The Essence of Christianity
GA 68a — 18 January 1907, Stuttgart
Der Ursprung Des Bösen
Heute soll es meine Aufgabe sein, im Sinne der Geisteswissenschaft Ihnen über den Ursprung des Bösen zu sprechen. Die Tatsache des Bösen und sein Vorhandensein in der Welt steht ja wie eine große Rätselfrage des Lebens mitten in unserem Dasein darinnen. Und derjenige, welcher die menschliche Entwicklung durchdrungen sich denkt von göttlicher Macht, göttlicher Fügung, der wirft sich die Frage auf: Wie ist es möglich, dass das Göttliche das Böse zulässt? Und diejenigen, die das Göttliche leugnen, für sie ist das Dasein des Bösen leicht mit einer der Gründe zu solcher Leugnung. Sie sagen: Wie kann man sich eine solche Welt, wo das Böse so in den verschiedensten Gestalten herrscht und sich breitmacht, unter göttlicher Leitung denken? Jedenfalls stellt sich diese Frage des Bösen rätselvoll beunruhigend in unser Leben hinein.
Seit Menschengedenken ist die Frage nach dem Grunde und Ursprung des Bösen eine wichtige Frage. So wollen wir uns heute beschäftigen mit der Tatsache des Bösen; und es soll gesagt werden und aufmerksam gemacht werden auf einzelne Lösungspunkte. Dabei müssen wir uns vor allem erinnern an Jakob Böhme, der in seinen Schriften immer wieder die Frage aufwirft: Wie kommt das Böse in die Welt und welche Stellung nimmt es in der Menschheitsentwicklung ein?
Schelling greift in seinen Betrachtungen darüber auf Böhme zurück, um sich einen Begriff vom Bösen und seinem Dasein in der Welt zu machen. Für Böhme ist das Böse das, was die Finsternis gegenüber dem Lichte ist. Böhme sagt: Dem Lichte der Sonne verdanken die Wesen ihr Dasein; das Licht ist der Erhalter, der Schöpfer des Daseins in der Welt. Erst durch die Finsternis wird das Licht erkannt und Licht ist nur vorhanden mit Finsternis gemischt. Fragen wir nach dem Grunde der Finsternis oder suchen wir gar das Licht mit der Finsternis zu erklären, so kommen wir auf die Entsprechung von Ungrund gegenüber dem Urgrund.
Will das Licht erscheinen, dann muss es das, das aus keinem Grunde da ist und doch dem Lichte sich entgegenstellt, vertreiben, überwinden; der göttliche Urgrund des Daseins, das Gute hebt sich von selbst dabei heraus. Er ist gut; er ist das lautere Gute; aber das Licht dringt ein in den Ungrund des Bösen, um sich voll entfalten zu können. Das ist eine Begriffserklärung, die lichtvoll erscheint für unser Begriffsvermögen.
In der Neuzeit scheint die Frage von Gut und Böse wieder eine Rolle zu spielen, zum Beispiel bei einem, der viele, viele beeindruckt hat, bei Nietzsche. Sie alle kennen das Buch «Jenseits von Gut und Böse». Der neuzeitliche Philosoph Nietzsche stellt gut und schlecht, nicht gut und böse einander gegenüber. Er sagt: Wir brauchen uns um den Ursprung des Bösen gar nicht zu kümmern, wir unterscheiden Schwache und Starke, Willensstarke. Sie herrschen, die Willensstarken; sie wollen sich selbst, ihre Ideen durchsetzen, und das muss naturgemäß zum Kampfe mit den Schwachen, zu ihrer Unterdrückung führen. Die Herrschenden betrachten sich als die Guten. Die Bedrückten denken ganz anders darüber. Sie empfinden, dass das, was die Herrschenden tun, ihnen, den Schwachen, zum Nachteil ist. Da sie die Schwachen sind, kommen sie zu dem Schluss, dass es noch ein Gutes gibt, das nicht verwirklicht ist. Sie sehen das, was die Starken tun, als böse an. Da ist nun der Ursprung des GedankenWiderspruchs der Schwachen und der Starken. Hieraus fließt das, was man Sklavenmoral nennt.
Im Grunde haben die, die tiefer gedacht haben, die Stellung zu Gut und Böse immer relativ genommen; wir brauchen hier bloß an Goethe zu denken, wenn er sagt: Ach, wenn die Menschen nur nicht immer gleich sprechen würden, das ist gut und das ist böse, sondern eingehen würden auf die Triebkraft ihrer Handlungen.
In seinem «Faust» hat Goethe den Kampf zwischen Gut und Böse in der Menschheit geschildert. In seiner Jugend hat Goethe in seiner Faust-Anlage diese gewaltigen Gegensätze noch nicht so herausgearbeitet. In der jetzigen Fassung aber tritt bei Goethe und seinem Faust schon im «Prolog im Himmel» das Charakteristische davon im Auftreten der guten Macht und des Mephistopheles hervor. Goethe hat das tief Einschneidende von Gut und Böse im Menschen geschickt empfunden; im Faust sucht er dieses Obere der Gefühle zu ergründen.
Unsere Aufgabe ist es heute, nach der neuen Geistesforschung oder Theosophie die Tatsache des Ursprungs von Gut und Böse zu ergründen. Wir müssen in der Tat dazu weit zurückgehen in der Menschheitsentwicklung. Die Bibel geht dabei auch sehr weit, fast bis in den Ursprung des Menschen zurück. Eine der wunderbarsten und größten Allegorien über dieses Thema ist der «Sündenfall», selbst für die, die nicht an die Tatsache glauben. Die Schlange ist der Verführer der Menschen, die im Anfange nur zum Guten geschaffen waren. Erst durch eine Tat des freien Willens des Menschen ist der Unterschied von Gut und Böse gedacht. Die Tiere tun viel Furchtbareres, als das ist, was wir böse bei den Menschen nennen; wem würde es aber einfallen, von einem bösen Tier in diesem Sinne zu sprechen. Das Tier folgt bei seinen Taten einem ihm eingepflanzten Gesetz, und da hat es keinen Sinn, von Gut und Böse zu sprechen; das ist nur beim Menschen der Fall. Die Geisteswissenschaft muss bei dieser Frage zurückgehen bis zu dem Punkte, wo der Mensch als die Krone in unserem Erdenplaneten erscheint. Warum können wir beim Tier von Böse nicht sprechen? Das Tier hat auch zwar eine Seele, aber keine Individualseele, sondern eine Gruppenseele. Was ist eine Gruppenseele? Was beim Tier eine ganze Gruppe ist, das hat der Mensch für sich allein. Zum Verständnis brauchen wir uns nur die eine Tatsache vor Augen zu führen, dass der Mensch eine Biografie hat, das Tier nicht.
Jeder Mensch, ohne Ausnahme, hat für uns ein biografisches Interesse und wir wissen, dass es keinen zweiten mit der ganz gleichen Biografie gibt. Beim Tier ist es in gleichem Maße nur die ganze Gattung und Art, die uns interessiert. Wie alle Löwen zusammen, so interessiert uns der einzelne Mensch. Die Seele existiert für eine ganze tierische Art gemeinsam. Der Mensch ist erst aufgestiegen von einer Gruppenseele zu einer individuellen. Der Mensch steht mitten in dieser Entwicklung darinnen. Noch treten uns Menschen gegenüber, die als Glied des Stammes erscheinen.
Je inhaltsreicher aber das Leben der Seele wird, je weniger ist diese Seele Gattungsseele, je mehr sie ihr eigenes Gepräge annimmt in Gebärden und Empfindungen. So ist der Mensch selbst meist hineingestellt zwischen Gruppenseele und Individualseele; und gehen wir in die Zukunft, so wird er immer mehr individuell, und in der Vergangenheit immer mehr Gattungsseele,
Bis zurück zum Anfang der Entwicklung des Menschen müssen wir gehen. Wenn wir den Menschen zurückverfolgen, so gehen wir die Zeiten zurück, die wir die geschichtlichen nennen. Die geschichtlichen Zeiten schließen wir mit der fünften Hauptrasse und deren verschiedenen fünf Unterrassen.
Betrachten wir die indischen Veden; wir ahnen da eine gewaltige Kultur, die selbst Max Müller, ein ganz nüchterner Forscher, anerkennt. Bis dahin also gehen die geschichtlichen Zeiten. Von diesen geht die Geisteswissenschaft zurück zu den vorgeschichtlichen Zeiten. Die Methoden, wie man so zurückgeht durch die Ausbildung der inneren Sinne, finden Sie näher ausgeführt in meiner Zeitschrift «Luzifer — Gnosis». Die Theosophie nimmt an, dass zwischen Amerika, Afrika und Europa einst sich ein gewaltiger Kontinent befunden hat, die Atlantis, der durch Naturkatastrophen untergegangen ist und von dem heute nur noch kleine Inselspitzen übrig geblieben sind. Heute fängt die moderne Naturwissenschaft an, dies zu bestätigen. Sie können im «Kosmos» (Zeitschrift) über die Atlantis lesen. Die Geisteswissenschaft hat immer von der Atlantis gesprochen. Die dortigen Lebensverhältnisse waren vollständig andere; die Atmosphäre war wie wallende Nebelmassen, daher «Nibelheim». In den Volkssagen ist uns dieses Nebelheim noch aufbewahrt. Das war damals noch ein uraltes Menschengeschlecht; den Ursprung des irdischen Menschen aber haben wir noch weiter zurück, in Lemurien zu suchen, einem Kontinent, der im heutigen indischen Ozean gelegen war. Dort finden wir die ersten so gearteten Menschen, wie der heutige Mensch ist.
Wie stellt sich nun die Geisteswissenschaft diesen Menschen-Ursprung vor? Für die Geisteswissenschaft stammt der Mensch nicht ursprünglich von einem materiellen Wesen ab, sondern das Geistige ist das Erste. Der physische Körper war damals noch sehr unvollkommen. Die Geisteswissenschaft steht auf dem Standpunkte, dass der lemurische Mensch äußerlich sehr unvollkommen war, aber niemals vom Affen abgestammt hat, sondern umgekehrt; er hat die Affen auf niederer Stufe zurückgelassen.
Die Organisation des physischen Menschen stand damals auf der Höhe der reptilischen Organisation, und seine Seele wohnte noch außerhalb seines Leibes. Heute hat sie der wachende Mensch in seinem Leibe; beim Schlafenden, der nicht durch die Tore der Sinne wahrnimmt, da weiß die Geisteswissenschaft, dass seine Seele außerhalb seines Leibes ist. Der Hellseher sieht den Astralleib und dessen Arbeit am physischen Leib in der Nacht. Je weiter wir nun zurückgehen, sehen wir, wie der astralische Leib tätig ist am physischen. Für die Geisteswissenschaft ist nämlich der geistige Leib der Schaffende für den physischen. In Lemurien sehen wir den physischen Menschen noch umschwebt von dem tätigen Astralleib. Der astralische Leib oder die Seele hat nämlich den physischen Leib geschaffen; er ist der Schöpfer desselben, und der Zeitpunkt ist der wichtige, wo diese Seele ganz außerhalb des Leibes war, wo sie, nachdem sie ihn vollkommen gemacht hat, diese Seele nun von rein äußerlicher Tätigkeit nach innen übergeht und zum Ich wird. Ein wichtiger Moment, wie in der lemurischen Zeit die Menschwerdung vor sich geht. Groß, gewaltig und sinnvoll ist das ausgedrückt, wo die Bibel sagt: «Und Gott blies dem Menschen den Odem ein; und er ward eine lebendige Seele.» (1 Mos 2,7) Damit ist der Moment angedeutet, wo die Gruppenseele zur Individualseele beim Menschen wird, der Zeitpunkt des Einziehens des Astralleibes in den physischen Leib. Als Gruppenseele weilte sie in der geistigen Welt; der religiöse Ausdruck dafür wäre: Solange die Seele ruhte im Schoße der Gottheit, war sie Gruppenseele. Beispiel dafür: die Finger der Hand; sie sind Glieder, Organe; sie stehen genau zum physischen Leib in dem Verhältnis, wie die Seele war vor ihrem Einzug in den physischen Leib, also als Gruppenseele. Sie war ein Glied in dem großen Wesen, das man nun Gott oder Allgeist nennen mag. In diesen Seelen war es die Gottheit, die handelte. Beispiel: Wasser und Schwämmchen, die mit Wasser sich füllen. Mit dem Einziehen in den physischen Leib wurden diese Seelen zu einzelnen Tropfen von Wasser.
So entreißt in der Entwicklung gleichsam der physische Leib dem Göttlichen die Seele, und was hat das zur Folge? Vorher fühlt und handelt sie nicht selbstständig, sondern wie das Göttliche es ihr eingibt. Dieses Göttliche ist ein Teil der gemeinsamen göttlichen Substanz. Alle Seelen wussten daher etwas voneinander; sie hatten ein gemeinsames Bewusstsein; dieses hörte nun auf. Die individuelle Existenz beginnt nun. Vorher war das göttliche Gesetz ihr Dirigent, jetzt nicht mehr. Und damit beginnt nun der Egoismus, die Selbstsucht, eine Rolle zu spielen. Gottes Wille war vorher der Wille der eigenen Seele; jetzt musste sie zum eigenen Willen, zur Selbstsucht kommen. Nun musste sie zu der Geburt der Selbstsucht kommen, mit ihr zugleich die Geburt des Ichbewusstseins. Die Ablösung der Weltordnung der Weisheit durch die Weltordnung der Liebe trat jetzt ein, so nannte es die Geisteswissenschaft aller Zeiten. Die Liebe und der Egoismus waren vorher nicht da.
Die Liebe verlangt, dass Selbstständiges zu Selbstständigem tritt, dass freie Hingabe gegeben wird. Beispiel dafür, dass Liebe vorher unmöglich war: Meine rechte Hand kann meine linke Hand nicht lieben. — Jetzt trat also die Liebe in die Welt, und zwar in ihrer untergeordnetsten Form, in der geschlechtlichen Liebe. Da erzählt nun die Geisteswissenschaft, das war auch der Zeitpunkt der Trennung der Geschlechter. Mit der physischen Menschwerdung treten sie zugleich mit der Differenzierung als männlich und weiblich auf; und damit ist der erste Antrieb gegeben, die erste Kraft für den Leib zu verwerten. So haben wir zwei Epochen: die eine ganz beherrscht von der Weisheit, die zweite ganz beherrscht von der Entwicklung der Liebe, den höheren und den niederen Menschen. Der Leib war damals niederer, die Seele höher entwickelt.
Auf der heutigen Stufe hat die Seele lange nicht die Vollkommenheit, die der physische Leib als solcher hat. Später wird sich die Seele im selben Maße entwickeln. Beispiel für die wunderbare vollkommene Beschaffenheit des physischen Leibes: der Oberschenkelknochen, der mit kleinstem Materialaufwand eine solche Tragkraft entwickelt, wie sie der genialste Ingenieur nicht auszudenken vermag. Der Geistesforscher weiß, dass dieser Leib der Ausdruck der göttlichen Weisheit ist. Beispiel: Betrachtung des Herzens. — Verkörperte Weisheit ist der physische Leib des Menschen. Wenn wir dagegen die in der Zukunft weit den physischen Leib an Vollkommenheit übertreffende Seele ansehen, so ist sie jetzt sehr unvollkommen. Die Seele ist die Verführerin zu alledem, was die Taten des Menschen sind, nicht der physische Leib. Die Seele fehlt, sündigt, verirrt sich im Leibe.
In seiner Art und Vollkommenheit steht heute der Leib höher als die Seele. Zu dieser Vollkommenheit war der Menschenleib damals, als er von der Seele bezogen wurde, schon veranlagt. Heute ist dieser Einzug der Seele noch nicht ganz vollzogen. So viel an ihr Gruppenseele ist, das hat der physische Leib aufgebaut. Der Teil, der eingezogen ist in den Leib, muss das noch durchmachen. Es gibt keine andere Art zur Entwicklung für den Menschen als das Durchgehen durch den physischen Leib. «Biene» wurde die Seele daher in der griechischen Mysterienlehre genannt. Sie saugt das Licht ein, sie hört, sie sammelt durch ein Benützen des Leibes als ein Instrument. Und das, was die Seele sammelt hier unten auf dieser Erde, das wird sie hintragen und einst auf den Altar der Gottheit legen.
So wird sie vollkommen werden und immer mehr geeignet, das Zeitliche zu verewigen. Das Zeitliche vergeht, aber die Früchte davon werden verewigt sein von der Menschenseele. Alle Wunderwerke aber, die Freuden, sind bestimmt, Empfindungen zu bleiben. So ist das Leben der Seele eine Essenz, die sie zum geistigen Dasein bringt.
Durch das Durchgehen durch das körperliche Dasein muss sie etwas begründen, was weisheitsvoll in den weisheitsvollen Bau des Kosmos eingegliedert ist. Das ist nicht auf einmal entstanden, sondern in langem, langem Werdeprozess.
Was heute weisheitsvoll gebaut ist, war einst unweisheitsvoll. Denken wir uns denselben Prozess beispielsweise mit der Liebe; hier ist die gleiche Entwicklung. Ebenso steigt die Liebe zu immer höheren und reineren Aspekten und Gestaltungen empor, der Liebe entgegen, die einst alle Menschen zu Brüdern machen wird. Die Liebe wird einst das sein, was den ganzen Kosmos durchglüht und durchtreibt. Die ganze Welt ist durchzogen von einem Strom von Liebe, die dann alles beherrschen wird, wie jetzt die Weisheit. Uns strömt Weisheit aus der Welt zu, ihnen, den späteren Rassen, strömt Liebe dann aus der Welt zu. Liebe der Welt einzuprägen, das ist unsere Arbeit. Aber das könnte nie sein, wenn nicht auch das Gegenteil möglich wäre. Liebe muss selbstständig, frei von Mensch zu Mensch gebracht werden, darum beginnt die Ära der Liebe zugleich mit derjenigen des Egoismus. Zur Überwindung des Egoismus wird die Liebe sich herausarbeiten, das ist ihr Ziel. Der Ausgangspunkt des Kosmos ist die Liebe; aus ihr ist ganz von selbst auch der Egoismus herausgewachsen.
Die Familie, der Stamm, Gruppen von Menschen wurden von Liebe durchdrungen; was miteinander verwandt ist, was gemeinsames Blut hat, das liebt sich. Wohl tobt der Kampf, aber Stück um Stück wird die Menschheit zur Liebe getrieben. Von Stamm zu Stamm, von Geschlecht zu Geschlecht, von Volk zu Volk breitet sie sich aus. Als beim jüdischen Volk ganz allmählich die Ausbreitung des Prinzips des Jehova oder Jahve vor sich ging, nimmt es die Geheimwissenschaft oder Geisteswissenschaft, die vor unserer Zeitrechnung war, auf. Und nun spricht man von einer Kraft, von einem Prinzip, welches das Böse genannt wird, von einer Kraft in der Geisteswissenschaft, die sich dem Jehova-Prinzip entgegenstellt.
Ich will Ihnen das an einem Beispiel klarmachen. Sie wissen, in der Schule gibt es Schüler, die nicht von einer Klasse in die andere mitkommen; sie bleiben sitzen; so ist es auch im Kosmos. Die Welt wurde damals durchwaltet von Wesenheiten wie wir; diese Wesen hatten ihre Entwicklung abgeschlossen im Weisheitszeitalter. Es gab aber in dieser Epoche auch Kräfte, die ihre Entwicklung nicht im Weisheitszeitalter vollendet hatten; diese wirken nun weiter im Zeitalter der Liebe. Das ist das zurückgebliebene, das luziferische Prinzip; dieses nun, das sehen wir als den Gegenpol des Jahve’schen Prinzipes an. Darum, damit die Liebe eine freie sein kann, wirkt in der Welt das trennende Prinzip. Es versucht seine Wirkungen beim Menschen, der den Menschen liebt, beim Menschen, der eine freie selbstständige Persönlichkeit sein will. Im Entgegenwirken sehen wir die Gegenkraft, das Böse, das eigentlich, um mit Goethe — Faust — zu sprechen, das Gute schafft. Sie drängt die Menschen auseinander, diese Kraft, die das egoistische Prinzip ist; aber die Liebe muss darum eben immer größer und größer werden, um die Menschen zu vereinen. Das Jahve-Prinzip brauchte die Blutsverwandtschaft zur Durchsetzung des Liebes-Prinzips, und dann wirkte daneben das Luzifer-Prinzip, die Selbstsucht und Selbstständigkeit fördernd. Die Liebe und der Egoismus werden immer größer, und die Menschheit pendelt dazwischen hin und her; und darum ist das Vorhandensein des Guten und des Bösen so sehr natürlich, die Pendelbewegung zwischen Liebe und Egoismus. Mit der Selbstsucht kam das Böse in die Welt; der Egoismus muss nun überwunden werden. Er muss sich das gefallen lassen, weil das Gute nicht erreicht werden könnte ohne das Böse. Es liefert die Möglichkeit für die Liebesentwicklung. Die Geisteswissenschaft sieht das so an, dass ein Zeitpunkt kommen musste, wo eine Tat, die allergrößte unserer Erdenentwicklung, geschehen muss, die geeignet ist, die Menschen zusammenzuführen; und der Vorläufer davon ist Johannes der Täufer, der das vorbereitet, und in Christus Jesus ist diese Tat verkörpert. Das Wort des Christus Jesus: «Wer nicht verlässet Vater und Mutter und Brüder um meinetwillen, der kann nicht mein Jünger sein» (Lk 14,26; Mt 19,29), das ist geistig zu verstehen.
Christus, durch den man die große Liebe und den selbstständigen Menschen zusammen erhalten kann, der geeignet ist, all den Antrieb des Bösen zu überwinden, Christus ist die Verkörperung dieser großen Kraft, die das Band der Liebe nach Überwindung alles Egoismus vom Menschen zum Menschen werden soll. Durch Christus soll das Liebesband verknüpfen den freien Menschen mit dem freien Menschen.
Das Christentum ist die Kraft, die erst im Anfange ihrer Entwicklung ist; sie wird das notwendige Böse und die Welt überwinden. Erst der freie Mensch kann der rechte Christ werden; er kann in dem Erlöser die Kraft sehen, die zur völlig frei gewordenen Persönlichkeit hinführt. So ist das Böse der Untergrund, in den das Licht der Liebe hineinscheint; so ist das Licht erst erkennbar durch die Finsternis. «Und das Licht schien in die Finsternis, und die Finsternis hat es nicht begriffen.» (Joh 1,5)
Die Liebe wird die Menschheitsentwicklung nach und nach durchströmen; die Liebe, je stärker die Kraft, die sie zu überwinden hat, je mehr wird sie wachsen. Sie ist es, diese Liebe, die den Sinn des Bösen, die Stellung des Bösen in der Welt erklärt.
Und so dürfen wir dieses mit einen Wort von Fabre d’Olivet vergleichen. Die Auslegung des Bösen in der Welt, sagt er: «Sehet euch an die Perle mit ihrem wundersamen Glanz und ihrer zarten Schönheit; wodurch entsteht sie? Aus einer Krankheit der Muschel.»
So entwickelt sich auch aus dem Schlimmen das Schöne. So müssen wir das Böse und seine Mission ansehen. Die Liebe entwickelt sich als Weltenperle. Wovon hat sie ihren Ursprung? Denken wir dabei an das Gleichnis der Perle!