The Essence of Christianity
GA 68a — 18 December 1907, Cologne
Die Initiation
Das Wort Initiation gehört dem Gebiet der Theosophie an. Wenn man von Theosophie oder Geisteswissenschaft spricht, so soll man nicht die Empfindung haben, als ob man mit etwas zu tun habe, das erst der letzten Zeit angehört. Theosophie ist so alt als das Denken, das Sehnen der Menschheit nach einem Ewigen, einem Bleibenden, das als Übersinnliches allem Vergänglichen zugrunde liegt. Im Verlauf seines Daseins lernt der Mensch immer mehr die um ihn her befindlichen Dinge und Wesenheiten kennen, insofern sie einen Eindruck auf ihn machen, seine Willensimpulse hemmen oder fördern. Er kommt zu einem mehr oder weniger klaren Erkennen dieser Dinge, durch die Kräfte, die hinter ihnen walten; dasjenige, was verborgen ist hinter dem Sichtbaren, das kann er so nicht kennenlernen.
Die Geisteswissenschaft nun ruht auf zwei festen Grundsäulen. Vielleicht scheinen sie Hypothesen für denjenigen, der noch nicht eingedrungen ist in die Geisteswissenschaft, aber sichere Tatsachen sind sie für denjenigen, der mehr und mehr untertaucht in sie.
Die erste Säule ist der Glaube an die Tatsache, dass hinter allem, was der Verstand als die sichtbare Welt bezeichnen kann, ein Unsichtbares besteht, und die zweite Säule, dass der Mensch in diese Welt des Unsichtbaren, Verborgenen einzudringen vermag. Diejenigen Menschen, die ganz und gar fasziniert sind von materialistischen Anschauungen, werden ein solches Streben als fantastisch ansehen. Das Urteil unserer Zeitgenossen sagt wohl, in der Kindheitsstufe der Menschheit träumten die Menschen von etwas Unerklärlichem hinter den Erscheinungen; weil sie nicht erkennen konnten, träumten sie von Göttern, Geistern! Der heutige Mensch aber ist durch die Wissenschaft eingedrungen in die Gesetze des Daseins, er steht auf der männlichen Stufe seines Daseins und konnte solche kindlichen Ansichten nicht mehr festhalten.
Durchaus wahr ist es, dass unsere bewunderungswerte Wissenschaft uns die Möglichkeit geboten hat, ganz anders zu sehen in Bezug auf alles, was die Erkenntnisse des physischen Planes bertrifft, als unsere Vorfahren gesehen haben. Doch wenn sie damit zugleich die Anschauungen unserer Vorfahren über die Kenntnis des Unsichtbaren absetzen will, wenn sie als Ideal der Naturwissenschaft zum Beispiel nur eine möglichst vollkommene Erkenntnis des Physischen hinstellt, dann ist sie für uns nicht mehr wahr.
Wer, wenn er die Gesetze der Mechanik kennt, zum Beispiel eine Uhr ansieht, wird an der Hand dieses Gesetzes sagen können: So laufen die Räder, so bewegt sich der ganze Mechanismus der Uhr. Er kann die Uhr aus sich selber restlos erklären. Doch kann man deshalb sagen, der Uhrmacher sei überflüssig? Wenn wir einmal die Welt wie eine Uhr aus sich selber ganz und gar erklären können sollten, wird dadurch doch das nicht unnötig, was hinter der Welt liegt.
Andere sagen, es mag wohl sein, dass hinter dem Sinnlichen ein Übersinnliches liege, doch sie seien begrenzt in ihrem Erkennen, der Mensch sei nicht so geartet, dass er eindringen könne in die Kenntnis dieses Übersinnlichen. Deshalb brauchten sie sich nicht weiter darum zu kümmern. Dies alles gehört dem Gebiet des Glaubens oder Meinens an, und solle da bleiben wohin es gehöre.
Die Geisteswissenschaft aber sagt das Entgegengesetzte. Sie sagt, dass dem Menschen die Erkenntnis dieser Welten möglich sei, dass er sich fähig machen könne, einzudringen in das Übersinnliche. Allerdings nicht mit den Fähigkeiten und Mitteln, die der naturalistische Forscher bei seinen Forschungen anwendet; mit denen kann man nicht eindringen in das Gebiet des Übersinnlichen. Aber es gibt in dem Menschen schlummernde Kräfte, die der Mensch entwickeln kann. Wenn er sie entwickelt, dann tritt für den Menschen etwas auf, was sich vergleichen lässt mit der Operation eines Blindgeborenen. Es ist ein gewaltiges Ereignis für den Blindgeborenen, wenn die öde Finsternis und Dunkelheit, die ihn bisher umgab, aufhört, wenn für ihn auftaucht aus der Dunkelheit die Welt des Lichtes und der Farben. Eine Welt, die schon immer um ihn herum war und die er nicht wahrnehmen konnte, er kann sie jetzt gewahren. Ein noch gewaltigeres glanzvolleres höheres Ereignis ist es aber für den Menschen, wenn durch die innere Erweckung, durch die Wiedergeburt innere geistige Sinne in ihm herausoperiert werden. Goethe wusste wohl Bescheid in diesen Dingen, er sagt: Es gibt um uns herum viel unerkannte nicht anerkannte Welten, geistige Welten, und kein Mensch hat heute das Recht, dieselben abzuleugnen, weil er sie nicht erkennt. Das wäre ebenso logisch, als wenn der Blinde die Welt der Farben und des Lichtes um ihn herum ableugnen wollte, weil er sie nicht wahrnehmen kann.
Wir können die Wahrnehmungsfähigkeit der um uns herum liegenden Welten entwickeln. Goethe weist darauf hin, er sagt: Unsere Augen waren gleichgültige, noch nicht sehende Organe. Mit dem Moment, wo die elementaren Kräfte des Lichtes herauszauberten die Augen, da war für den Menschen eine neue Welt des Lichtes und der Farben da. Die Entwicklung ist endlos und geht fort und fort, und wenn der Mensch diese nicht sinnlichen, diese übersinnlichen geistigen Sinne entwickelt, dann gehen neue, unbekannte, unerkannte Welten für ihn auf, die aber immer um ihn herum waren.
Unsere Zeitgenossen sind allerdings nicht geneigt, das anzuerkennen. Die Geisteswissenschaft begegnet vielem Widerspruch, man sagt, sie beschäftige sich mit erträumten, fantastischen Gegenständen. Der Geisteswissenschaftler kann am besten einsehen, wie weit das berechtigt ist, dass die Menschen der Gegenwart, der Geisteswissenschaft, diesen Vorwurf machen. Aber es ist heute notwendig, vor die Menschen hinzustellen diese Geisteswissenschaft. Die Menschheit wird sie anerkennen, sie braucht nur Zeit dazu.
Wenn wir sprechen über die Entwicklung solcher im Menschen liegenden Organe und Fähigkeiten, die dem Menschen neue Welten aufschließen, haben wir Menschen gegenüber, die man nennen könnte Wir-Menschen, Man-Menschen.
Wenn wir in die Hand nehmen Schriften oder Zeitungsartikel, die über diese Dinge handeln, sagen sie: «Wir können nicht erkennen», oder: «Man kann nicht erkennen», sie sehen den Geisteswissenschaftler als unbescheiden an, wenn er sagt: «Wir können erkennen.» Was aber ist unbescheiden? Etwas entscheiden zu wollen, wovon man nichts weiß. Logisch ist, nur über etwas zu reden und über etwas zu entscheiden, worüber man etwas weiß.
Da ist schon auf den Quell hingewiesen, woher das entnommen, was die Geisteswissenschaft sagt. Es ist entnommen aus jenen Welten die betreten werden können, wenn der Mensch seine geistigen Sinne entwickelt. Das gewöhnliche Wissen, das der Mensch hat, besteht aus einer Reihe von Urteilen und so weiter, die der Mensch gleichsam an einem Faden aufreiht, und dieser Faden gleitet ihm fortwährend aus der Hand, verlässt ihn fortwährend. Er verlässt ihn auch, wenn der Mensch in Schlaf versinkt, wenn Glück und Leid, Freud und Schmerz, alles, was im Tagesleben ihn umgibt, für ihn untergeht. Kein Mensch kann aber sagen, wenn er Logik besitzt, dass diese Summe von Lust und Leid, von Schmerz und Kümmernissen et cetera, des Abends vergeht und des morgens wieder neu auftaucht. Er überdauert den Schlafzustand, und der Mensch muss sich fragen: Wo ist denn des Menschen Seele, das, was wir als unser Inneres fühlen, das, was uns entzückt und erschüttert, wo sind diese inneren Kräfte, während wir schlafen bis zu dem Moment, wo sie wieder einziehen in den Menschen und Kundschafter werden für die uns umgebende Welt? Wo ist das, was uns vorzaubert eine Welt von Träumen, von Licht, Farbe, von Wärme und Kälte? Wo ist das während des Schlafzustandes? Da entgleitet dem Menschen die Erkenntnis, und sie entgleitet ihm auch, wenn der Tod eintritt, wenn jene geheimnisvolle Stunde eintritt, wo der Mensch seine physische Hülle für immer verlässt. Ist dann der ganze Inhalt der Seele, wenn der Mensch keine physischen Organe mehr behält, mit diesen physischen Organen fortgegangen? Da ist es wiederum, wo die Erkenntnis des Sinnlichen dem Menschen entgleitet. Der Mensch kann sagen: Es muss allerlei dahinter sein, doch der Mensch, der im Leben steht, braucht nicht das zu kennen, was das Tor des Todes verschließt, was der Schlaf verbirgt, wir sind da zu schaffen, zu arbeiten in der sichtbaren Welt, was kümmert uns das Unsichtbare? Aber wenn der Mensch seine volle Tätigkeit entfalten könnte im Sinnlichen, dann könnte das wohl gelten, dann könnte er sagen: Mag was immerhin hinter dem Tod liegen! Doch das Wissen von dem, was hinter dem Tode liegt, hat die größte Bedeutung für das Leben. Denn die Kräfte im Unsichtbaren ragen fortwährend in die Sinnenwelt hinein, und wir können sie nutzbar machen, wenn wir Anschluss gewinnen an die übersinnliche Welt. Derjenige Mensch, der nichts von ihr weiß, wird nach und nach, wenn er entfremdet lebt, den Erkenntnissen der übersinnlichen Welt schwach und kraftlos sein auch in der sinnlichen Welt. Jedes Ding, jedes Wesen in unserer Umgebung ist durchflutet von der übersinnlichen Welt, und wir benehmen uns schwach und kraftlos, wenn wir nichts wissen von diesem Übersinnlichen. Nehmen wir zum Beispiel ein Stück Eisen: In ihm ruht übersinnliche magnetische Kraft. Wenn wir nichts wissen von dieser Kraft, können wir dieses Eisen auch nur halb benutzen. Und so schlummern überall im Sinnlichen übersinnliche Kräfte und Wesenheiten. Das Wissen vom Übersinnlichen ist notwendig für den Menschen, es ist nichts, was nur eine bloße Neugierde befriedigt. Der Mensch braucht diese Kenntnis zu seinem Schaffen und Arbeiten in dieser Welt.
Diese übersinnliche Welt kann erreicht werden durch Entwicklung von in den Menschen schlummernden Kräften und Fähigkeiten. Die Geisteswissenschaft weist den Menschen hin auf diese Kräfte und Fähigkeiten und zeigt den Weg, sie zu entwickeln. Die Geisteswissenschaft ist nichts Neues, es hat immer in der Menschheit gegeben die Eingeweihten, und Einweihung ist nichts weiter als das Erschließen dieser übersinnlichen Kräfte im Menschen. Die wenigsten allerdings wissen, dass es immer gegeben hat eingeweihte Menschen, die in Einweihungs- oder Geheimschulen vorbereitet waren und benutzen konnten die dort entwickelten Kräfte und Fähigkeiten, um ebensolche Erfahrungen in den übersinnlichen Welten zu machen wie die gewöhnlichen Menschen in der sinnlichen Welt. Man nannte solche Menschen immer Eingeweihte.
Nur solche konnten zugelassen werden zu einer solchen Schule, die genaue Proben abgelegt hatten in moralischer sowohl als intellektueller und geistiger Beziehung, dass sie fähig seien, jene gewaltigen Erfahrungen, die sich dem Menschen erschließen, wenn er die Tore zu den höheren Welten durchschritten hat, dann in richtiger Weise zum Wohl seiner Mitmenschen zu benutzen. Darum musste der Mensch Proben ablegen, Schüler werden konnte er nur, wenn er solche Proben ablegte. Freilich stellen sich die Menschen dieselben anders vor, als eigentlich hinter ihnen liegt. Also eingeweiht kann ein Mensch werden, wenn er fähig ist, das große Geheimnis der Schwelle zu überschreiten, die zwischen dem Sinnlichen und dem Übersinnlichen liegt, und Einweihung oder Initiation ist nichts anderes, als was im gewöhnlichen Leben die Operation eines Blindgeborenen sein würde, doch noch größer und gewaltiger, denn dem Einzuweihenden werden operiert die Sinne, die den Menschen für die geistigen Welten fähig machen. Diese Sinne sind in jedem Menschen im Keime vorhanden, sie brauchen nur entwickelt zu werden, und das ist es, was man Einweihung oder Initiation nennt.
Jene elementaren Kenntnisse, die in der Theosophie mitgeteilt werden, sind nur die Grundlage zu einem viel, viel höheren Wissen. Selbst dies elementare Wissen der Theosophie heute ist schon ein solches, das vor Kurzem noch nicht weiteren Kreisen mitgeteilt werden durfte. Denn es ist nicht ohne Gefahr für den Menschen, wenn er an dies Wissen herantritt, obwohl diese Gefahren oftmals ganz falsch beurteilt und übertrieben werden. Diejenigen Fähigkeiten, die in jeder Seele schlummern, sind es, die entwickelt werden müssen: Wir nennen sie Denken, Fühlen, Wollen. Diese Fähigkeiten hat jede Seele. Es ist eine Tatsache, dass durch dieses gewöhnliche Denken, Fühlen und Wollen, wenn der Mensch sie in richtiger Weise entwickelt, er fähig wird, eine ganze Anzahl von Welten sich zu erschließen.
Es können diese drei Fähigkeiten, wenn der Mensch Geduld und Energie besitzt, sich der Schulung hinzugeben, zu immer höherem Schauen und immer weiter einzudringen in die geistigen Welten ausgebildet werden. Wenn der Mensch bis zu einer gewissen Stufe emporgeht, dann sind die Träger des eigentlichen Geistes-Wissens erst in der Lage, ihn zu einem Eingeweihten zu machen.
Wir unterscheiden Vorstufen und eigentliche Einweihung. Es ist allerdings etwas anderes damit verbunden, das es rechtfertigt, dass dies Wissen der großen Menge noch geheim gehalten werden muss. Es besteht in einem Sinne noch als Geheimnis insofern, als für den, der noch nicht bekannt ist, für den, der noch nicht eingedrungen ist, das, was die Theosophie mitteilt, zunächst sonderbar paradox erscheint; man darf nichts Zauberisches damit verbinden. Allerdings etwas anderes ist damit verbunden, das es rechtfertigt, dass dies Wissen der großen Menge noch geheim gehalten werden muss. Schon das, was mitgeteilt wird, macht den Eindruck des Fantastischen, Sonderbaren, sodass viele es für unreif halten; das ist dem Geisteswissenschaftler wohl bekannt und kann nicht anders sein. Wenn aber der Mensch zu den Quellen hinaufsteigt, die allem, was hier im Sinnlichen ist zugrunde liegen, dann wird das Urteil des Menschen über Welt und Leben so radikal umgewandelt, dass man sagen kann, es muss dem gewöhnlichen Menschen ganz unglaublich paradox erscheinen, sodass er nichts damit anfangen kann.
Der Mensch muss erst langsam, stufenweise vorbereitet werden, um die Wahrheit ertragen zu können, und ein großer Teil der Geheimschulung besteht darin, dass der Mensch lernt, die großen, allumfassenden Wahrheiten zu ertragen. Eingeweiht wird derjenige, der vorbereitet und entwickelt wird, um diese Wahrheiten ertragen zu können. Es muss die Zeit kommen, wo eine größere Anzahl von Menschen, ihnen zum Heil und zu ihrer Fortentwicklung, zufließen muss die Möglichkeit, diese Einweihung zu erlangen.
So sprechen wir zunächst von einer Vorschulung. In dieser muss stattfinden eine Entwicklung des Denkens, Fühlens und Wollens. Das Erstere wird leicht vernachlässigt. Da ist oft eine Gier, hineinschauen zu können in die übersinnlichen Welten. Doch diejenigen, die solches Wissen den Menschen ermöglichen sollen, müssen zunächst darauf bestehen, dass zuerst ein festes, sicheres Denken ausgebildet wird, ein Denken, das sinnlichkeitsfrei ist. Was ist ein sinnlichkeitsfreies Denken? Wenn wir uns erinnern wie viel von unserm Denken an der Sinnlichkeit aufgebaut ist: Wir sehen die Welt um uns herum, wir nehmen ihre Eindrücke durch unsere Sinne in uns auf. Eine Vorstellung bleibt im Menschen, eine Erinnerung bleibt davon zurück, dann denken wir nach darüber; rechnen wir ab, alles, was von unserem Denken Reminiszenzen von äußeren Eindrücken sind, wenn wir von denen absehen, was sich an der Außenwelt entzündet hat, dann bleibt so wenig übrig, dass ein Philosoph sagt: «Es ist ausgeschlossen, dass ein Mensch ein Denken entfalten kann, das nicht von der Außenwelt angefacht ist.» Plato hat eine merkwürdige Inschrift über seinem Tempel der Wahrheit setzen lassen: «Kein mit der Geometrie Unbekannter darf hier eintreten.» Das ist nun nicht wörtlich zu nehmen, sondern so zu verstehen, dass man zwar nicht unbedingt Geometrie zu lernen brauche, um einzudringen in die übersinnliche Welt, das hat auch Plato nicht gemeint mit dieser Inschrift, sondern dass ein jeder so denken muss, wie man in der Geometrie denken muss, wenn er eindringen will in die höheren Welten. Ein Kind, wenn es 2 x 3 = 6 an Bohnen oder an den Fingern lernt, erlernt die Wahrheit, dass 2 x 3 = 6 ist. Aber es ist nicht nötig, dass der Mensch das Denken, das auf einer Zahl beruht, nur so kennenlernt. Nimmt man statt der Bohnen gedachte Punkte, so ist das viel nützlicher. Es ist nötig, durch innere Anschauung zu dieser Wahrheit zu kommen und so sinnlichkeitsfreie Anschauung zu bekommen. Durch sinnlichkeitsfreies Denken zum Beispiel ist ein Kreis konstruiert. Ein Kreis, den ich auf die Tafel zeichne, ist eine Reihe von Kreidebergen, wenn ich ihn unter dem Mikroskop betrachte, ein Kreis ist es nicht, den können die Sinne nicht geben, der muss in der inneren Anschauung da sein. In sinnlichkeitsfreier Anschauung muss man den Kreis suchen.
Es gibt ein solches sinnlichkeitsfreies Denken auf allen Gebieten, wenn es auch abgeleugnet wird von manchen Menschen, zum Beispiel für die lebendigen Wesenheiten um uns herum. Das hat Goethe bewiesen. Er sagt in seiner «Weltanschauung»: So, wie der Mensch ein Dreieck konstruieren kann, so kann er auch eine Pflanze konstruieren, Urpflanze nennt er dies. Die Urpflanze ist ein geistiges Wesen und Goethe sagt: Mit dieser Pflanze im Sinn kann man alle Pflanzen in ihrem Werden, Wachsen und Gedeihen verfolgen. Die Menschen verstehen nicht leicht, was Goethe damit meint. Schiller war einstmals mit ihm in einem Vortrag, den der Naturforscher Batsch hielt. Es war von Botanik die Rede. Schiller sagte beim Herausgehen zu Goethe, merkwürdig sei es, wie zerstückelt man die Welt betrachtet, niemand wiese hin auf das große einigende Einheitsband. Da antwortete Goethe, der damals schon seine Morphologie ausgebaut hatte, es könne eine andere Betrachtungsweise geben, und zeichnete vor Schiller seine Urpflanze hin. Schiller meinte, das sei ja eine bloße Idee, und Goethe antwortete ihm ganz traurig: Dann habe ich aber meine Idee im Innern vor Augen.
Er war sich klar, dass das keine bloße Idee sei. Was er in der Urpflanze erfasst hatte, war nicht bloßer Gedanke, sondern er war sich klar, dass die Pflanzen nach diesem Bilde der Urpflanze aus den geistigen Welten heraus erschaffen seien. Wie die Pflanzen entstanden, hat hier der menschliche Geist erfasst. Das ist ein lebendiges Hineindenken in die Welt des sinnlichkeitsfreien Denkens. Wir haben im Innern eine Quelle aus der alle sinnliche Welt entsprungen ist, und wir können auferstehen machen diesen Quell. Aber wir können es nur, wenn wir die starke Kraft haben, den Geist aus uns heraus schaffen zu lassen. Der Mensch kann auch das Werden der Geschichte, den Gang der Menschheitsentwicklung aus sich heraus gestalten.
Es hat solche Denker gegeben. - Die Menschen glaubten, es seien Phantasten, zum Beispiel Hegel in seiner Philosophie der Geschichte. Das ist eine rein ideale Geschichte der Menschheit. Nicht alle Einzelheiten darin sollen von mir vertreten werden, aber das Prinzip gilt, diese Gesinnung liegt dem Werke zugrunde. Es gibt eine Art Mathematik der Geschichte, und wer sich davon befruchten, anregen lässt, wird sehen, dass es möglich ist, auch in Bezug auf die Geschichte von innerer Mathematik zu sprechen.
Doch alles das ist für den heutigen Menschen nicht nötig; es wurde aber verlangt in allen Geheimschulen auf der ersten Stufe ein sinnlichkeitsfreies Denken auf allen Gebieten. Die elementare Theosophie gibt dies. Wie sie spricht über die verschiedenen Glieder der menschlichen Natur, wir sehen sie nicht, wenn sie die Entwicklung des Menschen darstellt, das sind Bilder aus der geistigen Erfahrung heraus. Der Mensch muss sich mit seinem ganzen Denken hineinleben, darin. Das geschieht, damit der Mensch lernt, mit seinem Denken loszukommen von der Sinnlichkeit. Zum Erforschen der übersinnlichen Welten gehört Einweihung, zum Verstehen aber gehört sie nicht; da ist nur gewöhnliche Menschenlogik nötig. Für jedes schlichte Gemüt, für das allerungelehrteste ist zugänglich dasjenige, was die Theosophie an sinnlichkeitsfreiem Denken gibt.
Und wir sollen nicht gering achten, was uns gegeben wird in der theoretischen Theosophie. Dem Schüler, der sich nähert den höheren Welten, wird gesagt: Mache dich zunächst bekannt mit dem, was vom Menschen, seiner Entwicklung, seiner Vergangenheit und Zukunft von denen, die es wissen, mitgeteilt wird. Genau vertraut musst du dich damit machen. Warum das? Deshalb, weil nur derjenige vor gewissen Gefahren der übersinnlichen Erkenntnisse bewahrt werden kann, der sein Denken in diesen Gebieten geübt hat. Wenn der Mensch eintritt in diese unsichtbaren Welten, so hat er Gefühle, die der Mensch, der das nicht erlebt, gar nicht kennt. Er fühlt sich im Innern seiner Seele so, dass man es vergleichen kann, als stehe er auf einer Fläche von Eis. Das Eis schmilzt von allen Seiten ab, und er sieht voraus: Jetzt ist das Eis geschmolzen, jetzt hast du Wasser unter deinen Füßen. So fühlt sich der Mensch, denn alles, was er bisher erkannt hat, seine sinnlichen Erfahrungen erweisen sich als eine Summe von Illusionen, sie zerschmelzen wie Eis, das zu Wasser geworden ist. Der Mensch erkennt, dass alle die Vorstellungen, die er bisher erkannt hat aus seiner Sinnlichkeit, nicht die wahren sind, er fühlt sich wie ohne Grund und Boden. Zwar ist ein gewisser Unterschied da, das Gleichnis hinkt, wie alle Gleichnisse. In der Außenwelt geht nichts Sonderliches vor, wenn der, der eingeweiht wird, dies durchmacht, aber im Inneren des Menschen geht umso Gewaltigeres vor. Nicht das, was wir sehen und hören, wird anders, sondern die gesamten Vorstellungen, die wir uns bisher davon machten, die sinken ins Unbestimmte hinab. Es ist, als ob alles, was wir bisher für Wahrheit gehalten haben, nicht mehr Wahrheit wäre.
Das wird noch erhöht durch einen Eindruck. Wenn der Mensch eintritt über diese Schwelle der höheren Welten, die das Physische vom Übersinnlichen trennt, dann nimmt er ein ganz Neues wahr. Dinge, Erlebnisse, die er vorher sich nicht hat träumen lassen, treten an ihn heran. Das lässt sich nicht vergleichen mit irgendetwas, was der Mensch in der Sinneswelt wahrnimmt. Eines aber gibt es, eines bleibt gleich in beiden Welten und in allen Welten, die dem Menschen möglich zu erreichen sind: Das ist das Denken, jenes Denken, das der Mensch sich aneignet, wenn er sinnlichkeitsfrei denkt. Er braucht dies Denken dort oben, um Illusionen von Wirklichkeit, Blendwerk von Wahrheit zu unterscheiden. Hier im Physischen korrigiert sich ein falsches Denken durch die Dinge selbst; wollte einer an einer Maschine, an einer falschen Kurbel drehen, würde die Maschine nicht richtig funktionieren oder stille stehen. In den höheren Welten aber sind wir einzig und allein das Wesen, das sich seine feste Richtung geben muss. Dort können wir nicht unterscheiden zwischen Illusion und Wirklichkeit, Blendwerk oder Wahrheit, wenn wir nicht durch unser geschultes Denken uns diese feste Richtung geben können; sind wir dazu nicht imstande, dann können wir uns nicht zurechtfinden in diesen höheren Welten. Das, was uns sicher führen wird, sind die Gedanken, denn sie sind dieselben, hier im Physischen und dort in den geistigen Welten.
Wenn der Schüler diese Vorstufe überwunden hat, dann erst ist er reif, wirklich die Schwelle zu übertreten, die einführt in die höheren Welten, die er nicht sehen kann, ohne die übersinnlichen Wahrnehmungsorgane, die er entwickelt hat. Wir müssen auch hier ein Gebiet beschreiben, das für viele ganz unbekannt ist: Es müssen Gefühle entwickelt werden dadurch, dass wir von dem bloßen Denken, von den Vorstellungen hinaufschreiten zu dem, was man Imagination, Bild nennt. Durch diese Imagination wird das wahre Gefühl geschult, sodass wir durch die Dinge hindurch zu ihrem Ewigen, Unvergänglichen schreiten können, in dem Sinne, wie Goethe sagt: «Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.» Die Dinge in dieser Art ansehen, als Gleichnis für ein Ewiges, das gewöhnen wir uns an, wenn wir Schüler werden.
Wir können heute überall ein Zauberwort, «Entwicklung», aussprechen hören. Man redet davon, der Mensch, ein untergeordnetes Wesen ist hinaufgestiegen, ist immer vollkommener und vollkommener geworden, und er hat sich aus einem niederen Wesen hinaufentwickelt zu seiner heutigen Gestalt. Da stellt man abstrakte Ideen hin. Wer wirklich eindringen will in die Entwicklung der Welt und des Menschen, der muss lernen, seine Begriffe zu Bildern umzuwandeln. Nur dadurch kann er hinter den Schleier dringen; das müssen wir lernen, der Lehrer macht das, was damit gemeint ist, dem Schüler klar in solchem Dialog, der zwar niemals gehalten wird, aber doch zu einer monate-, manchmal jahrelangen Entwicklung des Schülers gehört: Sieh dir an die Pflanze, sie streckt ihre Wurzeln hinein in die Erde, aus der Erde erheben sich Stängel, Blätter, zuletzt Blüte und Kelche. Die Blumenkrone erhebt sich der Sonne entgegen, darin ruht das Fruchtorgan. Dadurch, dass sie dem Sonnenstrahl entgegenstreckt ihren Blütenkelch, wird herausgelockt ihr Inneres, sodass sie neuen Samen und damit neue Pflanzen hervorbringen kann. Dem Kuss des Sonnenstrahls verdankt die Pflanze ihre Reifung, sodass sie ein Ähnliches hervorbringen kann. Vergleiche nun den Menschen mit der Pflanze, doch so, dass du den Kopf des Menschen mit der Wurzel der Pflanze vergleichst. Das, was die Pflanze rein und keusch dem Sonnenstrahl entgegenstreckt, ihr Befruchtungsorgan, das verbirgt der Mensch schamvoll und streckt es der Erde zu. Der Mensch ist die umgewandelte Pflanze; er wendet den Kopf, der die Wurzel der Pflanze darstellt, frei in den Kosmos hinaus, um diejenigen Kräfte aufzunehmen, wie die Pflanze sie auch aufnimmt, wenn sie vom Sonnenstrahl die Kraft erhält, um Samen hervorzubringen. Wir verstehen so ein Wort des großen Plato: Die Weltenseele ist am Kreuz des Weltenleibes gekreuzigt. Die Weltenseele entwickelt sich durch die Lebewesen; sie lebt in Pflanzen, Tier und Mensch. —- Das sind ihre Leiber, die Reiche der Natur. Im Kreuze finden wir das symbolisch angedeutet. Die drei Reiche sind in dem nach unten gerichteten Balken, die Pflanze, die mit ihren Wurzeln in der Erde steckt, der obere Balken ist der Mensch, der das, was an der Pflanze Wurzel ist, frei in den Kosmos hineinstreckt, in der Mitte das Tier, der Querbalken, der der horizontalen Stellung des Tieres entspricht. Das ist die tiefste Bedeutung des Kreuzes in allen Religionen. Das wurde dem Schüler klargemacht. Der Mensch ist emporgestiegen von der Pflanze. Schau an die Pflanze, warum darf sie sich frei dem Sonnenstrahl entgegenstrecken? Die ganze Substanz der Pflanze ist keusch, frei von Begierde, dafür aber hat sie kein Bewusstsein, durch das sie wahrnehmen kann wie der Mensch. Sie schläft wie der Mensch in der Nacht. Der Mensch hat sich dies Bewusstsein, was er jetzt hat, erkauft dadurch, dass er die reine keusche Pflanzensubstanz durchzogen hat mit Leidenschaft und Begierde. Die Pflanzensubstanz ist in ihm zum Fleisch geworden. In diesem zum Fleisch gewordenen Substanziellen lebt der Mensch im Wachbewusstsein. Nun schaut hinein in die Zukunft, da wird der Mensch sich umgewandelt haben. Er wird gereinigt haben die unreine begierdenvolle Fleischessubstanz, rein und keusch wird wiederum sein die Menschennatur. Dann werden die niederen Begierdenorgane abgefallen sein, er wird mit höheren Organen ausgerüstet sein, und mit einem höheren Bewusstsein, und er wird seine reinen, keuschen Befruchtungsorgane dem geistigen Sonnenstrahl der heiligen Liebeslanze entgegenstrecken. Wer hineinschauen kann in den Gang des Weltenwerdens, der weiß: Es gibt Organe am Menschenleib, die abfallen, die sich abschnüren werden, und solche, die höher und höher entwickelt werden, die rein und keusch ausgerüstet mit einem höheren Bewusstsein dem Menschen Ähnliches hervorbringen werden. Dies reale Ideal, das dem Menschen als Schüler vor Augen steht wie etwas, das wirklich die ganze Menschheit erreichen wird, gibt einen anderen Begriff von Entwicklung als abstrakte Begriffe. Wenn wir uns hinaufwenden zu diesem realen Ideal, das man nennt den heiligen Gral, wenn wir diese Entwicklung überschauen, dann verfolgen wir eine solche Entwicklung nicht nur mit Gedanken, nicht bloß mit dem Verstand, sondern unser Gefühl wird mitgerissen. Schauer durchbeben den, der so verfolgt den Entwicklungsgang der Menschheit, und was wir dann fühlen, ist etwas, was wie ein Hauch durch die Seele geht. Dann entwickeln wir innere Organe in unserer Seele und neue Welten erscheinen uns — durch solche intime Vorgänge des Innern werden erweckt die Geistesorgane. Wie vorher das Denken wird jetzt entwickelt das Gefühl.
Hat der Schüler Energie, immer weiter und weiter zu schreiten, dass er die Welt so in Bildern in sich erlebt, dann steigt auf die Welt des Geistigen, die Welt des Astralen. Das ist die Vorbereitung, um die Schwelle zu überschreiten.
Dann wird der Wille entwickelt durch die sogenannte okkulte Schrift. Das, was in der ganzen Apokalypse, im Johannesevangelium sich findet, solche Bilder gehören zur okkulten Schrift. Wenn wir uns darin vertiefen, dann erziehen wir unseren Willen, um in die geistigen Welten hineinzukommen. Das erste Siegel ist eines, das uns vergegenwärtigt den Anfangs- und Endzustand unseres Erdenwerdens. Wir werden eingeführt in den Zustand der Erde, wie noch eine viel höhere Temperatur als auf der heutigen Erde war. Der Mensch war schon damals mit der Erde in Verbindung, er war schon damals in anderer Form vereint mit dem Erdenkörper. Das ist ausgedrückt in dem Mann, dessen Füße im Metallfluss stehen. Sie bestehen aus flüssigem Metall. So wie damals am Menschen andere geistige Wesenheiten im Feuer schufen, so wird sein der Endzustand des Menschen. Die Erde wird wieder Feuer sein, und der Mensch wird imstande sein, mit der Kraft des Feuers zu schaffen. Das zeigt an das feurige Schwert, das aus dem Munde hervorgeht. An diesen Bildern ist alles von tiefer Bedeutung, jedes Zeichen, jede Zahl. Solches Siegel bezieht sich auf tiefe Geheimnisse des Daseins. Wenn der Mensch sich mit dieser Schrift bekannt macht, dringt er ein in die geistige Wesenheit, die hinter den Erscheinungen unseres Daseins sind. Damit wird der Wille des Menschen eins mit dem Willen der Natur; magische Kräfte fließen von dem Menschen hinaus in den Kosmos, sein Wille taucht unter in jedes Wesen, er fühlt sich eins mit dem ganzen Kosmos, er geht auf in dem ganzen Kosmos. Er wird allmählich eins mit den Kräften der Wesen um uns herum. Wenn der Mensch mit Geduld sich durch die okkulte Schrift hindurchfindet, dann wird sein Wille durch Eindringen in den ganzen Kosmos nicht nur wollend, sondern sehend und namentlich hörend. Dann wird es Wahrheit, was Goethe ausspricht, als er von den geistigen Welten redet, da spricht er von der Art, wie der Wille entwickelt ist, wie eben geschildert. Dann ist es Wahrheit:
Die Sonne tönt in alter Weise
In Brudersphären Wettgesang,
Und ihre vorgeschriebne Reise
Vollendet sie mit Donnergang.
Diejenigen, die das verstehen wollten, haben Geheimnisvolles in diesen Worten gesucht, sie sind aber der Wirklichkeit entlehnt. Es tönt die geistige Sonne für denjenigen, der das geistige Ohr entwickelt hat, das heißt, der einen entwickelten Willen hat, und ihn erweitert hat zum geistigen Hören, das höher steht als das astralische Schauen. Und in den Worten: «Tönend wird für Geistesohren schon der junge Tag geboren» ist selbst der Ausdruck «Geistesohren» wahr. Das ist kein sagenhaftes Bild, es ist wahrer, als man im Allgemeinen annimmt.
Wir haben heute über das Prinzip der Einweihung gesprochen, morgen wollen wir über ihre sogenannten Gefahren reden.
Das Aufgehen der einzelnen Personen kann nur errungen werden in geduldigem, energischem Vorschreiten. Die Geisteswissenschaft zeigt Schritt für Schritt das erhabene Ziel, das der Mensch erreichen kann. Der Mensch soll sich nicht bloß auf sein Inneres besinnen, das ist bloße Phrase. Aufgehen muss er im All, im Kosmos, denn der enthält unser Ich.
Durch geduldiges Aufgehen in den Wesen um uns herum entwickeln wir unser Inneres so, dass wir lernen, in Liebe den ganzen Kosmos zu umfassen.
Dann dürfen wir erkennen unser höheres Selbst. Wir sind entstanden im Schoße der Welt, wir müssen uns verbinden mit den Geheimnissen des Weltenschoßes, müssen sie erkennen. In der Harmonie zwischen Innen- und Außenwelt, in dem Ausgleich zwischen dem Leben, das wir als unser Tiefstes in uns empfinden, und dem, was wir als Höchstes außer uns erkennen, können wir Seligkeit, Erkenntnis und Frieden finden. Einweihung ist etwas, was nicht bloß in das Innere des Menschen hineinreicht, sondern was weit hinausreicht in die Welt. Jeden Schritt musst du in Einklang bringen mit den Wesen, die, außer dir, zu dir gehören. Nicht dadurch, dass du in dein Inneres blickst, sondern dadurch, dass du loskommst von deinem egoistischen Ich, gelangst du zu einer höheren Stufe des Seins. Als Geleitwort, als Motto für einen jeden Einzuweihenden gilt das Wort Goethes, das ausspricht, dass der Mensch nur dann Harmonie herstellen kann, wenn er loskommt von seinem eigenen Ich. Erst dann kann er seinen eigenen Mittelpunkt finden, wenn er das Innere und das Äußere in Begriffe abstimmt.
Denn alle Kraft strebt vorwärts in die Weite
Zu leben und zu wirken hier und dort
Dagegen engt und hemmt von jeder Seite
Der Strom der Welt, und reißt uns mit sich fort.
In diesem innern Sturm und äußern Streite
Vernimmt der Geist ein schwer verstanden Wort:
Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
Befreit der Mensch sich, der sich überwindet.