The Essence of Christianity

GA 68a — 27 November 1906, Düsseldorf

22. Esoterisches Christentum

Es ist heute die Zeit, in der in weiteren Kreisen bekannt werden muss, was man durch die ganze Entwicklungsgeschichte der Menschheit hindurch genannt hat: Mysterien, Mystik, die sogenannte esoterische Weisheit.

All dem, was in dem Geist der Menschheit zutage getreten ist, liegt eine tiefere Weisheit zugrunde, von der die Menschheit im Allgemeinen bisher nicht gewusst hat.

Verständigen wir uns zuerst darüber, was man unter Mysterien, Esoterik immer verstanden hat. Alles, was die Menschenkultur zustande bringt in der Welt, geht zuletzt zurück auf einige große Persönlichkeiten und führende Individualitäten. So ist zum Beispiel eine Anlage wie der Simplon-Tunnel auch zuletzt zurückzuführen auf die Geistesarbeit großer Individualitäten, die zwar nicht direkt bei dem Bau beteiligt waren, aber deren Entdeckungen auf geistigem Gebiet es möglich gemacht haben, dass andere diesen Bau ausführen konnten. Der Praktiker wird zunächst vielleicht die Meinung haben, dass aus rein äußerlicher Betätigung solche Dinge geschaffen worden sind. Es wäre der größte Irrtum, dem man sich hingeben könnte, dies anzunehmen. Nicht jene Ingenieure, die zuerst den Plan gefasst haben, nicht die Arbeiter, die ihn ausgeführt haben, sind die geistigen Urheber dieser Dinge. Gäbe es nicht das, was man höhere Mathematik nennt, wie sie von Leibniz, Newton und so weiter ausgesonnen worden ist, so hätte man niemals diese Arbeiten ausführen können! Alle diese Denker waren notwendig, um das zustande zu bringen, was man materielle Kultur nennt,

Wenn wir auf den Grund der Tatsachen gehen, dann können wir sehen, wie all die Arbeiten und Fabrikationen ohne die Seelen der Denker nie hätten zustande gebracht werden können. Ist das bei der äußeren, materiellen Kultur der Fall, so ist es das noch in ganz anderem Maße bei den geistigen Strömungen.

Was Religion und Kunst je den Menschen gebracht haben, was Staaten regiert hat als Recht und Gerechtigkeit, was als Ordnung, als Sittlichkeit gelebt hat, was Moral ist für die Menschen, alles das führt zurück zu tieferen Initiatoren der Menschheit, zu verborgenen Weisheitsstätten, wenn man den tieferen Ursprung zu suchen unternimmt.

Sehen wir uns die Kunstwerke an, die hinüberleiten über die Jahrhunderte, so finden wir, dass sie zurückführen auf tiefere Quellen. Ob man sich einen Dichter wie Dante, einen Geist wie Goethe, einen Maler wie Raffael oder religiöse Erscheinungen wie die des Christentums vorstellt, sie alle, wie alle moralischen und religiösen Strömungen, Kunst und Wissenschaft, führen in die geheimen Stätten hinein, wo im Verborgenen das gepflegt wurde, was man die Mystik, die Esoterik nennt.

Wie allen Religionen, so liegt auch dem Christentum eine Esoterik zugrunde. Es ist nur kurzsichtig, wenn die Einwendungen gemacht werden, das Christentum sei für «schlichte Herzen», es müsse zu den Gefühlen sprechen und für jeden verständlich sein. Das ist eine kurzsichtige Anschauung.

Alle Religionen kleiden zuletzt ihre Wahrheiten in so impulsive Sätze, dass keine Seele so schlicht sein kann, dass sie nicht zu ihr sprechen. Was aber da in dieser Einfachheit herauskommt, ist aus den Höhen entstanden, bei den sogenannten Eingeweihten. Eingeweihte hat es immer gegeben. Im alten Indien waren es die Rishis, welche eine uralte Weisheit gelehrt haben. In Persien war es Zarathustra, der die Weisheit gelehrt hat. Wir können nach Griechenland, nach Ägypten, nach Rom gehen; überall finden wir eine Volksreligion, aber inmitten all dieser Völker sogenannte Geistesriesen, überall der Menschheit unbekannt dem Namen nach. Sie sind es, die sich zu okkulten Bruderschaften vereinigen. Wer da aufgenommen werden will, der muss strenge Proben ablegen. Die Prüfungen beziehen sich zunächst nicht auf das intellektuelle Leben; es handelte sich vielmehr darum, dass sich der Mensch durchgerungen hatte zu einem freien Charakter, wo nichts, was Gefühl und Leidenschaft ist, durchgeht mit dem Menschen. Dann musste der Mensch sich die Möglichkeit erwerben, sein Wissen niemals zu missbrauchen. Solche durch schwere Proben hindurchgegangene Menschen wurden dann zu Sendboten für die übrige Menschheit. Sie durften keine andere Gesinnung im Herzen tragen, als den Menschen zu dienen, den Menschen zu helfen. Sie mussten solche sein, die das Wort verwirklichen: «Wer der Erste sein will unter euch, der muss aller Diener sein.» (Mk 9,35) Auch im intellektuellen Streben durften sie nie, niemals nachlassen, sich durchzuringen zu den höheren Wahrheiten.

Heute wird vielfach dem gesagt, der an die Möglichkeit glaubt, die geistigen Welten zu erkennen: Wir Menschen haben Grenzen der Erkenntnis. Aber innerhalb des Mysterienkreises sagte man: Du hast Fähigkeiten, die in dir schlummern; wenn du sie entwickelst, dann kannst du zu einer höheren Erkenntnis dich durchringen. Das, wozu die Menschen durch Ausbildung ihrer inneren Anlagen entwickelt wurden in den Mysterienstätten, das nannte man eine zweite Geburt.

Man sagte, ein solcher Mensch erlebt etwas auf einer höheren Stufe wie der Blindgeborene, der operiert wird, hier in der Sinnenwelt erlebt. Diese «Operation der Seele», die Wiedergeburt im Geiste, die wurde vollzogen mit dem Mysten in den Mysterien. Das, was man «die Reiche der Himmel» nannte in den Mysterien, in welche dann der Myste eingeführt wurde, das war nicht etwa an einem anderen Ort. Das Reich der geistigen Welt ist hier um den Menschen herum. So viele Welten sind um uns herum, so viel wir Fähigkeiten haben, um die Welten wahrzunehmen. Nicht eine Weisheit empfing man in den Mysterien, die trocken und abstrakt war, sondern eine Weisheit, die zugleich Religion war, die zugleich Kunst war. In den ältesten Mysterien war die Weisheit zugleich Religion, zugleich Kunst. In allen Mysterien Griechenlands wurde dem Mysten das geistige Auge geöffnet. Es wurde ihm vorgeführt, wie einstmals in Urzeiten der Mensch noch halb Tier war und wie sich die Seele heraufgerungen hat bis zu der Stufe der Menschheit, auf der sich der Mensch selbst erblickte. Drei Stufen führte man ihm vor: Er sah Gestalten, wie sie in einer fernen Menschheitsentwicklung gelebt haben; dann Gestalten, halb Tier, halb Mensch, dann vollkommene menschliche Gestalten. Diese drei Typen der Menschheitsentwicklung traten ihm in den griechischen Mysterien entgegen, und sie fanden ihren Ausdruck in der griechischen Plastik, als Erstes der Zeustypus mit der geraden Nase, Augen mit der Ausrundung nach oben; zweitens: Der Typus des Gottes Merkur, mit dem wolligen Haar und der aufgestülpten Nase; drittens: Der Typus des Satyr mit anderen Augen, anderer Nase und anderen Mundwinkeln. Diese drei Typen treten uns als Abbild der Stufen der Menschheitsentwicklung in der griechischen Kunst entgegen.

Ein anderes Mal wurde dem Mysten gezeigt, wie der Gott selbst herniederstieg in die Natur, wie er sich durch das Gesteinsreich, durch das Pflanzenreich und Tierreich bis hinauf zum Menschenreich hindurch entwickelt hat und dann aus dem menschlichen Herzen neu geboren wird. Man nannte das den Abstieg des Gottes, seine Auferstehung und seine Himmelfahrt.

Dies wurde alles dargestellt im griechischen Drama. Alles, was im Drama dargestellt wurde, ging aus den Mysterien hervor. Wie sich der Stamm trennt in verschiedene Zweige, so trennten sich die Mysterien in Religion, Wissenschaft und Kunst. Die alten Mysterien, die in Griechenland gefeiert wurden, die Eleusinien, die Mysterien der ägyptischen Priesterweisen, die nannte man die Mysterien des Geistes. Die an der Spitze standen als Lehrer und Führer in diesen Mysterien, die hatten sich durchgerungen zu geistigen Welten; sie waren Genossen der Geister selber; sie hatten Verkehr mit den geistigen Wesenheiten. Jamblichus schildert uns, wie die Götter herabsteigen in den Mysterien.

Nur nach sittlicher Läuterung, nach intellektueller Klärung konnte man hineinkommen in diese Stätten der Weisheit. In der alten heidnischen Zeit war es so. Da lebten vorzugsweise die Mysterien des Geistes. Nur mit wunderbarem Enthusiasmus, mit intimster Hingabe sprachen die Mysten von dem, was man in den Mysterienschulen erleben konnte. Aristides spricht davon: «Ich glaubte, den Gott zu berühren, sein Nahen zu fühlen, und ich war dabei zwischen Wachen und Schlafen, mein Geist war ganz leicht, sodass es kein Mensch sagen und begreifen kann, der nicht eingeweiht ist.» Und an anderer Stelle sagt er: «Es war, als ob die geistige Welt mich umrieselte.» Plutarch sagt: «Der die Weihen empfangen hatte in diesen Mysterien, der grüßte die Gottheit mit dem Ewigkeitsgruß.» Denjenigen, der sie durchgemacht hatte, den nannte man einen «Wiedergeborenen».

Wir müssen ein wenig beleuchten, welches der letzte Akt war bei einer jeden Einweihung in die Mysterien des Geistes. Man musste eine moralische Läuterung durchmachen, eine intellektuelle Klärung. Dann musste man das sehen mit den Augen des Geistes. Hinter dem Bewusstsein, das uns im wachen Zustand begleitet, da gibt es ein anderes Bewusstsein. Das Bewusstsein sinkt nicht beim Einschlafen in die vollkommene Finsternis. Der Mensch bleibt des Nachts bewusst; er ist vorhanden. Aber das Bewusstsein, welches ihn vom Morgen bis zum Abend begleitet, das bleibt nicht in der Nacht. Es gibt ein Mittel, dem Menschen die Bewusstlosigkeit zu nehmen. Es gibt Methoden, dies zu erlangen. Durch eine gewisse Seelenkultur, durch Dinge, die sich als intime Vorgänge im Innern der Seele erweisen, kann der Mensch sich die Möglichkeit erringen, dass sein Traumleben ihm neue Offenbarungen bietet, dass er etwas erfährt von Dingen, die man nicht mit sinnlichen Augen und Ohren erkennt. Es ist ganz gleich, ob man die Wahrheit im Schlafe oder am Tage im Wachen erkennt; nur muss der Mensch lernen, die Welt, die er da erlebt, herüberzunehmen in die physische Wirklichkeit. Wenn er dadurch imstande ist, das Geistige in der ganzen Welt zu sehen, dann hat er die erste Stufe der Einweihung erreicht.

Auf der zweiten Stufe erlebt er dann etwas, wie wenn er in einem flutenden Meer von Farben lebte. Da gibt es eine höhere Einweihung, wo ein Bewusstsein entwickelt wird, wo dem Menschen eine noch höhere geistige Welt aufgeht. Der Mensch ist heute im gewöhnlichen Leben nicht imstande, das Bewusstsein, welches hinter der physischen Welt liegt, wachzurufen.

Der letzte Akt der Mysterien des Geistes war der, wo der Mensch in eine Art von Schlafzustand versetzt wurde. Man hatte dafür gesorgt durch die Vorbereitung, dass, wo das Alltagsbewusstsein heruntersank, dort sein Bewusstsein nicht aufhörte. Drei Tage und drei Nächte lag der Mensch in den Mysterientempeln in einem anderen Bewusstseinszustand; der Bürger und Teilnehmer einer anderen Welt. Dann wurde er von dem Priesterweisen wieder erweckt. Er bekam einen neuen Namen. Er war ein Eingeweihter, ein Wiedergeborener. Von den Mysterien des Geistes konnte man sagen: «Selig sind, die sie durchgemacht haben, selig sind, die da schauen!»

Zur Zeit des Christus Jesus kamen zu den Mysterien des Geistes die Mysterien des Sohnes, die es seit der Zeit des Christus gibt. Die Mysterien des Vaters, die Mysterien der Zukunft, werden nur in einem ganz kleinen Kreise gepflegt. Die Mysterien des Sohnes werden gepflegt in den Rosenkreuzer-Schulen. Auch in der neueren Zeit gibt es wieder Mysterien der Rosenkreuzer, die auch christlich sind, für diejenigen, welche ein Christentum brauchen, das aller Weisheit gegenüber gewappnet ist.

Heute wollen wir uns beschäftigen mit den Mysterien des Sohnes und sehen, wie sie sich unterscheiden von den alten heidnischen Mysterien. Wenn wir begreifen wollen den ganz gewaltigen Fortschritt, der durch das Christentum geschehen ist, so müssen wir zwei bedeutungsvolle Aussprüche ins Auge fassen und verstehen lernen. Der eine ist: «Selig sind, die da glauben, auch wenn sie nicht schauen.» (Joh 20,29) Und der andere: «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.» (Joh 14,6)

Wer diese Aussprüche in aller Tiefe erfasst, der kann die Grundlage des Christentums verstehen. Während Paulus auf der einen Seite das zündende, gewaltige Wort gefunden hatte für die ganze Welt, hatte er seinen intimen Schülern Lehren gegeben, die zuerst überliefert und dann aufgeschrieben wurden, und die zurückgehen auf den Namen des Dionysius, mit dem Beinamen «der Areopagite». Es handelt sich da um eine Stiftung des heiligen Paulus selber, der die tiefste Weisheit verkündet hat. Zuerst wurden diese Lehren des Paulus aufgezeichnet im 6. Jahrhundert. Das sind die Schriften des sogenannten Pseudo-Dionysius. Weniger das Historische als der Inhalt dieser Schriften interessiert uns.

Es gibt ein esoterisches Christentum. Weil man das in gewissen Kreisen nicht zugeben will, hat man dem Johannesevangelium eine eigentümliche Stellung gegeben. Das Johannesevangelium wird von den Theologen als ein Buch, aus dichterischer Kraft hervorgegangen, angesehen. Sie verstehen aber nicht, was mit dem Johannesevangelium eigentlich gemeint ist. Wo die drei anderen Evangelisten das Exoterische erzählen, da erzählt Johannes, was er erlebt hat als der eingeweihte Seher, der in die geistigen Welten schauen konnte. Vom Gesichtspunkt des Eingeweihten hat der Schreiber des JohannesevangeJiums dieses Evangelium geschrieben.

Wer das Johannesevangelium als ein Buch betrachtet, das man ebenso lesen soll, das man so verstehen soll wie ein anderes Buch, der weiß gar nichts vom Johannesevangelium. Nur der weiß etwas davon, der es erleben kann. Die meisten Übersetzungen geben nicht den Geist des Johannesevangeliums wieder. Die ... /Lücke?] ersten Worte dieses Evangeliums lauten in richtiger Übersetzung (Joh 1,1-14):

  1. Im Urbeginne war das Wort, und das Wort war bei Gott, und ein Gott war das Wort.
  2. Dieses war im Urbeginne bei Gott.
  3. Alles ist durch dasselbe geworden, und außer durch dieses ist nichts von dem Entstandenen geworden.
  4. In diesem war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.
  5. Und das Licht schien in die Finsternis, aber die Finsternis hat es nicht begriffen.
  6. Es ward ein Mensch gesandt von Gott, mit seinem Namen Johannes.
  7. Dieser kam zum Zeugnis, auf dass er Zeugnis ablege von dem Licht, auf dass ihm alle glauben sollten. 8. Er war nicht das Licht, sondern ein Zeuge des Lichts.
  8. Denn das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, sollte in die Welt kommen.
  9. Es war in der Welt, und die Welt ist durch es geworden, aber die Welt hat es nicht erkannt.
  10. In die einzelnen Menschen kam es — bis zu den Ich-Menschen kam es —, aber die einzelnen Menschen — die Ich-Menschen — nahmen es nicht auf.
  11. Die es aber aufnahmen, die konnten sich durch es als Gotteskinder offenbaren.
  12. Die seinem Namen vertrauten, sind nicht aus Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches und nicht aus menschlichem Willen, sondern aus Gott geboren.
  13. Und das Wort ward Fleisch und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Lehre gehört, die Lehre von dem einzigen Sohne des Vaters, erfüllt von Hingabe und Wahrheit.

Diese Worte mit ihrem monumentalen Inhalt, die soll man nicht so benutzen, dass man über sie grübelt, sondern dass man sie in folgender Weise auf sich wirken lässt, wie zahlreiche Menschen sie durch die Jahrhunderte hindurch benutzt haben: Des Morgens in der Frühe, wenn die Seele noch morgen-jungfräulich war, da ließ man diese Worte in der Seele auftönen bis zu der Stelle: «Und das Wort ward Fleisch und hat unter uns gewohnet» und so weiter (Joh, 1,14; wie oben).

Wenn der Mensch das tut, Tag für Tag, dann zeigt sich in der Seele etwas, was ihm ein neues Leben gibt, eine Wiedergeburt, ihn zu einem geistig Verwandelten macht. Er sieht dann um sich eine geistige Welt, von der er vorher keine Ahnung hatte. Jeder, der also die ersten Worte des Johannesevangeliums als seelenerzieherisches Mittel auf sich wirken lässt, der erlebt das Johannesevangelium selbst in gewaltigen Bildern.

Da steht vor seinem geistigen Schauen Johannes der Täufer, wie er den Christus tauft; da sieht er das Bild des Nikodemus, wie er seine Unterredung mit dem Christus hat. Dann sieht er, wie Christus den Tempel reinigt, und alle die darauf folgenden Szenen des Johannesevangeliums, und er erlebt die Stationen vom 13. Kapitel an.

Um in der richtigen Weise diese Worte auf sich wirken zu lassen, und um das «Wort» zu finden, das durch das Johannesevangelium verkündet wird, sagte der Lehrer dem Schüler Folgendes: Du musst dich ganz erfüllen durch Wochen hindurch mit einem einzigen Gefühl: Denke einmal an die Pflanze. Sie wurzelt im toten Stein. Wenn sie Bewusstsein hätte, so müsste sie sich niederbeugen zum toten Stein und zu ihm sagen: Ohne dich könnte ich nicht leben; aus dir hole ich Nahrung und Kräfte; dir verdanke ich mein Dasein - Dank dir!

Das Tier müsste ebenso zur Pflanze sprechen: Ohne dich könnte ich nicht leben; ich neige mich in Dankbarkeit zur dir, denn aus dir ziehe ich das, was ich zu meinem Leben brauche. — So ist es mit allen Reichen. Der Mensch muss sich, auch auf einer höheren Bildungsstufe angelangt, herabneigen, wie die Pflanze zum Stein, zu denen, die für ihn arbeiten, und ihnen danken. Wer ein christlicher Eingeweihter werden will, der muss durch viele Wochen dies Gefühl in sich entwickeln, dass er Dank schuldet dem, der unter ihm steht. Dann erlebt er geistig das 13. Kapitel des Johannesevangeliums, wo dieses Gefühl monumental dargestellt ist durch Christus bei der Fußwaschung.

Er stellt das dar: «Ohne dass ihr da seid, könnte ich nicht da sein; ich neige mich zu euch wie die Pflanze zu dem Stein.» Als äußeres Symbol erlebte der Eingeweihte bei dieser Stufe ein Gefühl, wie wenn Wasser um seine Füße spülte. Lange Zeit ist dies vorhanden. Wenn er dies durchgemacht hat, kann der christliche Myste durchmachen die nächste Stufe der Einweihung. Dazu musste er das ausbilden, dass er standhalten konnte gegenüber allen Stürmen und Bedrängnissen des Lebens. Dann erlebte er ein zweites Bild. Er sah dann sich selbst gegeißelt und spürte wochenlang am eigenen Leibe etwas wie ein Wehtun an einzelnen Stellen. Dann erlebte er die Geißelung.

Nun konnte er zur dritten Stufe aufsteigen. Der Lehrer sagte zu ihm: Du musst in dir ein Gefühl ausbilden, das zu ertragen, dass das, was das Höchste für dich ist, mit Spott und Hohn bedeckt wird. Spott und Hohn durften für ihn nichts sein gegenüber der Festigkeit und Sicherheit seines Innern. Dann erlebte der Schüler zwei Symptome der christlichen Einweihung. Er erlebte die Dornenkrönung; er sah geistig sich selbst mit der Dornenkrone und erlebte eine Art von Kopfschmerz, die das Zeichen ist für diese Einweihungsstufe.

Dann musste er als Viertes in sich das Gefühl entwickeln, dass der Leib nichts anderes für ihn ist als ein anderer Gegenstand der Welt. Dann trug er den Leib nur noch als Instrument mit sich. Man lernt in manchen Mysterienschulen sich angewöhnen zu sagen: Mein Leib geht durch die Tür und so weiter. Darauf erlebte der Myste selbst die Kreuzigung. Er sah sich selbst gekreuzigt. Das äußere Symptom war, dass während der Meditation an den Stellen der Wundmale Christi Stigmata auftraten; an den Händen, Füßen und an der rechten Seite. Das ist die Blutprobe des Mysten, die vierte Stufe der Einweihung.

Darnach stieg er auf zur fünften Station, die man den «mystischen Tod» nennt; ein hohes Erlebnis geistiger Art, auf das nur hingedeutet werden kann; Momente, wo die ganze physische Umwelt ihn umgibt wie ein schwarzer Schleier. Da lernt er kennen alles das, was die Ursachen des Bösen sind. Das nannte man die «Hinabfahrt in die Hölle». Es kam dann ein merkwürdiges Gefühl, wie wenn der ganze Vorhang auseinanderrisse. Das ist der mystische Tod und die mystische Erweckung.

Die sechste Stufe ist die sogenannte «Grablegung». Alles, was die Erde trägt, muss dem Menschen so wertvoll werden wie sein eigener Leib. Der physische Leib des Menschen könnte losgelöst von der Erde nicht existieren. Einige Meilen von der Erde entfernt, würde er verdorren, wie die Hand verdorren würde, wenn man sie vom Körper trennt. Was für meine Finger mein Leib, das ist die Erde für den Menschen. Die Selbstständigkeit, die sich der Mensch beilegt, ist eine Illusion. Wie der Mensch physisch abhängig ist von der Erde, so ist er geistig abhängig von der Geisteswelt. Erst wenn der Mensch sich fühlt als vereinigt mit dem ganzen Planeten, dann ist er in die Erde gelegt, dann erfolgt die Grablegung.

Darauf folgt die siebente Stufe, die Auferstehung und Himmelfahrt. Hier erlebt der Mensch das Ewige. Beschreiben lässt sich diese Stufe nicht. Die ägyptischen Priesterweisen bedienten sich nicht der Schriftzeichen, um solche Dinge zu beschreiben. Solch eine Art und Weise muss gefunden werden in den Mysterien, um das zu sagen, was Worte nicht sagen können.

Durch die Gewalt, die Zauberkraft des Johannesevangeliums selbst kann man das Johannesevangelium erleben. Solch eine Einweihung ist die Einweihung des Sohnes. So etwas war erst möglich, nachdem der Christus da — auf Erden — war. Der äußere Christus, der in Palästina gewandelt ist, der verhält sich zu dem inneren Christus, den der Myste erlebt, wie die Sonne sich verhält zum Auge. Gäbe es kein Auge, die Sonne könnte nicht wahrgenommen werden. Aber die Sonne hat das Auge erzeugt. Wo kein Bild ist, geht auch das Organ für das Licht verloren. Das Auge ist nach und nach geschaffen worden durch die Sonne. Das Auge ist für das Licht durch das Licht geschaffen, sagt Goethe.

Wer das Johannesevangelium auf sich wirken lässt, entwickelt das innere Auge. Aber wie nie ohne Sonne ein Auge entstanden wäre, so wäre nie die geistige Sehkraft entstanden, wenn nicht Christus, die geistige Sonne, persönlich auf der Erde gewandelt wäre. Kein Christentum ohne den persönlichen Christus Jesus. Das ist das Wesentliche und Wichtige.

Alle anderen Religionsstifter konnten von sich sagen: «Ich bin der Weg und die Wahrheit.» Lehrer waren alle. Das Christentum hat an Lehren nichts Neues gebracht. Aber darauf kommt es nicht an, sondern darauf, dass sich die Christen wie in einer Familie verbunden fühlen mit dem persönlichen Christus Jesus. Darauf kommt es an, dass er da war und gelebt hat und gesagt: «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.» (Joh 14,6)

Morgenländische Religionslehrer haben eine Exoterik und eine Esoterik, so wie das Christentum. Das Christentum unterscheidet sich von diesen dadurch: Seine Exoterik ist schlichter, volkstümlicher, spricht zum Herzen, zum Gefühl; aber seine Esoterik ist wesentlich tiefer als alle morgenländische Esoterik. In Wahrheit ist die christliche Esoterik das Tiefste, was der Menschheit gebracht worden ist. Die christliche Esoterik hat diejenige Wesenheit, mit der man verbunden sein muss, selbst auf die Erde geführt. Es handelt sich darum, dass man an die Göttlichkeit Christi glaubt. In den alten Mysterien musste man dagegen selbst schauen während der dreitägigen Einweihung.

Historische Tatsache ist im Christentum geworden, was vorher nur in den Mysterien des Geistes vorhanden war. Die Vorgänge in Palästina sind zugleich historische Tatsache und ein Symbolum.

Das Christentum ist so, dass das einfachste und schlichteste Gemüt es begreifen kann; aber auch der Weise wird niemals über das Christentum hinauswachsen. Die tiefsten Weisheitslehren liegen darinnen.

Wenn wir das Johannesevangelium als Lebensbuch verstehen, dass wir mit ihm leben wollen, es in uns aufleben lassen, dann werden wir erkennen das esoterische Christentum. Solches esoterisches Christentum hat es immer gegeben; es hat immer da gewirkt, wo das Christentum seine edle Seite zur Geltung gebracht hat, wo das Christentum die großen Kulturgüter der Menschheit gebracht hat. Allen denen, die die Gemeinsamkeit mit dem Christus Jesus empfunden hatten, denen strömte daraus eine solche Kraft zu, dass sie wussten, dass das Leben über den Tod immerdar siegen wird, dass der Tod niemals eine Wahrheit ist. Goethe hat gesagt, dass die großen Weltenmächte den Tod erfunden haben, um viel Leben in der Welt zu haben. Das Christentum ist ein Beweis, dass ein Bewusstsein in die Seele kommen kann von dem, dass das Leben stets dasjenige ist, was der Sieger in der Welt ist.

German original of Esoteric Christianity: The Gospel of St. John and Ancient Mysteries · ← Previous · Next →