The Essence of Christianity
GA 68a — 14 December 1906, Leipzig
Die Kinder des Luzifer
Vor einigen Wochen sprach ich über das Prinzip des Luzifer und seiner Weltbedeutung. Heute soll über das Prinzip gesprochen werden in Anknüpfung an das Drama obigen Namens von E[douard] Schuré. Über das Kunstwerk selbst will ich nicht sprechen.
In dieser Dichtung haben wir etwas, was wenige Kunstwerke haben; denn es ist aus der theosophischen Anschauung heraus entstanden. Schur& nahm seinen Stoff aus Vorgängen und Ereignissen des vierten Jahrhunderts nach Christus und gestaltete also künstlerisch die zwei großen Strömungen der menschlichen Entwicklung.
Heute will ich von den zwei Strömungen sprechen, über das, was man das luziferische Prinzip nennen kann und das von der Gottwerdung des Menschen handelt, im Gegensatz zu dem andern Prinzip, der Menschwerdung Gottes, oder der Götter. Tatsächlich begegnen sich im Menschen solche zwei Strömungen.
In den Mysterien wurden diese größten Geheimnisse des Weltengeschehens geistig dargestellt; das Durchlaufen des Gottes durch alle Naturreiche, bis schließlich hinauf zum Menschen — und das Hinaufsteigen des Menschen durch die physische, die astrale Natur bis zur Vergöttlichung. E[douard] Schur€ zeigt, wie sich diese beiden Strömungen kreuzten.
Für uns ist das Wichtigste der sogenannte Sündenfall, die Vertreibung aus dem Paradies. Heute wollen wir frei über diesen Hergang in der Entwicklung des Menschen sprechen. Sie wissen, dass der Mensch eine Reihe von Verkörperungen hinter und vor sich hat. Alles, was auf der Erde ist und lebt, unterliegt demselben Gesetz der Verkörperung; so auch die großen Wesen, die wir Planeten nennen. Auch die Erde war früher in einem anderen planetarischen Zustand; auch sie hat Planetenvorfahren. Der Sinn solcher Verwandlungen ist, dass diese Wesen zu höheren Stufen aufsteigen: Menschen, Tiere, Pflanzen, Mineralien gab es schon früher, aber in niederer Form. Es wäre eine unvollkommene Ansicht, wenn man annehmen wollte, bei dem Menschen höre die aufsteigende Reihe auf. Huxley sagt: «Wenn man die Wahrheiten so betrachtet, dann hindert nichts, dass die Vervollkommnung hinübergeht über den Menschen bis hinauf zum Gott.»
Der Okkultismus nun sagt über die Entwicklung des Menschen auf den früheren Planeten: Da war der Mensch noch nicht Mensch; da waren andere Wesen da. Und wenn die Erde in einen andern Planeten übergeht, dann wird der jetzige Mensch geistig so hoch stehen wie jene Wesen, und andere Wesen werden unter ihm stehen. Die Vorgänger der Menschheit hatten ganz andere Gestalt, und andere Tätigkeit. Wie sie, wenn auch geistig nicht genau so, wird der Mensch sich entwickeln.
Jene Wesen nun treten uns auch in der biblischen Schöpfungsgeschichte entgegen, als Elohim oder Lichtgeister. Diese Wesen stiegen beim Fortschreiten des früheren Planeten von Menschen zu Göttern empor. Auf der nächsten Stufe wird der Mensch Elohim. In der Bibel sind die theosophischen Wahrheiten enthalten. Wollen wir die Aufgabe verstehen, welche diesen Elohim zufiel, müssen wir uns erst klarmachen, dass es zunächst drei Arten Tätigkeit gibt. Die erste Art ist, wahrzunehmen, die zweite, zu leben, die dritte, zu schaffen. Diese drei Stufen muss jedes Wesen durchlaufen. Elohim haben die Stufe des Lebens erstiegen und sind zum Schaffen übergegangen. Der Mensch war auf seiner früheren Stufe schauend, jetzt lebt er, und auf einer späteren wird er schaffen. «Im Anfang schuf Gott den Menschen und Er blies ihm den lebendigen Odem ein. Da ward der Mensch eine lebendige Seele.» (1 Mos 2,7) Einer der sieben Elohim ist Jahve oder Jehova. Seine Aufgabe war bei Beginn der Erde zu schaffen. Wir sagen: Der Mensch entstand in der dritten Wurzelrasse, aber der jetzige Mensch ist ganz unähnlich dem lemurischen Urmenschen.
Das lemurische Festland war von mächtigen Feuermassen durchsetzt und ging seinerzeit durch vulkanische Erschütterungen zugrunde. Der Luftkreis war nicht nur eine Wassermasse, sondern angefüllt mit Stoffen, die sich noch nicht niedergeschlagen hatten.
Das später auftretende Land, die Atlantis, ging durch Fluten unter. Mit ihr die vierte Wurzelrasse.
Die Kultur der fünften Wurzelrasse ist über Europa, Asien und Afrika verbreitet.
Was hat sich zu Anfang des physischen Geschlechts zugetragen? Was kam von dem früheren Planeten herüber?
Zunächst höchste Menschen. Und dann stand zwischen dem heutigen Tier und Menschen ein Menschentier, wie es heute solche nicht mehr gibt. In der alten lemurischen Zeit liefen diese Tiere aber nicht herum, denn sie waren halbätherische Wesen mit einem Anflug von Stoff. Wie ein Hauch fegten sie über die Erdoberfläche hin. Ihnen gegenüber stand eine Reihenfolge von physischen Wesen, sehr verschieden von Mineral, Pflanzen und Tier; aber Letztere haben sich aus ihnen entwickelt. Vom früheren Planeten aus bildete sich das Physische der drei Reiche, und die Einzelnen, die imstande waren, sich heraufzuentwickeln, konnten den Grund und die Anlage geben der Weiterentwicklung zum Menschen. Das drückt die mosaische Schöpfungsgeschichte aus mit den Worten: «Und Gott formte den Menschen aus einem Erdenkloß.» (1 Mos 2,7)
Wodurch geschah jene Umwandlung? Das war die Arbeit der schaffenden Elohim. Diese Lichtgeister verwandelten die frühere Schöpfung; ihr Schaffen war auf den Menschen gerichtet, die Seele brauchten sie nicht zu schaffen. Denn die kam als Hauch herab aus der früheren Welt. So lebte in den höchsten Wesen der lemurischen Zeit ein physisches Wesen, das höher stand als seine Vorgänger auf dem früheren Planeten. Diese Wesen waren dreigliedrig. Sie hatten physischen Leib, Ätherleib und Astralleib. In dem neuen Menschen arbeitete nun außerdem das «Ich» und baute mit an dem physischen Leib. Somit war der neue Mensch viergliedrig, und dass er «Ich» wurde, war die Arbeit der Lichtgeister.
Diese Vierheit gilt als wichtigstes Mysterium. Die Dreiheit wird zur Vierheit umgearbeitet. Wenn Sie diese Gebilde sich vorstellen, werden Sie die Doppelnatur des Menschen verstehen: äußere Hülle und das Göttliche. Hier arbeiten die sieben Elohim, und Jehova hat die Aufgabe, die doppelgeschlechtliche Natur in eine eingeschlechtliche zu verwandeln. Also erst auf der Erde entstand männliches und weibliches Geschlecht. Mit dem Schaffen Jehovas, mit der Hervorbringung der eingeschlechtlichen Menschen beginnt erst die Menschheit auf der Erde ihre richtige Aufgabe zu erhalten. Der frühere Planet war der Planet der Weisheit, die Erde ist der Planet der Liebe, und die Anziehung der Geschlechter ist der unterste Grad der Liebe. Was heute Liebe ist, war früher Weisheit. Jeder Teil des menschlichen Körpers, wenn wir ihn prüfen, das Gehirn, die Sinneswerkzeuge, was es auch sei, gibt uns den Eindruck weiser Einrichtung. Das ist, weil der Mensch durch die Welt der Weisheit gegangen ist. Der damalige Planet war durchpulst von Weisheit, der jetzige ist es von Liebe. Jeder Planet hat seine Aufgabe. Mit dieser Liebe wurde dem Menschen nicht nur die Beziehung der Geschlechter gegeben, sondern alles, alles, was der Mensch an neu erworbenen Erdengütern hat.
Um anzudeuten, was in alter Zeit das Ergebnis dieser neu auftretenden Liebe war, wollen wir den Menschen verfolgen da, wo die Zweigeschlechtlichkeit beginnt. Damals gab es kleine Gemeinschaften von Menschen, die von einem Paar abstammten. Blutsverwandte heirateten einander. Und Blutsverwandtschaft ist der einzige Grund, dass die Liebe im gleichen Blute bleibt, über Mann und Weib hinaus. Erst später trat Fern-Ehe anstatt Nah-Ehe auf. Bis in die Zeit des alten Judentums kann man dieses Verhältnis der Liebe als Blutsverwandtschaft verfolgen. Der Geschlechtsliebe ist die Volksliebe eingepflanzt. Die Juden bilden gleichsam eine große Familie. Jehova pflanzte ein, was sich vererbte, Jehova-Prinzip ist Vererbung, und damit hängt vererbte Liebe zusammen.
Wir wissen, dass in uralter Zeit Blutsverwandte ein ganz anderes Gedächtnis hatten. Ein solcher Mensch erinnerte sich der Erlebnisse früherer Geschlechter. Das Personalgedächtnis entstand aus dem Familiengedächtnis. Mit Adam, Kain, Seth bezeichnet man ein fortlaufendes Gedächtnis. Alles, was mit diesem Gedächtnis zusammenhängt, bezeichnet man als Jehova-Prinzip. Alle Wahrheit, Weisheit, Erkenntnis hängt damit zusammen. Was der Mensch heute als Phrase ansieht, damals war es Wahrheit.
Ich möchte hier ein Gespräch zwischen Rosegger und Anzengruber anführen. Bei Rosegger sind die Bauerngestalten alle sorgfältig studiert, und das fühlt man ihnen an, bei Anzengruber leben sie vor uns. Das bemerkte Rosegger und sagte zu Anzengruber: «Es wäre für dich besser, Bauern anzuschauen.» Anzengruber erwiderte darauf: «Ich habe nie einen Bauern angeschaut; aber meine Vorfahren waren Bauern, und das liegt so im Blut!» Solches ist der letzte Rest von etwas, was früher allgemein war. Es war nicht nur dichterische Gestaltung, sondern ein Schauen. Man sah nicht nur die Vorfahren, man sah den Prozess der Erde selber. Das, was als uralte Weisheit vorhanden ist, ist in keiner anderen Weise niedergeschrieben, es lag im Blute. Erst die rosenkreuzerische Theosophie geht anders zu Werke. So ist der Mensch geworden, so ist in sein Blut eingepflanzt worden Weisheit und Liebe; es «urständet», um Jakob Böhmes Ausdruck zu gebrauchen, aus der Liebe der beiden Geschlechter. Es gibt eine Zwischenstufe zwischen den Menschen und jenen Elohim. In der Alltagssprache verglich ich es mit dem Sitzenbleiben der Schüler in einer Schulklasse. So blieben manche der Elohim sitzen auf dem Planeten, welcher der Erde voranging. Das sind die luziferischen Geister, mit Luzifer als Führer oder als Hervorragendstem. Über dem Menschen stehen also Elohim und Zurückgebliebene. Letztere müssen jetzt das Versäumte nachholen. Was für Wesen sind das? Ein fertiges Wesen hat seine sieben Grundteile ausgebildet. Ein Mensch hat sie noch nicht vollständig ausgebildet. Der Mensch mit seiner viergliedrigen Wesenheit ist auf dem Wege zur Entwicklung der sieben Grundteile. Die luziferischen Wesenheiten hatten kein Atma entwickelt; die meisten kamen nur bis zur Entwicklung von Budhi, dem Lebensgeist. Damit sind sie über dem Menschen erhaben, aber stehen unter den Elohims. Die Wesen, die Budhi erreichten, waren im Venus-Zustand. Venus war sechster Grundteil oder Budhi. Sie haben sich auf dem Planeten der Weisheit nicht voll entwickelt, sind nicht dazu gelangt, in Liebe schaffend zu sein. In dem, was äußere Weisheit war, konnten sie schaffen: Kunst, Wissenschaft, aber nicht in dem, was der Mensch im Inneren schafft. Das Jehova-Prinzip schafft im Innern: Liebe, Volksgemeinschaft, Staaten; alles was nach außen wirkt, wie Kunst und Wissenschaft, das ist als Rest von dem vorangehenden Planeten überkommen und das wirkt wie ein zweites Prinzip. Deshalb erscheint dieses als eine Art von Feind. Während das Jehova-Prinzip uns zur Liebe zu erheben sucht, so dieses zur Weisheit. Es macht sein Ich zum weisen Wesen. Auf dem früheren Planeten war die Weisheit noch nicht als Ich eingepflanzt, denn da war das Ich noch nicht entwickelt. Da gab es noch keine egoistische Weisheit.
Weisheit und Liebe sind zwei große Strömungen, die als Kräfte innerhalb der Menschwerdung wirkten. Da drängte sich das Streben nach Freiheit ein. Das luziferische Prinzip hat nicht den Kampf ums Dasein zum Ziel; die Bekriegung ist nicht der Zweck; Zweck ist Freiheit, Selbstständigkeit, Wissenschaft, Kenntnisse. Eine Änderung in dem Zusammenwirken dieser beiden Prinzipien trat mit dem Erscheinen des Christus Jesus ein. Da wurde der Erdentwicklung ein ganz neuer Antrieb gegeben. Ein Ursatz heißt: «Wer nicht verlässt Weib und Bruder und Schwester, kann nicht mein Jünger sein.» (Lk 14,26; Mt 19,29) Die Liebe, geknüpft an Blutsverwandtschaft, muss auf größere Gemeinschaften übergehen. Durch den Christus Jesus müssen alle Schranken aufhören, muss der Anfang gemacht werden, alle zu lieben. Das Christus-Prinzip muss auf die ganze Menschheit ausgedehnt werden, die Liebe sich bis ins Höchste läutern. Da konnte, was in dem niederen Geschlechtstrieb in Schwachheit begann, umgesetzt werden in Menschenliebe. Und damit wird die Erde erst der Planet der Liebe. Was sich im Jehova-Prinzip begründete, wurde durch das Sohnesprinzip auf eine höchste Stufe gehoben, und von da an war die Möglichkeit gewonnen, die starke Liebe der Weisheit gegenüberzustellen.
Seit das Christus-Prinzip in die Erde eingegriffen hat, stehen sich Christus und Luzifer als zwei Pole gegenüber. Das Christus-Prinzip hat die Liebe verinnerlicht und zum Wesen der Seele gemacht. In den ersten christlichen Jahrhunderten hat der Hellenismus, das Griechentum, die äußere Welt zur höchsten Höhe gebracht. Ob in Plastik, Schauspiel, politischem Staat, in allem, was der Grieche gestaltete, war in einseitiger Weise das Jehova-Prinzip äußerlich dargestellt.
Wodurch ist dieses Griechentum zur Entwicklung gekommen? Was geschah da? Plato hat man einen attisch — griechisch — redenden Moses genannt. Plato fasste die gestaltlosen Ideen des Initiierten Moses in feste Form. Weisheit und Liebe, wenn wir sie nur weitherzig genug verstehen, atmen uns in der hellenischen Kultur entgegen und stellen sich dar im Gotte Dionysos. Das Göttliche, was uns erscheint, spaltete sich in einzelne Kunstwerke. Geist ist Form geworden in der dionysischen griechischen Kultur. Ist der Hellene ganz Kulturleib geworden, so die Liebe in Christus ganz Kulturseele. Geist im Körper und in der Seele die innerlich ist, stellt der Okkultismus dar: weiblich = das Seelische, männlich = das Körperliche, das vom Geist durchdrungen ist. Geisterfüllter Leib steht der Seele gegenüber.
Schuré stellt dem Phosphoros, dem Vertreter des hellenischen Geistes, der Weisheit, die die äußere Form schafft, Kleonis gegenüber, die christliche Seele, ganz aus dem theosophischen Geiste heraus.
Bei allen großen Dichtungen ist das der Sinn, die menschliche Entwicklung darzustellen, und es ist eine Errungenschaft, dass wir wieder Kunstwerke entstehen schen, die theosophischem Geist entsprungen sind.
Gab es im Altertum Kinder Gottes, die von oben vererbte Offenbarungen verkündeten, so hat es zu allen Zeiten Kinder des Luzifer gegeben, die sich als Feuergeister zeigten und Lehrer der Weisheit waren.
Und Jehova pflanzte ihnen die Liebe ein, bis sie heranreiften zum Christus-Prinzip, zu einer Weisheit, die zugleich Liebe, und einer Liebe, die zugleich Weisheit erzeugen kann. Dann werden die Kinder Gottes und die Kinder Luzifers sich begegnen, dann werden die zwei Strömungen in eine zusammenlaufen. In Christus geschieht das: Er ist der Gott gewordene Mensch und der Mensch gewordene Gott.
Bei der Einung der christlichen Jungfrau Kleonis mit dem heidnischen Geist Phosphoros vereinigte sich Liebe und Weisheit. Der Kampf zwischen Liebe und Weisheit war vorhanden. Wenn aber die Kinder des Luzifer und die Kinder Gottes sich vereinigen, so wird der mittelalterliche Gedanke schwinden, dass die Kinder Luzifers Gegner Gottes seien. Damit wird aber die große Mission des Menschen auf der Erde erfüllt werden.