The Essence of Christianity
GA 68a — 9 June 1907, Leipzig
Bibel und Weisheit I
Heute obliegt es uns, das Verhältnis von Bibel und Weisheit näher auszuführen, erst aber noch einige Erörterungen über das «Alte Testament» zu bringen. Gestern erwähnten wir nur die Schöpfung des Menschen und die wichtige Stelle: Gott hauchte dem Menschen und so weiter. (1 Mos 2,7) Heute wollen wir suchen, in den Inhalt des Urgrundes der Bibel einzudringen. So betrachten wir zunächst dasjenige, was im Menschen Verwunderung erregen kann. Es ist dabei nützlicher, einzelne Tatsachen herauszugreifen. Verwunderung erregen kann das lange Leben von Urvätern in der Bibel. Der materielle Naturforscher sagt natürlich: Das ist nicht möglich. Eine Theosophie, die sich in Verallgemeinerung eines Begriffes ergeht, sagt: Adam, Seth und Henoch hätten wir nicht als individuelle Menschen zu verstehen, sondern als Stämme; also Namen von Stämmen seien das. So einfach ist die Sache nicht. Wir müssen tiefer hineingehen in die Gesetze des Lebens. Wir müssen ein für alle Mal absehen vom Symbolisieren und Allegorisieren, und nicht fragen: Was bedeutet das?
Nun habe ich Ihnen schon einmal in anderem Zusammenhange davon gesprochen, welche Ursache dieses hohe Alter hatte. Damals führte ich Ihnen ein Gespräch zwischen zwei Dichtern an, Anzengruber und Rosegger. Sie kennen Roseggers liebenswürdige Schilderung der Gebirgsleute. Alles, was er uns darstellt, ist genau beobachtet. Wenn Sie Anzengrubers Stücke sehen, haben Sie Bauern vor sich, die fest auf ihren Füßen stehen. Nun ist etwas sehr merkwürdig. Anzengruber hat nie unter Bauern gelebt. Er lebte in der Stadt und liebte nicht hinauszugehen. Rosegger sagte zu ihm: Würdest du die Bauern näher beobachten, du würdest sie noch viel besser schildern können. Anzengruber darauf: Ich habe nie Bauern gesehen, aber Vater, Mutter, Großeltern waren Bauern, und das ist in meinem Blut geblieben und rumort in mir.
Die unmittelbare Vererbung wirkt viel lebhafter, als wenn das Blut vermischt ist. So ist es auch heute noch, wenn ein Sohn aus unvermischtem Blute stammt. Früher war das in hohen Grade der Fall; es spielte nicht nur in der Phantasie. Zu alter Zeit heiratete man gar nicht aus dem Stamm heraus. Es galt als große Sünde, aus dem Blut herauszutreten. Bei allen alten Völkern finden Sie Sagen und Gebilde, wo das Durchbrechen dieses Gebotes gesühnt werden musste. Keine Blutsbrüderschaft galt bei alten Völkern, und da war das, was im Blute wallte, eine ganz andere Macht. Damals brachte Blutsverwandtschaft eine Art Hellsehen mit sich. Heute ist das vorüber, heute würde sogar Schaden daraus erwachsen. Dieses Hellsehen drückte sich damals so aus, dass man nicht nur in der Phantasie lebte, sondern man hatte wirkliche Erinnerungen, die weit zurückreichten. So wie Sie sich heute an Ihre Jugend erinnern, so erinnerte man sich an Ereignisse aus dem Leben des Vaters, Groß- und Urgroßvaters. Der heutige Mensch glaubt das nicht. Damals empfand man das, was der Vater getan, als: Ich habe es getan. Für heute ist das eine höchst wunderbare Lage. So ging in das Erinnerungsvermögen das über, was Erlebnisse der Väter waren, wie bei Anzengruber. Sie hätten damals Ihren Vater als Ihr Ich empfinden können, sodass man damals nicht zu sich «ich» sagte, sondern man fasste Vater, Mutter, Großvater und Urgroßvater alles als Ich zusammen, man empfand die ganze Generation als Ich. So hieß Adam alles, was Menschen Jahrhunderte hindurch als gemeinsames Bewusstsein empfanden, Patriarchen sind eine ganze Generation umschließendes Ich-Bewusstsein. Das muss man wissen, dass das Bewusstsein durch blutsbrüderschaftliche Erinnerung entstand. So versteht man jene Angaben in der Bibel, und uns enthüllt sich damit eine große Weisheit. So könnte ich von Kapitel zu Kapitel erklären, wie Theosophie unserem religiösen Gefühl zugrunde gelegt ist.
Und nun vom «Alten Testament» zum «Neuen», zum eigentlichen Evangelium. Wir unterscheiden die Zeit vor Christus Jesus und die Zeit nach Christus Jesus. Das Eintreten des Christus Jesus in diese Welt ist das bedeutsamste, mächtigste Ereignis in der Entwicklung der Menschheit. Etwas ganz Neues trat da auf. Die neuere Forschung hat nach und nach die Evangelien zerfasert. Widersprüche wurden aufgesucht und die haben zum Verständnis wenig beigetragen. Welche Wirrnis würde zum Beispiel eine derartige Zergliederung der ApokaIypse bilden? Ich will hier nur eine Tatsache nennen: Die geheime Offenbarung des Johannes wurde von Bibelforschern wie eine Prophetie auf künftige Ereignisse der Menschheit angesehen, oder auch auf vergangene. Einige sagten zum Beispiel, der Presbyter Johannes hat nach Nero gelebt, und er hat nur geschrieben, was an Erdbeben, Landplagen und so weiter geschehen ist. Nun will ich noch auf eine merkwürdige Stelle hinweisen, wo große Geschehnisse und Umwälzungen durch ein Tier herbeigeführt wurden. Die Zahl dieses Tieres ist eine Menschenzahl, «666». Die Forscher haben hier etwas läuten hören; sie haben gehört, dass man Dinge durch Zahlen, gewisse Namen, Formen zum Ausdruck gebracht hat. Eine Möglichkeit gab es, das Alphabert als Zahlen zu benutzen. So war es in gewissen Geheimschulen. Nun haben Forscher herausgefunden, fleißige, emsige Forscher, dass Nero das Tier bedeuten soll, nur um nicht zu glauben, dass etwas Geistiges dahinter liegt. Man hat einfach nicht gewusst, um was es sich handelt. Der wahre Theosoph muss erst Weisheit erlernen, um den Sinn der Bibel zu verstehen.
666 setzt sich zusammen aus 400, 200, 60 und 6. Das bedeutet oder heißt: Sorat. Das hat auch ein bestimmtes Zeichen: einen Stab mit zwei Flügeln oder Widderhörnern. (Offb 13,11) Das ist das Zeichen für dieses Wesen. Die Geisteswissenschaft sieht in allem nicht nur ein materielles, sondern auch ein geistiges Wesen; zum Beispiel ist die Sonne der Leib der Sonnenseele. Für Geisteswissenschaft ist es der Geist, der die Menschen vorwärtsbringt; sein Gegner ist Sorat — 666. Die geheime Offenbarung sagt: Dieses Tier hat zwei Hörner, wie ein Lamm oder Widder. Wissen Sie diese Dinge, dann wissen Sie auch, was der Schreiber sagt. Sie sehen, dass man erst wissen muss, um was es sich handelt, und hierzu gehört Weisheit.
Augustin, der anerkannte Kirchenlehrer verschiedenster Bekenntnisse, hat einen wichtigen Satz in Bezug auf die weltliche Stellung des Christentums gesagt: «Was man Christentum nennt, war immer da, nur dass man die wahre Religion, die schon immer gelebt hat, in verschie* dener Weise auffasste.»
Aber wo hat das Christentum gelebt, ehe Christus Jesus erschien? Im Mysterium. Was war Mysterium? Das, was man heute Kirche, Schule oder Kunstanstalt nennt. Die Kenntnisse von Dingen wurden als Vorbereitung gebraucht, um dann zum Einführen in das Verständnis zu dienen, so wie der göttliche Geist sich heruntergebeugt hat und wieder hinaufgestiegen ist. Auch lernte man da zu hören die Geheimnisse des Weltendaseins in Tönen ausgedrückt. Richard Wagner hat das wieder nachgefühlt, und wiederzugeben sich bemüht. Solche Schulen gab es, und ein jeder wurde erst geprüft, ob er geeignet sei durch sein Begriffsvermögen, Gefühl, Verständnis, stufenweise hineingeführt zu werden zu einem sinnlich wahrnehmbaren Selbsterleben. Das war die Einweihung oder Initiation. — Es gab verschiedene Stufen, denn die Menschen kamen verschieden weit. Eins war notwendig: dass man einen bestimmt vorgeschriebenen Entwicklungsgang durchmachte, und das pflanzte sich fort in den Schulen durch Eingeweihte. Die verschiedenen Stufen hatten verschiedene Namen:
- Stufe: die Raben.
- Stufe: die Okkulten.
- Stufe: die Streiter.
- Stufe: die Löwen.
- Stufe: hatte einen Volksnamen, zum Beispiel Perser. Christus sagt von Nathanael: rechter Israeliter. (Joh 1: 47)
- Stufe: der Sonnenheld (Sohn).
- Stufe: sagte man nicht (Vater).
Nehmen wir einen von der 6. Stufe, einen Sonnenhelden. Dessen Leben war, wie es seit Jahrtausenden war. So wenig konnte er von seiner vorgeschriebenen Bahn abirren, wie die Sonne nicht aus ihrer Bahn treten kann, und so folgt er den streng harmonischen Weltenbahnen. Würde er heraustreten, würde ein gleiches, kaum auszudenkendes Unheil geschehen, als wenn die Sonne heraustreten würde. In alten, alten Sagen ist von Sonnenhelden die Rede: Hermes, Buddha, Zarathustra, Pythagoras; sogar in germanischen Ländern: Siegfried, mit einzelnen Veränderungen, ein Grundtypus. Warum das? Weil man damals genau das umgekehrte Verfahren hatte wie heute. Der alte Grundsatz war: sich nicht um Alltägliches kümmern, sondern das Wesentliche suchen. Damals beschrieb man, was einer zur Einweihung zu durchleben hatte. Das tausendjährig vorgeschriebene Leben war die Lebensbeschreibung. Hermes hatte nach dieser Vorschrift gelebt, und somit beschrieb, der sein Leben beschrieb, das, was schon andere vor ihm erlebt hatten.
Besser werden wir in die Sache eindringen, wenn wir den Sinn der Stufen verstehen: Auf einer wurde der Charakter gebildet, eine andere brachte die Erscheinungen der Astralwelt näher, andere brachten Erforschungen noch höherer Welten. Wenn man damals das begriffen hatte, dann trat etwas Besonderes auf. Dann gab es einen letzten Akt der Einweihung. Der Betreffende wurde durch den eingeweihten Hierophanten in einen Zustand gebracht, in dem der Leib wie tot war für dreieinhalb Tage. Ätherund Astralleib waren herausgezogen und wanderten, unter Führung des Hierophanten-Oberpriesters in den geistigen Welten herum. Dann wurden sie in den Körper zurückgeführt und der Betreffende erhielt einen neuen Namen. Nun wusste er aus eigener Erfahrung, was in den geistigen Welten geschieht, und war nun ein Wiedergeborener. Er konnte Zeugnis davon geben, dass das geistige Leben den Tod besiegt. Jedes Mal, wenn der Mensch wieder zurück in den Körper kam, da wachte er mit dem Ruf auf: Mein Gott, mein Gott, wie hast du mich verherrlicht.
Nur solche konnten Wissen erlangen, welche den Sieg des Lebens über den Tod errangen. Das hat sich immer und immer wieder in den geistigen Geheimschulen zugetragen. Verhüllt hat sich dieser Vorgang.
Vergleichen Sie das mit der Beschreibung des Lebens des Christus Jesus. Bei ihm trat in physische Erscheinung, was drinnen in den Mysterien geschehen ist. Zuerst kam die Prüfung durch den Weisen, dann kam die Taufe und zuletzt wurde er in einen kreuzähnlichen Sarg gelegt. Das trug sich äußerlich geschichtlich in dem Mysterium von Golgatha zu. Einzelne wollen das nicht verstehen, und sagen: Ihr legt es so aus und nehmt es als geschichtliches Ereignis.
Das Hängen an dem Kreuz ist die äußere Darstellung von dem, was früher prophetisch für die Eingeweihten galt; eine tiefe Bedeutung, welche mystisch und zugleich geschichtlich wahr ist. Es ist so, als wenn Sie in einen Kunsttempel eintreten, wo ein Drama das Jahr 1920 darstellt, und welches Geschaute sich später erfüllen würde. Vorher stellten die Mysterien das dar, was später mit dem Leben des Christus Jesus sich ereignete. Die dieses Leben schilderten, haben aus prophetischen Mysterien alte Einweihungsüberlieferungen herübergebracht. Solch ein Sonnenheld hatte nach den Einweihungsregeln zu leben. Tausende und Tausende von Jahren bestanden sie und daher passten dieselben auf die Evangelien. Daher die große Übereinstimmung, der Ausruf: mein Gott, mein Gott, wie hast du mich verherrlicht, oder: wie hast du mich verlassen, sieht in Schrift und Aussprache ganz ähnlich aus. So konnte Augustinus sagen: Das Christentum ist die wahre Religion.
Der Ausspruch: «Selig sollen sein, die glauben, wenn sie nicht schauen» (Joh 20,29), bezog sich auf das Schauen der Eingeweihten. So sind die Evangelien dasselbe, was alte Einweihungsbücher waren. Sie haben bestanden vor dem Christus Jesus. Er hat es aber in der physischen Welt durchlebt, umgesetzt, weil die mächtige Kraft dieser einzigartigen Persönlichkeit es ermöglichte. So erscheint uns das Christentum als Erfüllung der alten Weisheit, und in der Bibel ist uns gegeben, was in den Einweihungen erlebt werden konnte, die Weisheit der Eingeweihten.
Der schlichte Mensch, der einfach der Bibel entgegentritt, erbaut sein Herz daran, und mit Inbrunst empfindet er die Weisheit, die dem allen zugrunde liegt. Niemand würde diese Weisheit empfinden, wenn nicht Weisheit die Bibel zustande brächte.
Heute ist der Mensch — mit Ausnahmen — nicht mehr in der Lage, ihr gläubig entgegenzutreten. Ein neues Verständnis muss jetzt für die Bibel eröffnet werden. Einen Vergleich will ich hier anführen. Im Mittelalter schwur man auf die Bücher des Aristoteles. Galilei konnte das nicht. Er war der Erste, der die Sektion des menschlichen Körpers vornahm und der zeigte, wie gewisse Nerven vom Gehirn ausgehen und nicht, wie Aristoteles lehrt, vom Herzen. Damals widersprachen sich wirklich die Dinge, und Galilei sagte: Weg mit dem ganzen Aristoteles. — Wie steht es heute? Was Aristoteles als Nerv bezeichnete, war gar nicht Nerv, und so bekam Aristoteles wieder recht. Erst muss man an die Dinge selbst gehen, dann kommt man zu Aristoteles zurück.
Dieselbe Sache muss sich in Bezug auf die Bibel abspielen. Was er selbst sieht, imaginierte Inspiration — bildlich sich darstellende Eingebung, unabhängig von jedem Buche, beschreibt der Geistesforscher, und wir können somit annehmen, dass das, was er selbst schaut, buchstäblich richtig geschrieben ist. Verstehen wir das, dann ersteht die große Ehrfurcht vor diesem Buche, und wir empfinden, dass dieses Erlösers Leben wirklich durch Inspiration geschrieben wurde.
Durch solche Errungenschaft wird sich das Verhältnis zu den geistigen Welten anders gestalten, und wir werden lernen, mit großer Ehrfurcht zu den Inspirierten hinaufzuschauen. Erst muss sich die Brücke finden zu denen, welche die Weisheit der Bibel erforschen. Der Lehrer wird weiser sein, der Hörer inbrünstiger — zusammenklingen werden die Herzen der Lehrer und der Gläubigen. Das wird der Erfolg der Theosophie sein:
Zweierlei wird kommen:
- Weisheit, unabhängig von der Bibel,
- Wie
So wird das Buch, das früher heilig war, uns wieder heilig werden, und so wird eine wahre geistige Bewegung die Wiedereroberung dessen sein, was an Urweisheit die Bibel lehrt. Freiestes Erkennen, wahrhafter Fortschritt, so muss durch die Theosophie die Bibel wieder fruchtbar gemacht werden für das religiöse Leben. Fragenbeantwortung
Frage: [Nicht überliefert].
Rudolf Steiner: Alles ist in Entwicklung, auch das Ich. Dieses Ich ist aus einem Gruppen-Ich hervorgegangen. Ebenso wie der Finger Ihrer Hand sich nicht als Ich fühlt, ebenso fühlte sich der Mensch damals als Gruppen-Ich.
Frage: [Nicht überliefert].
Rudolf Steiner: Es gibt Persönlichkeiten, die Zeitgenossen des Christus Jesus waren. Geschichtliche Quellen über ihn gibt es nicht. Eine Stelle bei Josephus ist gefälscht; und eine Stelle bei Tacitus ebenfalls. Historiker sagen deshalb: Es gibt kein Zeugnis dieses Christus Jesus.
In unserer Zeit gibt es tief Eingeweihte; wollte aber nach 1900 Jahren jemand geschichtlich nachweisen, ob es Eingeweihte gegeben hat, er würde nichts über die Eingeweihten finden. Heute aber gibt es Persönlichkeiten, die Zeitgenossen waren, die wissen, ja können Zeugnis ablegen, dass sie Auge in Auge des Christus Jesus gestanden.
Frage: Werden durch Schweigen gewisse Kräfte entwickelt?
Rudolf Steiner: Durch Unterdrückung gewisser Worte, die aber nicht gesagt werden. Gewisse Kultusgemeinschaften werden nach gewissen Grundgesetzen geleitet. Die Trappisten wissen wohl, dass, wer jetzt ein guter Schweiger ist, in der nächsten Einverleibung ein guter Redner sein wird.