The Essence of Christianity

GA 68a — 22 April 1906, Munich

Germanische und Indische Geheimlehre

Es sind jetzt einige Jahrzehnte, seit man begonnen hat, in einer gewissen Art wissenschaftlicher Methode die verschiedenen Religionen zu vergleichen. Denen, die sich dieser Vergleichung hingeben, fällt es auf, wie viel Übereinstimmung, ja gewissermaßen Gleiches in den verschiedenen Religionen liegt. Die verschiedensten Beweise werden angeführt dafür, dass ein gewisser Kern der Anschauung ihnen allen zugrunde liegt, den indischen wie den germanischen, den vorderasiatischen wie den griechischen, ja schon bei den unzivilisierten Völkerschaften Afrikas wie Nordamerikas ist er zu finden. Die kindlichen Anlagen der verschiedenen Völkerschaften haben in gleicher Weise gewirkt und in gleicher Weise sich Aufklärung geben wollen über die Seele, Welt und Gott; denn überall unterliegt der Mensch der gleichen Ohnmacht gegenüber dem drohenden Schicksal. Die sogenannte Aufklärung nimmt an, das Volk habe in die Naturerscheinungen göttliche Wesen und Kräfte hineingedichtet; sie geht von dem Standpunkt aus, dass alle Religionsbekenntnisse kindliche Phantasien seien und dass endlich jetzt die Völker in das denkende Zeitalter eingedrungen, wo man endlich wisse, wie diese Dinge aufzufassen seien.

Ein gründliches Eindringen belehrt uns aber eines anderen. Indem wir den indischen und germanischen Geisteskreis vergleichen, werden wir darüber klar, dass vor einer gründlichen Forschung jene Lehre von Phantasiegebilden nicht standhält. Je tiefer man eindringt, desto mehr fällt jene Hypothese der Aufklärung zusammen, und zwar beweisen zwei Dinge, dass es mit ihr nichts ist: Erstens: In den kindlichen Vorstellungen anerkannt wilder Völkerschaften entdecken wir einen tiefen Sinn. Je unbefangener wir sie betrachten, desto tiefer erscheinen uns solche Volksreligionen; Bilder und Tiere sind da der Inhalt von Vorstellungen, welche einen unendlich tiefen Sinn haben.

Zweitens: Das Volk dichtet nicht in der Weise, wie [es] sich die Herren am grünen Tisch der Gelehrsamkeit vorstellen. Das Volk personifiziert nicht Naturerscheinungen. So hat man die Sage des Indra, von welchem erzählt wird, dass er auszog mit sieben Priesterweisen, um eine Anzahl von Kühen, die ihm entronnen, der Kultur zurückzuerobern, so gedeutet, als ob der Gott Indra die Morgenröte, die sieben Kühe die Finsternis personifizieren. Ebenso hat man in Buddha den Sonnengott gesehen und gesagt, sein Leben sei eine Personifikation der Sonne — kurz, das Volk dichte sich die Naturerscheinungen in Personen um.

Eine solche dichtende Volkspoesie gibt es nicht. Nur wer dem Volk fremd gegenübersteht, kann auf solche Anschauung kommen. Wer tiefer eindringt, wird sich immer mehr vertraut machen mit dem, was die Geistesforschung der Geheimlehre lehrt.

Die kindlich religiösen Vorstellungen gehen aus von reinen höheren Geistesvorstellungen und davon, dass eine gemeinsame, ähnliche Anschauung den verschiedenen Mythen zugrunde liegt. Diese Lehre nennt man die Geheimlehre der Menschheit. Sie ist immer getragen worden von den großen geistigen Führern der Menschheit. Nicht von der dichtenden Volkspoesie, sondern von den großen Eingeweihten rühren die Religionen her.

Die Urweisheit ist dieselbe, nur gliedert sie sich nach den Anlagen und der Begabung der verschiedenen Völkerschaften; so finden wir eine andere Form für die griechische Halbinsel, andere für amerikanische, indische, germanische Völker. Die verschiedenen Bilder sind den verschiedenen Lebensweisen und Begabungen der Einzelnen angepasst.

Die tiefe geistige Grundlage verrät uns, dass eine geheime Uroffenbarung allen diesen Religionen zugrunde liegt. Vielen scheint zwar diese Wahrheit unglaublich, aber nur wegen Unbekanntschaft mit den Tatsachen, die scheinbar unvollkommen sind, weil die großen Führer ihnen nur einen solchen Ausdruck geben können, wie er verstanden wird.

Interessant in der Entwicklungsgeschichte der Völker ist die sehr allgemeine Geheimlehre der Grund-Urzeugung.

Obschon es eine Sünde gegen den heiligen Geist des modernen Monismus ist, den Menschen als eine zweigliedrige Wesenheit anzusehen, und man riskiert, ein Dualist genannt zu werden, so lässt sich trotz des einheitlichen Urgrundes, der natürlich dem zugrunde liegt, was wir «Mensch» nennen, doch die Zweigliedrigkeit seines Wesens ebenso berechtigt nachweisen wie das Bestehen des Wassers aus Wasserstoff und Sauerstoff, Die zwei Stoffe sind bei aller Einheit des Ganzen in ihm vorhanden. So kann man auch zeigen, dass höheres und niederes Selbst des Menschen einen gemeinsamen Urgrund haben. Wie des Menschen Wesen sich äußert, wie er lebt, strebt und arbeitet, das zeigt sich in einer Zweiheit, wie das Wasser in der Zweiheit von Wasserstoff und Sauerstoff. Wir unterscheiden daher:

Erstens die niedrige Natur, welche mehr leiblich, mehr von der niederen Natur des Stoffes ist.

Zweitens die höhere Natur, welche mehr geistig, mehr von der höheren Natur des Geistes ist.

Entwicklung besteht in der Adelung der niederen Natur. Populär hat sie keiner besser dargestellt als Schiller in seinen «Ästhetischen Briefen», wo er sagt: Der Mensch ist auf der einen Seite der Naturnotdurft unterworfen, er ist ihr Sklave, solange er an ihr hängt, aber er ist auch Sklave der ehernen Vernunftnotwendigkeit. Der erst erwacht zur Freiheit, der die niedere Natur durch die höhere Natur adelt. Nicht der steht hoch, der die niedere Natur verleugnet, sondern der sie so adelt, dass er sich ihr überlassen kann.

Die Geheimlehre lehrt, dass der Mensch durch die geistige seine sinnliche Natur überwindet und sein Wesen so verwandelt, dass er einen neuen Eindruck der Geistigkeit bekommt. Die Mystiker sagen es oft: Der Mensch ist eine kleine Welt, und was ihn umgibt, die große. Er enthält alles im Kleinen, was die große Welt um ihn hat. Schiller schreibt es an Goethe in dem ersten Briefe:

Sie nehmen die ganze Natur zusammen, um über das Einzelne Licht zu bekommen; in der Allheit ihrer Erscheinungsarten suchen Sie den Erklärungsgrund für das Individuum auf. Goethe wollte den Menschen als Mikrokosmos gegenüber dem Makrokosmos, der großen Welt, angesehen wissen. Paracelsus hat es in dem schönen Bilde ausgedrückt: Wenn wir die einzelnen Naturerscheinungen draußen betrachten, so erscheinen sie wie Buchstaben, der Mensch als das daraus zusammengesetzte Wort. Alles, was zerstreut draußen im Großen ist, ist im Kleinen der Mensch.

Im Sinne der Geheimlehre ist der Kampf, der im Menschen durchgekämpft wird und zuletzt seine Läuterung erhält, ein Abbild des großen Kampfes in der Natur draußen. Wie im Menschen die niedere Natur des Physisch-Sichtbaren der geistigen des Unsichtbaren gegenübersteht, so stellt die Geheimlehre der Natur des sichtbaren Universums - Steine, Pflanzen, Tiere — als Zweites die Kräfte der Natur gegenüber, die in den einzelnen Dingen verborgen sind.

Der göttliche Wesensteil des Menschen entspricht auch da einem göttlichen Teil. Die Geheimlehre unterscheidet auch da Sichtbares und Unsichtbares, Physisches und Geistiges. Der Mensch vor Ihnen scheint das zu sein, was äußerlich seinen plastischen Ausdruck findet, aber durch tieferen Anlass, im Ausbruch seiner Leidenschaften enthüllen sich die Kräfte seiner niederen Natur. So findet auch die Natur außen wie der Mensch in seinem Körper einen plastischen Ausdruck in physischen Gebilden, in denen ebenso auch Kräfte verborgen sind wie in der niederen Menschennatur. Es zuckt in der Wolke der Blitz. Die Geheimlehre zeigt nicht nur diesen Vergleich als zugrunde liegend, sondern auch, dass die göttlichen Wesenheiten in der Natur urverwandt sind mit dem, was im Menschen als sein Geist waltet und lebt. Dasselbe, was die Adelung der niederen Menschennatur bewirkt, dasselbe hat draußen in der Natur das Niedere überwunden. Mineral, Pflanze, Tier sind der plastische Ausdruck der Gottesnatur in absteigender Linie, während die unsichtbaren Geister in der Natur für die Geheimlehre den Aufstieg in die höhere Natur bedeuten. Sie sind weiter vorgeschrittene Wesenheiten als der Mensch. Tiere, Pflanzen, Mineralien sind auf absteigender Bahn weiter fortgeschritten.

Ein Bild dieser Herunterentwicklung gibt die Steinkohle. Sie ist Stein, ein Mineral. Vor Jahrmillionen war sie ein Teil von lebenden Wesen, Pflanzen. Große Wälder sind untergegangen und zu diesen Steinmassen geworden. Was einst Lebewesen war, ist Versteinerung geworden. Das gibt die Naturwissenschaft zu.

Im Meeresbecken sind Kalkgebilde mannigfaltig zusammengewürfelt, entstanden durch Tiere, welche Kalkschalen abgesondert haben. Hier finden wir weite Kalkmassen, von Lebewesen zubereitet. Das Tote ist nichts anderes als ein Produkt des Lebens.

Man fragt: Wie geht das Lebendige aus dem Toten hervor?

In Wahrheit geht nicht zuletzt das Lebendige aus dem Toten, sondern alles Tote aus dem Lebendigen hervor. So ist selbst der Bergkristall eine Herausgliederung aus dem Urlebendigen.

Wenn wir die Tiere abwärts verfolgen bis zu den Fischen, so finden wir endlich Knorpelfische, die noch keine Knochen herausgebildet haben. So hat auch der physische Mensch Vorfahren, die Knorpel statt Knochen hatten, die noch nicht so beschaffen sind, dass bei ihnen der Versteinerungsprozess begonnen hat. Wie der Menschenknochen zu Stein wird, so sind auch Granitmassen aus ursprünglich weichem Lebendigem hervorgegangen.

Wo kommt alles her? Aus ursprünglich lebendiger Organisation, und diese aus ursprünglicher Geistigkeit. — Die Überwindung des Niederen durch das Höhere finden wir überall, auch draußen. Das Niedere hat sich abgelöst, indem das Höhere sich herauslöst.

Dann aber muss es eine große Einheit geben: Wie zwischen dem Geistigen und Physischen im Menschen, so auch eine große Einheit zwischen der großen Geistigkeit und der niederen Natur draußen.

Diese Einheit bringen die verschiedenen Glaubensbekenntnisse zum Ausdruck. Wie es klar ist, dass einstmals diejenigen kämpfende und strebende Wesen waren, die heute die niedere Natur zurückgeworfen haben, so sind die Eingeweihten einfach Vorgeschrittenere als ihre Brüder; sie haben den Kampf überwunden und wissen deshalb mehr.

Auf dem Grunde aller Bekenntnisse finden wir die Voraussetzung des Kampfes der höheren Natur gegen die niedere und die Überzeugung, dass es Eingeweihte gibt, die die Führer der Menschheit sind. — Wie ist bei den germanischen Völkerschaften die Geheimlehre zum Ausdruck gekommen? Auch da finden wir die Deutung, das Volk habe gedichtet, die Naturkräfte versinnbildlicht.

Eine Grundlage für die theosophische Weltanschauung finden wir in einem Werke Ludwig Laistners: «Rätsel der Sphinx» über Mythenforschung. Wie so oft der Theosoph von dem Nichttheosophen am meisten lernen kann, dürfen wir hier von seinen Grundprinzipien ausgehen. Gehen wir von einer einfachen Volkssage aus, von der Sage über die Mittagsfrau. Sie lebt in den verschiedensten Gegenden und hat folgenden Inhalt: Wer früh morgens auf das Feld geht, um zu arbeiten, und versäumt, zur gehörigen Stunde, in der Mittagspause zwischen zwölf und ein Uhr, nach Hause zu gehen, dem erscheint die Mittagsfrau und stellt ihm Fragen, die schwer zu beantworten sind, über Leineweben, Flachsbau und dergleichen auf seine Tätigkeit Bezügliches. Die ganze Zeit der Mittagspause werden Fragen an ihn gestellt, die er alle beantworten muss. Verfehlt er auch nur eine, so kommt sie mit der Sichel und schneidet ihm den Hals ab. In manchen Gegenden heißt es, man könne sich ihrer entledigen, indem man das Vaterunser hersage, aber nicht so einfach, nicht von vorne, sondern von hinten müsse es aufgesagt werden. — Es besteht in Bezug auf diese Sage noch der Spinnstubenspruch: «Du fragst wie die Mittagsfrau.» Laistner deutet folgendermaßen: Diese Sage hat ihren Ursprung in jenem Zustande, der in dem Menschen herbeigeführt wird, wenn er draußen auf dem Felde bleibt und etwas einschläft. Dann wirkt die Umgebung so, dass immer in ähnlicher Weise der Traum diese Form annimmt. Laistner verfolgt alle diese Sagen bis zum Rätsel der Sphinx. Es ist dieselbe Fragepein, die sich bei dieser findet. Dazwischen liegt eine ganze Welt von Mythen und Sagen. Sie hat nichts mit Volkspoesie zu tun, sondern erklärt sich aus dem, was der Traum bei dem Schläfer leistet. Der Traum ist der Hauptsymboliker. Man fängt im Traum einen Frosch, wacht auf und hat den Zipfel der Bettdecke in der Hand. Sagen und Mythen haben ganz einfach in der Traumphantasie ihren Ursprung. Von da hätte Laistner nur noch einen Schritt bis zur theosophischen Auffassung gehabt, nach der es nicht nur den gewöhnlichen Alltagsbewusstseinszustand gibt, sondern noch einen andern Bewusstseinszustand, der wie die Traumbilder den äußern Dingen einen anderen Sinn gibt: Den Zipfel der Bettdecke in das Bild eines Frosches umgewandelt. Der Traum, ein Mittel der okkulten Entwicklung, gibt Sinnbilder einer höheren geistigen Welt. Dann entsteht gegenüber diesem gewöhnlichen Traumzustand ein höherer Bewusstseinszustand, in dem der Mensch in seinem Bewusstsein sinnlicher Wahrnehmer wird. Was für den Menschen hineinleuchtet in das dämmernde Bewusstsein aus dem höheren Bewusstseinszustand, ist der Traum. Dieser Zustand ist auch bei den Medien in dumpfer Form vorhanden im Trance: Das Tagesbewusstsein ist ausgelöscht, und ein dämmerhaftes Bewusstsein ist eingetreten.

Alles in der Welt hat sich entwickelt, so auch des Menschen heutiges Bewusstsein. Wie in Bezug auf seine Organe, so ist er auch in Bezug auf sein Bewusstsein ein anderes Wesen geworden. Früher hatte er kein Tagesbewusstsein, sondern ein dämmerhaftes Hellseherbewusstsein. So, wie der Körper Organe hat, deren Bedeutung erlöschen, so ist der Zustand, in den der Versäumer der Mittagspause gerät, ein Nachklang des alten Hellseherbewusstseins. Es wirkt so, dass der Ungeschulte alles verkehrt sieht; die Dinge erscheinen wie im Spiegelbilde. So muss man zum Beispiel für 365 563 lesen. In dieser höheren Geisteswelt, der Astralwelt, sieht der Mensch seine Begierde. Alles, was in diesem Plan liegt, überfällt ihn in rückläufiger Richtung, in entgegengesetzter Reihenfolge. Das Volk sagt daher ganz richtig: Willst du der Mittagsfrau entgehen, so musst du das Vaterunser umgekehrt hersagen, nämlich etwas tun, was den Gesetzen dieser Welt nicht entspricht.

Es handelt sich bei diesen Sagen und Mythen um einen anderen Bewusstseinszustand. Unseren Vorfahren im Mittelalter erschienen sie in diesem Lichte erst erklärlich. Unsere Vorfahren haben ein hellseherisches Bewusstsein gehabt, die Sagen sind Nachklänge davon. Dies ist das Geheimnis namentlich der germanischen Mythe. Wer hinter die Kulissen der Natur blickt, sieht, wie die Mythe zum Ausdruck kommt.

Der Drachenkampf der Siegfriedsage ist nichts anderes als der Kampf der höheren Weisheit gegen die niedere. Die Germanen waren ein Kriegervolk, ihr Gott ein Kriegergott und ihr Kampf ein Drachenkampf.

Es findet sich das astrale Bild, hellseherisch wahrgenommen, auch in der Baldursage: Der Urkampf der älteren Brüder, der Götter, gegen die niederen, der in den Naturkräften seinen Nachklang hat. Den sieht das Volk und drückt ihn hellseherisch aus als wirkliche Überwindung des Baldur durch den blinden Hödur.

Man sagt, Baldur solle den Sonnengott darstellen, der vom Winterlichen überwunden sei. Die Sage bedeutet aber den Kampf zwischen Lichtwesen und finsteren Wesen. Der alte Germane erinnert sich an die Urzeiten, wo er die Finsternis vom geistigen Licht, wo er die Finsternisse von astralem Licht erhellt sah - Hödur bedeutet astrale Blindheit. — Das hellseherische Bewusstsein hat die Baldursage erlebt. Die Geheimlehre, welche uns sagt, dass es Eingeweihte gab, hat auch Wotan als Eingeweihten hingestellt. Es war kein göttliches Wesen, sondern ein Mensch, der sich hinaufgehoben hatte. Die Erzählung, dass er neun Tage am Galgen gehangen, sich als Schlange durch Schluchten und Klüfte zur Gunnlöd hindurchgewunden, um den Trunk der Einweihung aus dem Becher der Walküre zu empfangen, stimmt mit der alten Kreuzeinweihung überein, mit der ägyptischen Mystik. Drei Tage und Nächte ist Wotan bei der Gunnlöd als Schlange, welche die Eingeweihten bezeichnet. Mit dem Weiblichen wird die höhere Seele bezeichnet, durch die das Hinaufsteigen zu höheren Stufen vollbracht wird.

Auch die Siegfriedsage ist ein Bild der Einweihung. Siegfried erwirbt sich Unverwundbarkeit, das heißt, wird unempfindlich gegen physische Eindrücke, und dadurch Genosse der Walküre. Die Eingeweihten werden unsichtbar durch die Tarnkappe, das heißt, unsichtbar als Eingeweihte, sonst bleiben sie natürlich sichtbar (physisch).

Was ist denn die Einweihung? Jedes Volk hat seine Geheimlehre so ausgebildet, wie es seinen Sitten und Gebräuchen entspricht. Die Deutschen waren Krieger, und ein Held hieß, der auf dem Schlachtfelde gefallen war; der trat die Wanderung nach Walhalla an. Die Walküre kam ihm entgegen, das heißt, seine eigene höhere Seele kommt ihm entgegen, wenn er die Pforten des Todes durchschreitet.

«Wer nicht stirbt, bevor er stirbt, der verdirbt, wenn er stirbt», das heißt, wer jene Welt nicht vorher kennenlernt, der stirbt mit dem Tode. Einweihung ist das Vorhererleben dessen, was der Seele bevorsteht, wenn sie durch die Pforten des Todes geht. Der selige Krieger wird mit der Walküre vereint, wenn er in die Walhalla tritt: Siegfried mit Brünhild. Die Führer des Volkes kleideten die Einweihung in diese Form. Selbst in diesem Teil der Sage findet die Geheimlehre ihren Ausdruck in der Sprache, welche dem Volke verständlich ist.

Die göttliche Welt, welche ihre Natur herniedergedrückt hat, finden wir wieder in den Riesen.

Die Geheimlehre erzählt auch, wie der Zug der Völker vor sich ging. Zwischen Europa und Amerika lag der Atlantische Kontinent. Selbst der «Kosmos», eine Zeitschrift, die in Haeckel’scher Richtung schwimmt, stellt im zehnten Heft das als Hypothese hin. Sie anerkennt zwar nur die Existenz von Pflanzen und Tieren, aber das hindert nicht, dass Menschen da waren, denn die Naturwissenschaft hinkt immer hintennach.

Von da ab haben sich die Menschen ostwärts gewandt. Die bis nach Mittel- und Ostasien zogen, bilden den Grundstock des alten indischen Asiens, die Zurückgebliebenen den der Kelten und Germanen. Am meisten fortgeschritten in der Umwandlung des alten dumpfen Hellseherbewusstseins zum jetzigen sinnlichen Bewusstsein sind die Kelten. Die Germanen sind noch lange beim astralen Bewusstsein der Atlantier geblieben, als die Asiaten sich schon zum Tagesbewusstsein entwickelt hatten.

In der Epoche vor den Veden entstand die Lehre, welche sich mehr auf das gewöhnliche Tagesbewusstsein gründet. Aber nie kann der Mensch den Zusammenhang mit dem Geistigen verlieren, und so entstand dort die Sehnsucht, auf künstlichem Wege den Weg zum alten Hellsehen zu finden, so entstand dort jenes künstliche Hellsehen, das die Weisen durch innere Entwicklung erstrebten — Yoga. Demnach haben wir in Indien künstliches Hellsehen bei völligem Tagesbewusstsein, während bei den Germanen noch das alte Hellseherbewusstsein erhalten ist. Bei den Germanen bilden Mythe und Sage einen trüben Ausdruck der Geheimlehre gegenüber dem von den Eingeweihten der neueren Zeit durch künstliches Hellsehen gewonnenen. Für das Volk, das nicht mehr das Hellsehen hat, muss man in Abbildern die göttlichen Welten darstellen. Daher stammen die Götzenbilder, vom Menschen künstlich zubereitete Nachbildungen. Bei den Germanen lebten die alten Mythen noch im Volk, im alten zurückgebliebenen Symbolismus, während im alten Indien die Geheimlehre künstlich zum Ausdruck kommt durch die, welche sich aufschwingen. Was wir von Indien beziehen, ist daher mehr von verstandesmäßiger Form, aber dieselbe Geheimlehre, die in den alten germanischen Mythen viel unmittelbarer zum Ausdruck kommt.

Die Götzenbilder der Indier und die theosophische Lehre: Die Erneuerung der mehr theosophischen Lehre vom künstlichen Hellsehen in Indien geht vollständig parallel mit dem, was in Germanien in den alten Sagen noch lebt. Wir brauchen daher in Europa nichts von indischer Terminologie, wir brauchen nur das zu verstehen und wiederzubeleben, was in Europa ursprünglich ist. Wir können auf den Grund einer großen europäischen Geheimlehre kommen und werden dahin kommen.

Der Gang der Geheimlehre wird noch durch etwas anderes bestimmt. Prophetisch drückt sich der Gang der Zukunft aus in der alten germanischen Geheimlehre. Es kommt die Hindeutung auf das Christentum in gewaltiger Art zum Ausdruck. Die mit der Geheimlehre zusammenhängende Sagenforschung findet eine zusammenhängende Wahrheit in der Sage und dem Christentum. Krimhild verrät den Gatten durch Aufheften des Kreuzes. Was deutet dieser tiefe Zug an? Er deutet die prophetische Hindeutung auf das Kreuz Christi an. Siegfried, der Eingeweihte, ist unverwundbar am ganzen Leib; nur eine Stelle ist nicht unverwundbar für den großen Eingeweihten, die Stelle, an der Christus das Kreuz trägt. Durch Ausbreitung des Christentums ist auch diese Stelle unverwundbar geworden.

In Indien haben wir eine verstandesmäßig und sinnbildlich sich ausdrückende Geheimlehre, in Europa blieb bis zu Jesus Christus die alte germanische Mythe in dem astralen Ausdruck bestehen. Durch das Christentum ist die Mythe abgelöst.

Aufgabe der Theosophie ist, im Sinne dieser geistigen Entwicklung der Menschheit zu wirken, den tiefen Zusammenhang zwischen den alten Germanen und der neueren Zeit herzustellen. Wir können nicht die Kultur des Orients ohne Weiteres verbreiten, wir müssen mit der germanischen und christlichen Urkultur rechnen. Wir müssen den Grund der Geheimlehre nicht in Sanskritdogmen, sondern den Wahrheitskern in denjenigen Religionsformen suchen, die angemessen sind der europäischen Volkssubstanz, suchen, was als Ausfluss der Geheimlehre in der germanischen Sagenwelt existiert.

Das schwebte dem Künstler vor, als er durch Umbildung der germanischen Sage eine neue Kultur gegeben hat, das schwebte Richard Wagner vor, als er die alten deutschen Sagen umarbeitete.

Auch die Theosophie sucht die Spur der alten Geheimlehre, die auf dem Grunde der deutschen Sage lebt. Wer dem nachspürt, wird sich nach und nach heimisch finden in der Theosophie. Doch dürfen wir dabei keineswegs denken, wie wir’s «so herrlich weit gebracht». Denn jedes Volk hat in seiner Weise das Seinige getan. Und in diesem Sinne müssen wir im Bruderbunde Eintracht und die Harmonie der Grundlehre höherstellen als die Verschiedenheiten der Auffassung und Darstellung. Wenn wir die Wahrheit in jeder Meinung suchen, die Bruderliebe höher stellen als den Egoismus unserer Meinung, dann handeln wir im echten Sinn der theosophischen Lebensanschauung.

Bericht in den «Münchner Neuesten Nachrichten», April 1906

Theosophische Vorträge. Der theosophische Redner Dr. Rudolf Steiner hielt im Prinzensaale des Café Luitpold wieder zwei beifällig aufgenommene Vorträge über «Germanische und indische Geheimlehre» und über «Innere Entwicklung». Im ersten Vortrage suchte Redner die Ansicht zu vertreten, dass die Entstehung von Sagen und Mythen nicht auf die Personifizierung von Naturerscheinungen durch die dichtende Volksphantasie zurückzuführen sei, wie ja auch bereits Ludwig Laistner im «Rätsel der Sphinx» eine andere Erklärung der Entstehung gewisser Mythen nahegelegt habe, sondern dass der merkwürdig tiefe Sinn von Mythen und Sagen darauf hindeute, sie als den symbolischen Ausdruck von Urwahrheiten zu betrachten, die von den Naturvölkern selbst mehr intuitiv in Bildern, Symbolen erkannt, wie auch von den großen, in die « Urgeheimlehre» eingeweihten Lehrern der Menschheit in dem Verständnisse und der Eigenart der Völker Asiens, Amerikas, Afrikas und Europas angepassten Bildern dargestellt wurden. So finden wir zum Beispiel den sich im Makrokosmos wie im Mikrokosmos vollziehenden Kampf der höheren mit der niederen Natur, den geistigen Entwicklungskampf, den Urkampf, den in Urzeiten die Götter, das heißt die am frühesten um die geistige Entwicklung streitenden Wesen, gekämpft, in den Mythen vom Kampfe der Götter und Helden mit dem Drachen verbildlicht. Auch im germanischen Mythenzyklus finden wir den Drachenkampf und den Kampf mit den Riesen, den Mächten der niederen Natur. Für die kriegerischen germanischen Völker, die als höchste Tugend die Tapferkeit betrachteten, fand die Lehre vom höheren und niederen Selbst auch darin Ausdruck, dass der auf dem Schlachtfeld gefallene, durch den Heldentod erhobene Krieger nach Walhall hinaufzieht zur Walküre — seiner eigenen höheren Seele, die ihm entgegenkommt. Redner sprach sodann die Ansicht aus, dass die Theosophische Gesellschaft in Europa vor allem die Aufgabe habe, für das Verständnis der großen Wahrheiten und Schönheiten, die der germanischen Sagenwelt, wie auch anderseits für das tiefere Verständnis der Symbole des Christentums zu wirken, da die Formen des Orients nicht ohne Weiteres auf Europa übertragen werden können., Sie müsse hineinleuchten in die Urgründe des Schönen und Wahren der germanischen Sagenwelt, die der große Meister Wagner künstlerisch wieder erstehen ließ, und sie für ihre vergeistigte Welt- und Lebensauffassung verwerten, wie anderseits die Urwahrheit des der germanischen Welt gebrachten Christentums, das die alte Mythe abzulösen bestimmt war.

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