The Essence of Christianity
GA 68a — 4 April 1908, Oslo
Das Johannesevangelium vom Theosophischen Gesichtspunkt
Bericht in «Den 17de mai», 11. April 1908
Es sei die theosophische Gesellschaft, die ihn veranlasst habe, über diesen Gegenstand zu sprechen, und vom theosophischen Gesichtspunkt wolle er ihn auch betrachten.
Die theosophische Bewegung sei kaum mehr als dreißig Jahre alt, und dennoch habe sie jetzt längst tiefe Wurzeln in das Geistesleben der Gegenwart geschlagen.
Des ungeachtet werde die Theosophen-Bewegung von den meisten grob missverstanden. In weiten Kreisen stehe die Theosophie als eine Erneuerung von uralten, kindischen Ideen über die Welt und das Dasein überhaupt — Ideen, die selbstverständlich in ihren Augen aller gegenwärtigen Wissenschaft widersprechen.
Andere wieder sehen in der Theosophie eine neue Religion, die die alte ablösen solle. Dies sei aber auch nicht richtig. Die Theosophie sei nichts als eine neue wissenschaftliche Arbeitsmethode. So, wie jeder Zweig der modernen Wissenschaft seine wissenschaftliche Arbeitsmethode habe, so habe die Theosophie ihre. Die Theosophie sei keine neue Religion. Die Theosophie sei ein Arbeitswerkzeug, ein Instrument, das der Menschheit helfen solle, in die Welt des Geistes hineinzudringen, hinein zu dem geistigen Fundament, worauf die physische Welt gebaut sei. Es sei aber so — die Religionen seien auch eine Geistesoffenbarung, und wenn die Theosophie ihre Aufgabe bewältigen solle, müsse sie auch in Harmonie sein mit dem Kern in aller Religion. Und es sollte jetzt der Versuch gemacht werden, ein bisschen den Zusammenhang zu betrachten, der da bestehe zwischen der christlichen Religion und im Besonderen dem Johannesevangelium, und der Theosophie. Dieses Dokument im Neuen Testament werde in unseren Tagen wenig geschätzt. Bei modernen Menschen sei so gut wie jedes Verständnis verschwunden.
Lange Zeiten hindurch seien wir jetzt so beschäftigt gewesen mit allerarten Geschichtsforschungen hin und her über den Ursprung dieses Evangeliums und den Zusammenhang, oder besser, den Unterschied zwischen diesem und den drei anderen Evangelien, dass der eigentliche Geist des Werkes gleichsam entschwunden sei.
Die drei Evangelien im Neuen Testament schildern in malenden Bildern Jesus Christus, so wie er im Äußeren verfuhr, lehrte und heilte und das Fundament für unsere eigene westliche Kultur legte.
Das Johannesevangelium dagegen habe seine besondere Weise, von dem Christus und seiner Erlöser-Tat zu berichten.
Markus, Lukas und Matthäus erzählen, und wollen erzählen, von dem, was sich zu der oder der Zeit in Palästina zugetragen habe — erzählen von dem großen Geschichtsdrama, das damals gespielt wurde auf dem großen Schauplatz des Lebens.
Das vierte Evangelium wolle aber ein Bild geben von Christus und von dem Christusgedanken, wie dieser im Menschenherzen hervorwachse. Wie ein mächtiger Hymnendichter schildere der Verfasser des Johannesevangeliums den Christus, den wundergroßen Ideal-Menschen, wie er das Menschenherz umschaffe und neu schaffe.
Dieses vierte Evangelium sei, wie gesagt, für viele Menschen völlig abhandengekommen. Aber wenn die Theosophie ihrer großen Aufgabe gewachsen sein solle, müsse sie gerade dieses vierte Evangelium näher an die Herzen heranführen.
Man lausche auf die Einleitungsworte. Jeder kenne diese monumentalen Worte: «Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.» (Joh 1,1)
Es sei gesagt worden, dass diese Einleitung eine rein philosophische wäre und von einem Philosophen geschrieben sein müsste — dass also der Verfasser des Johannesevangeliums sich von den drei anderen Evangelienschreibern dadurch unterschiede, dass er mit aller zeitgenössischen Wissenschaft wohl vertraut gewesen wäre.
Diese Meinung sei aber nicht gut gegründet. Es sei merkwürdig, dass jemand durch etwas so Schlichtes und Einfaches wie diese Einleitungsworte auf solche Gedanken gekommen sein solle. Wer das vierte Evangelium geschrieben habe, sei wahrhaftig nicht von irgendeiner besonderen Philosophie beeinflusst. Er erzähle nur auf eine ganz andere und innige Weise. Deshalb sei es auch gesagt worden, dass dieses Evangelium geschrieben sei von dem Lehrjungen, den der Meister am meisten liebte, das heiße, ihn am besten verstehe.
Das Johannesevangelium sei die tiefste, die geistigste Mitteilung, die wir haben von den christlichen Geheimnissen, die Mitteilung von der Aufgabe des Christus, der Mission des Christus, hier in der Welt. Wenn man aber diese Mission verstehen solle, müsse man ein wenig auf die ganze Menschheit hinblicken, denn mit dieser hänge seine Berufung aufs Engste zusammen.
Solle man mit einem einzelnen Worte benennen den Entwicklungsweg, die Spur, der das Menschengeschlecht auf der Erde nachgefolgt sei, dann heiße dieses Wort Liebe. Eine andere Seite dieser selben Liebe sei Weisheit. Weisheit und Liebe seien eins.
Man brauche sich nicht viel umzuschauen, bis man gewahr werde, dass die Weisheit das Urgesetz in der Welt sei.
Man betrachte ein Gewächs, eine Pflanze. Wie wunderbar sei Zelle an Zelle gebaut, bis die ganze Pflanze da stehe mit Blatt und Blüte und Frucht. Man betrachte die Bienen. Wie wunderbar seien ihre Wohnungen. Kein Bau in der Welt, mit Händen gebaut, könne sich damit messen.
Und betrachte man den Menschenleib, wie jedes Glied seine angemessene Aufgabe bekommen habe, wie das Knochengerüst den Körper stütze mit möglichst großer Festigkeit auf möglichst kleinem Raum, sehe, wie jedes Ding im Menschenleibe herrlich ausgedacht und zurechtgelegt sei — dann verstehe man in Wahrheit, dass der Menschenleib gleichsam kristallisierte Weisheit sei.
Ja, Weisheit sei das Urgesetz der ganzen Welt. Nicht allein auf dieser Erde, sondern in allen Reichen der Welt.
Im Menschenleben wandle sich das Weisheitsgesetz und werde zu einem Liebesgesetz, das alles durchwalte. Und wir können hier auf der Erde verfolgen, wie dieses Liebesgesetz nach und nach vermocht habe, die Menschen umzuschaffen.
Die Form der Liebe, die die Menschheit in längst verflossenen Zeiten ausschließlich kannte, sei das Blutsband, die Liebe zwischen denjenigen, die durch das Blut nahe verwandt seien. Es sei das Geschlechtsgefühl, das Stammesband, das Gefühl der Volksgemeinschaft, das die erste Form der Liebe wäre. In und durch das verwandtschaftliche Band lernten die Menschen ihre erste Lektion darin, andere zu lieben. Wie tiefe Wurzeln selbst diese primitive Gestalt der Menschenliebe habe, sehe man aus all den Sagen und Mythen, welch ein tragisches, trauriges Schicksal derjenige erleiden würde, der in ein fremdes Geschlecht oder einen fremden Stamm einheiratete.
Als moderner Mensch könne man sich in diesen alten Ideenkreisen schwer zurechtfinden. Bei uns habe sich ein individuelles Ich, ein selbstständiges Personengefühl entwickelt. Jeder von uns vernehme, dass er in seinem Innersten sein eigenes Selbst, sein eigenes Selbstbewusstsein verberge.
So sei es aber in den alten Tagen nicht gewesen. Würde jemand in jenen Zeiten «Ich» sagen, hätte er sein Geschlecht, seine Verwandten gemeint. Mit der Zeit seien die Grenzen immer weiter hinausgerückt worden. Es wäre das Volk, die Volksgemeinschaft, die jetzt gleichsam die höhere Einheit geworden sei, in die der Einzelne aufginge. Und dies habe seinen eigentümlichsten Ausdruck bekommen im Volksgefühl des Alten Testamentes. Der Jude habe sich eins mit seinem Volke gefühlt. Es gelte für ihn, der ganzen Geschlechtsreihe anzugehören; Vater, Großvater, Urgroßvater und so weiter bis zum Ahnherrn Abraham hinunter. Das höhere Ich des Juden wäre das Volksselbst, wären alle diese langen Reihen von Verwandten des Blutes. Er habe etwa so gedacht: Mein Leben hat ein Ende, aber im Blute, das im Geschlecht fließt, lebe ich wieder auf. So habe man in allen Völkern, in allen Völkerschaften der Erde gedacht.
Nur einige wenige Einzelne dächten anders. Für sie seien das ganze Menschengeschlecht, alle Geschöpfe auf der Erde Verwandte und Blutsfreunde. Sie hätten Liebe in sich groß genug, die ganze Erde zu umfassen.
Diese an Zahl geringe Schar seien die «Eingeweihten», die gemeinsam eine Schule bildeten, die sogenannten Mysterien.
Was sei mit diesen Mysterien beabsichtigt? Fürwahr, sie sollten eine Schule sein, worinnen die Menschen lernen, sich zu einem höheren Selbstbewusstsein zu erheben.
Wenn man von Eingeweihten spreche, meine man damit Menschen, die sich von allen irdischen Fesseln befreit, sich losgelöst haben von allem was sie früher lieb hatten an sinnlichen Dingen. Und sie haben auf diese Weise in sich selbst höhere Sinne und Kräfte entwickelt.
Der Mensch sei ja nicht nur ein Leib, sondern ein kompliziertes Wesen. Und jeder einzelne Mensch besitze in sich die Fähigkeit, andere Sinne als die physischen zu entwickeln.
Alle kennen den Wechsel zwischen Schlaf und wachem Zustand. Wenn man einschlafe, schwinde das Selbstbewusstsein dahin, bis auf Weiteres. Schmerz, Lust, alle die Tausenden von zusammengesetzten Gefühlen, die unseren Tag erfüllen, verschwinden, denn die Seele, das Selbstbewusstsein sei vom Leibe hinausgetreten und sei fort, bis es morgens wieder in den physischen Körper hinuntertauche. Und am Abend, wenn der Körper schlafe, dann ziehe die Seele wieder hinaus; der Mensch sei nur geistig Mensch während dieser Zeit, und alle sinnlichen Dinge schwinden dahin.
Man stelle sich vor, ein Mann sei blind, blind schon von der Geburt ab. Alles, was die Welt von Licht, von Farbe besitze, sei für ihn nicht da, weil er kein Organ habe, womit er es empfangen könne.
Wenn aber ein solcher Blindgeborener von jemand mit gutem Gesichtssinn geschildert bekäme alles Herrliche, was er sehe, und jener sagen würde, dass er ein Dichter sei, ein Träumer, solche Dinge wie Licht und Farbe gebe es nicht - wahrlich würden wir das Unsinn nennen. Wir würden es besser wissen.
Und wenn einem solchen Blindgeborenen irgendwie sein Gesichtssinn geöffnet würde, könnten wir sagen, dass dieser Mensch in Licht, in Farben, in Glanz eingeweiht worden sei.
So sei es auch in der Geisteswelt. In der physischen Welt haben wir die Augen geöffnet, aber in den anderen Welten, in der Geisteswelt gehen wir und tasten im Blinden herum. In jenen Welten seien fast alle Menschen blind. Sie besitzen keine Sinne, keine Augen, keine Ohren.
Diese geistigen Welten seien gewiss da, aber sollen die Menschen Kunde davon bekommen, müssen denjenigen, die blind seien, das Auge geöffnet werden, das heiße, sie müssen «eingeweiht» werden, oder gelehrt werden, selbst Wahrnehmungsorgane sich anzueignen, die diesen Welten angepasst seien. In den alten Mysterien wäre es eben, dass man seine besonderen Methoden hätte, die Seele so zu entwickeln, dass sie geistige Sinne erhielte. Und wenn sie das erhalten hätte, und sie wieder in den physischen Leib hinuntertauchte, dann könnte sie sich erinnern und sich zunutze machen dasjenige, was sie gelernt und erlebt hätte in den geistigen Welten. Wer in der alten Zeit ein Eingeweihter werden wollte, müsse sich vollständig einem Leiter unterstellen — dem Meister. Dieser Meister selbst sei ein Meister, der längst eingeweiht sei, und also aus eigener Erfahrung Zeugnis davon ablegen könne, was er in jenen geistigen Welten gesehen und gehört habe. Ein solcher Meister sei der Christus gewesen. Seine Berufung auf der Erde sei, die ganze Menschheit unter das Liebesgesetz hineinzuziehen. Er sei gekommen, die Menschen zu lehren, dass sie nicht mehr nötig hätten, sich an das Geschlecht oder das Volk zu klammern, wenn sie der Verdammnis entgehen sollten. Über das Geschlechtsgefühl hinaus lehre er sie sich zu erheben — hinauf zu einem anderen Vater als Vater Abraham, hinauf zu dem Gott, der in ihrer eigenen innersten Seele verborgen sei. Die Liebe zum Geschlecht, die Liebe zum Volke sollte emporgehoben werden zur Liebe zu allen Menschen, zu allen Lebewesen der Welt. Früher sei die Liebe partikular gewesen, zerstückelt und geteilt, gebunden an eine besondere Geschlechtsgruppe, Völkerschaft oder Nation. Und die verschiedenen Mysterien oder Einweihungen der Völker seien immer nur für dieses eine Volk gewesen. Hermes, Zarathustra, Buddha seien Meister und Glaubensbegründer, jeder für sein Volk. Die alten heidnischen Mysterien lehrten die Menschen das «Selbst» zu entwickeln, sich selbst zu einem geistigen Menschen aufzubauen. Aber sie hielten sich jeder an ihr Volk. Sie seien nicht über das Volksgefühl hinausgekommen. Sie dienten aber dazu, die Welt vorzubereiten auf das größte Ereignis, das bis jetzt stattgefunden habe, Christi Ankunft in der Welt.
Denn mit dem Christus sei es anders. Er habe keine Volksreligion, keinen Volksglauben begründet; sondern eine Religion für alle Menschen. Christus sei derjenige, der dazu bestimmt sei, die Welt zu lehren, die Volksliebe erweitern, sodass sie das ganze Menschengeschlecht umfasse. Er sei derjenige, der die Mysterien-Geheimnisse hervorholte und sie an alle schenke.
Und eben im Johannesevangelium trete dies so deutlich hervor. Wenn wir die Einleitungsworte richtig läsen, dann sähen wir, dass im Hintergrund alles Physischen eine geistige Ursprungswelt da sei, der göttliche Vatergedanke. Und wenn der Christus sage: Ich und der Vater sind eins (Joh 10,30) — dann meine er mit diesem seinen Vater eben diesen Götterfunken, der in jeder Menschenseele der Lebenshauch sei.
Und durch den Christus habe eine jede Seele einen Impuls, eine Erweckung bekommen, das Ewige in der Menschennatur zu entbinden.
Im Zeitalter des Alten Testamentes hätte der Jude allein das Blutsband gehabt, woran er sich klammern konnte - die Vereinigung in Abrahams Schoß wäre seine einzige Hoffnung, wenn er der Verdammnis entkommen wollte.
Jesus dagegen habe gesagt: «In dem Hause meines Vaters sind viele Räume.» (Joh 14,2) Eben darauf käme es an, sich aus diesen Geschlechtsbanden zu lösen. «Ein jeder, der seinen Vater und seine Mutter nicht verlässt, ist meiner nicht würdig» (Lk 14,26; Mt 19,29), sage er.
Kein Blutsband gelte mehr, nur das ewige Vaterprinzip in jeder Menschenseele. Das Alte Testament sei durch Christus erweitert und habe im Johannesevangelium seine Vollendung erfahren. Aber selbst in den alten Schriften brauche man nicht vergebens denselben Gedanken zu suchen: «Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde» (1 Mos 1,1) und so weiter. Vergleiche man diese Worte mit den Einleitungsworten des Johannesevangeliums, verstehe man den Zusammenhang zwischen der physischen und der geistigen Welt. Die Worte in der Genesis beträfen die äußere materielle Welt, die Worte im Johannesevangelium handelten von derjenigen Neuschöpfung, die nottue in unserer eigenen Seele. Das Johannesevangelium werde also nicht bloß ein Buch gleich, wie andere Geschichtsdokumente, sondern ein Einweihungs-Buch, ein Buch, das lebendig gemacht werden solle für die Seele. Es werde vor allen Dingen ein Andachtsbuch, ein Meditationsbuch. Und jede Menschenseele, die ein Lehrjunge des Christus sein wolle, müsse selbst in diesen Ereignissen mitleben, selbst durch sie hindurchgehen.
Christus sei der Impuls, der Antrieb dazu geworden, dass die Einzelseele sich befreie. Nicht nur in den Mysterien, für die wenigen allein, sei von nun an Weisheit zu schöpfen. Man habe nicht mehr nötig, sich einem «Meister» preiszugeben, wenn man eingeweiht werden wolle. Christus trüge die christlichen Geheimnisse heran an alle diejenigen, die sie annehmen können. Das Geschehen auf Golgatha sei ein großes Ereignis in der Welt, und das Blut, das da rann, gebe den Impuls, löse Kräfte aus, die alle Welt dazu führen sollte, Gott in eigener Seele zu suchen.
Deshalb sei das Christentum die größte von allen Religionen, und könne länger leben als alle anderen. Und das Johannesevangelium sei gerade der Grundstein dieser Lehre Christi.