The Essence of Christianity
GA 68a — 14 December 1907, Düsseldorf
Das Johannesevangelium und die Zukunft des Christentums
Goethe, der in so vielen Dingen einen so durchdringenden Blick hatte, sprach einmal über das Schicksal der Bibel in der neueren Zeit folgende bemerkenswerte Worte aus: Durch lange Jahrhunderte hindurch hat das Volk die Bibel eigentlich nicht in die Hand bekommen, sondern sie nur kennengelernt auf Umwegen, und als weitere Kreise anfingen, sich mit der Bibel zu befassen, war man schon mehr geneigt, über die Bibel und ihre Entstehung kritisch nachzudenken und viel weniger, sich unmittelbar einzuleben in ihren Gehalt und dasjenige, was sie wirkt, sodass eigentlich, wie Goethe meint, seit der Bekanntschaft mit der Bibel in weiteren Kreisen viel weniger aus dem Geiste dieser Urkunde heraus gesprochen als über dieselbe geredet wurde.
Was Goethe vor hundert Jahren empfand, das hat sich im Laufe dieses Jahrhunderts wesentlich gesteigert. Da, wo man forscht, ist es immer seltener geworden, unbefangen in den Geist dieser religiösen Schrift selbst sich zu vertiefen; immer häufiger dagegen wird kritisch nachgeforscht: Wie stimmen die einzelnen Teile überein, wann und wie ist das Einzelne entstanden, welches ist die äußere Geschichte dieses Werkes? Immer weniger kümmert man sich um den geistigen Inhalt.
Gleichzeitig bemerkt Goethe, dass im Grunde genommen die Bibel das Buch der Bücher sei; das sagt Goethe, dieser sogenannte Heide. Ja, er sagt, dass es nicht zu weit gegangen sei zu sagen, dass alles, was heute in unsern Gesinnungen und Gefühlen, in unsern Empfindungen und Vorstellungen, in unserer Denkungsweise lebt, die Bibel zur Grundlage hat. Es ist besonders bemerkenswert, dass auch dasjenige in unserer Zivilisation, was auch scheinbar uns unabhängig gemacht hat von der Bibel, dennoch, wenn man die Dinge intim verfolgt, ein Ergebnis der Bibel ist. Man glaubt so gern, die moderne Wissenschaft seit dem sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert sei bloß eine Gegnerin der Bibel. Aber die Kraft der Gedanken, die Richtung der Vorstellung, sind, wenn auch scheinbar im Gegensatz zur Bibel, aus der Tiefe der Bibel herausgenommen.
Kopernikus hat zwar in einer scheinbar der Bibel widersprechenden Weise den Himmel durchforscht, aber die Kraft der Gedanken hat er sich anerzogen aus der Bibel. Ja, die Gedankenformen des modernen Monismus, des Materialismus, haben ihre Kraft gewonnen aus der Bibel. Diejenigen sozialen Parteien, welche sich radikal gegen den Bibelglauben wenden, haben auch — das erkennt der, welcher sich auf Seelenkunde versteht —, die Kraft der Gedanken und Empfindungen aus der Bibel geschöpft. Am meisten ist das der Fall bei der sogenannten Bibelkritik, die ja am meisten sich wendet gegen die Bibel. Ihre [Schule] haben diese in der Kultur der Bibel durchgemacht. Wenn man diesen intimen Geschichtslauf der neuen Zeit verfolgt, könnte man im Hinblick darauf sagen:
Dein Gut-Geartetes, in fremden Adern
Wird sogleich mit dir selber hadern.
Das sagte Goethe mit Bezug auf einen, der sein Schüler war und der in gewissen Anschauungen gegen Goethe anging und zu seinem Kritiker wurde. So sind es die Gedanken, welche im Lauf der Jahrhunderte in die Menschen sich eingelebt haben in unserer abendländischen Kultur, die unser Denken, Fühlen und Wollen stark gemacht haben, die Gedanken der Vorfahren, die in den Adern der Nachfahren mit den Vorfahren hadern.
Zu den Teilen der Bibel, die am meisten gelitten haben durch die moderne Denkungsweise, gehört das Johannesevangelium, das für die vorhergehenden Jahrhunderte die lebendigste Quelle des Christentums war. Das wird von der modernen Bibelkritik weit weniger geschätzt als die drei ersten, sogenannten synoptischen Evangelien des Matthäus, Markus und Lukas. Die Bibelkritiker versuchen nach ihrer besten Absicht, die Bücher der Schrift auf ihren historischen Wert hin zu prüfen. Sie sagen, wenn man die drei ersten Evangelien erforscht, die, wenn man von Einzelheiten absieht, übereinstimmen, so findet man ein Bild des Christus Jesus, wie es sich als glaubhaft herausstellt. Nimmt man dazu das Johannesevangelium, so ergeben sich gegenüber den drei ersten Evangelien so viele Widersprüche, dass man dies unmöglich mit den drei ersten Evangelien in Übereinstimmung bringen kann. Die drei ersten Evangelien berichten historische Tatsachen, die ein anschauliches Bild geben von dem, der da umhergewandelt ist in Palästina. Der vierte Evangelist, sagen sie, kann nicht als Darsteller historischer Wahrheiten angesehen werden. Er ist vielmehr ein Enthusiast für die Persönlichkeit des Christus Jesus. Ihm kam es darauf an, einen bedeutsamen Hymnus zu dichten auf den Christus Jesus, auszusprechen in lyrischer Form, was er über diese verehrte Persönlichkeit als Wahrheit empfand und dies mit historischen Tatsachen nur zu umkleiden.
So erscheint vielen das vierte Evangelium nicht als historisches Dokument, sondern wie eine Lehrschrift, an der man sich erbauen könne, wie an einem Gedichte, das aber nicht geeignet sei, etwas auszusagen über den, der Stifter der christlichen Religion auf Erden war. — Als im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts sich immer mehr diese Anschauung verbreitete, sagte in den Fünfzigerjahren der Gelehrte Bunsen: Wenn es wirklich so wäre, dass das Johannesevangelium nicht als historisches Dokument genommen werden könnte, dann stünde es schlecht um das historische Christentum.
Nicht geleugnet werden kann, dass in den ersten drei Evangelien Jesus noch mehr menschlich dargestellt wird, als die Persönlichkeit, die sich in ihrer Größe nach und nach entfaltet, dass dagegen im vierten Evangelium eine vollendete Wesenheit uns sogleich entgegentritt, die aus unsichtbaren Höhen herabgestiegen ist, die nichts mehr zu lernen hat aus ihrer Umgebung, die mit Gnade und Wahrheit von Anfang an ausgestattet ist, die selbst die Fülle der Gottheit in sich trägt.
In den drei ersten Evangelien sind Glaubens- und Lehrsätze enthalten, im vierten Evangelium spricht die Wesenheit des Christus Jesus scheinbar zumeist von sich selbst, von dem, was er der Menschheit und seinen Jüngern sein soll. Das sind Unterschiede, die jedem auffallen. Dem sie auffallen, der wird gedrängt zu der Frage: Wie verhält es sich mit diesem vierten Evangelium gegenüber den drei anderen Evangelien? Wir müssen uns klarmachen, dass diese Widersprüche eigentlich immer vorhanden waren, dass aber durch Jahrhunderte hindurch die weisesten Menschen daran keinen Anstoß genommen haben. Wer nicht auf dem Standpunkt steht, dass erst im neunzehnten Jahrhundert die Menschen gescheit geworden sind, der weiß, dass in den ältesten Zeiten sich die weisesten Menschen bemüht haben, eine Harmonie zwischen den Evangelien herzustellen und auch der Meinung waren, das sei ihnen gelungen.
Ein jegliches Zeitalter versteht ein jegliches Ding so, wie das Zeitalter selbst geartet ist. In anderen Zeitaltern gab es nicht diese ausschließlich materialistische Denkungsweise, die selbst in die Kritik der religiösen Schriften eingezogen ist. Ein anderes Zeitalter hat nicht gehabt jene Vorliebe für den «schlichten Mann aus Nazareth». Immer mehr ist der Drang entstanden, den Christus Jesus herunterzudrücken auf die Stufe der Menschlichkeit, immer mehr zu sagen: «In Ihm lebt zwar eine Idealgestalt, die aber doch Mensch ist.» Ihn zu messen an den anderen Menschen, das ist immer mehr die Denkgewohnheit unserer Zeit geworden. Andere Zeitalter haben diesen Drang nicht gehabt, Jahrhunderte der christlichen Entwicklung hindurch gab es ein anderes Ideal, ein anderes Streben. In einer unnahbaren Ferne stand da das Christuswesen. Alle menschliche Gelehrsamkeit, alle Tiefe der Weisheit, alle Tiefe des Fühlens und Empfindens suchte sich hinaufzuheben zu jenen Höhen, wo man etwas ahnen konnte von jenem Wesen. Man glaubte, dass nur das reinste, geläutertste Erkennen sich nähern könne diesem Wesen. Der Drang der älteren Zeiten war, sich emporzuheben im Erkennen und Fühlen, um zu ahnen die Höhe jenes Wesens. So spiegelt sich in der Auffassung der Evangelien nichts anderes als der Geist des Zeitalters, in dem gedacht, empfunden und geforscht wird.
Wir stehen jetzt wiederum in einer Epoche, die den Menschen erheben will zu einer höheren Welt. Aber trotzdem sie erst im Anfang ist, diese Epoche, sie kennt ihr Ziel genau und weiß es auch im Einzelnen zu verfolgen. Das Bestreben der Theosophie ist, das Johannesevangelium zu begreifen, zu verstehen. Es könnte wohl sein, dass das Johannesevangelium durch das Mittel dieser Forschung eine Art Auferstehung feiern wird. Man wird durch die geistige Forschung wieder verstehen den Evangelisten, der so hoch erhaben das Wesen des Christus Jesus darstellt. Vertieft man sich erst in den Inhalt mit den Mitteln geistiger Forschung, dann stellt sich dies Evangelium in der Tat dar als das tiefste Buch der Menschheit. Als ein Lebensbuch ist dies Evangelium durch viele Jahrhunderte hindurch genommen worden. Vielleicht kann es wieder ein Lebensbuch werden.
Versuchen wir, einiges zu betrachten, was sich ergibt für den, der zu verstehen sucht auf diesem Gebiet. Da stellt sich heraus, dass das Johannesevangelium eine Schrift ist, die in wunderbarer Kongruenz steht mit dem Alten Testament. Das Johannesevangelium beginnt mit dem Anfang der Dinge, das Alte Testament auch. Dort lassen die Götter am Anfang Himmel und Erde erstehen aus dem, was das Chaos war. - Das Johannesevangelium beginnt auch mit den Worten: «Im Anfange war das Wort, und das Wort war bei Gott, und ein Gott war das Wort.» (Joh 1,1)
So werden wir von beiden Urkunden an den Anfang verwiesen. In beiden Fällen wird der Blick der Menschheit gerichtet auf dasselbe. Es zeigt sich da eine Kongruenz, die aber doch eine merkwürdige Verschiedenheit aufweist. Im Johannesevangelium liegt dadurch ein eigentlich Neues. Im Alten Testament werden wir an den Ausgangspunkt der Menschheit versetzt. In großen, gewaltigen Bildern wird da das Werden der Welt gezeigt bis zum Menschen, der uns entgegentritt als der Genosse anderer Wesen in der Welt der Mineralien, Pflanzen und Tiere, hingestellt als ein äußeres sichtbares Wesen. Seine Entwicklung wird hinaufgeführt bis zur Entwicklung eines Volkes, des jüdischen Volkes. Nicht eine besondere Menschwerdung, sondern die Menschheit, wie sie entsteht in der Welt, und dann hinauf bis zu einem Volke, wird geschildert. Ein Volk wird als ein Ganzes geschildert. Nur wer die Führung dieser Linie in der richtigen Weise zu würdigen versteht, der versteht das Alte Testament richtig. In der Seele jedes einzelnen Juden lebte der Sinn des Alten Testamentes. Als das Glied des ganzen Volkes fühlt sich da der einzelne Mensch. Wenn der Jude sein Tiefstes aussprechen wollte, dann sprach er seine Zusammengehörigkeit mit Abraham aus. Wenn er sprechen wollte von seinem übersinnlichen, über den Tod hinausgehenden Wesen, dann sprach er davon, dass sein Übersinnliches in Abrahams Schoß gehe. Er fühlte nicht das gesonderte Ich, sondern er fühlte das große Volks-Ich und dass das gemeinsame Blut ihn mit dem Volke verband, das hinaufführt zu dem Vater Abraham. Wenn er zu dem Höchsten aufblickte, dann blickte er auf zu einem Wesen, das durch das Blut des ganzen Volkes sich offenbarte. Heilig war ihm nicht nur die Erinnerung an den Stammvater Abraham, sondern heilig war ihm das Sich-eins-Fühlen mit ihm. Weiter hinauf wurde angeknüpft an den Weltenanfang, wie in einem zusammengehörigen Menschen-Ganzen ein Blut floss und wie die Weltengesetzmäßigkeit, der Gott selbst, eine solche Menschengruppe durchflutet und durchgeistigt.
Stellen wir dem gegenüber das Johannesevangelium. Auch das nimmt seinen Ausgangspunkt beim Beginn unserer ganzen Entwicklung. Es setzt aber nicht da ein, wo das Alte Testament einsetzt, sondern es setzt in einer gewissen Weise vorher ein. An den Urbeginn setzt das Alte Testament die Entstehung der sinnlichen Welt, dessen, was gesehen werden kann, was für die äußeren Sinne da ist. «Und Gott sprach: Es werde Licht!» (1 Mos 1,3) Der Schreiber des Johannesevangeliums versetzt uns weiter zurück, in eine Zeit, die noch früher war, zu einem Punkte, wo noch nichts Sinnliches war, wo nur das Geistige da war: «Im Urbeginne war das Wort und das Wort war bei Gott» (Joh 1,1), das ist nichts anderes als das Geistige, wovon alles Sinnliche die Offenbarung ist. Er sagt: Wahr ist es, die sichtbare Welt begann so, wie sie geschildert ist im Alten Testament. Aber ihr ging voran eine geistige Welt. Alle Gesetze, die sich auslebten in jenem Urbeginn, drücken sich aus in keinem Einzelnen, sondern im gemeinsamen Blut, das ihn mit dem ganzen Volke verbindet. Geht man bis zum Geiste, der diesem sinnlichen Weltenanfang vorausgeht, so kommt man auch zu dem im Menschen, was erhaben ist über alles Sinnliche, über allen Volkszusammenhang und bis zu dem, was sich in jedem Menschen findet, in jeder menschlichen Individualität. Wenn wir uns versetzen in die Empfindung des Juden für das Gottesprinzip, so finden wir: Er fühlte sich einig mit dem Vater Abraham, wenn er die ganze Blutslinie zurückverfolgte.
Bei Johannes finden wir gegenüber dieser Anschauung einen gewaltigen Fortschritt. Was sagt der Christus Jesus des Johannesevangeliums? In dem, was er sagt, liegt ein gewaltiger Fortschritt gegenüber dem Geist des Alten Testamentes. Wenn man das prüft, was uns als die tiefste menschliche Wesenheit erscheint, dann braucht man über den einzelnen Menschen nicht hinauszugehen. Der einzelne Mensch kann allein, für sich, stehen; er findet den Vater in sich, das, woraus er hervorgegangen.
Ich, mein innerstes Wesen, Ich und der Vater sind eins. (Joh 10,30)
Es bedeutet dies den Heroldsruf, die Offenbarung des individuellen Menschenwesens. Wie stellte sich der Christus Jesus den Juden gegenüber, die da hinaufgingen bis zum Vater Abraham? Er sagte genau: In euch lebt dieses menschliche Ich; wenn ihr das menschliche «Ich» oder «Ich bin» in euch selber findet, die Kraft der Individualität, dann darf jeder sagen: Es lebt etwas in mir, was außer der Zeit ist.
Ehe denn Abraham war, war das «Ich bin». (Joh 8,58)
Ewiger als dasjenige, was man in der äußeren Welt erleben kann, ist dasjenige, was man in des Menschen innersten Wesenskern erfahren kann. Wir gehen nicht mehr zu Abraham hinauf; wir gehen hinauf zu dem, was als Ewiges in uns sein wird.
Ich und der Vater sind eins. (Joh 10,30)
Jeder einzelne Mensch findet durch sich selbst den Zugang zum Ewigen. So gehen wir hinauf bis zu dem Uranfang dessen, was als Ewiges in den einzelnen Menschen lebt.
So ist das Johannesevangelium die bedeutsame Fortsetzung dessen, was im Alten Testament steht. Es stellt sich dar als eine Offenbarung dessen, was vor dem Uranfang dessen war, was im Alten Testament dargestellt wird. Um zu verstehen, was im Johannesevangelium gemeint ist, müssen wir uns einlassen auf den Wortgebrauch. Was ist gemeint mit dem Logos, dem Wort? Eine spintisierende Gelehrsamkeit sagt vom Anfang des Johannesevangeliums, dieser Anfang findet sich in den anderen Evangelien nicht. Sie erzählen schlicht und einfach, wenn auch mit Wundererzählungen durchtränkt, dasjenige, was äußerlich sich abspielte. Man sagt wohl, der Schreiber des vierten Evangeliums sei dagegen ein Philosoph gewesen. Johannes müsse wohl Philo gekannt haben. Von dem könne man sagen, dass ähnliche Spekulationen bei ihm stehen wie im Johannesevangelium. Er sage auch, dass zwischen Weltschöpfer und Mensch das Wort stehe. Aus alexandrinischer und griechischer Bildung habe Johannes die Elemente seiner Schrift gezogen. Daraus habe Johannes das geschöpft, dass er im Evangelium in der Weise erzählt, dass der Christus das fleischgewordene Wort sei. Das sei keinem anderen Evangelisten eingefallen.
Lesen wir einmal den Anfang des Lukasevangeliums darauf hin:
Sintemal sich’s viele unterwunden haben, zu stellen die Rede von den Geschichten, so unter uns ergangen sind, wie uns das gegeben haben, die es vom Anfang selbst gesehen, und Diener des Wortes gewesen sind. (Lk 1,1-2)
Hier steht genau dasselbe, Wort oder Logos. Es wird gesagt, dass man es nacherzählen wolle denen, die «Diener des Logos» gewesen sind. Es steht in Wahrheit noch etwas anderes da: «wie es jene wissen, die Augenzeugen und Diener des Wortes gewesen sind». — Bei Lukas ist auch so gesprochen, wie Johannes von dem Worte spricht. Auch er sagt, dass jene, die etwas wissen vom Anfang an, Augenzeugen des Wortes gewesen sind. Unter den intimer Eingeweihten war es damals üblich, von dem Wesen, das in Christus lebte, zu sprechen als von dem Wort und sich selbst Diener des Wortes zu nennen. Aus dem Sprachgebrauch der Eingeweihten hat der Schreiber des Johannesevangeliums den Ausdruck «das Wort». Erst die Geisteswissenschaft kann erklären, was eigentlich mit dem «Worte» gemeint ist. Um das zu verstehen, müssen wir das Wesen des Menschen im Sinne der Theosophie in Betracht ziehen.
Was die äußere Sinnesbetrachtung vom Menschen kennt, das ist nur ein Teil der menschlichen Wesenheit. Überall, wo Geisteswissenschaft oder Theosophie vorhanden war, gab es genau dieselbe Einteilung des Menschen, wie sie jetzt gelehrt wird. Die Geisteswissenschaft sagt von einem zweiten Glied der menschlichen Wesenheit, dem Äther- oder Lebensleib. Sie sagt, dass des Menschen physischer Leib aus denselben Stoffen besteht wie die ganze Natur. Aber im menschlichen Leibe sind diese Stoffe so zusammengefügt, dass, wenn sie ihren eigenen Gesetzen folgen würden, der physische Leib zerfallen würde. Der Ätherleib aber hindert diesen Verfall. In dem Augenblick, wo der Ätherleib den physischen Leib verlässt, folgt der physische Leib seinen eigenen Gesetzen und zerfällt. Dass das im Leben nicht geschieht, beruht darauf, dass der physische Leib durchtränkt ist von dem Äther- oder Lebensleib.
Wenn man sich überlegt, dass da, wo ein Mensch vor uns steht, nicht nur der physische und Ätherleib vor uns steht, sondern noch etwas, was dem Menschen viel näher ist als der physische und Ätherleib, dass ihn eine Summe von Lust und Unlust, Freude und Schmerz, Trieben und Leidenschaften, Wünschen und Begierden durchzieht, so haben wir darin das, was die Geisteswissenschaft den Astralleib nennt, den dritten Teil der menschlichen Wesenheit, der viel ursprünglicher ist als der Ätherleib und der physische Leib. So, wie das Eis sich aus dem Wasser herausbildet, Wasser ist in anderer Form, so ist der Ätherleib und der physische Leib verdichteter Astralleib. Die Geisteswissenschaft zeigt, dass Äther- und physischer Leib verdichteter Astralleib sind. Der astralische Leib ist die Ursache des Ätherleibes und des physischen Leibes. Den physischen Leib hat der Mensch gemeinsam mit allen sichtbaren Wesen der Natur, mit Mineralien, Pflanzen und Tieren. Den Ätherleib hat er gemeinsam mit Pflanzen und Tieren, den Astralleib mit den Tieren. Aber eines besitzt der Mensch allein, was ihn zur Krone aller Wesen macht. Einen Namen kann jeder nur zu sich selbst sagen, das ist der Name «Ich». Keiner kann den Namen «Ich» aussprechen, wenn es einen anderen bedeuten soll. Nur zu sich selbst kann jeder diesen Namen sprechen. Hier kündet sich dem Menschen der eigentliche Mittelpunkt seiner Natur an; sodass die Geisteswissenschaft sich den Menschen viergliedrig vorstellt, als Viertes das «Ich bin». Es ist dies eine eigene Kraft und Wesenheit. Jean Paul schildert in seiner Biografie, wie ihm zuerst der Gedanke aufging: Du bist ein Ich. Er sagte: Da habe ich in das verhangenste Heiligtum meiner Seele hineingeschaut. Alle Religionsbekenntnisse, die auf Geistesweisheit gebaut sind, haben diesen Tatbestand empfunden. Empfunden hat ihn auch das hebräische Volk. Nichts anderes als das «Ich bin» ist Jahve oder Jehova. (2 Mos 3,14) Er ist das «Ich bin» und deutet auf das Innerste der Menschennatur. In diesem althebräischen Volk war das «Ich bin» oder Jehova empfunden worden als etwas, was in der ganzen Gruppe sich ausdrückte. Es wandte diesen Namen an auf das, was durch den ganzen Blutsstrom von Abraham an hinunterfloss.
Dies «Ich bin», als was sah man das an? In jenen Stätten der alten Zeit, die man als Mysterienstätten bezeichnete, von denen kann man sagen, sie waren Kirche und Schule zugleich. In den Mysterien suchten sich die Mysterienschüler zu der Natur des «Ich bin» zu erheben. Da wurden sie geführt vom Sinnlichen ins Geistige. — Eine völlige Erneuerung dieses vierten Gliedes der menschlichen Wesenheit trat durch die Erscheinung des Christus Jesus ein. Die Bezeichnung für dies «Ich bin» ist der Logos oder das Wort. Aus den unsichtbaren Welten heraus kündigte sich das Geistige im Ich an, offenbarte sich das Geistige im Ich, durchtränkte das Ich.
Der Mensch ist seinem physischen Leibe nach ein Extrakt der ganzen mineralischen Welt. Daher hat man den Menschen einen Mikrokosmos genannt. Sein Ätherleib ist ein Auszug aus den Lebenskräften, die in dem Pflanzen- und Tierreich draußen leben. Sein Astralleib ist ein Extrakt aus allen astralen Kräften, die in den Tieren leben. Das Ich steht nicht in Beziehung zur umliegenden mineralischen, pflanzlichen und tierischen Welt, sondern nur zur unsichtbaren, göttlich-geistigen Welt. Es ist ein Extrakt aus dem Geistigen, ein Tropfen aus der Substanz des Göttlichen. Ein Tropfen aus dem Meere des Göttlichen ist das Ich. So ragt das Göttliche in den Menschen hinein und sendet in des Menschen Innerstes seinen Tropfen hinein, und der Ausdruck dieses Göttlichen ist das «Ich bin». Dieser Tropfen der göttlichen Natur ist noch älter als der astralische Leib. Er war, ehe unser astralischer Leib entstand, im Schoße des Göttlichen.
«Im Anfang war das Wort» (Joh 1,1), oder das «Ich bin», jene innerste Kraft der menschlichen Wesenheit, die das Ewige darstellt. Gelehrt sollten die Menschen werden, dass ein jeder in sich selber den Tropfen der Gottheit finden könne, wenn er im Innern diese Gemeinschaft sucht. Gelehrt sollte der Mensch werden, dass er in sich selbst die Gemeinschaft mit Gott als einzelne Individualität finden könne.
Die Kunde von dem Worte drang in die Welt, sie schien in die Finsternisse des astralen, ätherischen und physischen Leibes hinein. Nur Einzelne haben es begriffen, die nicht aus dem Fleisch geboren waren. Sie konnten sich als Gotteskinder offenbaren. Jetzt aber kam herein das Urewige, Umfassende der Menschennatur, das vor Abraham war, was jede Menschenindividualität hat. Diese übersinnliche Kraft, die ist Fleisch geworden in dem Christus Jesus. So ist der Christus Jesus die Kraft in der Menschheitsevolution, die die Menschheit zur Erkenntnis ihres innersten Wesens, ihres «Ich bin» bringen will. Von diesem Gesichtspunkte aus wird verständlich das Johannesevangelium und vor allem jenes tiefste Kapitel, in dem so viel von dem «Ich bin» gesprochen wird. Er sagt ausdrücklich: «Alles was ich sage von dem «Ich bin», das sage ich nicht von mir selbst» (Joh 14,10), — sondern er sagt davon, dass, wenn die Menschen die Kraft des «Ich bin» erkennen, dann haben sie etwas, was höher ist, als alle anderen Kräfte. Wenn ihr das ausdrückt, das «Ich bin», so sprecht ihr von der Kraft, die auch lebt im Licht der Welt. «Ich bin» lebt in allem, es ist das, was das ganze Erdenwesen in allen Reichen durchzieht, was euch als Nahrungsmittel die Erde gibt, das könnt ihr nur richtig erforschen, wenn ihr versteht das «Ich bin»:
Ich bin das Brot des Lebens (Joh 6,48),
Ich bin der Weinstock (Joh 15,5),
Ich selber bin gepflanzt vom Vater, der Vater ist der Weingärtner. (Joh 15,1)
So stellt sich hin dies Kapitel des Johannesevangeliums als etwas, was Kraft und Leben geben muss den Menschen. Diese Kräfte wurzeln im Vater, dem Geiste der Welt: «Ich und der Vater sind eins.» (Joh 10,30)
Wenn wir weit zurückgehen in der Zeiten Wende, dann kommen wir in Zeiten, in denen die Blutsgemeinschaft eine immer größere Rolle spielt. Sie war damals die Grundlage dessen, was wir Liebe nennen. Die Liebe bestand nur bei denen, in deren Adern gemeinschaftliches, verwandtes Blut floss. Damals herrschte die Nah-Ehe. Später trat die Fern-Ehe anstelle der Nah-Ehe. Damals bewirkte nur das gemeinsame Blut die Liebe. Indem sich die Menschheit durch spätere Zeitläufe hindurch entwickelte, wurden die Völker immer mehr untereinandergemischt. Das jüdische Volk empfand noch mehr die Zusammengehörigkeit des gemeinsamen Blutes. Aber damals, als das Christentum entstand, da begann die Zeit, wo die Völker durcheinandergemischt wurden. Da begann auch die Zeit einer neuen Liebe, die nicht auf das Blut gebaut ist. Der Christus Jesus sprach: «Wer Vater oder Mutter mehr liebt denn mich, der ist mein nicht wert.» (Mt 10,37). «So jemand zu mir kommt und hasst nicht (verlässt nicht) seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern — der kann nicht mein Jünger sein.» (Lk 14,26). Dieser Spruch muss so gedeutet werden, dass am Anfang der Erdenentwicklung die sich liebten, die verwandt waren; aber am Ende der Erdentwicklung werden die Menschen sich lieben und erkennen in seelischer Liebe. Jene Bruderliebe, die von Seele zu Seele geht, die aus dem Geiste stammt, das ist die Liebe, die ihren Ausgangspunkt nimmt von der Kraft des Christus Jesus, die immer mehr Boden in der Menschheit gewinnen wird. Wo gleiches Blut floss, da fühlte man sich als ein Glied von einem Gruppen-Ich. Am Ende der Menschheitsentwicklung wird man sich fühlen als Angehöriger der ganzen Menschheit. Das «Ich bin» wird man dann nicht im Blute des Stammes oder Volkes, sondern im Geiste und in der Wahrheit suchen. Das Alte Testament betet den Gott in der Naturgrundlage an, in dem Neuen Bunde wird der Gott angebetet werden in dem, was vor der Natur veranlagt ist, im Geiste und in der Wahrheit. Auch für die, die intim mit dem Herrn verbunden waren, war es nicht ohne Weiteres verständlich, wie an jene Stelle der Blutsliebe jene andere Liebe treten sollte. Der Lieblingsjünger des Herrn, der verstand das allein. Die andern Evangelisten erzählen noch die ganze Stammeslinie bis zum Vater Abraham. Aber der, der als die Wesenheit in die Welt kam, die in dem Christus Jesus verkörpert war, der konnte sagen: «Bevor Abraham war, war das »». (Joh 8,58) Das hatte der Lieblingsjünger verstanden. Er geht bei seiner Darstellung bis zu dem Außerzeitlichen hinauf. Nicht ein äußerer Widerspruch liegt zwischen dem Johannesevangelium und den anderen Evangelien. Es ist nur der Unterschied zwischen einem untergeordneten und einem höheren Standpunkt. Mit verschiedenen Perspektiven haben wir es hier zu tun. Wenn wir dies wissen, dann verstehen wir auch die alten Bibelausleger. Sie wussten, dass man das Wahre schildern kann von verschiedenen Gesichtspunkten aus.
Wir finden in den heutigen wissenschaftlichen Schriften so häufig den Ausdruck «man» und «wir»: «man kann das nicht erkennen», «wir können das nicht erkennen» und so weiter. Diese Man- und Wir-Menschen stellen sich auf den Standpunkt des Blinden, der urteilen will über das, was man sehen kann oder nicht. Der Mensch kann urteilen nur über das, was er weiß, aber nicht über das, was er nicht weiß. Je höher der Mensch in die Geisteswelt hineinkommt, desto tiefer schaut er auch hinein in die geistige Welt. Wohl die Perspektive des Johannes unterscheidet sich von der Perspektive der andern Evangelisten, nicht aber der Inhalt.
Aufgabe der Theosophie ist es, wieder das Verständnis für dieses vernachlässigte Evangelium zu wecken und seine Kraft den Menschen zu zeigen. Weil dieses Evangelium die größte Kraft hat, wird es auch in der Zukunft der Menschheit die größte Rolle spielen. Wer sich in das Johannesevangelium vertieft, der wird etwas finden, was ihn über alle Zweifel der Wissenschaft hinaus erhebt.
Die Welt hat sich in der modernen Zeit in zwei Hälften geteilt, die Welt der Natur und die Welt des moralischen Lebens. Als erwas Besonderes sieht man das Naturgesetz an, und als etwas Besonderes das Sittengebot. Gerade dieser Zwiespalt wird auf die Dauer nicht bestehen können. Ein Tieferes musste der Mensch suchen, etwas, was beide umfasst. Er darf nicht einen Zwiespalt empfinden zwischen innen und außen. Diesen Zwiespalt empfindet er nicht mehr, wenn er den innersten Kern des Johannesevangeliums versteht. Wir finden den Ursprung der Welt in uns selber durch die Entwicklung unseres innersten Ich. Wir kommen da zu etwas, was die Naturgesetze und unser innerstes Wesen umschließt. Was das «Ich bin» uns aufschließt, war da als das ursprüngliche Geistige vor der äußeren Welt. Der Logos, das Wort war vor der äußeren Welt da. — So gibt es eine Versöhnung zwischen dem Äußeren und der innersten Menschennatur. Gerade das Kapitel des Johannesevangeliums, wo von dem «Ich bin» die Rede ist, das wird sein ein unüberwindlicher Besieger der Menschennatur. Nur hat der Mensch den Faden verloren, um das rein Geistige hierin zu erkennen.
Die Theosophie wird wieder den Versuch machen, das zu verstehen, was der gesagt hat, der das Johannesevangelium der Menschheit geschenkt hat. Wenn das geoffenbarte Wort verstanden wird, so werden alle Naturgesetze als das geoffenbarte Wort erkannt werden, aber auch das innere Sittengesetz wird als geoffenbartes Wort erscheinen. Ob man sich Idealist nennt oder nicht, wenn man die Urkunde des Geistes nur beurteilt nach dem, was die Sinne sehen, dann lebt in uns materialistische Gesinnung. Das haben tiefere Geister gefühlt, und sie ahnten und sehnten herbei eine Zeit, wo die Menschheit so etwas wieder verstehen lernt, so zum Beispiel Goethe und auch Carlyle, der sagte: «Wir sehen in der heutigen Zeit, wie die äußeren Einrichtungen sich abgewendet haben von dem Geiste, der ursprünglich aus der Erfassung des Geisteslebens hervorgegangen ist (Religion), und wie das Geistige eine Zuflucht zu finden sucht in den einzelnen Seelen, oder - wo es die nicht findet — wie es sie sucht in äußeren Organisationen und gründet Sekte um Sekte und so weiter, um wiederum Wege zum ursprünglichen Geiste zu suchen.»
Aber die Zukunft der Menschheit und des Christentums liegen darin, dass man wieder verstehen lernt eine solche Urkunde, wie das Johannesevangelium eine ist. Wir können bei der Entwicklung der Menschheit verschiedene Standpunkte in ihrem Verhältnis zu den Lehren über die Welt in den Religionsschriften verfolgen.
Der erste Standpunkt ist der des naiven Glaubens. Der zweite ist der Standpunkt der gescheiten Leute. Beim dritten Standpunkt angelangt, legen die Menschen die Urkunde der Menschheit in mystischem Sinne aus; sie fassen sie als Allegorien, als Symbole auf.
Der vierte Standpunkt ist der, wo wir durch die Theosophie wieder die geistigen Tatsachen in ihrer eindeutigen Art erkennenlernen. Dann tritt man wieder einer solchen Urkunde entgegen mit der tiefen Ehrfurcht, die ihre innere Größe erfordert. So wird man in Zukunft das Johannesevangelium verstehen. Es wird die Geisteswissenschaft in Zukunft wieder den Weg weisen zum wahren Verständnis des Johannesevangeliums und zur wahren Gestalt des Christentums.