The Essence of Christianity
GA 68a — 4 February 1909, Basel
Die Bedeutung des Christentums für die Zukunft
Meine sehr verehrten Anwesenden! Es gibt in unserer Gegenwart gewisse Kreise, welche behaupten, auf dem Boden der neueren Wissenschaft zu stehen, und von diesem Boden aus dann versuchen, das Christentum zu betrachten, namentlich nach der Richtung hin, was es für den heutigen Menschen, namentlich auch für den Menschen der Zukunft noch sein könne. Heute soll hier nicht die Rede sein von diesen Betrachtungen, welche zuweilen zu einer vollständigen Negation, zu einem Auslöschen der christlichen Überzeugung kommen, sondern es soll vom Standpunkte der Geisteswissenschaft oder Theosophie, wie man sich gewöhnt hat, diese Geistesforschung zu nennen, das Christentum in Bezug auf seine Wirkungsfähigkeit in die Zukunft hinein betrachtet werden.
Gestern versuchten wir, den religiösen Werdegang der Menschheit ins Auge zu fassen; heute soll diese Betrachtung darin gipfeln, dass wir die verschiedenen religiösen Strömungen heranentwickelt sehen und eine Art von Höhepunkt erhalten in dem, was man den Christusimpuls nennt.
Die Theosophie soll — dieses Missverständnis kann sozusagen nicht oft genug aus der Welt geschafft werden —, nicht aufgefasst werden wie eine neue Religion, überhaupt nicht wie eine Religion; sie soll betrachtet werden wie ein Werkzeug, die Religionen zu verstehen, in den aufeinanderfolgenden Religionen den Wesenskern zu suchen. Auch dem Christentum gegenüber nimmt die Geisteswissenschaft die Stellung eines Werkzeuges ein, um es in seiner ganzen Bedeutung zu verstehen.
Allerdings kommt sie da zu einem anderen Resultat als zu dem einer Negation. Dasjenige, was sich als Frucht ergeben hat der religiösen Entwicklung, war der mächtigste irdische Impuls. Und die Theosophie muss, je tiefer sie sich einlässt in seinen inneren Kern, zu der Anschauung kommen, dass trotz einer fast 2000-jährigen Entwicklung des historischen Christentums in Empfindung, Gefühl, Interesse die christliche Entwicklung gerade erst im Anfang steht innerhalb der Erdenentfaltung, und dass das Christentum in sich Kräfte und Impulse hat, die in eine weite Erden-Perspektive hineinweisen. — Das soll der Inhalt unserer heutigen Betrachtung sein.
Dazu werden wir nun über das Wesen des Christentums sprechen müssen. Sehr viel des Unterscheidenden und Grundlegenden, vieles müsste gesprochen werden, sollte der ganze Umfang auch nur ganz flüchtig skizziert werden, in der Absicht, dass eine der charakteristischen Eigenschaften dieses Impulses vor unsere Seele treten soll, die besonders anschaulich machen kann dieses Prinzip.
Am besten wird sie mit den Worten charakterisiert, die den Gegensatz zwischen dem alten Gesetz und der neuen Freiheit bezeichnen, die durch das Paulinische Gesetz in das Christentum gekommen ist. Oberflächlich kann dies so charakterisiert werden: Die Menschheit ist in ihrer jahrtausendlangen Entwicklung allmählich reif geworden, ihre Innerlichkeit immer intensiver zu gestalten. Bei allen Völkern in früheren Zuständen der Entwicklung findet man, dass jenes Ich-Gefühl, jenes Selbstständigkeitsgefühl ganz langsam und allmählich gekommen ist. Es ist daher der Grundimpuls des Christentums nicht immer in der Menschheit vorhanden gewesen, wie er mit dem Beginn unserer Zeit eingetreten ist. Der heutige Mensch kann es sich nicht mehr zum Bewusstsein bringen, dass die Art, wie er sich als selbstständiges Wesen auffasst, als ein Wesen mit eigenen Impulsen, dass die erst geworden ist. Bei allen Völkern aber haben wir einen solchen Ausgangspunkt, dass der Einzelne sich nicht in dieser intensiven Weise als Individualität, sondern dass er sich als Glied eines Stammes, eines Volkes oder einer sonstigen Gemeinschaft fühlte. Ein jeder Mensch eines jeden Volkes empfand so; er sagte nicht wie jeder Mensch heute zu sich «Ich». Vielmehr zu der ganzen Gruppe, zu der ganzen Gemeinsamkeit, dem Stamme, dem Volke sagte er «Ich», wie der Finger zu unserem ganzen Organismus, nicht zu sich «Ich» sagen würde, wenn er sprechen könnte, sich als Organ eines Seelen-Ichs betrachten müsste.
Sie können das noch nachfühlen, wenn Sie jenes einzigartige, wunderschöne Geschichtsprodukt lesen, die «Germania» von Tacitus. Da können Sie lesen, wie der Cherusker, der Cheruler sich mehr wusste, sich mehr fühlte als Glied seines Stammes denn als ein selbstständiges Ich.
Die menschliche Seele zentralisiert sich erst allmählich; daher finden wir auch, dass in jener großen Kultur, die das Christentum vorbereitet hat, innerhalb der hebräischen Kultur, Moses mit dem Worte: «Ich und der Vater Abraham sind eins» etwas ganz Besonderes sagen wollte, etwas womit er hinwies auf den Stammvater des ganzen Volkes. In dem Bewusstsein des alten hebräischen Bekenners hieß das Wort sehr viel: «Ich und der Vater Abraham sind eins», das Blut, das vom Stammvater des Volkes herunterfloss, war etwas, wovon der Einzelne sich getragen fühlte; er blickte in scheuer Ehrfurcht zu dem, woher er und die anderen Menschen ausgeflossen. Wie ein gemeinsames Ich, ein Gruppen-Ich war es, worauf man hindeutete, wenn man sich auf den Vater Abraham berief. Da bin ich hineingesenkt; in dem Blutstrom, der durch die Generationen herunterfließt, fühle ich mich als in einem Dauernden, während in meinem Wesen zwischen Geburt und Tod alles ein Vergängliches ist.
Das wurde immer mehr gelockert, was man da fühlte als eins in einem Ganzen, von dem die Folge war die Liebe; und diese war daher gebunden an das Sich-einsFühlen als ein Ganzes. Was verwandt war, fühlte sich hingezogen von Mensch zu Mensch. Während der Erdenerziehung soll der Mensch immer mehr sich in Liebe hinaufentwickeln, und so sehen wir, wie der Einzelne immer mehr sich herausgliedert aus der Ganzheit. Wenn es bei diesem Heraustrennen nur geblieben wäre, wenn nicht auch ein anderer Impuls hineingekommen wäre in die Menschheitsentwicklung, was wäre dann geworden?
Schon innerhalb der alten hebräischen Bekennerschaft war es nötig, durch äußere Gebote zu regeln das menschliche Zusammenleben, das, was immer mehr auseinandergegangen wäre, wenn das Ich sich immer mehr herausgegliedert hätte aus seinem Ganzen. In diese Entwicklung der Menschheit hinein fiel der Christus-Impuls. Nicht mehr mit den alten Blutsbanden rechnete man, mit dem Menschen als Ich-Wesen rechnete man. Daher setzte der Christus an die Stelle des alten hebräischen Wortes: «Ich und der Vater Abraham sind eins» das bedeutsame Wort: «Ich und der Vater sind eins» (Joh 10,30); das, was als Ich-Wesen in mir lebt, ist nicht nur eins mit einem durch Blutsbande verknüpften irdischen Wesen, sondern eins mit einem geistigen Wesen.
Es gibt ein Geistiges, das zugrunde liegt allem physischen Dasein, mit dem ist auch jedes einzelne Ich eins. Unabhängig von unseren anderen Zusammenhängen hat ein jeder einen Zusammenhang mit dem geistigen Vaterprinzip des Universums gewonnen.
Ehe denn Abraham war, war das «Ich bin» (Joh 8,58),
das heißt, es gibt im Menschen etwas, was ewig, unvergänglich ist, das von jedem von uns da war, ehe ein äußerlich Sichtbares da war; ehe Abraham da war, gab es dieses Geistige.
In jedem individuellen Ich ist ein Quell des Wirkens, des Handelns, des Verstehens der Welt. Das musste entstehen in jedem Menschen. Wenn der einzelne Mensch hingezogen wird, seine Verbindung mit dem Christus zu suchen, muss dem Menschen die Möglichkeit gegeben werden, anstelle der alten Liebe eine neue Liebe, die geistige Liebe zu setzen, eine Liebe, die unabhängig ist von allen Blutsbanden, eine Liebe, die aus jeder Seele entspringt und von jeder Seele zu jeder Seele hingeht.
Durch den Christus kam in die Erdenentwicklung jener Impuls, welcher, wenn er sich ganz ausleben wird, in jeder Seele Liebe wirkt, welcher bewirken wird, dass jede Seele das rechte Verhältnis zur Welt, die rechte Liebe zu den Menschen finden werde. Und gerade in diesem Sinne, gerade hierin stehen wir im Anfange des Christentums. Durch dieses Einleben wird jedes Ich freier und freier. Von Paulus ist das ausgesprochen:
Nicht ich wirke in mir, der Christus ist es, der aufgenommen wird. (Gal 2,20)
Wir dürfen dieses Christentum nicht etwa so verstehen, dass durch die neue Freiheit, durch jene Liebe, die eine geistige ist, etwa die alte aufgehoben ist; nicht etwas nehmen, nicht auflösen, nicht zerstören das Alte will die neue Liebe, sondern das Alte behalten und noch etwas Neues hinzugeben sollte sie, das Alte nicht verarmen, sondern bereichern. Die Liebe von Menschenseele zu Menschenseele kommt hinzu zur Verwandten- und Bluts-Liebe. Diese neue Liebe, die zuletzt, wenn die Erde zu ihrem Ziele gelangt, alle Menschen umfassen wird, ist der Christus-Impuls. Es ist der Impuls der die Erde umspannenden Brüderlichkeit und daher zugleich der Inhalt alles dessen, was der Mensch überhaupt auf der Erde erobern kann.
Als Christus erschien, gab es die Überreste der alten Weisheit; da hatten die Kenner der Religionsgeheimnisse ein Ziel. Und wir finden es wunderbar ausgesprochen gerade in der ersten christlichen Zeit, wo alle, die ausgerüstet sind mit alter Weisheit, herangehen, um dem Christentum einen Ausdruck zu geben. Wie dachten sie sich das Verhältnis dessen, was man wissen konnte aus den alten Bekenntnissen heraus im Verhältnis zu dem Christus selber? Etwas ganz Außerordentliches ist in der christlichen Wesenheit des Jesus von Nazareth erschienen. In dem, was die Rishis als Vishva Karman bezeichneten, in dem, auf das Zarathustra hinwies als Ahura-Mazdao, und wiederum die ägyptische Hermes-Lehre, indem sie sagte: Wenn die Seele durch die Pforte des Todes geht, wird sie eins mit Osiris, in demjenigen, wo hingewiesen wird auf das Einswerden mit Osiris —, in alledem wird hingewiesen auf das eine große Wesen, das erschienen ist in dem Jesus von Nazareth. Und die alten Weisen hatten die Stimmung im Gemüte: Alles, was die alten Religionsstifter gesagt haben, müssen wir aufwenden, um diese einzigartige Erscheinung zu begreifen.
Man nannte zum Beispiel die Gnosis in dem Kreise das, was gerade da war, um alle menschlichen Empfindungen aufzubringen, um den Christus zu begreifen. Sie war weit, weit entfernt von einer heutigen negierenden Wissenschaft, welche das Einzigartige der Christuserscheinung in triviale Begriffe des materiellen Lebens zu fassen sucht. So war ungefähr jene Erziehung, welche die ersten christlichen Lehrer den Bekennern angedeihen ließen: dass keine Weisheit hoch genug hinaufgreifen kann, um zu begreifen die Christuserscheinung. Diese Stimmung spricht auch aus den Paulinischen Briefen und dauert bis ins vierte und fünfte Jahrhundert bei denen, die das Christentum begriffen, nicht bei denen, die es korrumpierten. Was man so lehren konnte, kam als erste Frucht des Christentums in die Welt.
Dann kamen die großen Erscheinungen des Mittelalters. Seine Schattenseiten könnte man selbstverständlich auch aufzählen. Wir wollen aber heute auf die Größe in der Entwicklung des Mittelalters hinweisen; denn das andere fällt ab vom Baum der Entwicklung, das Große wächst fort.
Was der Christus war, zeigt uns die erste Stufe. In der zweiten Stufe treten die mitteleuropäischen Völker in das Christentum ein. Es beginnt eine neue Zeit für das Christentum. Da sehen wir jene viel geschmähte Wissenschaft des Mittelalters, die als wirkliche Wissenschaft ausgeht von einem ganz bestimmten Grundsatz, den man nicht verkennen sollte, Sie hat das Gefühl, das im Anfang das Christentum erfüllte, dass die Gestalt des Christus stimmt mit all der übersinnlichen Welt in ihren einzelnen Erscheinungen. Die christlichen Gelehrten des Mittelalters betrachteten es als ihre Aufgabe, allen menschlichen Scharfsinn darauf zu verwenden, um zu begreifen, was mit dem Ereignis von Palästina geschehen ist und wie es mit der ganzen übersinnlichen Welt zusammenhängt.
Ungeheuer viel Gedankenkraft ist darauf verwendet worden, wie Christus mit der geistigen Welt zusammenhängt und wie die anderen geistigen Wesenheiten, die hinter dieser physischen Welt stehen, mit ihm zusammenhängen, wie die guten und schlechten Seiten der menschlichen Natur in ihr vorhanden sind. So viel Scharfsinn ist darauf verwendet worden, dass es der heutigen Zeit viel zu scharfsinnig dünkt, und sie betrachtet alles, was darauf gewendert ist, als scholastisches Gespinst, als schöne Übung des menschlichen Verstandes, angewendert auf ein Objekt, das man doch hingenommen hat als Offenbarung und auf das man den Verstand nicht anwenden sollte. Heute ist die Philosophie so stolz darauf, an diesen Intellekt zu interpellieren, und geht nicht mit bei diesem wesenlosen scholastischen Gespinst, und es wird als erwas Überwundenes angesehen, was solche christliche Wissenschaft des Mittelalters gewesen ist. Lassen Sie uns einen Augenblick auf einen Standpunkt uns stellen — der nicht wirklich zu sein braucht —, um zu sehen, was gemeint ist mit scholastischer Betrachtung. Lassen Sie uns sagen, dass es gar nicht darauf ankommt zu wissen, wie Christus mit der geistigen Welt in Beziehung steht, und nur auf das Eine sehen, was geschichtlich nicht abgeleugnet werden kann: dass die gebildeten Leute des Mittelalters sich damit befasst haben, ihren Verstand in scharfsinnigster Weise auf diese Probleme zu wenden. Möge er an werte oder unwerte Probleme gewandt sein, der Verstand ist dadurch zu etwas erzogen worden, zu etwas, das sich sonst nicht zu menschlichen Fähigkeiten entwickelt hätte. Fragen wir: Was ist daraus geworden? Wir sehen, wie der Intellekt im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert fähig wird, die modernen Fortschritte der materiellen Welt einzuleiten. Für den, der sich nicht auf Vorurteile einlässt, für den ist es klar, dass alles, was wir an viel bewunderter, moderner Wissenschaft, Praxis und Kultur haben, dem durch das Mittelalter hindurch geschulten Intellekt zu verdanken ist. Warum konnte Kopernikus so gut denken, so gut diesen Intellekt bewegen, dass er die neue Anschauung über die Himmelskörper gewann? Weil aus dieser Schule die Stärke des Intellektes hervorgegangen ist. — Fragen wir nun: Woher stammt des Kepler Geist, des Galilei einschlagender Scharfsinn, woher die reformatorische Kraft des Giordano Bruno? Sehen wir auf das, wozu diese Geister fähig geworden sind zu alledem, was sie geleistet haben, so finden wir, dass ihre Kräfte sich entzündet haben an der christlichen Entwicklung des Mittelalters.
Was ist es also, was uns die moderne Wissenschaft gebracht hat? Wo liegt die Möglichkeit für die heutige Industrie, in ihren Kraftelementen sich so zu gestalten, wie sie ist? Was hat den modernen Handel und Verkehr gebracht? Die Gedankenformen sind es, die allem zugrunde liegen, und sie sind herausgewachsen aus der christlichen Erziehung des Mittelalters.
Mit Recht mag der Mensch bewundernd stehen vor einem Wunderwerk der Technik wie dem Gotthardtunnel. Wer hat es gebaut? So fragen wir, nicht nach dem äußeren Schein, sondern nach der inneren Wesenheit; denn diejenigen, welche daran gebaut haben, wurden geleitet von denjenigen, die so etwas verstehen. Was muss man aber verstehen, um solch ein Wunderwerk machen zu können? Verstehen muss man, was ein solcher Geist, wie ihn Leibniz trägt, dieser Wissenschaft zugrunde gelegt hat. Dadurch, dass er diese Rechnungsart gefunden hat, sie einfließen ließ in das ganze moderne Denken — hat er nicht dadurch mitgebaut am Gotthardtunnel und an der ganzen modernen Kultur? Wo anders als in der einsamen Stube des Denkers entspringt alles das? Denken Sie sich Leibniz ohne die ganze Erziehung des Mittelalters! Wenn Sie real denken wollen; die Fähigkeiten zur ganzen modernen Kultur, insofern sie intellektuelle sind, verdanken ihre Entwicklung, datieren sich von dem Zeitpunkt, wo sich das Christentum in die mitteleuropäische Welt eingebürgert hat.
Erst wird gleichsam zu denjenigen gesprochen, die Zeitgenossen, die Nachfolger des Jesus von Nazareth sind, von dem, was physisch da ist, dann von dem, was die Erinnerung sich bewahrt hat. Dann emanzipiert sich das, was sich als Fähigkeit entwickelt hat, und begründet die ganze moderne Kultur.
Damit sind wir aber erst bis zu uns selbst gekommen. Wir sehen aber dabei das Christentum auf gewissem Wege, wie es sozusagen sich verinnerlicht, sich in die Menschen hineinbewegt; erst als etwas Äußerliches, das undenkbar ist, ohne dass jemand hinweist auf den in Palästina lebenden und gestorbenen Jesus von Nazareth. Es wird gesprochen davon, dass man nicht durch Vernunft beweisen, ihm nahekommen kann. Es wird hingewiesen auf Tatsachen, auf Menschen, die in die Wunden ihre Hände gelegt haben. Es wird mit Sorgfalt darauf hingewiesen, und auf die, welche noch zu Füßen der Apostel gesessen haben, welche die Erscheinung des Christus gehabt haben. — Das verschwindet allmählich und zieht sich allmählich in das Innerliche hinein.
Bei Nikolaus von Kues und in der Wissenschaft bis Kopernikus, bis zu Galilei und Kepler, überall finden wir, dass fähig gehalten wird der menschliche Intellekt, zu begreifen, was so geschehen ist. Und weiter sehen wir, wie geradezu die Fähigkeit, der scharfe Sinn, der sich an dem christlichen Objekt entwickelt hat, sich loslöst und modernes Denken wird, die Lebensweise unserer neuen Wissenschaft.
Und fragen wir: Wo liegt das Arsenal von der Gedankenschärfe und Kritik, die zum Beispiel einen David Friedrich Strauß befähigte, das Christentum so stark zu bekämpfen? Wo liegt das Arsenal zu dem Scharfsinn, der die ganze Bibelkritik hervorgerufen? Die christliche Entwicklung selber ist das Arsenal für diese Gedanken. Sogar die Kritiker, die sich gegen das Christentum wenden, haben ihre Fähigkeiten der christlichen Entwicklung zu verdanken. Leugnen wird man es zwar, wenn man auf dem modernen Standpunkt steht; für den aber, der die Entwicklung real durchschreitet, wird diese Entwicklung ein Beweis, wie er nicht stärker sein kann.
Zwischen allen Kräften, die sich da entwickelten und die Macht und den Glanz unserer Kultur gebracht haben, entwickelte sich noch etwas anderes, was das Christentum noch weiter in das menschliche Innere tragen sollte, in die tief in der menschlichen Seele liegenden Untergründe tragen sollte. In der Mitte des Mittelalters, in solchen Leuten, wie Johannes Tauler, Meister Eckhart und Angelus Silesius sehen wir das. Wir sehen, wie diese Menschen von einer christlichen Erscheinung reden, die nicht mehr auf äußerlich Tatsächlichem, auch nicht mehr auf Erinnerungen beruht, auch nicht an den Intellekt appelliert, sondern an das Tiefste im Menschen: das menschliche Ich, indem sie mit all ihrer Inbrunst darauf hinweisen, dass in jedem Ich aufleuchten kann der Christus-Impuls, das, was Paulus selber so bedeutsam hingestellt hat als den Christus im Menschen (Gal 2,20); der kann in einem jeden Einzelnen aufleuchten.
So treten wir in eine Phase, die eine neue Epoche für die Zukunft vorbereiten kann. Der Meister Eckhart wies insbesondere auf das menschliche Ich, das den Christus in sich selbst erleben kann. Bei solchen Geistern dürfen wir aber nicht bloß von einem inneren, abstrakten Christus sprechen. Ja, unseren Modernen würde das passen, dass man sagt: Um den äußeren historischen Christus kümmern wir uns nicht. Wenn er im Innern geboren ist, was geht uns dann der historische Christus an! Es ist gedankenlos zu sagen, dass er im Innern bestehen könnte ohne den äußeren Christus.
Da brauchen wir nur einen anderen Gedanken vor unsere Seele zu rufen. Wie oft wird heute nachgesprochen in der subjektiven Philosophenschule: Ohne das Auge kein Licht. Gewiss, der Blindgeborene sieht es nicht. Ohne das Auge wäre die Welt um uns farblos, ohne das Ohr würden keine Töne für uns da sein. Aber nun betrachten wir die andere Seite der Sache, die ganz einfache Tatsache, die immer wieder erscheint, wenn von solchen Dingen die Rede ist. Es gibt Tiere mit Augen; sie verändern ihre Lebensweise, ziehen in finstere Höhlen. Dort brauchen sie nicht zu sehen; die Augen verkümmern. Andere Organe werden stark, die sie brauchen. Von den Augen bleiben nur Rudimente. Durch Abwesenheit des Lichtes werden die Augen zurückgebildet.
Ebenso wurden die Augen im Laufe der Entwicklung erst gebildet. Daher sagt Goethe, der tief in diese Dinge hineinblickte: Das Auge ist am Lichte für das Licht gebildet worden. Aus gleichgültigen Organen hat das Licht das Auge nach und nach herausgebildet. Einstmals in der Urzeit war der Mensch ein solcher Organismus, dass gleichgültige Punkte da waren; durch das Licht ist das Auge da herausgeholt worden. Deshalb hat derselbe Goethe, der das schöne Wort gesprochen hat:
Wär’ nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt es nicht erblicken, auch die andere Seite betont: dass das Auge, wenn es für das Licht da ist, nur daraus entstehen konnte, wenn das Licht die Zauberkraft entfaltete, dieses Auge zu entwickeln.
So wie im Auge lichtempfindliche Kraft ist, so ist in der Seele die Christus-empfindliche Kraft, die Kraft, die den mystischen Christus empfinden kann. Wie kann sie sich aber in der Welt weiterentwickeln? — an dem historischen Christus! Für die mystische Christusentwicklung musste er als objektive Wesenheit, als historischer Christus da sein. Als historischer Christus musste er erst da sein, denn von der objektiven geistigen Kraft erst geht die Kraft aus, von der die Christus-Empfindung kommen kann, aus der das Christus-Erlebnis hervorgeht.
Wie das Auge am Sonnenlicht, wird das Christus-Erlebnis am Christus selbst gebildet, und wenn das Christus-Erlebnis in die Erdenentwicklung eintreten wird, wird dieses Erleben des Christus im Ich immer mehr hingeführt werden zur Erkenntnis der großen historischen Gestalt des Christus. Man wird ihn erleben wie das Auge das Licht. Als großes Ideal steht das jetzt vor uns, womit ich am besten auf die Zukunft des Christentums hindeuten kann.
Lassen Sie uns zunächst noch einmal zurück auf die Begründung des Christentums blicken. Wodurch ist es entstanden? — Kritiker berufen sich so gern auf die drei ersten Evangelien, um den Christus in menschlicher Gestalt zu erblicken, weil es sie geniert, hinaufzublicken zu dem Höheren, dem Unerreichbaren. Sehen wir aber den an, der in der wahren Gestalt den Christus erblickt hat. Wer konnte am besten wissen? — Der miterlebt hat! — Nicht wollen wir damit den Wert der drei ersten Evangelien herabziehen, gewiss nicht.
Aber schauen wir weiter. Wurde aus dem Saulus ein Paulus durch das, was er in Palästina erleben konnte? Lediglich durch das Ereignis von Damaskus (Apg 22, 6-8), wodurch er entrückt wurde der sinnlichen Welt, wodurch er erlebte, dass dieses Wesen real ist, welches in Palästina gewandelt, gekreuzigt und gestorben ist. Dass dasselbe, das am Kreuze geblutet hat, zu finden ist für den geistigen Blick, das machte den Saulus zum Paulus.
Niemand, der nicht richtig würdigt diese Tatsache, dass durch übersinnliche Wahrnehmung und Erkenntnis, durch Schauen in die geistige Welt nur der Christus erkannt wird, begreift ihn. Derjenige, der die schlummernden Geistesaugen und -ohren zur Entwicklung bringt, der kann das. Bei Paulus geschah es wie aus Gnade, wie durch Frühgeburt, dass er berufen wurde zu schauen in die Geisteswelt und zu schauen den Christus, der dort lebt.
Das ist es, was wieder verstanden werden wird nach der Verinnerlichung des Christentums bis zu dem Grade, dass das Christentum wieder erlebt wird. Nichts anderes ist die Theosophie oder Geisteswissenschaft als die Kunde und Botschaft von dem, was man in der geistigen Welt erleben kann. Was die Geistesforscher sehen in der geistigen Welt, das wird in Worte gefasst, in Lehren gebracht. In der geistigen Welt hat Paulus einstmals den Christus gefunden, und in der geistigen Welt wird alle wahre Theosophie den Christus finden.
Hat die Geisteswissenschaft eine Zukunft, dringt sie zu den Herzen und Gefühlen der Menschen, dann wird sie ihnen diese Welt erschließen. Und so wird wie ein geistiges Fluidum die ganze Welt durchdringen das Christuswesen, dasjenige Wesen, das zugleich das historische Wesen, und so unvergänglich ist! Das kann erst unsere Zeit nach und nach erfüllen, was das Christentum als Impuls hat: die ganze Wahrheit, die ganze Kraft und ganze Liebe des Christus.
Erst nach und nach kann das hineingesenkt werden in den Menschen. Immer mehr aber wird des Menschen Ich den Christus, wenn es handelt, liebt, will, immer mehr wird es lernen, den Christus auch aus sich sprechen zu lassen. Als Ideal schwebt die Zeit uns vor, wenn der Frieden in den Menschen, wenn das Christusprinzip eingezogen ist. In je mehr Menschen es eintritt, je mehr Licht der Impuls in jeden Einzelnen bringt, in desto mehr Menschen liegt die Fähigkeit, die Bruderliebe einziehen zu lassen in die Welt. Predigen Sie nur immer die Bruderliebe! Wenn nicht das praktische Prinzip dabei ist, so ist das, als wenn Sie dem Ofen predigen; brenne nur recht schön, lieber Ofen, und legen keine Feuerung hinein. Predigen Sie noch so viel, davon wird er nicht warm. Wenn Sie aber Holz hineintun und anzünden, dann brauchen Sie gar nicht so viel zuzureden. So ist es mit den Menschen: Mögen Sie noch so viel predigen von Bruderliebe - Moral in dieser Weise lässt sich nicht predigen —, geben Sie der Seele Heizmaterial, legen Sie das Positive in die Seele, was aufleuchten kann durch Betrachtung der großen Christus-Seele, und von jeder Seele wird das geistige Band von Mensch zu Mensch fließen. Dadurch begründen Sie die Brüderlichkeit, dass Sie das, was das Christus-Prinzip ist, in seiner Wesentlichkeit zugänglich machen jeder Seele; wenn wir das Christentum verstehen in seinen geistigen Prinzipien, wenn wir den Christus aufnehmen in unsere Seele, so führen wir jene Zukunft herbei, die uns als das wahre Erdenziel vorschwebt.
Im Christentum können wir viel finden, was es der Menschheit schon gegeben hat; aber noch viel mehr können wir finden. Je tiefer wir hineinleuchten, desto mehr kann herausgeholt werden. Es ist größer als alles, was wir heute lehren können. Wahr ist das Wort, das der Schöpfer des Christentums gesagt hat:
Ich hätte euch noch viel zu sagen, aber ihr könntet es noch nicht tragen. (Joh 16,12)
Darum können wir das Christentum betrachten als einen lebendigen Quell, als etwas, das immer Neues zu lehren hat. Entdecken wir das Christentum, wie es Paulus entdeckt hat, dann erkennen wir das Wort:
Ich bin bei euch alle Tage. (Mt 28,20)
Lernen wir von dem Christus, der bei uns ist alle Tage!
Versenken wir uns in das Geistige der Erdenentwicklung, dann finden wir ihn in aller Zeit; dann können wir von demselben lernen, der lebte auf der Erde, der als Lebendiger heute noch geschaut werden kann in der geistigen Welt, der für alle Zeit der Erde ein Prinzip gegeben hat, das immer auffindbar ist, von dem jeder immer lernen und es immer auffinden kann. Darin liegt die Bedeutung des Christentums für alle Erdenzukunft.