Goethe and the Present
GA 68c — 29 December 1889, Hermannstadt
II. Die Frau im Lichte der Goethe’schen Weltanschauung. Ein Beitrag zur Frauenfrage
Wenn ich mir erlaubt habe, heute Ihr Interesse für eine Frage in Anspruch zu nehmen, welche gegenwärtig alle Gemüter mächtig bewegt und die dringend eine Antwort zu erheischen scheint, und wenn ich mir dabei als Ziel gesetzt habe, diese Frage in das Licht der Goethe’schen Weltanschauung zu rücken, so geschieht dies keineswegs in der Absicht, Ihnen einen literaturgeschichtlichen Vortrag zu halten, sondern ich hoffe, durch meine Ausführungen in Ihnen die bei mir seit Jahren tief eingewurzelte Überzeugung zu erwecken, dass diese Frage nur von diesem Standpunkt, vom Standpunkte der Goethe’schen Weltanschauung aus, richtig zu würdigen ist. Goethe gegenüber haben wir Deutschen eine zweifache Aufgabe. Die eine hat einmal Berthold Auerbach, der vielbeliebte Dorfgeschichten-Erzähler, mit dem geistreichen Wort bezeichnet: Wir müssen goethereif sein. Das heißt, wir müssen imstande sein, uns ganz in den hohen Ideenkreis und den unvergleichlich intimen Empfindungsgehalt des größten deutschen Genius einzuleben. Wir müssen nachfühlen, was er gefühlt, nachdenken, was er gedacht hat. Das ist aber nur die eine Seite der Aufgaben, die wir Goethe gegenüber haben. Denn Goethe bildet den Anfang einer ganz neuen Kulturepoche des Abendlandes. Von ihm geht ein neues Licht über die ganze europäische Bildung aus. Er hat uns neue Sinne erschlossen, neue Formen der Anschauung gelehrt. Diese Sinne müssen bald in uns aufgehen, zu diesen Anschauungen müssen wir uns selbst aufschwingen, um an der Kulturarbeit unseres Volkes in der Richtung weiterzuarbeiten — selbstverständlich soweit dies in der Kraft eines jeden Einzelnen von uns steht —, die von Goethe angegeben worden ist. Wer in Goethe nicht diesen Kulturanfang sieht, von welchem jeder ausgehen muss, der irgendwie sich mit der Bildung der Gegenwart in Beziehung bringen will, der versteht einfach seine Zeit nicht. Und ich muss Ihnen leider gestehen, dass Ihre Brüder im Herzen Europas, namentlich was das jüngere Geschlecht anbetrifft, ihre Aufgabe Goethe gegenüber lange nicht erfasst haben. Es macht sich im Gegenteil eine gewisse leichtfertige Denkart geltend, welche Goethe gegenüber die Nase rümpft und glaubt, längst über ihn hinaus zu sein, während sie doch noch lange bis zu dem Punkt hätte, wo sie ihn voll erfasste. Goethe wird als der Alte abgetan, der nicht mehr ausreiche für unsere neue Zeit. Ein neues Geschlecht glaubt, neue Ideale zu besitzen. Leider erweisen sich bei näherem Zusehen diese Ideale zumeist als ganz unreife Produkte, die dem wahren Bedürfnis der Zeit meilenweit entfernt stehen, während sie doch gerade aus der Zeit geboren zu sein scheinen. Und diese unsere Zeit, diese unsere lebendige Gegenwart, ist mehr, als man bei oberflächlicher Beobachtung glauben kann, ein Kind Goethes, ein Kind unserer klassischen Geister. Unsere Zeit ist die Zeit, in welcher das Individuum in jeder Richtung seine ihm von der göttlichen Macht in die Seele gelegten ursprünglichen Hoheitsrechte geltend macht. Der Mensch will nicht mehr bevormundet sein, nein, er will ganz auf sich selbst, auf seine Einsicht, auf seinen Willen gestellt sein. Das heilige, das göttliche Selbst will er nicht mehr in der Außenwelt suchen, sondern er versenkt sich in die Tiefen der eigenen Brust, um von da heraus den Gott zu holen, um von da heraus die Kraft und den Mut des Lebens zu holen.
Aus diesem Drang des Individuums, alle Fesseln abzustreifen und seine unveräußerlichen Souveränitätsrechte geltend zu machen, entspringt dann auch jene Bewegung, welche ich an die Spitze meiner heutigen Ausführungen gestellt habe: die Frage nach der Befreiung der Frau von den vermeintlichen Fesseln, welche ihrem Geschlecht bisher nach dem Glauben gewisser Menschen eine vorurteilsvolle Welt gezogen haben soll. Die Frau will nicht mehr gefesselt sein an die Familienstube, an das Haus, sie will hinaustreten auf den offenen Plan der Welt und dem Mann in jeder Verrichtung ebenbürtig an die Seite gestellt sein. Sie will den Wettkampf um das Dasein mit der Männerwelt aufnehmen, sie verlangt einen Beruf, wie die Männer ihn haben. Es ist eine nicht hinweg zu leugnende Tatsache, dass sich das deutsche Volk bis jetzt an den weitgehenden Emanzipationsbestrebungen der Frauenwelt am wenigsten beteiligt hat. Während in Russland, der Schweiz, in England und Frankreich, besonders aber in Amerika Hunderte und Aberhunderte von Frauen auch schon in die Gelehrtenberufe den Eingang gefunden haben, verschließt das deutsche Volk noch immer hartnäckig den Frauen die Tore zu höheren Gelehrtenberufen. Liegt darin nur Halsstarrigkeit oder der dem Deutschen so gut stehende konservative Sinn, der von jeher jeder gewaltsamen Revolution abgeneigt war, weil er nicht zugeben wollte, dass etwas so Unvernünftiges in der Geschichte entstehen könnte, dass man es auf einmal Knall und Fall umstürzen muss? Oder liegt vielleicht gar darin die höhere Erkenntnis — wenn auch bei vielen ganz unbewusst —, dass die volle Gleichberechtigung der Frau gar nicht einmal die völlige Gleichstellung verlangt und dass die Letztere der Aufgabe und der Natur des Wesens der Frau widerspricht? Das ist die große Frage: Stehen wir vor einem Vorurteil, das mit der Zeit ausgetilgt werden muss, oder stehen wir vor einer berechtigten Einsicht, die ein Recht hat, den anderen Völkern Europas Widerstand in dieser Bewegung zu leisten? Lassen wir nun Goethe unseren Leitstern sein! Er wird uns sicher führen; denn in ihm verkörpert sich in einem Individuum alle Tiefe des deutschen Wesens. Was je Hohes und Großes in dem deutschen Volk aufgetaucht ist, in Goethe tritt es uns in einer persönlichen Einheit entgegen; wir sind umso besser deutsch, je besser goethesch wir sind. Wo immer wir Licht brauchen, da blicken wir vertrauensvoll zu ihm auf. Das vielbewegte Leben der Gegenwart wirft Disharmonien in unsere Brust, böse Stimmungen überkommen uns, ganze Scharen von Zeitgenossen verfallen der düsteren Weltanschauung des Pessimismus; Erlösung von alledem finden wir nur in der seligen Ruhe der harmonischen Goethe’schen Weltanschauung. Und welch tief befriedigendes Bewusstsein liegt in diesem Aufgehen in der Ideen- und Willenswelt unseres größten Volksangehörigen, wenn wir es im Sinne des Schiller’schen Ausspruches betrachten: Und kannst du selber kein Ganzes sein, so schließ an ein Ganzes dich an! Denn der Mensch ist nichts als Einzelner, seine ganze Kraft wurzelt in dem Volk, dem er entstammt, in der Zeit, der er angehört.
Wer sich der Einsamkeit ergibt, fühlt sich gar bald allein,
sagt Goethe selbst. Wir können hinzufügen: Er muss einem baldigen geistigen Tod in seiner traurigen, abgeschiedenen geistigen Öde verfallen. Denk mit deinem Volk, mit deiner Zeit! So müssen wir jedem Menschen zurufen. Und wir denken mit unserem Volk am harmonischsten, wenn wir mit Goethe, dem Voll- und Inbegriff aller unserer Volks- und Zeitkraft, denken und fühlen. Wir haben kein Recht zu klagen, dass wir darüber unsere Selbstständigkeit einbüßen, um uns einer fremden Autorität vollständig zu beugen; denn frei kann der Mensch nur sein, wenn er sich zu den höheren Idealen der Kultur erhebt, wo alles Licht der Bildung allein zu suchen ist. Denn dann nur nimmt er bewusst an dem Entwicklungsgang seines Geschlechts teil, dann bestimmt er sich selbstständig mit den großen Idealen sein Ziel, während er sonst nur blind unten herumtappt und mit den anderen fortgerissen wird, ein dienendes und erst recht unfreies Glied am Körper der Menschheit.
Nur wenn wir die Goethe’sche menschliche Vollkommenheit suchen und, wo wir sie finden, uns ihr anschließen, arbeiten wir an unserem großen Befreiungswerk. Nur mit unserem Volk und mit unserer Zeit können wir frei werden, nicht einzeln. Unter die Goethe’sche Autorität sich beugen, wenn wir ihre Höhe erkannt haben, ist nicht Knechtschaft, sondern ist die Goethe’sche Form der Freiheit. Und gerade an Goethes Eigenart können wir dieses unser hohes Befreiungswerk am besten fördern. Denn Goethe bedeutet für die Menschheit im Großen nur einen neueren Läuterungs- und Befreiungsprozess von selbstauferlegten Fesseln. Was waren diese Fesseln? Es waren die Fesseln der Unnatur, der Nachahmungssucht des Fremden, der unfreien, überzarten Empfindlichkeit, unter der die Deutschen vor seiner Zeit schmachteten. Er strebt zurück zur Natur, zum unmittelbaren Empfinden und Denken. Der Mensch hat nämlich die Sucht, sich immer weiter und weiter von der Natur zu entfernen. Wir wissen, dass das einzige vollkommen naiv-natürliche Volk in Europa die Griechen waren. Als Goethe in Italien ihre großartigen Kunstwerke kennenlernte, verfiel er in eine Art Verzückung. Denn diese unsterblichen Schöpfungen wirkten auf ihn wie die herrlichen Werke der Natur selbst. In ihnen sah er unmittelbar den Weltgeist tätig. Die Griechen hatten, wie er hier lebhaft empfand, dem Weltenschöpfer die Gesetze abgelauscht, nach denen er die herrlichen, erhabenen Werke der Natur geschaffen, und hatten nach Menschenart in diesem Goethe’schen Sinne ihre Kunstwerke geformt. Die Römer schon verstanden es nicht, in die geheimnisvollen Pforten der göttlichen Welt-Werkstatt einzudringen, und sie ahmten einfach die Griechen nach. Das ist Entfernung von der Natur, die nun, wie die Menschheit weiter sich entwickelte, immer ärger wurde. Man kann sagen, dass, als Goethe in Deutschland auftrat, das wenigste von alle dem, was in der Dichtung, ja im Empfindungs- und Denkleben unter den Deutschen herrschte, den Stempel ursprünglich naiver Wahrheit hatte. Alles war gekünstelt, alles angenommen, alles Phrase. Goethe suchte nun als der Erste wieder nach unmittelbarer Berührung mit dem Geiste der Welt. Und darin liegt das Große in seiner Sendung. Aber er verdankt diese Größe einem Umstande, den wir in Erwägung ziehen müssen, wenn wir sein Verhältnis zu den Frauen und seine Beziehung zur weiblichen Natur gehörig würdigen wollen. Dies ist sein tief eingeborener religiöser Zug, ein Zug, der sich bei ihm stets durch einen ideellen Glauben an das Göttliche in allem Natürlichen und Menschlichen kundgibt. Von Jugend auf beherrscht ihn ein Grundzug, der nur tieferen Geistern angeboren ist: der Glaube an das Übernatürliche in der Natur, die Ahnung eines Höheren, das dann später zu dem Forschen nach der Idee, nach dem Geiste in allen Dingen wurde. Das Geheimnisvolle, dieses echte Kind der Wissenschaft wie der Religion, das war es, was ihn stets anzog. Er suchte in allem, was ihm im Leben und in der Geschichte entgegentrat, nach dem Punkt, wo er das Wirken einer höheren Macht wahrnehmen konnte, Und das ist es, was er stets auch in der Frau suchte und vielfach auch fand. Der Mann entfernt sich von der Natur, von der Unmittelbarkeit des Empfindens, wenn er seinen Geist in einer einseitigen Lebensaufgabe erschöpfen muss: Er wird trocken, pedantisch, unnatürlich. Er verliert jene Frische und Ursprünglichkeit, von der aller Zauber einer unmittelbaren Natur ausgeht. Aber gerade das sind Eigenschaften, die sich die Frau erhält, selbstverständlich nur da, wo sie ganz Frau bleibt und nicht dem Manne nachstrebt. Bei ihr tritt nicht eine Eigenschaft des Geistes oder Körpers in den Vordergrund, sondern sie entwickeln sich alle in schöner Harmonie und bleiben in voller Geltung. So wirkt die Natur reiner, voller, göttlicher im Weibe als in dem von der Natur einseitig gemachten Manne. So stehen uns die Frauen als rechte Boten Gottes gegenüber, in denen der Mann das findet, was er selbst verloren hat. Und hierinnen liegt dasjenige, was der Mann sucht; er muss es mit besonderer Sehnsucht [suchen], weil er es an sich selbst vermisst und nur schwer entbehren kann.
Und das sucht Goethe vor allem. Für ihn bedeutet der Umgang mit einer Frau immer eine geistige Verjüngung, eine erneuerte Verbrüderung mit der Natur, die immer wieder seine Dichterkraft belebt und anfacht. Die Vertiefung in weiblichen Wert und weibliches Wesen erzeugt bei ihm stets erneutes künstlerisches Vermögen. Wenn er nach Mannesart von der Natur sich zu entfernen scheint, wenn die volle Wucht der Natürlichkeit aus seinem Herzen zu schwinden scheint, dann ist es immer wieder die Liebe, die ihn mit jenem geheimnisvollen Zauber umspannt, der ihn zu neuem Schaffen fähig macht. Diesem Zug in Goethes Natur gegenüber müssen alle die Bedenken schwinden, die immer und immer wieder sich erheben gegen die Reinheit und den Adel der Goethe’schen Behandlung weiblichen Wesens. Leider finden sich diese Bedenken noch häufig genug. Man macht eine unnatürliche Trennung zwischen dem Dichter und dem Menschen und lässt nur den Ersteren gelten, während man so gern Goethe dem Menschen eins anhängt. Aber bei diesem Geist ist alles in ungetrennter Einheit. Goethes dichterische hängt mit seiner menschlichen Sendung unmittelbar zusammen. Und seine Dichtungen sind nichts anderes als unmittelbare Offenbarungen seiner innersten und lautersten Menschennatur. Jawohl, man kann hier und da bei Goethe auch einzelne zynische, scheinbar frivole Verse nachweisen. Aber das spricht für nichts anderes denn für die ihn stets beherrschende unendliche Wahrheitsliebe. Er wollte nie als Engel erscheinen, stets als Mensch, ja als Mensch mit allen Fehlern. Ein offenes Bekenntnis vor aller Welt war ihm am liebsten. Aber darauf kommt es nicht an. Die Hauptsache ist, dass bei ihm in der Liebe nie ein frivoler, gemeiner Zug anzutreffen ist, nichts vom Lebemann. Stets geht sie vom Geist aus, und stets ist sie verbunden mit einer tiefen Würdigung wahren weiblichen Wertes. Seine Liebe erniedrigt die Frau nie. Immer blickt er andächtig hinauf zum weiblichen Wert. Und das ist so rechte Germanen-Art. Wir wissen das aus Tacitus, dass schon unsere Vorfahren in grauem Altertum in der Frau etwas die Zukunft Vorausahnendes verehrten und dass sie an Quellen und in Hainen weise Frauen verehrten. Das ist eben das Wesen des wahrhaft religiösen Gefühls, dass es stets seinem Träger Ehrfurcht abnötigt. Und Goethe lag anbetend im Staube vor dem Göttlichen im Weibe. Das müssen vor allem die Frauen erkennen. Und dann werden sich ihnen die trüben Schatten auflösen, die noch immer Goethes hehrer Persönlichkeit anhaften.
Mächtig wirkt es auf Goethes Phantasie ein, wenn eine neue Frauengestalt in die Kreise seines Wirkens eintritt. Seine reiche innere Welt umgibt dann das verehrte Wesen mit allem Zauber, dessen seine reiche Einbildungskraft fähig ist. Die Geliebte ist dann für ihn mehr, als ein anderer Sterblicher in ihr erblicken kann, weil die Phantasie tiefer sieht als der Verstand. Eine Art Glorienschein ist es, mit dem sie die Phantasie des Dichters umgibt. Da löst sich dann stets immer eine Idealgestalt von der Wirklichkeit ab. Die Liebe wird zu einem hehren Liebesrausch, und eine neue Dichtung ringt sich los von Goethes Brust. So war es Friederike in Sesenheim gegenüber, so Lili in Frankfurt, so der Frau von Stein, so Christiane, seiner Frau, gegenüber, so endlich den Frauen, die noch spät in sein Leben eintraten: Marianne Willemer und Ulrike von Levetzow. Überall ist es die Liebe des edlen, ideal gesinnten Menschen, nicht die des Lebemannes. Mein verehrter, geliebter Lehrer Professor Karl Julius Schröer in Wien sagt mit Recht:
Es ist wieder ein Frommsein in der Liebe, wie bei den Griechen, und damit ist sie frei von Frivolität. Wenn jene entgöttlichte Liebe selbstisch ist, so ist diese Liebe, die auf Hingabe beruht, die einzige Leidenschaft, die frei von Selbstsucht ist.
Um die echt geistige Art von Goethes Liebe einzusehen, nehme man nur das so oft angefochtene Verhältnis Goethes zu Frau von Stein. Als was erscheint ihm diese Frau, die ein entsagungsvolles Leben führte, die von niemand berücksichtigt sein wollte, nichts für sich forderte, aber Wohltaten nach allen Seiten austeilte? Er schreibt über sie, sie erschiene ihm
gleich einer Göttin, die zum Himmel aufschwebt. Vergebens, dass ein Mensch die Arme nach ihr ausstreckt, dass sein Auge nach einem Blicke fleht. Sie schwebt, verloren im Himmelsglanz, der sie umgibt, zum Himmel.
Und wenn wir sehen, was diese Frau auf den Jüngling, der voll der wütendsten Leidenschaften in der Brust in Weimars Leben eintritt, voll Übermut und Überlust, für eine beruhigende, beseligende Wirkung ausübt, dann begreifen wir wohl auch seine Hingabe an ihre hohe Weiblichkeit. Wer kennt nicht die Tollheiten, die übermütigen Streiche, die Goethe sowohl wie sein herzoglicher Freund in Weimar verübten, wer aber kennt nicht auch bei beiden das tiefe Bedürfnis, herauszukommen aus diesem Übermut zu einem höheren Leben! In solchen Stimmungen sind bei Goethe Verse wie die entstanden:
Was soll all der Schmerz und Lust? Süßer Friede, komm, ach komm in meine Brust!
Den süßen Frieden bringt ihm «die Besänftigerin», wie er die Frau von Stein nannte. Rein und edel war auch Goethes Verhältnis zu Christiane. Wie zart ist doch folgender Zug: Als er sie einst schlafend im Zimmer antrifft, da setzt er sich ganz still neben sie, legt eine Frucht und eine Blume vor sie hin und ist entzückt in dem Gedanken, dass sie, wenn sie aufwacht, den Blick sogleich auf diese von seiner liebevollen Hand hingelegten Dinge lenken wird. Und wie tief klingt uns sein Wort zu Herzen, das er spricht, als ihm die Teure durch den Tod entrissen wird: Der ganze Gewinn meines Lebens ist nun, ihren Tod zu beweinen.
Marianne Willemer ist die Gestalt, der wir die herrlichsten Lieder im «Diwan» verdanken. Wieder haben wir hier die Erregung der dichterischen Stimmung durch die Gewalt der Liebe. Noch in hohen Jahren als Achtziger dichtet er aus der Glut der Leidenschaft und der aus dem Quell heiliger Liebe erfrischten Phantasie heraus seine «Elegie» in der «Trilogie der Leidenschaft», in welcher sozusagen eine Apotheose der Liebe im echt Goethe’schen Sinne enthalten ist. Verstehen wir diese an Ulrike von Levetzow gerichtete herrliche Dichtung, dann ist uns der Schlüssel zu Goethes Liebesleben überhaupt gegeben. Ulrike von Levetzow war damals ein junges Geschöpf, das mit der Mutter in Marienbad war, wo sich der Dichter selbst auch aufhielt. Er war von ihrer Anmut bezaubert. Noch einmal sollte er all der Liebe Seligkeit, all der Liebe Leid empfinden, noch einmal der Erde Glück und der Erde Weh auf seinen Busen gehäuft schen. Die Elegie enthält Folgendes: Der Dichter hat Abschied genommen; die Seligkeit des letzten Kusses ist ihm noch im Herzen, da empfindet er den Abschied schwer, er blickt in den Himmelsraum, von dem auch schon das Gestirn des Tages, die Sonne, Abschied genommen hat. Er sieht Wolken ziehen, sie werden seiner Phantasie zu Gestalten, zu wechselnden Gestalten seiner Geliebten. Er will sie für den Augenblick festhalten; doch bald besinnt er sich, dass das wahre Bild der Teuren doch nur im Herzen sein kann. Und nun belebt er dieses Bild.
Die Entzweiung mit der Natur, wie sie beim Manne auftritt und auftreten muss, kann zu bitteren Entartungen führen. Das, was er verloren hat, schlummert als unbezwingbare Sehnsucht in ihm fort wie eine Heimat, die wir verloren haben. Nur die Liebe kann diese Sehnsucht überbrücken, nur sie kann den berührten Zwiespalt der Natur ausgleichen. Tritt diese Liebe nicht ein, dann bleibt der Mensch zeitlebens ein Abgefallener, ein Wesen, das seiner Urkraft sich entfremdet hat und einen Irrpfad durch das Leben wandelt. Blinde, selbstische Leidenschaften werden dann an die Stelle der Liebe treten. Der sich zuerst in Sehnsucht Verzehrende wird sich im Taumel entwürdigenden Sinnengenusses zu betäuben suchen. Er wird nie das Vortreffliche schauen können, denn dem Vortrefflichen gegenüber gibt es nach Schillers Ausspruch nur eine einzige Macht: die Liebe. Da haben Sie die Notwendigkeit der Liebe aus der Natur des Menschen abgeleitet. Schaffen wir die Liebe ab, und wir haben das göttliche Selbst aus der Welt geschafft, oder, weil wir das nicht können, wir haben uns vom Göttlichen abgewandt. Diesen Abfall aber vollziehen wir, wenn wir die Frau dem eigentlichen Wesen des Weibes entfremden, wenn wir sie ihrer Bestimmung entziehen, die Vermittlerin des Göttlichen, der unmittelbar naiv wirkenden Natur zu sein. Es ist kein Zufall, dass die Emanzipationsbestrebungen in jenen Ländern Europas zuerst auftauchen, in denen die Liebe im edlen Sinne, wie sie bei den Germanen aufgefasst wird, nie Wurzel geschlagen hat. Wo die Frau weiß, dass sie zu dem Ganzen der Menschheitsentwicklung ihr Teil so beizutragen hat, wie es der weiblichen Natur und nicht wie es der männlichen entspricht, und wo sie weiß, dass sie in diesem ihrem Wirken von der männlichen Welt anerkannt und verehrt wird, da strebt sie über das, was ihr im Weltenplan zugeteilt ist, nicht hinaus. Eine höhere Anschauung ist es, die in der Harmonie verschiedener Wirkenskräfte ihr Genügen sucht, und eine niedrige, die alles gleichmachen möchte. Es ist vorzugsweise die ideale Seite der Kultur, deren Träger und Fortpflanzer die Frau ist. Was können die Gründe sein, welche die Frau herausdrängen sollen aus ihrer gegenwärtigen Stellung, aus den Schranken, die ihr die Geschichte gezogen hat?
Erstens: der Drang, in der geistigen Bildung, in der Einsicht nicht hinter dem Manne zurückzustehen. Zweitens: der Drang, nicht dem Manne zu verdanken, was ihr die reale Lebensgrundlage abgibt.
Wenn ich bedenke, dass so oft sinnige, phantasievolle Mütter es waren, die an der Wiege bedeutender Männer gestanden [haben], wenn ich die alte Frau Rat selbst ansehe, Goethes Mutter, die durch ihre Märchenerzählungen den poetischen Sinn des jungen Wolfgang zuerst angeregt hat, so will mir scheinen, als wenn sich das unschwer aus jener Vorstellung über die Frauennatur, die ich soeben entwickelt habe, erklären ließe. Wenn sich in der Frauennatur die göttliche Urkraft der Natur reiner und ungetrübter ausprägt als in der des Mannes, dann ist es wohl einleuchtend, dass der lebendige Einfluss der Mutter in jenem Alter auf den Menschen am meisten befruchtend wirken muss, wo alles noch Natur, alles Naivität ist, wo der Mensch noch ganz Herz und noch gar nicht Kopf ist, wo der Geist sich noch nicht losgerissen hat von seiner Quelle, von der Natur, wo die Entzweiung von Idee und Wirklichkeit noch nicht vollzogen ist, mit einem Worte: im Kindesalter. Hier liegt ein großartiger kultureller Einfluss, den die Frau auf den Entwicklungsgang der Menschheit nimmt, ein Einfluss, der mehr wert ist als jener, den sie als Arzt, als Beamter, als Schriftsteller je ausüben kann.