The Essence of Christianity

GA 68a — 11 February 1906, Düsseldorf

Die Freiheit des Menschen

Freiheit ist ein Wort, bei dem jedes Herz höher schlägt, ein Wort, dem sich die Ideale unserer besten Menschheitsbrüder zugewandt haben, für das die edelsten Geister der Menschheit Arbeit, Leben und ihr eigenes Selbst opfermütig hingegeben haben. — Freiheit ist das, wovon große Denker ausgesprochen haben, dass es etwas zu tun hat mit der ganzen Menschheitsentwicklung. Hegel nennt die Geschichte des Menschen «ein Fortschreiten der Menschen im Bewusstsein der Freiheit». Er sagt: Blicken wir auf den Orient mit seiner mächtigen Monarchie, so sehen wir, wie Unzählige schmachten in Unfreiheit und wie nur Einer frei ist. — In der späteren Geschichte sehen wir dann weiter, wie mehrere frei werden, und wie durch das Christentum jedem die innere Anwartschaft auf Freiheit ins Herz, in die Seele gelegt worden, wie ganze Volksmassen ihr Blut vergossen, um das, was das Christentum als göttliches Gut dargestellt hat, wahr zu machen. Noch tiefer liegt das Gefühl der Freiheit im Christentum. Der Herr sagte:

Ihr werdet die Wahrheit erkennen. und die Wahrheit wird euch frei machen! (Joh 8,32)

Wenn wir in die stille Studierstube des Denkers und Philosophen gehen, dann werden wir sehen, wie die tiefsten Geister es als ihre Aufgabe angesehen haben, zu erforschen, was die Freiheit des Menschen einschließt, so zum Beispiel Leibniz und Fichte. Sie fragten: Wie haben wir uns zu stellen zu diesem Mittelpunktsbegriff unseres ganzen menschlichen Seelenlebens? Ist der Mensch frei, oder steht er unter einem notwendigen Zwange? Können wir wirklich in derselben Weise uns dem Verbrecher gegenüberstellen, wenn wir wissen, dass er vorherbestimmt war zu einer bösen Tat, oder wissen, dass er frei war, dass er aus freiem Willen seine Tat begangen hat? — Es könnte wohl sein, dass, gerade weil die Frage nach Freiheit so tief liegt, sie zu den tiefsten Menschheitsrätseln gehört.

Die theosophische Weltanschauung spricht von der Fähigkeit des Menschen, durch die er seine höheren Sinne entwickeln kann. Sie schildert in ihrem Erkenntnispfade die verschiedensten Eigenschaften, Tugenden, die man sich erwerben muss, um zur Erkenntnis zu kommen; die letzte dieser Eigenschaften ist der Wille zur Freiheit. Das gehört dazu, wenn man sich höher entwickeln will. Wer sich in einer ganz natürlichen und vollkommenen Weise diesem Menschenrätsel nähern will, der muss diese Frage etwas anders stellen, als sie gewöhnlich gestellt wird. Gewöhnlich fragt man: Ist der Mensch frei, oder steht er unter einem notwendigen Zwange?

Ein großer Teil der menschlichen Denker sagt: Die Menschen sind frei; ein anderer Teil der Denker sagt: Nein, wer das glaubt, der merkt nicht, dass in irgendeiner Weise zu allem, was der Mensch tut, eine Ursache da sein muss. — In Wahrheit sagt sich ein solcher Denker, dass der Mensch unfrei ist, und, wenn er scheinbar frei handelt, doch irgendeine Bedingung dahinterliegt. Wenn nicht bestimmte Gründe zu einer Tat vorlägen, würde er sie nicht tun. Es wird hier ein Beispiel angeführt von dem Esel, der in der Mitte zwischen zwei Bündeln Heu steht und sich nicht entschließen kann, welches er fressen soll, und deshalb verhungert, weil er nicht frei ist und die Ursachen rechts und links gleich sind.

Vielleicht könnte man sagen: Freiheit ist etwas, was man sich erst erwirbt; dann ist der Mensch weder ganz frei noch unfrei. Indem er sich entwickelt zur Freiheit hinauf, da wird er immer freier. Die Entwicklung des Menschen ist der Weg zu seiner Freiheit. - Da kommen wir näher der Auffassung derer, welche die Freiheit des Menschen ansehen als etwas, was er sich erwerben kann durch Erfahrung und Erkenntnis. - Man betrachte das Kind. Bei dem kann man immer angeben, woher es zu einer Tat getrieben wird, was es unter gewissen Bedingungen tun wird. Die Frage: «Ist der Mensch frei?» ist nicht sinnvoll, wohl aber hat die Frage einen Sinn: Wird der Mensch freier durch die Entwicklung?

Beim Mechanismus können wir immer genau sagen, was nach den in ihm liegenden Kräften und Bedingungen geschehen muss. Gehen wir zur Pflanze über, so können wir nicht so bestimmt sagen, was mit ihr geschehen wird. Beim Tiere können wir noch weniger mit Bestimmtheit voraussagen, was es tun wird. So etwas wie Willkür kommt schon bei den höheren Tieren heraus. Gehen wir dann hinauf bis zum Menschen, so sehen wir immer mehr das Gebiet der Notwendigkeit eingeschränkt werden. Beim Wilden sehen wir allerdings nur einen Funken von Freiheit; aber je mehr sich der Mensch entwickelt, sodass er zu moralischen Begriffen kommt, desto weniger kann man mit Bestimmtheit voraussetzen, was er unter gegebenen Verhältnissen tut. — Bei den Führern der Menschheit kann man überhaupt nicht voraussetzen, was sie tun. Sie tun immer das, was originell ist. Wer nur ausführt diejenigen Dinge, die die Kette der Notwendigkeit bis zu ihm hinaufführt, der fügt nichts Neues zu der Entwicklung der Menschheit hinzu. Der aber fügt etwas Neues hinzu, der aus dem Born der Erleuchtung etwas hineinbringt in die Menschheit, was noch nicht da war. Originalität bewirkt den Fortschritt, und Originalität muss hinausgehen über das Gebiet der bloßen Notwendigkeit.

Den Menschen kann man so auffassen, dass wir uns ihn gliedern in die niedere Natur, die den Ausdruck in dem physischen Leibe findet; und in die höhere, seelische, geistige Natur, die anfangs nur glimmt, wie ein Funke, die aber immer deutlicher der Herrscher seines Wesens wird. Bei dem Kinde findet man manche Züge, die zum Herzen sprechen, aber viel Ähnlichkeit haben mit den Eltern, Verwandten und so weiter. Dann beginnt aber jener Funke sich zu regen, der Originalität und Freiheit ist. In dem, was da lebt, fängt das Innerste der Seele selbst an, den Menschen, das Wesen selbst, auszudrücken.

Je mehr Originalität der Mensch selbst hat, desto mehr schreibt sich das in die Züge und die Bewegungen seines ganzen Wesens. Dann tritt der Mensch heraus aus dem Innern in seine Umgebung. Erst schreibt er sein Innerstes in sein Wesen; seine Gesichtszüge, seine Gesten werden ein Abdruck seiner Seele. Je vollkommener der Mensch wird, desto mehr drückt er seiner Umgebung die Fußspuren seines Daseins auf; immer weitere Kreise beeinflusst er. Wodurch erwirbt der Mensch sich die Möglichkeit, in dieser Weise zuerst auf sich und dann auf seine Umgebung zu wirken?

Freiheit ist niemals Willkür, sondern etwas ganz anderes. - Die Triebe und Instinkte sind die reinsten Tyrannen, und wenn wir ihnen folgen, sind wir der Willkür unterworfen. Goethe sagte: Nur der ist würdig zur Freiheit, der erst die Herrschaft in sich selbst und über sich selbst errungen hat. — Erst müssen wir die Triebe und Leidenschaften beherrschen, dann haben wir eine Anwartschaft auf die wirkliche Freiheit.

Von der alltäglichen Erkenntnis müssen wir uns zu der Erkenntnis der Weltenzusammenhänge erheben. Auf verstandesmäßige Erkenntnis kommt es dabei gar nicht an, sondern auf geistig-seelische Erkenntnis; dann ist diese Erkenntnis der Beginn zur Freiheit. - Indem wir in unser Dasein hineintreten, da sind wir in einen Körper hineingeboren. Der Mensch ist schon bei der Geburt mit einer bestimmten Summe von Fähigkeiten ausgestattet und mit einem bestimmten Grade der Vollkommenheit.

Wir fragen: Woher ist das gekommen? — Da haben ihn die Gesetze der spirituellen Weltenmächte aufgebaut. Wir sind in die Welt hineingesetzt, und die Weltengesetze haben bis zu dem Punkte an uns und mit uns gearbeitet. Wir müssen uns hineinleben in die Weltengesetze; wir müssen uns erheben zu den schaffenden Kräften in der Welt. Indem wir die Weltengesetze uns zu eigen machen, da machen wir uns immer mehr und mehr frei. Erkenntnis der Weltengesetzmäßigkeit, aufgehen in den Weltengesetzen, das macht uns frei. Wer gezwungen ist zu handeln, der ist unfrei; wer aber die Weltengesetze erkennt, der wird frei. Einsehen, dass man etwas tun soll, das heißt frei handeln. So lange wir das höchste Göttliche nicht erkennen, so lange handeln wir gezwungen. Wenn wir aber das Göttliche erkennen, so handeln wir als Mitwisser der Gedanken Gottes: Dann werden wir frei.

Meister Eckhart meinte das, als er in seinem Sinne so schön und gewaltig von der Freiheit sprach. Darin ist so manches, was mit einer wunderbar intimen, feinen Gewalt loslöst aus dem Menschen das Verständnis für die Freiheit. Es ist dem, der erfüllt ist von Gotteserkenntnis, unmöglich, das Böse zu tun; es wird für ihn das gute Handeln zu einer Selbstverständlichkeit.

Schiller hat in seinen Briefen «Über die ästhetische Erziehung des Menschen» einen reinen Begriff der Freiheit entwickelt. Das Ganze gipfelt darin, den Menschen einen Begriff zu geben von der Freiheit des Menschen.

Schiller hat sich in einem Epigramm sehr scharf gegen den Tugendbegriff Kants gewendet, der die Niederzwingung der Instinkte und Leidenschaften als notwendig ansah.

Wenn der Mensch nach dem Tugendbegriff Kants handelt, dann ist er ein Sklave seiner Ideale, der Vernunftnotwendigkeit. Folgt er blind seinen Trieben und Leidenschaften, so ist er ein Sklave seiner niederen Natur. In beiden Fällen ist der Mensch nicht frei; er wird erst frei, wenn er den mittleren Zustand zwischen den beiden zu erringen vermag. Diese Auffassung der Freiheit macht die intime Vornehmheit von Schiller aus. Erst der Mensch ist frei, der seine Triebe und Instinkte so veredelt hat, dass er gar nicht anders will, als das tun, was die Pflicht gebeut. Der Mensch folgt dann, indem er seinen Leidenschaften folgt, den höchsten sittlichen Idealen.

Sinnlichkeit und Sittlichkeit, Natürlichkeit und Geistigkeit begegnen sich dann in einem solchen Menschen. Solch einen Zustand erwirbt man durch eine innere Arbeit an sich selbst. Solchen Zustand hat man genannt: Enthusiasmus, das heißt in Gott sein; so geläutert haben seine Instinkte und Leidenschaften, dass selbst die niedersten Triebe nur das wollen, was sie unter dem göttlichen Weltgesetze wollen sollen.

Der Mensch ist bis zu einem gewissen Grade frei, insofern er seine Instinkte und Begierden geadelt hat, und unfrei, insoferne er das noch nicht getan hat.

Die Kunst soll dienen zur Erziehung des Menschen zur Freiheit. — Das Auge, eine sinnliche Anschauung vermittelt den Genuss bei den Kunstwerken; aber aus dem Kunstwerk leuchtet auch noch die Seele hervor. Indem wir mit den Sinnen schauen, da fließt zugleich Geistiges in uns hinein. Die Kunst soll die Sinnlichkeit des Menschen zur Geistigkeit erhöhen, ihn vertiefen.

Es ist ein Werden des Menschen von der Unfreiheit zur Freiheit. Unter den Erziehungsmitteln, die zum Eintritt in die geistigen Welten führen sollen, wird auch angeführt der Wille zur Freiheit.

Viele Fragen sind falsch gestellt worden; sie müssen richtig gestellt werden: so auch die Freiheitsfrage. Sie muss auch richtig gestellt werden, dann versteht man auch, wie die Gesetze von Reinkarnation und Karma wirken. Der Mensch muss anfangs erst lernen, seinen Körper als Werkzeug zu gebrauchen, um mit der Umwelt in Verbindung zu treten. Wie er sich selbst als niederen Menschen gebrauchen kann, muss er lernen. Durch viele Leben lernt er den Weg zur Freiheit, den Weg zur Entfesselung der tiefsten Natur des Menschen, das Einleben in die göttliche Natur. Es gibt eine Ruhe und Sicherheit, das Leben in der Freiheit. Der Philosoph Fichte hat das der Seele Kraft gebende Wort gesprochen: «Der Mensch kann, was er soll; wenn er sagt, dass er nicht kann, so will er nicht.»

Wir müssen erst wollen lernen; unsere Tat wird frei, wenn unser Wille von Erkenntnis durchdrungen ist. Die Freiheit wächst in dem Menschen durch fortwährendes Aufnehmen von Erkenntnisinhalt. Wir saugen solche Kraft ein, wenn wir die Weltengesetze in der richtigen Weise ansehen lernen. Geist und Gesetz müssen in der Welt sein, wenn wir Geist und Gesetz in der Welt finden sollen. Wir holen die Gesetzmäßigkeit aus der Welt heraus; darum muss die Weltgesetzmäßigkeit schon da sein. Will der Mensch Gedanken denken über die Welt, dann muss [die Welt] nach Gedanken gebaut sein. Diejenigen, die die Welt geformt haben, die haben zuerst die Gedanken in die Welt hineingelegt.

Derjenige wirkt als bewusstes Wesen in der Weltenfreiheit, der die Gesetze der Welt erkannt und sich angeeignet hat, und der ein Gehilfe der Götter in der Welt wird. Durch Erkenntnis der Gesetzmäßigkeit werden wir frei; dann können wir bewusst handeln.

Die Freuden sind Gaben für die Gegenwart; aber die Leiden lernt man schätzen, wenn sie vergangen sind, denn die Leiden sind Quellen der Erkenntnis. Ein Gott, der die Leiden aus der Welt nähme, würde den Menschen keinen Dienst tun. Der Leidensweg ist der Erkenntnisweg, und nur die Erkenntnis macht uns aber frei.

Nur der verdient sich Freiheit und das Leben, der täglich sie erobern muss. (Goethe)

Entwicklung ist der Weg zur Freiheit. Christus nannte sich den Weg, die Wahrheit — Erkenntnis — und das Leben - Entwicklung. (Joh 14,6)

Als Grundsatz muss dem Menschen dienen: «Stirb dem Niederen und erwecke das Höhere.» «Stirb und werde», das ist es, was immer durch die ganze Menschheitserziehung zur Entwicklung der Freiheit gewirkt hat.

Das Bibelwort besagt das; es sagt uns die große, ernste, erlösende Wahrheit, dass, indem wir uns durchdringen mit dem Wollen der Gesetzmäßigkeit, wir uns zu großen Mitwissern machen des Weltengeschehens. In dem Sinne sagt der Christus Jesus:

Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen! (Joh 8,32)

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