The Essence of Christianity

GA 68a — 19 December 1907, Cologne

Die Gefahren der Einweihung

Dasjenige, was man als Geisteswissenschaft bezeichnet, dessen Quellen wir gesternaufgesucht haben, erfährt von unseren Zeitgenossen auf der einen Seite den Vorwurf des Phantastischen, Träumerischen, wenn nicht noch schwerere Vorwürfe, und auf der andern Seite einen Vorwurf, der nach einer ganz bestimmten Richtung geht und der uns heute beschäftigen soll. Er besteht darin, dass, wenn gesprochen wird von der Einweihung, man auch von gewissen Gefahren spricht, die verbunden sein sollen mit dem, was man Geisteswissenschaft nennt. Allerdings haben diejenigen, die von diesen Gefahren sprechen, gewöhnlich sehr dunkle, verschwommene Vorstellungen von dem, was sie sich denken sollen bei diesen Gefahren. Das kann nicht anders sein, denn die meisten haben nicht viel Begriff vom Inhalt, von der Aufgabe und Mission der Geisteswissenschaft in unserer Zeit. Wir müssen unterscheiden, wenn wir jene Gefahren beleuchten wollen, zunächst jene Angst, welche unsere Zeitgenossen haben vor der allgemeinen Verkündigung der Geisteswissenschaft; das muss man unterscheiden von den zum Teil wirklich vorhandenen Gefahren der Geisteswissenschaft, die sich ergeben für den, der selbst hingehen will zu den höheren Welten, der den Zugang sucht zu den Erkenntnissen im Unsichtbaren, Übersinnlichen.

Dann wird gesprochen davon, dass es überhaupt gefährlich sei, von solchen Dingen zu reden, solche Lehren zu verbreiten und den Leuten die Köpfe zu verdrehen. Ein Vorwurf sei gleich vorweg genannt, der immer und immer wieder durch eine völlig missverständliche Auffassung, die ganz an der Oberfläche bleibt, der Theosophie gemacht wird; er besteht darin, dass durch die Beschäftigung mit der Theosophie der Mensch entfremdet werde dem Leben. Man sagt, er werde in ein weltfremdes, weltfernes Leben geführt, es werde ihm das Interesse, die Sympathie für das wahre Leben genommen. Manche Familie, die eines ihrer Mitglieder hingehen sieht zur Theosophie, weil es glaubt, dort die Befriedigung zu finden, die das frühere Leben seinem Herzen und seiner Seele nicht geben konnte, sagt: Die Theosophie hat uns diesen Menschen genommen. — Es ist gefährlich, wenn solche Menschen hineingetrieben werden in eine asketische weltfremde Lebensführung, denn dann sagen die Angehörigen, es sei die Theosophie, die sie da hineingetrieben habe. Aber es liegt ein gut Teil Unduldsamkeit hinter einer solchen Behauptung. Solche Leute glauben, dass nur berechtigt sei eine solche Gestaltung des Lebens, wie sie es selber führen wollen, und dass es Askese sei, nicht genau dasselbe Leben zu führen, wie sie es tun; wer nicht genau ihre Idee und Lebensanschauung teilt, der treibt Askese. Wenn man aber ansieht das Leben mancher Menschen, mit dem, was Mann und Frau von Morgen bis Abend beginnen — es ist hier nicht die Rede von solchen, die wirklich im praktischen Leben stehen -, wenn man sieht, wie das Leben mancher sich erschöpft in Soupers und Diners und anderen trivialen Vergnügungen, dann begreift man, dass ein Mensch, der Höheres sucht, dies Leben nicht mitleben kann. Wenn dann einer sich diesem Leben entzieht, dann sagen die Leute, er sei weltferner Askese verfallen, allerlei abstrakte, konfuse Ideen beschäftigen ihn. Man kann sich in diesen Kreisen nicht denken, dass ihr Leben mitzuleben gerade die größte Askese für einen solchen Menschen sein muss. Derjenige, der kennengelernt hat die Quellen, aus denen das Leben der Wirklichkeit fließt, das uns rings umgibt, der müsste sich sehr kasteien, wenn er das mitmachen müsste, was in solchen Kreisen Leben heißt, das würde für ihn wirkliche Askese sein. Nicht weil er dem Leben fremd geworden ist, sondern weil er das Leben in seiner wirklichen Gestalt kennt, deshalb kasteit er sich nicht, indem er das mitmacht.

Allerdings wird man in solchen Kreisen glauben, dass der Mensch, der sich mit solchen vertrackten Ideen beschäftige, dass der etwas entbehre. Man denkt da nicht richtig, denn er versagt sich nichts. Denn solange der Mensch seine Lust und sein Vergnügen an solchen trivialen Alltäglichkeiten hat, taugt für ihn nicht eine solche Lebensführung. Es handelt sich nicht darum, dass er sein Leben ändere, sondern seine Gefühle und Empfindungen müssen sich gewandelt haben. Er muss es wissen, dass das wahre Leben nur da fließt, wo die höheren Gründe des Daseins zu finden sind.

Da sieht dann manche Familie eines ihrer Mitglieder hineilen zu den Lebensführungen der Theosophie. Dann sagt sie: Die Theosophie hat uns diesen Menschen entrissen. — Ist das so? Wer die Seelen der Menschen zu prüfen versteht, der wird finden, dass dem nicht so ist. Gerade dieses Mitglied, das zur Theosophie hinkommt, fühlte sich zuerst abgestoßen von dem, was in seiner Umgebung getrieben wird. Da hat es auf irgendeine Weise Kenntnis bekommen von der Theosophie und dort gerade das gefunden, was es in seinen Kreisen entbehrt hat. Ist es nun richtig, dass die Theosophie es aus seinen Kreisen herausgetrieben hat? Die Theosophie hat ihm das gegeben, was ihm seine Kreise nicht geben konnten. Lechzende Seelen, die nach einem wahren Lebensinhalt suchen und ihn nicht finden dort, wohinein sie das Leben geführt hat, sie suchen ihn dort, wo sie ihn finden können. Während man solche Seelen vertrieben hat, meint man nun, sie seien genommen worden! Die Theosophie agitiert nicht; es gäbe keine theosophische Bewegung, wenn es nicht Leute gäbe, die aus dem heutigen Leben hinausgetrieben sind und nun hingehen zu dem, was ihnen von der andern Seite geboten wird.

Allerdings erhebt sich die Möglichkeit einer gewissen Gefahr, wenn solche Menschen unreif zur Theosophie kommen und dann förmlich geblendet werden, förmlich niedergeschmettert von dem, was ihnen da entgegentritt. Man darf es nicht vergessen: Die Grundlage der Theosophie ist ein in sich folgerichtiges strenges Denken, eine festgefügte Logik, die von Schritt zu Schritt die Struktur des Weltengebäudes aufsucht. Es gibt nicht viel wirkliche Logik in unserem Leben, so viel man sich auch brüstet, wie herrlich weit man es gebracht habe! Selbst da, wo der Mensch in der populären und andern Wissenschaft Rat sucht über die Fragen des Daseins, findet man nur eine kurzmaschige Logik. Wer an ein strenges Denken gewöhnt ist und die Ergebnisse der Wissenschaft untersucht, wenn er genötigt ist, die Gedankengänge, wie heute gewöhnlich Wissenschaft verbreitet wird, nachzugehen, der wird oft durch die geradezu brutalen, groben Schlussfolgerungen direkt physischen Schmerz empfinden. Denn so bewundernswert das ist, was die Wissenschaft durch ihre Instrumente und Methoden erforscht hat, der Gedankeninhalt ist in der Regel ein ungeheuer kurzer.

So kommt es denn, dass der Mensch, der im alltäglichen Leben steht, in der Regel wenig geübt, wenig vorgebildet ist für ein wirkliches folgerichtiges Denken. Man unterschätzt gewöhnlich die Bedeutung des Zusammenstoßes der Menschen mit der Theosophie, wenn die Seele gewöhnt ist, jene stumpfen Gedankengänge zu haben, die der Mensch heute hat, und dann der Zusammenstoß mit den eindringlichen Gedankenfolgen erfolgt, die dem Menschen in der Geisteswissenschaft entgegentreten. Der Mensch merkt, wenn er eine empfindungsvolle Seele hat, wenn Gefühl in seiner Brust waltet, dass ihm da entgegenfließt wahre Nahrung, dass ein Wunderbares ihm da entgegenleuchtet. Wenn er seine Unfähigkeit merkt, mit seinen Gedankengängen da hineinzukommen, dann wirkt das niederschmetternd, krank machend auf seine Seele. Das wirkt bis in das Nervensystem hinein; besonders dann, wenn er nur in Feieraugenblicken hineilen kann zur Theosophie, nur einen Brocken nehmen kann und dann wieder zurück muss in das Leben. Da empfindet er den ungesunden Kontrast; da entstehen jene unzufriedenen, kranken Seelen, die wir allerdings heute vielfach entstehen sehen von der Berührung mit den geisteswissenschaftlichen Lehren.

Wir sehen noch mehr. Wer die Zeichen der Zeit zu deuten versteht, der sieht ein trübes Bild der Zukunft. Die Menschheit lebt heute vielfach im Dunkel und im Chaos; sie beurteilt das Leben ohne die Kenntnis der treibenden Kräfte des Lebens, die sich einzig und allein ergeben haben als Folge der menschlichen Gesinnungen. Wer da glaubt, Gesinnungen haben keine Wirkungen auf das Leben, der weiß nicht, was Gedanken für reale Tatsachen sind. Sie haben eine Wirkung auf das Leben bis hinein auf die Volksgesundung. Wer da weiß, dass der Materialismus so lange Zeit hindurch im tiefsten Innern der Menschheit auf seiner Höhe stand da, wo große Zeitfragen ausgearbeitet wurden, der weiß, dass der etwas gezeitigt hat, das vielfach falsch beurteilt wird. Man bewundert so manchen Schriftsteller, der in blendender Weise manche Auseinandersetzung über die mannigfaltigsten Gebiete des Lebens gibt; und man weiß nicht, dass er Phrasen redet oder schreibt. Der Sachkundige könnte bei manchem zeigen, was hinter dieser Geistreichheit steckt. Zuweilen steckt wirklich etwas dahinter, was man Schwachsinn nennen könnte. Man kann heute schwachsinnig und doch ein geistreicher Schriftsteller sein. Schon vor Jahrzehnten sagte ein Mensch, es sei heute gar nichts Besonderes, wenn einer schöne lange Gedichte mache, denn heute sei unsere Sprache so weit, dass sie für den Menschen dächte. Die allgemeine Bildung ist heute so, dass jemand, der sich vielleicht seit dem sechzehnten Jahre damit befasst hat und alle die Urteile, die herumschwirren, in sich aufnimmt, geistreich schreiben und dennoch schwachsinnig sein kann. Das ist eine scheinbar paradoxe Behauptung, doch sachlich ist sie wahr. Das soll nur angesehen werden als ein Symptom, wie oberflächlich heute das Leben gelebt wird; wie wenig in die Tiefe gehende Urteilskräfte es gibt; wie wenig sie imstande sind, die Kräfte, die hinter dem Leben stehen, zu erfassen. Das sind die führenden Geister! Und wie mag es da stehen mit denen, die die Geführten sind? Wenn wir die Geistesverfassung derjenigen beurteilen, die vielfach diesen Zusammenstoß erleben mit dem, was die Theosophie gibt, so müssen wir sagen: Wären sie innerhalb ihres bisherigen Lebens geblieben, dann wären sie vielleicht leidlich gescheite Menschen verblieben; nun kommen sie aber zur Theosophie, und das ist so, als wenn ein mächtiges Licht hineinleuchtet in einen Raum, in dem viel Unreinigkeit ist.

Das hat man nicht gesehen, so lange es finster war. Nun aber, wenn die Erkenntnis von den wahren Quellen des Lebens hineinleuchtet in die Finsternis, da bewirkt der Kontrast des einen mit dem andern, dass vielleicht einer, der sonst ein nüchterner, leidlich vernünftiger Mensch geblieben wäre, das Licht der Erkenntnis nicht ertragen kann und nun vollständig verrückt wird. Es liegt eine Gefahr hier! Aber darf man sagen, die Theosophie habe die Schuld? Ist es nicht vielmehr die materialistische Geistesrichtung, die den Menschen in diesen Zustand gebracht hat? Und sollte, weil diese Gefahren bestehen, die Geisteswissenschaft der Menschheit jenes Licht nicht bringen? Mag der eine oder andere Schaden leiden, deshalb darf nicht das versagt werden, was die Menschheit zum wahren Fortschritt und zum Heil bekommen muss.

Allerdings gibt es auch wirkliche Gefahren für denjenigen, der den Zugang zu den höheren Welten sucht. Wir können leider in manchen theosophischen Schriften nur zu viel davon lesen, und sie sind dort viel zu sehr ins Schwarze geschrieben worden. Wir wollen nichts beschönigen, wollen aber ruhig und objektiv zusehen, wie es mit diesen Gefahren steht.

Es gibt eine besondere Schwierigkeit, gerade an der Schwelle, weil da schwere Täuschungen, Halluzinationen von dem, was Wirklichkeit und Wahrheit ist, zu unterscheiden sind: dasjenige, was dem Menschen am schwersten ist, gewisse Vorurteile, Vorgefühle zu überwinden, die er aus dem gewöhnlichen Leben mitbringt. Wenn Leute hören, es gäbe einen Weg, um hineinzudringen in höhere Welten, dann erfasst sie oft eine ungeheure Gier und Leidenschaft; das aber strenge zu befolgen, was in dem gestrigen Vortrag hervorgehoben wurde, das strenge Schulen von Denken, Fühlen und Wollen, das scheint ihnen nicht nötig. Aber denjenigen muss gesagt werden, dass das heute, ebenso wie vor tausend Jahren unerlässliche Bedingung ist und von allen Geheimlehrern [streng eingehalten] werden muss. Wer sich nicht auf sinnlichkeitsfreies Denken einließ, der wurde nicht zugelassen zur Geheimschulung. Das kann heute nicht so streng befolgt werden, denn diejenigen, die die Hüter des Wissens waren, gaben früher der Menschheit überhaupt keine Gelegenheit, zu diesem Wissen zu kommen ohne Erfüllung dieser Bedingung. Heute ist es aber anders. Durch tausend und abertausend Kanäle rinnt das Wissen hin zu der Menschheit. Es ist aber staunenswert, wie selbst große Geister auf dem Gebiet der Wissenschaft gar nichts ahnen von diesem Urwissen der Menschheit!

Was der Mensch nicht lernen kann durch die Wissenschaft, das ist die Lösung der Welträtsel. Erst an der Wissenschaft gehen dem Menschen oft die Fragen auf. Fragen werden aufgeworfen, die für die Menschen seit Vorzeiten vorhanden waren; und verzehrt vor Sehnsucht nach Antwort würde der Mensch, wenn nicht die Theosophie die Antwort darauf gäbe. Ein wirklicher Wahrheitsführer kann zum Beispiel Haeckels «Welträtsel» nicht aus der Hand legen ohne das Gefühl: Hier sind nicht nur keine Rätsel gelöst, sondern erst neue vorgelegt. Fragen werden aufgeworfen, die für den Menschen der Urzeit gar nicht vorhanden waren. Die Menschen müssten sich verzehren vor Sehnsucht, wenn nicht die Theosophie ihnen Antwort auf alle ihre Fragen geben könnte. Die heutige Wissenschaft ist eine Fragestellerin mehr als eine Antwortgeberin.

Nicht aus irgendeiner Willkür heraus ist die Theosophie begründet worden, sondern aus tiefster Kenntnis der Bedürfnisse der Menschheit, die immer mehr und mehr das brauchen wird, was allein Theosophie gibt. Die Menschheit kann sie nicht entbehren.

Viele glauben allerdings, sie könnten befriedigt sein mit den materialistischen Anschauungen unserer Umwelt. Sie sagen: Ich finde in ihnen Erklärung für alles, ich brauche nichts von geistigen Welten. - Aber es gibt etwas im Menschen, das niemals auf die Dauer so sagen kann. Der Wunsch, die innerste Sehnsucht der Seele wird immer wieder Nein und abermals Nein sagen zu einer solchen verstandesmäßigen Erkenntnis der Umwelt. Diese Sehnsucht der Seele lässt sich nicht beschwichtigen, sie wächst; sie macht den Menschen schwach, krank, arbeitsunfähig im Leben. Es gibt viele entgleiste Seelen heute, die etwas suchen, aber das, was sie suchen, von sich stoßen. Wenn dieser Sehnsucht der Seelen nicht das entgegenkommt, was die Geisteswissenschaft geben kann, dann ergreift Zweifel, Hoffnungslosigkeit, ja selbst Verzweiflung die Seelen.

So musste aus der Notwendigkeit der Zeit heraus die Theosophie unserer Welt verkündet werden. Da sicht man dann oft, dass sich eine Gier der Menschen bemächtigt, aber sie scheuen die schweren Mühen, die die Vorbereitung notwendig macht; sie sind zu bequem. Sie sagen: Wir wollen unsere Seelen erheben, wir wollen in Seligkeit hinfließen! Du aber gibst doch nur wieder etwas, was in Ideen, in Begriffen einhergeht! Nicht den Geist wollen wir, die Seele wollen wir! — Wenn doch die Menschen einsehen wollten, wie sie durch das, was sie in ihrem Innern großziehen, sich selber die ärgsten Feinde sind! Gerade das ruhige, schrittweise Erkennen kann ihrer Seele Sehnen befriedigen; sie wird nur befriedigt, wenn sie sich ruhig diesen Erkenntnissen hingibt. Es gibt daher viele Seelen, die man entgleiste Seelen nennen könnte in der Welt, die sich aber wirklich als ihre eigenen Feinde entgegenstehen.

Und solche Seelen gibt es, die den eben geschilderten Wunsch, höher zu erkennen, in sich tragen, die aber nicht heraus wollen aus ihrer gewöhnlichen Logik. Sie können nicht hinein in die höheren Welten. Erkrankte Seelen treten uns immer zahlreicher entgegen. Sie phantasieren über allerlei Begriffe der Geisteswissenschaft; dann schiebt man wohl die Grundlage dieser Erkrankungen der Theosophie zu, während in Wahrheit es die materialistische Gesinnung ist, die die Seelen krank macht. Es ist nur der letzte Zusammenstoß mit der Theosophie, der die Krankheit herauszaubert. Man nimmt sich wohl vor, ernster einzudringen in die höheren Gebiete des Daseins, aber erlahmt sehr bald, namentlich dann, wenn eine ernste Prüfung an einen herantritt. Diese Prüfung besteht darin, dass man an der Schwelle sehen muss Gefahren, die das Leben von allen Seiten umgeben, und die der Mensch vorher nicht gesehen hat. Wenn irgendjemand seine Wohnung in der Nähe einer Pulverfabrik hat, mag er jahrelang zufrieden und ruhig darin gewohnt haben, hört dann aber von der Pulverfabrik, und fürchtet dann jede Stunde für sein Leben. Er macht sich nicht klar, dass das Sehen einer Gefahr kein Grund zur Furcht ist. Irgendetwas Äußeres hat sich nicht geändert, bloß sein Wissen in Bezug darauf hat sich geändert. Ebenso ist es, wenn der Mensch sich den übersinnlichen Welten annähert. In dieser Welt sind die Quellen von Seligkeiten, von Erhabenheiten, die man nicht vergleichen kann mit irgendetwas, was Menschen in der sinnlichen Welt erleben können. Aber ebenso mächtige Feinde der menschlichen Natur gibt es da, grauenhafte Dinge; alles, was an Schauderhaftem im Sinnlichen lebt, lässt sich nicht vergleichen mit den Gefahren, die den Menschen in diesen Welten umgeben. Tut er einen Blick hinein, dann erlebt er Welten von Seligkeiten — aber er muss gleichzeitig das Schauderhafte, Furchtbare erleben, und er muss es erleben mit kaltem Blut.

Die realen Tatsachen haben sich nicht geändert, nur seine Gefühle und Empfindungen; die Tatsachen waren schon da, bevor er sie erkennen konnte, geändert hat sich nur seine Erkenntnis der Tatsachen. Da muss der Mensch furchtlos und ruhig bleiben. So einfach sich das ausnimmt, so schwer ist das durchzuführen. Wenn es aber nicht durchgeführt wird, dann tauchen auf in dem Menschen Gefühle von Angst und Schrecken vor den geistigen Welten. Das ist nichts Gleichgültiges, denn das sind reale Gewalten. Es gibt Wesen in der geistigen Welt, für die sind die Furchtgefühle, die wir ausströmen, willkommene Nahrung. Sie leiden an Auszehrung, wenn sie diese Nahrung nicht erhalten. Sie umgeben den Menschen wie Vampire; wenn man ihnen Nahrung gibt in Furcht- und Angstgefühlen, dann ziehen sie sich ganz voll damit. Da muss der Mensch feststehen; er muss sich alle Furchtgefühle gründlich abgewöhnt haben, wenn er den Eintritt suchen will. Auch andere Gefühle, die er aus der sinnlichen Welt mitnimmt, muss er lange vorher ablegen, denn sie werden zu Nachteilen, zu furchtbaren Hemmnissen in diesen Welten. Das sind alle negativen Gefühle: Ehrgeiz, Eitelkeit, Zorn, Hass, Ärger, Egoismus. Diejenigen Gefühle, die im gewöhnlichen Leben wenig bedeuten, werden zu wahrhaften Ungeheuern in Bezug auf ihre gefährliche Seite. Der Mensch, der eintritt in diese höheren Welten und diese Gefühle noch nicht abgelegt hat, bietet willkommene Nahrung für diese Wesen. Er braucht sie nicht zu sehen, aber sie zerstören seinen physischen Gesundheitszustand; sie ruinieren sein Nervensystem, seinen Schlaf. Alles das ist wahr!

Es treten noch schlimmere Gefahren auf. Wenn der Mensch durch die Methoden, die der Lehrer ihm gibt, hineingeführt werden soll, wenn er seine Übungen durchgemacht hat und dann vernimmt, was an ihn herantritt, die Gefahren sieht - und dann den Versuch aufgibt, dann tritt das ein, was man in der Geisteswissenschaft nennt: die Spiegelung der menschlichen Geistesarbeit. In dem Augenblick, wo der Mensch den Versuch aufgibt, erscheinen ihm in Visionen fratzenhafte Gestalten schauderhafter, ganz unmöglicher Art. Der Mensch ist wie eingeschlossen von diesen Gestalten. Wie eine Klammer um ihn herum bildet es sich von solchen Schreckensgestalten.

Alles das könnte den Menschen abhalten, den Weg zu suchen; doch darf es niemanden abhalten. Das wäre nur egoistisch. Wer Gelegenheit hat, einzudringen in die höheren Welten, der darf diese Gelegenheiten nicht versäumen. Es liegt nah, zu sagen: ich habe Angst davor. Doch der Mensch muss sich bewusst sein, dass er damit nicht nur sich, sondern der ganzen Welt schadet. Er hat kein Recht, diese Fähigkeiten brachliegen zu lassen. Denn ebenso wenig, wie der Finger ein selbstständiger Teil des menschlichen Organismus ist, ebenso wenig sind wir etwas Selbstständiges. Und ebenso wenig wie der Finger nicht bloß für sich leben kann, so dürfen wir bloß für uns leben. Die ganze Welt ist ein Organismus. Wir sollen arbeiten an uns selber, unsere Kräfte entwickeln. Tun wir es nicht, dann versäumen wir eine heilige Pflicht gegen die Menschheit. Ein jeder muss sich selber klar sein, dass die Hindernisse überwunden werden müssen. Sie sind zu überwinden! Wenn der Mensch die Anweisungen, die er erhält, energisch und richtig befolgt, dann kann unmöglich jemand Gefahr erleiden. Ein Gruselig-Machen ist gegenüber einer gewissenhaften Führung nicht am Platze. Man muss die Gefahren kennen; aber man darf sie nicht fürchten. Das muss ein fester Grundsatz sein.

Freilich kommen auch von einer andern Seite gewisse Gefahren. Wer zum Beispiel die gesellschaftlichen Vorurteile hinaufträgt in die höheren Welten — die taugen da nichts —, wer sie nicht abstreifen kann, der wird nicht ohne Gefahr hinaufsteigen können. Daher muss sich der Mensch innere Freiheit, Unabhängigkeit aneignen in einem hohen Grade. Wer das nicht kann, der kann nur in einem geringen Grad weiterkommen. Nicht um äußere Unabhängigkeit handelt es sich hier, ein Mensch kann äußerlich noch so abhängig sein, innerlich aber kann die Seele vollständig frei sein. Man muss sich hüten vor zahlreichen Missverständnissen, die uns entgegentreten. Klar sollte sich sein derjenige, der wirklich den Weg der Wahrheit gehen will, dass ein Satz wertlose Worte sagen und dass derselbe Satz tiefe Wahrheit in sich tragen kann. Vor der Phrase, der bloßen Redensart muss sich hüten, wer ernsthaft den Pfad gehen will. Denn wenn auch in der Theosophie das höchste Licht waltet, so auch die allermöglichste Phrasenhaftigkeit und Hohlheit. Das ist eine Unsitte unserer Zeit, sie enthält aber eine wirkliche Gefahr für die Theosophie.

Wenn wir in die ältesten Zeiten zurückgehen, da sehen wir, wie von den führenden Persönlichkeiten, die das Leben geleitet haben, einem gewissen Alter eine große Bedeutung für die Urteilskraft des Menschen beigelegt wurde; heute können die Allerjüngsten ihre maßgebenden Urteile abgeben. Das vor allen Dingen wissen heute die Menschen nicht, dass man zwar in Bezug auf Intellekt, Wissenschaft und Kunst in früher Jugend manches leisten kann; aber die Erfahrungen der geistigen Welten in einer wirklich richtigen Weise seinen Mitmenschen zu überliefern, ist bloß der imstande, der in die Mitte seines Lebens gekommen ist. Daher wird von keiner Geheimschule einer hinausgesandt, der nicht das 35. Lebensjahr überschritten hat. Solange der Mensch noch gewisse Kräfte braucht, um seinen Organismus aufzubauen, so lange hat er sie nicht frei, um sie in den Dienst zu stellen. Autoritativ die okkulten Lehren jemand mitzuteilen, ist nicht erlaubt, bevor die Kräfte nicht mehr zum Aufbau gebraucht werden; erst wenn das Physische im Abstieg des Lebens ist, dann ist es erlaubt. Wer das Leben prüft, wird die Berechtigung dieser Regel einsehen. Selbst bei einem solchen Geist wie Goethe es war: Was er vor diesem Zeitpunkt geleistet hat, war ein Wiederauflebenlassen dessen, was er zusammengetragen hatte von da und dort; was wirklich nicht da wäre, wenn nicht Goethe dagewesen wäre, das ist erst nach der Mitte seines Lebens entstanden. Es bedeutet die größte Gefahr, wenn wir sehen, wie große Wahrheiten hingesprochen werden wie bloße Phrasen. Da kann man zum Beispiel immer und immer wieder hören: Du musst selbstlos sein, du musst deine Persönlichkeit opfern dem All! — Das ist eine tiefe Wahrheit, wenn es wirklich verstanden wird; es kann aber die absurdeste Phrase sein, wenn diese Wahrheit ohne Verständnis hingestellt wird. Der Egoismus ist von einer weisen Weltenlenkung nicht umsonst dem Menschen gegeben; er ist ein Erziehungsmittel, er macht den Menschen reicher und voller; durch ihn wird mancher Mensch abgehalten, etwas zu tun, was ihm schaden kann. Er ist eine gesunde Kraft, er füllt die Persönlichkeit an mit Kraft und Energie, er ist etwas Gesundes! Wenn man sagt, man solle ihn abstreifen, so ist es eine krankhafte Phrase. Trotzdem ist es aber wahr, dass ein Hinopfern der Persönlichkeit nötig ist, wenn wir den Weg finden wollen in die höheren Welten hinauf.

Wie ist das aufzufassen? Wir wollen da einen Vergleich nehmen. Man fordert, jemand sollte alles opfern, was, er an Bargeld besitze. Einer opfert da 50 Pfennig, ein anderer 20000 Mark. Beide aber opfern alles, was sie haben. Wenn geholfen werden soll durch diese Opfer, so kann man selbstverständlich viel mehr helfen mit den 20000 Mark als mit 50 Pfennig. So muss man vergleichen das Hinopfern der Persönlichkeit von einem, der noch gar nichts in sich hat, der vielleicht gar kein besonderes Ich hat, mit dem Hinopfern einer Persönlichkeit, die an Energie, an Kräften Gewaltiges in sich angesammelt hat. Was ist der Menschheit gedient mit dem Hinopfern eines Menschen, der noch nichts ist? Die Persönlichkeit muss sich erst selber kräftig, energisch gemacht haben; es kommt darauf an, wie geopfert wird, nicht was geopfert wird. Der Mensch muss wissen, dass der Egoismus eine gesunde Kraft ist; sie treibt den Menschen an, den Satz zu befolgen:

Wenn die Rose selbst sich schmückt,
Schmückt sie auch den Garten!

Eine Persönlichkeit, die zuerst gelernt hat, die Kräfte in sich selbst zu entwickeln, und dann sich hinopfert, das ist ein wertvolles Opfer im großen Gang des Lebens. Wenn aber eine kraft- und energielose Persönlichkeit dies Wort: Du sollst dich hinopfern, als Lebenswort nimmt, so wird es hier eine Phrase und wird, weil es leer ist, ein inhaltsloses Leben erzeugen. Es ist auf diesem Gebiet ein Vampir des Lebens; es saugt aus die Kräfte des Lebens. Es ist notwendig, auf diesem Gebiete klarzusehen. Hier darf in keiner Weise jenes Wohlgefühl eine Rolle spielen, das der Mensch so leicht hat, wenn er schöne Phrasen sagt. Hier braucht der Mensch, der wirklich in die höheren Welten hinaufgehen will, Achtsamkeit und Geduld, denn nur nach und nach lernt er da unterscheiden.

Noch ein anderes ist zu beachten bei demjenigen, der die im Innern schlummernden Kräfte, die ihn in die höheren Welten hinaufführen, entwickelt zu höheren Fähigkeiten. Alle Menschen haben sie; sie sind als Keim im Innern eines jeden Menschen, nur entwickeln die meisten Menschen sie in langen Zeiträumen. Wenn die Entwicklung dieser Kräfte beschleunigt wird, so wird auch alles andere im Menschenleben beschleunigt. Nehmen wir an, ein Mensch von 20 Jahren würde den Punkt, den er sonst mit 80 Jahren erreicht haben würde, schon in fünf Jahren erreichen. Da drängen sich auf einen Zwölftel alle diejenigen Dinge zusammen, die in sein Karma geschrieben sind. Alles, was er erfahren wird an Widerwärtigkeiten, an Hemmnissen des Lebens, wird eintreten in fünf Jahren. Diese Beschleunigung des Lebens wirkt wie eine Lokomotive, die in rasender Eile durch ein Schneegebiet hindurchrast gegenüber einer langsam fahrenden. Diese schiebt den Schnee langsam beiseite, die andere wird ihn schnell aufwirbeln. So ist es wirklich im Leben. Dasjenige, was sonst in längerer Zeit erlebt würde, drängt sich jetzt zusammen, und so zeigt sich für den Menschen, der den Erkenntnispfad zu gehen beginnt, dass er vieles erleben muss, was ihm seltsam vorkommt, namentlich im Beginn. Untugenden, Laster, Leidenschaften treten plötzlich auf; alles, was auf dem Grund der Seele liegt, muss heraus. Bei jeder Gelegenheit wird der Mensch Leidenschaften, Gelüste finden, die er längst überwunden zu haben glaubt. Sie müssen aber erscheinen, um völlig überwunden zu werden, um völlig zu verschwinden. Für denjenigen, der wirklich hinkommt an die Schwelle, steht ein Gewaltiges da, das in einem großen Bilde alles zeigt, was der Mensch noch an Niederem auf dem Grund seiner Seele hat. Alle Leidenschaften stehen in einem Bilde vor der Seele. Das ist der Hüter der Schwelle. Er begegnet dem Pfadsucher, und furchtlos muss er ihm entgegentreten. Ist er nicht furchtlos, kehrt er um, dann treten jene scheußlichen Bilder auf, die den Menschen einkerkern. Alle seine niederen Leidenschaften kerkern ihn im Spiegelbilde des Geistigen ein wie in einer Kammer. Das wird nicht geschildert, um jemanden abzuhalten, den Pfad zu suchen, sondern nur, um dem Suchenden den Pfad in der richtigen Weise zu ermöglichen.

Niemand darf sich dadurch abhalten lassen. Man muss wissen, dass das Erblicken dieser Gefahren gerade das größte Läuterungsmittel ist. Die Menschen wissen gewöhnlich gar nicht, wie weise sie geleitet werden. Es ist ein mächtiges Gesundungsmittel der Seele, wenn sie erleben muss Furcht und Hoffnung, Spannung und Lösung, Erregung und Beruhigung. Diese Gefühle sind äußerst wichtig, auch in aller Kunst. Das sind wichtige Arzneimittel der Seele. Sie gesundet aus den Gefahren, die sie durchzumachen hat, und dankbar sollten wir sein diesen Lehrmeistern; wir entgehen ihnen ja nicht. Es gibt keine anderen Gefahren als diejenigen, die auch so da sind für den Menschen. Nur in Bezug auf das Wissen, darin ändert es sich für ihn. Er lernt wissen von den Tatsachen, die Tatsachen selbst ändern sich aber nicht. Wenn wir das lernen, dann können wir ohne Sorge, ohne Gefahr den Weg antreten in die höheren Welten. Tut der Mensch das, dann folgt er einer wichtigen Mission. Unsere Zeit braucht das Geisteswissen. Wenn es der Menschheit versagt würde, dann würde der allgemeine Materialismus die Menschenherzen erfüllen mit Zweifel, Trost- und Hoffnungslosigkeit. Es würde die Menschen trübe und verzweiflungsvoll stimmen; es würde auf das Temperament wirken, das Leben öde und verkümmert machen und endlich auch das Physische am Menschen erkranken machen. Der Materialismus würde den Menschen völlig entkräften. Zur physischen Gesundung braucht der Mensch das, was die Geisteswissenschaft gibt.

Nur der kann sein ein wirklich brauchbares Glied im Fortschritt des Menschengeschlechtes, der sich ergreifen lässt von der spirituellen Strömung. Und es ist berechtigt, wenn der Mensch manchmal sorgt um die eigene Entwicklung; er muss sich erst selber die wahren Kräfte aneignen, womit er den Menschen wird helfen können, und er muss Geduld haben zu diesem Aneignen. Das muss festgehalten werden in der Theosophie. Es kommt nicht an auf eine Theorie, sondern darauf, dass sie einfließt in das Leben; sie hat in sich ein gesundes, tatkräftiges Leben, und sie muss sein ein Heilmittel für die Menschheit!

Es lassen sich für alle Dinge Gründe für und wider anführen; das interessiert den wahren Geheimwissenschafter nicht, er weiß es. Die Theosophie ist wie ein Heilmittel der Menschheit gegeben. Mag man sie auch noch so viel angreifen, sie ist berufen, den Menschen gesund zu machen an Leib und Seele, wenn sie ins Leben eingeführt wird. Und an dieser Gesundung des Lebens wird sie ihre Bekräftigung ausdrücken. Daher arbeitet der Mensch nicht für sich, wenn er an sich selbst arbeitet; er arbeitet für den ganzen menschlichen Fortschritt, für das wahre, rechte Heil der Menschheit. Und dass dies erreicht wird, dass das erlebt wird, das wird dann der einzig sichere Beweis für die Geistes- oder Geheimwissenschaft sein.

German original of The Dangers of Initiation · ← Previous · Next →