seelen bereitete.
Aber diese Menschheit hätte den Blick nur hinaufgerichtet und die Wertschätzung des einen Lebens zwischen Geburt und Tod verloren. Einmal musste die Seele hindurchgehen durch ein Leben, wo sie nichts wusste von Reinkarnation. Ungefähr 1500 [oder 2600] Jahre sind der Zeitraum, der verfließt zwischen zwei Verkörperungen. In den 2000 Jahren nach Christus ist die Seele einmal durch eine solche Verkörperung hindurchgegangen. Darum sollten die Jünger nicht die Reinkarnation lehren, bis die Menschen würden erfassen können den Christus in sich.
Die Reinkarnationslehre ist im Christentum enthalten, nicht als eine bloße Lehre, sondern als ein Vermächtnis für die Zukunft. Die Lehre ist nicht durch einen Zufall oder durch Schändlichkeit verloren gegangen im Christentum, sondern mit Absicht [durch] 2000 Jahre hindurch nicht gelehrt worden. Herausgewachsen ist der Mensch aus der ganzen Natur. Goethe hat die Taocempfindung nachgefühlt in den Worten, die er an die Natur richtete in dem Hymnus an die Natur. Darin liegt eine Auseinandersetzung, wie er sich hineinfühlte in die Natur.
Der Mensch musste zum Sonderwesen werden, dann aber wieder verbunden werden mit der Gottheit. Das Suchen des Weges zurück zur Gottheit, das haben die alten Mystiker des Mittelalters die Vergottung genannt. Dadurch bringt der Mensch zum Ausdruck, dass er in eminenter Weise für eine Entwicklung geschaffen ist. Damit er der Vergöttlichung entgegenwachsen kann, muss das Göttliche in ihm [samen]haft vorhanden sein.
Dies zu seinem Inhalte machen, das ist ein religiöser Mensch sein. Und es wissen, was dann in der Seele lebt und sie durchströmt, das ist Theosophie. Diese ist in einer anderen Form dasjenige, was die Religionen dem Menschen geben. Sie macht ihm die Religionen verständlich. Göttliche Weisheit ist sie, das Gegenbild des Seeleninhalts, der selbst von der Wahrheit durchdrungen und durchpulst wird. In etwa waren die früheren Religionsvorstellungen Glaubensinhalt. Dieser Empfindungsinhalt muss heraufgehoben werden ins volle, helle Tagesbewusstsein. Vertiefung aller Religionen zur Weisheit, sodass sie uns ganz durchdringt mit ihrem lebendigen Gehalt, sodass die Seele dadurch das [Ziel] der Vergottung erreicht; das ist dasjenige, wozu uns die Theosophie führen wird.