The Essence of Christianity

GA 68a — 25 April 1907, Berlin

Bibel und Weisheit

Wenn von den Erzvätern gesprochen wird und deren Alter in Riesenzahlen angegeben wird, dann müssen wir das so verstehen, dass diese sogenannten Erzväter als Repräsentanten für Stämme angesehen werden müssen. Die Bibelforscher taten das zwar schon längst, doch wussten sie nicht, was eigentlich dahinterstecke. Wenn wir uns da nun erinnern an den Vortrag «Blut ist ein besonderer Saft», da finden wir eine besondere Anwendung des Wortes «Bewusstsein». Wer da festhält daran, dass es eine Entwicklung gibt, der muss auch zugeben, dass alles in Entwicklung ist; auch das Bewusstsein. Das Bewusstsein, was wir heute haben, war nicht immer da, es entwickelte sich aus einem andern Bewusstsein heraus, das dämmerhaft, traumhaft war, das in Bildern im Menschen lebte. Diese Art des Bewusstseins, das dumpf und hellseherisch zugleich war, hing an einer ganz bestimmten Tatsache. Die Menschen lebten damals in kleinen Gemeinschaften, alle Völker, in deren fernen Ursprung wir untertauchen, zeigen dasselbe, je weiter die Geisteswissenschaft zurückgeht, desto kleinere Volksverbände zeigen sich ihr. Es galt als unsittlich, aus diesen kleinen Volksverbänden herauszuheiraten. Erst später wurde dies Prinzip der Nah-Ehe durch das Prinzip der Fern-Ehe unterbrochen, und mit dieser Unterbrechung fängt auch die Entwicklung des dämmerhaften Bewusstseins zu dem heutigen verstandesmäßigen Bewusstsein zusammen. In den Angehörigen jener alten Stämme lebte ein ganz anderes Gedächtnis; das, was der Vater, der Großvater erlebte, das lebte im Sohn, als ob er selbst es erlebt habe. Die durchziehenden Kräfte von den Vorvätern, die rannen durch das Blut dieser in engen Blutsverbänden zusammengeschlossenen Stänmme, und zwar in einem solchen Grade, dass der Nachkomme sich der Geschehnisse seiner Vorfahren so erinnerte, als ob er selbst sie erlebt habe; das war im Blut, das rollte durch Generationen hindurch. Der Sohn erinnerte sich und sagte: Ich habe das erlebt —, was Vater und Großvater et cetera erlebt hatten. Solange sich dies Ich — dies Stammes-Ich — erhielt, sprach man von derselben Wesenheit mit demselben Namen. Es ist Adam das durchgängige Ich des Adam, man bezeichnet damit das, was sich hinvererbt durch viele Generationen von Adam, nicht die Person des Adam.

Ebenso müssen wir die Stelle auffassen, wo es heißt: «Henoch, der Mann Gottes, verschwand von der Erde.» (1 Mos 5,24) Das heißt nicht, er habe sich aufgelöst in Dunst und Nebel, sondern «Henoch» bedeutet eben eines jener gemeinsame[n] Ich[e]. Dies wird aufgelöst dadurch, dass er der Mann Gottes wird, das heißt derjenige, der sich dem Geiste widmet, der es aufgibt, Nachkommen zu haben, der sich in einer Art Askese hingibt und daher verschwindet, da er nicht im Sohn weiterlebt und das mitgegeben hat, was im Blut rinnt.

Diejenigen, die heute sich zu der Bibel gläubig verhalten, haben doch keine rechte Vorstellung davon, welches Verhältnis es in alten Zeiten zur Bibel gab. Für die Alten war die Bibel das «Wort Gottes», sie wussten, dass diejenigen, die es niederschrieben, von der göttlichen Weisheit inspirierte Eingeweihte waren, und [um]so mehr sie glaubten, dass von dem göttlichen Geist nur Wahrheit ausgehen könne, [um]so mehr war ihnen ein jedes Wort der Bibel heilig als Ausfluss dieses göttlichen Geistes, der sich ihnen durch diese inspirierten Männer offenbarte. Für den heutigen Menschen ist es schwer, sich in diese ehrfurchtsvolle Gemütsstimmung hineinzuversetzen, die gegenüber dieser inspirierten Weisheit überhaupt keine Kritik anlegte.

Es ist nur zu natürlich, wenn man sieht, dass der moderne Mensch Kritik anlegen muss, aber wir fragen uns: Wie ist es möglich, dass durch Jahrhunderte hindurch wahrlich auch nicht dumme Köpfe, die diese Bücher in der Hand gehabt haben, nicht auch Kritik angelegt haben, warum sie nicht auch zum Beispiel die Verschiedenheiten, die die vier Evangelien aufweisen, dieser Kritik unterzogen haben? Sollen wir uns vorstellen, dass diejenigen wenigen, die vor der Erfindung der Buchdruckkunst die Bibel in der Hand hatten, nicht das gesehen haben, was die heutige Kritik sieht und woraus sie Zweifel an der Echtheit der Evangelien schöpft? Sie haben diese Verschiedenheit wohl gesehen, aber sie wussten, worauf sie zurückzuführen sei. Sie wussten, dass in diesem gewaltigen historischen Moment, in der Begründung des Christentums, auf den physischen Plan herabgezogen war und vollendet war im Mysterium von Golgatha die Stufenfolge der Einweihung. Die konnte auf dem physischen Plan fortan durchmachen der «Menschensohn», das heißt derjenige, der in sich entwickelt hatte das Allgemeinbewusstsein. Das Geheimnis der Einweihung trug hinaus der Menschensohn in die physische Welt, und das Leben dieser Eingeweihten musste so beschrieben werden, dass es ein Abbild war des alten Einweihungskanons in den alten Mysterien, den alten Tempelstätten. Dieser Einweihungskanon war fixiert in dieser Gegend so, in jener Gegend anders, doch hindurchscheinen sieht man durch sie den Einweihungsmodus der alten Einweihungsschulen.

Das physische Leben des Christus Jesus, wie es in den vier Evangelien beschrieben wird, ist wirklich so verlaufen wie das Leben des Schülers in den alten Mysterienschulen; wir haben in den vier Evangelien nur die verschiedenen Formen des Einweihungskanons zu sehen, wie die verschiedenen Einweihungsschulen ihn fixiert hatten. Es sind kleine Abweichungen, doch ein Ganzes, ein einziger Strom läuft durch alle vier hindurch. Der Jesus Christus, der einzige Menschensohn, der stellt außen im physischen Leben jenen gewaltigen Satz dar, lebt es vor am physischen Leibe: Dass das Leben den Tod besiegt! Das, was der Eingeweihte in seinem Ätherleib erlebt, das erlebt der Jesus Christus auf dem physischen Plan. Das Sinnbild ist äußere Wirklichkeit geworden, ist eine historische Tatsache geworden. Die Geisteswissenschaft sieht in diesen drei Tagen, in denen der Christus Jesus im Tode ist, dasjenige herausgetragen auf den physischen Plan, was der Eingeweihte in der Tiefe der Krypten erlebte. Wenn er dann wieder zum Leben in seinem physischen Körper erwachte, wenn er, zurückgekehrt aus den geistigen Welten, Zeugnis ablegen konnte für ihre Wirklichkeit, wenn er ein Verkündiger der geistigen Welten geworden war, dann rang sich im Überschwang dieser hohen heiligen Gefühle das Wort aus seiner Seele los, das auch der Christus Jesus auf Golgatha sprach: «Mein Gott, mein Gott, wie hast du mich verherrlicht!» — «Eli, eli, lama ...» (Mt 27,46, vgl. Psalm 22,1; Mk 15,34) Nicht heißen darf es: «verlassen»; das ist eine unrichtige Übersetzung. Dies Wort: «Mein Gott, mein Gott, wie hast du mich verherrlicht!», in das brach ein jeder aus, wenn er erwachte aus diesem dreitägigen Schlaf, wenn er erfahren hatte, dass das Leben im Geiste den Tod besiegt.

Das Einweihungsprinzip vor Christus war ein anderes als das heutige. Nur Auserwählte wurden zugelassen zu den Mysterien, aus denen sich später die Schulen auf der einen und die Kirchen auf der andern Seite entwickelten. Die Unterweisungen erfolgten mündlich, in den Mysterienschulen wurde der Schüler, wenn er zugelassen war, einem ganz besonderen Lebensrhythmus unterworfen, er musste sein Leben in diesen einfügen. Fest und unveränderlich war dieser Rhythmus, der in den alten Einweihungskanon gegeben war; so fest und sicher wie der Lauf der Sonne, so sicher ging ein Schüler die Lebensbahn. Sonnenhelden wurden diese Schüler genannt, wenn sie einen gewissen Grad erreicht hatten; und dieses Leben eines Schülers, das trug der Christus Jesus hinaus auf den physischen Plan, und das wird in den vier Evangelien beschrieben.

Es gibt ein bestimmtes Organ im Menschen, das die Christusfähigkeit enthält; der Mensch tritt durch dies Organ in direkte Beziehung mit dem Christus. Das Christusbewusstsein ist von dem historischen Christus geschaffen. So wie das Auge das Licht schaut, so schaut jenes Organ den Christus, doch der historische Christus hat die Christusmöglichkeit geschaffen, die Möglichkeit, dass der Mensch durch dies Organ in unmittelbare Berührung mit dem Christus kommen kann.

Als der Menschenleib noch nicht der Träger einer Seele war, solange er noch unbeseelt war, war er, ebenso wie die Erde, die er bewohnte, noch ganz anders gestaltet, er hatte in sich ein Organ, das jetzt noch vorhanden ist als Schwimmblase der Fische. Der Mensch ging damals nicht aufrecht, er bewegte sich schwebend, schwimmend vorwärts, er trug in sich dies Organ, das bei den Fischen, die sich nicht weiterentwickelt haben, geblieben ist; beim Menschen wandelte es sich um zur Lunge. Dadurch erhielt er die Fähigkeit, Luft einzuatmen, zu verarbeiten. Wir finden die Kiemenatmung noch in der Embryonalentwicklung des Menschen. Dieser Zeitpunkt des Einfangens des Sauerstoffs der Luft durch die Lunge ist auch der Moment der Beseelung. Dies, gefühlsmäßig, empfindungsmäßig ausgedrückt, ist dargestellt in den monumentalen Worten: «Und Gott hauchte dem Menschen den Odem ein, und er ward eine lebendige Seele.» (1 Mos 2,7) Das heißt, der Mensch atmete ein die göttliche Seele.

Die Alten empfanden noch jeden Atemzug als Beseeler, daher die Sagen und Mythen, die in der Luft den Leib derjenigen Gottheit sehen, die die Menschen durchseelt hat. In allen alten Religionsformen finden wir dies in Bilder eingekleidet. Es musste in Bildern für die damalige Menschheit eingekleidet werden, denn wenn die großen geistigen Führer der Menschheit diese Wahrheiten ausgesprochen hätten in der Form wie heute, dann wären sie nicht verstanden worden, sie mussten bildhaft reden. Alles, alles ist in Entwicklung begriffen, auch das Bewusstsein! Die für das frühere dämmerhafte Bewusstsein des Menschen geltende Form, ihnen die Wahrheiten nahezubringen, war die bildhafte, so erscheint in den alten Religionsurkunden das Ich auch zugleich als das Wehende, das in der Luft hinwehende. Das ist die Wahrheit, die sich im Atmungsprozess individualisiert. Das ist dasselbe wie Wotan, der im Luftstrom dahinreitende, der Wehende.

Die Seele war vor der Einkörperung geschlechtslos; auch da hat eine Entwicklung stattgefunden. Auf diese Entwicklung blickt jeder Geistesforscher. Bevor es Mann und Weib gab, entstand innerhalb der geistigen Weltordnung der Gott, der beide Geschlechter in sich vereinigt. Dies ist der Grund, dass zweimal in den ersten Kapiteln der Genesis die Menschenschöpfung erzählt wird. Einmal männlich-weiblich (1 Mos 1,27), das ist der göttliche Geistesmensch, der weder männlich noch weiblich ist, aber die Kräfte beider Geschlechter in sich vereinigt, und dann die Erschaffung des Menschen unten auf dem physischen Plan; es heißt: Der Mensch entstand als männlich-weibliches Wesen (1 Mos 1,27), nicht wie Luther schreibt: «ein Männlein und ein Fräulein».

Das neue Instrument leitet die Menschheit hin zu einem gemeinsamen Band, das umfassender ist als das Band der Liebe. Früher gab es ein Stammes-Ich, dann, nachdem die Fern-Ehe eingetreten, entwickelte sich dasselbe zum Volksbewusstsein, zum Volks-Ich. In der Menschheit liegt nun die Tendenz, das Volksbewusstsein, das innerhalb dieses Volks-Ich liegt, zu erweitern zu dem, was die ganze Menschheit zusammenhält, zum Bruderbund. Diesen Bruderbund, diese Blutsbruderschaft vorzubereiten, die unabhängig ist von dem Blute, das durch die Adern rinnt, das ist die Mission des Christentums. Der alte Gott, Jahve, der Wehende, der das Ich gegeben hat, derjenige Gott, der da lebt in dem einzelnen Bewusstsein, wird sich dahin entwickeln, etwas Gemeinsames in allen Menschen zu erkennen, dies Menschheitsbewusstsein, das ist das Christusbewusstsein! Das umfasst ein Ich, das die ganze Menschheit in einem Bewusstsein umspannen wird. Einen Satz gibt es, der dies ausdrückt: «Wer nicht verlässt Vater, Mutter, Sohn und Bruder, der kann mein Jünger nicht sein.» (Lk 14,26; Mt 19,29) Das Christentum bereitet vor eine umfassende Menschenbruderschaft; nicht im alltäglichen, trivialen Sinn dürfen wir das verstehen.

Den Jehova dürfen wir bezeichnen als den Volksgott, der die Menschheit in einzelne Völker zersplittert; Jahve bedeutet auch das Wehen des Atems, mit dem der Ichgeist in den Menschen einzieht, in dem Christus aber, dem Menschensohn, als welchen er sich selbst bezeichnet — das heißt, nicht der Sohn eines Mannes oder einer Familie, sondern der ganzen Menschheit —, in dem Christus sehen wir den, welcher den allgemeinen Weltenbund der Liebe vorbereitet; und wie Jahve einen Teil seiner Menschheit hineingießt in den Menschen, so gießt der Christus einen Teil seiner Wesenheit von nun an in die Menschheit hinein. In höchster Glorie lebte dies in Jesus von Nazareth, er war der höchste Eingeweihte, daher kann er sagen: «Ehe denn Abraham war ich», oder vielmehr: «bin ich». (Joh 8,58) In solchen Worten liegt das Esoterische des Christentums, das als Kraft im äußern Christentum leben soll.

Wie ist es zustande gekommen, dass der Menschensohn in einer Persönlichkeit verkörpert wurde? Ich will Ihnen zur Erklärung dieser Frage schildern, was Prophetie heißt und wie daraus hervorgegangen ist das Mysterium von Golgatha. Es gab früher nur wenige Eingeweihte, Initiierte, Propheten. Einweihen heißt, jene höheren Fähigkeiten im Menschen entwickeln, die ihn hinaufführen in die höheren Welten und ihn deren Wahrheiten selbst erleben lassen. Alles Geistige, was sie dort sehen und erleben, wird einst herabsteigen auf den physischen Plan; ein Prophet kann hinaufsteigen auf den geistigen Plan, er kann sehen, was da ist, er kann so sagen, was später hinabsteigen wird auf den physischen Plan, das ist Prophetie!

Die alten Propheten haben verkündet das Kommen des Menschensohnes, das heißt, sie haben in den geistigen Welten sich das vorbereiten sehen, was später in dem gewaltigen Moment, als der Christus auf dem physischen Plan erschien, physische Tatsache wurde. Der Menschensohn brachte herab auf den physischen Plan das, was vorher in den geistigen Welten war, die Menschenbruderschaft, die die Menschen in Liebe einigen soll, unabhängig von den Banden des Blutes. Und in dem Blute, das aus den Wunden auf Golgatha floss, da ist ausgeflossen dasjenige, was als das Überflüssige, Überwundene, als das Egoistische im menschlichen Blute war; dies Blut wurde geopfert am Kreuz. Das ist das Mysterium von Golgatha. Menschenblut hat sich geopfert, um das Blut der Menschen vom Egoismus zu reinigen, diese Reinigung des Blutes vom Ich geschah auf Golgatha.

Wenn wir den Sinn der drei ersten Evangelien vergleichen, finden wir, dass überall ein gewisser Stimmungston zugrunde liegt. Das Evangelium Lukas führt hin auf die Einweihungsschule der Essäer und Therapeuten, daher finden wir in seinen Gleichnissen einen gewissen sozialen Charakter. [Mitschrift bricht ab.]

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