The Essence of Christianity
GA 68a — 8 June 1907, Leipzig
Bibel und Weisheit I
In seinen «Reden an die deutsche Nation» sagte einst der große deutsche Philosoph Johann Gottlieb Fichte ein bedeutsames Wort über das Zusammenwirken zweier Schichten. Er sprach von denjenigen, welche die Lehrer und Führer sein sollten in Bezug auf die kleinen und großen Rätsel des Daseins, und von denjenigen, welche die Zuhörer oder Gläubigen sind. Es sei das größte Unrecht, wenn die Schicht der Führer eine Sprache spricht, welche die Zuhörer nicht verstehen, wenn sich eine Kluft zwischen ihnen auftut. Fichte meinte, dass die romanischen Völker einer Zeit zugehen, in der sich diese Kluft immer mehr verbreitert. Gerade dem deutschen Volke schrieb er die Fähigkeit zu, ein lebendiges Verständnis zwischen Führer und Hörer herbeiführen zu können.
Ob das auf Romanen und Germanen zutrifft, braucht hier nicht weiter erörtert zu werden. Es ist ein Unheil für ein Volk, wenn diejenigen, welche Führer sind oder sein sollen, eine andere Sprache reden, andere Gedanken haben. Heute gibt es ein Gebiet, wo eine solche Kluft besteht: Es ist das Gebiet des religiösen Lebens. Ich werde von der Grundlage dieser religiösen Kluft sprechen: von der Bibel.
Fragen, die alle Menschen beschäftigen, sind: Woher kommt der Mensch, welches ist der Sinn, das Ziel des Lebens, welches ist der Wesenskern und welches seine Form? Unendlich breite Schichten suchen die Lösung solcher Fragen in der Bibel; aber gerade worauf es ankommt, auf die lebendige Empfindung und Stellung zur Bibel, daran fehlt es. Zwischen den Theologen, welche die Bibel studieren, und den Gläubigen ist eine Kluft, und wenn jemand sagt: wir wollen, dass sie sich schließt — so ist das vorläufig nur ein Wunsch. Es gibt Gründe genug, auch ohne uns auf Mystik und Okkultismus einzulassen, zu glauben, dass die Kluft größer und größer wird. Es kommt eine Zeit, da sich Lehrer und Gläubige nicht mehr verstehen werden. Man macht sich gewöhnlich nicht klar, wie groß diese Kluft ist. Frühere Lehrer, welche die Bibel erforschten, nahmen ihre Zuflucht zu den höchsten Wahrheiten. Man hatte ein Gefühl dafür, dass das, was die Bibel enthält, etwas unaussprechlich Hohes ist, dass man anfangs weise ist, wenn man etwas begreift, weiser wird, wenn man mehr und mehr begreift. Durch dieses weisheitsvolle Erforschen der Bibel bildeten sich die Lehrer, und es gab solche. Der da zuhörte, inbrünstig lauschte, der hatte das Gefühl, dass da die Weisheit zu finden sei. Damit soll nicht gesagt sein, dass es nicht heute auch solche Männer gibt.
Blicken wir 150 Jahre zurück: Da war noch etwas von jenem Gefühl der Bibel gegenüber zu finden, ein Gefühl heiliger Scheu, dass solche Schrift ganz anders zu behandeln sei. Goethe kannte das auch. Heute scheint dies alles schwer verständlich. Wir müssen uns klarmachen, dass der Geist des Materialismus wenig eingreifend ist, wo er als theoretischer Materialismus auftritt. Wir sehen das bei Haeckels Anschauungen. Diese sind nicht die schlimmsten. Die schlimmste ist die, die den Menschen anleitet, Dinge materiell zu verstehen und nur das zu sehen, was handgreiflich ist und den dahinter liegenden Sinn zu übersehen.
Zwei Dinge wollen wir berühren: Bibelkritik und Inspiration.
Sagen Sie einem Materialisten von Inspiration, so lacht er Sie aus. Dennoch ist es die Strömung, die wir heute die theosophische nennen, die das abgestumpfte Gefühl für den Inspirationsbegriff wieder wachruft. Inspiration, also Eingebung aus einer höheren Welt, Inspiration würde zu dem, was in der Bibel steht, eine andere Stellung einnehmen als einem anderen Buch gegenüber. Wer jene schrieb, war ein Durchgangspunkt, ein Durchgangsrohr für das, was aus der höheren Welt kam. Ein grober Ausdruck ist es zwar für den Inspirationsbegriff. Letzterer ist völlig missverstanden, auch in der Theologie. Gläubige, die materiell es empfinden, haben den größten Schaden.
Wir wollen jetzt nur über das reden, was manche Bibelforscher sagen. Ältere und Neuere sprechen aus, dass bestimmte Angaben uns entgegentreten, welche beweisen, dass Moses die betreffenden Bücher nicht geschrieben haben könne, dass Stellen Jahrhunderte nach Moses geschrieben sein müssten, dass somit die betreffenden Stellen nicht von ihm sein können. Ein Beispiel will ich erwähnen, das die Leute am ehesten kopfscheu macht. Es ist die zweierlei Darstellung von der Erschaffung des Menschen. Zuerst heißt es: Gott schuf ihn männlichweiblich (1 Mos 1,27). Recht zu verstehen: Es heißt nicht männlich und weiblich. Dann heißt es, dass Gott zuerst den Mann erschuf und aus seiner Rippe das Weib (1 Mos 1, 21-22). Was liegt da zugrunde? Das ist besonders charakteristisch. Man hat gesagt, gewiss kann nicht ein und dieselbe Persönlichkeit zweierlei Schilderungen geben, man muss also zusammengeschweißt haben.
So hat man die Bibel auf ihre Widersprüche durchforscht. Ferner fand man gewisse Verschiedenheiten in Stil und Ausdruckform, also, schloss man wieder, sind das verschiedene Quellen und irgendein Sammler hat beides vereinigt.
Nehmen wir einmal das Sechs- oder Siebentagewerk. Es stellt in hohen Gedanken dar das Weltenwerden von der ersten Bildung an bis zum Tage, an dem Gott ruhte. Es ist ein kosmisches Werk, das uns in anschaulichen Begriffen, in intensiven Bildern darauf hinweist, dass man es mit einer uralten Inspirationsurkunde zu tun hat. Die Erschaffung Adams, das Hinführen zu den Tieren, Evas Sündenfall, die Schlange als Sinnbild der Sünde (1 Mos 3), ließ annehmen, dass das Sechs- oder Siebentagewerk aus anderer Quelle stamme. Überkritische Bibelforscher fanden die zweierlei Benennungen: Elohisten und Jahvehisten, andere fanden andere nicht stimmende Angaben, sodass endlich sich zeigte, was man heute nennt: die Regenbogenbibel.
So ist das Bibelwerk zerklüftet. Nun können Sie meinen, dass mein Wort Bibelkritik sein soll. Das ist durchaus nicht der Fall. Ich weiß nur, dass auf wenig Gebiete so viel Fleiß, Scharfsinn und Verstand angewandt wurde als auf die Bibelzerklüftung. Die ursprüngliche Inbrunst, die Hingabe an dieses Buch, als Inspiration aus einer anderen Welt, hat darunter gelitten. Jetzt muss hineingeleuchtet werden in diese Kluft, um sie wieder zusammenzubringen. Auf den Sinn, der dahintersteht, kommt es an. Ich möchte Ihnen an einem Beispiel klarmachen, wie der Stand der Theosophie zu dieser Frage ist. Ein schlichtes Erlebnis — ich habe es erlebt - will ich zur Erklärung benützen. Ich arbeitete viele Jahre in Weimar im Goethe-Archiv. In den Aufzeichnungen Goethes, die er in den Achtzigerjahren ordnete, fand sich eine fremde Niederschrift, deren Inhalt er für seine Gedanken hielt. Er konnte sich aber nicht der Tatsache erinnern, wie er zu diesem Aufsatz kam. Als ich 1889 nach Weimar kam, wurde bezweifelt, dass der Aufsatz von Goethe sei. Es war eine gelehrte Frage. Ich konnte nachweisen, dass Goethe damals einen Menschen namens Tobler an seiner Seite hatte, von dem Goethe gesagt, er habe ein ausgezeichnetes Gedächtnis gehabt. Damit hielt ich die Frage für gelöst; Goethe sprach jene Gedanken aus, die Tobler niederschrieb, und Goethe ist somit der Autor. Es handelt sich um die Stelle, die Sie im letzten Goetheband finden: «Natur wir sind» und so weiter bis zum Schlusssatz «Krone ist die Liebe». Da kam ein berühmter Goethe-Forscher - Namen will ich nicht nennen, wir sind ihm viel Dank schuldig —, dem es darauf ankam, zu beweisen, dass für diese Worte nicht aus Goethes Feder die Tinte auf das Papier geflossen sei. Es ist kein genügender Vergleich, aber ähnlich ist es mit der Bibelforschung. Man bemüht sich nachzuweisen, wann der Inhalt geschichtlich, tatsächlich, sinnlich entstanden ist, weil das Denken einen materialistischen Zug hat. Der Sinn für den Geist ist verloren gegangen.
Nun muss etwas anderes hinzukommen. Wieder kann ich es an einem Beispiel am besten klarmachen. Nehmen Sie Geometrie, diese ganz gewöhnliche Schulgeometrie. Sie können dieselbe aus sich selbst begreifen. Sie brauchen nicht zu wissen, wie Sie erstand. Was weiß ein Schulknabe von Euklid? Was geht uns an, wer sie zuerst hinschrieb? Sie zu erforschen, darauf kommt es an. Wenn ein gelehrtes Haus für alle Sprachen, das gar nichts von Geometrie weiß, an den Euklid herantritt, so wird er dadurch noch nicht erforscht. So kann zuweilen etwas Ungeheuerliches herauskommen. Ein noch so berühmter Philologe wird nicht die Vedanta-Philosophie verstehen, nur weil er Philologe ist. Kennt man Geometrie, kennt man Euklid.
Eine Frage nun, auf die es ankommt, ist die: Gibt es überhaupt eine Möglichkeit, die Bibel zu erforschen? Man muss erst die Welten kennen, von denen die Bibel spricht, dann erst ist man ein berufener Forscher. Gibt es einen Zugang zu den großen Rätselfragen des Daseins? Das ist der Weg, dem die theosophische Weltanschauung nachgeht. Wie es Wege gibt, die Geometrie zu verstehen, so gibt es Mittel und Wege, in die Geisteswelt einzudringen. Diese Wege gehen schon eine Anzahl von Menschen; sie suchen die Weisheit über die höheren Welten. Das Ergebnis ist, dass mit jedem Schritt, den einer tut, die alten religiösen Urkunden in immer neuer Gestalt vor ihm erstehen. Was liegt daran, aus welchen Quellen, wenn wir die Wahrheit haben?
Sie wissen, für theosophische Anschauungen gilt diese Welt, die wir sehen und greifen können, als eine Welt. Diese Welt würde für uns anders sein, wenn wir andere Sinne hätten. Fichte brauchte einst das Beispiel: Denkt, Ihr wäret der einzig Sehende unter Blinden und trätet unter die Menschen, die sich nur umhertasten. Ihr würdet als Phantasten angesehen werden, wolltet Ihr den Dingen noch die Eigenschaft der Farbe zuschreiben. Niemand hat ein Recht zu sagen, irgendetwas sei nicht. Die Wahrnehmung des Menschen hängt von seinen Organen ab, und wie viele er deren hat.
Durch das Prinzip der Einweihung enthüllt sich dem Menschen ein innerer Sinn, und damit erschließt sich ihm die nächste Welt, die imaginative oder astralische Welt, so genannt, weil sie in Bildern wirkt. Dieses Bilderbewusstsein kann erschlossen werden. Wer die beschriebene Methode anwendet, der wird hineintreten. Nichts, nichts von Zauberei ist dahinter. Die imaginative Welt nimmt sich aus wie ein flutendes Licht- und Farbenmeer. Es sind nicht bloß Flecken, sondern fest begrenzte Formen, innerlich leuchtend und hell. So erheben Sie sich in jene Welt, aus der Sie stammen.
Entwickeln Sie diese Organe weiter, so treten Sie in die Welt der Inspiration. Die Schule des Pythagoras nannte diese Welt die Sphärenharmonie. Das ist nicht ein Bild, das ist eine Wirklichkeit. Ein sinnlicher Ton ist es nicht. Goethe und andere weisen auf diese Sphärenharmonie hin. Das Christentum nennt sie das Reich der Himmel oder Himmelreich. Goethe lässt seinen Faust sagen: «Die Sonne tönt in alter Weise» und so weiter. Das ist kein dichterisches Bild. Er wusste das Charakteristische damit zu bezeichnen. Im zweiten Teil sagt [Goethe]: «Tönend wird für Geistesohren» und so weiter, und meint damit dasselbe.
Das ist also die Welt der Inspiration, und darüber hinaus ist die Welt der Intuition. Dort gibt es ein Erleben des «Dinges an sich», wie unser großer Philosoph Kant es nannte. Dort ist die Liebe etwas viel Höheres, dort ist ein Zusammenfließen mit den Dingen.
Wer sich auf den Sinn des Inspirationsbegriffes einlässt, der weiß, was es zu bedeuten hat. So kann der Mensch in seinem Werdegang durch die Welt gehen. Erst beginnt mit den sinnlichen Augen und den physischen Verstande die materialistische Entwicklung des Menschen. Voran ging seine astrale Entwicklung. Wie Eis sich zu Wasser verhält — Wasser in anderer Form —, so ist Ihr Körper Seele, Bevor er diese Form annahm, war er bloß Seele. Sie lebten in einer Welt, die bloß mit den imaginativen Sinnen wahrnehmbar ist. Wenn Sie die Welt nur mit den äußeren Sinnen untersuchen, so können Sie beschreiben, was Haeckel beschreibt. Es ist alles wahr, aber nur so weit, als das Eis nur Eis bleibt.
Gehen Sie noch weiter zurück, da war noch nicht dieses Menschlich-Seelische verdichtet zum Körperlichen. Mit der imaginativen Erkenntnis schließt die Linie nicht ab. Die Seele hat schon viel früher gelebt und kommt zu einem Werdegange, der das Seelische des Menschen erschließt. Stellen Sie sich diesen Werdegang so vor, dass das Seelische abgesondert für sich lebte, weil die physische Welt noch nicht so weit war, dass sie einen passenden Körper ihr bieten konnte. Die Welt war eine Art von Strömen, in denen der Mensch schwimmend schwebte.
Was machte den Menschen zum Umgliedern fähig? Ein ganz bestimmtes Organ, eine Art von Schwimmblase gestaltete sich zur Lunge um. Das waren die Zeiten, wo der Leib fähig wurde, verdichtete Seele zu sein. In der Bibel ist das bezeichnet mit: «Gott hauchte dem Menschen den Odem ein und er war eine lebendige Seele.» (1 Mos 2,7) Es gibt noch eine höhere Welt als die der Inspiration. Wenn wir noch weiter gehen, war der Mensch Geist. Körper ist verdichtete Seele, Seele ist verdichteter Geist.
Sobald man von Imagination in Inspiration eintritt, verschwindet männlich und weiblich. Die Bibel sagt: Gott schuf den Menschen männlich-weiblich — undifferenziert. (1 Mos 1,27) Sie alle waren es im geistigen Körper. Auch ohne auf die Bibel Rücksicht zu nehmen, können wir das hinstellen. Wer heute ganz frei an die Bibel herantritt, wird es wörtlich nachempfinden.
Es gibt eine vierfache Stellung zur Bibel:
- Der naive Mensch nimmt sie so, wie sie ihm geboten wird.
- der Aufgeklärte sieht sie als kindliche Volksphantasie an. Das sind die Freidenker. Einige aber unter ihnen, und einer ihrer bedeutendsten Vertreter, Bruno Wille, ist zur symbolischen Deutung gekommen.
- Wer über das Gescheitsein hinaus ist, der findet eine mystisch-symbolische Bedeutung für die Bibel.
- Der Theosoph nimmt eine wörtliche Auslegung an.
Dann kommt die Zeit, wo der Mensch sich sagt, jetzt fängst du an, einiges zu verstehen. Man kommt dahin, anzunehmen, dass man da, wo man nicht mitkann, solches nur noch nicht versteht. Die Bibel wird so erobert, dass die Kluft wieder ausgefüllt wird, und diejenigen, welche die Mittel dazu schaffen, sind inspirierte Männer. Diejenigen, die das zuerst erfasst haben, taten es unter dem Einfluss der Inspiration. Einer neuen Eroberung der Bibel und einem neuen Verhältnis zwischen Weisheit und Bibel gehen wir entgegen.