The Essence of Christianity

GA 68a — 3 February 1909, Basel

Der Weisheitskern in den Religionen

Meine sehr verehrten Anwesenden! Wenn es zweifellos ist, dass wir vom Menschen selbst Wesentliches kennenlernen dadurch, dass wir die Menschheit in ihrer geschichtlichen Entwicklung betrachten, so darf man wohl auf der anderen Seite auch sagen, dass man wiederum von der menschlichen Seele ein Wesentliches erfährt dadurch, dass man in der Menschheitsgeschichte das religiöse Leben der Menschheit betrachtet. Und wenn von einer Kulturbestrebung, die als Geisteswissenschaft bezeichnet wird — oder als Theosophie, wie unsere Zeit sie zu nennen pflegt -, Beobachtungen angestellt werden sollen über die Seele des Menschenlebens, über die verschiedenen Religionen, so kann es nur in der Weise geschehen, dass der Fortschrittsprozess des religiösen Lebens dabei ins Auge gefasst wird.

Im geisteswissenschaftlichen Sinne sprechen wir von einem Weisheitskern der Religionen und sind uns dabei wohl bewusst, dass das religiöse Element selber, das, was als Religion bezeichnet werden kann, nicht verwechselt werden darf mit dem Weisheitskern in den Religionen. Mit diesem hat es die Theosophie zu tun, die mit dem geöffneten Auge des Sehers eindringt in die geistige Welt.

Das religiöse Leben entfaltet die Gemütsentwicklung, durch die wir hinneigen zur geistigen Welt, das Feuer der Seele, die Empfindung der Seele für die geistige Welt. Diese haben wir im Auge. Und auch noch das haben wir im Auge, was in der geistigen Welt vorgeht, was in ihr enthalten ist. Über den Weisheitsinhalt zu sprechen, ist daher die Theosophie berufen. Über den Inhalt der verschiedenen Religionen wollen wir nicht sprechen, insbesondere deshalb nicht, weil selbst in theosophischen Kreisen bei denjenigen, welche von einer gewissen Einheit in den Religionen sprechen, Missverständnisse über Missverständnisse aufgekommen sind.

Es ist ein Schlagwort geworden für viele, dass unterschiedslos in allen Religionen die gleiche Weisheit und Wahrheit enthalten sei. Man beachtet dabei nicht, dass die Menschheit in fortwährender Entwicklung begriffen ist, und obschon das Menschheitsstreben immer einen gewissen Weisheitskern in sich schließt, kann man, weil es doch wiederum in steter Entwicklung begriffen ist, nicht in abstrakter Weise von einer Einheit in allen Religionen sprechen.

Wir wollen zur weiteren Ausführung dieses Themas von einem Ausspruch Goethes ausgehen. Goethe, der in so eindringender Weise das Wesen der Dinge zu erfassen wusste, war es, welcher davon sprach, dass das eine Wirkungsprinzip, das zum Beispiel dem Pflanzenblatt zugrunde liegt, als ein Einheitliches durch die ganze Pflanze geht. Wenn Sie die Pflanze verfolgen bis hinauf zur Blüte und zum Fruchtorgan, so finden Sie überall ausgebildet die Blätter als ein einheitliches Pflanzenorgan. Sie finden das in all den verschiedenen Pflanzengestalten.

Dabei hat Goethe aber nicht behauptet, dass es einerlei sei, ob man vom grünen Blatt oder vom Blatt der Blume spricht. Schritt für Schritt, wie die Sprossen einer Leiter, so entwickelt sich die Pflanze, von Blatt zu Blatt bis zur Höhe der Blume.

So ungefähr kann man auch von dem Einheitskern der Religionen sprechen, der hindurchzieht aus urferner Vergangenheit bis in unsere Zeiten durch Entwicklung von Vorhergehendem zu Nachkommendem, wie in der Pflanze vom Blatt zur Frucht. Dies sei zur Einleitung in den Sinn unseres Themas gesagt.

Wenn wir in einheitlichem Sinne die Entwicklung betrachten wollen, so müssen wir in eine sehr ferne Vergangenheit zurückgehen, um einen Ausgangspunkt zu finden. Überall sehen wir den Menschen als ein Wesen, das im Zusammenhange steht mit dem, was hinter der Sinneswelt verborgen ist. Wir können daher den Ausgangspunkt nimmermehr finden, wenn wir materielle Anschauungen zugrunde legen. Danach müssten wir von niedrigen Formen des Daseins ausgehen. Über diese äußere Entwicklungslehre wollen wir heute nicht sprechen. Das ist nicht diejenige, welche den Ergebnissen der Geisteswissenschaft entspricht.

Die Geisteswissenschaft kommt mit ihren Mitteln auch zurück in urferne Vergangenheit, aber sie sieht nicht nur das Materielle, sondern auch das Geistig-Seelische. Während der Naturforscher charakterisiert aus den unvollkommenen Vorfahrenformen des Menschen, so kann der Geistesforscher erkennen — wir können dies heute nur berühren, um nicht zu weit von unserem Thema abzuschweifen —, dass, je weiter wir zurückgehen in die Menschheitsentwicklung, wir finden, dass die Seele des Menschen da ganz andere innere Erlebnisse zeigt. Der urferne Vorfahr des Menschen stand geistig-seelisch jener Welt, zu der der Mensch der Gegenwart sich aufschwingen will in geistig religiösen Empfindungen, viel näher.

Wenn wir über dieses Beziehungsband uns heute klar werden wollen, so müssen wir erkennen, dass für den Menschen der Vorzeit, bevor er sich mit der materiellen Hülle umzogen hatte, gilt, dass er sich herausentwickelt hat als geistig-seelisches Wesen aus seinen geistig-seelischen Ahnen, dass er, bevor er in die physische Welt eintrat, in der geistig-seelischen Welt war, und dass er in einer verhältnismäßig nicht so weit zurückliegenden Zeit den Wesen, aus deren Schoß er entsprungen, näher stand, als er gegenwärtig tut.

Des Menschen Seele, die Seele des normalen Menschen ist heute angewiesen auf eine physisch-sinnliche Umgebung. Wenn sie etwas erkennen will, so geschieht es durch den Verstand; das, was die Augen sehen, die Ohren hören, die Hände greifen können, das erkennt sie. Diese äußere Art der Wahrnehmung hat sich der Mensch erst entwickelt aus anderen Formen der Erkenntnis heraus, aus einer anderen Art des Wahrnehmens, aus dem dunklen Hellsehen des Urmenschen heraus. Ich muss hier etwas sagen, das bei noch nicht tieferem Eindringen in die theosophischen Lehrsätze nur grotesk erscheinen kann; aber was bei tieferem Eindringen in dieselben bald selbstverständlich erscheinen wird, so selbstverständlich wie die Ergebnisse der Naturwissenschaft.

Wir können zurückgehen zu dem Gebiete unserer Erde, auf dem unsere Ahnen gelebt haben und mit dem auch die Wissenschaft sich zu beschäftigen beginnt, zu dem Lande, das einst existiert hat zwischen dem heutigen Europa, Asien und Afrika einerseits und dem amerikanischen Kontinente andererseits, und von dem der heutige Atlantische Ozean seinen Namen hat, vom Lande der Atlantier von welchem auch der griechische Philosoph Plato noch Rechenschaft ablegt. Wir finden, dass da unsere Vorfahren gelebt haben in einer Form, die so war, dass nicht solche Reste zurückbleiben konnten, wie sie die Paläontologie erforschen kann.

Heute, wenn der Mensch sich besinnt auf die Art, wie er zur Außenwelt steht, so finden wir, dass er lebt in zwei scharf voneinander getrennten Bewusstseinszuständen. Der eine erfüllt seine Seele vom Morgen, wo er aufwacht, bis zum Abend, wenn er einschläft, der andere von da bis zum andern Morgen. Die Sinneseindrücke des Tages versinken abends nach und nach ins Dunkel der Bewusstlosigkeit. Morgens ist es durchaus nicht so, dass das neu wiedergeschaffen wird, wodurch er sich wieder bedienen kann der Sinnesorgane und des Verstandes, der an das Gehirnorgan gebunden ist, sondern die veränderte Form, in der diese vorhanden sind, bringt mit sich die Bewusstlosigkeit der Nacht und das Bewusstsein des Tages.

So war es nicht bei unseren atlantischen Vorfahren. Da war es ganz anders. Wenn der Mensch abends einschlief — ich bin mir, wie gesagt, wohl bewusst, dass das grotesk klingen muss dem materiellen Denken —, dann verwandelte sich nicht der farbige, lichtvolle Teppich der Sinnenwelt in die Bewusstlosigkeit, sondern der Mensch lebte sich hinein in eine Welt geistig-seelischen Wahrnehmens, in der er Erlebnisse hatte. Und so, wie der Mensch heute in der Sinnenwelt von Mineralien, Pflanzen, Tieren und seinesgleichen in seiner Umgebung spricht, so sprach jener atlantische Mensch von einer geistigen Welt, die er in der Nacht wahrnahm. Allerdings war dafür auch das Tageswahrnehmen nicht wie heute. Wenn er aufwachte, war alles wie in Nebel gehüllt, mit wenig scharfen Konturen zeigten sich die Gegenstände. Weniger geschieden voneinander war damals das Tag- und Nachtbewusstsein. Darum hätte das Wort Religion für unsere atlantischen Vorfahren nicht denselben Sinn haben können, wie es heute hat: Verbindung der Menschenseele mit der unsichtbaren Welt —- denn für sie war die geistige Welt Wahrnehmung. Die Seele wusste aus den Erlebnissen heraus: Es gibt eine geistige Welt, wusste: Aus dieser geistigen Welt bin ich entsprungen, heruntergestiegen in die physische Verkörperung herein. Religion war da Erlebnis.

Nun kamen große Umwälzungen, nicht nur die, welche die Wissenschaft als Eiszeit, die Religion als Sintflut bezeichnet, wobei die Wahrheit über diese Vorgänge in jener viel weniger genau getroffen ist als in dieser. Das Antlitz der Erde änderte sich nach und nach. Europa, Asien und Afrika auf der einen, Amerika auf der anderen Seite entwickelten sich.

Heute wollen wir nur den Strom der Auswanderung betrachten, der für unser Thema interessiert, der sich bewegte von Westen nach Osten, der nach und nach Europa, Asien, Afrika und Amerika bevölkerte, und die nachatlantischen Kulturen schuf. Durch führende Persönlichkeiten wurde das Wertvollste der atlantischen Kultur begründet, in ganz anderer Form, als die heutige Geschichte lehrt. Die Geistesforschung zeigt uns, wie das Beste durch große Führer in die Mitte von Asien gebracht wurde, von der ausgingen die verschiedenen Kolonien, die zugrunde liegen den verschiedenen nachatlantischen Kulturen.

Der erste große Kultureinfluss ging nach dem nördlichen Indien. Das Beste an Traditionen von jenen Einsichten in die geistige Welt, welche Erlebnisse der Atlantier waren, wurde der nachatlantischen Bevölkerung gegeben in der Weise, wie die einzelnen Völker es brauchten. Bedeutende hochentwickelte Menschen waren es, die in Indien die Kultur begründeten. Wir nennen diese großen Begründer die alten Rishis, und wir sprechen mit ungeheurer Ehrfurcht von diesen heiligen indischen Rishis.

Nun müssen wir aber, um uns ein Bild machen zu können von dem, was sie lehrten in Zeiten, die vor allem indischen Schrifttum lagen, einen Begriff haben, wie die Stimmung dieses Volkes war. Wir sprechen von alten Zeiten der indischen Kultur. Sie wissen vielleicht, dass wunderbare Kulturwerke erhalten sind, voll größter Weisheit und Poesie, in den Veden. Wunderbar schön sind sie, aber doch nur ein schwacher Nachklang dessen, was ursprünglich die heiligen Rishis lehrten; denn das kann nur die Geisteswissenschaft lehren. Ein Echo davon haben wir in den Veden, schön genug, aber es reicht lange nicht hinauf zu dem, was lehrten die ersten großen nachatlantischen Lehrer der Menschheit. Wie war nun die Stimmung des indischen Volkes, dieser nachatlantischen Menschen, die nach Indien gezogen waren?

Nach Indien waren verschlagen diejenigen Menschen, welche noch am deutlichsten bewahrt hatten die Erinnerung an das, was man in der atlantischen Zeit erleben konnte mit der anders gearteten Seele, die Erinnerung, dass der Mensch hineingeragt hatte in die geistige Welt, seine eigentliche Heimat dort hatte. Es wurde verloren dieser Gedanke, als der Mensch hinausgestoßen wurde in die physische Welt. Da hatte er den logischen Verstand erworben, aber das alte Hellsehen hatte er aufgeben müssen. Geblieben war nur die Erinnerung; mit ihr in der Seele betrachteten diese Menschen die umliegende physische Welt. Grundstimmung war daher die, dass sie hatten heraus müssen aus dem alten Hellsehen. Man schaute nach dem herrlichen Sternenhimmel, nach der Sonne, nach dem Monde; der alte Inder schaute an die Berge, das blaue Himmelsgewölbe, alles das, was die Schönheit ausmacht der physischen Welt, und alles das schien ihm zuerst kein Ersatz für das, was die Seele einst im geistigen Reich erlebt hatte. «Die Wahrheit», sagte sich der alte Inder, «ist nur vorhanden in der geistigen Welt; hier in allen Herrlichkeiten der sinnlichen Welt ist nur Maya, nur ein Schleier, der sich hinwebt über die geistige Welt.»

Dann war es ihm natürlich, wenn die Rishis kamen und ihm sagten, dass der Mensch, wenn er das, was in seiner Seele als Anlage eines geistigen Auges oder geistigen Ohres vorhanden ist, zur Entwicklung bringt, wieder hineinschauen kann in die geistige Welt. Diese Entwicklung, die etwas Ähnliches darstellt wie für den Blindgeborenen das Erscheinen des Lichtes durch die Operation, diese Entwicklung der geistigen Organe nannte man Yoga-Entwicklung. Darauf verwiesen die heiligen Rishis. Sie waren die Tröster des alten Indiens. Sie brachten Trost über Maya und Illusion.

Die erste religiöse Weisheit war das in der nachatlantischen Zeit. Insbesondere auf einen Punkt müssen wir hinweisen, dass diese alten heiligen Rishis sagten: Wenn ihr auch den Blick auf das Sternenzelt, auf Sonne und Mond, die Berge und Wälder richtet, hinter dem ist alles geistig. Geistige Urgründe, geistige Wesenheiten sind dahinter; das geistige Auge, das geistige Ohr erst kann diese wahrnehmen. — Im Tode tritt der Mensch ein in diese geistige Welt; aber einstmals, das lehrten sie schon, wird auch innerhalb dieser sinnlichen Welt, die unsere Augen sehen, etwas von dem erscheinen, was hinter allem Sinnlichen verborgen ist, was wirkt als die Kräfte, durch welche alles Sinnliche auf der Erde sichtbar werden kann. Jenseits dessen, was wir erzählen können, jenseits der sieben Rishis gab es noch eine Wesenheit; Vishva Karman nannte man sie im alten Indien. Die alten Rishis wiesen auf sie hin, indem sie sagten: Seht hinauf zur Sonne, so seht ihr in dem herunterfließenden Licht, in den herunterfließenden Strahlen den Quell alles Erdenwachstums. So, wie es ist mit dem Menschen, dass, was ihr mit Augen sehet, nur sein physischer Leib ist, der Ausdruck für ein Unsichtbares, das in ihm verborgen ist, so ist in aller Welt das Physische der Ausdruck alles Überphysischen. Mit dem Lichte der Sonne dringt auf die Erde auch Geistiges. Das äußere physische Kleid ist die Sonne von dem Geistigen, von Vishva Karman. Es wird einstmals eine Zeit kommen - so sagten sie den intimen Schülern —, wo noch in ganz anderer Gestalt sich zeigen wird dieses Zentralwesen der Sonne. - So war das, was aus der indischen Stimmung herauswuchs.

Gehen wir nun zum zweiten Zeitraum der nachatlantischen Kultur, zur uralt-persischen Kultur. Was man geschichtlich so nennt, ist nur ein späterer Nachklang. In viel früherer Zeit schon wurde auch da das gegeben, was die Menschen verbinden konnte mit der geistigen Welt. Dieses persische Volk hatte ganz andere Bedürfnisse als das Indische. Das Indische war ein beschauliches, welches abwandte den Blick von der Sinnenwelt; es hatte kein Interesse an den Errungenschaften der Sinneswelt. Diese aber zu erobern war die Mission des persischen Volkes. Die erste Rasse, welche Interesse fasste an der äußeren Welt, war das uralt-persische Volk, das dem geschichtlichen zugrunde liegt. Wäre die indische Kultur allein geblieben, wir hätten vielleicht wundervolle Leistungen in ... /Lücke] bekommen; alles aber, was Industrie und Gewerbe zum Heil der Menschheit gewonnen, wäre nicht auf uns gekommen. Dies war die eigentliche Mission der Perser. Bei ihnen wurde zuerst Hand angelegt an die physische Erde; die ersten Spuren des Ackerbaues traten auf.

Dieses Volk brauchte auch eine andere Verkündigung. Es bekam dieselbe durch jene große Individualität, die man bezeichnet als Zarathustra oder Zoroaster. Nicht jene Persönlichkeit meinen wir damit, welche die Geschichte bezeichnet und nach ihrer Art auf eine Reihe gleichartiger, sich folgender Persönlichkeiten anwendet und verhältnismäßig spät dem historischen Zoroaster beilegt. Auch ... /Lücke] nennt schon 5000 Jahre vor dem Trojanischen Krieg diesen Führer der persischen Kultur. Aber noch weiter zurück müssen wir suchen diesen zweiten Stifter der nachatlantischen Kultur, der für sie ebenso wirkt wie die Rishis für die erste. Nur musste er ganz anders sprechen. Das persische Volk hatte in seiner Seele eine Hinneigung zur physischen Welt, daher war es auch seinen Anfechtungen ausgesetzt und geneigt, das äußere Sinnliche für das Einzige zu halten und nicht zu erkennen, dass dahinter auch ein Geistiges liegt.

Das uralt-persische Volk hatte nur noch wenig von den Traditionen, die das indische besass. Auch Zarathustra musste in ähnlicher Weise von der Sonne sprechen, wie die Rishis von der Sonne, hinter welcher der Vishva Karman ist; aber viel anschaulicher musste es geschehen. Er sagte ihnen etwa: In dem, was euch als Sonnenlicht erscheint, in dem lebt etwas, was auch in euch selbst als das Vortreffliche lebt, das, was ihr ahnt in der Seele als euer eigenes Inneres. Die Sonne ist das Kleid eines Wesens, von dem in eurem eigenen Leben etwas Ähnliches ist. — Aura nannte man dieses innere Wesen des Körperlichen, und das, was als Geist der physischen Sonne zugrunde liegt, nannte er die große Aura, oder Ahura Mazdao, woraus dann der Name Ormuzd entstand, das ist der Gott, der in der Sonne und von dem ein Abbild in der menschlichen Seele lebt. Auf den wies Zarathustra als auf den Helfer des Menschen. Wenn der Mensch Hand anlegt an die physische Welt, sie bebaut, Früchte auf ihr zieht und Nahrung von ihr gewinnt, so ist Ormuzd der Helfer. Er ist euer Helfer — so charakterisierte Zarathustra den großen Sonnengeist für seine Bekenner; und denjenigen Geist, der da die Menschen sozusagen täuscht über die Tatsache, dass ein Geistiges hinter diesem Materiellen ist, der die Menschen aufstachelt, dass sie nicht glauben daran, nannte er den Feind des Menschen: Ahriman, das ist der Gegner der großen Sonnenaura.

So wies er darauf hin, dass ein Geistiges allem Sinnlichen zugrunde liegt. Er wies darauf hin, dass der Mensch hinausgestellt ist in diesen Kampf zwischen Licht und Finsternis; dass der Mensch berufen ist, Diener des Lichtgeistes zu sein dadurch, dass er die Erde umwandelt in ein Abbild der geistigen Weisheit. Er hat hingewiesen auf die physische Welt als auf etwas, das nicht bloß verbarg, sondern verkündete die geistige Welt. Zarathustra lehrte: Ihr habt aber nicht nur hinter der Sinnenwelt den Geist zu suchen, der euer Helfer ist; enthalten ist er in aller Sinnenwelt und wenn die Zeit reif ist, dass er sich zeigen kann, dass offenbar wird in einer für den Menschen begreiflichen anschaulichen Weise, dann wird er erscheinen. Das war seine Lehre und die verkündete er mit wunderbaren Worten. Nur ein Stammeln ist dagegen, was man davon etwa so wiedergibt:

Ich will reden, höret und horchet mir zu, ihr, die ihr von fern, von nah Verlangen darnach traget; ich will reden, denn er wird offenbar werden dereinst. Nicht mehr soll der Irrlehrer die Täuschung träufeln in der Menschen Seelen, der Böse, der schlechten Glauben mit seinem Munde bekannt hat. Ich will reden von dem, was in der Welt das Höchste ist, was gelehrt hat Vishva Karman, der größte der Menschheit. - Und der nicht hören will meine Worte, wird Schlimmes erleben, wenn in der Zeiten Lauf das Geistige verkündet werden wird auf Erden.

Weiter kommen wir zu den späteren nachatlantischen Kulturen und schreiten zu der dritten nachatlantischen —, der ägyptischen Kultur, in der Zeit, in welcher die altägyptische Kultur aufblüht. Nur einen ganz kleinen Ausschnitt können wir heute von ihr geben in Bezug auf ihren geistig-seelischen Inhalt. Für diese Kultur lebte religiös etwa die Frage auf: Wie verhält sich die einzelne Seele, die in uns wohnt, die entsprungen ist aus der geistig — seelischen Heimat, wie verhält sie sich zu dem Geistigen, das die Welt durchsetzt?

In der alten Zeit ragte der Mensch noch zum Teil in die geistige Welt; nun tritt ein, dass der Mensch immer lieber gewinnt, was die äußere Kultur bringt, und so sehen wir in der dritten Kulturepoche, in der chaldäischbabylonisch-assyrischen auf der einen Seite und in der ägyptischen auf der andern Seite, wie eine weitere Eroberung der physischen Welt sich abgespielt hat. Wir sehen, wie der Mensch nicht mehr hinaufschaute zum Sternenhimmel, um zu sagen: In diesem lebt Maya und hinter den Sternen das eigentlich Geistige, das Brahman —, sondern jetzt betrachtete man aufmerksam den Lauf der Gestirne, und eine wunderbare Wissenschaft entstand. In der Bewegung der Sterne, in ihren Figuren erkannte der Mensch eine äußere Verwirklichung der Absichten der geistigen Wesenheiten. Der Mensch gewann für die Sinnenwelt Interesse, um das Göttliche durch sie zu erfahren. Jetzt war ihm die Sinnenwelt der physiognomische Ausdruck für das Göttliche geworden. So wurde mit der Geometrie auch die Erde erobert. Aus den geistigen Höhen drang der Mensch immer mehr mit seinem Erkennen in die Sinnenwelt hinein. Immer fremder wurde er dadurch der geistigen Welt. Die Folge war, dass ganz andere Ansichten entstehen mussten über den Zusammenhang des Menschen mit dem Geistigen.

Das Verhältnis der Menschenseele zur geistigen Welt ist in der ägyptischen Religion dargestellt in der Osirissage. Die erzählt, Osiris habe in der Welt geherrscht. Er sei aber zu gut gewesen, als dass seine Herrschaft auf Erden habe bleiben können, er sei deshalb von seinem feindlich gesinnten Bruder Typhon überwunden worden und in den Sarg gelegt. Seine Gemahlin Isis konnte ihn nicht mehr retten und zog dafür seinen Sohn Horus auf. Osiris stieg auf in die geistige Welt. Die Sage berichtet also: Diese göttliche Gestalt hat einmal als Genosse der Menschen auf Erden gelebt, musste sich dann aber zurückziehen in die geistige Welt. Dieser Welt wurde dann eine Art Stellvertreter in dem Horuskinde gegeben. — Dem alten Ägypter wurde gesagt, wenn er durch die Pforte des Todes gehe, dann werde er nicht nur mit Osiris vereint werden, sondern seine Seele wird selbst osirisch, selbst ein Osiris, mit ihm zusammengewebt. Der Mensch wird vergeistigt, wird selbst osirisch. Wenn der Mensch sich sagen musste: Ich gehöre mit meinem innersten Wesen der geistigen Welt an —, so musste er sich wiederum sagen: Verhüllt ist mir der Zusammenhang mit der geistigen Welt; wenn sie mir aber abgenommen wird, die Hülle, dann werde ich wieder vereint werden mit der geistigen Welt; denn als mit Osiris der Versuch gemacht wurde, ihn in einen Kasten zu tun, wurde er entrückt in die geistige Welt.

Es lag in dem Ägypter das Bewusstsein: In deiner Seele lebt ein Göttlich-Geistiges; vereint damit kannst du erst sein nach dem Tode. Dann erst wirst du selbst sein Osiris. Das Wesen, das als Osiris mit dir vereinigt sein wird, kann in dieser Welt nicht Gestalt nehmen, das wird aber einmal Gestalt annehmen und Dasein in der physischen Welt.

So sehen wir auch in dieser dritten Epoche, wie fortgesetzt wird die Prophetie. Was die Rishis den Indern als Vishva Karman, was Zarathustra den Persern als Ahura Mazdao angedeutet hat, das sah in Osiris der Bekenner der ägyptischen Religion und sagte voraus, dass dieses Wesen einmal erscheinen würde.

Werfen wir nun noch einen Blick in die vierte Epoche, in die griechisch-lateinische oder griechisch-römische. Noch weiter geht da die Eroberung der physischen Welt. Da ist der Mensch so weit gekommen, dass er imstande ist, eine Art von Ehe zu bilden zwischen dem, was im Geiste erlebt und was in der äußeren physischen Welt Geschehnis wird. Das sehen wir in der Kunst, die da für die Menschheit etwas ist, das in allen Teilen der Materie zugleich ein Abbild des Geistigen ist. In der griechischen Kunst sehen wir verbunden, wie zu einer Ehe, das Geistige mit dem äußeren Materiellen. Darauf beruht die Größe des griechischen Tempels. Dieser ist der unmittelbare Abdruck dessen, was in der Seele des damaligen Menschen lebte.

Dieses Prinzip der griechischen Kunst können wir uns klarmachen, indem wir betrachten den Unterschied zwischen einem griechischen Tempel und einem gotischen Dom. Worin liegt der Unterschied? Irgendwo, einsam stehend, mit dem Götterbilde, weit und breit keine Menschen und doch ganz eine abgeschlossene Totalität. So finden wir den griechischen Tempel, so spricht seine Architektur, dass wir uns sagen: Es ist das Haus des Gottes, der darin wohnt, auch wenn keine Menschen da sind —, es sind keine Menschen nötig in diesem Tempel.

Bei der gotischen Kirche ist das ganz anders. Hiermit soll keine Kritik geübt werden, jedes Ding steht im rechten Verhältnis zu seinem Zwecke. Sie ist mit ihren Spitzbogen, in ihrer ganzen Zusammenfügung erst vollständig, wenn die gläubige Menge darinnen ist. Die gehört dazu. Ein solcher Vergleich kann so recht versinnbildlichen, wie jene Ehe in der griechischen Kunst zwischen Materie und Geistigem sich vollzogen hat.

Und wenn wir die römische Welt anschauen, so sehen wir, wie in der einzelnen Persönlichkeit zum Ausdruck kommt das Fühlenlernen des Wertes der physischen Welt. Und noch weiter zurück können wir gehen, zu den griechischen Polis, um zu sehen, wie der Bürgerbegriff entstand, der eigentlich erst in der römischen Welt zum vollen Ausdruck kommt und den man erst klar erkennt, wenn man vergleichsweise zurückgeht zu dem, was der alte Inder fühlte. Während ihm das, was in der physischen Welt war, nur als ein Schatten der wirklichen Welt galt und Wirklichkeit erst in der Vereinigung mit Brahman, so wie beim Ägypter mit Osiris - wollte der Römer ganz fest stehen in dieser physischen Welt, indem er sich als Bürger fühlte.

Niemals hätte ein alter Inder etwas verstehen können von einer Gottheit im physischen Leibe wohnend, denn die physische Welt war ihm ein Schattenbild der geistigen. Die menschliche Persönlichkeit ist erst ganz verständlich geworden der vierten Epoche; daher konnte die vorherverkündete Wesenheit erst eintreten in dieser Zeit. Es war keine andere als die Christuswesenheit, von der die Rishis als dem Vishva Karman gesprochen hatten, die damals nur begreiflich war in der geistigen Welt und die in der Epoche, in welcher am meisten erobert war die physische Welt, hier als Mensch unter Menschen verwirklicht wurde.

Vorbereitet wurde dies dadurch, dass die Menschen scharf darauf hingewiesen wurden, was die innerste Natur des Menschen ausmacht, die eine solche Wesenheit verwirklicht. Daher das Wort: «Wenn ihr nicht glaubt Moses und den Propheten...» (Joh 5,46—47, Lk 16,31) Und wer Johannes versteht, weiß, dass in dem «Ich bin der Ich bin» (2 Mos 3,14), dem «ejeh asher ejeh» des Moses, nichts anderes verkündet werden sollte als der Christus, nicht vom Jahvegott die Rede sein sollte, sondern von der Vorherverkündigung des Christus: Ihr sollt einen Gott anerkennen, der zu begreifen ist in der sinnlichen Welt, der in allem um euch herum webt und lebt, in Blitz und Donner, in Pflanze und Mineral, in der ganzen euch umgebenden Welt —, wollt ihr etwas haben, wo es euch verständlich sein kann, wie er lebt und webt, dann müsst ihr auf jenen eigentümlichen Laut hören, wo die Seele zu sich spricht: «Ich bin», dann müsst ihr auf euer Ich hören —, das ist der beste Ausdruck zugleich für das Ebenbild der Gottheit. - Was in jedem Menschen lebt, lebt auch als der alles durchdringende Gott; das erschien auch in dem größten Menschen, der über die Erde geschritten ist, dem Christus. Es erschien diese göttliche Wesenheit in der vierten Kulturepoche.

So sehen wir, wie der Weisheitskern der Religionen webt und strebt vorwärts, wie das Blatt zum Blütenblatt, welches die Frucht birgt, so sehen wir, dass das, was die alten Rishis lehrten, immer reifer wird, bis es als Frucht erscheint in dem Gottesmenschen, der über die Erde schreitet; und wir sehen die Notwendigkeit des Fortschrittes darin. Wir sehen, wie in gewisser Beziehung das Christentum freilich dasselbe enthält wie die andern Religionen; wie es das Einheitliche enthält, aber doch auch wieder in anderer Form. Daher hat derjenige nicht recht, der sagt, es käme darauf an, dass dieselbe Lehre darin sei wie in den andern Religionen. So lange es auf den Lehrinhalt ankommt, kann man das sagen. Da, wo die geistige Weltanschauung als Lehre verkündet ist, wie die alten Rishis tun mussten, wie Zarathustra und die Führer der ägyptischen Hermesreligion, die Führer der geheimnisvollen Mysterien taten, haben wir dasselbe, was wir auch in den Geboten Christi nachweisen, ja! Aber zu erkennen, dass das, wovon die anderen Religionen nur gesprochen, dass das der Christus ist; zu verstehen, zu begreifen eine geistige Erscheinung als Persönlichkeit, zu verstehen den Christus, nicht bloß die Lehre, das macht das Christentum aus.

Wenn bei den Religionen als von dem Logos, der gelehrt werden kann, gesprochen wird, so muss beim Christentum von dem Menschenlogos gesprochen werden, der Träger der Religion geworden ist. Was früher nur gelehrt werden konnte, wurde nun gelebt. Das Leben selbst dieser Lehre macht das Wesentliche des Christentums aus. So konnten jene Religionsführer von sich sagen: Ich bin das Ziel und der Weg. Jene Führer, ein Zarathustra, ein Moses hätte sagen können: Ich bin der Weg und die Wahrheit —, aber erst Christus konnte sagen: «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.» (Joh 14,6)

Der Weisheitskern in den Religionen ist im Christentum Frucht geworden und damit Keim. Wie wir jetzt den Ursprung des Christentums in den Religionen suchten, so wollen wir morgen über die Zukunft des Christentums sprechen, denn so wahr wie es die Frucht aller andern Religionen enthält, so wahr ist es, dass in ihm der Keim für eine große Entwicklung liegt, denn obschon fast zwei Jahrtausende seit dem Erscheinen der Persönlichkeit des Christus auf Erden vergangen sind, stehen wir doch erst im Anfang des Christentums.

So sehen wir, wie in unserem Zeitalter nach und nach der Mensch seine Verbindung gesucht hat mit dem Göttlich-Geistigen und blicken in das, was alle Völker als Weisheitskern ihrer Religion empfunden haben, erkennen, warum darin die Kraft und Stärke liegt, welche dem Menschen die Hoffnung geben, sein Ziel zu erreichen.

Wer so hineinschaut in das Geistesleben der Menschen, getraut sich das Wort eines großen Dichters zu ergänzen, das schöne Wort Goethes:

Seele des Menschen, wie gleichst du dem Wasser, Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem Wind,

erweckend damit die Vorstellung, dass das Leben der Seele auf und abwogt, wie die Welle des Wassers, die gepeitscht wird vom Winde.

Derjenige aber, der jene Kraft ins Auge fasst, die in dem die Menschen durchziehenden Leben ist, sagt noch hinzu: Wahr ist es, der Wind peitscht die Wellen; aber wahr ist es auch: der Wind, die Luft wird durchsetzt vom Licht, und die lichterfüllte Luft enthält das Element, das alles sprossende Leben aus der Erde herauszaubert. Wahr ist es, dass das Wasser, durchzogen von der Wärme, hinaufgetrieben und Wolke wird und als Regen wieder herunterkommt.

Des Menschen Seele gleicht dem Wasser, Vom Himmel kommt es, Zum Himmel steigt es — Wahr ist aber auch, dass der Segen des Gedeihens daraus entsteht, dass das Wasser vom Feuer durchzogen, segnend wirkt und dass ebenso die Seele des Menschen durchglüht sein kann von jenem Feuer des Ich, das sich verwandt fühlt dem Lichte, das durch das Schicksal waltet und vergleichbar ist der die Welt durchwehenden Weisheit. Dann wird die Welt der Seele erfüllt von dem Empfinden der göttlichen Weisheit. So ist die Seele etwas, das auf- und abwogt zwar, aber sicher ihres Schicksals, ihrer inneren Kraft und dadurch ausgießend von sich selber diese Kraft, diese Stärke dessen, was in der ganzen Welt lebt, als ihr Heil und ihr Fortschritt.

German original of The Wisdom at the Core of Religions · ← Previous · Next →