The Essence of Christianity

GA 68a — 9 April 1907, Munich

Das Gleichnis Vom Ungerechten Haushalter — Evangelium Luke XVI, 1-18

Die Betrachtung der Gleichnisse und ihre Auslegung wird in gegenwärtiger Zeit nur zu leicht in das Fahrwasser der materiellen Weltanschauung gezogen; denn der Materialismus hat, wenn es auch nur von dem Einzelnen nicht so sehr gefühlt und zugegeben wird, unser ganzes Zeitalter, die ganze Denkungsweise in demselben ergriffen. Nicht nur die Naturwissenschaft — die Philosophie, auch die Theologie ist im gewissen Maße in Mitleidenschaft gezogen worden. Eine Art von Materialismus lässt sich gewissermaßen leicht heilen, das ist der theoretische, denn dieser führt logisch leicht ins Absurde. — Viel schwieriger gestaltet sich die Sache mit der materialistischen Vorstellungsart, welche zum Beispiel in Jesus nichts weiter sieht als einen selbstlosen, reinen Menschen und dann diese Gestalt so ganz ins Materialistische heruntergezogen hat.

Es gab Zeiten, in denen man sich die Gleichnisse nicht hoch genug auslegen konnte; in den ersten Jahrhunderten wurde von den Auslegern der Evangelien alles aufgewandt, um den Christus in Jesus zu bezeichnen; heute dagegen sehen wir, dass neuere Theologen keine Neigung haben, in Jesus etwas anderes zu sehen als eine idealisierte Person, die zwar etwas höher war als Goethe oder Schiller, aber nach ihrem Urteile in keinem Falle über die Menschheit so erheblich hinausragen darf. Jesus ist für diese modernen Theologen einfach der schlichte Mann aus Nazareth und ein solches Herunterdrängen der Person Jesu ist viel schlimmerer Materialismus als der theoretische.

Solche Dinge wie die Gleichnisse darf man nicht herunterziehen ins allgemein Menschliche, sonst wird auf dem Gebiet religiöser Denkungsweise nur glatter Materialismus verbreitet. Das Heil kann nur daher kommen, dass in diesen Urkunden nicht schlichte Tatsachen, sondern weltumfassende Wahrheiten [enthalten sind], man muss tief auf diese Wahrheiten eingehen, um die richtigen Absichten daraus zu erkennen, und nicht darüber spintisieren.

Wie hat man doch im Esoterischen zum Beispiel «das Vaterunser» betrachtet, wovon ich schon früher zu Ihnen sprechen konnte! Das Richtige kann nur der finden, der auf die okkulten Schulen zurückgreift.

So wollen wir denn auch in Bezug auf unser heutiges Gleichnis aus diesen richtigen Quellen schöpfen: Es lautet:

Er sprach aber auch zu seinen Jüngern: Es war ein reicher Mann, der hatte einen Haushalter, der ward vor ihm berüchtigt, als hätte er ihm seine Güter umgebracht, und er forderte ihn und sprach zu ihm: Wie höre ich das von dir? Tue Rechnung von deinem Haushalten, denn du kannst hinfort nicht mehr Haushalter sein. Der Haushalter sprach bei sich selbst: Was soll ich tun, mein Herr nimmt das Amt von mir; graben mag ich nicht, so schäme ich mich zu betteln. - Ich weiß wohl, was ich tun will, wenn ich nun von dem Amt gesetzt werde, dass sie mich in ihre Häuser nehmen. Und er rief zu sich alle Schuldner seines Herrn und sprach zu dem ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig? Er sprach: Hundert Tonnen Öls. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Brief, setze dich und schreibe flugs fünfzig. Darauf sprach er zu dem anderen: Du aber, wie viel bist du schuldig? Er sprach: Hundert Malter Weizen, Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Brief und schreibe achtzig. - Und der Herr lobte den ungerechten Haushalter, dass er klüglich getan hätte; denn die Kinder dieser Welt sind klüger als die Kinder des Lichts in ihrem Geschlecht. - Und ich sage Euch: Macht Euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, auf dass, wenn Ihr nun darbet, sie Euch aufnehmen in die ewigen Hütten. Wer im Geringsten treu ist, der ist auch im Größten treu; und wer im Geringsten unrecht ist, der ist auch im Großen unrecht. So Ihr nun in dem ungerechten Mammon nicht treu seid, wer will Euch das Wahrhaftige vertrauen! Und so Ihr in dem Fremden nicht treu seid, wer wird Euch geben dasjenige, das Euer ist! Kein Knecht kann zweien Herren dienen; entweder er wird einen hassen und den anderen lieben, oder er wird einem anhangen und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott samt dem Mammon dienen. Das alles hörten die Pharisäer auch, die waren geizig und spotteten seiner. Und er sprach zu ihnen: Ihr seid es, die Ihr Euch selbst rechtfertigt vor den Menschen, aber Gott kennt Eure Herzen, denn was hoch ist unter den Menschen, das ist ein Gräuel vor Gott. Das Gesetz und die Propheten weissagen bis auf Johannem, und von der Zeit an wird das Reich Gottes durch das Evangelium gepredigt und jedermann dringet mit Gewalt hinein, Es ist aber leichter, dass Himmel und Erde vergehen, denn dass ein Tüttel vom Gesetz falle. Wer sich scheidet von seinem Weibe und freiet eine andere, der bricht die Ehe und wer die Abgeschiedene von dem Manne freiet, der bricht auch die Ehe. (Lk 16,1-18)

Zum wirklichen Verständnis dieses Gleichnisses ist es zunächst notwendig zu sehen, wo es steht; es steht bei dem Evangelisten Lukas. — Die scheinbare Verschiedenartigkeit der vier Evangelien ist darin begründet, dass deren Verfasser nicht durch ein und dieselbe Mysterienschule gegangen waren. So liegen zum Beispiel dem Johannesevangelium die griechischen Mysterienschulen zugrunde. Lukas dagegen hat geschöpft aus den tiefen Mysterien der Therapeuten und Essäer und daher hat das Lukasevangelium einen ganz anderen Erklärungston als etwa das des Johannes. Es darf in diesem Sinne nicht alles über einen Leisten geschlagen werden.

Das Lukasevangelium ist, wie gesagt, herausgeboren aus der Gesinnung der Therapeuten und Essäer, die darin bestand, den Menschen in seinem ganzen Streben hinzuweisen auf die Kräfte der eigenen Seele. Den Grundton dieses Evangeliums wird man erst hiermit in der richtigen Weise erfassen, wenn man den Satz dieser Essäer berücksichtigt: Ihr sollt Gedanken in euch zur Reife bringen, die sich der Armen, der Mühseligen, der Beladenen annehmen. Ein Evangelium der Armut ist das des Lukas und steht so aufs Innigste im Zusammenhang mit der Gesinnung der Therapeuten und Essäer.

Von dieser edlen Bruderschaft wurde die Gleichheit aller Menschen vor Gott zuerst betont. Dem Leibe nur die allernötigste Nahrung gewährend, von größter Reinheit der Sitten, waren sie ihren Mitmenschen Ärzte des Leibes und der Seele; keiner durfte heilen um des Lohnes willen, ihr segensreiches Wirken erstreckte sich auf die Hütten der Armen wie auf die Paläste der Reichen. Wer die Verhältnisse dieser Zeit nicht kennt, weiß nicht, was für ein eminenter Fortschritt mit dem Auftreten dieses Ordens verbunden war, und dann verstehen wir erst, warum das Evangelium des Lukas gerade diesen besonderen Ton hat. Die Gegenüberstellung des Reichen und derer, die ihm schuldig sind, tritt zunächst in den Vordergrund, es handelt sich gar nicht darum, den reichen Mann irgendwie anzuklagen, sondern die Schuldner, die Armen sollen in das rechte Licht gestellt werden. Somit wird es gut sein, in dem reichen Manne nicht Gott, den unendlich reichen, erkennen zu wollen; denn von dem Manne ist einfach gesagt, dass er ein reicher ist. Ist aber auch seine Denkweise so, dass er die Menschen ausbeuten will, oder ist sie anders geartet, und wäre es nicht möglich, dass der Handlungsweise seines Haushalters ausschließlich die gute Absicht zugrunde lag, die Schulden der Armen zurückzuschrauben?

Der Haushalter hatte die Wirtschaft in Unordnung gebracht; nun muss er Rechenschaft ablegen und fürchtet, dass er entlassen wird und daher bemüht er sich um seine Versorgung. Er kann nicht arbeiten, mag nicht betteln, aber er will ein Unterkommen haben und das sucht er nun zu finden bei denen, welchen er Unrecht zugefügt hatte. Er selbst ist schuld daran, dass ihnen eine zu große Schuld aufgerechnet wurde, darum sagt er zu dem ersten: Du bist mir nicht mehr 100 Tonnen Öl schuldig, sondern 50, und zu dem anderen: Du bist mir nicht mehr 100 Malter Weizen schuldig, sondern 80, und damit sind die Schuldner befriedigt, er hat ihnen die drückende Last nach Kräften, das heißt nach Möglichkeit erleichtert. Was hat er also getan? Er hat den Reichtum seines Herrn benützt, um den Armen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ihnen damit etwas Gutes zu tun.

Darauf kommt es an. Nun wollen wir uns daran erinnern, dass der reiche Mann zu seinem Haushalter sagt: «Du hast klug gehandelt»; er will kein Ausbeuter sein, sondern denkt bei sich etwa: Jetzt gefällst du mir.

Den Schriftgelehrten der damaligen Zeit war eine solche Gesinnung neu, nie hatte man bisher auf diese Art jemanden veranlasst, Gutes zu tun, es war damit etwas erreicht, was man bis dahin für unzulässig, ja sogar für unmöglich hielt. Die Schuldner, die Armen hätten keinen Ausweg aus ihrer fatalen Lage gefunden; sie sind hier bezeichnet als die Kinder des Lichts, das heißt als solche, die die Lehre der Weisheit annehmen, im Gegensatz zu den Kindern der Welt. Diese, die Pharisäer, sind geizig und handeln nur nach dem starren Buchstaben des Gesetzes, sie wollen den Armen nicht zu Hilfe kommen, der Haushalter dagegen war immer derjenige, der etwas für die Armen tat.

Und nun können wir das Gleichnis auch anwenden auf eine höhere Wahrheit und stehen nicht an, Gott selbst als den reichen Mann zu bezeichnen, der wohl zwar von niemand mit einem Ausbeuter verglichen wird, dagegen mit seinem unerschöpflichen Reichtum stets gerne gibt und den Haushalter ganz besonders dafür lobt, dass er sich des göttlichen Reichtums bedient hat, um den Armen Gutes zu tun.

Das Gleichnis wird aber durch die nachfolgenden Worte Jesu auch zugleich zu einer universellen Wahrheit. Jesus sagt, das Gesetz und die Propheten weissagen bis auf Johannes. (Lk 16,16) Hierin liegt der Hinweis auf die höhere geistige Wahrheit; sie bezieht sich auf den großen Umschwung, der durch Christus Jesus eintrat. Vorher das starre Gesetz, an dessen Wortlaut sich die Menschen zwar peinlichst hielten, was aber nicht verhindern konnte, dass die Kluft zwischen den Wohlhabenden und den Armen immer größer wurde, dass sich die Gegensätze bis zu einer uns heute kaum mehr vorstellbaren Härte und Schärfe entwickelten. Dieser zur äußersten Spitze getriebene Zustand fand nun endlich seine Auflösung darin, dass Christus Jesus, obwohl er das Gesetz in voller Gültigkeit zu Recht bestehen ließ, den Sitz und das Wirken derselben in die Seelen der einzelnen Menschen verlegt.

Wie später noch zu ersehen ist, verliert hierdurch das Gesetz nicht nur keinen «Tüttel», sondern es verschärft und verfeinert sich dadurch in einer bislang ungeahnten und ungekannten Weise. Bei der ernsten und eindringlichen Mahnung, die Jesus an die sich selbst vor den Menschen rechtfertigenden Pharisäer richtet, zieht wohl auch das Gleichnis vom verlorenen Sohn an unserer Seele vorüber. Der Sohn, der immer zu Hause blieb, steht weniger hoch in der Gunst des Vaters als der «verlorene», der die Prüfung durchgemacht hat, der wieder ins Vaterland zurückgekehrt, wieder auferstanden war. Hier spricht sich so recht aus, was die Gnade bedeutet, die vom liebenden zum liebenden Herzen sich den Weg bahnt. Das Gesetz ist das Netz, das die Menschen zusammenfasste, die Gnade strömt in das Innere, sie wird das in der Seele lebendige Gesetz. Nicht umsonst sagt Jesus: «Ich bin des Gesetzes Erfüllung.» (Mt 5,17-18) Das Himmelreich lässt sich nicht forcieren, es kommt nicht mit äußeren Gebärden; der es mit der Gewalt seiner Seele zu erreichen versucht, nur der wird es finden, und zwar dadurch, dass Christus in ihm lebendig wird.

In den aufeinanderfolgenden Zeiten herrschen die verschiedensten Impulse in der Seele. Was ist also das Gesetz gegenüber der Gnade? Es ist dasjenige, welches nicht erst durch das Christentum eingetreten ist, sondern, was da war durch den Haushalter. Das Christentum war vor seinem Auftreten noch nicht die geeignete Religion für die Menschen, diese brauchten noch das Gesetz, sie brauchten noch Haushalter. —

Dieser wird mit dem Wirken Christi an der Menschheit abgesetzt und muss Rechenschaft ablegen. Das Gesetz ist im Laufe der Zeiten ein ungerechtes geworden, wie alle für die Menschen zeitweise passenden Ordnungen. - Die Unterdrückung der Armen klingt immer wieder an im Lukasevangelium, an die Stelle dieser Denkungsart und Handlungsweise lehrt Christus eine neue Art. Jetzt verstehen wir, wenn es in diesem Evangelium heißt: «Das Gesetz und die Propheten weissagen bis auf Johannes; und von der Zeit an wird das Reich Gottes durch das Evangelium gepredigt, jedermann dringt mit Gewalt hinein.» (Lk 16,16)

Man darf eben bei der Auslegung der Gleichnisse nichts auslassen, erst so wird man den Zusammenhang gewinnen. Nun gehen wir noch einen Schritt weiter:

Das Gesetz hatte dazu geführt, die Armen zu bedrücken; diese, die Kinder des Lichts, vernahmen, dass etwas Neues kommen solle, dass sie Rechenschaft ablegen sollten. Sie können nun nichts anderes ins Feld führen als die innersten Gefühle ihres Herzens, wenn sie etwas zur Entschuldigung vorbringen wollen. Die Bedrücker vernahmen bisher nicht die Stimme der Caritas, doch jetzt versuchen sie den ungerechten Mammon zurückzugeben, es ist auch zu ihnen der unbestimmte Ruf nach einer neuen Zeit gedrungen, in der es nicht so weitergehen soll mit der Ungerechtigkeit, die Kinder der Welt können sich der Heuchelei nicht hingeben, die neuen äußeren und inneren Verhältnisse der Welt zwingen sie, sich anders wie bisher zu verhalten. Das alles rechtfertigt, dass Christus Jesus diesen Umschwung im Geist der Zeit für sich in Anspruch nehmen kann. Und ich sage auch Euch: «Machet Euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, auf dass, wenn Ihr nun darbet, sie Euch aufnehmen in die ewigen Hütten.» (Lk 16,9) Er kann sagen: Ihr seht es an diesem Haushalter, wie man sich der Armut gegenüber zu verhalten hat, und Ihr könnt Euch wirklich ein Beispiel daran nehmen, jedoch müsst Ihr dazu gedrängt werden durch die innersten Antriebe Eurer Seele; dann werdet Ihr für das, was Ihr braucht, bei eigener Bedürftigkeit wiederum Euer Genügen finden. —

In dem alten Geschlecht waren die Kinder der Welt klüger als die Kinder des Lichts, das wird später wieder umgekehrt. Ihr müsst nicht glauben, dass es nur dienlich sein kann, sich eng an die starren Buchstaben des Gesetzes zu halten, die Kinder der Welt haben im Allgemeinen immer gesprochen von Gerechtigkeit, sich aber nicht im Geringsten in Wirklichkeit darnach gehalten. An dem, wie nun der Haushalter handelte, können wir beobachten, wie das Gesetz in seinem tiefsten inneren Sinne hätte angewendet werden sollen.

«So Ihr nun in dem ungerechten Mammon nicht treu seid, wer will Euch das Wahrhaftige anvertrauen? Und so Ihr in dem Fremden nicht treu seid, wer wird Euch geben, was Euer ist?» (Lk 16,11-12) Diese Worte deuten hin auf die Ablösung der alten durch eine neue Zeit, es wird eine neue soziale Ordnung eingeleitet, in der jedem das Seine gegeben werden soll. Und nun wird nochmals zusammengefasst, worauf es ankommt: «Machet Ernst.» Dort die alte Gesinnung mit ihrer Härte nach dem Buchstaben des Gesetzes, hier die neue Gesinnung, die nichts anderes kennt, als einzugehen auf die Bedürfnisse des anderen, indem sie in diesem eine gleichberechtigte Wesenheit anerkennt, gleichzeitig getragen von dem Bewusstsein, Gott damit zu dienen.

«Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon» (Lk 16,13); Mammon ist die Bezeichnung für die Götter der Hindernisse, während Christus und die Weisheit vorwärtsbringt. Mammon ist der Ausdruck für alles, was der Mensch für den engen Kreis seines «Ichs» erraffen will; doch hat dies nur sekundäre Bedeutung. Diese verkörperte Selbstsucht zeigt uns das Evangelium in Judas Ischarioth, der dazu beiträgt, dass Christus zum Tode geführt werden kann.

«Alte Zeit - Neue Zeit.» Es ist nun begreiflich, dass die Pharisäer spotteten, von denen es heißt: «Sie waren geizig.» (Lk 16,14) Die Übersetzung ist nicht ganz richtig, es hieße besser: «Sie hatten mammonische Gesinnung.» Deshalb spricht Christus Jesus: «aber Gott kennt die Herzen», und darauf wird’s ankommen, denn was hoch ist unter den Menschen, das ist ein Gräuel vor Gott; nur wahre geistige Macht bestimmt die wirkliche Rangordnung. — Nicht gegen das Gesetz ist die Caritas, sondern als Impuls zur vollsten Erfüllung des Gesetzes aus dem freien Antrieb der eigenen Seele. Zur Zeit Christi war der Zeitpunkt eingetreten, wo Caritas erscheinen musste, bevor die Herzen der Menschen sich ganz und gar verhärteten. — Weiter aber sagt Christus Jesus: «Es ist leichter, dass Himmel und Erde vergehen, als dass ein Tüttel am Gesetz falle» (Lk 16,17); «wer sich scheidet von seinem Weibe und freiet eine andere, der bricht die Ehe, und wer die Abgeschiedene vom Manne freiet, der bricht auch die Ehe.» (Lk 16,18) - Wenn wir nun im Kapitel V bei Matthäus nachsehen, so finden wir, dass dort von Jesus gesagt wird, dass die wahre Ehe weder gebrochen noch geschieden werden darf (Mt 5,30-31). Wir Anwesenden kennen die Auffassung der Ehe nur nach dem Gesetz, dazu bildet natürlich die ganz neue Auffassung Jesu, die den Schwerpunkt des ehelichen Lebens so ganz und gar aufs Innere in die Seele verlegt, den denkbar größten Gegensatz. Solche Worte mussten wohl den meisten unverständlich erscheinen, weil die Herzen verhärtet waren, wie dies Jesus des Öfteren in seinen Reden betonte. Statt von des Gesetzes Form gebunden, sind hier die Verhältnisse in die Kraft der innersten Impulse gefasst. Es müssen darum durch die Verwirklichung der Lehren Jesu die herrlichsten Verhältnisse aus dem Herzen entspringen. Auch in der analogen Stelle bei Markus (Mk 10,2-10) wird von der Ehe und der Scheidungsmöglichkeit und den Folgen gesprochen, aber das ganze eheliche Verhältnis ist in Wirklichkeit ein derartig zartes, dass es nicht auf einen anderen übergehen kann. Die Lehren, die das Gleichnis ausdrückt, weisen auf den Umschwung hin, der durch Christus Jesus herbeigeführt wird. — Nachdem wir das Evangelium in dieser Art betrachtet haben, dürfen wir auch den reichen Mann mit dem Weltenregierer vergleichen, der aus seiner unerschöpflichen Fülle stets gerne gibt und diejenigen lobt, welche sich dieses Reichtums bedienen, um anderen Gutes zu tun. Sie sehen, das Gleichnis ist ganz aus dem Geiste des Lukasevangeliums geschrieben und so will es auch beachtet sein, sonst würde man es nicht verstehen. - Wenn man einzelne Teile des Evangeliums studiert, so ist es — wie schon zu Anfang erwähnt — stets nötig, zu berücksichtigen, welcher Evangelist sie schrieb, jeder ist aus einer anderen Schule hervorgegangen.

Es wird jetzt kaum mehr viel übrig bleiben, von diesem Gleichnis zu erklären. Die Theosophie ist stets ein klarer Leitfaden für solche Betrachtungen. Nicht grübeln und spintisieren sollen wir, sondern die Weisheit aus diesen Worten selbst herausholen, dann werden wir finden, was dem Scharfsinn der liberalen Theologen verborgen bleibt und laufen gleichzeitig nicht Gefahr, in die Lehren der materiellen Phantastiker gezogen zu werden, die trotz ihrer neuen Lehre über die Wirbel der Atome dem Wesenskern der Erscheinungen auf ihre Art nicht näher kommen können.

Zurzeit hat es ja allerdings den Anschein, als wäre die Menschheit geleitet von rein materiellen Profanen, die nichts anderes gelten lassen, als was man mit den leiblichen Sinnen wahrnehmen kann. Dem Fortschritt der Menschheit nützt auch nicht das Festhalten an Phrasen über Harmonie und allgemeine Bruderschaft. - Wenn ich zum Ofen sage, er soll warm sein, so verbreitet er deswegen noch keine Wärme, man muss ihn eben heizen, dann erst wird er warm werden und andere erwärmen. So nützen auch Ermahnungen zur Brüderlichkeit nichts, man muss den Menschen Weisheit geben, dann entwickelt sich die Bruderschaft von selbst.

German original of The Parable of the Unjust Steward — Gospel of Luke XVI, 1-18 · ← Previous · Next →