The Essence of Christianity

GA 68a — 21 February 1908, Kassel

Der Geist der Wahrheit vom Christlichen Standpunkte Aus

Das Johannesevangelium ist nicht nur eine Bekenntnisschrift, sondern es stellt in wunderbarer Schilderung dar, wodurch es ein außerordentlich wichtiges Dokument der Welt wird. Dramatisch der Seele dargestellt ist das Senden des Geistes der Wahrheit, zunächst den Jüngern. Pfingstverheißung, Ausgießung des Geistes, des Pfingstgeistes an die Zwölf.

Die Art, der Bibel gegenüber zu stehen, kann man in vier Stufen einteilen:

  1. die Naiven, naiv-gläubig,
  2. die Gescheiten, die Aufgeklärten,
  3. diejenigen, die sinnbildlich ausdeuten,
  4. der Theosoph.

Es ist ein Ereignis, eine Erfrischung für den Theosophen, wenn er erlebt, dass wirklich geistige Wesen heute hinter den Schriften der Religion stehen. Theosophie will genau entwickeln, genau enträtseln den Geist, der in den heiligen Schriften enthalten ist. [Die Theosophie ist keine neue Religion, sondern das treueste Instrument, um die Evangelien zu verstehen.]

So wollen wir das Johannesevangelium betrachten, besonders die Stelle, wo von dem Geiste der Wahrheit die Rede ist.

Ich und der Vater sind eins. (Joh 10,30)
Ich bin in euch, ihr seid in mir. (Joh 14,20)
Ich muss hingehen zum Vater; denn ginge ich nicht hin zum Vater, so könnte euch nicht der Geist der Wahrheit kommen. (Joh 16,7)

Also: Ich muss durch den Tod, damit in euch der Geist der Wahrheit einziehen kann. Nur der kann den Geist der Wahrheit verkünden, der den Weg zum Vater findet.

Was ich rede, ist nicht von mir, es ist vom Vater. (Joh 14,10)
Derjenige, der meine Gebote hält, hat mich lieb, und wer mich liebt, hält meine Gebote. (Joh 14,21)

[Lücke in der Mitschrift?] Wenn wir das, was den Astralleib angeht, begriffen haben, sind wir zufrieden. Aber was den Ätherleib angeht, ein Gebet, eine Meditation, wenn man sagte, man habe begriffen das Gebet oder die Meditation, das hieße: nichts damit anfangen können. Immer wiederholen dasselbe Gebet; das ist, wie wenn eine Pflanze, die ja den Ätherleib, aber keinen Astralleib hat, immer wieder dieselbe Kraft anwendet, um immer wieder ein Blatt zu formen.

Und wenn jemand den physischen Leib in seine Gewalt bekommt, seine Blutkügelchen dahinschicken kann, wohin er will, dann spricht man: Dieser Mensch bildet sich sein siebentes Glied, Atma.

Wenn der Mensch einen großen Teil seines Ätherleibes in Budhi umgewandelt hat [Lebensgeist = Budhi], dann weiß er, dass der Tod nichts ist, dass der Geist ausdauert; denn das, was umgewandelt ist, bleibt ewig, ist etwas Ewiges. Er wird sich bewusst des Sieges über den Tod. So wird der Mensch umgewandelt. So viel er umgewandelt hat

vom Astralleib, ist in ihm vom Heiligen [Manas],
Geist vom Ätherleib, ist in ihm _vom Sohn, vom Christus [Budhi],
vom physischen Leib ist in ihm vom Vater [Atma].

Durch das, was der Mensch in den Religionsschriften und -mitteilungen hörte, wurde er über sich selbst hinausgehoben.

Wollte man Kunde haben von den geistigen Welten, musste man die Einweihung durchmachen in früheren Zeiten. Wie es schon Licht und Farbe gab, ehe unsere körperlichen Augen gebildet waren, so gibt es die geistigen Welten um uns, wenn wir auch noch nicht die geistigen Augen entwickelt haben.

Bei der früheren Entwicklung zum geistigen Schauen wurde der Schüler in einen todähnlichen Zustand gebracht, dreieinhalb Tage lang. Während dann der Ätherleib aus dem physischen Leibe heraus war, konnte er das in sich aufnehmen, was der Astralleib schon vorher durch die gebetähnlichen Übungen in sich aufgenommen hatte.

Kam der Mensch dann zurück in den physischen Leib, dann konnte er erzählen von den geistigen Welten; er hatte erlebt, dass das Leben ewig ist.

Früher konnten nur einige für sich in den Mysterien erleben, was jetzt für alle möglich ist. [Was in den Mysterien unzählige Male durcherlebt war, ereignete sich nun als historisches Ereignis auf Golgatha. Dies Ereignis war nun so viel größer, weil hier der Körper wirklich starb. In den Mysterien wurde der Leib nur auf einige Tage in katalytischen Schlaf versenkt.]

In das Johannesevangelium muss man eindringen, um zu verstehen, wie durch das Wunder auf Golgatha der Tod besiegt und überwunden ist.

Jude ist man dadurch, dass man das glaubt, was Moses seinem Volk gegeben hat, Buddhist durch das, was Buddha hinterlassen hat, et cetera.

Beim Christen kommt es nicht auf den Glauben an die Lehre, an den Inhalt an, sondern darauf, dass er an den Christus selbst glaubt, an die erhabene Wesenheit, die sich damals inkarniert hat. Nicht nur Lehre hat uns Christus gebracht, sondern Kraft.

Bei den alten Juden: Blutgemeinschaft = Ichgemeinschaft. Durch Christus kam eine geistige Auffassung des Ich. Das Ich ist schon da, bevor es im physischen Leibe ist,

Ehe denn Abraham war, war das «Ich bin». (Joh 8,58) Ich und der Vater sind eins (Joh 10,30),

das ist nicht der physische Vater, sondern die große Gemeinschaft in jedem Einzelnen, die in jedes Einzel-Ich heruntergekommen ist.

Anstelle der Blutsbande oder Blutsgemeinschaft musste die geistige Gemeinschaft treten. Erst dadurch, dass das kleine Einzel-Ich entwickelt wird, kann es selbstlos werden.

Damit, dass der Mensch das Blut erhalten hat, hat er zu viel Egoismus bekommen. Mit dem Blute, das aus den Wunden des Erlösers auf Golgatha strömte, floss ab das überflüssige, egoistische Blut der sündigen Menschheit. [Das ist die Erlösung durch das Blut Christi.] Es erhielt dadurch der Mensch die Anwartschaft auf die große Bruderschaft. Das Ich konnte über sich selbst hinauswachsen. Dies ist das Mysterium von Golgatha. Das wird die Erde zum Planeten der Liebe gestalten.

Nicht ohne den äußeren, historischen Christus gibt es einen Christus in uns. [Diesen inneren Christus muss jeder selbst in sich erleben. Wie das Auge sein Dasein der Sonne verdankt, so der innere Christus seine Erweckung dem historischen Christus.] Das Wunder von Golgatha ist das größte, welches während der gesamten Erdentwicklung geschehen ist.

Das, was als Tatsache auf Golgatha geschah, floss als Leben, als der Geist der Wahrheit in die Jünger ein im Pfingstgeheimnis, sodass sie ausziehen und lehren konnten, was sie selbst gesehen hatten.

Alles teilten sich die Schergen unter dem Kreuz, nur den Rock nicht, der kann nicht geteilt werden. Das heißt: Das Land, die Kontinente wurden geteilt, all das, was das Ich verteilen, was es sich unterzwingen kann. Aber der Rock kann nicht zerteilt werden: Der Paraklet, der Geist der Wahrheit, das ist der Luftkreis um die Kontinente, dieser Geist der Wahrheit kann nicht geteilt werden.

Das freieste Ich, das dem andern Ich die Liebe als eine Gabe geben kann, es wird entstehen durch das Wunder auf Golgatha.

German original of The Spirit of Truth from a Christian Point of View · ← Previous · Next →