The Essence of Christianity

GA 68a — 26 February 1909, Kassel

Die Zehn Gebote

[Meine sehr verehrten Anwesenden!] Es gibt Geschehnisse im geistigen Leben der Menschheit, die, wenn sie einmal in das Dasein getreten sind, für lange, lange Zeiten, ja für das, was man im geschichtlichen Ermessen wird menschliches Werden nennen können, ihre Bedeutung niemals verlieren, Ereignisse, die weit hineinleuchten in die Zukunft, wenn sie einmal da sind. Zu einem solchen Ereignis gehört das, durch welches in grauer Vorzeit gegeben ist den Menschen jenes Gesetz, oder vielleicht jene Gesetze, die sich dann so tief eingeschrieben haben nicht nur in die menschlichen Seelen als solche, sondern auch in alles geschichtliche Werden der Menschheit, von denen abhing dasjenige, was nicht nur in der Sage und Geschichte in steinerne Tafeln eingegraben ist, sondern was eingegraben ist vor allem in jene ehernen Tafeln, deren Stoff genommen ist aus dem Seelenleben der Menschheit selber.

Über ein derartiges Geschehnis, welches man die «Zehn Gebote» (2 Mos 20, 2-17; 5 Mos 5,6-21) nennt, soll heute gesprochen werden. Erst vom geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkt aus werden wir verstehen, warum diese zehn Gebote für das Leben der ganzen Menschheit eine so einschneidende Bedeutung gehabt haben, seit sie da sind. Wir könnten, ohne aus den Tiefen des Geisteslebens heraus den Ursprung und die Bedeutung dieser zehn Gebote zu erforschen, auch das Fortleben und die Bedeutung für unsere Zeit noch immer nicht begreifen. Denn sie gehören zu jenen Ereignissen in der Geschichte der Menschheit, die in dem Zeitpunkt, in welchem sie gegeben wurden, nur so, wie sie auftreten, möglich waren und durch die Art und Weise, wie sie eintraten, ihre Bedeutung erlangt haben.

Diese letztere Bedeutung wird unsere materialistische Geschichtsauffassung niemals ins rechte Licht setzen können. Es gehört zu den mancherlei Illusionen, denen man sich in letzter Zeit hingegeben hat, dass man gesagt hat: Die geschichtliche Forschung zeigt zwar, dass diese zehn Gebote dem hebräischen Volke gegeben worden sind, wenn man aber nachsieht bei anderen Völkern, so zeigt sich, dass alle ähnliche Gebote gehabt haben. Ja, man ist heute sogar froh darüber, wenn man die altheilige Tradition dadurch glaubt abschwächen zu können, dass man zeigt, dass nicht nur im hebräischen Volke solche Gebote seien, sondern auch da und dort bei anderen Völkern.

Dieser Gesichtspunkt verliert ganz aus dem Auge die historische Bedeutung des großen Momentes, in dem auch geistig jene Gebote wie das Feuer des Sinai einschlugen in das Leben der Menschheit. Das tief Bedeutungsvolle eines solchen Ereignisses, wie es der Einschlag der zehn Gebote in das Bewusstsein der Menschen war, wird man aber nur dann richtig verstehen können, wenn man das Wesen des Menschen so erforscht, dass man auch auf die übersinnlichen Glieder sein Augenmerk lenkt.

Für diejenigen, welche mich schon öfter gehört haben, wird manches wiederholt werden müssen, wir brauchen das aber, damit es auch die verstehen, die heute das erste Mal hier sind. Für die Geisteswissenschaft ist das, was man das Wesen des Menschen nennt, nicht so leicht zu erfahren wie für die äußere sinnliche Wissenschaft das Physische. Was man mit den äußeren Sinnen wahrnehmen kann von dem Wesen des Menschen, ist nur ein Teil seiner Wesenheit, und zwar ist das, was man mit den Augen sehen, mit den Händen fühlen kann, für die Geisteswissenschaft nur der niedrigste Teil der menschlichen Wesenheit, den der Mensch gemeinsam hat mit der leblosen Natur, die beherrscht wird von den chemischen und physikalischen Gesetzen.

Aber dasjenige, was der Seher, welcher die inneren geistigen Sinne entwickelt hat, ebenso wahr vor sich hat wie das äußere Auge Farbe und Licht, was also für den Geisteswissenschaftler eine ebensolche wahrnehmbare Wesenheit ist wie der physische Körper, diese übersinnlichen Glieder der Menschennatur, die kann sich der gewöhnliche Mensch zwar nicht vor Augen führen, aber er kann sie sich durch seinen gesunden Verstand wenigstens durch Begriffe klarmachen.

Denken wir uns einen Menschen vor uns stehen: Ist da nur das, was Augen sehen und Hände fassen können? Jeder Mensch weiß aus eigener unmittelbarer Erfahrung, dass dem nicht so ist. Jeder weiß, dass noch etwas da ist, was ihn durchflutet als Freude und Schmerz, Lust und Leid und was wir kennen als Empfindungen und Vorstellungen. Das alles ist nicht mit den äußeren Augen zu sehen, aber dennoch ist es eine Realität für den, der es erlebt; in seinen Wirkungen aber auch für den anderen. Nehmen wir zwei primitive Erlebnisse des Alltags, das Scham- und Angstgefühl. Wird zum Beispiel irgendetwas erörtert, was unser ästhetisches Gefühl verletzt, dann steigt uns die Schamröte ins Gesicht. Was hier ein jeder handgreiflich sehen kann, ist, dass ein seelisches Erlebnis einen materiellen Vorgang auslöst, nämlich dass das Blut aus unserem Inneren nach der Peripherie herausströmt. Ähnlich, nur umgekehrt, beim Furcht- oder Angstgefühl, wo das Blut sich von der Körperoberfläche nach dem Inneren zurückzieht, was sich in einem Bleichwerden des Gesichtes zeigt.

Es gibt zwar Menschen, für die solche Erwägungen nichts bedeuten, die sogar noch handgreiflichere Folgen rein materialistisch begreifen wollen, die zum Beispiel glauben, dass, wenn etwas in unserer Umgebung vorgeht, so könnte das in uns diese Erscheinung hervorrufen, dass das Tränenwasser aus den Augen stürzt. Es ist deshalb keineswegs verwunderlich, wenn, wie es tatsächlich vorgekommen ist, ein solch materialistischer Forscher zu dem sonderbaren Schluss kommt: «Der Mensch weint nicht, weil er traurig ist, sondern er ist traurig, weil er weint.»

Für die Geisteswissenschaft ist aus ihrer Forschung heraus alles Materielle eine Wirkung des Geistigen bis auf den Stoff selbst, der nichts ist als eine Wirkung des Geistig-Seelischen; selbst der physische Leib ist nur ein Ausdruck des Geistig-Seelischen. So steht hinter dem Physischen also noch ein anderes Glied der menschlichen Wesenheit, der Träger von Lust und Leid, Trieben, Begierden und Leidenschaften und Empfindungen, die des Abends beim Einschlafen hinuntersinken ins Dämmerbewusstsein und morgens beim Erwachen wieder auftauchen. Dieses Glied der menschlichen Wesenheit nennt man in der Geisteswissenschaft den Begierden- oder Astralleib, und den hat der Mensch gemeinsam mit allen Tieren. Nachts verlässt dieser Astralleib den physischen Körper, um beim Erwachen wieder in ihn einzutreten.

Wie unsinnig wäre es zu behaupten, dass die Triebe und Begierden abends vergehen und morgens wieder frisch entstehen; ebenso unsinnig wäre es, zu behaupten, dass das, was die Haut umschließt, abends verginge und morgens neu entstände. Für den Hellseher ist es eine feststehende Tatsache, dass des Menschen Astralleib sich im Schlaf aus seinem physischen Körper herausbewegt, dass er den physischen Leib im Bett zurücklässt.

Warum nimmt der Astralleib, wenn er den physischen Leib verlässt, nicht wahr, was um ihn in der Astralwelt vorgeht, wie der physische Leib das wahrnimmt, was in der physischen Welt um ihn vorgeht? Das ist sehr einfach zu verstehen. Denken Sie sich einen Menschen ohne Augen, der Betreffende kann nichts wahrnehmen, was mit Licht und Farbe zusammenhängt; ebenso ist es mit dem Ohr, mit dessen Ausfall alle Töne schwinden, und wenn alle Sinne ausgelöscht werden, ist für den Betreffenden die Umgebung nicht mehr wahrnehmbar.

Der Mensch nimmt also so viel von der physischen Umwelt wahr, als er Organe dafür hat. Genauso verhält es sich auch mit unserem Astralkörper; weil im gegenwärtigen Entwicklungsgrad der Astralkörper der Durchschnittsmenschen noch keine Organe ausgebildet hat, ist es für ihn nicht möglich, während des Schlafes die Umwelt wahrzunehmen, und deshalb versinkt der Mensch während des Schlafes notgedrungenerweise in die Bewusstlosigkeit, während derjenige, welcher diese Organe schon entwickelt hat, auch im Schlafe das Bewusstsein behält und bewusst in dieser Astralwelt lebt.

Die Geisteswissenschaft unterscheidet aber noch ein zweites Glied der menschlichen Wesenheit, welches zwischen physischem und Astralleib liegt, den Äther- oder Lebensleib. Der physische Leib hat dieselben Kräfte in sich wie die sogenannt leblose Natur, die mineralische Welt. Aber erst wenn der Mensch ein Leichnam ist, dann folgt der Leib den physischen Gesetzen; im Leben aber hat er, wie jedes Tier und jede Pflanze, in sich einen treuen Kämpfer gegen den Zerfall, einen Zusammenhalter, der ihn nie verlässt, auch nicht im Schlafe. In jedem Augenblick wäre der physische Leib ein Leichnam und würde in seine Bestandteile zerfallen, indem er den physischen Kräften folgte, wenn er nicht diesen Äther- oder Lebensleib in sich hätte, und dieser allein ist es, welcher jeden Augenblick für die Erhaltung des Lebens kämpft.

So haben wir drei Glieder: den physischen, ätherischen und astralischen Leib. Im Tode löst sich der Ätherleib vom physischen Leib los; wenn der Mensch schläft, liegt der physische Leib mit dem Ätherleib im Bett. Diesen Ätherleib hat der Mensch gemein mit jedem Tier und jeder Pflanze.

Nun hat der Mensch aber noch ein viertes Glied, was ihn weit über alle anderen Lebewesen hinaushebt und was ihn von allen anderen unterscheidet, was ihn zur Krone der Schöpfung macht: Das «Ich». Dies kleine Wörtchen hat kein zweites seinesgleichen. Zu einem Tisch kann jeder «Tisch», zum Stuhl jeder «Stuhl» sagen, aber niemals kann das Wörtchen «Ich» an unser Ohr dringen von einer fremden Zunge, wenn es uns selbst bedeuten soll; nur ich kann zu mir selbst «Ich» sagen, für jeden anderen bin ich ein «Du», und das ist tief bedeutsam. In der Tiefe unserer Seele selbst, in unserem allerheiligsten Inneren muss er verklingen als der Ausdruck für das Verborgenste in unserem Wesen.

Das Geheimnisvolle, das damit gesagt werden soll, das haben alle Religionen empfunden, die auf Geisteswissenschaft aufgebaut sind, und so auch vor allen die Religion des alten hebräischen Volkes, und wir können uns daher nur nähern dem Moment, wo der Blitz der zehn Gebote in die Menschheit hineingeleuchtet hat, wenn wir dieses vierte Glied genau betrachten. Es ist «der unaussprechliche Name Gottes» in der Seele des Menschen, ein Tropfen aus dem Meer des Göttlichen, das die Welt durchflutet. Das ist der Funken aus dem Göttlichen, was die ganze Welt durchlebt und durchwebt. Es ist der Geisteswissenschaft schon oft der Vorwurf gemacht worden, damit mache sie die Welt zum Gott, aber so wenig wie der Tropfen Wasser zum Meere wird, so wenig ist auch dieser Vorwurf gerechtfertigt, aber wie der Tropfen vom gleichen Stoff ist wie das Meer, so ist auch ein Teil des Göttlichen in jedem Menschen lebendig. So lebt und webt das Göttliche in der Welt, und ein Tropfen davon ist in jedem Menschen, und weil dies Göttliche durch keine Sinne durchzudringen braucht, kündigt es sich im innersten Allerheiligsten an.

Der, welcher empfinden kann, hat von jeher etwas unendlich Heiliges empfunden, wenn er darauf gekommen ist, was dieses Ich bedeutet. Jean Paul erzählt, wie er als Knabe vor der Scheune seines Vaters stand und ihm plötzlich zum Bewusstsein kam: Du bist ein «Ich», und dass er von diesem Augenblick an wusste, dass ein Unsterbliches in seiner Seele lebe. Würden die Menschen viel nachsinnen über den Weg, der damit angegeben ist, dann würden sie immer tiefer in die Geisteswissenschaft eindringen können. Freilich ist es durchaus richtig, was Fichte sagt: Die meisten Menschen würden sich lieber für ein Stück Lava im Mond halten als für ein Ich.

So haben wir den Menschen zusammengesetzt aus vier Gliedern seiner Wesenheit; aber bis zu diesem Punkt hat er sich durch lange Zeiträume hindurch entwickelt, diese vier Glieder sind nicht von Anfang an in voller Bedeutung dagewesen, sondern haben sich nach und nach entwickelt hin zum Bewusstsein des Ich. Lange schlummerte es dämmerhaft und undeutlich in den anderen drei Leibern und gewaltige Entwicklungsreihen waren nötig, bis es erwachte und sich seiner selbst bewusst wurde.

So können wir durch Jahrhunderte hindurch zurückgehen in der Geisteswissenschaft, und wir finden, dass sich auch die Seele des Menschen verändert hat, und je weiter wir zurückgehen, eine umso größere Veränderung in der Seele finden wir. Auch das Ich war nicht immer da; es war immer weniger deutlich, je weiter wir vorgehen, und es gab eine Zeit in welcher der Mensch seinen astralischen, ätherischen und physischen Leib ähnlich ausgebildet hatte, aber das Ich war noch unerwacht und schlummerte.

So hat sich der Mensch in der Zeit entwickelt, dass er ausgegangen ist vom physischen, dann ätherischen, dann astralischen Leib, und zuletzt ist sein Ich erwacht. Das Ich also, welches wir als den göttlichen Funken betrachten, ist in dem Menschen, wie wir ihn heute sehen, als Letztes erwacht. Es gab einmal einen Menschen, in dem noch nicht das Ich voll erwacht war. Wenn wir uns einen solchen Menschen suchen wollen, in welchem das Ich noch schlummerte, so würden wir einen solchen Menschen finden in den ersten Zeiten des alten Griechenlands. Erst mit dem Auftreten der ersten Philosophen erwachte das Ich, aber die griechische Religion ist hervorgegangen aus einer Zeit, wo der Mensch sich seines Ichs noch nicht bewusst war, aus einer Weltanschauung, die im Wesentlichen an den Astralleib gebunden war, und deshalb sehen wir die Götter Griechenlands begabt mit Trieben, Leidenschaften und Begierden, mit Vorstellungen und Empfindungen wie der damalige Mensch selbst. Was der Grieche erstrebte und erflehte, spornte ihn an, Göttliches in seiner Umgebung zu erkennen, zum Beispiel die Furien. Wenn wir noch weiter zurückgehen würden, würden wir finden, wie der Mensch seine Umgebung mit dem Ätherleib begreift.

Nach und nach erwachte das «Ich-Bewusstsein» im Menschen, wo das Ich-Bewusstsein mit elementarer Gewalt einschlug in die Seele des Menschen. Wir können diesen Augenblick belauschen, den Augenblick, wo das Ewig-Göttliche ihm zugerufen wird, jenen Augenblick, in dem er deutlich vernahm den Ruf: «Das Edelste, Göttliche in dir ist nur in deinem Ich zu begreifen, schaue hinein in dein Ich und du findest den Funken, durch den du Teil hast am göttlichen Wesen.» Da trat einmal in der Menschheitsentwicklung der Moment ein, wo der Gott im Menschen sprach: Ich, der Gott, spreche zu dir, indem ich mir den Namen beilege, den du ertönen lässt, wenn Du deines Wesens Mittelpunkt bezeichnen willst. — Das war jener große Moment im Menschenwerden, wo Moses, jener große Weise und Eingeweihte, dieses aufgehen fühlte im Laufe des Geschehens der Zeiten, wo er sich in einem Zustande der Inspiration befand, in welchem er in einer ganz neuen Gestalt das Göttliche durch die Welt wehen fühlte und wie dieses Göttliche durchbrechen wollte im Menschheitsbewusstsein. Und er fragte den Gott: Wie kann ich Dich nennen, wenn ich dem Volke von Dir erzählen will? Und es sprach dieses Göttliche: Nenne mich Jahve, das heißt «Ich bin der Ich bin». (2 Mos 3,13-14)

Hatten die Griechen in ihren Göttern das gesehen, was der Mensch im Astralleib erleben kann, so war es jetzt eine Gottheit, für die es nur einen würdigen Namen gibt, nämlich den, womit wir unser eigenstes innerstes Wesen bezeichnen, und der Jahve-Name ist nichts anderes als das, was ausdrücken soll unseres Wesens Kern. Und nur eine solche Individualität wie Moses konnte jene Inspiration empfangen, die wie ein Blitzstrahl einer neuen Gotteserkenntnis in die Welt einschlug.

Aber es war nötig, dass Moses diesen Einschlag auch wirksam machen konnte. Das Volk, dem ein solcher Gott verkündet werden sollte, durfte keine andere Gottheit haben als diese, welche sich ergab aus dem Ich heraus.

Für eine solche Individualität wie Moses handelte es sich nicht nur darum, jene gewaltige Inspiration zu empfangen und seinem Volke zu verkünden, sondern sie im Bewusstsein dieses Volkes dauernd zu festigen, die Seele des jüdischen Volkes damit ganz zu durchtränken. Wie konnte das geschehen? Fragen wir uns, wie sich das, was wir mit den vier Teilen der menschlichen Wesenheit bezeichnet haben, in der materiellen Welt ausdrückt. Der physische Leib findet seinen Ausdruck durch sich selbst, der Ätherleib im Drüsensystem, der Astralleib im Nervensystem, das Ich im Blut. So ist auch das Goethe’sche Wort zu verstehen: «Blut ist ein ganz besonderer Saft.»

Daher die Bedeutung des Blutes im ganzen breiten Menschengeschehen. Daher auch die große Bedeutung der Blutsverwandtschaft bei den alten Völkern, wie sie bedingt wurde durch die Nah-Ehe. Zum Beispiel die Stammverwandtschaft bei den Germanen.

Weil gleiches Blut durch ihre Adern strömt, fühlen sich die Generationen zusammengehörig. Das Ich kommt bei diesen Menschen nicht nur im eigenen Blute zum Ausdruck, sondern es rinnt auch hinunter in die Generationen, und es ist kein individuelles Ich wie bei den heutigen Menschen, sondern ein «Gruppen-Ich». So auch das «Gruppen-Ich» zum Beispiel beim alten jüdischen Volke, welches sagen konnte: «Ich und der Vater Abraham sind eins.» /Ab hier andere Mitschrift]

In das Blut musste dieser Gottes-Impuls hineinwirken, das sich fortpflanzt von Generation zu Generation. Früher hatte der Mensch den innersten Mittelpunkt seines Wesens noch nicht erfasst. Jetzt hatte er ihn. Umgesetzt war dieses Jenseits in Gesetze und Gebote. Das sind die Zehn Gebote. Die ganze Jahve-Gewalt musste dadurch einwirken vom Großvater auf Sohn und Enkel und so weiter. Die richtige Vorstellung musste leben in der Seele des Menschen.

Keine gewöhnliche Übersetzung wird hier gegeben. Lexigrafische Übersetzung gibt nicht die Wirklichkeit wieder. Wie man die zehn Gebote damals verstanden hat, so sollen sie jetzt vor die Seele treten.

I. Ich bin das Ewig-Göttliche. Fortan sollst du keine anderen Götter über mich stellen. Ich bin das Ewige in dir und ein ewig Fortwirkendes in dir. Lässt du mich wirken in dir, dann wird dein Leib gesund bleiben, und bis auf Kinder und Kindeskinder wird dieses wirken. Sonst werden die Leiber veröden.

II. Du sollst nicht im Irrtum von mir in dir reden, denn jeder Irrtum in dir wird deinen Leib veröden.

III. Du sollst Werktag und Feiertag scheiden. Was als Ich in dir lebt, hat in sechs Tagen die Welt gebildet und lebt am siebenten Tage in sich. Am siebenten Tage soll dein Blick Mich in dir finden.

IV. Wirke fort im Sinne deines Vaters und deiner Mutter, auf dass die Kraft in dir bleibe, die sie sich gesammelt haben, die Ich dir gegeben habe.

V. Morde nicht, das heißt, greife nicht ein in das Ich des andern.

VI. Brich nicht Ehe, das heißt, greife nicht ein in die Gemeinschaft, die der andere eingegangen ist.

VII. Stiel nicht.

VIII. Setze den Wert deines Nächsten nicht herab, indem du Unwahres von ihm sagst.

IX. Blicke nicht missgönnend herab auf das Eigentum des anderen.

X. Blicke nicht missgönnend auf des andern Weib

seine Mägde und so weiter, wodurch er sein Fortkommen findet, das heißt, (wodurch) sein Ich sich fortentwickeln kann. (2 Mos 20, 2-17; 5 Mos 5,6-21) Wie der Jahve-Impuls am besten in den Menschen hineingelangt, das ist ausgedrückt in der Thora. Diese Gebote wirken deshalb auch jetzt noch, weil sie zu dem innersten Wesen des Menschen sprechen, zu seinem Ich, das selbst dann noch dieser Gebote bedarf, wenn es einmal so hoch gestiegen sein wird, dass es ihrer — in einem höheren Sinne gesprochen —- nicht mehr bedarf. Dann tut das Ich von selber, was die Gebote vorschreiben.

German original of The Ten Commandments · ← Previous · Next →