The Essence of Christianity

GA 68a — 23 May 1907, Munich

Bibel und Weisheit

Der große deutsche Philosoph Johann Gottlieb Fichte sagte einmal in einer seiner begeisternden «Reden an die deutsche Nation» bedeutungsvolle Worte über das Zusammenwirken zweier Schichten der Bevölkerung. Er sprach davon, dass das geistige Leben einer Nation nur dann ein unmittelbar regsames sein könne, wenn ein volles Verständnis da sei zwischen der Art und Weise, wie sich die an der Spitze dieses geistigen Lebens stehenden Führer auszusprechen pflegen, und der Vorstellungsart, den Empfindungen und Gefühlen derer, die empfangen, die in ihren Herzen, in ihrer Seele hinhorchen sollen auf dasjenige, was die Führer des Volkes zu sagen haben. Und Fichte nannte diejenigen Nationen in Bezug auf ihr geistiges Leben mehr oder weniger tote Nationen, in denen eine Schichte von gelehrter Bildung, eine Schichte von höherem Geistesleben eine solche Sprache und solches Gedankenleben führt, welche nicht einen lebendigen vollen Wiederhall unmittelbar finden in denjenigen, die da hören sollen auf die Stimmen der Führer, auf die Stimmen derjenigen, die etwas zu verkünden haben über die höchsten Fragen des Daseins, über die Rätsel und die Weltengeheimnisse, die verborgen sind in unserem Dasein.

Was dazumal der Philosoph und Redner sagte in Bezug auf eine Nation, das können wir auch auf andere Formen des geistigen Lebens anwenden, ja, wir sehen es in einer gewissen Weise immer mehr und mehr bestätigt in dem, was wir erleben auf dem Gebiete des religiösen Zusammenlebens zwischen denen, die da zuhören sollen, denen, die da Sehnsucht und Bedürfnis haben, etwas zu empfangen, und den Führern auf diesem Gebiete des geistigen Lebens, auf dem Gebiete des religiösen Lebens.

Wenn wir die letzten Jahrzehnte, vielleicht das ganze Jahrhundert etwas genauer daraufhin betrachten, auf diese Tatsachen hin überschauen, so sehen wir, wie denjenigen Urkunden gegenüber, welche eigentlich seit Jahrtausenden die geistige Nahrung bildeten für weite, weite Kreise unserer Bevölkerung, wie gegenüber diesen religiösen Urkunden eine Gelehrsamkeit sich geltend macht, die nicht mehr unmittelbar verstanden wird von den weitesten Kreisen der Bevölkerung, von denen, die da gehört werden sollen. Wir sehen, wie diejenigen, welche in dieser Beziehung Gelehrte, Führer, Lehrer sind, Verschiedenes zu sagen haben über die religiösen Urkunden des Christentums und das, was damit zusammenhängt, Verschiedenes zu sagen haben, was eine tiefe Kluft gezogen hat zwischen dieser Gelehrsamkeit und den unmittelbaren religiösen Bedürfnissen weiter, weiter Volkskreise: Die beiden Schichten verstehen sich nicht mehr recht. Wenn man die Sache mit unbefangenen Blicken betrachtet, so merkt man das sehr, sehr bald.

Die Theologen und auch andere gelehrte Kreise, die sich wissenschaftlich oder populär mit der Bibel befassen, mit jener Urkunde, die für unser Volksleben die allerwichtigste ist, sie sind geführt worden durch ihre Forschungen zu einer Art und Weise der Auffassung dessen, was diese Urkunden sind, welchen Wert und Ursprung sie haben, und des Inhaltes derselben, zu einer Art und Weise der Auffassung, sodass das, was sie zu sagen haben, nicht mehr einen lebendigen Widerhall findet, nicht mehr das lebendige Leben entzünden kann bei denen, in den Herzen derer, die da zuhören sollen.

Wenn wir solche populäre Schriften über diese Dinge in die Hand nehmen, durch die wir uns unterrichten sollen, Bücher, die in tausend und abertausend Exemplaren hinausdringen in das Volk, wenn wir diese uns ansehen und uns fragen: Ist diese Gelehrsamkeit eine solche, dass das, was da von ihr gesprochen wird und durch tausend und abertausend Kanäle hinausdringt in das Volk, ist das so, dass es die tiefsten religiösen Bedürfnisse des Menschen befriedigen kann, dass der einfache Mensch, der vor allen Dingen in den religiösen Urkunden nach geistiger Nahrung sucht, nach etwas, was ihm die höchsten Fragen des Dasein, die Rätsel des Weltlebens löst, ist das, was hier geboten wird so, dass dieser Mensch das finden kann, was er sucht?

Wenn wir die Tatsachen, die uns da vorliegen, unbefangen betrachten, so müssen wir sagen: Wenig, wenig ist von wirklicher, wirklich tiefer religiöser Empfindung in unserer theologischen Gelehrsamkeit und wenig, wenig ist geeignet von dem, was an Ideen, an Forschungsresultaten über unsere religiösen Urkunden aus dieser Gelehrsamkeit herauskommt, an uns herantritt, wenig ist davon geeignet, hineinzudringen in das Herz, das Gemüt zu erheben und zu entfalten. Wir brauchen uns nur ein wenig umzusehen, und das wird sich bestätigen.

Sehen wir uns einmal, was sich seit 100 Jahren in dieser Richtung herausgebildet hat, sehen wir es uns einmal übersichtlich an: Die Zeit ist vorüber, in welcher das Alte und das Neue Testament galten als Bücher, in denen wirklich und wahrhaftig einstmals gottbegeisterte Persönlichkeiten unter höherer Eingebung die Rätselfragen des Daseins, so wie man sie gelöst braucht für das religiöse Gemüt, gelöst haben. Lange, lange Jahrhunderte hindurch waren sie da, diese Zeiten, wo die weitesten Kreise der Bevölkerung so hinhorchten auf die Worte der Heiligen Schrift, als wenn hier die höchsten Wahrheiten verkündet würden, dann, wenn sie das empfingen - zwar ja nicht direkt, sondern indirekt durch den Mund der Priester und Weisen, was die religiösen Urkunden bieten, dass sie dann hinhorchten so, als ob sie überzeugt wären, dass ihnen dann, wenn ihnen der Inhalt verkündet wurde, die höchsten Wahrheiten über die unserem alltäglichen sinnlichen Leben zugrunde liegenden geistig-göttlichen Wirklichkeiten gegeben werden. Eine Zeit war das, wo die Menschen überzeugt waren, dass die Bibel kein gewöhnliches Buch ist, sondern ausgegangen ist von jener Wesenheit selbst, die auch alle die Erscheinungen, die uns umgeben, hervorgebracht hat. Von der Bibel sprach man als von einem inspirierten Buche, und man empfand es so als ein Buch, dessen Worte heraustönten aus geistigen Welten selber, dessen Worte daher verkündeten die ewigen Weisheiten, die die Menschheit braucht auf ihrem Pfade der Entwicklung im Verlauf der Weltevolution. Man wagte nicht in diesen alten Zeiten, daran zu denken, irgendwie Kritik anzulegen an dieses Buch. Das eben ist ein Ergebnis einer Arbeit, welche die Forscher seit 100 Jahren geleistet haben, dass der Inhalt dieses Buches gestellt worden ist unter den Gesichtspunkt der Kritik. Man hat nicht mehr jene Scheu sich bewahrt, dieses Buch hinzunehmen wie es geboten ist, man hat sich gefragt: Stimmen die einzelnen Teile miteinander überein, stehen sie nicht in Widerspruch mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen anderer Forschungsgebiete? Sind sie so, dass man daran denken könne, es sei von Anfang bis zu Ende ein inspiriertes Buch? Die Antwort auf diese Fragen gibt den Grund für eine kritische Arbeit, die seit 100 Jahren geleistet worden ist von der Wissenschaft unserer Zeit. Und was ist dabei zutage getreten? Es ist nicht notwendig für unseren Zweck — der darinnen liegt, dass wir heute das Verhältnis der eigentlichen Weisheit zur Bibel betrachten wollen —, dass wir über die Bibelkritik sprechen; nur über den Geist dieser Bibelkritik wollen wir ein paar Worte in dieser Einleitung geben.

Man hat zum Beispiel — ich kann nur kurz und summarisch berühren, auf was es da ankommt —, man hat da zum Beispiel gesehen, dass in den ersten Teilen des Alten Testamentes sich eine Eigentümlichkeit findet: zwei Arten, in denen die göttliche Urwesenheit der Welt benannt wird. Das hat man bemerkt, dass die göttliche Urwesenheit in gewissen Partien als Jahve bezeichnet wird, in andern Partien in einer Art von Plural, Mehrzahl: die Elohim.

Und noch eine andere Beobachtung hat man gemacht, die auf irgendetwas hinzudeuten schien: dass gleich im Anfang des Alten Testamentes, wie man glaubt, eine Tatsache: die Schöpfung des Menschen, zweimal erzählt wird. Die Schöpfung wird erzählt im Siebentagewerk, und dabei wird erzählt, wie zuletzt am sechsten Tage der Mensch, als die Krone der Schöpfung, wie es heißt, «männlich-weiblich» (1 Mos 1,27) entstanden sei. Merkwürdigerweise, sagt man nun, wird noch einmal diese Schöpfung des Menschen, und zwar des männlichweiblichen Menschen erzählt! Nun wird die Sache zwar so hingestellt, als ob der Mensch schon dagewesen wäre, wie wenn noch nicht um ihn herum Tiere geschaffen wären, kurz: Die kritische Forschung sagt, es wird eben dieselbe Tatsache ein zweites Mal erzählt.

Man fand ferner viele Stellen in den nach Moses benannten Schriften von denen man nicht glauben konnte, und auch Beweise dafür zu haben glaubte, dass sie im Sinne der alten Meinung von dem großen inspirierten Moses selbst herrührten, so zum Beispiel, wenn gesprochen wird über das Land Kanaan, sodass man sah: Es konnte in dieser alten Zeit, in der Moses lebte, nicht so gesprochen werden von diesem Land, sondern erst in einer späteren Zeit. Dann untersuchte man den Stil, in dem da gesprochen wird und fand, dass die einzelnen Teile in der Ausdrucksweise einen großen Unterschied zeigen; man fand sie einmal mehr volkstümlich, das andere Mal mehr priesterhaft gelehrt.

Vieles, vieles müsste ich Ihnen noch erzählen, um Ihnen genau den Geist und Sinn dieser Bibelforschung auseinanderzusetzen. Wir brauchen das nicht, wir müssen uns nur klarmachen, dass unter dem Eindrucke einer solchen kritischen Forschung die Gelehrten darauf kamen zu sagen: Ein einheitlicher Sinn, ein einheitlicher Verfasser kann diese so verschiedenen, zusammengestückelten Teile, die wir die einzelnen Bücher der Bibel nennen, nicht verfasst haben. So kam man dazu, sich zu sagen: Diese verschiedensten Teile sind zu den verschieden[st]en Zeiten entstanden, haben sich auf die verschiedenste Weise unter dem Volke gebildet und sind dann gesammelt worden. Namentlich unterschied man zwei Teile: einen ersten Teil und einen zweiten, davon deutlich verschiedenen Teil. Jeder dieser Teile sollte seinen besonderen Aufschreiber haben. Den Ersteren, den nannte man den Jahvisten. Und man schrieb diesem Jahvisten alles das zu, was mehr ursprünglichere, von volkstümlicher Kraft durchtränkte Partien schienen. So schrieb man dieser Quelle alles das zu, was in dem Stile ist wie die Paradieseserzählung, wo Adam in das Paradies hineingeführt wird und aus seinem eigenen Stoffe heraus die Eva geschaffen wird.

Alles das schrieb man einer Quelle zu. Dagegen alles dasjenige, was einem mehr wie eine Spekulation vorkam, das schrieb man einer andern Quelle zu. Man nannte diese Quelle das sogenannte Priesterbuch, das soll allein die mehr gelehrtenhaften, priesterhaften Teile enthalten, die einen mehr spekulativen Charakter trugen, wie das Sechs- oder Siebentagewerk. So ist man nach und nach dazu gekommen, dass man diese Stiluntersuchungen, Quelluntersuchungen bis auf einzelne kleinste Teile, ja, man möchte sagen, Fetzen ausgedehnt hat und auf die verschiedenen Ursprünge zurückgeführt hat.

Ja, es gibt heute Bibelübersetzungen, die sogenannten Regenbogenbibeln, in denen die einzelnen Teile, die aus verschiedenen Quellen herstammen sollen, mit verschiedenen Farben gedruckt sind. Oft sieht man hier in einer solchen Bibel sogar mitten in einer Zeile, mitten im Satze zum Beispiel, die Farbe unterbrochen und eine andere Farbe auftreten, das heißt also, dass dieser Satz als von verschiedenen Quellen herrührend betrachtet wird. Die Teile, die vorzugsweise dem Jahvisten zugeschrieben werden, sollen nun zu Davids Zeiten, die andern nach dem babylonischen Exil entstanden sein. So erschien allmählich das Alte Testament als eine Sammlung, als etwas, das zusammengetragen ist im Laufe langer Zeit, und bei der Art, wie man sich das vorstellt, ging so notwendigerweise das verloren, was in der alten Größe und Bedeutung als religiöse Empfindung sich angliederte an das, was man als Offenbarung durch Jahrhunderte, ja Jahrtausende hindurch in der Bibel gefunden hatte.

So betrachtet müssen wir sagen, dass die Stellung weitester Kreise zur Bibel sich mehr verändert hat, als man gegenwärtig gewöhnlich eigentlich sich zugestehen will.

Mehr als diejenigen, die noch eine tiefe religiöse Inbrunst haben, sich klarmachen, ist diese Kluft vorhanden zwischen denjenigen, die sagen sollen, was es mit der Bibel eigentlich für eine Bewandtnis hat, und denjenigen, die glauben sollen. Und derjenige, der unbefangen hineinzuschauen vermag in diese Verhältnisse, der unbefangen die geistigen Strömungen unserer Zeit überblickt, der sieht, dass eine Zeit nicht mehr fern ist, wo diese Kluft zwischen theologischer Gelehrsamkeit und warmem religiösen Volksempfinden nicht mehr überbrückbar sein wird, wenn es in dieser Art weitergeht, wenn nichts sich ändert.

Das religiöse Leben in der alten Weise ist bei diesen Verhältnissen nicht mehr möglich, und da kann man, wenn man nur nicht die Augen verschließen will, die Zeit voraussehen, wo die Bibelkritik — trotz aller Einwände derer, die diese Tatsachen verhüllen wollen -, wo diese Bibelkritik tötend wirken muss auf das religiöse Leben, die Kluft unüberbrückbar machen wird, wenn nicht eine andere geistige Strömung der Sache eine ganz andere Wendung, Richtung gibt, die einen solchen Wechsel hervorbringt. Diese geistige Strömung kann nur eine Strömung sein, wie sie sich heute seit einigen Jahrzehnten als theosophische Weisheit bezeichnet.

Wir haben hier — in München — im Laufe dieses Winters über die mannigfaltigsten Gebiete gesprochen; heute und morgen wollen wir das Verhältnis dieser theosophischen Geistesrichtung zu der Auffassung dieser für unser Kulturleben so bedeutungsvollen religiösen Urkunde, der Bibel, betrachten.

Es ist eine ganz eigenartige Weise, in der sich diese theosophische Art der Weltbetrachtung zur Bibel stellen muss. Nicht irgendetwas, was herausfällt aus dem notwendigen geschichtlichen Gang unseres neuzeitlichen Geisteslebens, ist und darf unsere Auffassung von der Bibel sein, sondern etwas, was ganz im Programm unseres neuzeitlichen Geisteslebens liegt.

Theosophie will sein eine Erneuerung, eine Wiederherstellung einer unmittelbaren direkten Erkenntnis der geistigen Welten. Es ist die feste Überzeugung aller derjenigen, welche ihr Leben durchdrungen haben von dieser theosophischen Geistesrichtung, dass hinter der Welt, die unsere Sinne sehen, eine geistige Welt steht, eine Welt geistiger Wesenheiten. Es ist weiter die feste Überzeugung dieser selben Geistesrichtung, dass diese geistige Welt nicht etwas für die Menschen Unzugängliches und Unerforschbares ist, sondern etwas, was der Mensch erforschen, was der Mensch erkennen kann. Gerade unter dem Einfluss der materialistischen Geistesrichtung der letzten Zeit ist in unser Erkenntnisstreben etwas hineingekommen wie Kleinmut, wie Hoffnungslosigkeit: Man hat niemals in der Weltentwicklung so viel gesprochen von Grenzen des Erkennens wie eigentlich in unserer Zeit, wenn geredet wird von dem eigentlichen Warum des Daseins, von den eigentlich schaffenden und wirkenden Wesenheiten, die hinter der Sinneswelt stehen. Da sagt heute der Mensch leicht: Dafür reichen unsere Erkenntniskräfte nicht aus, das können wir nicht erforschen.

Unsere Geistesrichtung aber, Geisteswissenschaft, sagt: Wir glauben ganz ehrlich und mit allen Konsequenzen an Entwicklung; nicht nur alles Übrige in der Welt, sondern auch der Mensch entwickelt sich, und so, wie er heute vor uns steht, ist seine Entwicklung nicht abgeschlossen, er kann in jedem Augenblick diese Entwicklung, besonders aber die geistige Entwicklung, fortsetzen. In ihm schlummern Kräfte, die hervorgeholt werden können aus seiner Seele, um dann zu höherem Erkennen tätig zu werden.

Denjenigen, die von Grenzen des Erkennens sprechen, sagt die Geisteswissenschaft: Gewiss, ihr habt recht, ganz recht, wenn ihr sagt, mit denjenigen Erkenntniskräften, von denen ihr redet, sei nicht der Urgrund des Daseins zu erforschen - wenn ihr nur von diesen Kräften sprecht, so habt ihr vollständig recht; aber wir, wir sprechen auf geisteswissenschaftlichem Gebiet nicht von diesen Kräften, sondern von Kräften, die der Mensch zwar nicht von vornherein hat, die aber jeder, jeder haben kann, wenn er sie sich nicht selbst verschließt dadurch, dass er sagt: Ich will nicht weiter. Der Mensch lebt in dieser Welt, die mit Farbe und Ton ihn umgibt. Durch seine Sinne und mit seinem auf die Sinneswelt beschränkten Verstand erlangt er darin Erkenntnisse. Ebenso umgeben ihn auch die höheren Welten: Für sie aber hat er noch keine Organe in sich zur Tätigkeit gebracht; er lebt in diesen höheren Welten wie der Blinde in der physischen Welt der Farben und des Lichtes. Aber der Mensch kann auch in dieser höheren Welt leben als ein Sehender.

So wie der Blindgeborene, wenn er operiert wird, eintritt in eine Welt, die ihm vorher unbekannt war, während sie doch immer um ihn gewesen ist, so tritt derjenige, dem das geistige Auge geöffnet, dem die geistigen Sinne erschlossen werden, hinein in eine neue Welt, die ihn auch vorher schon umgeben hat, die er nur nicht wahrnehmen konnte, weil er die Organe dafür noch nicht sich geöffnet hat. Nur derjenige, der nicht logisch denken will, der kann die Möglichkeit einer solchen höheren Welt bestreiten. Zu entscheiden, wie es darin aussieht in dieser Welt, dazu ist nur derjenige berufen, der selbst hineinschauen kann.

Nun, was stellt sich in Bezug auf die religiösen Urkunden für diese Geisteswissenschaft heraus? Etwas, was für den, der wirklich auf die Sache eingeht, ein Quell ist immer neuer und neuer Befriedigung und Erhebung. Bevor wir das nun aber näher besprechen, wollen wir noch auf etwas anderes eingehen.

Es gibt vier Arten in unserer Zeit, sich zu den religiösen Urkunden zu verhalten. Diese vier Arten kann man erleben, wenn man als ein Mensch, der in unsere Zeit hineingeboren ist, alles aufsucht, was einem Befriedigung zu geben imstande zu sein scheint. Nehmen wir an, ein Mensch werde geboren, durch Schule und Familie hineingeführt dann in ein mehr oder weniger naives religiöses Leben, sodass er zunächst die Vorstellungen der Bibel empfängt in naiver Weise, wie der naiv Gläubige sie eben empfängt. Er glaubt eine Zeit lang daran. Dann kommt für ihn vielleicht in unserer Gegenwart die Zeit, wo er — wie man sagt, wie viele Menschen sagen - gescheit wird, wo er ein «aufgeklärter» Mensch wird, da kommt er dann ab von seinem alten Kinderglauben!

Was ich jetzt sage, ist nicht Spott, sondern gemeint als ein wirklich tragisches Erlebnis vieler, vieler unserer Zeitgenossen. Sie kommen dazu, sich zu sagen: Betrachte ich die moderne Naturwissenschaft mit ihren unwiderleglichen Ergebnissen, die so vielem widersprechen von dem, was mir gelehrt wurde, und was ich gläubig hingenommen habe, so kann ich nicht anders, ich muss ihn aufgeben, meinen schönen Kinderglauben. -Tragisch wird es oft für solche Menschen, sich zu trennen von solchem Glauben; viele hängen mit ganzem Herzen an ihrem alten Glauben, doch ihr Wahrheitsgefühl der Naturwissenschaft gegenüber trennt sie davon. Sie werden dann «aufgeklärte Menschen», sie versuchen, zufrieden zu sein mit dem, was ihnen die rein äußere Naturwissenschaft zur Verfügung stellt. Das sind die «gescheiten Leute», unter denen oft manche mit einem gewissen Hochmut und auch etwas Spott heruntersehen auf die naiven Gläubigen.

Merkwürdigerweise hat sich nun innerhalb dieser Kreise, die sich so ganz von der Bibel losgesagt hatten, innerhalb der Freidenkerschaft selbst eine Gruppe herausgebildet, die darauf kam, dass diese religiösen Urkunden doch nicht bloß naiven Kinderglauben enthalten. Sie sagen sich: Zwar sind das nicht Tatsachen, was uns hier erzählt wird, aber es sind Sinnbilder, Symbole für Entwicklungsvorgänge — meinetwegen für die innere Entwicklung —, und da deutet nun der eine diese Dinge so, der andere auf eine andere Weise und so weiter. Gerade innerhalb der sogenannten Freidenkerschaft hat sich in der letzten Zeit eine Gruppe gebildet, die die sinnbildliche Auslegung der Bibel sich zur Aufgabe gemacht hat. Wenn man die Arbeit dieser Gruppe betrachtet, muss man sagen, dass man vieles Schöne, Geistvolle geliefert findet von ihr, sie haben über manche Mythe und Legende in ausgezeichneter Weise gedacht. Aber hier herrscht die ärgste Willkür. Alles ist abhängig von der Geistesbeschaffenheit des Auslegers. Der eine denkt mehr, der andere weniger hinein in die Dinge, die er erklären will. Was ein jeder weiß und einzusehen vermag, das ist eben verschieden. Zu diesen Standpunkten kommen manche; manche können sich aber auch den Weg abkürzen, indem sie das eine oder andere davon auslassen.

Endlich, nach dem Durchgang durch solche Vorstufen, kommen manche dahin, wirklich mithilfe der Geisteswissenschaft in die religiösen Urkunden einzudringen, und da merken sie etwas Eigentümliches. Da merken sie immer mehr, dass das, was in der Bibel steht, wiederum wörtlich, wahrhaft wörtlich zu nehmen ist. Wie ein neues Licht, wie eine Offenbarung geht es ihnen auf, und auf einer höheren Stufe kommen sie wiederum zurück, den Wert und die Bedeutung dieser religiösen Urkunden zu erkennen. Das ist ein Erlebnis, das gewiss viele gerade durch die Theosophie durchgemacht haben. Ausgegangen von einem ernsten Erkenntnisstreben, sind sie dazu gekommen, alles, alles über Bord zu werfen, über die einzelnen Zwischenstufen hinweg, geführt von diesem Wahrheitsstreben, sind sie nach kürzerer oder längerer Zeit zur Theosophie gekommen, und durch sie sind die religiösen Urkunden ihnen wieder wert geworden, und was diese ihnen einstmals gegeben haben, das haben sie wieder zurückgewonnen! Je tiefer man eindringt in den Sinn dieses wunderbaren Buches, desto mehr erkennt man, dass alles, alles sich so verhält, wie es uns dort erzählt wird, und dass gerade die Stellen, die vielleicht unseren Unglauben, unsere Kritik und unseren Spott am meisten herausgefordert haben, die tiefsten geistigen Wahrheiten uns offenbaren können.

Auch von einer andern Seite her soll Ihnen noch charakterisiert werden die Stellung der Geisteswissenschaft zur Bibel und andern religiösen Urkunden. Scehen Sie, dasjenige, was die Theosophie sein kann gegenüber der Bibel, das hat sich auf einem andern Gebiete des Geisteslebens längst vollzogen, auf dem Gebiete der Naturwissenschaften, um deren Stellung gegenüber einer anderen großen Urkunde festzulegen. Was sich seit Kopernikus und Galilei für die äußere Naturerkenntnis vollzogen hat, das vollzieht sich in neuerer Zeit für das religiöse Erkennen und in Bezug auf die religiösen Urkunden durch die Geisteswissenschaft, durch die Theosophie.

Ich möchte Ihnen eine Tatsache erzählen, die Ihnen das deutlicher machen wird: Das ganze Mittelalter hindurch galt auf allen Schulen in Bezug auf die äußere Naturerkenntnis als unumstößliche Tatsache das, was Aristoteles geleistet hatte; er war für seine Zeit ein bedeutender Naturforscher und Sammler naturwissenschaftlicher Erkenntnisse gewesen. Auch wirklich erstaunlich ist es, was er zusammengetragen hat an Erkenntnissen über die Natur in seinen Schriften. Das war da, das hatte man als Bücher, und diese waren jener Zeit dogmatische Urkunden über die Natur. Das ganze Mittelalter hindurch lehrte man nach diesen Büchern; was er über Sterne, Pflanzen, Tiere und Menschen gesagt hatte, was sie enthielten als eine neue Offenbarung, das galt als das eigentlich Maßgebende. Dann kamen Galilei, Kopernikus, Kepler und ihr großer Anführer Giordano Bruno; eine ganz neue Stellung gegenüber der Naturerkenntnis griff Platz. Diese Leute richteten den Blick auf die Natur selbst; sie fragten nicht mehr: Was hat Aristoteles gesagt über dieses oder jenes Organ des Menschen vielleicht — sondern sie prüften selbst alles, sie sahen mit ihren Instrumenten und Methoden die Naturobjekte selbst an; mit eigenen Augen wollten sie sehen, und das galt ihnen nur als das für sie Maßgebende, was sie selbst gefunden hatten, und nicht mehr das, was Aristoteles gesagt hatte.

Mit wie großen Schwierigkeiten sie da aber dem alten Aristoteles-Glauben gegenüber zu kämpfen hatten, wie fest dieser gewurzelt war, möge eine kleine Erzählung zeigen. Galilei hatte durch eingehende Studien am menschlichen Körper verschiedenes gefunden, was sich mit Aristoteles nicht in Einklang bringen ließ. Interessant ist es nun, was ein alter Aristoteliker, ein Freund Galileis, in dieser Beziehung diesem einmal gesagt hat. Er wurde eingeladen von Galilei und geführt von ihm an einen Menschenorganismus, und ihm gezeigt, dass eine Behauptung des Aristoteles sich als unrichtig herausstellte, wenn man die Sache selbst am menschlichen Leibe beobachtete. Galilei wollte seinem Freunde klarlegen, dass die wahre Quelle der Wissenschaft über die Natur die unmittelbare Erkenntnis der Natur selbst sei. Dieser Freund nun, er schaute sich an, was Galilei ihm zeigte, und musste wohl oder übel zugeben, dass Galilei augenscheinlich recht habe, aber er schwor weiter auf die Behauptung des Aristoteles, wie nur irgendein orthodoxer Theologe heute auf die Bibel schwören kann: Es ist wahr, sagte er, die Tatsachen sind hier so, aber Aristoteles sagte das anders, und ich glaube Aristoteles mehr als meinen Augen. So stark wirkt die Tradition, so stark wirken Vorurteile auf den Menschen.

Aber heute sehen wir etwas anderes, und wir müssen sagen: So ändern sich die Zeiten; an die Stelle jener Vorurteile ist eine andere Tatsache getreten. Wir sind heute durchdrungen von der Gesinnung, unmittelbar an die Natur selbst herantreten zu müssen, wenn wir zu einer richtigen Erkenntnis kommen wollen. Wir sind uns klar darüber, dass nicht alte Überlieferungen für uns maßgebend sein können, sondern unsere aufgrund eigener Anschauungen gewonnenen Urteile und Erkenntnisse. Zugleich aber lernen wir durch die Naturwissenschaft mehr und mehr erkennen, dass die Leute damals den Aristoteles noch gar nicht begriffen, sondern ihn vielmehr ganz falsch verstanden hatten. Heute sind wir so weit, machen wir die erstaunliche Erfahrung, zu erkennen, dass Aristoteles doch das Richtige meinte, wenn wir ihn nur richtig verstehen. So ist uns dadurch, dass wir den Durchgang gewonnen haben durch die unmittelbare Erkenntnis der Tatsachen der Natur, erst die Möglichkeit geworden, die Überlieferung wiederum in ihrem wahren Werte, in ihrer wahren Bedeutung zu erkennen.

Da, wo damals die Naturwissenschaft stand, steht heute die Geisteswissenschaft der Bibel gegenüber. Durch diejenige Strömung, die die Geisteswissenschaft heute den Menschen bringt, stellt sich der Mensch der geistigen Welt gegenüber so, wie sich damals zu Galileis Zeit der sinnliche Mensch der äußeren, realen Natur gegenübergestellt hat. Wie es seit jener Zeit Forscher gibt, die mit ihren Methoden und Instrumenten direkt an die sinnlichen Tatsachen der Natur herangehen, so wird es immer mehr und mehr Forscher geben, die direkt hineinschauen in die geistigen Welten und das unmittelbar erkennen, was in der Bibel erzählt wird. Seit einer langen Zeit bereitet sich das vor. Für die Naturwissenschaft ist es erreicht, für die Geisteswissenschaft muss es erreicht werden.

Die Deutschen haben eine Sage, die in ihrer Bedeutung darauf hindeuten will: Die Faust-Sage. Faust — von ihm heißt es, er hat eine Zeit lang die Bibel hinter die Bank gelegt, er will kein Theolog mehr sein, sondern ein Weltmensch und Mediziner, weil er die Bibel eine Zeit lang hinter die Bank gelegt. Er wollte herantreten an die Geheimnisse der Natur in unmittelbarer Art, unmittelbare Weisheit wollte er erlangen.

So sucht die Geistesweisheit nicht in der Bibel nach dem Inhalte und den Erkenntnissen der geistigen Welt, sondern unabhängig von jeder Überlieferung sucht sie die Tatsachen-Inhalte der geistigen Welt zu erforschen und geht an die Urkunden heran mit dem, was sie schon hat, um die Urkunden in ihren Erkenntnissen zu prüfen. Soll ich Ihnen diese Stellung charakterisieren, so möchte ich es mit einem Beispiel tun. Das, was heute jeder Schulknabe lernt in der Geometrie, das ist einstmals schon von alten Forschern gefunden worden. Man nennt das, was heute der Schulknabe lernt, Euklid’sche Geometrie, nach jenem großen griechischen Forscher, dem wir das älteste Werk über diese Dinge verdanken. Ist nun jeder Schulknabe angewiesen darauf, das erste Werk des Euklid zur Hand zu nehmen, um darin zu lernen, was er zu lernen hat? Der Schulknabe weiß gar nichts davon, von diesen Urkunden; er lernt das aus sich, aus seiner eigenen Fähigkeit, das Richtige einzusehen, aus der eigenen Richtigkeit, Klarheit, Wahrheit der Sache selbst heraus, und erst viel später, wenn er die Geschichte studiert, dann zeigt sich ihm, dass schon in jenem Werke von Euklid das Richtige enthalten und also dort zu finden ist.

So wahr nun die Geometrie ist durch sich selbst, so wahr sind die Tatsachen der geistigen Welt durch sich selbst, und so wenig man nun die alten Urkunden braucht, um die Lehrsätze der Geometrie heute zu erforschen, so wenig braucht man alte Urkunden, um die Wahrheiten der geistigen Welt zu erkennen. Das soll eben der direkte Weg sein, der unmittelbare Weg in die geistige Welt, der gezeigt wird durch die moderne Geisteswissenschaft. Hier ist die Bibel die geschichtliche Urkunde, die wie der «Euklid» nicht zum Verständnis nötig ist, wohl aber das unabhängig Gefundene bestätigen kann. So sehen Sie, dass so unabhängig wie nur möglich die Geisteswissenschaft der Bibel gegenüber steht und darum auch berufen ist, sie zu erforschen und ihren wirklichen Wert zu erkennen. Fragen wir uns: Wer ist da eigentlich berufen, dies zu erkennen? Unser Beispiel kann uns auf die Antwort hinführen: Zu erkennen den Wert und die Bedeutung einer Urkunde über Geometrie kann nur der berufen sein, der tatsächlich Geometrie kennt! Ebenso müssen wir sagen: Der allein ist berufen, den Wert und die Bedeutung der Bibel zu beurteilen, zu erkennen, der das, was darin steht, aus der geistigen Welt selbst heraus zu erforschen vermag! So gibt es, wie Sie sehen, heute schon ein vollständig neues Verhältnis zu der Urkunde der Bibel durch die Geisteswissenschaft.

Nun, dieser Geisteswissenschaft gegenüber erscheinen nun die Dinge, die die «kritische Forschung» über die Bibel zutage gefördert hat, in einem eigentümlichen Lichte! Es erscheint als verhältnismäßig recht unbedeutend, recht nebensächlich und gleichgültig, wann die einzelnen Stücke, Teile dieser Urkunde geschrieben, entstanden sind, das interessiert uns nur als geschichtliche Tatsache. Den Wert des Buches selbst aber ermessen wir als das, was wir selbst als den Inhalt erkennen, an der Richtigkeit des Inhaltes.

Derjenige, der vom Standpunkte der Geisteswissenschaft aus diese Bibel studiert, den überkommt manchmal bei der Betrachtung moderner Bibelkritik das Gefühl —das ich selbst einmal hatte gegenüber der philologischen Gelehrsamkeit, den überkommt manchmal gegenüber dieser kritischen Philologie - denn die moderne Theologie ist ja auch nur Philologie — ein Gefühl, das ich Ihnen nun schildern will.

Es gibt, es ist nur scheinbar weit hergeholt, es gibt einen sehr schönen, von mir schon öfter erwähnten Prosa-Hymnus an die Natur von Goethe. Goethe hat darin in seiner damaligen begeisterten Art seine religiöse Überzeugung ausgesprochen:

Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen, unvermögend, aus ihr herauszutreten, und unvermögend, tiefer in sie hineinzukommen. Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arme entfallen. ... Die Menschen sind all in ihr, und sie in allen. ... Auch das Unnatürlichste ist Natur, auch die plumpeste Philisterei hat etwas von ihrem Genie. ... Man gehorcht ihren Gesetzen, auch wenn man ihnen widerstrebt; man wirkt mit ihr, auch wenn man gegen sie wirken will. ... Sie ist alles. Sie belohnt sich selbst [und bestraft sich selbst], erfreut und quält sich selbst. ... Sie hat mich hereingestellt, sie wird mich auch herausführen. Ich vertraue mich ihr. Sie mag mit mir schalten; sie wird ihr Werk nicht hassen. Ich sprach nicht von ihr; nein, was wahr ist und was falsch ist, alles hat sie gesprochen. Alles ist ihre Schuld, alles ist ihr Verdienst.

Und dann schließt er mit den Worten:

Ihre Krone ist die Liebe, ... und ein paar Züge aus dem Becher der Liebe hält sie für ein Leben voll Mühe schadlos.

Das ist ein Aufsatz, von vielen von Begeisterung durchtränkten Weisheitsperlen erfüllt. Goethe wurde einmal in seinen späteren Jahren gefragt, wann er diesen Aufsatz geschrieben habe. Als Antwort auf diese Frage finden Sie dann einen zweiten Aufsatz, in dem Goethe sagt, er könne sich gar nicht mehr erinnern, wann er diesen ersten Aufsatz geschrieben, und selbst nicht mehr, dass er ihn geschrieben habe, aber er stelle sich dar ganz als ein Ausdruck seiner damaligen Anschauungen, dass sehr wohl anzunehmen sei, er habe ihn geschrieben. Das, was Goethe da gesagt hat, das hat den gelehrten Goetheforschern viel zu denken und Veranlassung zu unglaublichen Forschungen gegeben; es gab eine Zeit, da haben die Goetheforscher lange, lange Untersuchungen darüber angestellt, ob nun dieser Aufsatz von Goethe selbst geschrieben wurde oder nicht.

Als ich nun vor Jahren berufen wurde an das Goethe-Archiv in Weimar, um die naturwissenschaftlichen Schriften Goethes neu herauszugeben, da wurde mir einmal übertragen, auch diese Frage zu prüfen, da bat man mich, auch besonders auf die Klarstellung dieser Streitfrage Rücksicht zu nehmen. Ich kam zu dem Resultate, es gelang mir nun, festzustellen, dass Goethe zu der Zeit, in der der genannte Hymnus entstanden ist, mit einem jüngeren Menschen oftmals spazieren ging, und dass er bei einem Spaziergang die Ilm entlang diesem jungen Menschen eines Tages diesen Aufsatz in jenen schönen Worten vorsprach. Dieser Mensch war ein gewisser Tobler, dieser hatte ein vorzügliches Gedächtnis und konnte aus dem Gedächtnis wörtlich diesem Aufsatz niederschreiben. So haben wir also in der Niederschrift von Tobler einen echten Goethe-Aufsatz.

Mit einer Art pedantischer philologischer Genauigkeit habe ich selbst damals nachgewiesen, dass jeder Satz von Goethe stammt, obwohl er von einem andern niedergeschrieben ist. Da traf ich dann kurz darnach einen der bekanntesten Goetheforscher [dessen Name ich begreiflicherweise nicht nenne]. Der sprach mich mit folgenden Worten an: [Sie haben sich da wirklich ein Verdienst erworben durch das, was Sie ans Licht gebracht haben, denn] nun wissen wir doch endlich, wer den Aufsatz geschrieben hat, dass ihn nicht Goethe, sondern Tobler geschrieben hat.

Das ist ein Erlebnis, das uns zeigen kann, wie die heutige Bibelkritik zu nehmen ist. Es kam diesen Herrn gar nicht darauf an, wo die geistige Quelle war, sondern nur darauf, festzustellen, wer die Feder in die Tinte getaucht hat und mit dieser über das Papier gefahren ist.

Es nimmt sich fast grotesk aus, aber im Grunde genommen steht die Bibelkritik von heute auf demselben Standpunkte. Es kommt ihr nicht darauf an, wo die geistigen Quellen für das sind, was da erzählt wird, sondern darauf, mit minutiöser Genauigkeit zu zeigen — im übertragenen Sinne —, wer zuletzt die Feder ins Tintenfass gesteckt hat, und das möchten diese Menschen genau leisten: mit den Farben abgrenzen, was aus der einen und was aus der andern Feder geflossen ist. Nicht die geringste Kritik soll hiermit an dieser Kritik geübt werden. Der Gelehrte hatte ja damals auch recht: Tobler hatte jene Feder in die Tinte getaucht und den Aufsatz geschrieben. Es soll deshalb nicht im Mindesten an dem Wert dieser Forschung gerüttelt werden. Darauf kommt es nicht an. Voll anerkannt soll werden der wahre und der unendliche Fleiß, der da entfaltet wird, denn der das kennt, der weiß, welcher Fleiß, welcher erstaunliche Fleiß darauf angewendet wird, diese Fragen zu beantworten. Wahr, wahr ist es alles vielleicht, was diese Wissenschaft findet, aber die Frage ist nur diese: Ist das fruchtbar für das innere Leben der Menschen, ist es von Wert für diejenigen, die aus tiefstem Innern heraus eine Antwort auf die großen Fragen des Daseins erhoffen? Noch auf eines muss zum besseren Verständnis dieser Vorträge jetzt hingewiesen werden. Das Wort Inspiration, das hat eine große Rolle gespielt, wenn man früher von der Auffassung der Bibel gesprochen hat: Man hat gesagt, dieses in der Bibel Stehende ist aus der Inspiration entstanden. In sie — die Bibel — floss die Weisheit aus denselben geistigen Quellen, die mit dem Schaffen und Produzieren in der Welt selbst zu tun haben. Nach und nach kam das materialistische Zeitalter; dieses konnte an eine solche Inspiration nicht glauben. In dem Augenblick, in dem die Menschheit aufhörte, an die geistigen Welten selbst zu glauben, musste dieser Begriff fallen. Die Geisteswissenschaft nun kennt diesen Begriff, und sie führt ihn auf seinen wahren Inhalt, seine wahre Bedeutung zurück.

Die Geisteswissenschaft erkennt zunächst eine Welt, eine physische Welt, die Welt unserer Sinne, die wir mit Augen wahrnehmen, mit unseren Händen greifen können, die wir hören, wenn wir das Ohr auf irgendetwas Tönendes richten. Diese ganze Welt der Sinne und des Verstandes, der diese Welt begreift, diese Welt ist für den materialistischen Sinn die einzig Wirkliche. Die geistige Welt ist nun eine zweite Welt für denjenigen, der mit unbefangenen Sinnen durch die Geisteswissenschaft in sie eindringen will. Wie gesagt, zeigt die Geistesweisheit, dass es Fähigkeiten gibt, die zwar im Menschen heute meist schlummern, die man aber zum Erwachen bringen kann und die dann den Menschen wirklich erfahren lassen die geistigen Welten. Im Organismus des Menschen hat sich das Auge nach und nach erst entwickelt; mit der Entwicklung des Auges durchdrang ihn erst die umgebende Finsternis, das Licht und die Farbe. Mit der Bildung des Ohres erklang ihm die Welt der Töne. Mit der Entwicklung des Gehirnes wurde der Mensch fähig, die Sinneswelt in seinem Geiste wieder zu entwickeln und zu erschaffen, sie geistig zu begreifen.

Wie das Auge einstmals schlummerte im menschlichen Organismus, so schlummern andere geistige Organe im Geiste des Menschen, im Innern des Menschen. Diese Organe, sie können herausgerufen werden — durch gewisse Methoden, welche die Geisteswissenschaft dem Menschen darbietet — aus der Seele und dem Geiste, und dann ist in derselben Welt, die uns umgibt, eine zweite und dritte Welt. Die zweite Welt will ich Ihnen zuerst in ein paar Worten charakterisieren. Wenn der Mensch, dessen physische Sinne bloß aufgeschlossen sind, irgendeinen Gegenstand betrachtet, dann sieht er dieses Ding mit bestimmter Farbe. Die Oberfläche dieses Wesens ist mit einer gewissen Farbe behaftet. Er kann dann hören, was als Ton aus der Seele dieses Wesens dringt, und so weiter, aber innerhalb der Grenzen der Haut dieses Wesens ist noch etwas anderes, aber ebenso wahr und ebenso wirklich wie das, was er sinnlich wahrnehmen kann: Innerhalb dieses Wesens ist eine Summe von Schmerz und Freude, Trieben, Begierden und Leidenschaften. Unmöglich können Sie in diese zweite Welt sinnlich eindringen.

Es gibt aber eine Möglichkeit, das geistige Auge zu erschließen, dann bleibt Ihnen diese innere seelische Welt des andern Wesens nicht verborgen, dann tritt sie vor Ihnen auf, wie diese äußeren Farben und Töne für die Sinne auftreten. Man kann so viel wahrnehmen von der Welt, als man Sinne hat zur Wahrnehmung. Eine gewisse Summe von Wirklichkeiten erkennen wir nur, wenn wir für sie Sinne haben. Was kann es nicht alles geben, das einem Menschen nur entgegentreten würde, wenn er mehr Sinne, mehr Fähigkeiten, aufzufassen, hätte. So können wir es erleben durch das, was man die Einweihung nennt, dass der Sinn uns aufgeschlossen ist, nicht nur für das, was uns die äußeren Sinne von der äußeren Welt sagen, sondern auch für das, was im Innern eines Wesens seelisch vorgeht. Es ist die Möglichkeit vorhanden, dass wir die Lust und das Leid eines Wesens wahrnehmen mit dem aufgeschlossenen Sinn des Sehers. Eine gewisse Farbenempfindung steigt auf vor dem geistigen Auge des Sehers, wenn ein Mensch mit irgendeinem inneren Erlebnis vor ihm steht, und jedes Mal bei demselben Erlebnis tritt ihm dieselbe innere Farbe entgegen.

Bei Sympathie zum Beispiel merken wir mit sehendem Auge, wie diese Sympathie sich in eine gewisse Farbe und Form kleidet; die Antipathie und der Schmerz treten uns in einer solchen Bilderwelt auf, in andern Farben und Formen. Diese Welt des zweiten Sehens gibt es; diese Welt kann entwickelt werden, man kannte sie immer in der Geisteswissenschaft. Man nennt diese Welt die imaginative Welt, und die Fähigkeit, so zu sehen, nennt man Imagination. Derjenige, der diese Fähigkeiten hat, der tritt einem fremden Wesen gegenüber in seinem Innern mit der Empfindung seiner Lust und seines Leides. Er nimmt im Bilde dieses seelische Leben des andern Wesens wahr; er ist umgeben zu gleicher Zeit von den Imaginationen des Innern, des inneren Lebens dieser Wesenheit. Diese Welt, der alles dieses angehört, nennt man auch die astralische Welt. Sobald das Auge geöffnet ist für diese Welt, nimmt man nun aber nicht nur dasjenige wahr, was in sinnlichen Wesen an seelischen Erlebnissen wirklich ist, sondern man macht die Entdeckung, dass es außerdem noch seelische Wesenheiten in unserer Umgebung gibt, die keinen sinnlichen Ausdruck haben. Es gibt solche Wesen. Jeder, der die Geisteswissenschaft kennt, wie der Chemiker die Chemie kennt, der kennt diese Welt der Imagination, denn wenn er sich weiterentwickelt, wenn er diejenigen Methoden, die die Geisteswissenschaft angibt, in der richtigen Weise anwendet, dann kommt er in diese Welt von flutenden Farben, und wenn er nun noch weiter schreitet auf dem Wege der inneren Entwicklung, dann tritt dasjenige, was man nennen könnte Hellhören - im Gegensatz zum Hellsehen — an ihn heran und gibt ihm nun Kenntnis von der wirklich nun so genannten geistigen oder auch himmlischen Welt.

Diese weitere Welt bezeichnet man auch mit dem Ausdruck, der in der theosophischen Literatur gebräuchlich ist, als die devachanische Welt; die alte Pythagoräische Schule hat diese Welt die Welt der Sphärenharmonie genannt: Man hört die Töne der Sphärenharmonie, wenn man sich hinaufentwickelt bis in diese Region hinein.

So sind wir denn umgeben von drei Welten; von der sinnlichen Welt, die wir mit unseren äußeren Sinnen wahrnehmen, von der astralischen Welt, in der uns entgegentreten - wenn wir in sie eindringen — die Bilder seelischer Wesenheiten. Diese Imaginationen sind der Ausdruck von einer viel wahreren und wirklicheren Welt als die Sinneswelt es ist. Dann, wenn wir noch weiter vordringen, zum Hellhören, dann treten wir in die Welt der Inspiration. Diese Welten, die kennt die Geisteswissenschaft seit den ältesten Zeiten, und sie sollen durch die theosophische Bewegung der neueren Kultur der heutigen Menschheit wiederum zugänglich gemacht werden. Die Erkenntnis dieser geistigen Welt des Devachan, in der Form des Hellhörens, das nannte man Inspiration zu allen Zeiten.

Noch eine weitere Stufe kann der Mensch erreichen, wo er noch in eine weitere Welt hineinschaut, die Welt der Intuition. Diese tritt dann für den Menschen ein, wenn er nicht nur dasjenige an den Geisteswesenheiten sieht, was sie an ihrer Oberfläche als astralisch erkennbar haben, wenn er nicht nur hört, was aus ihrer Seele sich drängt als Ton, nur dann, wenn er eins werden kann mit der ganzen Welt. Dadurch ist dies charakterisiert in einem technischen Sinne: Im gewöhnlichen Leben stehen wir außerhalb eines Dinges — man steht außerhalb einer Pflanze, eines Minerals, das man erforschen will, Wenn Sie aber auf dieser Stufe des Erkennens angelangt sind, dann fließt Ihr eigenes Wesen in den fremden Gegenstand hinein und Sie sprechen mit Ihrer Seele aus dem Gegenstand selbst heraus. Da gibt es kein Ding an sich, außerhalb Ihnen, da sind Sie in allen Wesen, da sind Sie eins geworden mit der ganzen Umwelt; da sprechen die Dinge selbst zu uns.

Durch die Inspiration drücken die Dinge unserer Umgebung in der Sphärenharmonie ihr Wesen aus. In den Bildern der Imagination spiegeln sie uns in Farben und Form ihre seelischen Außenseiten. Der Geistesforscher weiß, dass es solche drei Welten außerhalb unserer physischen Welt gibt, dass es dort Wesen gibt, in diesen Welten, die sich unserer physischen Sinnenwelt entziehen, dass in diesen höheren Welten die schaffenden Wesenheiten unserer Sinneswelt enthalten sind.

Was Mineralien, was Tier und Pflanze geschaffen hat, das ist in diesen Welten enthalten, und was im Menschen als wirkliche höhere Wesenheit enthalten ist, das ist Bürger auch in dieser höheren Welt, die nur in Imaginationen erschaut werden kann. Nicht nur in der Sinneswelt eingeschlossen ist der Mensch, nein, er ist etwas, was in der imaginativen Welt seine Heimat hat, und was nur durch Imagination richtig erkannt werden kann; und in uns allen lebt ein innerstes Wesen — in uns selbst —, das nur dann aber, wenn wir imstande sind, aus uns selbst herauszutreten, sodass es uns scheinbar in andern entgegentritt, in seiner wirklichen Gestalt erkannt werden kann, das heißt, nur intuitiv, in der Intuition erkannt werden kann. Und soll der Menschheit Kunde werden von denjenigen Wesenheiten, die als die schaffenden Ursprungswesenheiten zugrunde liegen unserer sinnlichen Tatsachenwelt, dann müssen die Menschen aus ihrer höher entwickelten Wahrnehmung heraus, aus ihrer Imagination, Intuition heraus die Kunde bringen.

Wenn heute der Mensch selbst eindringt in die geistige Wahrheit, wenn so der Geistesforscher eindringt in die geistigen Gebiete, dann kann er aus seiner eigenen Erfahrung heraus das verkünden, was einstmals die Führer der Menschheit in die religiösen Urkunden hineingelegt haben, was sie der Menschheit gegeben haben als Wegweiser zu einer Höherentwicklung. In ururalten Zeiten gab es eine Art dämmerhaften Hellsehens. Dieses verschwand allmählich, und unser gegenwärtiges «wissenschaftliches», kritisches Tatsachenbewusstsein trat an seine Stelle. Dieses wird dadurch überwunden werden, dass zu diesem tagwachen Gegenstandsbewusstsein die höhere geisteswissenschaftliche Erkenntnis wiederum hinzutreten muss.

Für gewisse Zwischenstufen musste der Sinn für die geisteswissenschaftlichen Grundlagen des Wissens von den höheren Welten verloren gehen. Man wusste in älteren spirituellen Zeiten jedoch allgemein, dass jene Menschen Inspirierte waren, die sich zur Inspiration emporgerungen hatten, dass sie wirklich ihre eigenen Erlebnisse in den religiösen Urkunden niedergelegt haben.

Es wird immer mehr und mehr solche Menschen geben, die mehr und mehr das unmittelbar erkennen können — unabhängig von diesen Urkunden —, was wahr ist an diesen Urkunden. Man wird den Inspirationsbegriff erst wieder entdecken; dann wird die Zeit kommen, wo ein neues Verhältnis wiederum da sein wird zwischen Weisheit und Bibel. Alles, was man wissen kann über göttlich-geistige Dinge, ist direkt mit den Methoden der Geisteswissenschaft erforschbar, alles, was jemals eine religiöse Urkunde gebracht hat. Dann erkennt der Mensch die Wahrheit dieser Urkunden wieder; wenn er selbst hineinschauen kann in diese Welten, dann erfährt er wiederum, dass diese Dinge alle wahr sind, dass in der Tat ein guter Grund vorhanden war, warum eine Zeit hindurch die Menschen naiv glauben konnten an all das, was in solchen heiligen Büchern berichtet ist. Dass dieses Bewusstsein wieder gewonnen werden kann, das wird hinweisen auf eine Zeit, wo die Menschen gerade dadurch, dass sie selbst etwas wissen werden von dem, was als Geist aller Materie zugrunde liegt, wo sie gerade dadurch wieder dahin kommen werden, zu erkennen, dass wahr sind diejenigen Urkunden, mit denen die Kritik nichts anzufangen weiß, diejenigen Urkunden, die diese Kritik in den Augen vieler Menschen heute entwertet hat. Die Bibel in ihrem Werte wieder zu erkennen als ein Buch, das aus Inspiration hervorgegangen ist, das wird mit ein Erfolg der theosophischen Bewegung sein; weil man wiederum erkennen wird, was Inspiration, was inspirierte Erkenntnis ist. Man wird die Weisheit in der Bibel wiederum finden können, wenn man das unabhängig wird erkennen können, was in ihr geschildert und den Menschen gegeben werden soll.

Es wird wiederum Weise geben, welche aus ihren eigenen geistigen Erfahrungen heraus werden Kunde geben können von dem, wie die Urgründe des Daseins aussehen, wie die Rätselfragen des Daseins gelöst werden können. Und wenn es solche Weise geben wird, die aus ihrer direkten Erkenntnis heraus das werden sagen können, dann wird wiederum die Kluft überbrückt werden können zwischen denen, die Führer sein sollen in der religiösen Erkenntnis, und demjenigen, welcher hinaufblicken will, der einen Inhalt haben will für sein Dasein, der hinausgeht über die allerleerste Alltäglichkeit, der ein menschenwürdiges Dasein überhaupt wird leben wollen. Eine Verbindung zwischen den breitesten Schichten derjenigen, die zuhören wollen, und denen, die lehren sollen, wird wiederum möglich werden. Dann wird wiederum der Boden gelegt sein für ein gesundes Volksleben und für eine gesunde religiöse Entwicklung. Das hängt zusammen: Diese gesunde religiöse Entwicklung wird gesunde Volksentwicklung bedeuten.

So wird man wiederum lernen, tief in manches hineinsehen und dann erkennen, wie wörtlich wir wiederum manches nehmen können, was gar nicht mehr verstanden wurde, weil der Sinn für geistige Forschung verloren gegangen war. Wir werden sehen, dass es wahr ist: Es gibt ein naives Verhältnis zu jener großen religiösen Urkunde, von der Goethe sagte, dass es für unabsehbare Zeiten ein Grundbuch sein müsse für die religiöse Entwicklung der Menschheit.

Es hat eine gewisse Berechtigung, dieses Verhältnis des Zweifels, des Verwerfens in unserer Zeit, aber unrecht haben diese, die da sagen: Wahre Weisheit, Tatsachenerkenntnis muss unbedingt von dem hinwegführen, was in dieser Urkunde gegeben ist. Das ist ein schönes, großes Erlebnis, das der Geistesforscher hat, dass er sich sagen kann: So lange ich im Verhältnis des Zweifels und Verwerfens stand ihr gegenüber, lernte ich sie verstehen, da wurde sie mir wieder wert, da schaute ich wieder hinein in ungeheure Tiefen. Da kommt einmal der Standpunkt: Ja, vieles habe ich verstanden, aber noch viel, viel mehr muss ich erst noch verstehen lernen.

So findet man dann aber immer mehr und mehr, was man versteht, und man wundert sich, dass man manches kritisiert hat früher, das man eben nur noch gar nicht verstanden hat, dass es nun einem in ganz neuem Lichte erscheint. Dann kommt der Standpunkt, wo man bescheiden und demütig wird gegenüber einem solchen Buch, das nicht nur Menschenweisheit enthält, sondern weit über alles Menschliche hinausgeht. Dann sagt man wohl: Durch die Geisteswissenschaft habe ich einiges verstehen, einiges schätzen gelernt — vieles verstehe ich noch nicht, nun aber kritisiere ich nicht mehr, sondern warte ruhig und geduldig, bis ich auch das Weitere wohl einmal verstehen werde. Es gibt keine schönere Empfindung als diese: in die Urquelle der Weisheit mit Bescheidenheit und Demut hineinzublicken, denn mit diesem Hineinblicken ist ein Gefühl verbunden einer erschließenden Unendlichkeit des Daseins in eine sich immer erweiternde und erweiternde Perspektive der Weisheit. Einiges haben wir erkannt, und das wenige hat uns die Ahnung beigebracht, dass wir mit zunehmender Entwicklung immer mehr und mehr werden aufschließen können, dass immer stärkeres und helleres Licht uns entgegentreten wird aus den großen religiösen Urkunden des Menschengeschlechtes, je mehr wir uns nähern den Quellen des göttlichen Wesens, dem wir einmal unwissend entsprungen sind und dem wir uns wieder nähern werden im Laufe unserer Entwicklung, und wir sehen dieses Ziel als eine blühende, befriedigende Tatsache vor uns zur Aufforderung, nicht mehr nachzulassen in dem Bestreben zur Vervollkommnung, zur Vergeistigung der Menschheit in ihrer Entwicklung.

German original of The Bible and Wisdom I · ← Previous · Next →