The Essence of Christianity

GA 68a — 28 February 1909, Elberfeld

Die Okkulte Bedeutung des Johannesevangeliums

Wer die vier Urkunden über das Ereignis von Palästina auf sich einwirken lässt, wird bald herausfinden, welcher Unterschied vorhanden ist zwischen den drei ersten Evangelien und dem vierten, dem Johannesevangelium. In den drei ersten Evangelien werden die äußeren Ereignisse den Menschen gedanklich näher gebracht; in dem Johannesevangelium wird mehr auf das Gefühl hingewiesen. Eine unendliche Innerlichkeit hat den Verfasser beseelt, ein Mitempfinden und Mitfühlen desjenigen, was er dem Christus Jesus gegenüber empfunden hat, kommt hier zum Ausdruck. Die Persönlichkeit des Verfassers hat am intensivsten empfunden, was sich in Palästina abgespielt hat.

Dieses Gefühl des Verfassers war auch mitschuldig, dass von dem kritischen Standpunkt einer materialistischen Wissenschaft die Behauptung aufgestellt werden konnte, dieses Evangelium sei am wenigsten wahrheitsgetreu wiedergegeben. Es wurde daher als keine geschichtliche Tatsache aufgefasst, sondern als ein gewaltiges Gedicht voll tiefer Poesie, als ein Hymnus auf den Christus Jesus, diese gewaltige, überragende Persönlichkeit. Aber auch die Zeitstimmung im Sinne materialistischen Denkens trug dazu bei, die drei ersten — synoptischen — Evangelien dem menschlichen Verstande und Empfinden der heutigen Zeit näher und natürlicher erscheinen zu lassen. Das Johannesevangelium passt dazu schlecht, da sich sein Christus mit keiner Persönlichkeit vergleichen lässt.

Dies ist schon eher möglich bei den drei ersten, und wie wohl tat es daher unserer Zeit, wenn man die Persönlichkeit des Christus Jesus als Mensch unter Menschen gleich den andern hinstellen konnte, etwa wie Sokrates, Plato und andere große Männer. Der «schlichte Mann von Nazareth», wie gefällt dieser Ausspruch unserer Zeit und wie sucht sie damit die Christus-Persönlichkeit auf das menschliche Niveau herabzudrücken! Dieses Geschmacksurteil beruht auf der Suggestion der kritischen Wissenschaft.

Demgegenüber steht die Theosophie oder Geisteswissenschaft; sie will weiter nichts sein als das Instrument des Begreifens dieser religiösen Urkunden. Die Theosophie ist völlig voraussetzungslos. Heute steht die Wissenschaft nicht auf dem Standpunkt wie vor 300 Jahren, da galten die Lehren des Aristoteles, kein Blick in die Natur! [Dann] kam der große Kepler, und die Menschheit lernte schauen! Auf der einen Seite standen nun die Aristoteliker, auf der anderen die voraussetzungslosen Naturforscher und bezeichnend ist die Äußerung des Aristotelesschülers bei einem Streit über die Ausgänge der Nervenstränge, er glaube mehr dem Aristoteles als der Natur! Sie hatten damals noch nicht das Empfinden von dem, was hinter den Dingen liegt, was heute die Geisteswissenschaft wieder hervorzuheben sucht, aber nicht mit physischen Instrumenten, sondern durch geistige Organe. Die Theosophie geht den Weg, erst «schauen» und dann die alten Urkunden studieren, und dabei stellt es sich immer heraus, dass beide dasselbe Resultat ergeben: Das Geschaute findet man durch die Bücher bewiesen!

Immer mehr und mehr wird diese Anschauung wieder Platz greifen, wenn sich die Wissenschaft auch noch so sehr dagegen sträuben mag. So werden wir auch voraussetzungslos prüfen, was es mit dem Johannesevangelium für eine Bewandtnis hat. Es ist etwa so, wie mit der Geometrie des Euklids; der Schüler hört die Lehre an, und durch die Verwirklichung wird sie schließlich sein geistiges Eigentum und vollends Tatsache. Auch so werden wir sehen, wie das Johannesevangelium mit demjenigen übereinstimmt, was die Geisteswissenschaft darüber zu sagen hat.

Welches ist die theosophische Anschauung über den Menschen? Wir sehen, wie er zunächst eine viergliedrige Natur besitzt, den physischen Leib, dann den Ätherkörper mit dem Prinzip des Wachstums und der Fortpflanzung, des Kämpfens gegen den Zerfall. Ferner den Astral- oder Begierdenleib, den Sitz der Empfindungen und Gefühle. Wenn wir den Menschen vor uns sehen, so erkennen wir, dass er besteht aus einer Summe von Lust und Leid, von Freude und Schmerz. Doch gehen wir tiefer, so wird uns klar, dass ein Name existiert, der einzig ist in der Bezeichnung des Menschen. Dies ist der Name «Ich». Jeder kann einen Gegenstand mit demselben Namen bezeichnen, den Namen «Ich» kann jeder Mensch nur selbst aussprechen, wenn er sein Innerstes meint, sein Selbst, seine Individualität. Von außen kann in diesem Sinne das «Ich» nicht an unser Ohr gelangen.

Wie steht nun der Geistesforscher der Welt der Materie gegenüber? Alles Physische hat einen Ursprung im Geistigen, alle Materie ist aus Geist geboren, ist verdichteter Geist, so, wie Eis verdichtetes Wasser ist. — So ist es auch mit dem Reich des Geistigen, es ist mitten unter uns, alles ist nur der äußere Ausdruck des Geistigen. Der physische Mensch ist aus dem Geist herausgeboren. Das Ich ist der göttliche Funke, welcher aus dem geistigen Meere wie ein Tropfen herausgeflossen ist in den Menschen hinein.

So sehen wir, wie vom physischen Körper aus die andern sich immer feiner und feiner gestalten, wir sehen, wie in allem der Geist zugrunde liegt, dieser Geist, der durch die Welt geht wie ein unendliches Wesen, aus dem das Physische herausgeboren wird. Diesen allem Dasein zugrunde liegenden Geist bezeichnet die christliche Wissenschaft als den Logos oder das Wort, das göttliche Schöpfungswort. Wie auf einer reinen blanken Messingplatte die Staubteile durch Streichen mit einem Geigenbogen bestimmte Figuren annehmen, so ist auch der Logos zu bezeichnen als der alles Gestaltende in der Erscheinungswelt. Gehen wir in die Urzeiten zurück, so werden wir den Logos finden, der in allen physischen Leibern wirkt, dann im Ätherleib, dann im Astralleib, und wir sehen, wie die Menschen herausgehen werden aus diesem Lichte. Das Licht macht erst den Menschen möglich, ohne Licht keine Erkenntnis, kein geistiges Streben. Der göttliche Geist bewirkt erst das Weltenreich.

Das jüngste Kind des göttlichen Geistes ist das «Ich» im Menschen. Dieses Ich ist erst unbewusst seines Ursprunges, seiner göttlichen Wesenheit. Im Anfange erkennen wir nicht die göttliche Weisheit. Die christliche Weisheit bezeichnet es daher als die Finsternis. Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. Und das Wort war das Licht des Menschen, es scheint in die Finsternis, aber die Finsternisse begreifen es nicht.» (Joh 1,1; Joh 1,4-5)

Dieses Licht, das allen Leibern zugrunde liegt, wird als das Leben des Logos bezeichnet. Im Urbeginne war dieser Logos, aus dem alles entstanden ist; das Leben des Logos wird Licht und das Licht scheint in die unbewusste Menschennatur.

Wir haben gesehen, wie sich die viergliedrige Menschennatur aus der unmittelbaren Anschauung der geistigen Welt ergibt. Ein Erweckter war der Verfasser des Johannesevangeliums, ein großer Eingeweihter, der nirgends anders bezeichnet wird als «der Jünger, den der Herr lieb hatte» (Joh 21,20). In ihm wirkte fort der ganze Seeleninhalt des Christus, die ganze Tiefe der Christus-Erscheinung spiegelte sich in diesem Jünger wider und ließ ihn tief hineinschauen in die geistige Welt. Er erkannte, was hinter der Persönlichkeit des Christus verborgen war, dass in Jesus von Nazareth das höchste Wesen verkörpert war, das je auf Erden gewandelt hatte.

Bis zu Christus war der Mensch unbewusst seines Göttlichen, erst Christus hat ihm den Sinn gegeben «von seiner Fülle ...» (Joh 1,16) Alles im Johannesevangelium ist aus Erkenntnis der tiefsten Geheimnisse geschrieben, zum Beispiel das elfte Kapitel, die Auferweckung des Lazarus. Jeder fühlt heraus, dass diesem Vorgang etwas Tiefes zugrunde liegt. Nachdem diese Tat geschehen war, wurde gesagt: «Dieser Mensch tut große Zeichen.» (Joh 11,47) Es ist etwas geschehen, was die Menschen erzittern machte vor der Macht der Persönlichkeit des Jesus Christus. Es handelt sich hier um einen Akt der Einweihung, der ersten Einweihung, die Christus vollzog, was aus den Worten hervorgeht: «Die Krankheit ist nicht zum Tode, sondern dass der Gott sichtbar werde.» (Joh 11,4) Er wollte zeigen, dass er das Leben sei und das Licht, und dieses Licht sollte auch den Lazarus erleuchten und ihn zur Erweckung führen, da er ein Freund des Meisters war. Dies sollte im Lazarus-Vorgang gezeigt werden.

Immer hat es Menschen gegeben, in denen das große Ereignis aufgeht, in denen die Welt des Lichtes Wirklichkeit wird; die Welt des Geistes tritt an sie heran, ihr geistiges Ohr und Auge wird aufgeschlossen und geöffnet für die geistigen Dinge. Die Methode der Einweihung wird in den alten Mysterien gezeigt. Sie unterschied drei Grade. Erster Grad ist derjenige des sinnenfreien Denkens. Die Sinne müssen ausgeschaltet werden und nur ein objektives Anschauen der Dinge stattfinden. Zweiter Grad: die Läuterung oder Reinigung. Die astralen Gefühls- und Empfindungserlebnisse werden umgestaltet, mit neuen Organen kann man in die astrale Welt blicken: geistige Ohren und Augen.

Der dritte Grad ist derjenige der Erleuchtung. Ist der Eingeweihte nach dreieinhalb Tagen wieder zur physischen Welt zurückgekehrt, so hat er stets die geistige Welt vor Augen, er ist neu geboren. Während der drei Tage wurden Äther- und Astralleib vom physischen Leib hinausgetrieben und nachher empfand der Ätherleib während des ganzen späteren Lebens diesen Abdruck der höheren Welten.

Die erste Initiation durch Christus war die Auferweckung des Lazarus. Durch Christus war eine neue Art der Einweihung eingeführt worden dadurch, dass dem Einzuweihenden die ganze geistige Wahrheit des Christus eingeprägt wurde, Man sieht hieraus, wie dieses Ereignis der Lazarus-Auferweckung einen viel tieferen Sinn hat als die gewöhnliche Auffassung. Es ist nur in diesem Sinne das Wort Goethes anwendbar: «Denn so lang du dies nicht hast, dieses Stirb und werde, bist du nur ein trüber Gast auf der dunkeln Erde!»

Was in den heiligen Mysterien geschah, darüber musste tiefes Schweigen herrschen. Der Verrat der Vorgänge der Mysterien hatte den Tod zur Folge. So ist auch vielleicht der Tod des Sokrates zu erklären. Aischylos konnte sich nur durch die Flucht in den Tempel vor dem Tode retten. Dies geschah deshalb, weil damals die Menschheit nicht reif für die Einweihung gehalten wurde. Christus vollbrachte die Einweihung öffentlich aus unendlichem Mitgefühl zur Menschheit. So ist dasjenige, was als theosophische Anschauung bekannt geworden ist, auch aus den Mysterien herausgeholt.

Es handelt sich nur darum, wie diese Einweihungsfähigkeiten erworben werden und wie der Weg dazu ist. Der Mensch muss in der christlichen Einweihungsmethode sieben Stufen durchmachen, wie durch folgende Betrachtung dargestellt wird.

Erste: Die Pflanze wurzelt im toten Mineral, im Steinreich; wie die Pflanze heute ist, könnte sie nicht sein, wenn nicht das Mineralreich den Stoff zum Aufbau derselben geliefert hätte. Sie wird sich also in Dankbarkeit zum Mineral herabneigen, ohne das sie nicht existieren könnte. In gleicher Weise wird sich das Tier zur Pflanze herabneigen, aus welcher es Nahrung zu seinem Aufbau bekommt. So ist es auch beim Menschen. Er muss auf die unter ihm stehenden Naturreiche demutsvoll sich herabneigen, deren Produkt er ist. Derjenige, der eine höhere Entwicklungsstufe einnimmt, muss stets bedenken, dass er auf allen unteren Stufen auch einmal war. So wird er von universeller Demut durchdrungen sein, und so wird dann einmal vor ihm das Bild erstehen, das Johannes im 13. Kapitel als Fußwaschung der Jünger durch Christus dargestellt hat: «Der Knecht ist nicht größer als der Herr» (Joh 13,16).

Die zweite Stufe ist diejenige der Läuterung und Reinigung. Er erfasst alles mit dem Geiste und unterscheidet, was Wirklichkeit und Illusion ist. Er lernt erfahren, was die Vorstellung eines Menschen in Wirklichkeit ausmacht; alle Erfahrungstatsachen lernt man vom richtigen Standpunkt aus bewerten. Mag kommen, was will, immer aufrecht stehen im Leben. Bild des gegeißelten Jesus.

An der dritten Stufe lernt der Einzuweihende auch seine Gefühle beherrschen; er lernt die Fähigkeit, dass er nicht wankend wird, sondern ausharrt, auch wenn dasjenige, was für ihn sein Heiligstes und Erhabenstes ist, mit Spott und Hohn überschüttet wird. Dornenkrönung. Bild des gekrönten Christus.

Vierte Stufe: Der gekreuzigte Christus. Man empfindet seinen eigenen Leib als etwas Fremdes, als etwas Äußerliches. Er wird durch dieses Erlebnis stark im Geist; er empfindet den gekreuzigten Christus als tatsächliches Erlebnis. Hier tritt auch die Simon-Petrus-Probe an ihn heran, auch die Blutsprobe.

Die fünfte Stufe ist der mystische Tod. Alles um ihn her ist versunken, ein lethargischer Zustand tritt ein, eine vollkommene Ruhe. Ein Gleichmut seines seelischen Zustandes gegenüber allem Äußeren.

Die sechste Stufe wird als die Grablegung bezeichnet; er fühlt sich eins mit der Erde, er ist im Geist wiedergeboren.

Die siebte Stufe ist nicht mit physischen Sinnen zu erklären, ist die Vereinigung mit dem Göttlichen, ein rein geistiger Vorgang, die Himmelfahrt.

Wir sehen, wie das ganze Christus-Erlebnis sich im Inneren des Eingeweihten abspielt, wie er alle Phasen dieses Ereignisses innerlich in Wirklichkeit durchmacht. Das ganze äußere Christusereignis mit allen historischen Einzelheiten wird inwendig aufgenommen, wir brauchen keinen äußeren Beweis mehr, gerade wie es uns in dem Damaskusereignis des Paulus entgegentritt, der den geistigen Christus in sich aufgenommen hatte.

Die Augen sind am Lichte für das Licht gebildet, ohne Licht kein Auge, ohne den historischen Christus kein inneres Christuserlebnis. So wird durchlebt das Christusereignis, doch gibt es Eingeweihte verschiedener Grade. Bei den Eingeweihten treten verschiedene Bilder auf, je nach dem Standpunkte. Solche Eingeweihte waren auch die Apostel. Je höher die geistige Stufe war, umso tiefer konnte er in die Mysterien des Christus-Ereignisses eindringen.

So sehen wir Johannes, den Apostel, den der Herr lieb hatte, als einen Eingeweihten, der den Christus am tiefsten empfunden hatte. Goethe sagt: «Wär nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt es nie erblicken. Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft, wie könnt uns Göttliches entzücken.» Man soll das Johannesevangelium nicht nur lesen, sondern wirklich erleben, dann wird auch uns entgegenleuchten dieses Christus-Ereignis.

German original of The Occult Meaning of the Gospel of John · ← Previous · Next →