The Essence of Christianity
GA 68a — 23 April 1906, Munich
Innere Entwicklung
Im zweiten Vortrage behandelte Redner, wie schon bemerkt, das Thema «Innere Entwicklung». Zur inneren Entwicklung ist es, nach theosophischer Auffassung, erforderlich, dass der Mensch zunächst, um zur Erkenntnis des höheren göttlichen Selbst zu gelangen, alle Dinge als Ausdruck des in ihnen lebenden ewigen Urseins zu betrachten lerne und dabei das Gute in allem, unbefangen von vorgefassten Urteilen, zu bejahen und dem als Ideal erfassten Guten nachzustreben sich bemühe. Sodann müsse der Strebende, um das Geistige, Ewige im eigenen Sein zu finden, sich üben in der zur Stille, zum Seelenschweigen notwendigen Isolation, dem einsamen Leben in der eigenen Seele, ohne die Außenwelt, statt sich in der Außenwelt zu verlieren und zu zerstreuen, ferner in dem Handeln aus ureigenstem Antriebe, statt sich immer von außen treiben zu lassen, im eigenen Denken unter Beherrschung der sich aufdrängenden, von der Außenwelt nahegelegten Gedanken, in der Gelassenheit, Gleichgültigkeit gegen Freud und Leid, Lust und Unlust, im Mute zur Unabhängigkeit, im Mute, streng auf sich selbst gebaut, an nichts gelehnt, allein im Leben vorwärts zu schreiten, sodann in der Gedankenkonzentration (Meditation) unter Abstraktion von den Sinneseindrücken, wozu bekanntlich in der Yogapraxis der Inder auch die Regulierung des Atems als förderlich betrachtet wird. So suchen die Mystiker allmählich die Freiheit der Gedankenruhe, die «Windstille» der Seele zu erzeugen, die die Seele ganz in sich selbst führen, ihr in Gedankenfreiheit eine neue innere Welt erstehen lassen soll.