The Essence of Christianity

GA 68a — 21 February 1906, Leipzig

Die Weisheitslehren des Christentums

Zwei Vorurteile bestehen gegen die Theosophie, erstens wird sie angeklagt, unwissenschaftlich zu sein — darauf werde ich später eingehen in meinem Vortrage über «Haeckels Welträtsel und Theosophie» —, zweitens wird ihr vorgeworfen, sie bringe die Menschen von ihrer Religion ab, namentlich dem Christentum.

Wie steht die Theosophie zu Christus? Die Art, wie bisher die christliche Religion gelehrt wurde, entsprang kindlichen Vorurteilen. Der Strebende aber lässt sich damit nicht genügen; er muss darüber hinauskommen. Viele von ihnen haben durch die Theosophie ihr Christentum wiedergefunden. Sie lernten durch die Theosophie den Weisheitskern desselben finden; denn Theosophie und Christentum sind vollständig vereinbar. Unsere ganze abendländische Kultur, das Arbeiten unserer großen Denker, alle die Künstler auch, erhielten durch das Christentum ihr Gepräge, sind durchströmt von der Quelle des Christentums. Die Theosophie hat den Wahrheitskern darin zu entfalten.

Dass dies ihr Zweck ist, sprach auch 1904 auf dem Kongress in Chicago der bedeutende indische Brahmine Chakravarti aus: Der Materialismus hat alle Kreise, auch das indische Volk, ergriffen; die Theosophie hat uns die Möglichkeit gebracht, wieder zum alten Wahrheitsideal zu gelangen; sie hat einen Weltenberuf, So hat sie eine Mission allen Religionen gegenüber, auch dem Christentum. Einst nahmen wir gläubig und einfach den Glauben der Vorfahren an. Durch die Wissenschaft sind viele Zweifler geworden. Wenden sich die Gläubigen nun der Theosophie zu, — wird sich ihnen etwas ganz Neues eröffnen, die Zweifler oder Ungläubigen werden wieder zum Christentum zurückkommen, die unendliche Größe desselben erkennen. Alle Religionen haben denselben Wahrheitsgehalt; nur hat das Christentum die alte Weisheit in bester Form zum Ausdruck gebracht.

Was ist dieser Wahrheitsgehalt? Lassen Sie uns zunächst aus den Schriften des Neuen Testaments das Johannesevangelium herausgreifen. Das Christentum geht aus von der Wahrheit, dass außer dem niederen es noch einen höheren Menschen in uns gibt, dass dieser höhere Mensch durch Vertiefung, Versenkung, durch Einfügung in die Seele, aus dieser heraus geboren werden kann. Der Alltagsmensch strebt, seinen Begierden, seinen Neigungen zu folgen, der andere sucht sich zu veredeln, ist bestrebt, dass von diesem höheren Menschen etwas sichtbar werde. Auf zweifache Weise kann die göttliche Natur in uns erweckt werden: Niedere Weise: indem die moralischen Neigungen geweckt werden; höhere Weise: in einem immer höheren Aufstreben nach der göttlichen Natur in uns.

Höhere Natur ist erst nur in den Anfängen bei uns bemerkbar; die niedere Natur teilen wir ein in: erstens: physischen Körper, zweitens: Ätherkörper, drittens: Astralkörper.

Die höhere Natur teilen wir ein in: Manas, Budhi, Atma. Was ist Manas? Genau übersetzt ist es «geistiges Selbst». Jeder macht sich Gedanken und sucht die Welt außer ihm zu verstehen, auf seine Weise. Ich meine da nicht nur die Gelehrten, sondern einen jeden; der Bauer hinter dem Pfluge macht sich seine Begriffe, hat seine Gedankenbilder. Wenn aber nicht Weltgedanken vorhanden wären, ursprüngliche, der Mensch würde keine Gedanken haben, sie erstehen nur in ihm als Gedankenbilder.

Um den Geist selbst zu entwickeln, ist ein Erkalten und ein Erwärmen nötig, und da kommen wir zum zweiten Element, zu Budhi, das ist die Liebe. Wir müssen die Dinge der Geisteswelt vergleichen mit den Dingen außerhalb. Ein Vergleich auf dem sinnlichen Gebiet ist zum Beispiel die vom brütenden Vogel ausstrahlende Wärme, um neues Leben ins Dasein zu rufen. Das ist eine Wollust. Wir können auch von geistiger Wollust reden beim Herausarbeiten der Gedanken. Das Geborenwerden der Gedanken, das ist das Element der geistigen Liebe. Jeder Künstler kann es Ihnen aussprechen. Jeder kann es empfinden, der originelle Gedanken hinaussendet in die Welt. Die großen Führer der Menschheit kannten sie alle.

Nehmen wir den Größten: Christus Jesus. Er war durchströmt von dieser geistigen Sonnenglut, von dieser Liebe. Das machte diese Gedanken zu Kräften. Dies nennt man Budhi oder Chrestos; oder das Christusprinzip. Das ist also Budhi! Das dritte Element ist Atma, der Vater. Der kommt erst allmählich im Menschen zum Durchbruch; und durch Arbeit kann ein jeder erreichen, dass die drei in ihm zutage treten. Das bedeutendste Ereignis in der Weltgeschichte war die Erscheinung dieses Christus Jesus; das Wahrheitsprinzip wurde uns durch ihn zur Erkenntnis gebracht.

Früher gab es Einweihungsschulen — bei den Ägyptern, den asiatischen Völkern, den Griechen — mit verschiedenen Stufen, die zur Erkenntnis führten, zur neuen Geburt.

Erste Stufe: Der Mensch muss die Erkenntnis erlangen, zwischen Höherem und Niederem in der Welt zu unterscheiden; zum Beispiel die Pflanze braucht zu ihrer Ernährung den mineralischen Boden, also das unter ihr stehende Reich; die Tiere bedürfen des Pflanzenreichs. Sie könnten zum Pflanzenreich sagen: Dir verdanken wir unser Dasein. Und der Mensch? Ihm sind alle Reiche dienstbar; und dankbar muss er ihnen sein, diesen Reichen. So sehen wir: Einer muss die niederen Dienste tun, um dem Höheren zu dienen. So muss der Mensch das Dankgefühl entwickeln gegen alles, was unter ihm ist, was ihm dient. Und derjenige, der groß sein will, muss Diener sein. Symbolisch ist diese erste Stufe der Einweihung ausgedrückt in der Fußwaschung. Das ist ein SichBücken, um in freier Art allen Diener zu sein.

Zweite Stufe ist, dass man Festigkeit in sich entwickelt, dass man unempfindlich wird für alles, mit dem wir von außen angefeindet werden, das heißt: Backenstreiche aushalten, Geißelung, alles so ertragen, dass wir fest bei alledem stehen.

Dritte Stufe ist, dass man innerlich ruhig bleibt bei allem, was die Welt uns entgegenbringt, Verachtung wie Hohn. Das bedeutet symbolisch die Dornenkrone.

Die vierte Stufe erreicht man, wenn man dem eigenen Leib gegenüber so wird wie irgendeinem fremden Körper gegenüber. Dann ist die Seele reif, ihr selbstständiges Leben zu führen; dann lebt sie nicht mehr in dem Körper, sondern nimmt diesen wie eine Bürde auf den Rücken: Kreuztragung.

Fünfte Stufe: Alles wird nun objektiv für den Menschen; allem gewöhnlichen Leben stirbt er ab. Da erleidet er den mystischen Tod, und da wächst er zusammen mit der ganzen Erde; und dies ist die sechste Stufe oder der sechste Akt: Das Begräbnis.

Die siebte Stufe ist Auferstehung und Himmelfahrt.

Alles das muss der Eingeweihte erleben; dann hat er den höheren Menschen in sich auferstehen lassen. Dies vollzog sich in den Mysterienstätten; erst im Tempel und dann durch jahrelangen Umgang mit Eingeweihten. Er vollzog sich aber nur im Astralleib. Jetzt nun soll es sich auch im Ätherleib vollziehen, das heißt, auch der Ätherleib muss mit dem Astralleib von dem physischen Körper befreit werden. Dazu gehörte ein Schlafzustand.

Wenn der Mensch schläft, ist nur der Astralleib befreit. Aber im lethargischen Schlaf, da konnte der Ätherleib frei gemacht werden. Drei Tage dauerte ein solcher Schlafzustand; dann wurde der Schlafende erweckt; er war nun auch von dem Ätherleib befreit und der Chrestos war in ihm erwacht.

Während solchen Schlafes trat er in das übersinnliche Leben hinein. Das Übersinnliche war nun ein Sieger über das Sinnliche.

Wer war es, der dies wissen konnte? Die, die es geschaut hatten! Selig waren sie geworden, sie hatten Geist mit der Seele durchdrungen. Das war vorchristlicher Zustand. Jetzt aber kam etwas Neues; dies alles spielte sich als ein geschichtliches Ereignis in Palästina ab. Jetzt erlebte der physische Erdenleib dies alles. Das Symbol wurde hier eine Wirklichkeit, eine Wahrheit. An dieser Persönlichkeit, diesem Christus Jesus, konnten sie es erleben, die da glaubten, auch wenn sie nicht schauten. Früher konnten nur die selig werden, die es in den Mysterien geschaut hatten; jetzt konnte sinnliches Auge es erleben durch den Glauben an die Erscheinung.

Die Weisheitslehren sind überall gleich; Christus Jesus aber brachte das innere Erleben zur äußeren Anschauung. Und daher konnte er sagen:

Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. (Joh 14,6)

Früher war Logos Lehre; er machte Logos zum Leben. Die christlichen Mystiker des Mittelalters erkannten das. Meister Eckhart drückte es so aus:

Die meisten Menschen schauen Christus so an, wie man eine Kuh liebt. Man muss ihn erst in sich aufleben lassen, damit man ihn in der Außenwelt erkennen kann.

Für Tauler war Christusleben keine Theorie, ihm waren diese Tatsachen ein Tatsächliches. Um also diese Tatsachen zu verstehen, muss man erst den inneren Christus erlebt haben. Am schönsten hat dies zum Ausdruck gebracht Angelus Silesius. Der sagt:

Der Leib muss in der Seele aufleben, die Seele aber muss in Gott aufleben, willst du in Seligkeit leben. Und an anderer Stelle:

Wäre Christus hundertmal in Bethlehem geboren und wäre es nicht in dir, du wärest ewiglich verloren.

Warum nun trat dieser Glauben ohne das Schauen an Stelle der alten Einweihung? Weil es eine Notwendigkeit des äußeren Menschen geworden war. Zur Zeit, als die Pyramiden und andere uns als Wunderwerke erscheinende Baulichkeiten erstanden, da hatten sich die Weltenkräfte im Menschen ausgebildet. Jetzt musste der Geist in der physischen Welt sich ausbilden; das geistige Auge musste geöffnet werden. Wo sind aber die Weltenkräfte, die physischem Kräfte des Menschen geblieben? Sie sind zurückgegangen, haben sich zurückgebildet, wie ein Auge sich zurückbildet, wenn es nicht in Tätigkeit bleibt - Tiere zum Beispiel in der Kentucky-Höhle.

In den ersten 2000 Jahren des Christentums trat die Lehre vom Karma zurück. Auf dem Berge Tabor («Berg» gleichbedeutend mit der Einsamkeit, der Zurückgezogenheit von den Menschen) legte Jesus seinen Jüngern, seinen intimsten Schülern, Petrus, Jakobus und Johannes, etwas aus und führte sie in das Heiligtum. Er zeigte ihnen etwas, was sie nur außerhalb ihres Körpers sehen konnten, Elias und Moses. Sein Testament sprach ihnen von Reinkarnation und Karma, von seiner Wiederkehr: «bis ich euch wiederkehre» (Mk 9,9). Was ist diese Wiederkehr? Das Aufleben des Christus in der Seele des Menschen. So lange die Menschen in der Sinnenwelt leben sollten, so lange genügte es, wenn ihre geistigen Bedürfnisse durch das Anschauen der geschichtlichen Ereignisse befriedigt wurden. So steht die Theosophie nicht feindlich, nicht gegnerisch dem Christentum gegenüber, sondern sie will Dienerin des Christentums sein.

German original of The Wisdom Teachings of Christianity · ← Previous · Next →