Goethe and the Present
GA 68c — 22 February 1892, Weimar
IV. Weimar Im Mittelpunkt Des Deutschen Geisteslebens
Bericht in der «Weimarischen Zeitung» vom 26. Februar 1892
In einem Zyklus von Vorträgen, die die Entwicklung des deutschen Geisteslebens in seinen Hauptströmungen zum Gegenstand haben, muss naturgemäß derjenige Vortrag das Hauptinteresse in Anspruch nehmen, der den Höhepunkt dieser Entwicklung zu charakterisieren hat. Diese Aufgabe hatte der 5. Vortrag des genannten Zyklus:
«Weimar im Mittelpunkt des deutschen Geisteslebens», und der Vortragende, Herr Dr. Rudolf Steiner, hat sie in glänzender Weise gelöst. Er entwarf in ebenso geist- und gehaltvoller als klarer und anschaulicher Rede ein Bild jener Hauptperiode der deutschen Kultur, die sich auf dem Boden des kleinen Weimar abspielte.
Goethes Erscheinen in Weimar, scheinbar ein Zufall in seinem Leben, ist zu einem notwendigen Faktor in der Kulturgeschichte geworden. Goethe und Karl August haben sich verstanden, und von Anfang an wusste jeder von ihnen den hohen Menschenwert des anderen zu schätzen. Als Goethe nach Weimar kam, hatte er bereits eine Hauptzeit seiner Entwicklung hinter sich. Werke wie «Götz» und «Werther» zeigen seine zur Vollkommenheit ausgebildete Gabe, den tiefinnersten Quell des Lebens zur Erscheinung zu bringen. Er hatte hierin einen Lehrmeister gehabt in Shakespeare, dem Dichter der reinen Menschlichkeit, dessen Gestalten in ihrem Gange nicht durch ein außer ihnen waltendes Geschick beeinflusst werden, sondern die aus ihrem eigenen Innern heraus ihre Schicksale sich selbst erschaffen. Im Prometheus-Fragment kommt dieses himmelanstürmende Übermaß an Kraftgefühl und Individualitätsbewusstsein am stärksten zum Ausdruck.
Die ersten zehn Weimarer Jahre waren für Goethe künstlerisch die unproduktivsten seines Lebens; bedeutsam aber waren sie für seine persönliche Entwicklung, wozu der Kreis, in dem er lebte, viel beitrug: Wieland, die hochbegabte Herzogin Anna Amalia, die verehrungswürdige Herzogin Luise, der klare, verständige Knebel. Charlotte von Stein ersetzte ihm auf Erden das, was ihm sein Prometheus-Glaube für das Jenseits genommen hatte: das Bedürfnis nach Verehrung. Mit Rücksicht darauf ist der Streit über die Grenzen dieses Verhältnisses einfach lächerlich. Auch Herder war für seine Selbsterziehung von größtem Werte. Beide begegneten sich damals in der Idee der Entwicklung der irdischen Dinge auseinander, deren jedes ein Glied der großen Weltharmonie ist. Für Goethe war diese Idee der Ausgangspunkt seiner naturwissenschaftlichen Tätigkeit. An die Stelle der ausschließlich subjektiven Weltanschauung des jungen Goethe tritt jetzt eine mehr objektive, die den Menschen in das Universum und die ewigen Gesetze desselben einordnet. Diese Weltanschauung und das ihr entsprechende Kunstideal fanden ihre Reife in Italien.
Die Wandlung ist schon in der «Iphigenie» zu erkennen, und zwar in der Figur des Orest. Goethe ist Orest, Frau von Stein Iphigenie. Der von den Furien Gehetzte findet nicht in sich die Erlösung, sondern sie wird ihm von außen gegeben. Die Mahnung, dass wir von den ehernen Gesetzen der Außenwelt abhängen, und dass der uns innewohnende Drang nach Freiheit sich mit den Lebensmächten auseinanderzusetzen hat, predigt auch «Tasso», dessen Motiv der tiefe Zwiespalt zwischen Talent und Leben ist. Goethe hatte sich mit diesem Objektivismus von allen subjektiven Parteistandpunkten entfernt.
Daher stand er bei seiner Rückkehr aus Italien Schiller fremd gegenüber; und erst von dem Augenblicke an, als auch dieser, durch das Studium der Philosophie vertieft, sich von dem ausschließlichen Subjektivismus der geklärten parteilosen Weltanschauung Goethes zuneigte, datiert das Freundschaftsverhältnis der beiden Männer. Sie haben gemeinsam eine idealistische Weltanschauung ausgebildet; der Form nach verschieden, aber aus demselben Kernpunkte entsprossen, ist sie niedergelegt in Schillers «Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechtes» und in Goethes «Märchen». Von dem rigorosen Sittengesetze Kants wird hier vorgeschritten zu einer freien Sittlichkeit, die das Gute schafft aus eigenem Antriebe, nicht von einem kategorischen Imperativ dazu genötigt. Schiller suchte den Menschen durch die Schönheit zur Freiheit zu führen. An Goethes «Märchen» haben sich schon viele Forscher nach verborgener Weisheit die Zähne wund gebissen. Dr. Steiner hat zum ersten Male das tief Symbolische dieser verständnisschwierigen Dichtung in einer Weise aufgedeckt und erklärt, dass der große menschliche, ethische Gehalt derselben voll zutage tritt. Das «Märchen» verkündet in symbolischer Form dasselbe, was Schillers Briefe in abstrakter Form verkünden: Nur durch die Aufopferung eines beschränkten Ichs erreicht der Mensch jenes höhere Selbst, wo er nicht mehr dem Befehl eines von außen kommenden Sittengesetzes gehorchen muss, sondern aus sich heraus tun kann, was ihm sein persönliches Urteil anbefichlt.
Das Bildungsideal der klassischen Zeit war ein universelles: Goethe und Schiller haben auch wissenschaftlich gewirkt. Goethes naturwissenschaftliche Anschauung ist eine hohe idealistische, deren Wert erst wieder bei einer idealistischen Richtung der Wissenschaft voll zur Geltung kommen kann. Zu gleicher Zeit hat die Wissenschaft, besonders die Philosophie, in Jena eine ungeahnte Höhe erreicht: Fichte und Schelling in erster Linie haben auch auf Schiller und Goethe anregend gewirkt. Goethes und Schillers Briefwechsel ist der vollendete Ausdruck dieser Universalität. Ihren produktiven Ausdruck fand dieselbe einerseits in dem Xenienkampf, andererseits in Schillers Dramen und Goethes epischen und dramatischen Werken der folgenden Zeit.
Der Vortragende besprach darauf, in großen Zügen andeutend, aber immer das Wesentliche mit sicherer Hand herausgreifend, die Plastik und die vollendete dichterische Form von «Hermann und Dorothea», wo die Forderung der klassischen Ästhetik, dass der Stoff ganz in der Form aufgehen müsse, in vollendetster Weise erfüllt ist. Dasselbe ist der Fall bei der «Natürlichen Tochter». Der Vorwurf, dass hier nicht Individuen, sondern Typen geschaffen seien, wird zurückgewiesen. Das Wesentliche dieses Kunstwerkes ist, dass hier Individuelles aber nur in dem Maße gegeben sei, als es im Rahmen des Kunstwerkes zugleich ein Notwendiges darstelle. Ganz das Gegenteil ist Schillers Methode der Charakteristik, die den Einzelmenschen als solchen, um seiner selbst willen, aber im Gegensatz zu seiner Jugend jetzt ohne Tendenz hinstellt. Schillers Annäherung an Goethes Dichtweise in der «Braut von Messina» ist nur eine scheinbare; denn die Schicksalsidee steht im Gegensatz zu Goethes sittlicher Weltordnung, ja im Grunde überhaupt zur modernen und also auch eigentlich zu Schillers Anschauung von der sittlichen Forderung von der Freiheit des Menschen. Schillers Dramen gaben auch der Bühne einen inneren Schwung, an ihnen bildete sich auch eine neue idealistische Schauspielkunst aus. Schiller war das Bindeglied zwischen Goethe und dem Publikum; als er starb, stand Goethe vereinsamt. Zu der Höhe, die er durch eine nicht noch einmal dagewesene Selbsterziehung erreicht hatte, konnte ihm keiner folgen. Diese Selbsterziehung spiegelt sich am stärksten im «Faust», der ihn von der wildesten Jugend bis zur geklärten Reife des Alters begleitete.
Der Fauststoff beruht auf dem Zwiespalt der Menschenseele zwischen dem Positiven, was sie hat, und dem nur Geahnten, das sie erwerben möchte. Der Aufschwung zu dem jenseitigen Reiche geschieht hier nicht wie in der Theophilussage durch die Gnade der höheren Mächte, sondern Faust will alles durch eigene Kraft erkämpfen. Den Sieg dieses hohen Strebens zu verherrlichen hatte Goethe von Anfang an im Auge. Und nicht auf eine einheitliche äußere Handlung kam es ihm an, sondern auf poetische Umgestaltung eigener Erlebnisse. Wie aber bei dem älteren Goethe das subjektive Einzelerlebnis verschwindet in der klaren, objektiven, allgemeinen Weltbetrachtung, so erhebt sich auch im zweiten Teil des «Faust» das Erlebnis weit über das Sichtbare, Wirkliche, es setzt sich in Bilder, in Symbole und Allegorien um; und aus diesem Gesichtspunkt muss der zweite Teil betrachtet werden. Dieselbe Erscheinung berührte der Redner auch im «Wilhelm Meister».
Goethes Sendung war: die Verjüngung der Menschheit in einer alt gewordenen Zeit. Eine solche Umwendung geht auch in unseren Tagen vor sich; denn die Zeit ist wieder alt geworden. Das Streben, durch dessen Erfüllung Goethe seine Zeit verjüngte, das Streben nach Wirklichkeit erfüllt auch unsere Jugend. Aber welcher Unterschied! Goethe verstand unter Wirklichkeit das Innere, Notwendige, das Göttliche im Irdischen, während unsere Gegenwart sie im Äußerlichen, Zufälligen erblickt. Ein Volk aber, das eine solche Vergangenheit hat, kann sie nie vergessen, ohne zugleich von seiner Kulturhöhe herabzusteigen. Und nichtswürdig die Generation, die nicht wird von sich sagen können: Und Goethes Sonne, siehe, sie lächelt auch uns! Mit diesem warmen Appell an die Gegenwart schloss der Redner seine interessanten, durchaus originellen Ausführungen, durch die er allen seinen Hörern eine lehr- und genussreiche Stunde bereitet hat.