The Essence of Christianity
GA 68a — 17 December 1905, Regensburg
Fragenbeantwortung
Frage: Wie steht das Christentum zu der Lehre von den wiederholten Erdenleben? Weshalb wird sie nicht offiziell gelehrt? Wie ist das Christentum dazu gekommen, diese Frage nicht zu berühren?
Rudolf Steiner: Dies hängt mit der Entwicklung des Menschengeschlechtes zusammen. In alten Zeiten, viertausend Jahre vor unserer Zeitrechnung haben es alle Menschen gewusst. Die alten ägyptischen Sklaven, die unter grausamen Peinigern die Pyramiden bauen mussten, haben sich schon daran getröstet. Zu Christi Zeiten war das Bewusstsein davon auch noch lebendig vorhanden. Auf dem Berge Tabor hat Christus Jesus seinen intimen Schülern verboten, von der Wiederverkörperung in den nächsten zweitausend Jahren zu sprechen. «Auf dem Berge» heißt «im innersten Heiligtum». Die Jünger wollten dort «Hütten bauen», das bedeutet den zweiten Grad der Chelaschaft, Jüngerschaft. Indem Jesus verklärt erschien mit Elias und Moses, zeigte er, ihnen den Zusammenhang des durchgehenden Lebens.
Elias - El = der Weg Moses = die Wahrheit Jesus = das Leben! Und sie sahen dann Jesus allein, der da ist «der Weg, die Wahrheit und das Leben» (Joh 14,6), in einer Person. Dann sagte er: «Saget es niemanden, bis dass ich wiederkommen werde.» Christus kommt wieder, wenn die Menschheit eine Stufe weiter in der Entwicklung ist. Den Mystikern war das alles bekannt. Die heutige Menschheit, die durch das äußere Christentum durchgegangen ist, hat ihre Seligkeit in der Person Jesu Christi gefunden. In der sechsten Unterrasse wird das anders sein. Angelus Silesius sagt schon:
Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren Und nicht in dir, Du wärest doch ewiglich verloren.
Das Kreuz von Holz kann dich nicht von dem Bösen Wo es nicht auch in dir wird aufgericht, erlösen.
Wenn Christus in uns zum Erlebnis geworden ist, erst dann kann Christus in einer anderen Gestalt wiedererscheinen.
Wär nicht das Auge sonnenhaft,
Die Sonne könnt es nie erblicken,
Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt uns Göttliches entzücken? (Goethe).
So kann der Mensch erst dann Christus in der Welt sehen, wo er zu sehen ist, wenn er selbst christushaft geworden ist. Bis dahin sollte die Lehre nicht gelehrt werden. Warum das so sein sollte? Das Christentum ist universell, es soll das ganze Leben durchdringen. Sollte das Leben zwischen den Erdenleben heilig gemacht werden, so musste es auch das Erdenleben heilig machen. Um nun die Wichtigkeit der Heiligkeit des niederen Erdenlebens zu erkennen, war alles daranzusetzen, es zu heiligen; darum sollte das Menschengeschlecht einmal von den vielen Erdenleben durch das Leben gehen, ohne von der Wiederholung derselben zu wissen. Das ist nun für viele erreicht.
Grundfalsch ist es, daraus den Schluss zu ziehen von der Ewigkeit der Höllenstrafen. Durch das einmalige Hindurchgehen durch ein Leben ohne Kenntnis von der Wiederverkörperung sollte der Mensch lernen, das Leben wichtig zu nehmen. Man nimmt an, dass die Wiederverkörperung nach 1500 bis 2000 Jahren für jede Seele stattfindet, und dass in diesem Zeitraum wohl alle Menschenseelen durch ein solches Erdenleben ohne Kenntnis der wiederholten Erdenleben einmal hindurchgegangen sind. Und so ist jetzt die Zeit gekommen, wo diese Lehre wieder neu verkündigt wird.
Jesus vollstreckt sein Testament. Er hat gesagt:
Siehe, Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. (Mt 28,20)
Er hat seine Christenheit bis hierher durch die Verdunkelung geleitet, nun lässt Er die Lehre wieder aufleuchten, nun, wo das Christentum in Gefahr war, zu erstarren. Die für viele neue Lehre soll das alte Christentum wieder in Fluss bringen, neue Blüten und Früchte wird es treiben, wenn es jetzt die Lehre wieder aufnimmt. Das ist ein Ideal, das sich wohl erst allmählich verwirklichen kann. Wenn nun die Lehre erst einmal als Theorie aufgefasst und angenommen wird, so wird es nicht lange währen, dass wir von den Kanzeln herab theosophische Begriffe und Gedanken hören werden. Alles Alte wird die Theosophie mit neuem, frischem Leben erfüllen, und wenn sie nicht mehr als etwas Besonderes dasteht und erscheint, dann hat sie sich selbst als Lehre überflüssig gemacht.