The Essence of Christianity

GA 68a — 17 January 1907, Stuttgart

Bibel und Weisheit

Von höchstem Interesse ist es, sich zu vertiefen in die Art und Weise, wie diese merkwürdige Urkunde, die Bibel, von den Menschen aller Zeiten aufgenommen ist, welchen Widerschein dieses Buch der Bücher in den Gemütern und in den Seelen der Menschen hervorgerufen hat. Man kann durch weniges so viel lernen über die Entwicklungsgeschichte der Seelen der Menschen wie durch die Eindrücke, die dieses Buch hervorgerufen hat.

Gar verschieden ist der Eindruck, den die Schrift macht auf die Menschenindividualitäten der verschiedenen Zeiträume. Es kann natürlich nur auf diese verschiedenen Etappen hingewiesen werden ganz flüchtig, weil das Material ein zu gewaltiges ist, und es geschieht, weil es wichtig ist, sich das vor die Seele zu rufen. Zum Beispiel, wie das jüdische Volk damals etwas gehabt hat an der Schrift, aus der es gelernt hat, seine eigene Entstehung und Herkunft, Astronomie, Begründung der sozialen Ordnung, die Gesetzgebung, Vorschriften für das alltägliche Leben. Das ganze Leben der Seele und ihre Weisheit waren darin. Die Gelehrten des Spätjudentums wendeten allen Scharfsinn, alle Denkkraft auf, dieses Buch zu verstehen. Und so war es in jenen Zeiten, dass man das höchste Wissen anstrengte, um zum Verständnis zu gelangen. Und mit höchster Achtung sogar sind die Kabbalisten zu nennen, die es bis auf den Buchstaben auszulegen trachteten. Und dann später, das Neue Testament in Verbindung mit dem Alten Testament: Da finden wir in dem ersten christlichen Jahrhundert wieder diesen tiefen, heiligen Ernst des Suchens nach Verständnis. Wir finden in mystischen und anderen Gemeinschaften alles darauf verwendet, die Bibel zu verstehen. Die Gnostiker und andere Zeitgenossen vertieften sich mit größter Anstrengung darein, was in der Person des Christus Jesus in der Bibel gegeben ist. Tiefgründige denkerische Arbeit finden wir in diesem Bibelstudium. Sagen wir das 9. Jahrhundert, Johannes, der große Schotte — Scotus Erigena. Kein Zweifel herrscht bei diesem Manne an der Wahrheit der Bibel, an der Wahrheit des geschriebenen Wortes, dass es inspiriert ist; der Mensch hat da nichts anderes zu tun, als zu verstehen suchen. Von einem Thomas von Aquino, Johannes Tauler bis zu einem Jakob Böhme wurde eine kühne Philosophie darauf verwendet, das zu verstehen, was in der Bibel steht.

In unserer Zeit nun aber tritt etwas ganz Merkwürdiges gegenüber der Bibel auf. War alles bisher — sogar noch im achtzehnten Jahrhundert — Erklärung, das Gefühl der tiefsten Ehrfurcht gegenüber der Bibel, so tritt im neunzehnten Jahrhundert das auf, was man Bibelkritik nennt. Man kann geradezu das neunzehnte Jahrhundert das Jahrhundert der Bibelkritik nennen. Diese Stimmung würde man früher gar nicht verstanden haben. Früher war das immer ein Hinaufschauen und ein Sich-unten-Fühlen des Menschen gegenüber der Bibel. Erst jetzt kam ein Gefühl auf, dass der Mensch der Bibel gegenüber sich wie bei einem anderen Buch fühlte und auf die Bibel herunterschauen darf. Die Kritik wagt sich an die Bibel, ihre einzelnen Urkunden und Schriften, bezweifelt, stellt späteres Erscheinen und so weiter fest, und wagt sich schließlich sogar an die Person des Christus Jesus.

David Friedrich Strauß ist einer von jenen; er löst alles in der Bibel in Sagen und Mythen auf. Er sagt, es komme nicht an auf die Tatsachen des Lebens Jesu; diese Gefühle und Vorstellungen lagen eben im Volk und so wurde das allmählich zusammengesetzt. Andere Kritik und all das, was die heutige Wissenschaft darin gibt, ist zu nennen. Speziell das Siebentagewerk der Schöpfung wird vielfach angegriffen und die Erzählung der Schöpfung des Menschen darin, wie der Mensch hervorgegangen ist aus dem großen Kosmos. Und dann wird noch ein zweites Mal seine Erschaffung erzählt. Daraus wird nun der Schluss gezogen, dass man es mit zwei Schöpfungsberichten zu tun habe. All das Viele und Unübersehbare könnte man nennen, was darin geleistet worden ist.

Ein Lebensbuch der Menschheit ist die Bibel, aber durch all das hat sich die Stimmung der Menschen ihr gegenüber verändert, und die Tonangebenden fühlten sich zu ihrem jetzigen Standpunkt gezwungen. Und viel, viel mehr, als man ahnt und wissen kann, hat sich die Stellung der Menschen zur Bibel geändert. Nur der Seelenforscher kann das ermessen. Von jener tiefen Inbrunst, jener inneren Seligkeit, die man einst der Bibel gegenüber hatte, hat selbst der Religiöseste der Gegenwart keine Ahnung mehr. Wer Zeiten und Seelenkunde zu betrachten versucht, der weiß, dass, seitdem der Materialismus alles populäre Denken durchströmt, das gar nicht mehr möglich ist. Es ist seither eine Wandlung, eine gründliche Metamorphose der intimen Gefühle zu konstatieren. Viele edle Menschen gibt es unter uns, die mit einer gewissen Wehmut, Zerrissenheit oder Befriedigung auf die Tage ihrer Jugend zurückblicken, daran denkend, wie sie damals die Erzählungen aus der Bibel aufgenommen haben. Der innere Zwiespalt zwischen damals und jetzt ist in mancher Seele.

Welche Gewalt, welche Bedeutung aber doch dieses Buch der Bücher hat, geht daraus hervor, dass immer wieder von den Gelehrten, auch von der Naturwissenschaft versucht wird, das Siebentagewerk damit in Einklang zu bringen. Es heißt sich abfinden mit dem, wie die Weltenschöpfung in der Bibel dargestellt wird. Welche Gewalt der Bibelinhalt immer wieder auf die Menschen hatte, beweist, wie zum Beispiel die Leute in unserer, in der ersten Zeit der christlichen Zeitrechnung, zu Plato um Aufklärung über solche Fragen kamen, und ihm den gewiss merkwürdigen Namen des attisch redenden Moses beilegten. Plato hat in seiner Lehre also Bezug zu dem Alten Testament.

Von Pythagoras und anderen großen Philosophen wird das Gleiche gesagt. Selbst von Apollo haben wir ein sehr schönes, dies auch bei ihm beweisendes Orakel: «Schwer ist der Weg zu den /Lücke]» — «Steil führt die Bahn /Lücke]»

Aber es gab Sterbliche, die diesen Weg doch erklommen haben. Davon sind die Bedeutsamsten diejenigen, die in Chaldäa gewohnt haben, und diejenigen, die judäische Männer genannt wurden.

Paracelsus, der große mittelalterliche Arzt, tut ebenfalls einen sehr merkwürdigen Ausspruch über die Bibel, er sagt: «Alle Medizin, alle Heilkunde kann man aus der Bibel lernen.» Das muss natürlich im Sinne von Paracelsus richtig gedacht werden. Er meinte damit, wie er sich das Verhältnis des Menschen und seine Stellung zur Bibel dachte. Nicht nur aufschlagen, lesen, nacherzählen muss man sie, nein, die Worte, die in der Bibel stehen, sind nicht nur dem Wortlaute nach zu nehmen, sondern es sind Zauberkräfte darin. Wenn Sie die Worte in der Seele leben lassen, so befruchten diese die Seele; die Seele wird weise davon und wissend, indem man nicht den Inhalt, sondern die Kraft des Bibelwortes in sich leben lässt. Keine Wissenschaft kann und darf abbringen von der Bibel.

Beispiel vom Darwinismus. Charles Darwin sagt: «So hätten wir denn ergründet» und so weiter, — «denen der Schöpfer einstens das Leben eingehaucht hat.» Und ein zweiter Ausspruch von ihm, dass die Sprache ertwas Höheres als der tierische unartikulierte Laut ist: «Die Sprache kann niemals durch bloße natürliche Ursachen entstanden sein und könnte sich nie so weiterbilden. Man muss einen intelligenten Schöpfer annehmen, der alles weise geordnet hat.»

Viele Aussprüche großer Gelehrter, die diesbezüglich doch den Schöpfer anerkennen, könnten noch angeführt werden. Jean Baptiste Biot, der sich um die Lehre vom Licht verdient gemacht hat, sagte: Moses hat entweder ebenso viel wie wir gewusst oder er war inspiriert! — All das Angeführte soll absolut keine Kritik von unserer Seite aus sein, sondern nur eine Erklärung, dass es in der materialistisch denkenden Gegenwart so kommen musste. Mancher große Mann hat auch in dieser Zeit redlich sich bemüht, die Bibel auslegend zu verstehen, aber wer weiß etwas davon? Beispiel: Fabre d’Olivet: «Das Geheimnis der ersten Bücher des Mose».

Der Bibelkritik gegenüber ergibt sich nun wieder aus der Geistesforschung oder Theosophie ein anderer Standpunkt. Theosophie hat nie Kritik zu üben, niemals niederzureißen, sondern nur zu verstehen suchen. Für Theosophie ist eines charakteristisch; dies eine ist kein Gedanke, ist kein Begriff, sondern es ist Gesinnung. Alles, alles in der Theosophie muss durchdrungen sein von dieser Gesinnung. Der ganzen Natur gegenüber haben wir diese Gesinnung. Wir sehen in der Natur Reguläres und Missgeburten, wir wissen, es wäre Unsinn, die Natur zu kritisieren, wir tun das nicht, wir suchen sie zu verstehen. Verständnis ist die Grundgesinnung, die wir haben müssen; alles Geistige, alles im Geistesleben mit Verständnis verfolgen, alles in Liebe verfolgen, nicht den Maßstab von Sympathie und Antipathie anlegen. Alles und jeden verstehen — nicht verstandesmäßig definieren kann man das, es muss Gesinnung sein. Hat man diese, dann macht man eine Erfahrung: dass die Bibel ein Buch ist, demgegenüber die Kritik anfängt zu schweigen. Was man früher vielleicht kritisiert hat, das sieht man jetzt in ganz anderem Lichte, es wird einem klar.

Man muss aus der Geistesforschung heraus den Schlüssel zur Bibel wiederfinden, und dann wird die Bibelkritik wieder abgelöst werden von einer immer tieferen Bibelauslegung. Die Menschheitsentwicklung ist nicht betrachtet, wenn man das Äußere davon betrachtet. Was die Naturwissenschaft gebracht hat, daran rüttelt die Theosophie nicht; aber sie verfolgt nicht nur die äußeren materiellen Erscheinungen, die doch nur der Ausdruck einer geistigen Erscheinung der zugrunde liegenden geistigen Entwicklung sind. Theosophie hat die Aufgabe, das Wesen des heutigen Menschen und seine Stellung im Weltall zu erforschen. Sie muss also von sich etwas aussagen über den Schöpfungsbericht. Die Theosophie betrachtet den ganzen Menschen, nicht nur seinen physischen Leib. Da, wo die Naturwissenschaft stehen bleiben muss, setzt die Theosophie ein. Der Naturforscher sieht bei den Worten «ich rieche Rosenduft, ich höre Orgelton» nur die Bewegung der Atome im Gehirn; was aber vorgehen muss, um die Idee «ich rieche Rosenduft» und so weiter zu erzeugen, das weiß er nicht zu erklären. Die Aufgabe der Theosophie ist nun eine ganz andere. Ausspruch von Leibniz: den Gedanken der Seele, warum das so ist, dass Rosenduft gerochen wird, würdet ihr — [die] Naturforscher — nicht erkunden können.

Du Bois-Reymond knüpft daran das Wort: Die Naturwissenschaft ist eigentlich nur imstande, den schlafenden Menschen zu betrachten und zu ergründen, weil da das seelische Erlebnis ausgelöscht ist. Gerade das, was der Naturforscher nicht erklären kann, ist im Wachen da. Können wir denn aber dann das erkennen, was im Schlafe nicht da ist und was im Wachen da ist? Ja, einen Vergleich, der Ihnen klarmachen will, wie sich die Stellung der Geisteswissenschaft zu den anderen Wissenschaften verhält, will ich Ihnen geben. Ein Beispiel: Denken Sie sich ein Klavier, auf dem gespielt wird und neben dem ein Tauber sitzt. Er kann die Töne nicht hören, aber es gibt ein Mittel, sie ihm begreiflich zu machen, wenn er sonst normal von Begriffen ist. Öffnen Sie das Klavier und streuen Sie sogenannte Papierreiterchen auf die Saiten. Durch das Springen der Papierreiterchen kann der Taube sehen, dass da etwas vorgeht; er kann sich eine Vorstellung von den Saiten und ihrem Erzittern machen. Es ist aber ein Unterschied zwischen dieser seiner Vorstellung und dem wirklich Objektiven, der Sinn fehlt, das aufgeschlossene Ohr.

So verhält sich die Theosophie gegenüber der sogenannten Wissenschaft der Tatsachen. Diese Letztere forscht so, wie wir hier die Wahrnehmung für den Tauben beschrieben haben. Um das, was in der Seele vorgeht, wahrzunehmen, muss man den Sinn dazu haben. Was Haeckel und andere, überhaupt die moderne Wissenschaft, gebracht hat, ist für die Theosophie alles wahr, aber es gibt ein Aufschließen der höheren Sinne, die materiellen Vorgänge zu verfolgen, und mit seinen höheren geistigen Organen zurückzublicken und zu verfolgen die geistigen Tatsachen der höheren geistigen Organe, die die Theosophie ausbilden lehrt. So nimmt die Theosophie das wahr, was vorhanden ist im schlafenden und im wachenden Menschen. Um das zu können, muss man Geistesaugen und Geistesohren haben.

Was tut nun der schlafende Mensch in der Nacht, woran arbeitet er? Er bessert den physischen Leib aus, um fortzuschaffen die Ermüdungsstoffe von außen. Die andere Art der Betätigung des astralischen Leibes ist beim sogenannten Eingeweihten oder Initiierten vorhanden.

Was ist ein Eingeweihter? Wir müssen uns zuerst klarmachen: So viel, als wir Organe haben, können wir wahrnehmen. So viele Welten gibt es um den Menschen herum, so viele Organe der Mensch hat, und jedes Mal, wenn er neue Organe erwirbt, nimmt er eine neue Welt wahr. Und es gibt Methoden in den Geheimschulen, wo das gelehrt wird, wodurch sich solche neuen Organe bilden. Ein Eingeweihter ist nun ein solcher, der Fähigkeiten in sich entwickelt hat, durch die die höheren Welten wahrgenommen werden können.

Wir teilen den Menschen in vier Teile ein: physischer Leib, Ätherleib, Astralleib oder Seele und Ich. Beim Eingeweihten nun ist der Astralleib ausgestattet mit Wahrnehmungsorganen. Der Eingeweihte sieht in andere Welten hinein. Er fühlt da die Notwendigkeit, sich in einer anderen Art auszusprechen. Die gewöhnliche Sprache ist nämlich nur geschaffen für unser physisches Leben, und selbst die Worte, die für Übersinnliches angewendet worden sind, sind aus dem Sinnlichen genommen. Die Eingeweihten müssen sich darum halten an den Spruch Goethes:

Alles Vergängliche Ist nur ein Gleichnis.

Das, was die Eingeweihten schauen in den höheren Welten, das können sie nur in Bildern aus der sinnlichen Welt ausdrücken, um von den Menschen verstanden zu werden. Dieses Sich-Ausdrücken in solchen Bildern muss darum auch jeder Schüler der rosenkreuzerischen Schulung, derjenigen, die seit dem 14. Jahrhundert in Deutschland besteht und die geeignetste für den modernen Menschen ist, lernen. Was Sie über die Rosenkreuzer in Büchern finden, ist unklar und unrichtig; denn ihre Geheimnisse wurden keinen Büchern anvertraut. Er muss die sogenannte imaginative Erkenntnis sich erwerben, das heißt die Erkenntnis, das, was man in der geistigen Welt erschaut, im Gleichnis auszudrücken lernen. Der Eingeweihte empfindet etwas ganz anderes gegenüber einem Gleichnis. Er sieht die Unsterblichkeit der Seele im Gleichnis — Puppe und Schmetterling —, das Bleibende im Vergänglichen, welches immer dahintersteht. Der Eingeweihte sieht den großen Zusammenhang aller Tatsachen, der höchsten geistigen und der niedersten physischen Tatsachen, er sieht in alledem das Hohe. Und erzählt er ein solches Gleichnis einem Kinde etwa, versucht er es ihm klarzumachen, so glaubt er selbst fest an dieses Gleichnis, und Gefühl fließt von ihm über auf das Kind. So sieht er auch mit derselben Inbrunst des Herzens auf diese Kleinen hin.

Es ist die Aufgabe der Theosophie, klarzumachen, dass alles Geistige seinen Ausdruck in einem Materiellen findet. Nicht diejenigen, die die Materie leugnen, werden zum Geiste dringen, sondern diejenigen, welche die Wahrheit erfassen lernen, dass alle Materie verdichteter Geist ist. Erkennen wir dieses, dann werden wir auch verstehen, warum die Bibel Vorschriften über die allereinfachsten Lebensvorgänge gibt. Mit inniger Liebe muss man sodann eingehen auf diese allereinfachsten Vorgänge, auf etwas, das mit den Erscheinungen des Alltags geht. Vergeistigen soll solche Erkenntnis das Leben, nicht den Menschen davon entfernen. Nicht der ist ein Theosoph im wahren Sinne, der behauptet: Ach, was gehen mich die Gehirnmoleküle und ihre Bewegungen an, der Geist ist ja in ihm, daran lasse ich mir genügen! Nein, er muss begreifen lernen, dass das Gehirn der Ausdruck des Geistes ist. Nicht über die Erscheinung uns zum sogenannten Sein zu erheben, ist unser Ziel, sondern das zu verstehen, was in der Erscheinung vom Sein lebt. Im Bilde, im Gleichnis muss das dem Menschen wieder nahegebracht werden.

Das Geistige war früher da als das Physische. Der Astralleib hat den physischen Leib aufgebaut, aus sich selbst herausgegliedert. Alles Materielle ist aus dem Geistigen herausgegliedert und der Geist ist das Ältere, das Frühere. Vor dem Physischen war das Astralische; es bildete, es schuf diesen Leib — Gleichnis Wasser und Eis. Der Naturforscher sieht nur die Zeit, wo das Eis sich schon im Strome gebildet hatte, der Theosoph die Zeit, wo noch kein Eis im Strome schwamm, und diejenige mit dem Eis. Das Materielle — das Eis — scheidet sich aus dem Wasser ab, das noch von etwas Höherem stammt. Sehr schön drückt diesen Vorgang die Bibel aus: «Der Geist Gottes schwebte über den Wassern.» (1 Mos 1,2) Dafür ist das Wasser das Bild aller Geheimschulen.

Die Weisheit in der Bibel ist in Bildern und in Gleichnissen, in Vergleichen wiedergegeben. Das Siebentagewerk ist nichts anderes. Nicht mit äußeren Tatsachen haben wir es da zu tun, sondern mit langen, langen Zeiträumen. Es gibt kein Dokument in der Welt, welches in großartigerer Weise die theosophischen Wahrheiten enthält, als eben die Bibel. Die Theosophie wird bieten eine Erklärung der Bibel, ein Verständnis wieder für sie. Sogar so etwas wie die Zerspaltung des Schöpfungsberichtes wird sie dem menschlichen Verständnis wieder nahebringen. In dem Wasserstrom, als der Geist Gottes noch über den Wassern schwebte, ist der geistige Mensch schon enthalten. «Männlich-weiblich» heißt die wörtliche Übersetzung, nicht «ein Männlein und ein Fräulein» (1 Mos 1,27); das ist der geistige Mensch. Und dann findet eine Verdichtung des geistigen, ungeschlechtlichen zum physischen Menschen — zum Eis — statt, und damit eine zweite Schöpfung, eine geschlechtlich-physische.

«Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig» (2 Kor 3,6); diesen Ausspruch müssen wir so verstehen, wie Goethe meint, wenn er sagt: «Und so lang du das nicht hast, dieses Stirb und Werde, bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde», das heißt, das Werden einer höheren Seele, die im Menschen schlummert, die aber erweckt und ausgebildet werden kann durch die Schulung. Gebären musst du aus dem physischen Leibe einen höheren Menschen heraus, damit dir dieser physische Leib ein Werkzeug wird für den geistigen Menschen, aber der physische Leib soll nicht der uns beherrschende sein. Wenn der Mensch frei wird vom Physischen, wird der physische Leib ein solches Werkzeug. So soll man aus dem Buchstaben heraus den Geist erkunden. Aufbauen will die Theosophie so aus dem, was da ist; denn auch das Kleinste, das Materiellste, ist verdichteter Geist. Theosophische Gesinnung versteht darum auch das, wie in der Bibel Vorschriften vorkommen können, die sich auf das einfache tägliche Leben beziehen können.

Wer die Bibel bekämpft, versteht sie nicht; er bekämpft da sein eigenes Wahngebilde, das er sich zurechtgemacht hat. Erst in den letzten vier Jahrhunderten hat sich diese materialistische Auffassung des Siebentagewerks, augenscheinliche Abspielung desselben, ausgebildet. Selbst die Gläubigen fassen heutzutage die Bibel oft zu materialistisch auf. Die Bibel ist wörtlich zu nehmen; aber man muss den Buchstaben verstehen lernen und durch den Buchstaben den Geist begreifen. Die Theosophie will kein Bekenntnis begründen, sondern das verstehen, was da ist; und das, was an Weisheit durch die Jahrtausende hindurch in die Seelen sich ergossen hat. Die Wahrheiten ändern sich; eine gemeinschaftliche Urwahrheit aber geht durch alle hindurch für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. In der Bibel und ihrer Wirkung finden wir sie; in ihr stehen Worte, die aus der göttlichen Weisheit der Welt stammen. Dadurch fanden die Leser sich durchströmt von den Zauberkräften der Bibel, die in den Worten leben. Religiöse Urkunden und speziell solche wie die Bibel, die in ihren zwei Teilen sogar schon auf unsere Zeiteinteilung hinweist, können nicht tief genug genommen werden. Die innige Vertiefung in sie wird den Menschen erst wieder zur Vergeistigung führen.

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