The Essence of Christianity
GA 68a — 9 November 1906, Leipzig
Über Luzifer
Der Name Luzifer flößt manchem ein gelindes Grauen ein, und man verbindet in der Regel Begriffe von Antipathie damit. Ist das berechtigt? Der Name Luzifer bedeutet: Lichtträger, Lichtbringer. Die mittelalterlichen Anschauungen waren andere, für diejenigen aber, die sich mit dem tiefen Wissen der Welt befasst haben, bezeichnet Luzifer eigentlich etwas ganz anderes.
In das Menschenleben spielen geistige Wesenheiten hinein. Die Religionen des Morgenlandes sprechen von Deva und von Dhyan Tschohan, die westlicheren, wie das Christentum, von Engeln und Erzengeln. Demjenigen, der mit den geistigen Welten bekannt ist, bezeichnen sie etwas Wahres, Wirkliches. Es spielen höhere Wesenheiten in das Menschenleben hinein. Unter den leitenden Persönlichkeiten, den führenden, oder verführenden, versteht man auch den Luzifer.
Hier müssen wir uns den Dualismus — die Zweiheit — klarmachen, die auf allen Gebieten des Lebens spielt. Die Alten, so auch Pythagoras, sprechen von dieser Zweiheit: Licht und Finsternis, männlich, weiblich, positiver und negativer Magnetismus, viele solche Zweiheiten könnten wir anführen. — Wenn wir eine Glasstange durch Reiben elektrisch positiv machen, machen wir zugleich das Reibzeug elektrisch negativ. So verhält sich die Elektrizität des Glases zu dem des Reibzeugs zueinander wie Licht zu Finsternis. In der persischen Schöpfungssage finden wir Ormuzd und Ahriman: gute Gottheit, böse Gottheit. Alles, was die Welt vorwärtstreibt, tut für sie der gute Gott, während alles, was aufhält, zurückzieht, vom bösen Gott kommt. Den Menschen stellen sie da mitten hinein.
Erinnern Sie sich, dass alles, was es in der Welt gibt, eine gute und eine böse Seite hat. Was hat der Mensch mit seiner Kultur nicht alles dem Feuer zu verdanken. Und auf der anderen Seite, wie zerstörend wirkt zum Beispiel die Macht des Feuers in vulkanischen Erscheinungen. Deutschlands großer Dichter Schiller besang das herrlich in der «Glocke»: «Wohltätig ist des Feuers Macht ...» und so weiter.
Auch im Menschen selbst wirkt solche Zweiheit. Das eine Prinzip wurde jahrhundertelang als das Böse angesehen. Man unterschied: göttlich — gut, und: luziferisch — böse. In der Schöpfungsgeschichte wurde das luziferische Prinzip als Schlange hineingestellt. Der Mensch musste aus dumpfer Art herauswachsen, da kam die Schlange und öffnete ihm die Augen über Gut und Böse, und damit wurde dem göttlichen Prinzip ein anderes entgegengesetzt. Die alten Inder bezeichneten die Rishis als Schlange.
Wir müssen viel tiefer in die Entwicklung der menschlichen Seele hineingehen, um zu sehen, welche Wirklichkeit dem Luzifer-Prinzip zugrunde liegt. In neuerer Zeit haben die Anschauungen darüber Wandlungen erfahren. In der alten Faustsage zeigten sich diese schon. Goethe gestaltete sie um, um dem menschlichen Bedürfnis entgegenzukommen. Faust wollte sich nicht nur in die göttliche Wissenschaft vertiefen, er wollte auch einen Bund mit bösen Mächten schließen. Dann wollte er sich keiner Theologie mehr nähern, er wollte Mediziner bleiben. Er legte die Bibel hinter die Bank und das galt als Grund, [den] bösen Mächten [zu] verfallen. Bei Goethe liegt der [Kernpunkt] im zweiten Teil des Faust: «Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.» Also nichts Verderben Bringendes, sondern eine Macht wird hervorgerufen, die nicht gegensätzlich gegen die Gottheit ist.
Wollen wir diese Macht verstehen, so müssen wir uns klar werden, wie der Mensch sich in diese ihn umgebende Welt hineinstellt. Der Mensch bildet eines der Reiche, daneben haben wir das mineralische Reich, das pflanzliche, das tierische. Der Mensch empfindet sich als selbstbewusstes Wesen und trägt in sich alle diese Reiche, er ist Träger aller dieser Naturen. Einen physischen Leib hat er gemeinsam mit dem Mineral, mit der Pflanze hat er außerdem gemeinsam den Äther- oder Lebensleib. Durch seine Empfindungswelt, die als Astralleib der Träger der Leidenschaften, Triebe, Begierden ist, hat er etwas Gemeinsames mit dem Tier. So steht der Mensch in einem Wechselverhältnis zu den drei Reichen.
Der Mensch kann sein Leben nur erhalten dadurch, dass er atmet. Er zieht die Lebensluft — Sauerstoff — in sich ein, verbindet Letzteren mit Kohlenstoff in seinem Leib und atmet dieses Gift — Kohlensäure — aus. Mensch und Tier aber könnten nicht leben, wenn die Pflanze nicht fortwährend für Erneuerung dieser Lebensluft sorgte. Der Pflanze verdanken Mensch und Tier die Lebensmöglichkeit. Die Pflanze verdankt sie dem Mineral. Logisch ist es nur, wenn man diese Entwicklungsreihe über den Menschen hinaus ausdehnt, also nicht nur zu den unteren, sondern auch hinauf zu anderen Wesenheiten. Der Mensch gehört ebenso höheren Wesen zu, wie ihm niedere zugehören. Dass der Mensch höhere Wesenheiten nicht sieht, ist kein Grund, dass sie nicht existieren. Dem Menschen können höhere Sinne diese Wahrnehmung bringen.
Der Mensch ist zunächst eine Vierheit: Physischer Leib, Ätherleib, Astralleib und das Ich. Er ist ein werdendes Wesen. Wie geschieht seine Entwicklung? Ein Wilder folgt noch seinem tierischen Instinkt, er folgt jedem Triebe, der höher Stehende folgt nur gewissen Trieben und sehr hoch Stehende, sagen wir zum Beispiel Schiller, oder Franz von Assisi, folgen noch weniger den niederen Trieben, sondern wandeln dieselben um zu Idealen. Hiermit geschieht eine Höherentwicklung des astralischen Leibes. Der niedrige Mensch hat ja auch einen astralischen Leib, aber er hat noch wenig in ihn hineingearbeitet. Ein Höherstehender hebt seinen astralischen Leib aus der Tierheit herauf in höhere, edlere und vollkommenere Form. Aus zwei Teilen besteht der astralische Leib, aus dem, was andere Wesenheiten ihm mitgegeben haben, und aus dem, was er selbst hineingearbeitet hat. Das, was er selbst hineingearbeitet hat, nennen wir «Manas», Geistselbst, und wir bezeichnen damit das fünfte Glied des Menschen. Nichts anderes ist Manas als der umgewandelte astralische Leib. Der Mensch kann aber noch viel mehr, als seinen astralischen Leib verändern. Ein unentwickelter Mensch weiß nichts von Moral, Recht, Logik, er hat Manas noch wenig entwickelt.
Es gibt aber noch tiefere Veränderungen. Im neunten und zehnten Jahrhundert hatten die Menschen nicht alle so vollkommene Vorstellungen, aber das viele, was sie gelernt hatten, das haben sie in ihren astralischen Leib aufgenommen, denn er ist der Träger von alledem, was wir lernen können in der Welt. Rasch ändert sich, was wir lernen, aber langsamer ändern sich Gewohnheiten, Temperamente. Das rasch sich Ändernde könnten wir mit dem Minutenzeiger der Uhr vergleichen, das langsamere mit dem Stundenzeiger. Es gibt aber auch Gelegenheit, Gewohntes zu ändern, und damit ändern wir den Äther- oder Lebensleib: Weil er dichter ist, setzt er dem Ich mehr Schwierigkeit zur Veränderung entgegen. Soviel der Mensch seinen Ätherleib verändert, soviel ersteht in ihm «Budhi». Die Religionen sind Anleitung, wie die «Budhi» hineingearbeitet wird in den Ätherleib, während Moral nur den astralischen Leib ändert. Die Kunst im hohen Sinn tut das Gleiche wie die Religionen.
So finden Sie jetzt den Menschen mit sechs Gliedern, wenn auch Manas und Budhi nur keimhaft in ihm sind. Es gibt aber jetzt schon Geheimschulung, die den Ätherleib entwickelt. Was dem Menschen nur gelehrt wird, ist Lehre, was die Menschheit umändert, ist Einwirkung auf die Budhi, ist Geheimschulung. Ein Chela, ein okkulter Schüler, arbeitet in seinem Ätherleib.
Was aber noch kaum im Keim da ist, das ist «Atman». Es ist eine so starke Macht, dass der Mensch damit bis in seinen physischen Leib hineinarbeiten kann. Was kann der heutige Mensch in seinem physischen [Leib] wirken? Der Mensch, der sich entwickeln kann, als künstlerischer Mensch, als Chela, der kann Herr werden über seine Gewohnheiten, der Mensch aber, der dieses siebente Glied, dieses Atman, in sich hineingearbeitet hat, der lernt auch seinen Pulsschlag beherrschen. Und hiermit macht er sich des Ewigen teilhaftig. Dies ist eine Errungenschaft der Meisterschaft.
Nun steht der Mensch vor uns mit Manas, Budhi und Atman. Wir wissen nun, dass der Mensch, wir sagten das Ich, zu den drei unteren Reichen in Beziehung steht, und sehen nun, dass er zu einem über ihm stehenden Reich, dem göttlichen Reich, in Beziehung steht durch das, was er als Manas in sich hineingearbeitet hat. In diesem göttlichen Reich haben wir die Elohim, göttliche Geister, von denen die Bibel als Jehova einen nennt, zu suchen.
Durch sein Manas, sein Geistselbst, gliedert sich der Mensch den höheren Welten an. Deshalb sprechen wir von dem Menschen als einem Werdenden, einem werdenden Gott. Christus Jesus sagt: «Ihr seid Götter.» (Joh 10,34) Der Mensch wird einstmals auf seine jetzige geistige Stufe zurückblicken und er wird sich als ein Mensch vorkommen, der da ganz herausgewachsen ist.
Wenn wir an eine Entwicklung glauben, so müssen wir dies auch für andere Wesen in Betracht ziehen, und zurückschauend erblicken wir da die Zeit, wo unsere älteren Brüder, die Elohim, mit ihnen Jehova, auf einem früheren Planeten oder auf der früheren Verkörperung der Erde, diejenige Stufe einnahmen, die jetzt der Mensch auf der jetzigen Verkörperung der Erde einnimmt. Das Gesetz der Verkörperung liegt nicht nur dem Menschen, sondern es liegt allen Wesen zugrunde. Goethe spricht vom Erdgeist: «In Lebensfluten, im Tatensturm wall ich auf und ab» und so weiter. Die Erde wurde von Einzelnen als ein geistiges Wesen angesehen und die Menschen als die Glieder. Die Erde war öfters verkörpert und in ihrer vorigen Verkörperung brachte sie den jetzigen Göttern die Menschheitsstufe. Und der Mensch der Jetztzeit wird in späterer Verkörperung der Erde die Stufe seiner älteren Brüder einnehmen, die der Elohim oder Götter. Von Gott, dem Namenlosen, dem Unergründlichen, wird hier nicht gesprochen. Elohim oder Deva, deutsch besser gesagt: Geister.
Um dieses «stufenweise» anzusehen, bringe ich einen, wenn auch trivialen Vergleich: Wie wenn ein Schüler verschiedene Klassen durchmacht, so haben die Klasse, die die jetzige Menschheit durchmacht, die Götter auf der vorhergehenden Erdeninkarnation durchgemacht. In Klassen bleiben auch Schüler sitzen, und so hat es Wesen gegeben, die diese nicht ganz durchgemacht haben.
Wie stehen diese heute zwischen Mensch und Göttern? Sie sind höhere Wesen als die Menschen, aber tiefere als die Götter. Sie stehen in gewisser Weise den Menschen vertraulich gegenüber. Folgendes Gesetz besteht: Von den Grundteilen des Menschen ist ein jeder in einer Inkarnation der Erde ausgebildet. In der jetzigen Erdenverkörperung bildet sich das Manas aus, in der früheren der Astralleib. Das Wesentliche in dieser Erdentwicklung war, dass der Mensch seinen ganzen Astralleib verändert hat, dass er nichts mehr von der Tierheit an sich hat. Durch die Entwicklung des Manas kann er in Verbindung mit manasischen Wesen treten. Erst wenn Atman entwickelt ist, kann er sich selbstständig entwickeln. Heute wirken ältere Brüder, später in Budhi noch ältere und in Atman noch ältere. Die sitzen gebliebenen höheren Geister stehen in Beziehung zu dem menschlichen astralischen Leibe. Sie haben schon von dem Göttlichen gekostet. Ebenso wie in Manas helfen auch Halbgötter, uns zu durchsetzen und zu durchglühen mit Göttlichem. Wir würden in niederen Trieben gefangen bleiben, wenn es diese Anregung nicht gäbe. So werden die Leidenschaften umgewandelt zu höheren Trieben. Es gäbe nur ein kahles Reich sittlicher Grundsätze, die aber nicht im Menschen pulsieren.
Das Alte Testament hat dieses Gesetz wunderbar herausgebildet. Die Wesenheiten, die den Enthusiasmus, die Liebesglut für das Manasische hervorrufen, nennt man luziferische Wesenheiten. So ist Luzifer derjenige, der im Menschen die astralische Leidenschaft aufruft für das Göttliche. So erregt er in ihm die Teilnahme, nicht als Pflicht, sondern als Neigung, das Göttliche lieben zu lernen. Er fügt zur Unterwerfung die Selbstständigkeit hinzu. Er ist der Erreger der menschlichen Freiheit.
Frei wird der Mensch erst dadurch, dass er aus eigenem Triebe heraus dem Göttlichen folgt. Das spielt sich ab in der biblischen Schöpfungsgeschichte. Gott leitete den Menschen, er konnte nicht wählen. Da kam die Schlange, und der Gedanke kam in die Menschen, nicht nur in Gott leben sei erstrebenswert, sondern selber Gott zu werden, als Persönlichkeit das Ebenbild der Gottheit in [sich] zu tragen. Durch Luzifer — biblisch durch die Schlange ausgedrückt — wurde der menschliche Leib zum Lichtträger, wie Luzifer selbst Lichtträger war, bis Christus hereintrat in die Welt als «Ich bin das Licht der Welt» (Joh 8,12) und das Prinzip der Liebe zum Göttlichen verwirklichte. Das äußere Wissen, wissen, wie die Gesetze der Welt sind, das kommt dem Menschen nun öde vor. Dieses äußere Wissen soll unser Inneres erfassen, soll unmittelbar eingreifen als Theosophie, als selbstständige innere Erfahrung. So verankert sich Luzifer im Menschen. Diese Forschung nennt man die Schule des luziferischen Strebens. Die Menschen nennt man: Kinder des Luzifer.
Gaben die Götter die Wissenschaft, so Luzifer den Enthusiasmus.
Gott: Offenbarung
Luzifer: Freiheit.
Zu Gott haben wir Kindschaftsverhältnis, Luzifer erweckte das Gefühl des selbstständigen Wesens, der Freiheit. Die Hingabe war eine freiwillige Opferung. Es muss wie überall eine Zweiheit geben: Gott und Luzifer.
So sind die luziferischen Wesenheiten nicht umsonst zurückgeblieben, es sind diejenigen, die sich bemühen, uns aus freier Wahl zum Göttlichen zu führen. Dazu muss der Mensch auch die Möglichkeit haben, böse sein zu können. Wohl kann er ohnedem göttlich werden, frei aber nur durch freie Wahl.
Soll das Höchste frei sein, so muss es in der anderen Natur verankert sein. Auf diese Weise wirken Gott und luziferische Wesenheiten zur Vollkommenheit und zur Freiheit.
Fragenbeantwortung Frage: [Was bedeutet die] Sphinx?
Rudolf Steiner: Was heute der Verstand zu suchen sich bemüht, ist als Anschauung nichts Neues. Uralte Anschauungen unserer Voreltern stellen uns die Pyramiden dar: Vier sind die Linien, auf denen sie steht = Vierheit der menschlichen Natur, physischer Leib, Ätherleib, Astralleib mit dem Ich. Das ist das Fundament. Darüber erhebt sich das Dreieck und stellt die drei Grundteile dar, die das Ich aus der Vierheit herausarbeitet: Atman, Budhi, Manas. Die Dreiheit ist noch nicht vollendet. Wollt ihr das fühlen, dann müsst ihr die Sphinx ansehen. Sie stellt die niedere Natur dar und aus dem Auge strahlt euch das Rätsel der zukünftigen Entwicklung entgegen. Darin sucht der Mensch prophetisch seine Zukunft.
Frage: [Nicht überliefert.]
Rudolf Steiner: Zwei Niederschriften gibt es — Schriften im eigentlichen Sinne sind sie nicht —, die eine bewahrt eine Religionsgemeinschaft, eine Kirche im Verborgenen, die andere bewahrt ein Meister, ein großer Führer der Menschheit.