Goethe and the Present

GA 68c — 27 November 1891, Vienna

III. Über Das Geheimnis in Goethes Rätselmärchen in den «Unterhaltungen Deutscher Ausgewanderter»

Bericht in der «Chronik des Wiener Goethe-Vereins» vom 15. Dezember 1891

Goethe-Abend am 27. November

An diesem Tage hielt Dr. Rudolf Steiner (der gegenwärtig mit der Herausgabe eines Teils von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften für die große Weimarer Goethe-Ausgabe am Goethe-Archiv in Weimar beschäftigt ist) einen Vortrag über das «Geheimnis in Goethes Rätselmärchen in den «Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter>».

Nach einer kurzen Einleitung des Vortragenden über das Verhältnis des «Märchens» zu der Erzählung, deren Schluss es bildet, und der Hinweisung auf den Umstand, dass in demselben Goethes Welt- und Lebensauffassung symbolisch zur Darstellung komme, rezitierte Fräulein Adrienne Kola vom k. k. Hofburgtheater das «Märchen» in echt künstlerischer Weise, sodass trotz der Einfachheit, die in dieser Wiedergabe lag, nicht nur der geheimnisvolle, mystische Zug, der durch das Ganze geht, sondern auch die zahlreichen einzelnen Höhepunkte, zu denen sich die Darstellung erhebt, vollkommen zum Ausdruck kamen. Man konnte es dem Vortrage des Fräulein Kola anhören, wohin man besonders die Aufmerksamkeit zu lenken habe, wenn es sich um eine Deutung des «Märchens» handelt.

An die Rezitation schloss nun Dr. Steiner seine Betrachtungen. Das «Märchen» stellt in Goethe’scher Weise die Lösung desselben Problems dar, die auch Schiller in den Briefen über ästhetische Erziehung des Menschen in jener Zeit versuchte: Wie kommt der von Gesetzen der Natur und des sinnlichen Daseins beherrschte Mensch zu jenem höchsten Zustande, wo er der vollen uneingeschränkten Freiheit teilhaftig sein kann? Schiller unterzog sich der Lösung dieser Aufgabe durch eine philosophische Untersuchung, Goethe gab sie in einem lebensvollen, mit reichem poetischen Gehalt erfüllten Bilde. Der glückliche Zustand, den der Mensch erreichen wird, wenn die volle Freiheit ihm eigen sein wird, stellt sich uns dar als die Vermählung eines Jünglings mit der schönen Lilie, der Königin im Reiche der Freiheit. Der Jüngling herrscht, ausgestattet mit den drei höchsten Gaben, die dem Menschen angehören können: Weisheit, Frömmigkeit und Stärke. Der Tempel, von dem aus er das neue Reich regiert, erhebt sich über einem Flusse, der vor der Erreichung jenes höchsten Menschenzieles das Reich der Freiheit von dem der Naturnotwendigkeit, des sinnlichen Triebes, der Leidenschaft trennt. Dieser Fluss stellt den Staat, die Sitte, das Gesetz, das Recht dar, die den noch nicht zur Freiheit vorbereiteten Menschen abhalten, sich derselben zu bemächtigen, bevor er sie verstehen und gebrauchen kann. Nur in gewissen Augenblicken ist es dem Menschen möglich, seinen Fuß hinüberzusetzen in jenes ersehnte Land. Des Mittags, wenn sich die grüne Schlange über den Fluss legt und als Brücke dient, und abends, in der Dämmerung, wenn sich der Schatten eines großen Riesen über den Fluss hinzieht. Die Schlange stellt die menschliche Selbstlosigkeit und Selbstverleugnung dar. Nur in den Zeiten, wo alle selbstsüchtigen Begierden schweigen, wo sich der Mensch selbstlos in die objektive Welt verliert, ist er zur Freiheit würdig und ihrer auch teilhaftig. Der Schlange gegenüber stehen die sogenannten Irrlichter. Sie nähren sich von Gold, d. i. (im «Märchen») dem Symbole der Weisheit. Aber sie können es nicht verdauen und werfen es als wertloses Metall wieder von sich. Die Irrlichter sind das Symbol für die menschliche Selbstheit, die zur Selbstsucht wird und das Gold der Weisheit nicht um der Letzteren selbst willen, sondern nur deshalb aufnimmt, um damit zu glänzen, zu prunken. Falsche Propheten, Demagogen, Lehrer, denen die eigentliche Liebe zur Erkenntnis fehlt, sind damit gemeint. Aus ihrem Munde ist die Weisheit leere, wesenlose Phrase. Aber wenn sie auch als solche von einem empfänglichen Geiste aufgefasst wird, so wird sie mit innerem Leben durchdrungen und führt zur höchsten Kultur. Das Gold, das die Irrlichter auswerfen, wird von der Schlange verzehrt und macht deren Leib leuchtend, sodass in dem Raum, den sie nun erhellt, auch das Licht der höchsten Erkenntnis, das durch den Alten mit der Lampe angedeutet wird, leuchtet. Nur wo Empfänglichkeit diesem Lichte entgegengebracht wird, d. i. in einem Raume, wo schon ein anderes Licht ist, leuchtet dasselbe. Der Riese stellt die blinde Willkür dar, die rohe Naturgewalt, die nicht durch eigenen Wert und Tüchtigkeit die Menschen in das Reich der Freiheit führen, sondern durch jene Mittel, die zufällig, ohne innere Notwendigkeit sich ihnen gesellen. Dieses, bloß durch äußere Naturgewalt dem Menschen beigegebene Element wird durch den Schatten, den sich der Mensch ja auch nicht selbst gibt, symbolisiert. Wenn es an der Zeit ist, d. h. wenn der Mensch begriffen hat, dass er nicht bloß für Momente sich seines Selbstes entäußern muss, sondern dass die Selbstlosigkeit ihm zur eigentlichen Natur und Wesenheit werden muss, dann wird der Zustand voller Glückseligkeit eintreten. Dann legt sich die Schlange nicht bloß für kurze Zeit über den Fluss, sondern sie opfert sich auf und bildet eine dauernde Brücke vom Reich der Natur in das der Freiheit. Zwanglos gehen die Wanderer jetzt hinüber und herüber, d. h., sie bewegen sich gleich gut in beiden Reichen; ihre Naturobliegenheiten adeln sie durch Freiheit, und die Freiheitstaten verrichten sie, als ob sie mit Naturgewalt geschehen sollten. Es ist damit ein Zustand der Menschheit erreicht, den Schiller durch die Verwirklichung seiner ästhetischen Gesellschaft erstrebte.

Im Verlaufe des Vortrages teilte Dr. Steiner mit Erlaubnis Prof. Dr. Suphans, des Direktors des Goetheund Schiller-Archivs, drei in dem genannten Archive befindliche Deutungen des «Märchens» mit, die aus Goethes Freundeskreis herrühren und von dem Dichter 1816 selbst noch aufgezeichnet wurden.

German original of On the Mystery in Goethe's Enigmatic Fairy Tale in the “Conversations of German Emigrants” · ← Previous · Next →