The Essence of Christianity
GA 68a — 24 May 1907, Munich
Bibel und Weisheit II
Gestern versuchten wir einzudringen in das Verhältnis dessen, was man im geisteswissenschaftlichen Sinne Weisheit nennt, unmittelbare, direkte Erkenntnis der geistigen Welten — das Verhältnis dieser unmittelbaren, direkten Erkenntnis der geistigen Welten zu jener religiösen Urkunde, die für unsere Kultur die wichtigste ist, zur Bibel. Heute lassen Sie uns einen Blick werfen auf einige bestimmte Tatsachen, die uns dieses Verhältnis illustrieren können, die uns zeigen können, wie man, wenn man dieses Verhältnis so auffasst, in der Tat zu einem neuen Verständnis dieser religiösen Urkunde gelangen kann. Sie werden es begreifen, dass es unmöglich ist, bei einem so ausgedehnten Gegenstande summarisch dasjenige auch nur zu berühren, was alles in Betracht kommen könnte. Es wird daher das Beste sein, wenn wir versuchen, Einzelnes besonders herauszugreifen, um zu sehen, wie man gewisse Dinge, die auch in dieser biblischen Urkunde erzählt werden, wie man gewisse Dinge durch unmittelbare, direkte Einsicht in die höheren Welten begreifen kann, und wie man dann dasjenige, was man so unmittelbar direkt begreifen kann, wiederfinden kann in dieser religiösen Urkunde,
Bei einer ganz bestimmten einzelnen Tatsache möchte ich beginnen, bei einer Tatsache, die schon in anderem Zusammenhang hier berührt worden ist. Ich möchte Ihnen zeigen, wie uns die Geisteswissenschaft einführt in ein bestimmtes Gesetz der Entwicklung des Menschen. Es ist heute dieses Gesetz sogar schon geahnt von der mehr materialistisch gefärbten Naturwissenschaft. Die Geisteswissenschaft kennt das Gesetz seit langen, langen Zeiten und betrachtet das Leben unter den Gesichtspunkten dieses Gesetzes. Wenn wir dieses Gesetz mit einem Worte charakterisieren wollen, so sagen wir: Dieses Gesetz drückt aus die Entwicklung des geistigen Lebens der Menschheit. Sie wissen, dass der Entwicklungsgedanke etwas ist, was geradezu faszinierend auf die äußere Wissenschaft des neunzehnten Jahrhunderts und das beginnende zwanzigste Jahrhundert gewirkt hat, Sie wissen, dass man die äußere Wissenschaft ganz in diesen Gesichtspunkt gerückt hat, und dass dadurch die Entwicklung der einfachsten Lebewesen bis hinauf zu den kompliziertesten verständlich geworden ist.
Die Geisteswissenschaft hat zu allen Zeiten diesen Entwicklungsgedanken gehabt, nur viel umfassender, viel universeller als diese Naturwissenschaft des neunzehnten Jahrhunderts.
Geisteswissenschaft sagt: In Entwicklung begriffen ist alles. Alles entwickelt sich von einfacher, ganz einfacher Gestalt in ferner Vergangenheit zu denjenigen Gestaltungen, die so kompliziert verwickelt sind, dass sie der Mensch heute noch lange nicht begreifen kann. So spricht die Geisteswissenschaft vor allem von einer Entwicklung des menschlichen Bewusstseins selbst, und das ist wichtig, dass wir die Entwicklung dieses menschlichen Bewusstseins einmal verfolgen durch ihre verschiedenen Stufen hindurch. Denn ein Streiflicht wird uns dadurch geworfen werden auf gewisse Kapitel der biblischen Urkunden. Das, was die Menschheit in ihrer weitaus größten Mehrzahl von Individuen heute Bewusstsein nennt, das ist für die Geisteswissenschaft ein Bewusstseinszustand, der sich aus andern Bewusstseinsformen entwickelt hat. Wir bezeichnen diesen heutigen menschlichen Bewusstseinszustand als das sogenannte wache Tagesbewusstsein, oder auch das Gegenstandsbewusstsein. Warum? Wenn wir charakterisieren wollen dieses Bewusstsein, das der Mensch heute hat von morgens, wenn er aufwacht, bis abends, wenn er einschläft, so müssen wir sagen: Dieses Bewusstsein erlangt seine Erkenntnis folgendermaßen: Es erlangt zunächst seine Wahrnehmungen von den Gegenständen durch die äußeren Sinne, von den Gegenständen im Raume und in der Zeit um uns herum, und unser auf die Sinneswelt beschränkter Verstand, der verarbeitet die Wahrnehmungen, die der Mensch erhält durch die äußeren Sinne; und durch solche Wahrnehmungen und solches Verarbeiten der Wahrnehmungen in unserem Verstandesbewusstsein bilden wir uns die Schätze unseres Wissens, die im Gedächtnis aufbewahrt werden, die uns durch das Leben führen und begleiten.
Es gibt aber außer diesem Bewusstseinszustand noch andere Bewusstseinsformen; dieser Bewusstseinszustand ist ein solcher, den die Menschheit nicht immer gehabt hat in der Vergangenheit, und wir müssen zurückblicken, um die Entwicklung dieses Bewusstseinszustandes zu erkennen, in Zeiten ferner, ferner Vergangenheit, in Zeiten, die weit, weit hinter den unseren zurückliegen.
Die Menschen hatten in dieser Vergangenheit eine andere Bewusstseinsform, einmal einen anderen Bewusstseinszustand. Wie wir heute wahrnehmen, wie wir heute denken, das hat sich eben entwickelt aus anderen Formen des Bewusstseins, und derjenige Bewusstseinszustand, der in der Menschheit einmal vorhanden war, den der heutige Bewusstseinszustand aber abgelöst hat, den bezeichnet man als das Bilderbewusstsein, als das imaginative Bewusstsein der Vorzeit.
Jenes höhere imaginative Bewusstsein, von dem ich gestern sprach, das ist hier nicht gemeint. Wollen wir vielmehr verstehen, wie sich dieses frühere Bilderbewusstsein verhält zu dem Bewusstsein, das der Eingeweihte, der die innere geistige Entwicklung durchgemacht hat, schon heute hat und das die ganze Menschheit einmal auf einer zukünftigen Stufe haben wird, wollen wir die beiden Bewusstseinsstufen des imaginativen Bewusstseins, diese zwei Entwicklungsphasen unseres Bewusstseins in ihrem Verhältnis erkennen, so müssen wir sagen: Dasjenige, von dem wir sprechen werden, geht dem unsrigen voran und ist ein dämmerhaftes, mehr traumhaftes Hellsehen. Die Menschen hatten in jener urfernen Vergangenheit ein traumhaftes Hellsehen, und aus diesem hat sich das heutige Gegenstandsbewusstsein erst herausgebildet; und ein zukünftiger Bewusstseinszustand steht vor unserer Seele, den der Eingeweihte schon heute hat und den die ganze Menschheit in ferner Zukunft einmal haben wird, indem der Mensch zusammen haben wird das heutige Gegenstandsbewusstsein und das Hellsehen, beides in heller, lichter Klarheit. Der frühere Mensch, unser uralter Vorfahr, hatte ein Bewusstsein, das noch nicht in derselben Weise rechnen konnte, wie das heutige das kann. Dafür hatte er aber eine Art dumpfen, traumhaften Hellsehens, er konnte nämlich entweder fortwährend oder aber in Zuständen, die besonders hervorgerufen wurden, da konnte er noch mehr hineinsehen in das Geistige und Seelische seiner Umgebung. Er konnte Bilder empfangen von dem, was geistig-seelisch in seiner Umgebung war. Das heutige Gegenstandsbewusstsein sieht geistige Wesenheiten nur dann, wenn sie äußerlich physisch verkörpert sind.
Das ehemalige Hellsehen kann ich Ihnen am besten kennzeichnen durch ein Beispiel. Ein Mensch nähert sich einem andern; der zweite hegt Gefühle der Antipathie in seiner Seele gegen den Ankommenden. Der heutige Mensch nun kann es nur aus äußeren sinnlichen Wahrnehmungen erraten, was in der Seele lebt, in jenem dämmerhaften Hellsehen aber, das der Mensch der Vorzeit hatte, trat vor dem hellseherischen Blick freischwebend ein Bild in Farbe und Form auf, das ihm anzeigte, was der andere gegen ihn empfand, ein Bild, das wirklich, ebenso wirklich vorhanden war wie heute die grüne Farbe, die draußen die Pflanzen bedeckt. Das, was eines Wesens innerste Gesinnung war, das kleidete sich ebenso in eine im Raume schwebende Farbe und Form für das geistige Auge, wie gewisse Äthervibrationen sich eben heute für das physische Auge durch Farbe und Form ausdrücken.
Es gibt Zeiten urferner Vergangenheit, in denen dieses Hellsehen bis zu einer gewissen Höhe entwickelt war. Heute aber blicken wir in der Geschichte, wir blicken heute nur auf eine Zeit zurück, in der die letzten Reste dieses sozusagen somnambulen Hellsehens noch bei den Menschen vorhanden waren. Diese Reste waren vorhanden in Zeiten, die gar nicht viel mehr als Tausende von Jahren zurückliegen. Wir finden bei jedem Volke in seinem Ausgangspunkt ein solches dämmerhaftes Hellsehen, und dieses dämmerhafte Hellsehen ist es, aus dem herausgeboren sind die Mythen und die Sagen und die Märchen, die bei den Völkern früher entstanden sind. Nicht durch jenes abstrakte Ding das man kindlich schaffende Volksphantasie nennt, sind diese Mythen und Sagen entstanden, sondern aus den Resten dieses ehemaligen Hellsehens heraus, als ein Wiedergeben dessen, was ein ursprüngliches, dämmerhaftes Hellsehen bei allen, allen Völkern, von denen die heutigen Menschen abstammen, ursprünglich gesehen hat. Dieses dämmerhafte Hellsehen, das ist verknüpft aber mit anderen Verhältnissen in der Menschheitsentwicklung, und wollen wir charakterisieren diese Entwicklung, die stattgefunden hat bei dem Übergang zu unserem gegenwärtigen Gegenstandsbewusstsein, dann müssen wir hindeuten auf ein äußeres Ereignis, das sich vollzogen hat auf unserer physischen Welt, und das ein Ausdruck ist für diese Verwandlung jenes Bewusstseins in unser gegenwärtiges. Dies fand einen Ausdruck in dem, was wir nennen können den Übergang von der Nah-Ehe zur Fern-Ehe. In allen alten Zeiten war bei den verschiedensten Völkern ein Zeitalter vorhanden, in dem dasjenige gang und gäbe war, eine selbstverständliche Tatsache war, was wir heute nennen die Blutsverwandtenehe. Die Menschen lebten in kleinen Stänmen und man heiratete innerhalb dieser kleinen Stämme, und es galt als etwas Unsittliches und Unrichtiges, über seinen Stamm hinaus zu heiraten; so mischte sich in jenen Zeiten verwandtes Blut zu verwandtem Blute, und diejenigen Zeiten, in denen diese Nah-Ehe herrschte, diese waren zugleich diejenigen, in denen die letzten Reste eines dämmerhaften Hellsehens vorhanden waren.
Es ist für alle Völker ein ungeheuer wichtiger Augenblick ihrer Entwicklung: der Übergang [von] der Nah-Ehe in die Fern-Ehe. Man könnte darauf hinweisen, wie in den verschiedensten Mythen und Sagen dies zum Ausdruck kommt, wie der ganze Kreis der Siegfriedsage zusammenhängt mit jenem Übergang von der Nah-Ehe zur Fern-Ehe, doch das würde heut zu weit führen. Wichtig ist für uns die Wirkung von fremdem Blut auf fremdes Blut, die ist, dass das ursprüngliche Hellsehen getötet wird; und dieses Bewusstsein, das wir heute kennen, das charakterisiert wird durch das rechnende, kombinierende, logische Denken, diese Errungenschaft ging hervor aus jener Vermischung von fremdem Blute mit fremdem Blute!
So können wir in allen alten Zeiten verfolgen, wie an eine andere Form des Zusammenlebens ein anderer Bewusstseinszustand gebunden ist und umgekehrt. Auch darauf wurde schon hingewiesen, dass auch heute noch unter gewissen Verhältnissen letzte Rudimente dieses Hellsehens übrig geblieben sind; auf jenes Gespräch zwischen Rosegger und Anzengruber habe ich auch hier schon hingewiesen. Ich will daran noch einmal anknüpfen: Rosegger, der liebenswürdige, bedeutende Schilderer dessen, was er um sich herum im Bauernleben und sonst sieht, ist ein Schilderer aufgrund der äußeren Sinnesbeobachtung. Vergleichen Sie diesen mit Anzengruber, dann sehen Sie, dass Anzengruber imstande ist, Gestalten aus dem Volksleben mit wunderbarer Plastik vor Sie hinzustellen, sodass sie mit wunderbarer Wahrheit und Natürlichkeit auf ihren Beinen stehen. Nun hat Anzengruber das niemals sinnlich gesehen, was er so schildert, er hat nie unter den Bauern gelebt. Nun meinte Rosegger Anzengruber gegenüber: Du, es scheint mir doch, dass dann, wenn du hinausgingest in die Bauernwelt und beobachtetest, was sich da ereignet, dann würdet du dieselben noch besser schildern können. Anzengruber dagegen antwortete ihm: Nein, dann würde ich sie wahrscheinlich gar nicht mehr schildern können. Ich habe nämlich niemals Bauern gesehen, aber meine Vorfahren waren Bauern, alle meine Vorfahren waren Bauern, und so lebt halt noch und rumort in meinem Blute das Bauerntum, und da schildere ich dasjenige, was meine Väter gesehen haben, meine Vorfahren, das rinnt bis zu mir herunter im Blute, und das sind meine Schilderungen dieses Bauernlebens.
Da haben Sie die letzten Überbleibsel dessen, was einmal in viel höherem Grade in der ganzen Menschheit vorhanden war. Verdeutlichen Sie sich das, so werden Sie sagen müssen: Die Art und Weise Anzengrubers wirkte so, dass eine dunkle Kraft des Bewusstseins sich im Blute herunterlebt durch seine Vorfahren bis zu ihm selber, und das lebte sich in ihm aus. Denken Sie sich diesen Bewusstseinszustand gesteigert, ihn so weit gesteigert, dass derjenige, der Sohn ist, wirklich sich an das noch erinnern kann, was der Vater erlebt hat, ja, was der Großvater erlebt hat, dann haben Sie jenen dämmerhaften Hellseherzustand nach einer gewissen Seite charakterisiert, der einmal allen unseren Vorfahren eignete. Es rumort im Blute ein viel höheres, ein wirkliches Gedächtnis dessen, was die Vorfahren erlebt hatten, und so wahr es ist, dass der heutige Mensch mit seinem Gegenstandsbewusstsein nur dasjenige aufbewahren kann, was er selbst seit seiner Kindheit erlebt hat, so wahr ist es, wenn es auch unglaublich und grotesk der heutigen materialistischen Vorstellungsart erscheint — so wahr ist es, dass es eine Zeit gegeben hat, in der ein dämmerhaftes Hellsehen vorhanden war so, dass die nachfolgenden Generationen sich dessen erinnerten, was Vater, Großvater, Ahne und Urahne erlebt hatten. Nicht bloß ein dunkles Gefühl dessen rumorte im Blute, das aus der Verwandtenehe hervorgegangen war, ein wirkliches Gedächtnis davon war es. Nun wollen wir sehen: Was war die Folge eines solchen ganz anderen Bewusstseinszustandes? Die Folge davon war eine ganz andere Namensgebung, als sie heute innerhalb der Menschheit stattfindet. Heute nennt der Mensch sein Ich das, was zusammenhält die Erlebnisse seiner Person seit seiner Jugend. Das war anders damals. Denken Sie sich jene Menschen, die ein deutliches Erinnerungsvermögen auch für das hatten, was ihre Vorfahren erlebt hatten, die bezeichneten mit «Ich» auch das, was erlebt worden war in ihren Vorfahren die Generationen hinauf. Es erzählte also jemand — wenn man sich radikal ausdrücken will — die Erlebnisse seines Großvaters als diejenigen seines eigenen «Ich». So sagte er: Mein Ich hört nicht auf bei meiner Geburt, es reicht die Generationen hinauf, und deshalb gab man in solchen fernen Zeiten, von denen allerdings keine Berichte und Urkunden melden, so gab man dem, was sich da erinnerte, einen einheitlichen Namen, und so müssen wir für jene alten Zeiten den Sinn der Namensgebung erst verstehen lernen. Namen hatten dazumal nicht bloß die einzelnen Personen, einen Namen hatte der Zusammenhang aller Erlebnisse, in denen man selbst gegenwärtig war seinem Gedächtnis nach, und wenn wir das wissen, dass es Namen gab, die viele, durch Jahrhunderte hindurchgehende Generationen bezeichneten, dann verstehen wir ein wichtiges Kapitel, in dem die Patriarchen durch Jahrhunderte hindurch gelebt haben.
Adam ist nicht ein solcher Mensch, wie er heute als persönlicher Mensch auf unserer physischen Erde lebt. Adam war das, was durch Generationen hindurch lebte und zum Ausdrucke kam in dem gemeinsamen Gedächtnis. Er bezeichnete nicht einen Stamm oder eine Rasse, sondern das, was durch die Generationen hindurch als ein gemeinsames Bewusstseinsgedächtnis im alten dämmerhaften Hellsehen hindurchging.
So wird es klar, dass wir nur die Namengebung alter Zeiten zu verstehen brauchen, dann wird es hell in uns in dem, was aus diesem Kapitel der Schöpfungsgeschichte die Urkunden der Bibel erzählen. Der Mensch legte in jenen alten Zeiten dämmerhaften Hellsehens nicht viel Wert auf die eigenen persönlichen Erlebnisse, sie waren ihm nur ein kleines Stück jenes großen Erlebniskreises, dem er sich angehörend empfand. Er sprach von dem, was sein Bewusstsein überschaute, als von einer einheitlichen Wesenheit. Und so, wie, wenn Sie heute, wenn Sie mit einem andern Menschen reden, dieser Mensch Ihnen als etwas Reales erscheint, und als mehr oder weniger abstrakt die Generationenfolge als Ganzes, so war jenen Menschen die einzelne Person unbedeutend, und das, was ihm wichtig war, das war das, was sein über die Generationen hinausgehendes Bewusstsein zusammenhielt. So haben wir in den Patriarchennamen nicht Namen für einzelne Persönlichkeiten, sondern eine Bezeichnung von einer Summe von Wesenheiten. So leuchtet uns auf aus der Bibel etwas, was wir wiedererkennen in seinem wahren Sinne, wenn wir ausgerüstet mit höheren geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen ihr gegenübertreten. Das ist die Art, in der der also Erkennende die Bibel betrachten kann. Er sieht zuerst ein, wie es in den alten Zeiten war, und dann findet er, wenn er nun richtig verstehen kann, dass die Schilderung der Bibel nur eben dasselbe ist, dasselbe sagen will. Damals haben diejenigen, die diese Urkunden niedergeschrieben haben, einfach dasjenige, was ihnen Bewusstseinstatsache war, geschildert.
Ein anderes Beispiel: Wir verfolgen in der Geisteswissenschaft den Menschen in seiner Entwicklung weit, viel weiter zurück als bis zu dem Zeitpunkt, von dem wir jetzt gesprochen haben. Da ich hier schon öfters über den Entwicklungsgedanken gesprochen habe, so hoffe ich heute nicht missverstanden zu werden. Die Geisteswissenschaft verfolgt den Menschen zurück, weit, weit zurück, und wenn sie so den Menschen zurückverfolgt, dann kommt sie durch lange, lange Zeiträume hindurch immer zu solchen Menschenwesenheiten, wo äußerlich die Körperlichkeit, die physische Körperlichkeit am Menschen der Ausdruck ist für die im physischen Leibe des Menschen lebende Seele. Dann aber kommen wir, wenn wir weiter und immer weiter zurückgehen, zu einem Zeitpunkt der Menschheitsentwicklung, wo das nicht mehr so ist, wo wir sehen können wie sozusagen sich die Wege der physischen Entwicklung und der seelisch-geistigen Entwicklung weiter nach rückwärts trennen. Der Geist und die Seele des Menschen wurzeln in der Geisteswelt, und wenn ich den Ausdruck gebrauche vom Heruntersteigen aus der geistigen Welt, so wissen diejenigen, die schon tiefer in die Theosophie eingedrungen sind, dass dieser Ausdruck ja nur bildlich ist, ein Ausdruck für etwas Geistiges in einer Sprache, die nur für das äußere Materielle geeignet ist. Wir kommen zu Zeiten in der Menschheitsentwicklung, wo wir sehen, wie des Menschen Seele und Geist noch vereinigt ist mit andern Wesenheiten geistig-seelischer Art. Aus geistigen Wesenheiten heraus ist des Menschen Seele und Geist herausgeboren. Es gibt einen Zeitpunkt in unserer Erdenentwicklung, wo diese Menschenseele und -geist erst eingezogen sind in diesen physischen Leib, aber wir dürfen nicht glauben, dass dieser physische Leib, wie er die Seele und den Geist aufgenommen hat, auch eine lange, lange Entwicklung nicht hinter sich gehabt hätte.
Es treffen an diesem Punkt zwei Entwicklungsströmungen zusammen. Die eine Entwicklungsströmung ist die der physischen Welt: Wir sehen, wie sich die physischen Wesenheiten — an ihrer Spitze der physische Menschenleib — entwickeln bis zu einer gewissen Stufe der Vollkommenheit herauf. Dann kommt ein Zeitpunkt, wo dieser physische Menschenleib so vollkommen geworden ist, dass er nun aufnehmen konnte diese geistig-seelische Wesenheit, die sich so weit entwickelt hatte, dass sie im physischen Menschenleibe einen Ausdruck finden konnte, und seit jener Zeit, seit dieser Geist, diese Seele im Menschenleibe von jener unvollkommenen Gestalt, die jener Leib hatte, eingezogen ist, bis herauf zu der heutigen Menschengestalt arbeitet Seele und Geist selbst im Menschenleibe durch lange, lange Zeiträume hindurch. Und durch die Kräfte, durch die sie wirkten, wurde somit von Seele und Geist innerhalb des Menschenleibes dieser selbst immer höher und höher entwickelt, bis zu seiner heutigen Gestalt. Seele und Geist sind also sozusagen die Umgestalter und Fortgestalter des Menschenleibes. Von jenem Zeitpunkt an, dann können wir auch jene Gestalt des physischen Menschenleibes, wie sie damals vorhanden war, geeignet, nun aufzunehmen das Seelisch-Geistige, wir können sie heute charakterisieren ohne jede religiöse Urkunde, allein aus den entwickelten Fähigkeiten des Sehers heraus.
Es stellen sich diese beiden Gestalten des Menschenleibes so dar, dass der von einer Menschenseele noch unbeseelte Menschenkörper, der war gewiss — ich weiß, wie ich Anstoß errege bei all denen, die nur materialistische Vorstellungsart in sich haben; das macht aber nichts; wollen wir aber Wahrheit erkennen, so müssen wir uns an diesen großen Unterschied heranmachen, wir müssen es sagen; die Gründe, aus denen die materialistische Wissenschaft das komisch und grotesk finden kann, die kennt der Geistesforscher schon selbst, die hat er schon mit sich abgemacht, er würde es sonst nicht wagen, solche Dinge zu erzählen — ganz, ganz anders gestaltet, als er es später geworden ist. Es war aber auch die Erde ganz anders gestaltet in jener alten Zeit.
Ich werde Ihnen nur von einem einzigen Ding im Menschenleibe sprechen und seiner Umwandlung in jenem Zeitpunkt. Vor jenem Zeitpunkt war es notwendig, dass der Menschenkörper in sich hatte ein Organ, das jetzt noch vorhanden ist in einem letzten Rudiment und Überbleibsel, in der Schwimmblase der Fische. Da der physische Menschenvorfahr sich damals schwebend, schwimmend auf der Erde bewegen musste, so brauchte er eine solche. Der physische Menschenvorfahr hatte dieses Organ in uralten Zeiten. Dieses Organ hat sich umgebildet im Laufe der menschlichen physischen Entwicklung zur Lunge. Dadurch ist der Mensch fähig geworden, so die Luft einzuatmen, zu verarbeiten, wie er dies heute verarbeitet. Damit hängt zusammen das, was wir an andern Vorgängen im Leibe kennen, die mit dieser Lungenatmung irgendein Verhältnis haben. Wir sehen den Übergang von der alten Kiemenatmung, die heute noch in der Embryonalentwicklung des Menschen enthalten ist, zur Lungenatmung, die die Bereitung ist des roten Blutes, das eine so bedeutungsvolle Rolle spielt im Menschen wie im Völkerleben. Dieser Zeitpunkt des Einfangens des Sauerstoffes der Luft durch die Lungen, dieses ist auch der Zeitpunkt des Beseelens des Menschen durch eine Menschenseele. Da erst war er ein geeignetes Gefäss für das, was wir eine Menschenseele nennen.
In langen, langen Zeiträumen vollzogen sich diese Dinge, die Umbildung jener Schwimmblase in die Lungen, die die Fähigkeit haben, den Sauerstoff der äußeren Luft zu verarbeiten. Denken Sie sich jetzt das ausgedrückt gefühlsmäßig, empfindungsmäßig — wenn etwa ein Beobachter diesen wichtigen Entwicklungsmoment schildern wollte — er hätte sagen können: Mit der Einatmung der Luft atmeten wir die göttliche Seele ein. So empfanden tatsächlich unsere Vorfahren, sie empfanden dankbar den Atemzug als den Beseeler. Sehen Sie, daher kommt, dass die Sagen und Mythen aller Völker in der Luft den Leib derjenigen Gottheit sahen, welche dem Menschen sein individuelles Bewusstsein gegeben hatte. In der dahinwehenden Luft sieht derjenige, der also aus dumpfem Hellsehen heraus oder aus dem entwickelten Bewusstsein des Sehers heraus sieht, den Leib der beseelenden Gottheit, jener Gottheit, von der seine individuelle Seele ein Stück ist. Denken Sie sich, dass alles das über lange, lange Zeiträume sich ausdehnte, was in solchen Sagen und Mythen bildhaft zum Ausdruck gebracht wurde.
Dieses Bild für all das, was ich Ihnen geschildert habe, das finden Sie wiederum in der biblischen Urkunde: «Und Gott hauchte dem Menschen den Odem ein, und er ward eine lebende Seele.» (1 Mos 2,7) Wir empfinden einen Schauer bei diesen Worten, wenn wir sehen, was sie umspannen.
Ja, wozu denn eine so mächtige Tatsache, die durch Jahrmillionen der Entwicklung hindurchgeht, in ein solches Bild kleiden? Ja, es ist nicht gleichgültig, in welchem Bild man eine solche Tatsache heranbringt an das Bewusstsein einer Entwicklungsstufe. In der Form wie jetzt ausgesprochen, wäre es zu jenen Zeiten von niemand verstanden worden. Damals war es nötig, dass in Bildern, in Imaginationen gesprochen worden ist. Alles, alles ist in Entwicklung! Was das bedeutet, das werden Sie erst verstehen, wenn ich Ihnen sage, wie das alles auf Sie selbst wirkt.
Diejenigen, die schon tiefer mit theosophischen Anschauungen sich eingelassen haben, die wissen, dass die menschliche Seele nicht nur einmal verkörpert ist, sondern oft und oft durch Menschenleiber hindurchgeht, durch viele, viele Leben schreitet, die wissen: Das, was heute in Ihnen Seele ist, hat sich immer und immer wieder durch Leben und Leben hindurch entwickelt; das, was heute in Ihnen zu verstehen und zu begreifen dieses große Gesetz des Menschenwerdens imstande ist, diese Seele würde nichts, gar nichts davon verstehen, würde nicht die Fähigkeit haben, solche Begriffe aufzufassen, wenn Sie nicht auch schon einmal oder öfter zugehört hätten, wie andere geschildert haben diesen selben Vorgang des Weltenwerdens in Bildern und Imaginationen. Das befähigte diese Seele erst, in der heutigen Inkarnation den Begriff davon zu verstehen.
Der Menschheit muss alles dasjenige, was später erst in Begriffen auftritt, zuerst in Imaginationen, in Bildern gebracht werden. Die Weisesten der Menschheit, die Führer der Menschen haben das alles gewusst, was wir heute schildern. Für die Mehrzahl musste es aber in Bildern gebracht werden, weil sie das dämmerhafte Hellsehen hatte und diese Dinge noch nicht in Begriffen, sondern nur in Bildern aufnehmen konnte, und das war in dieser Gestalt zu geben: «Und Gott hauchte dem Menschen den Odem ein, und der Mensch ward eine lebende Seele.» (1 Mos 2,7)
Fragen wir uns nun: Für was ist denn Jahve, Jehova der Ausdruck? Jehova ist der Ausdruck für dasjenige, was wir als das Individuelle, das Ich-Gebende auffassen. Zu gleicher Zeit hat er die Nebenbedeutung: «der Wehende», «der in der Luft dahinwehende», und da haben Sie den Jahve selbst, also jene Gottheit, die den Menschen das Ich gegeben hat: «Ich bin der ‹Ich-bin›» (2 Mos 3,14). Und gehen Sie von da hinauf zu den mitteleuropäischen alten Sagen und Mythen, so werden Sie finden, dass Sie dort im Wotan, der ja im Luftsturm dahinreitet, auch den Wehenden haben. So wurde immer der wehende, der in der Luft dahinwehende Geist als der Bringer des menschlichen Bewusstseins empfunden.
Das ist nur einer der Begriffe, die wir entwickeln können. Weiter in noch fernerer Vergangenheit, da würden wir kommen in die Entwicklungslinie des geistigen Menschenkernes hinauf zu dem Geist selbst. Und auch in jenen alten Zeiten hat das alte Bewusstsein zurückgeblickt auf den Zeitpunkt, wo die Seele und der Geist noch vereinigt waren mit der göttlichen Urgeistigkeit; innerhalb dieser war unser geistig-seelischer Menschenvorfahr. Das, was Sie heute Ihr Ich nennen, Ihre intimste innerliche Wesenheit, das war damals, als es noch nicht sich vereinigt hatte mit Ihrem Leib, das war damals in jener göttlichen Urwesenheit darin. Da war sie vor allen Dingen in einem Zustand, den wir bezeichnen müssen als den der Geschlechtslosigkeit. Geist und Seele haben kein Geschlecht. Sie haben ein Geschlecht dadurch, dass Sie einen geschlechtsmäßig gebildeten Leib anziehen, aber Ihr innerstes Wesen ist nicht geschlechtlich. Auch diese Seele unterlag einer Entwicklung, auch auf diese blickt jeder Geistesforscher zurück, und er sah Mann und Weib, vereinigt in einem, bevor in der Außenwelt uns entgegengetreten sind die zwei Geschlechter. Der Geist des Menschen, der Geist, der noch nicht geschlechtlich war, der beide Geschlechter in sich vereinigte.
So haben wir den einen Punkt der Menschwerdung in dem Sinne des Hineinsteigens der Seele, des Geistes in den physischen, entsprechend vorbereiteten Leib, und einen früheren, ebenso hervortretenden Punkt: die Menschwerdung der Seele, den geistigen Menschen selbst, wie aus einem noch früheren geistigen Zustande der ungeschlechtliche, geistig-seelische Mensch hervorgegangen ist aus der einen Urgeistigkeit.
So sehen wir die Menschwerdung zweimal vor uns: einmal oben in der geistigen Welt, einmal unten auf dem physischen Plan. Diese zweimalige Menschwerdung für unsere Erde, sie tritt uns im Spiegelbild in der Schilderung in der biblischen Urkunde entgegen; sie sehen wir wahrhaftig in jener zweifachen Menschwerdung der biblischen Geschichte.
Zuerst die Menschwerdung in der geistig-seelischen Welt: Von jener Zeit sagt der biblische Urkundenschreiber: der Mensch entstand als männlich-weibliches Wesen. (1 Mos 1,27) Und dann kam dieses männlich-weibliche Wesen, das geistig-seelischer Natur war, herunter in die physische Welt, und da haben wir es mit dem physischen Leib zu tun, der nun gleichzeitig beginnt zu atmen. So sehen wir, wie eine zweifache Gestalt der Menschwerdung in die Bibel hineingekommen ist. Wir erkennen jetzt, dass, wenn man die Wahrheit schildern wollte, dass dann in dieser Art müsste diese zweifache Menschwerdung beschrieben werden.
Nun wollen wir einen andern Fall betrachten, der näher kommt an das, was noch intimer uns berührt, was uns heraufführt in das Neue Testament, uns bekannt macht mit dem Mysterium von Golgatha, mit Jesus Christus, Sie werden leicht aufschauen können zu einem andern, das noch vorhanden ist als ein gemeinsames Menschliches, das nicht vernichtet wird, wenn die Nah-Ehe vernichtet wird. Zwar wird jene Liebe, die an der Verwandtenehe hängt, nur bestehen können mit dem gemeinsamen Blute, aber es gibt eine Liebe, die umfassender, höher ist als diese des Blutes. So gibt es in der Menschheit ein Gemeinsames, ein wirklich Gemeinsames, das vorhanden ist als ein gemeinsames Band der Menschheit, das auch vorhanden ist, wenn jenes Band durchschnitten wird, ein Band, das umfassender ist als jenes Band der Liebe, die durch die Blutsverwandtschaft geflochten wird. Wenn jener Menschenvorfahr zurückblickte in der Zeit der Nah-Ehe, so war das ein Generations-, ein Stammesich, das er mit Ich bezeichnete. Immer weiter und weiter zogen sich die Grenzen der Stämme; aus Stämmen wurden Völker, und es vernichtete sich das Bewusstsein der Stämme, und ein gemeinsames Band, das nun nicht mehr so fest war, umschlang, das Volk, ein Volksbewusstsein. Es war am deutlichsten und klarsten an jenem Volkskörper, der als der hebräische bezeichnet wird.
Die Tendenz, nun auch das Volksbewusstsein zu erweitern zu dem, was die ganze Menschheit zusammenhält, die Kraft, die auch über das Volk hinaus die Menschen einander näherbringt, die ist erst mit dem Erscheinen des Christus Jesus auf die Erde gekommen. Der Mensch kann auch heute noch nicht klar erkennen, was in allen Menschen als gemeinsames Band lebt, aber eine Zukunft wird kommen, die fern noch vor uns liegt, in der so lebhaft das Bewusstsein in einer großen Zahl von Menschen vorhanden sein wird, das Bewusstsein der Bruderschaft ohne die Blutsbrüderschaft. Und dieses Bewusstsein vorzubereiten, als reale Macht zu wirken zur Vorbereitung dieser Brüderschaft, das ist die Mission des Christentums. Bezeichnet man daher denjenigen Gott, der in den alten Zeiten empfunden wurde als der wehende, zugleich als den, der das Ich gegeben hat, — so müssen wir denjenigen Gott, der da lebt in jenem Bewusstsein, das zwar nicht so dämmerhaft hellsehend ist, das sich aber dahin entwickeln wird, dasjenige, was in der ganzen Menschheit Gemeinsames ist, zu fühlen und klar zu erkennen, dieses Menschheitsbewusstsein müssen wir bezeichnen und bezeichnen es, wenn wir im christlichen Sinne sprechen, als das Christusbewusstsein. Das Christusbewusstsein bezeichnet gleichsam ein Ich, das in gemeinsamem Bewusstsein die ganze Menschheit umschlingt. Da gibt es einen Satz: «Wer da nicht verlässt Weib und Kind und Mutter und Bruder, der kann nicht mein Jünger sein.» (Lk 14,26; Mt 19,29) Das darf nicht im trivialen, im asketischen Sinn aufgefasst werden. Das muss so aufgefasst werden, dass das Christentum vorarbeitet einer allumfassenden Menschenverbrüderung, die nicht auf Blutsbande gegründet ist, sondern darauf, dass der Mensch Bruder sagt zu jedem Menschen, nicht im alltäglichen Sinn, sondern ein Bewusstsein uns erringen, das nicht eingeschlossen und eingegrenzt ist innerhalb der Blutsbande, das hinausreicht allmählich in unserem späteren Leben auf mehr und mehr Menschen, und die ganze Menschheit schließlich zu umfassen vermag. Bezeichnet man daher den Jehova als den Volksgott, so kam man bezeichnen den Christus Jesus als den Menschheitsgott, den Gott der ganzen Menschheit, den «Menschensohn». Er, der Meister, hatte vorzubereiten das Band der Liebe der ganzen Menschheit.
Bezeichnet man Jehova als einen Volksgott, so hat man zu bezeichnen den Christus, der in dem Jesus von Nazareth verkörpert war, als den Menschensohn, als den er sich selbst bezeichnete. So sehen Sie die Wahrheit des Wortes «Ehe denn Abraham war, war ‹Ich-Bin›», oder besser «bin ich» (Joh 8,58), der die Kräfte der Menschheit zum ersten Mal gebracht hat, die die ganze Menschheit umfassen, der die ganze Menschheitsbrüderschaft herbeizuführen in der Lage ist.
Wie ist nun durch äußere wirkliche Tatsachen, durch wirkliche Geschehnisse dieses große Ereignis zustande gekommen? Dadurch, dass der Menschheit der Menschensohn in einer menschlichen Persönlichkeit verkörpert worden ist. Darauf weist uns wiederum die Geisteswissenschaft hin. Sie weist uns hin, wenn wir das richtig verstehen, was man die Prophetie nennt, das, was all dem zugrunde liegt. Das könnte und kann nur der Eingeweihte klar erkennen, aber ein Gefühl davon, ein Gefühlsbewusstsein davon kann die Menschheit haben seit der Erscheinung des Christus Jesus auf Erden.
Was Prophetie heißt? Glauben Sie nicht, dass dasjenige, was der Christ wissen kann seit der Erscheinung des Christus Jesus auf Erden, dass das erst begonnen habe in jener Zeit. Derjenige, der ein wirklicher Christ ist und nicht stehen bleiben will bei dem, was das Christentum zum Beispiel heute seinen Gläubigen sagt, der weiß sich eins mit dem, was Augustinus sagte. Das, was man heute als Christentum bezeichnet, das ist diejenige Religion, die man immer in alten Zeiten als die wahre Religion bezeichnet hat. Aber nicht alle Menschen haben seit alten Zeiten diese Religion einsehen können, in alten Zeiten gab es immer nur wenige, welche ausgewählt wurden in die hohen Geheimnisse eingeweiht zu werden. Die sind die Propheten einer gewissen Zeit geworden, die vermögen zu sehen, was in der Zukunft geschehen muss. Einweihung heißt: jene höheren Fähigkeiten im Menschen zur Entwicklung zu bringen, die in jedem Menschen schlummern!
Und nun ein Gesetz, das sagt uns: Das, was in der Zukunft herunterrückt in die physische Welt, das ist heute schon in der geistigen Welt vorhanden, und das, was heute in der geistigen Welt lebt, das wird einmal heruntersteigen in die physischen Regionen. Weil aber derjenige, welcher ein Eingeweihter wird, hinaufsteigt schon heute in die geistigen Regionen, deshalb kann er schon heute das, was in der Zukunft heruntersteigen wird in die physische Welt, im Geiste wahrnehmen. Das kann er heute oben schon sehen und nun sagen: Das wird in der Zukunft geschehen. Die Einweihung erlangt man nun in einer gewissen Stufenfolge nur nach denjenigen Methoden, die in der Geisteswissenschaft und auch in allen großen Religionen vorgezeichnet sind, und es gab in allen Zeiten solche Methoden der Einweihung, wie es in allen Zeiten Eingeweihte gegeben hat.
Es ist ein gewaltiger Unterschied des Einweihungsprinzips zwischen jenen alten vorchristlichen Zeiten und den nachchristlichen Zeiten. In jenen vorchristlichen Zeiten wurde viel, viel weniger aufgeschrieben von jenen Methoden, aber diese pflanzten sich fort durch die Überlieferung in jenen Schulen, die man die Mysterienschulen nennt, und diejenigen, welche für reif erkannt wurden, in diese Schulen aufgenommen zu werden, die wurden unter schweren Prüfungen stufenweise eingeführt, wurden eingeweiht in das, was man Mysterium nennt, ein Ding, aus dem sich in der Zukunft zweierlei entwickelt hat: die Schule auf der einen Seite und die Kirche auf der anderen Seite — Wissenschaft und Religion.
So haben Sie eine ungefähre Vorstellung von jenen alten Weisheitsschulen, in denen Eingeweihte eingeweiht wurden, aber es war stufenweise durch Grade hinauf vorgeschrieben, was derjenige, der eingeweiht werden wollte, zuerst zu machen hatte, und was er dann als zweite Stufe durchzumachen hatte, bis hinauf zur höchsten Stufe der geistigen Welten.
Von jenen Weisheitsschulen haben Sie nun eine Vorstellung, in denen diejenigen Wesenheiten wirken, die unserer physischen Welt zugrunde liegen. So gab es alte Einweihungsriten, einen Einweihungskanon in jeder Einweihungsschule. Derjenige, der geeignet befunden wurde, Schüler zu werden der heiligen Mysterienlehre, der wurde hereingenommen in diese Einweihungsschule und machte hier die Stufen durch, die ihn hinaufführten in die geistigen Welten. Damit war das Leben eines solchen Menschen streng vorgeschrieben. Denken Sie sich dieses Leben: Aufgenommen in die Mysterien musste er ein Leben führen, welches so war, dass die gewöhnlichen, alltäglichen Erlebnisse gar keine Bedeutung mehr hatten; dagegen Gewicht und Bedeutung für das Leben eines solchen Menschen hatte dasjenige, was er im Sinne der Einweihungsmethoden erlebte.
Denjenigen, der auf einer bestimmten Stufe der Einweihung angelangt war, den nannte man einen Sonnenmenschen, aus dem Grunde, weil sein Leben in einer so geregelten Art verlaufen musste, dass er nicht abirrte von seiner Bahn; geradeso wenig wie die Sonne von ihrer Bahn abweichen kann, ebenso sicher geht derjenige, der auf seiner Einweihungsbahn es bis zum Sonnenhelden gebracht hat. Er kündet aus seiner eigenen Erfahrung heraus die Wahrheiten der geistigen Welt; er ist ein Führer der Menschheit.
Die Mythen und Sagen enthalten das und erzählen uns immer wieder von Sonnenhelden, und wenn diese von solchen Menschen sprechen, wenn sie miteinander übereinstimmen auch bei den verschiedensten Völkern, so wird uns da geschildert, was ihn eben zum Sonnenhelden machte. Dann erscheint uns solche Erzählung wie eine Wiederholung des Einweihungskanons, und so bildete sich in jenen alten Zeiten in Bezug auf das Leben der Eingeweihten ein Prinzip heraus, das gerade entgegengesetzt ist dem Prinzip der Biografienschreiber der heutigen Zeit. Denjenigen, die etwas erzählt haben von dem Leben der großen Führer der Menschheit in alten Zeiten, kam es gerade darauf an, zu verwischen das, was ihn als besonderes Wesen erscheinen ließ, das im heutigen Sinne Biografische, und das zu erzählen, wodurch sie Sonnenhelden geworden sind, was sie dem Einweihungsritus gemäß durchleben mussten, und so alle gleichartig durchmachten. Das Ziel dieser Einweihung war auch das, dass in jenen Eingeweihten ein lebendiges Sehen des allmenschlichen Ichs, des einheitlichen Bewusstseins entwickelt wurde, aber die Auserwählten hatten es nur.
Nur wenige Menschen konnten das erlangen. Nun sollte im Laufe der Zeit in der Entwicklung ein Ereignis eintreten, dass man das, was man in alten Zeiten erreichen konnte einzeln, im Innern der Mysterien, dass nun das allgemein die ganze Menschheit sollte erreichen können. Und dieses Ereignis war eben das Mysterium von Golgatha. Wie kam das? Das werden wir verstehen, wenn wir hineinschauen in die Mysterien: Dann, wenn er alle diese Dinge am eigenen Leibe erfahren hatte, die man erfahren musste vor jenem großen abschließenden Momente der Einweihung, dann kam die Zeit, wo er durch den initiierenden Priesterhierophanten in einen solchen Zustand versetzt wurde, dass er in heller Klarheit des Schauens das erleben konnte, was ihn über seinen Stamm und sein Volk hinaushob, hinein in das, was er gemeinschaftlich mit der ganzen Menschheit hat.
Sie wissen aus anderen Vorträgen, dass der Mensch aus dem physischen Leib, dem Ätherleib, dem Astralleib und dem Ich und seinen höheren Gliedern besteht. Im Schlafe, im Bett liegen der physische und der Ätherleib, und heraus ist im Schlafe der Astralleib mit den höheren Gliedern der menschlichen Natur. Dann, wenn sich auch der Ätherleib trennt von dem physischen Leib, dann tritt auch der Tod ein. Das ist der geisteswissenschaftliche Unterschied zwischen Schlaf und Tod. Dann aber, wenn der Einzuweihende so weit gekommen war, dass er das letzte Stadium der Einweihung durchmachen konnte, dann führte ihn dahin der Hierophant, der einweihende Priester, dass für eine kurze Zeit von dreieinhalb Tagen der Ätherleib auch heraustreten konnte, sodass der physische Leib in einer Art von Todeszustand war. Die Folge davon war, dass ein solcher, der durch die nötigen Stufen vorbereitet war, dass das erfolgte, dass er in dieser Zeit durchwanderte all das, in eigenem Schauen, wozu er vorbereitet war, dass er die höheren Welten in wirklichem Schauen erlebte. Dann, nach dreieinhalb Tagen, wurde der zu Initiierende wieder zurückgerufen in das gewöhnliche physische, und jetzt war er ein solcher, welcher verkünden konnte denen, die es hören wollten, aus dem eigenen Erleben heraus die Geheimnisse der höheren Welten. Von seinen Lippen strömte das Wort der geistigen Welt; er war ein Zeuge geworden dafür, dass es eine geistige Welt gibt, dass das Leben im Geist den Tod besiegen kann. Denn er war selbst in jener Welt, in welcher man sich die Überzeugung holt, dass das Leben immer den Tod besiegen wird. Und immer wieder und wiederum kam derjenige, der also in dreieinhalb Tagen die geistigen Welten durchwandert hatte, immer und immer wieder kam der Eingeweihte zurück, wenn er erweckt wurde, mit einem Ausrufe, der etwa in deutscher Sprache lauten würde: «Mein Gott, mein Gott, wie hast Du mich verherrlicht.»
Derjenige, der in alten Zeiten ein solcher Künder der Geistesweisheit werden wollte aus eigenen Erlebnissen heraus, der musste also hineingehen in die Mysterien, musste diese Erlebnisse erleben außerhalb seines physischen Leibes. Nur auf diese Weise ging es in alten vorchristlichen Zeiten. Das ist der welthistorische Moment des Christentums, dass in dem einen Ereignis von Golgatha herausgezogen ist in die physische Welt als eine geschichtliche Tatsache der physischen Wirklichkeit alles dasjenige, was der Einzuweihende während der dreieinhalb Tage erlebte. Physisch wirklich ist das Geheimnis der Einweihung geworden in dem Mysterium von Golgatha. Die Stufenfolge der Einweihung, sie konnte in der physischen Welt der durchmachen, der zu seinem Bewusstsein das Alleinheitsbewusstsein der Menschheit hatte, der Menschensohn, physisch konnte er das durchmachen, was vor seinem Erscheinen den Menschen zu erleben nur möglich war außerhalb ihres physischen Leibes.
So leuchtet uns entgegen aus dem Ereignis von Golgatha das physisch gewordene Mysterium der Einweihung. Wie werden also diejenigen, die schildern wollten dieses Mysterium, die besonderen Ereignisse dieses Lebens des Christus Jesus darstellen? Sie wussten, dass derjenige, der als Menschensohn die Geheimnisse heraustrug in die physische Welt, dass er auch hier in der physischen Welt erleben musste diese Stufen der Einweihung im Sinne des Einweihungskanons, die der Einzuweihende immer erlebt hatte außerhalb seines physischen Körpers. So musste man das Leben dieses Einzigen, dieses nur einmal in der Menschheitsentwicklung Vorhandenen, so beschreiben, dass es selbstverständlich war ein Abbild des alten Einweihungskanons.
Nun waren die verschiedenen Formen niedergeschrieben worden, einmal so, einmal anders fixiert, in verschiedenen Formen des Rituals, des Ritus, aber alle auf einen einheitlichen Entwicklungsmodus zurückführend. Dieser Einweihungsmodus, der auch das Leben des Christus Jesus darstellt, war einer, der allen Mysterienschulen zugrunde lag, und es ist nur natürlich, dass er angewendet wurde auf dies äußere physische Leben des Christus Jesus, denn dieses ist wirklich so verlaufen. Sie schildern uns etwas, was sie entnommen haben dem alten Einweihungskanon, wie sie es empfangen hatten in den Mysterienschulen. Daher finden wir in den Evangelien verschiedene, äußerlich scheinbar abweichende Formen des Einweihungskanons, die als Biografie des Christus Jesus erscheinen.
So sehen wir in den Evangelien den fixierten Einweihungskanon, und in Christus Jesus, den sie schildern, sehen wir den einzigen Menschensohn, der dasjenige, was die andern nur erleben konnten innerhalb der Mysterien, außerhalb im physischen Leben darstellt, um deren Segnungen allen Menschen zugänglich zu machen. Den Satz, dass das Leben den Tod besiegt, den der Eingeweihte erlebt hatte in den höheren Welten, durch den Christus Jesus stellte er sich äußerlich in der physischen Welt dar, allen Menschen in gleicher Weise nun zugänglich geworden.
Die Geisteswissenschaft weiß, dass das Evangelium Geschichte ist, außerordentliche Geschichte, und zugleich Sinnbild. Das ist eben das Wesentliche, dass hier das Sinnbild äußere Wirklichkeit geworden ist, dass dasjenige, was sinnbildlich in den höheren Welten sich bisher nur abgespielt hatte, dass das äußere historische Wahrheit geworden ist im Geheimnis von Golgatha. Das wollen die wenigsten begreifen, dass das historische Christentum so geschichtlich ist, und dass es symbolisch noch dazu ist. Versteht man das einmal, dann kann man tief in den Geist und Sinn des Neuen Testamentes eindringen, und dann sieht man, dass der Geist und Sinn dieser Urkunden ein so unendlich tiefer ist, dass man nur allmählich, stufenweise in seine tiefsten Tiefen wird eindringen können. Sehen wir uns zum Beispiel einige Stellen noch daraufhin an. Wir erkennen die dreieinhalb Tage wieder in den dreieinhalb Tagen, wie sie, wie berichtet wird (Joh 11), Lazarus schon tot gelegen hatte, als der Herr ihn wieder auferweckte, und wir erkennen an anderer Stelle wiederum jene Worte — denn so sollten sie eigentlich heißen —, die der Christus Jesus spricht am Kreuz in dem Momente, wo er am letzten Akt seines Lebens im physischen Leibe ankommt: «Mein Gott, mein Gott, wie hast du mich verherrlicht», denn so sollten diese Worte heißen — und nicht «wie hast Du mich verlassen» (Mt 27,46, vgl. Psalm 22,1; Mk 15,34), was nur eine unrichtige Wiedergabe ist.
So sehen wir, dass wiederum die Geisteswissenschaft die Einweihung kennenlernt, die Erfahrung macht, dass das Leben im Geiste den Tod besiegt, dass dieses Leben, diese Weisheit erst wiederum verständlich macht die tiefe Bedeutung auch des Neuen Testamentes, und so wird die weisheitsvolle Vertiefung der Menschheit innerhalb der theosophischen Bewegung wieder zu einer Schätzung, zu einer Wertachtung der biblischen Urkunden, beider Teile derselben, führen.
Gerade aus dem Grunde, weil diese Weisheit unabhängig von diesem Testamente die Wahrheit desselben bezeugen wird, wird sie so Bedeutsames wirken, wenn Sie diese Wahrheit wiederfinden werden in der Bibel.
So wird dieser Mensch, der durch theosophische Vertiefung in sie eindringt, wiederfinden den Wert dieses Buches, das der nicht mehr schätzen konnte, der den Zusammenhang verloren hatte mit der Geisteswelt, und so wird keine andere Bibelforschung, Kritik und so weiter die Kluft zwischen den Gelehrten und den Gläubigen überbrücken können als diese Geisteswissenschaft oder Theosophie, und sie wird diese Kluft überbrücken, und sie wird eine Weisheit bringen, welche alles, alles wiederum verstehen wird, was an gewaltigen Dingen ausgedrückt wird in den biblischen Urkunden, und sie wird diejenige Lösung der großen Rätselfragen des Daseins wiederum den Menschen bringen, die vom Verstand und vom Gemüt in der Bibel gesucht wird. Und das wird sie wiederum in der Bibel erkennen, dass sie die eigentliche Grundlage war und sie sein wird für die eigentliche Kultur der Menschheit. Dadurch wird die Bibel wieder ein Buch werden, das man in seiner ganzen Bedeutung, in seinem ganzen Wert wiederum erkennen wird, und nicht gleichgültig mehr wird man ihr dann gegenübertreten können, sondern mit Schauern der Ehrfurcht gegen die großen, unendlichen Weisheitsquellen, die in ihr sprudeln.
Derjenige also, der selbstständig in die geistige Welt einzudringen vermag, der wird immer tiefer und tiefer von Ehrfurcht erfüllt sein gegenüber diesem Buch, und es wird ihm wiederum werden ein Buch der Verkündigung, das man immer tiefer und tiefer verstehen muss, und ein Buch, in dem die größten Rätsel des Menschen und der Menschheitsentwicklung ihre Lösung finden. So wird die Bibel im Werte immer höher und höher steigen durch die Weisheit, und glückt es dieser Bewegung, die Menschen auf der einen Seite hinzuweisen auf den direkten Weg zur Erkenntnis, so wird dieser Hinweis zu gleicher Zeit etwas ungeheuer Wertvolles sein, für das ganze religiöse Leben der breitesten Menschheit.
Der Weisheit Eroberung wird sein zu gleicher Zeit eine Wiedereroberung jener Urkunde, die unserer Kultur doch zugrunde liegt, das heißt dem, was als der Geist unserer Kultur lebt.
Dann wird dieses Eindringen in die Weisheit, diese Eroberung der geistigen Welten durch die Weisheit, zu gleicher Zeit die Eroberung dieser wertvollen Quellen für die Weisheit, die Eroberung der biblischen Urkunden selber.